Das Prinzip Kramer: Design für den variablen Gebrauch im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

April 20th, 2014

Um ganz ehrlich zu sein, haben wir Ferdinand Kramer und seiner Arbeit, auch wenn uns der Name ein Begriff war, lange Zeit keine große Beachtung geschenkt. Das änderte sich allerdings im Jahr 2012, als der Frankfurter Hersteller e15 in Mailand eine Serie von Kramer Re-Editionen vorstellte, für die wir heute sehr dankbar sind.

Der 1898 in Frankfurt geborene Ferdinand Kramer absolvierte einen Grundlagenkurs in Architektur in München, bevor er 1919 zum Bauhaus Weimar kam. Enttäuscht, weil eine formale Architekturausbildung nicht angeboten wurde, kehrte Kramer allerdings an die Technische Universität München zurück und graduierte dort im Jahr 1922. 1925 übernahm Kramer eine Stellung im Büro des Siedlungsdezernenten Enst May in Frankfurt an, die ihn mitten in das Stadtplanungsprogramm “Neues Frankfurt” brachte – nach der Weißenhofsiedlung wohl eines der wichtigsten modernen Architekturprojekte, das in Deutschland (bzw. Europa) realisiert wurde.

Unter den Nazis wurde Ferdinand Kramer, ein anerkannter Modernist mit einem Arbeitsverbot als Architekt belegt und emigrierte deshalb 1938 in die USA, wo er in den folgenden anderthalb Jahrzehnten zahlreiche Architektur-, Produktdesign- und Interieurdesignprojekte entwickelte und realisierte. 1952 wurde Kramer für die Position des Universitätsbaumeisters der Wolfgang Goethe Universität seiner Geburtsstadt Frankfurt vorgeschlagen. Eine Position, bei der es vor allem darum ging, die im Krieg zum Teil zerstörte Universität wieder aufzubauen, und die Kramer sofort annahm und auch bis zum Beginn seiner Rente 1964 inne hatte. Ferdinand Kramer starb am 4. November 1985.

Neben Gebäuden entwarf Ferdinand Kramer auch Möbel, Einbauten und Armaturen – häufig, aber nicht ausnahmslos, für seine eigenen Gebäude. Dieser Aspekt der Arbeit Kramers bildet den grundlegenden Schwerpunkt der Ausstellung “Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch”, die derzeit im Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main zu sehen ist.

The Kramer Principle Design for Variable Use Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main

Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Die Ausstellung ist in drei Bereiche unterteilt, die sich den drei großen Abschnitten in Kramers Leben und seiner Kariere widmen: 1924-1938 in Frankfurt, 1928-1952 in Amerika und 1952-1985 zurück in Frankfurt. Gezeigt werden um die 115 Objekte, darunter Stühle, Tische, Holzöfen, Regenschirme und Beispiele von Kramers zahllosen Möbelsystemen.

Wenn wir mit diesem Post so ehrlich weitermachen wollen wie wir angefangen haben, müssen wir sagen, dass das Kramer Prinzip nicht gerade eine Ausstellung ist, nach deren Besuch man unbedingt das Gefühl hat, mehr über Ferdinand Kramer erfahren und gelernt zu haben.

Für uns wird die Ausstellung letztendlich ihrer Ankündigung, eine umfassende Retrospektive zu sein, einfach nicht gerecht. Dafür sind die Objekte zu leblos und viel zu unkritisch präsentiert.

Allerdings ist die Ausstellung eine exzellente Einführung zur Designarbeit Ferdinand Kramers. Viele Designkonzepte, an deren Entwicklung er beteiligt war, spielen immerhin auch heute noch eine dominante Rolle in der Industrie, so beispielsweise modulare Möbelsysteme und Vertriebssysteme für Ladengeschäfte.

Das Kramer Prinzip bietet außerdem einen guten Einblick in die idealen Vorstellungen des deutschen (Gesellschafts-)designs der 1920er Jahre, wie es durch Kramers Möbelentwürfe für das “Neue Frankfurt” sehr gut repräsentiert wird. Hinzu kommen einige wirklich großartige, inspirierende und selten gesehene Designobjekte, darunter Kramers B 403 Bugholzstuhl für Thonet, ein undatierter Prototyp eines gepolsterten Freischwingers und der fantastisch simple “Drei in eins”, ein kombinierter, ausziehbarer Hocker/Beistelltisch von 1942.

So ist die Ausstellung also durchaus einen Besuch wert, auch wenn sie ihrem Ziel nicht ganz gerecht wird.

“Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch” ist bis Sonntag, den 7. September 2014, im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, in 60594 Frankfurt am Main zu sehen.

Alle Details sind unter www.museumangewandtekunst.de zu finden.



(smow) Blog kompakt Spezial: Mailand 2014 – Artek @ Salone del Mobile

April 18th, 2014

Wir hätten es kommen sehen müssen: Nach der Übernahme durch Vitra 2013 hat Artek jetzt begonnen, mit führenden Designern aus dem Vitra Kader zusammenzuarbeiten.

In Mailand stellte Artek einen neuen Stuhl von Konstantin Grcic und neue Farb- und Stoffmuster von Hella Jongerius für die Alvar Aalto Klassiker Sessel 400 und 401 sowie seinen Hocker 60 vor.

Wir hoffen nur, dass sie es nicht übertreiben werden!

In der Mailänder Pressemitteilung zeigte sich die Artek Geschäftsführerin Mirkku Kullberg sehr erfreut darüber, dass Artek jetzt durch Vitra Teil einer Infrastruktur sei, die der Firma erlaube, sich auf Produktentwicklung und die Ausweitung des Vertriebsnetzwerks zu konzentrieren. Mit den Worten Kullbergs, “die Grundvoraussetzungen für Wachstum”.

In Anbetracht der Selbstverständlichkeit, mit der die Außendienstmitarbeiter von Vitra zum benachbarten Artek Stand gewechselt sind, um ihren Kunden die Artek Kollektion zu zeigen, wird es wohl kein größeres Problem für Artek sein, durch die neuen Vertriebsmöglichkeiten zu wachsen. Natürlich ist es für beide Unternehmen sinnvoll, die neue Situation zu nutzen, um ihre Verkaufs-, Marketing- und Vertriebsstrukturen zu optimieren.

Nichts gegen neue Kollaborationen und neue Produkte, aber unserer Meinung nach müsste Artek seinen Fokus in Sachen Produktpalette und Produktentwicklung weiterhin auf seine Kernkompetenzen legen: Alvar Aalto Möbel – genau so wie Alvar Aalto sie entwarf. Das kann Artek einfach am besten!

Über die Jahre hat Artek regelmäßig und sehr erfolgreich mit neuen Designern zusammengearbeitet und frisches Blut in das Unternehmen fließen lassen. Am bedeutendsten dabei wahrscheinlich die Zusammenarbeit mit Tom Dixon als Creative Director. Das sind alles sinnvolle Schritte, die die Firma jung und wettbewerbsfähig halten, allerdings wäre es schade, wenn sich Artek allzu sehr ablenken ließe. Nur weil es einen leichten Zugang zu führenden zeitgenössischen Designern gibt, heißt das nicht, dass man diese Option auch nutzen muss.

D.h. die beiden in Mailand präsentierten Kollaborationen wurden, wie wir glauben, ganz in Arteks Sinne abgeschlossen. Mit Konstantin Grcic hat Artek einen Designer gewählt, der sich mit der Seele und der Herkunft des Unternehmens auskennt. Das hat Grcic mit einem Prototypen, der noch in Arbeit ist und in Mailand durch Magis präsentiert wurde, vielleicht etwas zu elegant unter Beweis gestellt. Wir würden mal sagen, Alvar Aalto hätte eine ähnliche Idee gehabt, wäre er ein begeisterter Skifahrer gewesen.

Sein Verständnis von Aalto und Artek hat Grcic mit dem neuen Drehstuhl allerdings sehr poetisch demonstriert. Der Stuhl mit dem etwas kuriosen Namen Rival ist fürs Home Office gedacht, passt aber unserer Meinung nach besser in eine Bar, ein Restaurant oder in Konferenzräume. Der aus Birkenholz gefertigte Rival ist mit hoher und niedriger Rückenlehne, einer Auswahl an Sitzpolstern und in verschiedenen Farben erhältlich.

Hella Jongerius hat unterdessen kein neues Produkt entwickelt, sondern drei Aalto Klassiker aufgefrischt. Für Aaltos Hocker 60 sowie die Sessel 400 und 401 hat sie vier neue Holzfarben entwickelt – Silberbirke, Honig, Walnuss und Kohle – und für die Sessel 400 und 401 stellte sie neue Textilien vor. Durch die neuen Varianten werden die Möbel mit ziemlicher Sicherheit für ein breiteres Publikum zugänglich als es vielleicht bisher der Fall war.

Zwar verstehen wir die Theorie hinter den Überarbeitungen und würden auch sagen, dass es Hella Jongerius geschafft hat, den Objekten mehr Tiefe und Wärme zu verleihen, allerdings bleibt sie mit ihren Designs – vor allem beim 401 – zu nah an ihrer typischen, recht allgemeinen Jongerius-Ästhetik.

Der 401 würde beispielsweise zum Vitra Stand genauso gut passen, und dort auch genauso gut aussehen wie bei Artek. Und genau das sollten die beiden Unternehmen vermeiden. Vitra und Artek haben ganz unterschiedliche Hintergründe, ihre Identitäten und das jeweilige Designverständnis stammen aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Kontexten. Folglich sollte jedes Unternehmen seinen eigenen Wege gehen und bei dem bleiben, was sie einzigartig macht.

Eine Verschmelzung der zwei Traditionen würde keinem von beiden nutzen.

Wie gesagt, der Start war gut, aber es wird spannend zu beobachten sein, wie sich die Dinge entwickeln!

Einige Eindrücke von Artek in Mailand:

Milan 2014 Artek Rival Konstantin Grcic

Rival von Konstantin Grcic für Artek, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2014

Milan 2014 Artek Alvar Aalto 400 Hella Jongerius

Alvar Aalto Sessel 400 von Hella Jongerius für Artek, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2014

Milan 2014 Artek Alvar Aalto 401 Hella Jongerius

Alvar Aalto Sessel 401 von Hella Jongerius für Artek, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2014



Vitra Design Museum Talk: Raumlabor – Temporary Architecture

April 17th, 2014

Als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung “Konstantin Grcic – Panorama” veranstaltet das Vitra Design Museum am 17. April eine Gesprächsrunde mit dem Berliner Kollektiv Raumlabor.

Das 1999 als lose Verbindung von Architekten und Künstlern gegründete Raumlabor hat sich während der letzten fünfzehn Jahre mit der Untersuchung von Problemen rund um die Stadterneuerung, mit interaktiver Umwelt und mit den Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Räumen beschäftigt.

Für den Vitra Design Museum Talk werden Mitglieder des Raumlabors ihre Vision der “Stadt von Morgen” im Zusammenhang mit vergangenen und aktuellen Raumlabor-Projekten diskutieren. Wir nehmen mal an, dazu gehören die Eichbaumoper (hier wurde die Münchner U-Bahnstation Eichbaum in ein Open-Air-Opernhaus verwandelt), die Spacebuster Intervention von 2009, bei der zahlreiche Orte in New York mithilfe eines gewaltigen, aufblasbaren, temporären Raumes “umgeplant” werden sollten, und das 2012 auf dem Tempelhofer Feld in Berlin realisierte Projekt “The world is not fair – die große Weltausstellung”.

Während wir diese Arbeiten zu schätzen wissen, werden sich solche Projekte für viele eher nach verwirrendem Gerede als nach Arbeit anhören. Eines der ersten Projekte waren die Vorschläge zur Umbildung des Moritzplatzes in Berlin von 1999, zu denen auch ein Stadtwald gehörte. Der Schrebergarten Prinzessinengarten, der sich heute an dieser Stelle befindet, mag zwar ein sehr, sehr kleiner Wald sein, gehört aber zu den interessanteren und wichtigen urbanen Interventionsprojekten in Berlin. Der Garten zeigt auch, dass Alternativen zur urbanen Zukunft realisierbar sind, wenn die Gemeinden die Initiative ergreifen – genau wie es Raumlabor 1999 vormachte und zweifellos im Vitra Design Museum vormachen wird.

“Raumlabor – Temporary Architecture” findet im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Strasse 2, 79576 Weil am Rhein am Donnerstag, den 17. April 2014 statt. Der Eintritt ist frei.


Das Spacebuster Projekt, New York.



“Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet” im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

April 16th, 2014

Umgeben von 150 Jahren Thonet Möbelgeschichte steht Peter Thonet, der x-te Enkel von Unternehmensgründer Michael Thonet und bis zu seiner Pensionierung kürzlich CEO von Thonet, im Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst und wirkt sichtlich zufrieden, als er in Bezug auf die Ausstellung “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet” sagte: “Es macht einen stolz, wenn man auf eine Sammlung von Objekten zurückblicken kann, die nicht nur wichtig für das Unternehmen ist, sondern mitunter auch Designgeschichte geschrieben hat.”

Sitzen Liegen Schaukeln Möbel von Thonet Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig 02

Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

In den 1840er Jahren von Michael Thonet gegründet, entwickelte sich Thonet von einem Wiener Hinterhof aus zu einem der weltweit größten und kommerziell erfolgreichsten Möbelhersteller. Der Erfolg mit Bugholz (Fragt man einen beliebigen Mitarbeiter von Thonet, wird er einem freudestrahlend bestätigen, dass zwischen 1859 und 1930 weltweit ungefähr 50 Millionen von Thonets Vorreiterstuhl 14 verkauft wurden.) wurde vom Erfolg mit gebogenem Stalrohr und vor allem den Möbeln von Designern wie Mart Stam, Marcel Breuer und dem Pariser Trio Le Corbusier, Charlotte Perriand & Pierre Jeanneret gefolgt, bevor wie in so vielen europäischen Biografien der Krieg kam…

Von den sieben Thonet Produktionsstätten, die vor 1939 in Betrieb waren, blieb nach 1945 nur die in Frankenberg (Eder) nahe Kassel. Der Rest wurde entweder durch den Krieg zerstört oder durch das sozialistische Regime verstaatlicht.

Frankenberg wurde auch schwer durch alliierte Bomber beschädigt, doch blieb so viel übrig, dass die Thonet Familie noch einmal neu an dem Standort beginnen konnte.

Heute beschäftigt Thonet ungefähr 170 Mitarbeiter in Frankenberg, wo ein Mix aus Thonet Klassikern und modernen Designs produziert wird.

Mit 150 ausgestellten Objekten erkundet “Sitzen – Liegen – Schaukeln” die Geschichte der Thonet Stühle mit einem besonderen, aber nicht auschließlichen, Fokus auf den Arbeiten, die nach 1945 entstanden.

Organisiert nach Themen, Materialien und Funktionen anstelle einer rein chronologischen Reihenfolge, vermischt “Sitzen – Liegen – Schaukeln” historische mit zeitgenössischen Objekten und etablierte Thonet Klassiker mit unbekannteren Stücken, wobei gerade diese kuratorische Entscheidung hilft, die Gesichte der Thonet Sitzmöbel nachzuvollziehen.

In der ersten Hälfte der Ausstellung ist jeder Abschnitt um eine zentrale, beleuchtete Insel arrangiert, was einem zwar zuweilen den Eindruck vermittelt, man besuche eine Sushi Bar, aber auch alles sehr gut betrachten lässt. Der zweite Raum mit Blick in den Grassi Hof ist etwas konventioneller aufgebaut, jedoch so gut bestückt, dass man die Präsentation getrost ignorieren und sich auf die Objekte konzentrieren kann.

Wie treue Leser wissen werden, erzählen wir gerne davon, dass Thonet für zwei Revolutionen in der Möbelindustrie verantwortlich war – Thonet hat sowohl das Bugholzverfahren als auch das Stahlrohrbiegen in der industriellen Produktion etabliert. Außerdem sagen wir dann gerne, dass wir nun auf die dritte Revolution warten. “Sitzen – Liegen – Schaukeln” macht keine großen Hoffnungen darauf, dass die bald kommen wird, aber sie zeigt, dass der Grund dafür nicht ist, dass sich Thonet auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat.

Vor allem seit 1945 hat Thonet mit einer beeindruckenden Riege deutscher und internationaler Designtalente, einschließlich z.B. Ferdinand Kramer, Verner Panton, Gerd Lange, James Irvine und Naoto Fukasawa, zusammengearbeitet. Diese Designer haben nicht nur zu dem aktuellen Portfolio beigetragen, sondern auch neue Ideen in die Unternehmensphilosophie eingeführt.

Jene, die unseren Post über Artek in Mailand gelesen haben, werden sich nun vielleicht fragen, warum es okay für uns ist, dass Thonet mit neuen Designern zusammenarbeitet, während Artek bei Alvar Aalto bleiben soll.

Nun, jene, die unseren Post über Artek in Mailand gelesen haben,werden wahrscheinlich verstehen, dass wir nichts dagegen haben, wenn traditionsreiche Firmen wie Thonet oder Artek mit neuen Designern zusammenarbeiten – solange sie ihre Kernkompetenzen nicht vergessen.

Mit Konstantin Grcic und Hella Jongerius hat Artek mit zwei Designern zusammengearbeitet, die Arteks Kernkompetenzen genutzt und erweitert haben. Und auch bei ”Sitzen – Liegen – Schaukeln” sieht man, dass die beeindruckendsten, überzeugendsten und erfolgreichsten Nachkriegsdesigns die sind, bei denen der Designer das Konzept “Thonet” verstanden und wenn auch etwas Neues, etwas, was immer noch “Thonet” ist, entwickelt hat. Es klingt vielleicht lächerlich, aber ein Unternehmen muss sich mit dem wohlfühlen, was es macht, wenn es neuen Boden betritt. Von Thonets jüngsten Kollaborationen sollen an dieser Stelle besonders die mit Läufer + Keichel, Delphin Design und Stefan Diez erwähnt werden.

Für uns war auch die umgekehrte Situation die Ursache, warum das Unternehmen in den 1980er Jahren etwas von seinem Weg abkam. Unserer Meinung nach sollten zu viele Stühle dieser Periode Thonet als neue Marke definieren, statt das bewährte Stuhldesign zeitgemäß weiterzuentwickeln. Und sowas funktioniert meistens nicht…

Sitzen Liegen Schaukeln Möbel von Thonet Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig 19

Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

Geht man durch die Ausstellung “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet” kommt es unausweichlich zu dem Moment, in dem man sich fragt, ab welchem Punkt eine Ausstellung über Thonet Stühle zur Verkaufsveranstaltung für Thonet Stühle wird. Wenn man alle paar Monate einen Thonet Messestand sieht, erst recht.

Im Falle von “Sitzen – Liegen – Schaukeln” muss man sich darüber allerdings keine Sorgen machen. Die kommerziellen Interessen des Unternehmens Thonet haben keinerlei Einfluss auf den musealen Inhalt. ”Sitzen – Liegen – Schaukeln” wurde allein vom Grassi Museum organisiert und lediglich das Archiv von Thonet ist in die Ausstellungsorganisation eingeflossen.

“Sitzen – Liegen – Schaukeln” ist die erste Ausstellung, die den Fokus auf Thonets Nachkriegsproduktion legt und ist dabei eine der umfangreichsten Ausstellungen über Thonet. Die Wahl des Grassi Museums, einer Institution mit einer Geschichte, fast so lang wie die von Thonet, und Mitwirkender bei der Etablierung des frischgebackenen Bauhauses, als Veranstaltungsort hätte nicht passender sein können.

Man muss bedenken, dass die Mehrheit der Stühle in der Ausstellung derzeit nicht produziert werden und wahrscheinlich auch nie wieder in Produktion gehen werden. Letztlich sind sie historische Artefakte in einer kuratierten Museumsumgebung – und sollten auch als solche wahrgenommen werden.

“Sitzen – Liegen – Schaukeln” ist eine recht simple Ausstellung, die nichts Kompliziertes versucht, das aber sehr kompetent umsetzt.

Wer nichts mit Stühlen im Museum anfangen kann, sollte um diese Ausstellung im Grassi Museum wohl einen Bogen machen. Wer Stühle jedoch mag, oder zumindest mehr über die Entwicklung des Sitzmöbels in den letzten 150 Jahren erfahren will, dem ist ein Besuch durchaus zu empfehlen.

“Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet” kann noch bis Sonntag, den 14. September 2014, im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5-11, 04103 Leipzig besucht werden.

Mehr Informationen gibt es unter www.grassimuseum.de



CH24 Wishbone Chair von Hans J. Wegner für Carl Hansen & Søn

April 14th, 2014

1949 präsentierte Hans J. Wegner seinen JH501 “Round Chair” für Johannes Hansen auf der Kopenhagener “Carpenters Guild”-Ausstellung. Häufig als “Der Stuhl” bezeichnet, galt der JH501 mit seiner einfachen, aber expressiven Formensprache für viele als das perfekte Stuhldesign. Er war die erste Arbeit, mit der Hans J. Wegner erstmals ein Massenpublikum erreichte und in vielerlei Hinsicht auch die erste Arbeit, die den internationalen Ruf des dänischen Designs als hippes Mobiliar begründete.

Unter den Besuchern, die den JH501 auf der Ausstellung 1949 zu sehen bekamen, war u.a. der Möbelhändler Eivind Kold Christensen, der daraufhin bei Wegner anfragte, ob er nicht etwas ähnliches für den in Odense ansässigen Hersteller Carl Hansen & Søn entwerfen könne. Genau genommen suchte er etwas ähnliches, dessen Konstruktion sich für eine in Teilen maschinelle Produktion eignen würde und daher nicht so exklusiv wie der handverarbeitete JH501 sein würde.Einen erschwinglichen Stuhl für die breite Öffentlichkeit also, wie ihn beispielsweise Michael Thonet produzierte.

Wegner stimmte bereitwillig zu und entwickelte kurzerhand den CH24 Wishbone Chair, auch bekannt als Y-Stuhl. Ein Objekt, das nur wenig bis keine Ähnlichkeiten mit dem JH501 hat.

CH24 Wishbone Chair Hans J. Wegner Carl Hansen & Søn Sketch

Skizzen von Hans J. Wegner des CH24 Wishbone Chair (Foto: Hans J. Wegners Tegnestue I/S, mit freundlicher Genehmigung von Hatje Cantz Verlag)

Wie jedes gute Design strahlt auch der Wishbone Chair Mühelosigkeit und Leichtigkeit aus, obwohl ihm eine genau geplante und präzise durchdachte Konstruktion zugrunde liegt. Maßgebend für den gelungenen Entwurf war nicht zuletzt Wegners Hintergrund als Tischler. Dabei verstand er nicht nur sein Handwerk sehr gut, sondern verfügte auch über einen ruhelosen kreativen Geist und war stets von der Leidenschaft getrieben, frühere Arbeiten zu verbessern.

Als Student an der Kopenhagener Kunstgewerbeschule lernte Hans J. Wegner den typischen chinesischen Stuhl kennen. Eine simple, geläufige Stuhlform, die ihn über seine gesamte Karriere hinweg beeinflussen sollte. So designte er Mitte der 1940er Jahre zwei China Stühle für Fritz Hansen, den FH1783 und den FH4282.2 Der Wishbone Chair kann, wie es Christian Holmsted Olesen in “Wegner – Just one good chair” so schön beschreibt, als Weiterentwicklung dieser beiden Arbeiten verstanden werden. Mit einigen wichtigen Variationen allerdings.

Neu bei Wegners Design war vor allem die charakteristische ypsilonförmige Rückenlehne, die eine besondere Biegung der Rückenlehne möglich macht und so eine etwas voluminösere und organischere Rückenlehne schafft, die dem Sitzenden mehr Raum gibt, als es beispielsweise bei Wegners vorhergehenden Entwürfen oder dem JH501 der Fall ist. In die Rückenlehne hinein ragen die Hinterbeine, die sich mit einem eleganten, selbstbewussten Schwung nach vorne biegen und die verlängerte Rückenlehne bzw. Armlehen stützen, sodass ein zusätzliches stabilisierendes Element überflüssig wird. Das Resultat ist eine sehr viel offenere, hellere Formensprache – ein Stuhl, der eine willkommene Ruhe ausstrahlt und zum Platznehmen geradezu einlädt.

Zudem ist der Wishbone Chair mit den recht kurzen Armlehnenen sehr viel besser für Esstische geeignet als der JH501. Wegner entschied sich bewusst für dieses Design, da dies den Makel “Des Stuhls”3 behebt.

Der CH24 ist also, wenn man so will, eine Perfektionierung des JH50. 1950 durch Carl Hansen & Søn lanciert, brauchte der Wishbone Chair einige Zeit, um sich durchzusetzen, sollte aber letztendlich Wegners kommerziell erfolgreichstets Stuhldesign werden.

Anlässlich des 100. Geburtstages von Hans J. Wegner bietet (smow) den CH24 von Carl Hansen & Søn zum besonders attraktiven Jubiläumspreis an. Das Angebot ist für alle Ausführungen in Eiche und Buche gültig und ist sowohl über den (smow) Onlineshop als auch die Showrooms (smow) Stuttgart, (smow) Köln, (smow) Leipzig, (smow) Kempten und (smow) Chemnitz erhältlich.

Die Aktion endet am 15. Mai 2014. Alle weiteren Informationen gibt es unter www.smow.de.

1. “Christian Holmsted Olesen”, WEGNER – Just one good chair”, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2014

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CH24 Wishbone Chair Hans J. Wegner Carl Hansen & Søn

CH24 Wishbone Chair von Hans J. Wegner für Carl Hansen & Søn

CH24 Wishbone Chair Hans J. Wegner Carl Hansen & Søn Side

CH24 Wishbone Chair von Hans J. Wegner für Carl Hansen & Søn



Okolo Offline im Depot Basel

April 12th, 2014

Bis zum 27. April zeigt das Depot Basel die Ausstellung “Okolo Offline”.

Dokumentiert werden dort die ersten fünf Jahre des Prager Designkollektivs Okolo aka Jakub Štěch, Adam Štěch, Jan Kloss und Matěj Činčera. Dazu werden in der Ausstellung 25 Posts aus dem Okolo Blog www.okoloweb.cz als Installation präsentiert. Von Moebius für Hermés über die “Anatomy of ČZ” bis hin zu Linealen und Zeichendreiecken, Meiss Skibrillen und “Recent Japanese Inspirations” – die digitale Welt wird in Objekten, Büchern, Postern und Filmen erfahrbar. Jedes Objekt wird dabei im Zusammenhang mit dem Blogpost gezeigt, der entweder gedruckt vorliegt oder als QR-Code zum Okolo Blog verlinkt.

Man wird also zuweilen das Gefühl nicht los, sich auf einer Werbeveranstaltung für den Okolo Blog zu befinden. Und ja, uns ist klar, dass man unseren Post als eine Art Erweiterung dieser Werbeveranstaltung deuten kann. Deshalb haben wir auch eine ganze Weile überlegt, ob wir etwas zu dieser Ausstellung machen sollen, uns aber schließlich dafür entschieden.

Schließlich ist uns völlig klar, dass die Leute nicht wiederkommen, wenn sie etwas auf einem Blog lesen, das ihnen nicht gefällt. Und genauso ist es, wenn die Leute etwas in einer Ausstellung sehen, das ihnen nicht gefällt. Dann werden sie wohl kaum den dazugehörigen Blog besuchen.

Wir geben zum Okolo Blog keinen Kommentar ab, sondern beschränken uns auf die Ausstellung.

Zum Teil sehr persönlich, dann wieder nüchtern und businesslike, immer aber unterhaltsam und informativ: “Okolo Offline” untersucht auf einer Ebene alles, was Okolo inspiriert, in Aufregung versetzt oder motiviert. Es wird erklärt, warum sie machen, was sie machen – eine zwanglose Sammlung von Positionen zur Kreativität, die Aufschluss darüber gibt, wie das Kollektiv denkt und funktioniert.

Auf einer anderen Ebene geht es bei “Okolo Offline” aber auch um den Vergleich zwischen der Erfahrung von Design im und außerhalb des Netzes.

Die kuratorische Frage der Ausstellung ist: “Wie nachhaltig ist die Neugierde, die das Web erzeugt?”

Die Neugierde bzw. Wissbegierde, die offline erzeugt wird, ist nicht zwangsläufig intensiver oder hält länger an. Quellen außerhalb des Webs nehmen aber auch nie etwas anderes für sich in Anspruch, als Informationen zu liefern.

Andererseits, wer, abgesehen von Marketingstrategen, behauptet schon, dass wir online besser auf Informationen reagieren als offline? Sind nicht die besten Orte im Netz häufig auch nur Sammlungen von Dingen, die die Seitenbetreiber amüsieren und die in der eitlen Hoffnung präsentiert werden, es könnten sich auch andere genauso daran erfreuen – ganz egal, wie flüchtig oder anhaltend die Informationen sind?

Bei “Okolo Offline” gibt es unter anderem einen Text vom Berliner Designstudio Plural aka Kilian Krug und Prof. Severin Wucher zu lesen, der sich genau mit diesem Problem befasst und in dem Blogs als digitales Äquivalent zu den Wunderkammern diskutiert werden, die vor Hunderten von Jahren von privilegierten Bürgern angelegt wurden. Der Text ist viel zu lang, um ihn hier genauer zu besprechen. Er war aber eine sehr gute Ergänzung zur Ausstellung.

Eine andere Frage der Kuratoren ist: “Welche Relevanz hat die Möglichkeit Dinge im dreidimensionalen Raum zu erfahren, sie aus allen Perspektiven betrachten zu können?” Wir würden mal sagen, eine sehr große!

Aus diesem Grund schreiben wir auch nur über Objekte, Ausstellungen und Gebäude, die wir tatsächlich gesehen, berührt und gerochen haben. Man kann sich einfach keine unabhängige Meinung von etwas oder jemandem - wenn wir das Internet grundsätzlich als Feld kultureller Aktivität begreifen – machen, bevor man es oder ihn nicht direkt erlebt hat.

Allzu oft wird das im Internet vergessen.

Vergleicht man Okolo online mit Okolo offline werden einem die Defizite des Internets im Zusammenhang mit dem Design bewusst. Das Netz liefert eher einen ungefähren Eindruck als die Essenz von etwas und neigt dazu, Kreativität auf universelle Kategorien und Maßstäbe zu reduzieren. Letztendlich ist offline einfach fesselnder, verbindlicher und nimmt einen einfach mehr ein.

Diese Statements machen wir nicht allein in Bezug auf Okolo. Okolo ist lediglich der Kanal, wofür wir sehr dankbar sind.

“Erspart uns das Internet einen Gang ins Museum?” fragen die Kuratoren – man könnte annehmen, die Frage sei rhetorisch! Eine Extra-Reise nach Basel ist Okolo Offline vielleicht nicht wert, ist man allerdings in der Nähe, lohnt sich ein Spaziergang zum Depot Basel auf jeden Fall.

“Okolo Offline” läuft im Depot Basel, Voltastrasse 43, 4056 Basel bis zum Sonntag, den 27. April. Der Eintritt ist frei. Alle Details, so auch die Öffnungszeiten, sind auf http://depotbasel.ch zu finden.



(smow) Blog kompakt: Fritz Hansen erwirbt komplette Poul Kjærholm Kollektion – zum zweiten Mal.

April 10th, 2014

Im Jahr 1982 erwarb der dänische Möbelhersteller Fritz Hansen die Rechte an sämtlichen Arbeiten des Designers Poul Kjærholm.

2003  wurden die Rechte an einzelnen Objekten, überwiegend der Tische, von Fritz Hansen wieder abgetreten.

Im Januar 2014 schließlich hat Fritz Hansen besagte Rechte von Poul Kjærholms Sohn, Thomas Kjærholm, erneut erworben. Dieser hatte die Rechte in der Zwischenzeit nicht nur verwaltet, sondern auch eine Firma gegründet, die die “ausrangierten” Stücke produzierte und vertrieb.

Auch wenn die Entscheidung, die komplette Poul Kjærholm Kollektion zu kaufen, in erster Linie natürlich einen kommerziellen Hintergrund hat, ist sie, auch mit Blick auf das Statement Fritz Hansens zu dem “zunehmenden internationalen Interesse an dänischem Design im Allgemeinen und an Poul Kjærholm im Speziellen”, doch ohne Frage auch in “künstlerischer” Hinsicht korrekt – und vernünftig.

Es macht schlichtweg keinen Sinn, Objekte eines Designers durch unterschiedliche Hersteller produzieren zu lassen. Das wird ganz klar, wenn man die formalen Ähnlichkeiten, die beispielsweise zwischen dem PK65 Tisch von 1979 und der PK80 Liege bestehen, bedenkt. Ersterer befindet sich unter den zurückgekauften Objekten, die Liege wiederum gehört schon seit 1982 zu Fritz Hansens Portfolio. Solche Objekte mögen zwar aus unterschiedlichen Perioden stammen und sich in ihrem Entstehungskontext unterscheiden, allerdings verkörpern sie die gleichen Auffassungen, die selbe Leidenschaft, ergänzen und widersprechen einander und können sich so im Sortiment eines einzigen Herstellers einfach besser entfalten.

Mal ganz abgesehen von seiner Bedeutung für die Entwicklung des Designs in Dänemark – und auch in Europa – hat Poul Kjærholm eigentlich nicht sonderlich viele Arbeiten veröffentlicht. Die wenigen allerdings verkörpern einen so bestechenden, entschlossenen Minimalismus und zeugen von einem derart intelligenten und kompetenten Umgang mit den Materialien, dass sie heute noch so zeitgemäß sind wie damals. Dass sie nun wieder bei einem Hersteller erhältlich sind, ist deshalb eine sehr erfreuliche Nachricht.

PK62, PK63 & PK65 Poul Kjærholm Fritz Hansen

Die Tische PK62, PK63 & PK65 von Poul Kjærholm. Wieder erhältlich bei Fritz Hansen. (Foto: Fritz Hansen)

PK22 by Poul Kjærholm Fritz Hansen

Der PK22 Lounge Chair von Poul Kjærholm über Fritz Hansen (Foto: Fritz Hansen)

PK11 by Poul Kjærholm Fritz Hansen

Der PK11 von Poul Kjærholm über Fritz Hansen (Foto: Fritz Hansen)

 



(smow) Blog Designkalender: 8. April 1901 – Happy Birthday, Jean Prouvé!

April 9th, 2014

Während die Designer, um die es an dieser Stelle normalerweise geht, im Allgemeinen entweder als Architekt oder Tischler ausgebildet wurden, war Jean Prouvé gelernter Schmied. Oder genauer gesagt, ein ferronniers d’art, ein Kunstschmied. Diese Ausbildung verhalf ihm zu einem besonderen Blick auf die Herausforderungen der Zeit, auf die damaligen ästhetischen Standards und die Entscheidung zwischen industriellen und künstlerischen Herstellungsverfahren und schließlich zu einer einzigartigen Position in der europäischen Architektur- und Designgeschichte.

Er ist außerdem der einzige Designer des 20. Jahrhunderts, von dem wir wissen, dass sein Werk in die Abenteuer von Tim und Struppi einfloss…

Am 8. April 1901 in Paris als zweiter Sohn des Künstlers Victor Prouvé und der Pianistin Marie Duhamel geboren, wuchs Jean Prouvé in Nancy auf, wo sein Vater die Kunsthochschule Ecole de Nancy mitgründete. Mit 15 zog Jean Prouvé nach Paris, um Schmied zu lernen, bevor er 1923 nach Nancy zurückkehrte und seine eigene Werkstatt eröffnete. Angefangen mit der Produktion “gewöhnlicher” Kunstschmiedearbeiten, wie Zäune, Tore und Geländer, begannen sich die Dinge 1926 zu verändern, als Jean Prouvé Metallblech und vor allem das Biegen und Verformen von Blech und Aluminium “entdeckte”. Nachdem er daraufhin einmal mit dem Konstruieren von Möbeln begonnen hatte, erweiterte Prouvé sein Repertoire schnell auf architektonische Elemente und Strukturen, doch blieb er dabei stets dem gleichen Klapp- und Bindungssystem treu.

Neben der Umsetzung eigener Projekte arbeitete Jean Prouvé regelmäßig mit Architekten an deren Projekten. Vielleicht am bemerkenswertesten dabei, 1930 der neue Showroom von Citroën in Lyon des Architekten Maurice-Jacques Ravazé und seine zahlreichen Kooperationen mit Charlotte Perriand, Le Corbusier und Pierre Jeanneret.

1931 machte sein wachsender Erfolg es Jean Prouvé möglich, eine GmbH, Les Ateliers Jean Prouvé S.A., zu gründen. Bis in die frühen 1950er Jahre arbeiteten in der Firmenanlage in Maxéville, einem Vorort von Nancy, über 250 Angestellte an Möbelentwürfen und Architekturprojekten. Der Erfolg kam jedoch im Juni 1953 zu einem abrupten Ende, als Differenzen zwischen Prouvé und Aluminium Français, dem Hauptteilhaber der GmbH, Prouvé dazu veranlassten, die Firma zu verlassen. Und obwohl er weiterhin an Architektur- und Ingenieurprojekten arbeitete, markierte das Ereignis im Juni 1953 endgültig das Ende von Jean Prouvés Karriere als Möbeldesigner.

Sein Werk geriet jedoch nicht in Vergessenheit, was durch seinen Fauteuil Visiteur, einen Besuchersessel, in Hergés Klassiker “Tim in Tibet” auf besonders anschauliche Weise deutlich wird. In dem 1960 veröffentlichten Comic-Klassiker dient Prouvés Sessel als Sitzgelegenheit für Professor Calculus in der Hotellobby…

Der Fauteuil Visiteur tauchte zum ersten Mal im Juli 1941 als Zeichnung in einem Portfolio mit Möbeldesigns für das “Solvay Hospital”- Projekt der Architekten Jacques und Michel André auf. Das Portfolio beinhaltete außerdem die ersten Zeichungen von dem, was später zum Guéridon Tisch und zum EM Table werden sollte.2 Ursprünglich von Jean Boutemain gezeichnet, wurde der Entwurf im Februar 1942 von Jean-Marie Glatigny übernommen und zwei Wochen später noch einmal von Jean Boutemain überarbeitet. Sowohl Glatigny als auch Boutemain gehörten zu dem “Forschungs- und Designteam”, das Prouvé 1931 im Zuge der Eröffnung seiner zweiten Werkstatt gründete.3 Diese Art der Teamarbeit zeigt, wie lange schon das Produktdesign auf nicht weiter genannte Kreative, Techniker und Ingenieure im Hintergrund angewisen ist…

Das “Solvay Hospital”-Projekt wurde nie realisiert, 1948 aber brachte Les Ateliers Jean Prouvé den Fauteuil Visiteur als eigenständiges Produkt heraus und im Laufe der folgenden fünf Jahre wurde der Stuhl in einer ganzen Reihe von Abwandlungen, einschließlich einer Recycling-Version mit verstellbarer Rückenlehne, auf den Markt gebracht.4 Und wenn wir das richtig sehen, ist die Version, in der Professor Calculus in “Tim in Tibet” sitzt, der FV 13 von 1948/49. Aber wir können uns natürlich auch irren…

Genau wie bei Gerrit T. Rietveld weist auch Jean Prouvés Werk Parallelen zu dem seiner Zeitgenossen auf, während es unmissverständlich auch einen Kanon bildet, der für sich selbst steht. Zum Beispiel experimentierten zur gleichen Zeit wie Jean Prouvé an Metallblech, Aluminium und massiver Eiche seine Zeitgenossen Mart Stam und Marcel Breuer mit gebogenem Stahlrohr und Formsperrholz.

Ähnlich, aber eben doch nicht das Gleiche…

Und während wir alle daran gewöhnt sind, dass Möbelklassiker in Film, Fernsehen, Fotografie und Werbung eingesetzt werden, um eine bestimmte kulturelle Referenz herzustellen und beim Betrachter ein bestimmtes Gefühl auszulösen, ist der Einsatz von Designermöbeln in einem Comic… Ähnlich, aber eben doch nicht das Gleiche…

Wir gratulieren herzlich zum 113., Jean Prouvé!

1. Peter Sulzer [Hg.] “Arcus XV. Jean Prouvé : Meister der Metallumformung; das neue Blech”, Verlagsgessellschaft Rudolf Müller, Köln 1991

2. Peter Sulzer “Jean Prouvé : oeuvre complète. 2. 1934-1944″, Wasmuth Berlin 2000

3. Peter Sulzer “Jean Prouvé : oeuvre complète. 1. 1917-1933″, Wasmuth Berlin 1995

4. Peter Sulzer “Jean Prouvé : oeuvre complète. 3. 1944-1954″, Birkhäuser, Basel 2005

(An dieser Stelle müssten wir nun natürlich die Szene aus “Tim in Tibet” zeigen, aber wegen urheberrechtlicher Hürden…)

Happy Birthday Jean Prouvé!

Happy Birthday, Jean Prouvé!



Reihe Stuttgarter Kreativität: Reichel Schlaier Architekten

April 7th, 2014

Vielleicht sind es gerade die einfachsten Aufgaben, die unbelastet von einem komplexen Gemenge funktionaler, technischer oder wirtschaftlicher Bedingungen architektonische Aussagen von besonderer Prägnanz erst ermöglichen.”

So sinnierte die sächsische Niederlassung des Bundes Deutscher Architekten, BDA, als sie beim BDA-Preis Sachsen 2013 den Stuttgarter Reichel Schlaier Architekten eine “Besondere Anerkennung” für ihr Projekt “Garage in Holzstapelbauweise” verlieh.

Entworfen für einen Privatkunden im sächsischen Dorf Marienberg, ist die Garage in Holzstapelbauweise, wie der Name bereits andeutet, eine Garage bestehend aus Holzstößen und das erste Projekt, das von den Reichel Schlaier Architekten a.k.a. Elke Reichel und Peter Schlaier realisiert wurde.

Elke Reichel studierte Architektur an der TU Dresden sowie der Mackintosh School of Architecture Glasgow. Nach einer Anstellung bei Littman Goddard Hogarth Architects in London arbeitete Elke Reichel 2001 bei Behnisch & Partner in Stuttgart, wo sie den in Ulm geborenen Peter Schlaier kennenlernte, der sein Studium an der Universität Stuttgart absolviert hat.

2011 gründeten Elke Reichel und Peter Schlaier dann Reichel Schlaier Architekten.

Neben dem Marienberger Garagen-Projekt haben Reichel Schlaier Architekten Projekte in Stuttgart, Neu-Ulm sowie Limbach-Oberfrohna abgeschlossen und entwickeln derzeit eine Reihe von Wohn-, kommerziellen und sozialen Projekten. Das Paar hatte außerdem mehrere Lehraufträge inne und Elke Reichel wurde zuletzt in den geschäftsführenden Ausschuss des Bundes Deutscher Architekten, BDA, gewählt.

Als Teil unserer Reihe Stuttgarter Kreativität haben wir Elke Reichel und Peter Schlaier besucht und sprachen mit ihnen über Architekturwettbewerbe, die Verantwortung eines Architekten und Stuttgart als kreative Stadt. Zuerst fragten wir jedoch, wie es ist ein Architekturbüro zu gründen…

Elke Reichel: Der Traum ist immer, ein Büro zu eröffnen, ein paar Wettbewerbe zu gewinnen und dann sehr schnell zu einem größeren Büro heranzuwachsen. Aber so funktioniert es nicht. Am Anfang ist es oft Herausforderung genug, sich selbst und das kleine Büro zu finanzieren, nicht zuletzt weil die Bezahlung generell am Ende eines Auftrags erfolgt. Wenn überhaupt… Wir haben z.B. schon früh einige Wettbewerbe gewonnen, die schließlich nicht in Auftrag gegeben wurden. Daher geht es vor allem ums Überleben. Das beinhaltet das Annehmen und Gutmachen kleinerer Jobs und zu hoffen, dass man weiterempfohlen wird. Das haben wir getan und diese Empfehlungen haben unser frühes Überleben gesichert.

Peter Schlaier: Wir haben mit relativ kleinen Projekten begonnen, einschließlich einiger Dachbodenausbauten und Neugestaltungen von Büros, was zu Beginn etwas schwierig war. Wir kamen aus einer Welt mit großen Projekten, bei Behnisch waren wir z.B. beide für das Ozeanum-Projekt in Stralsund als Projektmanager tätig und sind es daher gewohnt, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Aber wenn man selber neu anfängt, gibt einem erst mal keiner eine Chance. Z.B. darf man oft nicht an Wettbewerben teilnehmen. Der Wechsel zu kleineren Projekten war also nicht gerade einfach, aber zum Glück hat sich das ja ein bisschen geändert.

(smow) Blog: Doch bleibt es eine Erfahrung, die die Frage aufwirft, ob es schwerer ist, sich in einer Stadt wie Stuttgart zu etablieren, wo es so viele Architekten gibt.

Elke Reichel: Nein, ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. In Stuttgart ist es ein bisschen einfacher, weil es hier eine Bevölkerung gibt, die tendenziell über mehr Geld und größere finanzielle Sicherheiten verfügt.

Peter Schlaier: Außerdem hat man hier in der Region eine große Zahl finanziell abgesicherter kleiner und mittelständischer Unternehmen. Wir arbeiten z.B. gerade an der ersten Kirche am Bodensee und arbeiten bei der Gründung einer Praxis mit, die wegen der Garage in Marienberg auf uns aufmerksam geworden ist. Außerdem haben wir einen Auftrag vom Hochdruckreiniger-Hersteller Kärcher bekommen, der auch durch ein kleineres Projekt auf uns aufmerksam wurde und uns daraufhin zu einem Wettbewerb einlud. Und ich denke, solche Projekte findet man nicht so oft in Deutschland.

Elke Reichel: In Stuttgart ist es auch so, dass die Büros mehr national und international tätig sind, sobald sie eine gewisse Größe erreicht haben, und weniger in Stuttgart selbst Projekte realisieren. Der Wettbewerb innerhalb Stuttgarts ist also gar nicht so groß.

(smow) Blog: In Bezug auf die Wettbewerbe: Als Nicht-Architekt hat man oft den Eindruck, bei Wettbewerben stecke man viel Arbeit in eine Sache, bei der nicht unbedingt etwas herauskommt. Macht es Sinn, an solchen Wettbewerben teilzunehmen oder sind sie schlicht ein notwendiges Übel bei dem Job?

Elke Reichel: Man muss natürlich nicht an Wettbewerben teilnehmen, besonders in einer Region wie dieser, wo genügend Projekte ohne Wettbewerb vergeben werden. Aber es gibt so viele Projekte, die man als Architekt gerne realisieren würde, weil sie die Möglichkeit bieten, wirklich kreativ zu sein – und solche Projekte werden normalerweise über Wettbewerbe vergeben.

Peter Schlaier: Man muss im Grunde genug Wettbewerbe gewinnen, um die Preisgelder über das Jahr zu verteilen…

(smow) Blog: Sie haben Projekte erwähnt, bei denen man wirklich kreativ sein kann. Ohne die Rolle von Architektur diskutieren zu wollen, was verstehen Sie unter der Verantwortung eines Architekten von heute?

Elke Reichel: Als Architekt hat man eine immense soziale Verantwortung, schließlich wird alles, was man schafft, für die nächsten Generationen erhalten bleiben. So gestalten wir mit jeder Entscheidung, die wir treffen, unsere unmittelbare Umgebung und unsere Gesellschaft. Das ist inspirierend für mich, aber beinhaltet auch ein großes Maß an Verantwortung. Am wichtigsten ist es also, seinen Job gut zu machen – und zwar in jeder Hinsicht.

Peter Schlaier: Wozu ich hinzufügen möchte, dass diese Verantwortung oft falsch verstanden wird. Viel zu oft ist ein Gebäude nur so gut, wie es der Kunde verlangt, weil die Architekten und Bauherren in Deutschland teilweise kein größeres Interesse daran haben, wirklich gute Projekte zu entwickeln. Aber neben der sozialen Verantwortung haben sie auch die Verantwortung, die bestmögliche Arbeit abzuliefern. Wir wissen alle, dass der Architekt Schuld hat, wenn im Stadtzentrum ein unansehnliches Gebäude entsteht… Man kann es natürlich wie Peter Zumthor machen und ein Gebäude nicht realisieren, wenn der Kunde bei den eigenen Vorstellungen nicht mitgeht, aber dann wird jemand anderes bauen, was der Kunde will. Schließlich löst so ein Ansatz das Problem nicht.

(smow) Blog: Zum Schluss wollen wir noch einmal auf Stuttgart zu sprechen kommen. Ist Stuttgart eine gute Stadt, um kreativ zu sein? Was macht die Arbeit in der Stadt aus?

Elke Reichel: Stuttgart ist eine geschäftige Stadt. Es scheint, als wäre man ständig von Leuten umgeben, die an großen oder interessanten Projekten arbeiten. Small Talk in Stuttgart dreht sich kaum um unwichtige, oberflächliche Themen, sondern meist um Dinge, die gerade passieren und wichtig sind. Das macht es vor allem interessant in der Stadt zu arbeiten.

Peter Schlaier: Man merkt, dass Leute Dinge tun. Wenn man eine Idee hat, verfolgt man sie. In Stuttgart reden die Leute nicht viel, sondern sie machen es. Das ist sehr angenehm. Außerdem gibt es hier keine “Clubs”. Jeder hat die gleichen Chancen und man muss nicht die richtigen Bezeihungen haben, um erfolgreich zu sein.



Mailand 2014: Vorschau

April 3rd, 2014

“Okay, gibt es in diesem Jahr in Mailand IRGENDETWAS von Interesse zu sehen?”, fragte der Dezeen-Gründer und -Chefredakteur Marcus Fairs kürzlich in dem Tweet, “Meinem Posteingang zufolge ist die Antwort wohl eher Nein.”

Wie Marcus Fairs allerdings wissen wird, sollte man sowieso nicht auf seinen Posteingang hören, was wiederum leichter gesagt als getan ist.

Ein wenig ist es nämlich mit der Mailänder Möbelmesse wie mit dem Leben: Die erfreulichsten Entdeckungen macht man stets auf Umwegen und sind häufig Resultat eher spontaner, unbedachter oder zufälliger Entscheidungen.

Oder wie Pulp es so passend formulierte: “Als wir am Morgen aufwachten, war uns nicht klar, dass wir einige Stunden später auf einen völlig neuen Ansatz des modularen Tischdesigns stoßen würden, der bei uns grundlegende Überlegungen über die Zukunft des Büroraums auslösen würde.”

Das Problem ist natürlich, dass die Möbelmesse Mailand derartig viele Veranstaltungen beinhaltet, auf die man nicht nur verzichten könnte, sondern ohne die unsere Welt auch noch eine bessere wäre, und die so viel uninspirierten Kram präsentieren, dass es wirklich eine schwere und undankbare Aufgabe ist, nach den Edelsteinen zu suchen.

So greift man in Anbetracht dieser Aussichten auf seinen Posteingang zurück und hofft, dass sich unter all dem PR-Geschwafel irgendetwas findet, das verspricht wirklich einzigartig und gut zu sein. Nur ist diese E-Mail nie darunter! Stattdessen gibt es nur immer noch eine weitere aufgeblasen überschwängliche Ankündigung für den nächsten gesponserten Corporate-Design-Müll.

Letztendlich gibt es also keine andere Möglichkeit, als sich seinen Rucksack zu nehmen, feste Schuhe anzuziehen und sich auf den Weg zu machen…

Unsere Mailand-Odysse beginnt am Samstag, den 5.April. Im (smow) Blog, auf (smow) Pinterest(smow) Twitter und (smow) Facebook werden alle Details zu allem, das uns amüsiert, interessiert, inspiriert oder einfach nur langweilt, ausführlich zu sehen sein.

Und wenn wir gut drauf sind, werden wir Dezeen noch ein paar Tipps geben ; )

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Möbelmesse Mailand 2014: Coming soon...