smow Blog kompakt Dutch Design Week Spezial: Dutch Invertuals – Cohesion

11. Dezember 2014

Kohäsion ist ein Zustand, mit dem wir sehr vertraut sind. Vor allem weil wir diesen Zustand nie erreichen. Ähnlich einer Asymptote, die nie auf die dazugehörige Kurve trifft, versucht sich unser Leben der Kohäsion zu nähern, ohne jemals diesen Zustand zu erreichen. Sie bleibt uns verlockend und unendlich weit entfernt.

So hatten wir gewissermaßen ein persönliches Interesse bei unserem Besuch der neuen Dutch-Invertuals-Ausstellung “Cohesion”.

Wie es bei Dutch Invertuals so Tradition ist, gab es für die beteiligten Designer und Designstudios eine kurze Einweisung, auf deren Grundlage sie ihre Projekte entwickeln sollten. Zumindest sollten sich die Projekte so nah an die Anweisungen halten wie es die Designer für nötig hielten. Und wie immer haben sie eine der interessantesten und bereicherndsten Ausstellungen auf der Dutch Design Week zustande gebracht.

Formale Vorgabe war nur, “die Wechselbeziehungen zwischen Objekten, Materialien, Teilen und Dimensionen” zu untersuchen. Die Resultate variieren von sehr konzeptuellen Arbeiten, wie Volume 01, 02 & 03 von Alissa + Nienke oder Frames & Volumes vom Studio Mieke Meijer, über eher gezielte Forschungsprojekte, wie Arnout Meijers Light is a vector (Projektion einer Linie), bis hin zu Projekten, die im positiven Sinne eher wie Produkte anmuten, am nennenswertesten darunter Thomas Vailly & Laura Lynn Jansens Projekt Tension Matter und die Kollektion Flat Light von Daphna Laurens.

Und so wie jedes Gebilde Resultat der Kohäsion aller beteiligten Elemente ist, so ist auch die Stärke von “Cohesion” das Zusammenspiel und die Interaktion der einzelnen Projekte. Nicht einmal zwei Projekte befassten sich mit dem gleichen Gebiet, aber häufig überschnitten sich die Ergebnisse der untersuchten Themen, zum Teil auch hinsichtlich der Materialien oder ihres Ansatzes. Und während so beispielsweise Jeroen Wans mit seinem Flat Solid einen Raumteiler entwickelt hat, der je nach Position des Betrachters und des Lichteinfalls ein anderes Erscheinungsbild aufweist, so untersuchte HUE-blinds die Flüchtigkeit unserer Wahrnehmung des Lichtes. Dabei handelt es sich allerdings um ein Objekt, bei dem der Designer im Gegensatz zu Flat Solid die Lichtdurchlässigkeit kontrollieren und so das Resultat beeinflussen kann.

Die Ausstellung ist keineswegs leicht oder unkompliziert – schließlich handelt es sich um eine Dutch-Invertuals-Ausstellung, das heißt die Präsentation umfasst all die strengen Untersuchungen, Zergliederungen und Gegensätze, die zeitgenössisches Design so interessant machen. Jedoch weckt “Cohesion” bei den Besuchern ein echtes Interesse auch für die Elemente, die nicht gleich zugänglich sind und stellt alle Instrumente zur Verfügung, die einem helfen, die Objekte auch wirklich zu verstehen.

Alles in allem ist das eine sehr unterhaltsame Ausstellung. Und für alle, die sie in Eindhoven verpasst haben, sind wir sicher, es wird nächstes Jahr in Mailand nochmal eine Möglichkeit geben, sich sie Ausstellung anzusehen.

Oder Online, denn neben der Präsentation von “Cohesion” hat Dutch Invertuals die Dutch Design Week auch genutzt, um “Dutch Invertuals Collected” herauszubringen, eine Onlinegalerie der vergangenen Dutch-Invertuals-Projekte. Die derzeitigen Cohesion-Projekte sind dort noch nicht zu finden, aber die Galerie zeigt so großartige Projekte wie CaCO3 – Stoneware von Thomas Vailly & Laura Lynn Jansen aus der “Happy Future”-Ausstellung von 2014 , Daphna Laurans Cover Collection von Dutch Invertuals – Untouable Retouched oder das unvergessliche und sehr einnehmende Projekt  Drawn By Time von Edhv, das 2010 bei der Matter of time Ausstellung Premiere hatte. Die gesamte Dutch Invertuals Galerie ist unter www.dutchinvertualscollected.nl zu finden. 

Andy Warhol – Death and Disaster in den Kunstsammlungen Chemnitz

09. Dezember 2014

Andy Warhol sagte uns allen 15 Minuten Ruhm voraus. Gleichzeitig hatte er allerdings auch verinnerlicht, dass wir alle irgendwann für immer tot sein würden. Seine Auseinandersetzung mit dem Tod in all seinen poetischen, brutalen und ungerechten Facetten kann man jetzt in der Ausstellung “Andy Warhol – Death and Desaster” in den Kunstsammlungen Chemnitz nachvollziehen – und das anhand von Arbeiten, die ebenso lebendig, kritisch und komplex sind wie die, in denen sich Warhol mit den Launen der Celebrities, dem Trash und der amerikanischen Konsumkultur auseinandersetzte.

Andy Warhol Death and Disaster Kunstsammlungen Chemnitz Flowers Fate Presto

Fate Presto und Flowers von Andy Warhol, gesehen bei Andy Warhol - Death and Disaster, Kunstsammlungen Chemnitz

In etwa so wie sich Mateo Kries und Marc Zehnter, nachdem sie das Vitra Design Museum übernommen haben, als erstes vornahmen, eine Konstantin-Grcic-Ausstellung zu zeigen, so wollte auch Ingrid Mössinger nach dem Antritt ihres Postens als Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz als eines ihrer ersten Vorhaben, eine Ausstellung über Andy Warhol machen. 

Ihr Wunsch sollte sich erfüllen, als sie im Rahmen der Picasso-Ausstellung 2012 dem Kunsthändler und -sammler sowie Galeristen Heiner Bastian vorgestellt wurde. Als Freund Andy Warhols aus den frühen 1970er Jahren hat Heiner Bastian zahlreiche Texte zu Andy Warhol veröffentlicht und war für die Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie Berlin 2002 verantwortlich, die anschließend auch in der Tate London und dem Museum of Contemporary Art, Los Angeles gezeigt wurde. Bei Gesprächen zwischen Mössinger und Bastian entstand langsam die Idee, Warhols sogenannte “Death and Disaster”-Serie in Chemnitz zu zeigen.

Heiner Bastian zufolge begann Andy Warhol im Sommer 1962, als er seine Siebdrucktechniken entwickelte, den Fokus auf die morbiden und abgründigen Aspekte des Lebens zu legen. Marilyn Monroe nahm sich das Leben, 129 Menschen starben, als der Air France Flug 007 beim Start verunglückte, und Warhol realisierte, dass all seine Arbeiten auf die eine oder andere Art mit dem Tod in Zusammenhang standen. So entschloss er sich den Opfern, dem Tod eine Geschichte, eine Bedeutung zu geben, ihm, wenn man so will, Gestalt zu verleihen.

Man bekommt so den merkwürdigen Eindruck, dass Andy Warhol genau zu dem Zeitpunkt, als er seine Technik perfektioniert hatte, den Künstler aus der Kunst zu entfernen, mit seinen wohl persönlichsten und personalisiertesten Arbeiten begann.

Andy Warhol Death and Disaster Kunstsammlungen Chemnitz Flash November 22 1963

Flash-November 22 1963 von Andy Warhol, gesehen bei Andy Warhol - Death and Disaster, Kunstsammlungen Chemnitz

“Andy Warhol – Death and Desaster” umfasst um die 60 Objekte, die alle zwischen 1962 und Mitte der 1980er Jahre entstanden sind, darunter, “Skull”, “Flowers”, “Sixteen Jackies” und “Electric Chair”, eine Arbeit, die sehr eindrucksvoll als Serie von 10 Drucken in unterschiedlichen Tönen präsentiert ist. Die Präsentation betont, dass es, auch wenn um die 60 Objekte ausgestellt sind, nur 12 Themen bzw. Bilder gibt; wiederholt in unterschiedlichen Materialien, Farben, Formaten und Zusammenhängen. Natürlich passt das gut zu Warhol, der die Industrialisierung, Wiederholung und Massenproduktion von Kunst ja zu einem seiner wichtigsten Themen machte.

Die Wiederholung hilft auch den Bildern trotz ihres teils beängstigenden und brutalen Charakters ihre Bedrohlichkeit zu nehmen. So wirkt die Ausstellung zugänglicher als es ansonsten wahrscheinlich der Fall gewesen wäre. Durch die Variationen hat der Besucher zudem die nötige Distanz sich eher auf die Botschaft als auf das einzelne Bild konzentrieren zu können. Das mag den Motiven nicht unbedingt die Rolle verleihen, um die es Warhol ging, bringt aber einen Fokus auf das Schicksal der jeweiligen Motive mit sich.

Etwas enttäuschend ist, dass einige Arbeiten nicht zu sehen sind, vor allem “129 Die in Jet” und “Marilyn Diptych”, also jene Arbeiten, mit denen Warhol die Serie begann. So enttäuschend das aber auch sein mag, die Auswahl von Heiner Bastian und den Kunstsammlungen Chemnitz ist mehr als geeignet, um den Besuchern nicht nur die interessantesten und anspruchsvollen künstlerischen Untersuchungen Warhols näher zu bringen, sondern auch um ein deutliches Bild des Mannes hinter den hellen, lebhaften Siebdrucken, Grafiken und Coca Cola Flaschen zu zeichnen.

Andy Warhol Death and Disaster Kunstsammlungen Chemnitz Sixteen Jackies White Disaster II

Sixteen Jackies und White Disaster II von Andy Warhol, gesehen bei Andy Warhol - Death and Disaster, Kunstsammlungen Chemnitz

In Gesprächen deutet Heiner Bastian an, dass die Arbeiten der Death and Disaster Serie keine Pop Art seien; d.h. nichts mit der frei verfügbaren, Wegwerfkultur des täglichen Lebens zu tun haben, wie sie die Pop Art thematisierte. Auch wenn wir einem Mann wie Heiner Bastian da nicht widersprechen wollen und zugeben, dass wir dazu auch gar nicht qualifiziert sind, würden wir argumentieren, dass es doch nichts ausdehnbareres, temporäreres und flüchtigeres gibt als das Leben. Wie Malcolm Middleton so passend formulierte. “Es gibt ein Wann und nicht ein Ob in jedem von uns.” Oder, und um beim Warhol-Vokabular zu bleiben: Sind wir nicht letztlich alle nur Konservenbüchsen mit einem Mindesthaltbarkeits- und einem Verfallsdatum? Nur werden wir auch so lang leben? Oder werden sich Krankheit, Verbrechen, Unglück, politische Unruhe und selbstmörderische Tendenzen durchsetzen?

Und so wie es nichts so Flüchtiges gibt wie das Leben, so gibt es nichts Dauerhafteres als den Tod. Andy Warhol hat das verstanden und uns vielleicht gerade deshalb allen 15 Minuten Ruhm gewünscht – bevor wir nämlich auf die Demütigung und Anonymität des Todes treffen!

“Andy Warhol – Death and Disaster” kann, und sollte in den Kunstsammlungen, Theaterplatz 1, 09111 Chemnitz bis Sonntag, den 22. Februar 2015 besucht werden.

Alle Details einschließlich aller Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm sind unter www.kunstsammlungen-chemnitz.de zu finden.

Marta Herford präsentiert: Der entfesselte Blick – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur

06. Dezember 2014

Wir glauben ja alles zu wissen, was man über die Moderne wissen kann. Zumindest sind wir überzeugt, dass wir die wichtigsten Protagonisten und ihre Schlüsselwerke kennen. Aber sind wir mal ehrlich, das ist eigentlich natürlich nicht der Fall. Wir kratzen eher an der Oberfläche der Moderne und kennen nur eine Handvoll der bekanntesten Protagonisten und einige ihrer bekannteren Arbeiten.

Wie wenig die große Mehrheit von uns wirklich von der Moderne versteht, wird derzeit in der Ausstellung “Der entfesselte Blick – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur” im Marta Herford Museum in Herford deutlich.

Die Brüder Rasch? – Ja, Genau die!

Der entfesselte Blick Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur Marta Herford

Der entfesselte Blick – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur im Museum Marta Herford

Heinz Rasch wurde am 15. Februar 1902 geboren und begann 1920 mit dem Architekturstudium in Hannover, bevor er 1922 an die Technische Hochschule Stuttgart wechselte, wo er 1924 graduierte. Sein Bruder Bodo wurde ein Jahr später, am 17. Februar 1903 geboren, begann 1922 Landwirtschaft zu studieren und graduierte 1926 an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim. Die Situation erinnert sehr an Ronan und Erwan Bouroullec: Die Brüder Rasch arbeiteten erstmals 1923 zusammen, als der jüngere Bruder Bodo dem älteren Heinz bei seinem sogenannten “Werkkunst Arche”-Projekt assistierte – im Grunde eine kleine Werkstatt, in der die beiden simple Holzmöbel und Lampenentwürfe entwickelten.

Mit Gründung der Firma “Brüder Rasch. Hochbau, Möbelbau, Werbebau” in Stuttgart 1926 wurde ihre Arbeit dann professioneller. Es handelte sich um ein Atelier, das sich den Ausstellungsmachern zufolge schnell in einen wichtigen Treffpunkt für die wachsende Stuttgarter Architektur- und Kunstszene jener Zeit entwickelte. Im Jahr 1927 wurden Heinz und Bodo Rasch von Mies van der Rohe und Peter Behrens beauftragt zwei Häuser für die Ausstellung der Weißenhofsiedlung zu möblieren. Während der kommenden drei Jahre entwickelten sie zahlreiche Architektur-, Stadtplanungs- und Designprojekte; Projekte, die, auch wenn sie nicht realisiert wurden, die Brüder nicht nur mit vielen der führenden Protagonisten ihrer Zeit in Kontakt brachten, sondern ihnen auch wegen der weitreichenden Gedanken und Pläne zu einer gewissen Reputation verhalfen.

Außer in den Bereichen Design und Architektur arbeiteten Heinz und Bodo Rasch auch als Autoren und Herausgeber – am nennenswertesten ist dabei die Herausgabe der Arbeiten “Wie Bauen?” (1927) und “Der Stuhl” (1928), dem Begleittext zur gleichnamigen Stuttgarter Ausstellung. Im Jahr 1930 zog Heinz Rasch nach Berlin und es kam zu einem Zerwürfnis zwischen den Brüdern, das weitere gemeinsame Projekte ausschloss. So währte die fruchtbare Phase der Kooperation nur wenige Jahre. Nach dem Krieg arbeiteten die beiden unabhängig voneinander in den Bereichen Architektur und Design weiter, wenn auch größtenteils ohne die Zustimmung und öffentliche Anerkennung der 1920er Jahre. Bodo Rasch starb am 27. Dezember 1995, sein Bruder Heinz Rasch ein Jahr später, am 27. November 1996.

Wenn auch als Architekturausstellung angelegt, beginnt “Der entfesselte Blick” mit einer Untersuchung von Heinz und Bodo Raschs Veröffentlichungen und Designarbeiten. Ein Schwerpunkt kommt dabei ihrer Rolle bei der Entwicklung des Freischwingers zu. Die Freischwinger von Heinz und Bodo Rasch waren in erster Linie ein Resultat ihrer elementaren Forschungen zur Ergonomie des Sitzens und zur optimalen Konstruktion von tragenden Strukturen, die sie seit 1923 ausführten. Die Freischwinger wurden erstmals 1924 produziert, d.h. also ungefähr drei Jahre bevor Mart Stam seinen Kragstuhl lancierte. Doch erreichten sie nie einen Markt, auf dem sie mit ihren Zeitgenossen hätten mithalten können, geschweige denn hätten berühmt werden können.

Man könnte sagen, dass ebenso wie Heinz und Bodo Rasch, auch ihre Freischwinger in der Anonymität versunken sind. Charakteristisch für die Rasch-Freischwinger ist ihr diagonaler Rahmen. Ein Designkonzept und Konstruktionsprinzip, das Axel Bruchhäuser, der Geschäftsführer des deutschen Möbelherstellers Tecta und Gründer des auf Freischwinger spezialisierten Kragstuhlmuseums sowie persönlicher Freund und Geschäftspartner von Heinz Rasch, zufolge erklärt, warum sich die Stühle nie durchsetzten konnten: “Heinz Rasch glaubte, dass sich aufgrund der geometrischen Teilbarkeit eines gewöhnlichen Raumes nur kubische Stühle wie die von Mart Stam durchsetzen könnten; weil sie nämlich diese kubische Form aufgreifen. Das hieße, nur Stühle mit ruhigen vertikalen und horizontalen Linien haben eine Chance, während solche, die diese räumliche Harmonie brechen, nicht gefragt sein werden.” Schaut man die Geschichte des Möbeldesigns an, kann man sicher nur schwer mit Heinz Raschs Logik argumentieren.

Als ginge es darum, mangelnden Erfolg und Anerkennung für die Freischwingerdesigns noch zu verschlimmern, kommt noch die Ironie der Tatsache hinzu, dass Heinz Rasch Mart Stam einerseits dabei half die Konstruktions- und Stabilitätsprobleme seiner Designs zu lösen und ihn darüber hinaus auch dem Möbelproduzenten L + C Arnold vorstellte, der Heinz Raschs diagonale Freischwinger seit 1924 produziert hatte und der nun Mart Stams Freischwinger für die Ausstellung der Weißenhofsiedlung produzieren sollte. So gesehen war es also Heinz Rasch, der Mart Stams Erfolg ebnete und schließlich seinen eigenen und den Weg seines Bruders blockierte.

Der entfesselte Blick Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur Marta Herford

Zwei Freischwinger, ca. 1926, von Heinz und Bodo Rasch und einer von Heinz Rasch, ca. 1986, (von links nach rechts), gesehen bei Der entfesselte Blick Der – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur, Marta Herford

Nachdem das Werk der Brüder designgeschichtlich verortet und damit die dominierenden Architektur- und Designauffassungen der späten 1920er Jahre vorgestellt wurden, geht “Der Entfesselte Blick” zum eigentlichen Fokus, der Architektur der Brüder, über.

Zu diesem Zweck konzentriert sich die Ausstellung auf drei Bereiche der Architektur, in denen die Brüder besonders aktiv waren: luftgefüllte Gebäudehüllen, Container-Architektur und, vielleicht am bedeutendsten, Hängehaus-Konstruktionen. Um die Arbeiten von Heinz und Bodo Rasch von Grund auf zu erklären, präsentiert die Ausstellung Skizzen, Modelle und Fotografien, die prägnant die Schwerpunkte der Architektur und Planungsarbeit der beiden Brüder, ihre Ziele, die Visionen und Prinzipien hinter ihren Arbeiten und die Art, wie die Brüder versuchten diese Visionen zu realisieren, herausstellen. Währenddessen rückt die Ausstellung ihre Forschungen und Projektpläne immer in den Kontext ihrer jeweiligen Zeit.

Nach der Vorstellung der drei zentralen Themen geht die Ausstellung dann dazu über zu erklären, wie andere Architekten im Folgenden begannen viele dieser Ideen zu realisieren. Wenn man so will, werden die Brüder und ihre Arbeit anhand von Konstruktionen erläutert, die von Architekten in späteren Jahren realisiert wurden – immer unter Verwendung von Prinzipien, Techniken oder Ideen, die mit denen von Heinz und Bodo Rasch in Zusammenhang stehen. Beispielsweise wird “Luftgefüllte Gebäudehüllen” unter anderem anhand von Projekten wie Coop Himmelb(l)aus Wolke 68 und Foster and Partners Air Supported Office illustriert. Die “Hängehaus-Konstruktionen” werden neben anderen Konstruktionen anhand der Olibetti Türme in Frankfurt von Egon Eiermann erläutert; während “Containerarchitekturen” beispielweise anhand von Projekten wie Richard Partnerships Inmos Mikroprozessorfabrik und Nicolas Grimshaws neuer Haupttribüne für das Lords Cricket Ground Stadium illustriert wird.

Der entfesselte Blick macht so auf geschickte und sehr kompetente Art und Weise klar, dass sich in fast allen Jahrzehnten seit dem Krieg Spuren der Brüder Rasch finden. Nur kann man von einem direkten Einfluss sprechen? Da bleibt die Ausstellung eher vage. Man bekommt jedoch den Eindruck, dass die Kuratoren einen direkten Einfluss andeuten, auch wenn keine wirklichen Beweise präsentiert werden. Der einzige Beweis ist, dass die Raschs wirklich häufig unter den ersten waren, die an bestimmten Konzepten arbeiteten und nach bestimmten architektonischen Lösungen suchten. Aber ob sich Architekten später wirklich auf sie bezogen haben, weil sie ihre Skizzen gesehen haben …?

Gleichzeitig wird zwar die Rolle der Brüder im Möbeldesign der 1920er Jahre ganz klar umrissen, die Frage, inwieweit Heinz und Bodo Rasch allerdings auch direkten Einfluss auf die Entwicklung der Architektur der 1920er Jahre hatten, bleibt offen. Da die Brüder in engem Kontakt mit Leuten wie Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Mies van der Rohe und anderen standen, erscheint es undenkbar, dass es keinen regelmäßigen und offenen Austausch von Ideen und Meinungen gab. Aber inwiefern die Positionen und Ideen, die Heinz und Bodo Rasch in diesem Rahmen zum Ausdruck brachten, tatsächlich Einfluss auf ihre Zeitgenossen hatten, bleibt unbeantwortet. Die Frage sollte aber auch eher denen gestellt werden, die die Arbeiten von Gropius, van der Rohe, Breuer etc. erforschen. Tatsächlich müssten die Archive genau untersucht und potentielle Spuren zurückverfolgt werden.

Was der Ausstellung sehr gut gelingt und worauf auch der künstlerische Leiter des Marta Herford, Roland Nachtigäller, gehofft hatte, ist, neue Aspekte und neue Perspektiven zu liefern und so ein neues Licht auf die Moderne zu werfen. Man vergisst leicht, dass zu einer Epoche wie der Moderne mehr als nur eine Handvoll Leute gehörten, die emsig alles entwarfen, realisierten, malten etc. … Es gab eben auch Leute wie Heinz und Bodo Rasch. Hat man das einmal verstanden, hat man über ihre Arbeiten gestaunt und ihre Visionen realisiert, erscheint einem die Moderne nicht mehr nur als eine facettenreiche und wenig lineare Epoche, es kommen auch Fragen über die Gegenwart auf. Wichtig sind nicht nur jene Gebäude und Möbel, die produziert, gebaut, verkauft und erstellt wurden, sondern auch die Forschung und die Entwicklungsarbeit der unzähligen Heinz und Bodo Raschs. Also Arbeiten, die über ein oder zwei Generationen nicht realisiert wurden und deren Urheber so nicht zu der Anerkennung kamen, die sie verdient hätten.

So wie “Alvar Aalto – Second Nature im Vitra Design Museum” eine Ausstellung für all jene ist, die Alvar Aalto über seine organisch fließenden Strukturen und das Birkenholz hinaus kennen lernen wollen, oder “Schrill Bizarr Brachial, Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre” im Bröhan Museum Berlin für jene gedacht ist, die deutsches Design des 20. Jahrhunderts jenseits von Bauhaus, Dieter Rams und Egon Eiermann verstehen wollen, so ist “Der entfesselte Blick” eine Ausstellung für alle, die Architektur abseits der normalerweise unbekümmert als “zeitgenössisch” akzeptierten “neuen” Ideen betrachten möchten. D.h. für jene, die verstehen, dass Architekturkonzepte nicht nur Zeit brauchen, um vollständig zu reifen, sondern häufig auch unterschiedliche praktische Stadien durchlaufen müssen, um zu ihrer endgültigen Form zu finden. Es geht bei der Ausstellung also um einen Blick auf die Moderne, der über unser limitiertes, derzeitiges Wissen hinausgeht.

Der entfesselte Blick Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur Marta Herford

Haus am Hang, 1927, von Heinz und Bodo Rasch, gesehen bei: Der entfesselte Blick – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur, Marta Herford

Worauf “Der entfesselte Blick” explizit nicht eingeht, ist, wie und warum Heinz und Bodo Rasch derart in Vergessenheit geraten sind. Das liegt wohl daran, dass es darauf keine definitive Antwort gibt. Vielmehr liegen die Gründe in einer Verkettung lose miteinander verbundener, sich negativ auswirkender Umstände: der persönliche Konflikt zwischen den beiden Brüdern, die ökonomische Krise in der Weimarer Republik, der Zweite Weltkrieg, der Mangel an kommerziellem Erfolg ihrer Möbelprojekte, die Tatsache, dass viele ihrer Architekturprojekte erst realisiert werden konnten, als die Technologie auf dem nötigen Stand war, und dass jene Architekten, die erstmals mit den neuen Technologien arbeiteten ebenso in Vergessenheit gerieten wie ihre Erfinder. Zudem sollte man nicht vergessen, dass alle “Vorkriegsarchitekten” der Moderne erst nach dem Krieg in Amerika Ruhm und Glück fanden: Gropius, Mies van der Rohe, Breuer. Alle, die nicht den Ozean überquerten, erreichten keine breite Öffentlichkeit, jedenfalls nicht so plötzlich und nachhaltig. Und das betrifft Mart Stam, Victor Bourgois, Hans Scharoun – und Heinz und Bodo Rasch.

Allerdings lernt die Welt langsam, aber sicher mehr über die wahre Tiefe und Vielfalt derer, die dabei halfen, die Moderne zu der wichtigen Ära zu machen, die sie heute ist. Es bleibt zu hoffen, dass “Der entfesselte Blick” dabei hilft, Heinz und Bodo Rasch die Anerkennung zukommen zu lassen, den sie verdient hätten. Oder besser gesagt, ihnen zu ihrem frühen Status zurück zu verhelfen.

Aber haben sich die Brüder selbst verärgert über die mangelnde Anerkennung und ihren geringen Bekanntheitsgrad geäußert? Die Beantwortung dieser Frage überlassen wir Heinz Rasch … In seinem letzten Brief an Axel Bruchhäuser äußerte er sich über den Stand seiner Arbeit in der Geschichte des Möbeldsesigns – und das auf überaus bescheidene, anrührende und eloquente Art und Weise. Wie gesagt, bezieht er sich auf seine Möbeldesigns, aber wir erlauben uns die Freiheit, sein Zitat auf sein gesamtes Oeuvre zu beziehen: “… mit meinen eigenen Modellen hatte ich kein Glück. Ich war aber nie eifersüchtig und lebte grundsätzlich für den Erfolg anderer. Ich denke, das ist die natürliche Pflicht eines Architekten, der sich nur als ein Handwerker versteht.”

“Der entfesselte Blick – Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur” ist noch bis Sonntag, den 1. Februar, im Marta Herford, Goebenstraße 2–10, 32052 Herford zu sehen.

Alle Details sind unter http://marta-herford.de zu finden.

Orgatec Köln 2014: Thonet

02. Dezember 2014

Fast seit Beginn der Möbelproduktion bei Thonet gehört auch das “Thonet Design Team” – die Bezeichnung erschien uns immer etwas abschätzig und unnötig nebulös - zu den wichtigsten Designern des Unternehmens.

Jeder seriöse Möbelproduzent hat heutzutage ein Team von internen Designern, die einerseits externe Designer dabei unterstützen, ihre Arbeit auf die Produktionsabläufe der Firma abzustimmen, und die andererseits selbst neue Produkte und Produktserien entwerfen. Üblicherweise verhalten sich diese Designer zurückhaltend und bleiben im Hintergrund. Doch Thonet hat vor einigen Jahren damit begonnen, den Mitarbeitern mehr Anerkennung zu zollen, die ihre eigenen Designs im Rahmen der Design-Team-Projekte realisiert haben, ohne dabei jedoch die anderen Mitarbeiter zu vergessen.

Unter den ersten davon betroffenen Produkten sind das S 290 Regalsystem von “Thonet Design Team: Sabine Hutter” und der S 1200 Sekretär von “Thonet Design Team: Randolf Schott”, die auf der IMM Cologne 2014 lanciert wurden, gewesen.

Eine der wesentlichen Markteinführungen auf der Orgatec 2014 war nun die S 95 Konferenzstuhlserie von Thonet Design Team: Randolf Schott. Die als Freischwinger oder Drehstuhl und mit zwei unterschiedlich hohen Rückenlehnen erhältlichen S 95 Stühle verfügen allesamt über eine charakteristische Öffnung zwischen Sitz und Rückenlehne, die mehr als nur ein formaler Wink auf die Konstruktionen der klassischen Thonet Freischwinger von Mart Stam oder Marcel Breuer ist.

“Für mich ist die Rückseite eines solchen Konferenzstuhls die wichtigere, weil man immer auf diese Seite schaut, wenn man den Raum betritt”, erklärt Randolf Schott. “Wir haben hier einen sehr transparenten Stuhl entwickelt, der Leichtigkeit und Offenheit ausstrahlt, was mir auch sehr wichtig war.” Ebenso wichtig ist in diesem Zusammenhang die Form des Freischwingergestells. Die Rahmen der S 95 Freischwinger werden aus quadratischem Metall gefertigt, was für Thonet ein nicht gerade übliches, aber doch bekanntes Material mit ganz spezifischen Anforderungen ist. Biegt man runden Stahl, ensteht eine schöne, weiche Kurve. Bei quadratischem Stahl ist das nicht der Fall. Stattdessen kann man entweder mit einer quadratischen Verbindung arbeiten, was den Stuhl weniger ansehnlich macht, oder Zeit und Aufwand investieren, um eine fließende Form zu entwickeln, die dem Stuhl natürlich eine sehr viel ansprechendere Ästhetik verleiht – und auch Aufschluss über die Herkunft zulässt, denn nur wenige Hersteller verfügen über die Möglichkeiten, Stahl so kompetent und gezielt zu biegen wie Thonet.

Der entweder mit Textilbezügen in unterschiedlichsten Farben oder mit Thonets neuen perforierten Lederbezügen erhältliche S 95 ist eine schöne Ergänzung im Portfolio Thonets. Die Stuhlfamilie ist robuster und hat eine physischere Präsenz als zuvor erhältliche Möbel, drängt sich einem allerdings nicht auf. Darüber hinaus verfügen die Stühle natürlich über die für Thonet Möbel so typische Optik und die “ruhigen vertikalen und horizontalen Linien” und die kubische Form, die Heinz Rasch für den Erfolg des Freischwingers verantwortlich gemacht hat.

Thonet Orgatec Köln s 95 chair

Die neue Thonet S 95 Kollektion, gesehen auf der Orgatec 2014

Neben der S 95 Kollektion stellte Thonet ein weiteres wichtiges Projekt auf der Orgatec vor, das auch ein Resultat der konzentrierten Arbeit des Thonet Design Teams ist, das allerdings einen weniger spektakulären, wenn auch ebenso wichtigen Kontext hat. Die ursprünglich im Jahr 2001 vom Kasseler Designstudio Lepper Schmidt Sommerlande entwickelte A 1700 Tischserie ist eine zentrale Komponente der offiziellen Thonet Büromöbelsparte. Da sie aber über ein Jahrzehnt alt ist, was in der schnelllebigen Welt der Büromöbel schon für Überholung spricht, hat das Thonet Design Team das Tischsystem – um genau zu sein, die Beine – auf den neuesten Stand gebracht. Wie gesagt, spektakulär ist das nicht, aber das A 1700 Tischbein verfügt nun nicht nur über eine neue, tränenartige Form, einen neuen Kabelschacht und ein neues patentiertes System zur Verbindung von Beinen und Tischplatte, es bietet auch die Möglichkeit Inlays in die fordere Kante der tränenförmigen Tischbeine einzusetzen. So kann den Tischen ein individueller Akzent verliehen werden und es wird einfacher, das System in einen Raum zu integrieren.

Ansonsten präsentierte Thonet auf der Orgatec den S 8000 Konferenztisch von Hadi Teherani in einer neuen runden Version – eine Version, die trotz der neuen Kurven ebenso bombastisch ist wie das quadratische Original – und die multifunktionalen S 160, S 170 und S 180 Stuhlserien von Delphin Design sind jetzt in acht neuen Farben erhältlich. Die neue Palette soll Architekten für die Einrichtung von Cafeterias etc. mehr Möglichkeiten bieten, eröffnet einem aber ebenso neue Möglichkeiten im privaten Bereich bzw. in der Küche. Es muss nicht dazu gesagt werden, dass das allgegenwärtige Thonet Design Team auch für die neuen Farbtöne verantwortlich ist.

Entgegen der Tradition und unseren Prinzipien nutzen wir die Thonet Pressefotos von den neuen Produkten. Die Gründe sind rein technischer Natur …

Thonet Orgatec Köln S 96 S 8000

Thonet auf der Orgatec 2014, der neue S 96 Konferenzstuhl und der runde S 8000 Konferenztisch.

Thonet Orgatec Köln S 95 swivel chair

Der neue Thonet S 95 Drehstuhl

Thonet Orgatec Köln S 160 S 170 S 180 Delphin Designe Thonet S 160, S 170, S 180 von Delphin Design in den neuen Farbtönen
Thonet Orgatec Köln A1700 Evo Inlay

Das neue Thonet A 1700 Evo Tischbein mit Inlay

Der smow Adventskalender 2014

01. Dezember 2014

Das waren noch Zeiten, als es nichts Feineres als einen Weihnachtsmarkt gab und man sich die Adventszeit mit einem Glas Glühwein und einer Tüte gerösteter Mandeln versüßt hat, während man über einen geschäftigen Weihnachtsmarkt geschlendert ist.

Doch irgendwann kommt man in ein Alter, wo das physische Erlebnis Weihnachtsmarkt vor allem anstrengend scheint, und man realisiert, dass man das schönste Weihnachtsmarkterlebnis sowieso zu Hause mit einem selbstgemachten Glühwein und einem Online-Weihnachtsmarkt hat, wie z. B. dem smow Adventskalender:

Jeden Tag bis Heilig Abend wird sich dort ein neues Türchen öffnen und es ein anderes Angebot zu einem ausgewählten Design aus dem smow Sortiment geben.

Um das Öffnen der Türchen zu verfolgen und keines der exklusiven Angebote zu Produkten von Vitra, Thonet, Fritz Hansen, Artemide und einer ganzen Menge mehr nicht zu verpassen, besucht einfach jeden Tag unsere Seite www.smow.de/adventskalender oder folgt smow auf Facebook, wo wir tagesaktuell die Angebote verkünden werden.

christmas is coming the goose is getting- at

Jeden Tag eine neue Überraschung hinter den Türchen des smow Adventskalenders ...

smow Blog kompakt: HeuHütten.BergBauern.LandSchafft im Schwäbisches Bauernhofmuseum Illerbeuren

27. November 2014

In Anbetracht unseres meist auf den urbanen Raum fixierten Blickes vergessen wir schnell, dass sozialer und kultureller Wandel und die damit verbundenen Probleme, Herausforderungen und Möglichkeiten sich nicht auf Städte beschränken, sondern auch im ländlichen Raum von Relevanz sein können. Eine Ausstellung mit Fotografien des Ostrachtals, aufgenommen vom einheimischen Fotografen Christian Heumader, versucht diesen Standpunkt zu untermauern.

Präsentiert wird die Ausstellung als Teil des Architekturforum-Programms “Allgäus LandLuft” im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren nahe Kempten im Allgäu. Einerseits will die Ausstellung den Veränderungen auf den Grund gehen, die sich im Ostrachtal vollziehen, und die Besucher auf der anderen Seite daran erinnern, weshalb es wichtig ist, diese Veränderungen ebenso gewissenhaft zu beäugen wie man es auch im urbanen Raum erwarten würde.

Die ausgestellten Fotografien sind alle schwarz-weiß. Und wie viele wissen werden, bringt uns wirklich nichts so in Rage wie zeitgenössische Schwarzweißfotografie. Insofern übergehen wir diesen Punkt und wenden uns lieber dem Kontext zu – was wir auch allen anderen raten würden.

Die Ausstellung basiert auf Fotografien aus Christian Heumaders Buch “HoibatDie Geschichte der Berwiesen im Ostrachtaland” von 2011 und dem Band “Stadel und Schinde – Hütten und Fluren der Hindelanger Bergbauern” von 2013, die typische Gebäude der Landwirtschaft, Strukturen und Konstruktionen der Region (häufig in verschiedenen Stadien des Verfalls) und Bilder der regionaltypischen in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung zeigen – seien das ältere Menschen, die ihr ganzes Leben im Tal verbracht haben, oder jüngere, die dieses Schicksal wohl nicht teilen werden.

Vor allem zeigen die Fotografien über das Ostrachtal, dass ein solches Tal nicht nur für Sonntagsausflüge existiert. Sie machen deutlich, weshalb es wichtig ist, dass sich um eine solche Gegend gesorgt wird und sie erklären, geht man einen Schritt weiter, dass demografischer Wandel, sozialer Druck, technologischer Fortschritt und Identitätsstiftung ebenso ländliche wie urbane Probleme sind. Die Probleme ländlicher Regionen in Westeuropa ähneln also denen der Regionen Afrikas, Asiens, Südamerikas oder des östlichen Russlands; für die sich Dokumentationen normalerweise interessieren.

“HeuHütten.BergBauern.LandSchafft” ist im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren, Museumstrasse 8, 87758 Kronburg (Illerbeuren) noch bis Sonntag, den 30. November zu sehen.

HeuHütten.BergBauern.LandSchafft at the Schwäbisches Bauernhofmuseum Illerbeuren

Eckwiesen Hinterstein, HeuHütten.BergBauern.LandSchafft im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren (Foto © Christian Heumader)

Orgatec Köln 2014: Vitra

25. November 2014

Im Vergleich zur jährlichen Möbelmesse IMM Cologne erscheinen einem die Flure und Hallen der Kölner Messe, bei der alle zwei Jahre stattfindenden Orgatec merkwürdig leer – jedenfalls bis man den Stand von Vitra und so die Besuchermengen erreicht.

Vitras fast schon natürliche Anziehungskraft hängt ohne Frage mit den hochkarätigen internationalen Designern zusammen, die für das Vitra Portfolio im Bürobereich verantwortlich sind. Im Jahr 2014 wurde dieses Programm u.a. durch neue Kollaborationen mit Konstantin Grcic und Antonio Citterio sowie einer Reedition einiger Arbeiten von Jean Prouvé erweitert.

Orgatec Cologne 2014 Vitra Konstantin Grcic Allstar office chair Hack table

Allstar Bürostuhl und Hack Tisch von Konstantin Grcic für Vitra, gesehen auf der Orgatec Köln 2014

Das allgemeine Thema der Präsentation von Vitra auf der Orgatec 2014 war “Workstyles”. In diesem Sinne wurde der Stand in eine Reihe von Workstyles unterteilt, die jeweils die Arbeit eines Designers repräsentieren. Das mediale Highlight war dabei ohne Frage der Hacker Workshop mit Konstantin Grcics Allstar Bürostuhl und seinem Hack Tisch. 

Bekanntermaßen arbeitete Grcic ja mit Jasper Morrison zusammen, bevor er sein eigenes Studio eröffnete, und es ist irgendwie passend, dass genau dann, wenn das Bröhan-Museum Berlin einige Arbeiten von Jasper Morrison aus den 1980er Jahren zeigt, Konstantin Grcic einen Stuhl lanciert, der an dieses Jahrzehnt erinnert.

Für Konstantin Grcic war die Intention des Stuhls einfach: “Ich wollte einen Bürostuhl entwickeln, der nicht der Typologie eines Bürostuhls entspricht”, erklärt er, “um von der Idee des Bürostuhls als Maschine wegzukommen und etwas zu kreieren, das eher einem Stuhl gleicht, also einem weniger anspruchsvollen Stuhl, der problemlos an unterschiedlichen Orten genutzt werden kann.”

Auf den ersten Blick hat Grcic das sicherlich erreicht, zumindest denkt man nicht gleich: “Oh, ein Bürostuhl!” Allerdings erinnert die kurvige Form an die ersten Bürostühle der 1840er Jahre und ist gewissermaßen von einer dünnen Schicht 1980er-Jahre-Staub bedeckt.

Sehr gut gelungen ist es Konstantin Grcic allerdings, die Technik zu verstecken. Der Allstar Bürostuhl hat eine höhenverstellbare Rückenlehne, eine flexible Sitzhöhe, lässt sich nach vorn und zurück neigen und ist drehbar. Und darauf würde man beim Anblick des Stuhls wirklich nicht kommen.

Darüber hinaus präsentiert Vitra Konstantin Grcics neues Hack Tisch Konzept, so wie vor zwei Jahren das Cork Desk Konzept von Ronan und Erwan Bouroullec. Allerdings können wir uns vorstellen, dass der Hack Tisch vor dem Cork Desk auf den Markt kommen wird, weil Hack wirklich ein neues Konzept und nicht bloß ein neues Produkt für den Büromöbelbereich ist. Zusammengeklappt nimmt der Tisch als in sich geschlossene Kiste wenig Platz ein, ausgepackt ist Hack ein höhenverstellbarer Tisch mit eigenen Raumteilerwänden. Als solches definiert Hack “flexibles” Büromobiliar neu, weil der Tisch nicht nur hinsichtlich des Gebrauchs im Büro, sondern auch in Sachen Transport und Lagerung flexibel ist. Das heißt mit Hack können völlig neue Nutzungskonzepte entstehen.

Beide, Allstar und Hack, sind natürlich Produkte, die sich in erster Line an einen jüngeren Markt, Startups und dergleichen richten. Konstantin Grcic sieht das jedoch nicht zwangsläufig so: “Ich denke die beiden sind Objekte, die ihren Platz in modernen Büros haben, ganz egal wie groß oder neu das Unternehmen ist. Das moderne Büro ist nicht mehr das, was es mal war, und unterliegt heutzutage nicht selten einem ständigen Wandel. Und dieser Fakt trifft nicht nur auf junge Firmen, sondern genauso auf etablierte Unternehmen zu.”

Orgatec Cologne 2014 Vitra Konstantin Grcic Allstar office chair Hack table

Allstar Bürostuhl und Hack Tisch von Konstantin Grcic für Vitra, gesehen auf der Orgatec Köln 2014

Sehr viel klassischer ist der Industrial Workshop mit der Präsentation einer Reihe von Jean Prouvé Reeditionen, von denen der Fauteuil Direction Pivotant Bürostuhl ohne Frage das Highlight ist. Der Stuhl, eine wirklich monströse Konstruktion, ist höhenverstellbar, verfügt über einen Kippmechansimus, der auf das Gewicht reagiert, und steht so in fast perfektem Kontrast zu Grcics Allstar. Wir behaupten nicht, der eine wäre besser als der andere, es handelt sich einfach um zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen.

Darüber hinaus umfasst die neue Prouvé Kollektion den Bureau Métallique Tisch, den Fauteuil Direction Besucherstuhl, die Petite Potence Wandleuchte und die Tischlampe Lampe de Bureau. Insbesondere Letztere ist ein wirklich großartiges Stück. Alles in allem eine gute Erinnerung daran, dass gutes Design und die einfachste Lösung häufig eins sind, und dass man, will man Objekte entwickeln, die auch noch für kommende Generationen relevant sein sollen, über handwerkliche Grundlagen und ein gutes Gespür für Maßstab und Proportion verfügen sollte.

Überlasst “Style” und “Trends” der Modeindustrie und konzentriert euch auf eure Arbeit!

Orgatec Cologne 2014 Vitra Jean Prouve Lampe de Bureau

Lampe de Bureau von Jean Prouvé durch Vitra, gesehen auf der Orgatec Köln 2014

Die dritte große Workstyle Installation namens Innovation Workstyle Atelier ist Ronan & Erwan Bouroullecs Workbay Familie gewidmet; kein neues Produkt, aber ein Konzept, das je nachdem was die Bouroullecs daran tun, immer weiter wächst. Ein solches System verfügt über eine immanente Logik und die Art und Weise, wie die Bouroullecs dieses System entwickeln, macht diese Logik nicht nur sichtbar, sondern auch die Argumente für andere Systeme zunichte.

Neben den Workstyle Installationen nutzt Vitra die Orgatec 2014 auch für die Präsentation der Charles und Ray Eames Soft Pad Chairs in neuen Farben, um den neuen Grand Executive Bürostuhl von Antonio Citterio – eine Arbeit, die aus seinem Grand Repos Lounge Chair entstanden ist – vorzustellen und den Super Fold Table, ein Café-Tisch, der mit einer Hand zusammengeklappt werden kann, des eingangs erwähnten Jasper Morrison zu zeigen.

Hier ein paar Eindrücke vom Vitra Stand auf der Orgatec 2014:

5 neue Designausstellungen im November 2014

12. November 2014

Es sind jetzt 12 Monate, seitdem wir begonnen haben, Empfehlungen für kommende Architektur- und Designausstellungen zu schreiben, die auf nichts anderem als Pressemitteilungen oder PR-Texten beruhen. Ein Jahr also, in dem wir 60 Ausstellungen empfohlen haben, die uns gut, sehenswert und unterhaltsam erschienen und das in den meisten Fällen auch waren.

Anlass genug also für uns damit weiterzumachen. Um den ersten Geburtstag der “5 neuen Designausstellungen” zu feiern, hier also 5 neue Designausstellungen für November 2014.

“Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt” in der Staatsgalerie Stuttgart

Man kann wohl sagen, dass nur wenige Ausstellungen eine derart lange Vorbereitung benötigen wie die kommende Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart, “Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt”. Die Tatsache, dass das Museum und vor allem die Kuratorin Dr. Ina Conzen fast ein ganzes Jahrzehnt an der Ausstellung gearbeitet haben, die dem deutschen Maler, Designer, Choreographen und ehemaligem Leiter des Wandgemälde-, Bildhauerei- und Theaterseminars des Bauhauses gewidmet ist, hat weniger mit der Stuttgarter Arbeitsmoral als vielmehr mit Konflikten innerhalb und mit der Familie Oskar Schlemmers zu tun. Diese Konflikte bedeuteten, dass jeder Ausstellung von Werken Oskar Schlemmers unvermeidlich juristische Schritte wegen Missbrauchs an den Rechten der Werke gefolgt wären. Im Januar 2014 sind die Rechte an Oskar Schlemmers Werken jedoch verfallen und die Staatsgalerie Stuttgart kann die Retrospektive nun auch ohne Angst vor juristischen Konsequenzen zeigen. Mit ungefähr 250 Malereien, Skizzen, Skulpturen und Fotografien sowie mit den originalen Kostümen aus Schlemmers Triadischem Ballett verspricht “Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Ära” die bisher umfangreichste Untersuchung einer wirklich faszinierenden Persönlichkeit zu werden. Und weil wir so lange darauf warten mussten, wird die Ausstellung bestimmt umso besser.

“Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt” wird von Donnerstag, den 20. November 2014, bis Montag, den 6. April 2015, in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, 70173 Stuttgart gezeigt.

Oskar Schlemmer - Visionen einer neuen Welt

"Der Abstrakte" - aus Oskar Schlemmers Triadischem Balett. Voraussichtlich zu sehen in Oskar Schlemmer - Visionen einer neuen Welt (Foto mit freundlicher Genehmigung der Staatsgalerie Stuttgart)

“How do we pronounce design in Portuguese” im MUDE – Museum für Design und Mode, Lissabon, Portugal

Mit seiner kommenden Ausstellung wird das MUDE in Lissabon versuchen eine Essenz des portugiesischen Designs seit 1980 aufzuzeigen und zu untersuchen. Mit einem auf traditionellen Genres und Materialien gerichteten Fokus, wie beispielsweise Textilien, Keramiken, Glas und Kork, hat sich “How do we pronounce design in Portugeuese” nicht nur vorgenommen, einen kompletten Überblick zum zeitgenössischen portugiesischen Design abzuliefern, sondern auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden wichtigsten Zentren des portugiesischen Designs, Lissabon und Paredes, zu untersuchen. Wie bereits gesagt, und wir sagen es immer gerne wieder, beheimatet Portugal eine faszinierende und sehr liebenswürdige Designcommunity, die einerseits ein Gespür für die Traditionen der Region hat, mit diesen Traditionen andererseits aber auch in der heutigen Zeit umzugehen weiß. Diese Community braucht nur noch eine starke Stimme!

“How do we pronounce design in Portuguese” ist vom 27. November 2014 bis 30. März 2015 im MUDE – Museum für Design und Mode, Rua Augusta, nº 24, 1100-053 Lissabon zu sehen.

spore vase Paulo Sellmayer eindhoven

Vielleicht unser liebstes portugiesisches Design: Spore Vase von Paulo Sellmayer, hier bei Made Out Portugal, Eindhoven

“Constructing Text. Swiss Architecture Under Discussion” im Schweizer Architekturmuseum Basel, Schweiz

Die Feder ist bekanntlich mächtiger als das Schwert. In der Architektur ist hingegen wohl eher das Foto mächtiger als die Feder. Nach der Ausstellung “Building Images” wird sich “Constructing Text, Swiss Architecture Under Discussion” mit der Rolle des geschriebenen und gesprochenen Wortes in der Architektur beschäftigen, grundsätzlich also mit der Rolle, die die Architekturkritik hinsichtlich der Entwicklung von Projekten und deren Wahrnehmung durch Fachleute und die breite Öffentlichkeit spielt. Grob gesagt geht es also darum zu untersuchen, welche Relevanz der Architekturkritik zukommt. Zu diesem Zweck untersucht die Ausstellung 15 Projekte der vergangenen 40 Jahre, darunter das Atomkraftwerk Kaiseraugst, die Entwicklung der Europaallee in Zürich und der Roche Tower Basel (Bau 1), die beispielhaft für die Interaktion zwischen Wort und Architektur stehen. Und auch wenn die Ausstellung sehr deutlich macht, dass der Fokus auf Schweizer Architektur und Schweizer Architekten liegt, werden die präsentierten Schlussfolgerungen und Argumente natürlich auch global geltend sein – nehmen wir jedenfalls mal an!

“Constructing Text. Swiss Architecture Under Discussion” wird am Samstag, den 1. November 2014, im S AM Schweizer Architekturmuseum, Steinenberg 7, CH-4051 Basel eröffnet und läuft dort bis Sonntag, den 22. Februar 2015.

Constructing Text. Swiss Architecture Under Discussion opens at S AM Swiss Architecture Museum

Roche Tower Bau 1 (Foto: Marcel Rickli, mit freundlicher Genehmigung des S AM Schweizer Architekturmuseum)

“Making Music Modern: Design for Ear and Eye” im Museum of Modern Art MoMA, New York, USA

Zwischen Musik und Design besteht nicht nur schon immer ein enges und zuträgliches Verhältnis, auch die Parallelen zwischen beiden sind erstaunlich: Es gibt eine Vielzahl an Genres, die man mögen kann oder nicht; regelmäßig entwickeln sich neue Strömungen, die bestehende Normen in Frage stellen; es werden frühere Stile von jüngeren Generationen adaptiert; es besteht ein gefährlicher Hang zum Kitsch; ein Großteil der Bevölkerung ist sich bei ein paar populären Arbeiten einig, sie seien die wichtigsten und stilbildenden Klassiker; beide sind allgegenwärtig usw. Tatsächlich scheint der einzig wahrnehmbare Unterschied zwischen beiden darin zu bestehen, dass Musik ein grundsätzlich reaktives Medium ist – sie kann eine gegebene Situation kommentieren und vorschlagen, dass eine Alternative notwendig sein könnte, während das Design nicht nur kommentieren, sondern auch aktiv reagieren und eine Alternative entwerfen kann. Um diese geschwisterliche Verbindung zu ehren, hat das MoMA New York seine Archive geplündert und eine Ausstellung kuratiert, die sich mit dem Beitrag des Designs zur Musik beschäftigt, beispielsweise im Zusammenhang mit Instrumenten, Marketing, Auditorien, Plattenspielern usw. Neben Arbeiten von Leuten wie Hans Poelzig, Dieter Rams, Hiroshi Ohchi und (unausweichlicher Weise) Sir Jonathan Ive verspricht die Ausstellung auch Arbeiten von Charles Rennie Mackintosh und Lilly Reich (keine Ahnung welche, aber bestimmt sehr faszinierende!) zu zeigen.

“Making Music Modern: Design for Ear and Eye” ist zu sehen im Museum of Modern Art, 11 West 53 Street, New York, NY 10019 vom 15. November 2014 bis 15 November 2015. Ja, das ist ein ganzes Jahr!

Hans Poelzig. Concert Hall Project, Dresden, Germany, Interior perspective of preliminary scheme

Hans Poelzig. Projekt Konzerthalle, Dresden, Interior perspective of preliminary scheme (Foto mit freundlicher Genehmigung vom Museum of Modern Art MoMA, New York)

“Vanity of Object: Tom Vack – Design Photography” in der Neuen Sammlung – The International Design Museum München

In etwa so wie Aldo und Marirosa Ballo in den 1950er und 60er Jahren die kommerzielle Möbelfotografie nachhaltig geprägt haben, hat auch Tom Vack die Produkt- und vor allem die Möbelfotografie seit den 1980er Jahren beeinflusst und definiert. Während allerdings für Aldo und Marirosa Ballo und ihresgleichen das Ziel der Fotografie darin lag, das Objekt in ein möglichst opportunistisches Licht zu rücken, legt Tom Vack den Fokus auf die Komposition des Fotos selbst. Seine Fotografien scheinen häufig eher zufällig ein Produkt abzubilden und man erkennt dieses oftmals erst auf den zweiten Blick. Nach seinem Umzug von Amerika in den 1980er Jahren, arbeitete Vack schnell mit Leuten wie Michele De Lucchi und der experimentellen postmodernen Szene Mailands zusammen, bevor er eine 10-jährige Zusammenarbeit mit Phillipe Starck als dessen persönlicher Fotograf begann. Diese Zusammenarbeit war in vielerlei Hinsicht für die Entwicklung von Phillipe Starcks medialem Erfolg verantwortlich. Darüber hinaus hat Tom Vack eng mit Designern wie Ron Arad, Ingo Maurer und Marc Newson zusammengearbeitet. Das Resultat ist ein breit gestreutes Portfolio u.a. mit Aufnahmen im ruhigen Stil romantischer Kunst, Arbeiten, die eher über die experimentelle Freiheit des frühen Computertzeitalters verfügen, bis hin zu Bildern, die mehr gerendert als fotografiert erscheinen. Hinzu kommt eine beneidenswerte Liste von Klienten, wie Magis, ClassiCon, Flos, Thonet und Nils Holger Moormann. Und ja, Tom Vack hat für Vitra auch einen Tom Vac fotografiert. Wir würden uns nicht gerade als die größten Fans von Tom Vack bezeichnen, aber wir haben großen Respekt vor seinen Arbeiten, seinen künstlerischen und ästhetischen Visionen und vor allem vor dem Einfluss, den er auf das gesamte Genre hatte. Mit ungefähr 200 Fotografien von Tom Vack aus den letzten drei Jahrzehnten verspricht “Vanity of Object” eine gute Gelegenheit zu werden, um sein Oeuvre besser verstehen zu können und schätzen zu lernen.

“Vanity of Object: Tom Vack – Design Photography” wird zwischen dem 8. November 2014 und 25. Januar 2015 in der Neuen Sammlung - The International Design Museum, Barerstrasse 40, 80333 München gezeigt.

Tom Vack Tom Vac

Tom Vac von Tom Vack (Design Ron Arad, 2004) (Foto © Tom Vack, mit freundlicher Genehmigung der Neuen Sammlung – The International Design Museum, München)

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

10. November 2014

In seinem Film “Moderne Zeiten” von 1936 gerät Charlie Chaplin bekanntermaßen in die Mühlen des Fortschritts. Der Film ist eine kurze, aber scharfe Kritik an den Problemen und Herausforderungen, die technologischer und sozialer Wandel für den “kleinen Mann” mit sich bringen.

Über ein Jahrzehnt später hatte auch der ungarische Künstler und Autor László Moholy-Nagy damit begonnen, die Probleme und Herausforderungen der Moderne zu studieren. Er setzte sich mit dem rasanten technischen Fortschritt und der damit verbundenen Flut an neuen sensorischen Erfahrungen auseinander. Jetzt präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin in seiner Winterausstellung 2014/15 nicht nur eine tiefgründige Untersuchung László Moholy-Nagys und seiner Arbeit, sondern befasst sich auch mit der Relevanz dieser Arbeiten für unsere “Moderne”.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

Anfänglich wollte der 1895 im ungarischen Bácsborsód geborene László Moholy-Nagy eine juristische Laufbahn einschlagen. Seine Pläne änderten sich jedoch, als er die Kunst der Avantgarde und die Literatur für sich entdeckte – zuerst durch die Budapester Aktivistenbewegung und danach durch den Dadaismus und russischen Konstruktivismus. Im Jahr 1920 zog Moholy-Nagy nach Berlin. Dort machte er sich mit den Ideen der Reformpädagogik vertraut, veröffentlichte seine ersten programmatischen Texte und nahm erstmals an Ausstellungen teil, bevor ihn Walter Gropius 1923 auswählte, Johannes Itten als Tutor des berühmten Vorkurses am Bauhaus Weimar zu ersetzten.

Moholy-Nagy zog zwar noch mit der Institution nach Dessau um, verließ das Bauhaus allerdings bereits 1928, um sein eigenes Studio in Berlin zu eröffnen. Mit dem Erstarken der NSDAP sah sich Moholy-Nagy, wie so viele andere seiner Zeitgenossen, zur Emigration gezwungen und ging über Amsterdam, London und Brünn schließlich nach Chicago.

1937 versuchte László Moholy-Nagy den Geist des Bauhauses mit dem sogenannten “New Bauhaus” College in Chicago wiederzubeleben – ein unglückliches Unterfangen, das wegen fehlender Mittel schon ein Jahr später wieder aufgegeben wurde. Daraufhin gründete Moholy-Nagy die Chicago School of Design, die sich schließlich in das heutige Illinois Institute of Technology, Institute of Design entwickeln sollte. László Moholy-Nagy starb am 24. November 1946 in Chicago.

Die von Professor Oliver Botar von der University of Manitoba, School of Art initiierte Ausstellung “Sensing Future” soll untersuchen, wie László Moholy-Nagy in seiner Kunst und Lehrtätigkeit einerseits versuchte, die exponentiellen technologischen Veränderungen der 1920er Jahre zu verstehen und wie er andererseits insgesamt dabei mitwirkte, die Bevölkerung auf die Zukunft vorzubereiten – vor allem dabei auf die Zukunft der Medien.

“László Moholy-Nagy fühlte, dass die Kunst das beste Mittel sei, um den Menschen beim Umgang mit dem Ansturm von Sinneseindrücken zu helfen”, erklärt Oliver Botar, “er wollte uns beibringen, wie wir unsere Sinne vollständig nutzen könnten. Aber auch die Kunst selbst sollte dabei helfen. Er meinte, wenn Kunst eine sinnliche Herausforderung wäre, könnte diese Herausforderung in einer kontrollierten Situation den Menschen helfen sich besser den Veränderungen ihrer Zeit anzupassen.”

Und so wie Fritz Haller eine Weltraumkolonie designte, um klarer über irdische Architektur und Stadtentwicklung nachdenken zu können, so dachte sich Moholy-Nagy, dass eine künstlerisch anspruchsvolle Umgebung uns helfen würde die technologische Realität anzunehmen und zu verstehen.

Ein Beispiel dafür, wie Moholy-Nagy die Rolle und Funktion der Kunst begriff, ist sein Poly Cinema, ein Raum, in dem mehrere Filme gleichzeitig auf eine gewölbte Oberfläche projiziert werden, und ein Konzept, das den Betrachter zunächst zwar überfordert, ihn schließlich aber dazu zwingt, einen Weg zu finden, die Informationsflut zu kontrollieren und Ordnung in das Chaos zu bringen. “Sensing the Future” zeigt eine Rekonstruktion eines solchen Poly Cinemas, das alle Besucher selbst ausprobieren können. Auf diese Weise erkennt man, dass László Moholy-Nagy und seine Zeitgenossen vor Problemen standen, die heute so relevant wie damals sind: zunehmende und schnellere Reproduzierbarkeit durch neue Medien, neue Produktionsprozesse, Werbung, Globalisierung … László Moholy-Nagy mag sich nicht über neue Apps, 3D-Drucker und virtuelle Viren den Kopf zerbrochen haben, dafür waren es damals eben die Fotografie, der Film und das Automobil.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Mobile Skulptur Floe von Erika Lincoln

Moholy-Nagy half nicht nur der Gesellschaft, die Zukunft besser zu verstehen, er dachte auch darüber nach, wie man neue Technologien für die Anpassung der Menschen nutzen könnte. Ein Beispiel dafür ist seine sogenannte Konstruktionsorgel, von der auch eine Nachbildung in der Ausstellung zu sehen ist. Bei einer Präsentation der Konstruktionsorgel im Jahr 1938 argumentierte László Moholy-Nagy, visuelle Bilder hätten derart an Bedeutung gewonnen, dass die Kommunikation durch visuelle Bilder ein alltäglicher Vorgang würde. Da jedoch die Kosten der Fotografie ungeheuer hoch seien, würden sich diejenigen, denen der Zugang zur Fotografie und damit die Erfahrung Bilder zu komponieren und zu entwickeln, verwehrt bliebe, zu den Analphabeten der Zukunft entwickeln. Folglich waren technische Hilfsmittel nötig, um die Bildkomposition für alle zugänglich zu machen. Die Konstruktionsorgel ist eines dieser Hilfsmittel. Gewissermaßen ist sie so etwas wie Photoshop anno 1938. Nur mit auf Lochkarten gesicherten Bildern.

Hier besteht auch eine Analogie zu unserer heutigen Situation der Smartphones und mobilen Computer: Diejenigen, denen der Zugang verwehrt bleibt, riskieren zurück zu bleiben bzw. nicht in der Lage zu sein, Hotels und Konzerttickets zu buchen oder herauszufinden, wann der nächste Zug fährt.

Heutzutage denkt man wahrscheinlich eher an Designer, wenn es um die Lösung sozialer und kultureller Probleme geht, eine der andauerndsten Hinterlassenschaften des Bauhauses ist jedoch auch die Entwicklung des Designs aus der Kunst mittels angewandter Kunst. Aber spielt die Kunst wirklich noch eine Rolle, wenn es darum geht, unsere Umwelt besser zu verstehen? Oder haben wir uns schon darüber hinaus entwickelt?

“Ich denke, Kunst ist in dieser Hinsicht immer noch sehr wichtig”, antwortet Oliver Botar unmissverständlich. Der Impetus, die Welt und ihre Veränderungen verstehen zu wollen, muss allerdings beim Künstler liegen. “László Moholy-Nagy meinte, Künstler müssten sich mit jeder neuen Technologie beschäftigen, ganz egal welcher”, fährt Oliver Botar fort. “Künstler sollten vor der Technik keine Angst haben und mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Wenn Künstler dazu in der Lage sind, gibt uns das allen Mut, uns auf neue Technologien einzulassen.”

Daher zeigt “Sensing the Future” neben Gemälden, Skulpturen, Plänen, Installationen, Fotografien und Filmen von László Moholy-Nagy auch aktuelle Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die die Philosophie László Moholy-Nagys fortführen.

Die sehr offen und klar strukturierte Ausstellung “Sensing the Future” liefert nicht nur eine exzellente Einführung zu László Moholy-Nagy, sondern hilft uns auch zu verstehen, dass egal, als wie schnell wir die Entwicklung unserer Gesellschaft einschätzen, sie vor 100 Jahren auch nicht langsamer war. Folglich können wir auch vieles von früheren Generationen lernen, wenn es darum geht, sich neuen Technologien anzupassen und sich auf die Zukunft einzulassen.

“László Moholy-Nagy meinte, es wäre sehr wichtig, dass der Mensch die Kontrolle über die Technologie behalte, bevor wir von der Technologie kontrolliert würden,” fügt Olivar Botar hinzu. “Das war einer seiner Grundsätze und ich denke, das ist auch heute ein wichtiger Grundsatz. Schließlich fühlen wir uns alle zeitweise überfordert.” Und wir alle geraten zeitweise zwischen die Räder wie damals Charlie Chaplin.

“Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” ist bis Montag, den 15. Januar 2015 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin zu sehen.

Alle Details einschließlich der Informationen zum Rahmenprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

smow Blog kompakt: Sächsischer Staatspreis für Design 2014 – Die Gewinner

07. November 2014

Am Freitag, den 24. Oktober, wurden die Gewinner des Sächsischen Staatspreises 2014 bei einer zweifellos angemessen prachtvollen Feierlichkeit in Leipzig bekannt gegeben.

Unter dem Motto “Mehr Wert durch Design” wurden für die 2014er Ausgabe des zweijährig stattfindenden Wettbewerbs Projekte gesucht, die für das Potential des Designs in unserer modernen, postindustriellen Industriegesellschaft stehen. Und wahrscheinlich sollen diese Designs, auch wenn es nicht explizit gesagt wurde, auch ein Potential repräsentieren, das von den vielen talentierten Designern Sachsens an eine Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen in Sachsen weitergegeben wird.

Anfang September hat die Jury 35 Projekte aus 261 eingegangenen Bewerbungen nominiert und 14 davon ausgezeichnet.

In der Kategorie Produktdesign gingen der erste Preis und das dazugehörige Preisgeld von 10.000 Euro an Neongrau aus Dresden für ihr Pendix 1.0 System für die Zwickauer Herms Drives GmbH. Pendix 1.0 ermöglicht es, jedes normale Fahrrad in ein Elektrofahrrad zu verwandeln, ohne dass irgendwelche komplexen und kostspieligen Umbauten nötig wären. Grob gesagt, man klemmt es einfach fest und kann sein altes Fahrrad als Elektrofahrrad nutzten.

Sächsischer Staatspreis für Design 2014 neongrau Pendix 1.0 Herms Drives GmbH

Pendix 1.0 von Neongrau für Herms Drives GmbH. 1. Platz Produktdesign, Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Der zweite Preis ging an den in Frankenberg ansässigen Designer Marcel Kabisch für seinen selbst hergestellten und vertriebenen Stuhl und Beistelltisch Griffbereit – ein solides Objekt aus Eschen- und Buchensperrholz, das auf die derzeitige Vorliebe der Möbelindustrie für transportable Metalltische anspielt. Das gelingt Griffbereit in direkter und zugänglicher Form.

Sächsischer Staatspreis für Design 2014 Griffbereit Marcel Kabisch FEINSERIE

Griffbereit von Marcel Kabisch für Feinserie. 2. Platz Produktdesign, Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Zur Vervollständigung des Podiums und des Spektrums an zeitgenössischem Produktdesign ging der dritte Preis an FABian der Berliner Agentur formfreun.de für Cell. Copedia GmbH. Wir werden besser gar nicht erst so tun, als wüssten wir, was FABian ist oder kann, alles was wir wissen, ist, dass es sich um eine vollautomatische Anlage handelt, die Proteine oder Zellen aus biologischen Suspensionen trennt.

Sächsischer Staatspreis für Design 2014 FABian formfreun.de Cell. Copedia GmbH

FABian von formfreun.de für Cell. Copedia GmbH. 3. Platz Produktdesign, Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Außerdem wurden die folgenden Projekte in den folgenden Kategorien ausgezeichnet.

Kommunikationsdesign:
1. Umwelt- und Nachbarschaftshaus Kelsterbach, Intolight, Hersteller: Gemeinnützige Umwelthaus GmbH

2. Buchgestaltung „Schönheit & Last – Bildnisse vom Alter“ von Oberberg . Seyde für Cajewitz-Stiftung

3. Buchgestaltung »Mascha und der Bär« von Renate Wacker für Kunstanstifter Verlag e.Kfr.

3. Auswahl aus dem Verlagsprogramm Spector Books 2012-2014 von Spector Books / Spectormag GbR, Jan Wenzel für Spector Books / Spectormag GbR.

Nachwuchspreis:
1. Mähdrescherstudie mit neuartigem Klappschneidwerkskonzept von Christoph Philipp Schreiber

2. My way. Materialstudie – Kiefernnadeln / Textildesign an der Burg: I did it my way! von Katharina Jebsen

3. Schuko-plug-twisted von Christoph Uckermark

Anerkennung Nachwuchsdesign in Verbindung mit SP Leipziger Messe. EVOLVE – Lightweight Trekkingzelt von Ingo Schuppler und Jonas Schwarz

Sonderpreis “Apps – mobile neue Medien”:

Anerkennung: Abflug – Take-Off! Die lustige Wimmelreise für kleine Passagiere. von APPSfactory GmbH Dr. Alexander Trommen für Lufthansa AG

Anerkennung: ifdesign.awards von APPSfactory GmbH Dr. Alexander Trommen für IF International Forum Design GmbH

Anerkennung: Solarwatt Energie Portal von Neongrau GbR (Design) und Kiwigrid GmbH (Programmierung) für Solarwatt GmbH

Gratulation an alle!

Mehr Details zum Sächsichen Staatspreis für Design 2014 sind unter www.design-in.sachsen.de zu finden. Der Hocker und Beistelltisch Griffbereit von Marcel Kabisch ist über smow Chemnitz erhältlich.

 

Sächsischer Staatspreis für Design 2014