Reihe Chemnitzer Kreativität: Silbærg Snowboards

September 1st, 2014

In der Vergangenheit haben wir uns zugegebenermaßen manchmal etwas harsch über Chemnitz geäußert. Unberechtigterweise, wie manche, oder eigentlich ziemlich viele, Leser anmerkten.

“Kommt schon. Chemnitz ist nicht so schlecht”, war die einhellige Meinung.

Also entschieden wir uns, mal etwas genauer hinzusehen und unsere Vorurteile hinter uns zu lassen. Kurzum, statt immer nur das Schlechte zu sehen, haben wir mal einen Blick auf die aktuelle Kreativszene in Chemnitz geworfen. Angefangen bei dem Snowboard-Hersteller Silbærg.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes der TU Chemnitz ins Leben gerufen, machen die Silbærg Snowboards Gebrauch von der sogenannten Anisotropic Layer Design (A.L.D.) Technologie, mit der eine ganz neue Form von Snowboard geschaffen werden kann. Genau gesagt zeichnen sich die Boards dadurch aus, dass sich die Kanten entsprechend der Fahrsituation verformen. Wird mit dem Silbærg Snowboard eine Kurve gefahren, drückt sich die Kante in den Schnee und erhöht spürbar den Kantenhalt. Beim Boardslide dagegen hebt sich die Kante vom Rail ab, sodass ein Verkanten erschwert wird und sich die Kante nicht am Rail abnutzt.

Diese Innovation erfreut nicht nur die Boarder und Kritiker, sondern wurde auch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt gewann der Silbærg Carvomat Pro Carbon den Plus X Award für seine Innovativität, hohe Qualität, das Design und Funktionalität. 2014 wurde Silbærg beim Plus X Award außerdem in der Kategorie “Innovativste Marke” anerkannt.

silbaerg

Bis zur Forschungsarbeit von Silbæerg Gründer Jörg Kaufmann wurden derartige anisotropiebedingte Koppeleffekte nur in theoretischen Projekten betrachtet, welche den Prototypenstatus nicht verlassen haben. Laut Silbærg sind ihre Snowboards nun die ersten, die mit der Technologie in Serienproduktion gegangen sind.

Wir haben uns mit Jörg Kaufmann getroffen und mit ihm über die Boards, die Technik dahinter und Chemnitz als Ort für so ein Projekt gesprochen. Zuerst wollten wir jedoch wissen, ob am Anfang die Lust neue Snowboards zu entwickeln oder der Wunsch die A.L.D. Technologie anzuwenden stand.

Jörg Kaufmann: Ich boarde seit 1995 und je mehr Wissen über und Erfahrung mit der Technik ich gesammelt hatte, desto mehr wuchs der Wunsch in mir, die beiden Dinge miteinander zu verbinden. Die Möglichkeit bot sich dann im Rahmen meiner Doktorarbeit, in der ich anisotropiebedingte Koppeleffekte untersucht habe. Wir unternahmen unzählige Versuche mit Faserverbundplatten und als ich sah, wie die sich verformen können, war klar für mich, dass ich so eine Technologie auf Snowboards anwenden sollte.

(smow) blog: Anisotropiebedingte Koppeleffekte und Faserverbundplatten sind nichts, wovon viele Leute etwas verstehen. Ohne zu viel darüber zu verraten, was ist das Geheimnis der Funktionsweise eurer Boards?

Jörg Kaufmann: Das Geheimnis der Technologie liegt in der Ausrichtung der Fasern im Snowboard. Ein normales Snowboard hat  maschinell hergestellte Faserhalbzeuge, unsere Boards haben einen Kern, die aus bis zu 40 Stücken bestehen und von Hand in Chemnitz gefertigt werden. Die Anordnung der Fasern und die manuelle Fertigung machen den Unterschied und rufen den einzigartigen Effekt hervor.

(smow) blog: Klingt soweit ganz simpel. Aber sicher verlief die Entwicklung nicht problemlos, oder?

Jörg Kaufmann: Die Effekte, die wir in dem Board erzeugen, sind normalerweise auch von der Temperatur abhängig, wodurch es schwer war, ein Stadium zu erreichen, in dem die Boards gepresst werden konnten, ohne sich dabei zu verformen. Generell war es ein langer Prozess, den Effekt zu optimieren, weil er einen Gegenlauf beinhaltet, den richtig zu verstehen und zu integrieren, sehr kompliziert war. Im Zuge der Entwicklung haben wir über 1000 Modelle in Computersimulationen getestet, was mit klassischem Prototypen und den branchentypischen “Trail and Error”-Methoden nie möglich gewesen wäre.

(smow) blog: Aber am Ende muss man das Board mit auf einen echten Berg nehmen?

Jörg Kaufmann: Ja, wir haben sie in Zermatt in Form von anonymisierten weißen Boards, d.h. einer nicht zuordenbaren Mischung aus unseren und “normalen” Boards, getestet. Das Testteam bestand aus zehn Boardern, die jedes Board getestet und nach jeder Fahrt einen Evaluationsbogen ausgefüllt haben. Die abschließende Analyse der Daten hat eindeutig ergeben, dass die Boards mit A.L.D. Technologie besser als die herkömmlichen fuhren. Die Ergebnisse haben das gute Gefühl unserer Tester bestätigt und deutlich gemacht, dass es Sinn machen würde, eine Firma zu gründen und die Boards kommerziell herzustellen.

(smow) blog: Und was war leichter zu entwickeln, das Board oder die Firma?

Jörg Kaufmann: Sehr gute Frage! Die Entwicklung des Boards dauerte sechs Jahre und ich wusste, dass die Entwicklung der Marke, die Marktdurchdringung und die Internationalisierung schwieriger werden würden. Und wie sich herausstellte, ist es auch so. Aber es macht jeden Tag Spaß an der eigenen Marke und den eigenen Produkten zu arbeiten und in die leuchtenden Augen von begeisterten Kunden zu sehen.

(smow) blog: Die meisten Snowboarder wollen natürlich nicht nur gut fahren, sondern auch gut dabei aussehen. Wie viel Aufmerksamkeit schenkt ihr der äußeren Form eurer Boards?

Jörg Kaufmann: Im Moment werden die individuellen Faserhalbzeuge per Hand hier in Chemnitz hergestellt und die Boards selbst werden in Österreich von GST, einem der führenden Snowboardhersteller der Welt, gepresst. Zum Glück können wir dabei auf die Erfahrung von 20 Jahren Snowboardbau zurückgreifen und ihre Shapes nutzen. Die Formgestaltung ist auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt der Boards und birgt für uns einiges Entwicklungspotential, da so nicht zuletzt der Widererkennungswert der Boards gesichert wird. Aus diesem Grund forschen wir auch an eigenen Shapes, die kommen aber erst auf den Markt, wenn sie wirklich perfekt sind – so wie unsere A.L.D. Technologie.

(smow) blog: “Entwicklungspotential”… Ihr habt in Chemnitz angefangen, weil ihr dort wart. Wenn alles etwas größer wird, wollt ihr bleiben?

Jörg Kaufmann: Für uns ist Chemnitz ein sehr guter Ort und ich sehe keinen Grund nicht hier zu bleiben. Mit der engen Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz und vor allem mit dem Institut für Strukturleichtbau haben wir den perfekten Partner für Innovationen direkt vor unserer Haustür. Auch sind wir von Chemnitz aus relativ schnell in den Alpen, was sehr wichtig für den Verkauf und das Marketing während der Saison ist, und mit Oberwiesenthal haben wir den perfekten Ort für Tests gleich um die Ecke. Außerdem gibt es in Chemnitz relativ viele hochqualifizierte Studenten, was für die weitere Entwicklung des Projekts wichtig ist.

(smow) blog: Und am Ende müssen wir es einfach noch fragen: Hat man durch das Board einen Vorteil in Wettbewerben? Darf man es da überhaupt benutzen?

Jörg Kaufmann: Das Snowboard-Studenten-Team der TU Chemnitz hat bei der letzten deutschen Hochschulmeisterschaft auf Silbærg Boards in den Olympischen Disziplinen Halfpipe, Boardercross und Slopestyle je die Goldmedaille und weitere Platzierungen geholt. Ich denke, das ist Antwort genug…

Weitere Details zu silbærg Snowboards sind zu finden unter http://silbaerg.com/

 

silbaerg a l d snowboard

Das Prinzip der Silbærg A.L.D Snowboard Technologie

 

Unter Zwischen im Ampelhaus, Oranienbaum

August 28th, 2014

Im Jahr 2011 gründete eine Gruppe von dänischen Künstlern und Designern die Orangemann Stiftung und machte sich daran ein altes, verlassenes Haus im Zentrum von Oranienbaum in eine Galerie für zeitgenössische Kunst und zeitgenössisches Design zu verwandeln.

Da Oranienbaum ein Dorf mit 3000 Einwohnern ist, zudem 150 Kilometer südlich von Berlin und 80 Kilometer nördlich von Leipzig liegt und Lichtjahre vom nächsten Bahnhof entfernt ist, könnte man diesen Ort für ein solches Projekt für überaus fragwürdig halten – könnte man. Wäre da nicht die Tatsache, dass das heutige Oranienbaum 1660 vom Haus Oranien-Nassau erworben wurde und im Jahr 1683 die dänische königliche Familie mit dem Bau einer Palast- und Gartenanlage in der Mitte des Dorfes begann. Die Anlage etablierte sich schnell als Sommer- und Jagdresidenz dänischer Adliger und ihrer Gefolgsleute.

Dann kam der Krieg, die Weimarer Republik, der nächste Krieg, die DDR, dann die Wiedervereinigung und mit ihr die Chance die zerbröckelte und baufällige Hülle des einstigen Schlosses Oranienbaum zu renovieren.

Nach fast abgeschlossener Instandsetzung zeigte das Schloss Oranienbaum im Jahr 2012 die Ausstellung “Dänisches Design – Huis van Oranje”, eine Ausstellung, die sich gleich 400 Jahren dänischer Kreativität widmete. Und 500 Meter die Straße runter zeigte die Orangemann Stiftung ihre Eröffnungs- und Sommerausstellung in der neu gegründeten Galerie Ampelhaus.

2014 präsentiert das Ampelhaus “Unter Zwischen im Ampelhaus”, die dritte Sommerausstellung der Galerie und eine Ausstellung, die wunderbar unter Beweis stellt, dass das Ampelhaus auf dem besten Weg ist, ein ebenso populäres Sommerausflugsziel zu werden wie es das benachbarte Schloss einmal war.

Bram Braam Zwei Türen Birgit Severin Geheel gebroken Unter Zwischen im Ampelhaus Oranienbaum

Zwei Türen von Bram Braam und Geheel gebroken von Birgit Severin, gesehen bei Unter Zwischen im Ampelhaus, Oranienbaum

Nach ihrer Ausstellung “Use it Again” im Jahr 2012, die sich mit Wiederverwendung und Recycling in unterschiedlichsten Kontexten befasste, und der 2013 unter dem Titel “King Size: Art and Design fit for a King” stattfindenden Ausstellung mit ihrer eher königlichen Perspektive auf die gleichen Themen, geht die Galerie im Jahr 2014 mit “Unter Zwischen im Ampelhaus” zu einer Diskussion über, bei der es eher um die Auseinandersetzung mit Ästhetik, Erinnerung, Semantik und Gefühlen im Kontext von gefundenen und recycelten Objekten gehen soll. Am besten demonstriert das vielleicht die monströse Tree Trunk Bench vom Studio Makkink & Bey. Die Arbeit zählt zu den passendsten der Ausstellung, weil sie nicht nur ein Beispiel für originelle Weiterverwendung ist, sondern auch von einem niederländischen Designer in Oranienbaum entwickelt wurde. Nur eben ein Dutzend Jahre bevor das Ampelhaus in Oranienbaum entstand. Im Jahr 1999 besuchte Jurgen Bey den Ort und stieß auf die zahllosen umgefallenen Bäume, die auf dem Gelände des Schlosses Oranienbaum lagen. Deren zwangsläufige und bestechende Ähnlichkeit mit Parkbänken ließen Jurgen Bey Rückenlehnen aus Bronze entwerfen, die sich an historischen Stuhldesigns aus dem Schloss orientieren und einfach als Lehne in den als Sitz fungierenden Baumstamm gesteckt werden können. Wie es der Zufall so will, wurde nun im vergangenen Jahr auf der gegenüberliegenden Straße des Ampelhauses ein Baum gefällt. Den Stamm konnte sich das Ampelhaus-Team sichern und so in diesem Jahr ihre eigene Tree Trunk Bench präsentieren. Und das fast direkt an ihrem Entstehungsort.

Tree Trunk Bench Jurgen Bey Unter Zwischen im Ampelhaus Oranienbaum

Tree Trunk Bench von Studio Makkink & Bey, gesehen bei Unter Zwischen im Ampelhaus, Oranienbaum

Die allererste Tree Trunk Bench wurde im Rahmen des Projektes “Coleur Locale” des Studios Droog entwickelt. Das Projekt, das auch Arbeiten von Hella Jongerius, Marcel Wanders und Marti Guixé umfasste, ist eine beneidenswerte Ansammlung der vielversprechendsten niederländischen Designer unserer Zeit. “Unter Zwischen im Ampelhaus” spiegelt und erweitert in vielerlei Hinsicht diese Liste, indem Arbeiten von Designern gezeigt werden, die wohl zu den interessantesten und progressivsten Designern gehören, die die Niederlande derzeit zu bieten haben.

Dirk van der Kooij beispielsweise ist mit seinem Chubby Chair von 2013 vertreten. Für diese Arbeit nutze er ein 3D-Druck-Konzept, das er für sein Endless Projekt entwickelte, und kreierte damit einen recycelten Styroporstuhl mit einer überaus einnehmenden, comicartigen Form. Der in Amsterdam ansässige Pepe Heykoop ist hingegen mit zwei Projekten vertreten, der anarchischen Reihe “Bits of Wood” von 2012, bei der unbrauchbares Holz und wertloses Blech zu neuen Produkten verbunden werden, und mit zwei Objekten aus seiner fortlaufenden Skin Collection – einer Serie, bei der alte, vernachlässigte Objekte mit Lederresten bezogen werden. So werden unbrauchbar gewordene Gegenstände und Materialien zu neuem Leben erweckt und erhalten einen neuen Zweck und einen neuen ästhetischen Charme. Darüber hinaus zeigt “Unter Zwischen im Ampelhaus” Arbeiten von ungefähr 20 weiteren Künstlern und Designern, darunter z.B. Olaf Mooij, Isaac Monté, Bram Braam und Tejo Remy & René Veenhuizen, deren Accidental Carpet aus in Streifen geschnittenen Wolldecken an ein langsam schmelzendes Keith-Haring-Gemälde erinnert.

Allerdings kommen nicht alle Designer und Künstler aus den Niederlanden. Da gibt es beispielsweise die Installation “Geheel gebroken” der in Bielefeld geborenen und in Berlin wohnhaften Designerin Birgit Severin. Für diese Arbeit überzog sie altes angebrochenes Porzellan mit schwarzem Gummi und konservierte das Alte so in einer stabilen und sicheren Form. Allerdings bleibt das Porzellan trotz der neuen, unzerstörbaren Hülle so fragil und vergänglich wie zuvor. Lässt man es fallen wird es zerbrechen – auch wenn man es nicht sehen kann.

Oder die koreanische Designerin Bora Hong mit ihrem “Cosmetic Surgery Kingdom”-Projekt, in dem sie die Welt der Schönheitschirurgie auf die Welt des Designs überträgt. Cosmetic Surgery Kingdom ist ein weit gedachtes Projekt mit vielen Facetten. Zu sehen im Ampelhaus ist nur ein kleiner Teil davon, namentlich ein Eames DCW und ein Rietveld Rot-Blau Stuhl – beide zusammengebaut aus den dekonstruierten, unzusammenhängenden Überresten eines anderen, weniger illustren Stuhls, eines Stuhls, der gewissermaßen auf eine Schönheitsoperation angewiesen ist, um interessant, attraktiv und illuster zu wirken.

Beide, Bora Hong und Birgit Severin, sind Absolventinnen der Design Academy Eindhoven und so gibt es, auch wenn beide selbst keine Niederländerinnen sind, auch hier eine direkte Verbindung zu den Niederlanden.

Accidental Carpet Tejo Remy René Veenhuizen Unter Zwischen im Ampelhaus Oranienbaum

Accidental Carpet von Tejo Remy & René Veenhuizen und Chubby Chair von Dirk van der Kooij, gesehen bei Unter Zwischen im Ampelhaus, Oranienbaum

Von früheren Ausstellungen ist im Ampelhaus nur wenig übrig geblieben und so ist “Unter Zwischen im Ampelhaus” vor allem erfrischend, sehr passend und neu. Hinzu kommt die Erweiterung der Ausstellung in den Hof, die Ställe und Nebengebäude. Aus den vergangen Jahren wurde offensichtlich nur die Erfindung des Leerdamer Künstlers Oscar Prinsen “Überraschendes Gespräch” beibehalten. Für diese Arbeit wurden zwei Löcher in die Decke des Erdgeschosses geschnitten, unter denen ein sehr hoher Stuhl platziert wurde, sodass die Besucher über den ersten Stock hinaus miteinander kommunizieren konnten. Die Öffnung im ersten Stock blieb ohne Abgrenzungen für die Besucher. So ermöglichte “Überraschendes Gespräch” Zugang und Interaktion. Für “Unter Zwischen im Ampelhaus” ist Oscar Prinsen nun nach unten gegangen. Dieses Mal hat er das Loch in den Boden des Erdgeschosses geschnitten. Über die Öffnung erreicht man einen Stuhl im Keller und so wird diesmal, so wie ein Jahr zuvor der erste Stock, der Keller für den Besucher geöffnet, ohne tatsächlich für die Öffentlichkeit zugänglich zu sein. Der Besucher befindet sich gewissermaßen in einem Käfig, der an die für Taucher zum Beobachten von Haien erinnert. Außerdem wurde der Boden des Ampelhaus Kellers mit 1080 Keramikblumen des Rotterdamer Künstlers Onno Poiesz übersäht. Schöne fragile Keramikblumen, die zwar einladen sich wie auf einer Wiese niederzulassen und zu verweilen, einen paradoxerweise aber genau daran hindern. Folglich ist man allein gelassen und isoliert mit einem betörenden Ausblick auf die Freiheit.

Mit der Mischung aus Kunst und Design ist “Unter Zwischen im Ampelhaus” nicht gerade eine einfache Ausstellung. Es gibt zwar einfache, sehr zugängliche Teile, bei denen sehr sehr klar ist, was der Designer bzw. der Künstler demonstrieren, erklären oder auch bemängeln will, doch andere Arbeiten benötigen sehr viel mehr Zeit, Mühe und Überlegungen, die man allerdings durch die entspannte Atmosphäre des Ampelhauses und das offene Ausstellungskonzept leicht aufbringen kann.

Und ganz abgesehen von theoretischen und philosophischen Aspekten kann man “Unter Zwischen im Ampelhaus” auch auf einem recht simplen Niveau erfahren. Martijn Hesselings Kunstwerke entstehen beispielsweise aus einer faszinierenden Mischung von Zeitungen und Lack und auch vor Ron van der Endes reliefartige Wandskulpturen oder Claudy Jongstras Wandverkleidungen und -teppichen kann man sich einfach niederlassen und staunen, was wir wärmstens empfehlen würden.

“Unter Zwischen im Ampelhaus” ist bis Samstag, den 20. September, im Ampelhaus, Brauerstraße 33, 06785 Oranienbaum zu sehen.

Alle Details gibt’s unter http://ampelhaus.nl.

 

Space @ Pulpo Galerie, Lörrach

August 19th, 2014

Seit dem 4. Juni 2014 ist die Region Basel um eine zeitgenössische Designinstitution reicher: die Pulpo Galerie in Lörrach.

Geführt wird die Galerie vom Licht- und Accessoirehersteller Pulpo im Pulpo Hauptquartier. Im Grunde ist die Pulpo Galerie nicht nur Galerie, sondern auch Pulpo Showroom, Büro, Zeitschriftenladen und Pulpo Café.

In erster Line aber Pulpo Galerie.

Die Eröffnungsausstellung “Space” zeigt aktuelle Arbeiten des Malers Daniel Richter, des Bildhauers Tobias Rehberger und des aus Basel stammenden Künstlers und Grafikdesigners Christoph Göttel, darunter eine Serie von sieben Drucken, die Pulpo bei Christoph Göttel in Auftrag gegeben hat und die für die ersten vorsichtigen Schritte der Galerie in Richtung Kunst stehen.

Dazu kommen logischerweise Objekte aus dem Pulpo Portfolio.

Space Pulpo Galerie Samuel Treindl Christoph Göttel

Samuel Treindl und Christoph Göttel, gesehen bei Space, Pulpo Galerie

Die im Jahr 2006 von Ursula und Patrick L’hoste gegründete Galerie Pulpo hat sich schnell einen Namen auf dem aktuellen europäischen Designmarkt gemacht und konnte ebenso schnell eine sehr beeindruckende Reihe von Designern für sich gewinnen, darunter Samuel Treindl, e27 Berlin, Sebastian Herkner und Peter Raacke. Pulpo ist so auch eine dieser jungen Firmen, denen es gelungen ist, die jährliche IMM Cologne von ein paar anstrengenden Januartagen in etwas zu verwandeln, auf das man sich fast schon freuen kann.

Mit der einfachen, fast schon logischen Mischung aus traditionellem Handwerk und heutigen, schnellen Produktionsmethoden hat Pulpo einen Nerv getroffen. Das wird vielleicht am deutlichsten, wenn man von der Pulpo Galerie 9 Kilometer die Straße runter zum VitraHaus fährt. Dort stehen Pulpo Objekte, wie die Container Vase oder die Oda Lampe von Sebastian Herkner ganz entspannt zwischen alten und neuen Vitra Klassikern.

Und glaubt uns, man bekommt seine Produkte nicht einfach im VitraHaus zu sehen, nur weil man um die Ecke einen Laden hat.

Nach dem Anfang mit exklusiven Metallblechprodukten hat sich Pulpo entschlossen, auch Glas ins Portfolio aufzunehmen, und in Zukunft soll die Auswahl an Materialien noch um Holz, Plastik, Keramik und Sandstein erweitert werden.

Diese Entwicklung lässt sich auch in der Ausstellung “Space” nachvollziehen. Neben den ausgestellten Kunstwerken sind nämlich auch Prototypen von zukünftigen Pulpo-Produkten und experimentelle Objekte, für die sich Ursula & Patrick L’hoste interessieren, zu sehen. Diese Offenheit unterscheidet viele der neuen Designermöbel-, Lampen- und Accessoirehersteller von ihren eher konservativen Gegenspielern. Uns fällt kein etablierter Hersteller ein, der so offen zugeben würde, in Kontakt mit einem bestimmen Designer zu stehen, geschweige denn der bereit wäre, ein Produkt zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen, das offiziell noch gar nicht veröffentlicht wurde.

Space Pulpo Galerie

Space @ Pulpo Galerie

Als Ursula und Patrick L’hoste ihre frühere Musikschule in die Pulpo Galerie verwandelt haben, wurde sämtlicher Putz von den Wänden entfernt, um die natürlichen Steinwände sichtbar zu machen. Was sich erst mal etwas abgedroschen anhört, funktioniert ziemlich gut, weil die raue Struktur einerseits etwas von der Ausstellung ablenkt und so eine eher ungezwungene Atmosphäre entsteht – alles also weniger klinisch wirkt als in den üblichen Galerien – und weil die kleinen Farbnuancen in den Wänden wunderbar mit den ausgestellten Arbeiten korrespondieren. Die Räume sind ein angenehm “vorindustrieller” Ort für Pulpos grundsätzlich “postindustrielle” Kollektion und eine gute Umgebung für die Ausstellung “Space”. Eine Ausstellung, die für uns vor allem deshalb so gut funktioniert, weil sich die ausgestellten Kunstwerke, Prototypen und Produkte fast mühelos gegenseitig ergänzen und erweitern.

Phasenweise scheint es einen beinahe unbeschränkten Austausch zwischen den Objekten zu geben, und das obwohl jede offensichtliche Verbindung fehlt.

Alles in allem eine sehr erfreuliche Eröffnung.

Während “Space” abgesehen von einem kleinen Abstecher ins Design eine Kunstausstellung ist, ist für die Zukunft ein höherer Designanteil für die Ausstellungen geplant. Sobald wir genaueres wissen, lassen wir es euch wissen.

Neben der Pupo Eröffnung sind in Basel und Umgebung momentan noch einige andere Ausstellungen zu sehen, darunter “Fritz Haller. Architekt und Forscher” im Schweizerischen Architekturmuseum Basel, “Konstantin Grcic – Panorama” im Vitra Design Museum, “Álvaro Siza – Visions of the Alhambra” in der Vitra Design Museum Gallery und “Craft & Bling Bling – Fake” im Depot Basel. All das lässt sich mit einem Gang auf den Vitra Rutschturm abrunden.

Und als wäre all das nicht schon genug für einen Sommer, spielt am Samstag, den 19. Juli auch noch Billy Bragg in Lörrach…

Alle Details zur Pulpo Galerie sind unter www.pulpo-galerie.com zu finden.

 

smow Blog kompakt: Pegasus Home Desk von Ippolito Fleitz Group / Tilla Goldberg für ClassiCon

August 14th, 2014

Der erste, hoffentlich kurze Post, in unserer Reihe “Sachen, die wir auf der IMM Cologne verpasst haben” ist dem neuen Pegasus Home Desk von Ippolito Fleitz Group / Tilla Goldberg für den Münchner Hersteller ClassiCon gewidmet. Wir wissen schon, warum wir den Tisch in Köln verpasst haben – aus jugendlicher Überheblichkeit nämlich. Jetzt verstehen wir allerdings nicht mehr, wie uns das passieren konnte.

Der Pegasus Home Desk strahlt nicht nur eine formale Ähnlichkeit mit einem Pferdesattel aus, sondern funktioniert auch noch wie eine Art Home-Office-Satteltasche: die Tischoberfläche aus Leder kann von der linken und der rechten Seite aufgerollt werden und enthüllt so das innere Aufbewahrungssystem.

Der Innenraum wurde speziell als sichere Obhut für all die elektronischen Geräte entwickelt, die inzwischen unser modernes Leben bestimmen. Auch wenn wir uns ziemlich sicher sind, dass man auch ein paar Bücher darin aufbewahren kann – zumindest die, die mit “analog” noch etwas anfangen können.

Der Pegasus Home Desk ist ein eher seltener Vorstoß der Stuttgarter Ippolito Fleitz Group ins kommerzielle Möbeldesign. Entwickelt wurde er von einem betriebsinternen Team unter der Leitung von Tilla Goldberg, die für den Bereich Produktdesign zuständig ist. Als Objekt gefällt uns der Tisch vor allem wegen der erfrischenden Verbindung aus zugänglicher, vertrauter Formensprache und unaufdringlicher Funktionalität. Mit Sicherheit wird sich der Pegasus Home Desk als eine echte Bereicherung für den stetig wachsenden Bereich der Home-Office-Tische, die nicht aussehen wie Home-Office-Tische, erweisen. Auch wenn wir einige Vorbehalte bezüglich der Lederverkleidung des Rahmens haben – man kann es auch übertreiben mit den sichtbaren Analogien. Aber die Lederverkleidung ist sowieso optional…

Und wie gesagt, wir haben nur Fotos gesehen und werden deshalb wie gewohnt mit unserem endgültigen Urteil warten, bis wir den Tisch leibhaftig vor uns stehend gesehen haben – vor allem was die Lederverkleidung angeht.

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Pegasus Home Desk von Ippolito Fleitz Group / Tilla Goldberg für ClassiCon (Fotos © ClassiCon GmbH)

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Pegasus Home Desk von Ippolito Fleitz Group / Tilla Goldberg für ClassiCon (Fotos © ClassiCon GmbH)

Pegasus Home Desk by Ippolito Fleitz Group Tilla Goldberg for classicon

Pegasus Home Desk von Ippolito Fleitz Group / Tilla Goldberg für ClassiCon (Fotos © ClassiCon GmbH)

 

 

 

Designpreis Halle 2014: Die Gewinner

August 7th, 2014

Am Dienstagabend, den 3. Juni wurden die Gewinner des Designpreises Halle im Rahmen der Zeremonie im historischen öffentlichen Stadtbad Halle bekanntgegeben.

Der 2007 zum ersten mal ausgelobte Designpreis Halle ist ein internationaler, alle drei Jahre stattfindender Wettbewerb, bei dem Designer dazu aufgerufen sind, Arbeiten zu einem bestimmten Thema einzureichen. Nach “Elektrizität” im Jahr 2007 und “Reisen” 2010 war das Thema im Jahr 2014 “Wasser”.

Das Thema wurde nach Meinung der Jury am besten von dem aus Köln stammenden Kommunikationsdesigner Emmanuel Steffens und seinem Projekt “Trinken statt tragen” umgesetzt. Mit seinem Projekt verwandelt Emanuel Steffens Leitungswasser in Markenwasser – er hat eine Serie von Gläsern mit fiktiven lokalen Marken entwickelt, die ermutigen sollen mehr Leitungswasser – anstelle von Wasser aus der Flasche – zu trinken. Genauer gesagt werden die lieben Freunde in Hamburg dazu eingeladen “Rohrperle” zu trinken, in München wird “Leitinger” angeboten und in der ehemaligen Ostzone gibt es “Heimquell”. Mit den Worten des Jurymitglieds Volker Albus “funktioniert das Projekt so gut, weil der Designer nicht einfach nur die individuellen Elemente perfekt miteinander verbunden hat, sondern weil er mit der Auswahl der Schriftart, der Form der Gläser und vor allem durch den Gebrauch des einheimischen Jargons die verbreitete Auffassung des Produktes ‘Wasser’ erfasst.”

Erfreulich ist, dass den Gewinnern des Designpreises Halle nicht wie bei den meisten Designwettbewerben Gebühren vom Preisgeld abgezogen werden. Emmanuel Steffens kann also nicht nur stolz sein gewonnen zu haben, er kann sich auch über volle 4000 Euro Preisgeld freuen. Gratulation dazu!

Den zweiten Platz teilen sich zwei Designerinnen: Estel Alcaraz Sancerni aus Barcelona für ihre faltbare Gummistiefelserie “Sardines” und die aus Jaffa stammende Shira Keret für ihre “Monolith”-Kollektion, eine Serie von Objekten aus Carerra Mamor, die vom natürlichen Prozess der Erosion durch Wasser inspiriert ist.

Neben den Hauptgewinnen hat die internationale Jury auch Anerkennungen verliehen. Diese gingen an Charlotte Degry und Camille Mabboux aus Troyes für ihr Projekt “Still Life”, an Esther Stühmer aus Hamburg für ihren Regenmantel “Wassermarsch”, an Mathilde Gullaud aus Paris für ihren Pflasterstein “Louis” aus Beton, ein Objekt, das beim Kontakt mit Wasser ein Muster auf der Oberfläche entwickelt, und an Lisa Merck aus Münster für “Verstecktes Wasser aufgedeckt”, bei dem es um Etiketten für Supermarktprodukte zum Wasserverbrauch bei der Produktion geht. Nils Holger Moormann nannte Letzteres so “charmant wie effektiv” und könnte es sich gut im Zusammenhang mit Guerilla-Aktionen vorstellen.

Alle Details zum Wettbewerb sind unter www.designpreis-halle.de zu finden.

 

smow Blog kompakt: Bundespreis Ecodesign 2013 Ausstellung, Umweltbundesamt Dessau

August 4th, 2014

Im vergangenen November wurden die Gewinner vom Bundespreis Ecodesign 2013 auf einer nicht gerade glamourösen Veranstaltung bekanntgegeben. Eine Ausstellung mit den 12 Gewinnern und 19 weiteren, nominierten Projekten wurde im Februar 2014 in Ludwigsburg eröffnet. Nach einem kurzen Abstecher zum Designforum Wien ist die Ausstellung zum Bundespreis Ecodesign jetzt in der Zentrale des Umweltbundesamtes in Dessau zu sehen.

Bundespreis Ecodesign 2013 Exhibition Umweltbundesamt Dessau

Bundespreis Ecodesign 2013, Ausstellung im Umweltbundesamt Dessau

Es liegt auf der Hand, dass der in ökologischer Hinsicht verantwortungsvollste Designansatz natürlich der wäre, einfach nichts zu produzieren. Bedenkt man allerdings, dass Dinge in all ihren möglichen Verwendungsweisen bisweilen notwendig und wünschenswert sind, ist es vor allem wichtig zu fragen, wie diese Dinge auf sinnvolle, verantwortungsvolle und zukunftsorientierte Art und Weise produziert werden können. Sieht man sich die Bundespreis Ecodesign Ausstellung 2013 an, findet man vier Hauptansätze vor: Recycling, neue Materialien und neue Wege der Energiegewinnung/-nutzung sowie Reduktion von Verbrauch und Konsum.

Man erfährt auch, dass sich verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt nicht nur auf den Schutz der Natur bezieht, sondern auch auf die Reduzierung sozialer Ungleichheit. Es geht nicht nur um die Verlängerung der Lebenszeit des Planeten Erde, sondern auch darum, die Erde zu einem Ort zu machen, an dem wir gerne wohnen möchten.

Solche Einsichten machen es uns leicht, die spärliche, aber sehr zugängliche und informative Ausstellung weiter zu empfehlen. Damit meinen wir aber nicht, jeder soll nun gleich nach Dessau fahren – am besten noch allein im Auto! Nein, wir meinen, wer diesen Sommer ohnehin in Dessau ist, um beispielsweise das Bauhaus Dessau oder die Ausstellung “Unter Zwischen im Ampelhaus” in Oranienbaum zu besuchen, ist gut beraten, auch beim Umweltbundesamt Halt zu machen.

Für alle jene, die das nicht schaffen, gibt es alle nominierten und ausgezeichneten Projekte online unter www.bundespreis-ecodesign.de zu sehen.

Die Bundespreis Ecodesign Ausstellung 2013 ist im Foyer des Umweltbundesamtes, Wörlitzer Platz 1, 06844 Dessau – Roßlau bis Sonntag, den 24. August zu sehen. Der Eintritt ist frei.

 

Bauhaus Archiv Berlin: Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus

August 2nd, 2014

Bei dem ganzen Hype um “Bauhaus Stil”, “Bauhaus Klassik” und “Bauhaus Design” wird allzu oft vergessen, dass das Bauhaus eine Universität war. Und wenn auch viele, wenn nicht gar die meisten von uns, höchstens ein halbes Dutzend Bauhaus Absolventen nennen können, so waren es doch hunderte, die ein Studium am Bauhaus abgeschlossen haben.

Dabei ging es nicht nur um Partys und Theater – die Studenten lernten auch etwas. Aber was lernten sie? Wie lernten sie? Und was lernen wir daraus?

Mit dem Versuch solche Fragen zu beantworten, präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin derzeit eine Ausstellung, die sich dem am längsten aktiven Mitglied des Lehrpersonals am Bauhaus widmet: Wassily Kandinsky.

Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus

Wassily Kandinsky - Lehrer am Bauhaus im Bauhaus Archiv Berlin

Der am 4. Dezember 1866 in Moskau geborene Wassily Kandinsky studierte Jura, Wirtschaftslehre und Statistik in Moskau, bevor er 1896 nach München zog, wo er die Malereiklasse unter Leitung von Anton Ažbe besuchte. 1901 war Kandinsky Mitbegründer des progressiven Künstlerkollektivs und der privaten Malschule Phalanx, die 1904 geschlossen wurde, woraufhin Kandinsky eine Reihe von Studienreisen in die Niederlande, Frankreich, Tunesien, Italien und die Schweiz unternahm. Nach seiner Rückkehr nach Moskau im Jahr 1914 hatte Kandinsky zahlreiche Lehraufträge und administrative Positionen in Kultur- und Kunstinstitutionen inne – am bedeutendsten darunter wohl das Volkskommissariat für Bildungswesen (Narkompros) und das Institut für Künstlerische Kultur (INCHUK). Ans Bauhaus kam Kandinsky auf Walter Gropius’ Einladung hin im Jahr 1922. Nach der Schließung im Jahr 1933 emigrierte Kandinsky dann nach Paris, wo er am 13. Dezember im Alter von 78 Jahren starb.

Die Ausstellung präsentiert eine Mischung aus Arbeiten von Kandinsky selbst, von seinen Studenten und seinen Lehrerkollegen am Bauhaus, und wird durch Publikationen von Kandinsky, Original-Dokumenten und Lehrmaterialien untermauert und ergänzt. “Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” zeigt so nicht nur, wie Kandinsky zahlreiche Kurse in Weimar, Dessau und Berlin leitete, und was er von seinen Studenten erwartete, sondern macht auch deutlich, wie sich Kandinsky als Künstler während seiner Jahre am Bauhaus entwickelte.

Wie zu erwarten bei einer Ausstellung, die Wassily Kandinsky und seiner Lehre am Bauhaus gewidmet ist, sind die Wände voll von geometrischen Formen und Primärfarben. Die Farben und Muster wurden von Kandinskys Studenten im Rahmen des Seminars “Abstrakte Elemente der Form” entwickelt und stehen zum einen für Kandinskys eigene Forschungen zu Form und Farbe, illustrieren aber andererseits auch, wie Kandinsky seine Studenten dazu anregte eigene Gedanken zu entwickeln.

Auf welche Art und Weise die Erkenntnisse aus solchen Untersuchungen in Kandinskys Arbeiten einflossen, lässt sich auf zahlreichen der ausgestellten Kandinsky Arbeiten nachvollziehen. Wie die Studenten allerdings mit dem, was sie bei Kandinsky lernten, in ihren Berufen nach dem Bauhaus umgingen – welche Rolle das Studium für ihre jeweilige Karriere spielte – ist leider nicht dokumentiert. Wäre allerdings ebenso interessant.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist Kandinskys “analytisches Zeichnen”-Seminar, eine zentrale Komponente seiner Lehre und ein Seminar, das den Studenten zeigte, durch einen Prozess der Vereinfachung der Form die Verhältnismäßigkeiten zwischen Objekten besser zu verstehen. Auch hier illustriert wieder eine Reihe von Studentenarbeiten, wie die Studenten angehalten wurden sich durch den Prozess einer sequenziellen Reduktion auf das Essentielle zu konzentrieren und aufgerufen waren, von dort aus etwas neues zu entwickeln.

Ein Ansatz, von dem wir möglicherweise in allen Bereichen profitieren könnten.

Neben den eher abstrakten Arbeiten und Ideologien widmet sich “Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” auch der Klasse für bildenden Kunst, die gemeinsam von Kandinsky und Paul Klee geleitet wurde. In diesem Zusammenhang ist eine beachtliche Arbeit von Hajo Rose aus dem Jahr 1932 zu sehen. In ähnlicher Manier endet die Ausstellung dann auch jeweils mit einer Arbeit von László Moholy-Nagy, Paul Klee, Georg Muche und Lyonel Feininger. Diese Arbeiten wurden zum 60. Geburtstag von Kandinsky präsentiert und machen gut deutlich, wie talentiert und kreativ das Lehrpersonal am Bauhaus war.

Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus

Wassily Kandinskys Bildatlas, den er während seines Unterrichts benutzte...

Wassily Kandinsky war nicht nur wegen der Dauer seiner Beschäftigung ein wichtiger Lehrer des Bauhauses, sondern vor allem auch weil Kandinskys Vorkurs in der Zeit von 1922 bis 1930, also während der wichtigsten Bauhaus Jahre, für alle Studenten verpflichtend war.

Was sehr vereinfacht bedeutet, dass man das Bauhaus durch Kandinsky verstehen lernt.

“Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” ist die umfassendste Untersuchung zu Kandinskys Lehre, die überhaupt jemals angestellt wurde, und wird rund 30 Jahre nach der letzten Ausstellung zu diesem Thema gezeigt. Die Ausstellung ist eine zeitgemäße und sehr unterhaltsame Untersuchung des Themas, vor allem ist sie aber auch eine sehr zugängliche, die mit einfachen, manchmal fast schon zu simplen Präsentationsmethoden auskommt.

“Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” ist bis Montag, den 8. September 2014 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstr.14, 10785 Berlin zu sehen.

Neben der Ausstellung hat das Bauhaus Archiv Berlin ein begleitendes Programm mit Gesprächen und Führungen organisiert. Alle Details sind unter www.bauhaus.de zu finden.

 

smow Blog kompakt: Aufbruch! Architektur der 1950er Jahre. Fotografieausstellung in der Stiftung Stadtgedächtnis Köln

July 31st, 2014

Nach landläufiger Auffassung haben es alte Gebäude verdient, erhalten, restauriert, genutzt und geliebt zu werden. Die landläufige Auffassung bezieht sich dabei allerdings auf eine ziemlich enge Definition von “alt”. Und zwar eine, die normalerweise eher auf einem vereinfachten, ziemlich allgemeinem Verständnis von visueller Schönheit basiert, als auf Alter oder historischer Relevanz.

Deshalb werden eine Menge Gebäude der 1950er Jahre auch allzu oft als bedeutungslose kurzfristige Lösungen der Nachkriegszeit abgetan, schließlich ignoriert, dem Verfall überlassen oder gleich abgerissen.

Der Münchner Fotograf Hans Engels hatte das Gefühl, dagegen etwas unternehmen zu müssen, und initiierte das Fotoprojekt “Aufbruch! Architektur der 1950er Jahre”, um einige Schmuckstücke der 1950er Jahre Architektur, die in Deutschland noch zu finden sind, ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken.

Aus dem Fotoprojekt ist ein Buch entstanden und aus diesem wiederum eine Ausstellung, die ab Donnerstag, den 3. Juli in der Stiftung Stadtgedächtnis Köln zu sehen ist.

Mit 23 großformatigen Fotografien von Hans Engels will die Ausstellung zeigen, dass die Architektur der 1950er Jahre nicht nur aus betonierter, seelenloser Funktionalität besteht, sondern auch einige sehr schöne Objekte umfasst, die einerseits als architektonische Werke wertvoll sind, und sich andererseits positiv auf die Geschichte der deutschen Architektur ausgewirkt haben.

Gebäude also wie das Parkcafé im Kölner Rheinpark.

Das vom österreichischen Architekten Rambald von Steinbüchel-Rheinwall im Rahmen der Kölner Gartenschau 1957 entstandene Parkcafé stellt sich in Form einer freistehenden, nierenförmigen Dachterrasse dar, die über einem verglasten Speisesaal liegt – also durchaus ein für die Zeit typisches Gebäude.

Momentan steht das Gebäude leer – ein Zustand, den die Initiative “Perle sucht Dame” verändern möchte. Die Ausstellung “Aufbruch! Architektur der 1950er Jahre” wurde mit der Intention von eben jener Initiative ausgerichtet, eine Debatte über das Verhältnis zur Architektur der 1950er Jahre anzustoßen und das Interesse mehr Menschen für Gebäude zu wecken, die sie umgeben – so wie das Parkcafé.

“Aufbruch! Architektur der 1950er Jahre” ist in der Stiftung Stadtgedächtnis, Große Budengasse 10, 50667 Köln zwischen Donnerstag, den 3. Juli und Samstag, den 30. August zu sehen.

Park-Café Rheinpark Koln

Parkcafé Rheinpark Köln (Foto: http://rheinparkcafe-koeln.de)

Konstantin Grcic – Panorama @ Vitra Design Museum

July 29th, 2014

Eines der ersten Telefonate, das Mateo Kries und Marc Zehnter, nachdem sie 2011 die Leitung des Vitra Design Museums übernommen haben, geführt haben, ging an Konstantin Grcic. Es ging dabei um die Möglichkeit einer Ausstellung. Grcic war grundsätzlich offen für die Idee, wollte allerdings keine “statische Ausstellung, die seine Arbeit in der Zeit einfrieren würde, sondern etwas dynamisches.”

Aus diesem “etwas dynamischem” wurde die Ausstellung “Konstantin Grcic – Panorama”, die im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, am 21. März 2014 eröffnet wurde.

Konstantin Grcic Panorama Vitra Design Museum Netscape Swings

Die interaktive Installation Netscape von Konstantin Grcic vor dem Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Panorama präsentiert in vier thematischen Abschnitten ungefähr 200 Objekte und umfasst eigentlich zwei Ausstellungen in einer. Der erste Teil im Untergeschoss des Museums behandelt Designthemen, die für Konstantin Grcic von besonderer Bedeutung sind, und seiner Meinung nach für uns alle bedeutend sein sollten.

Die Ausstellung wird dabei mit “Life Space”, einem Ausblick auf Konstantin Grcics Überlegungen zu zukünftigen Wohnsituationen, eröffnet, bevor im Abschnitt “Work Space” eine Erforschung von Konstantin Grcics Arbeitsprozess erfolgt. Dieser Punkt behandelt wiederum einerseits eine Diskussion zum Designprozess ganz allgemein und befasst sich andererseits mit der Zukunft urbaner Räume.

Im Obergeschoss befindet sich der mit “Object Space” betitelte zweite Hauptteil der Ausstellung, der detailliert auf Grcics Oeuvre eingeht. Es werden exemplarisch unterschiedliche Arbeiten von Grcic gezeigt, darunter Produkte für so unterschiedliche Hersteller wie Moormann, Magis, ClassiCon und Flos sowie Objekte, die in Kooperationen mit Galerien entstanden sind, und Projekte, die ohne Grcics Münchner Studio wohl niemals zustande gekommen wären. Zudem werden die Arbeiten anderen Objekten gegenübergestellt, die für Konstantin Grcic eine bestimmte Rolle spielen, die ihn z.B. für seine eigenen Arbeiten inspiriert haben.

Die Aufteilung der Ausstellung ist dabei nicht nur eine räumliche und konzeptuelle, sie gibt auch stilistisch unterschiedliche Richtungen vor. Getreu Grcics Motto, “meine Designs geben sich nicht sofort zu erkennen”, ist der Besucher in den ersten drei Abschnitten eher gefordert, eigene Antworten auf die thematisierten Fragestellungen zu finden. Der letzte Abschnitt ist hingegen ganz museale, trockene und oberflächliche Präsentation. So sprechen auch beide, Konstantin Grcic und der Chefkurator des Vitra Design Museums Mateo Kries, vom vierten Abschnitt als einer Ausstellung in der Ausstellung, die sie absichtlich so eingängig und anspruchslos konzipiert haben.

Irgendwie wirkt das auf uns ziemlich ironisch.

Alles in allem ist die Ausstellung eine wunderbare, klar strukturierte Präsentation, die einiges über Konstantin Grcic und seine Art zu arbeiten zu berichten weiß, die wir allerdings, um ehrlich zu sein, nicht wirklich ernst nehmen können – ein Umstand, den wir jedoch absolut gutheißen.

Konstantin Grcic Panorama Vitra Design Museum Object Space

Der Abschnitt Object Space, Konstantin Grcic - Panorama im Vitra Design Museum

Wie schon bei der Ausstellung “Lightopia” war der Platzmangel im Vitra Design Museum für uns das größte Problem. Zwar hält Konstantin Grcic Frank Gehrys Gebäude für eine Herausforderung – es habe Charakter mit seinen groben Ecken – es besteht allerdings auch kein Zweifel an der Tatsache, dass ein Charakteristikum des Vitra Design Museums der Platzmangel ist.

Für die konservativen Ausstellungsformate, wie auch den zweiten Ausstellungsteil “Object Space” mag der Platz ausreichen, ein ambitioniertes Projekt in der Größenordnung von “Panorama” benötigt jedoch eigentlich mehr Raum.

Jeder der vier Abschnitte hätte für sich genommen eine komplette Ausstellung werden können. Wir haben zwar schon Ausstellungen in sehr viel kleineren Räumlichkeiten gesehen, bei “Panorama” hat man aber, auch wenn der Umfang während der Ausstellungsplanung sicher bereits eingegrenzt wurde, ein explizit eingeengtes und unwillkommenes Gefühl. Als wünschten sich alle, man würde doch nur einen Text über die Ausstellung lesen, anstatt den Raum mit seiner Anwesenheit zu überfüllen.

Der Abschnitt “Life Space” beispielsweise hätte eindeutig so präsentiert werden müssen, dass man herumlaufen, alles untersuchen, anfassen und sich auf die Stühle setzen kann, anstatt sich die Ausstellung aus der Distanz von einer der komfortablen Bench B Bänke anzuschauen. Hingegen hätte “Work Space” gewissermaßen Platz zum arbeiten benötigt – die Anordnung  erinnert eher an ein Lager als an eine Werkstatt – eher einschläfernd als dynamisch. Und das liegt nicht daran, dass den Kuratoren keine bessere Lösung eingefallen wäre, der Platzmangel bot einfach keine bessere Möglichkeit, all die Themen unterzubringen.

All das sollte aber nicht für eine Kritik an der Ausstellung selbst gehalten werden!

“Panorama” ist keine Ausstellung, die Konstantin Grcics Arbeit grundsätzlich erklärt. Grcic selbst vielleicht schon, aber nicht seine Arbeit. Allerdings soll das auch gar nicht der Schwerpunkt sein. Die Ausstellung handelt weniger von Konstantin Grcics Arbeit als von ganz grundsätzlichen Fragen zum aktuellen Design und zeitgenössischen Designern.

Konstantin Grcic ist dabei lediglich der Kanal.

Der Begriff “Design” wird heute ziemlich inflationär gebraucht. Es gibt immer mehr “Design”, weil immer mehr Aspekte unseres Lebens als “Design” verstanden, präsentiert und verkauft werden. Folglich sind der Begriff “Design” und die Aufgabe des “Designers” unklar, verworren, widersprüchlich und letztlich bedeutungslos geworden. “Panorama” fokussiert, was Design wirklich ist bzw. was zeitgenössisches Design sein sollte.

Was ist wirklich wichtig für die Wohnräume der Zukunft? Wie können neue Technologien am besten integriert, statt einfach nur angewendet werden? Welche Formen werden neue Technologien ermöglichen? Welche wären wünschenswert und welche sind sinnvoll? Was bedeutet es heute an einem Ort zu “leben”? Was ist Arbeit? Sind wir bereit unsere Privatsphäre für den häuslichen Komfort zu opfern? Wie kann uns Design helfen zu erreichen, was wir wollen und was wir benötigen? Welche Verantwortung haben die Designer innerhalb solcher Prozesse?

Solche Fragen werden auf Schautafeln thematisiert und von Artikeln sowie wissenschaftlichen Arbeiten begleitet, die sich mit verwandten sozialen, kulturellen und ökonomischen Problemen befassen: Können Wüsten die Erde mit Strom versorgen? Ist eine Welt ohne Unternehmen und Fabriken vorstellbar? Was sind die Vorteile des Häuser-Besetzens? …

Die Ausstellung geht weder an einer Stelle sonderlich in die Tiefe noch streift sie alle Probleme des zeitgenössischen Designs oder wirft komplett neue Fragen auf – das ist aber auch nicht das Ziel. “Panorama” ist eine Ausstellung von Konstatin Grcic über Konstantin Grcic bzw. Dinge, die für ihn wichtig sind und über die nachzudenken er anregen will. Diesem Anliegen folgt “Panorama” auf sehr effektive Weise, mit einfachen Mitteln und in einer zugänglichen, aber fordernden Art.

“Panorama” macht dabei absolut deutlich, dass in Zukunft jeder von uns seinen persönlichen Anteil an einer kollektiven Verantwortung akzeptieren werden muss. Verantwortung kann man jedoch erst übernehmen, wenn man seine Umwelt versteht und zu schätzen weiß. Das wird besonders im Abschnitt “Public Space” deutlich, der im größten Raum des Vitra Design Museums präsentiert wird und den eine 30 Meter lange und 4,4 Meter hohe Fantasie-Stadtansicht des Londoner Künstlers Neil Campbell Ross dominiert. Vor dieser Stadtlandschaft sind einige Chair Ones auf  Betonsockeln und Gricics experimentelles Projekt “Landen” von 2007 zu sehen. Dazu kommt ein Zaun, von dem wir dachten, er wäre nur zu Dekorationszwecken installiert, der aber gewissermaßen eine 3D-Erweiterung des Gemäldes ist. Der eigentliche Gedanke dahinter ist allerdings ein ziemlich deprimierendes Klischee. Insofern ignorieren wir den Zaun mal.

Der Fokus des Raumes liegt ohnehin auf der Stadtansicht und den dadurch aufgeworfenen Fragen zum Stand der urbanen Umwelt und ihren Entwicklungen. Auf den Schautafeln wirft Grcic beispielsweise Fragen nach den Besitzverhältnissen urbaner Räume, der Notwendigkeit humaner urbaner Lebensformen und der zukünftigen Fortbewegung in Städten auf. Was erwarten wir von den Städten der Zukunft? Letztendlich haben die Antworten, die jeder für sich auf diese Fragen findet, Auswirkungen auf den Charakter unserer Städte und bestimmen, ob wir in einer Zukunft leben werden, die wir uns gewünscht haben. Wollen wir solche Entscheidungen wirklich Designern überlassen? Wer bezahlt eigentlich Designer?

Konstantin Grcic Panorama Vitra Design Museum Life Space

Life Space. Konstantin Grcic - Panorama, Vitra Design Museum

Konzeptuelle Ausstellungen wie “Panorama” laufen immer Gefahr zum intellektuellen Steckenpferd der Organisatoren zu werden. Die Kuratoren betreiben eine endlose Nabelschau und entwickeln ein großes Konzept aus den edelsten Theorien, gespickt mit Doktrinen und Ideologien, die Massen strömen hinzu und zeigen sich überwältigt vom Glanz des Spektakels. Aber am Ende bleibt nur ein enormer narzisstischer Pomp.

“Panorama” entkommt diesem Schicksal, indem vermieden wird alle Fragen zu beantworten, geschweige denn eine Vision der Zukunft zu präsentieren. Das bleibt Aufgabe der Besucher. “Ich hoffe”, so Grcic, “die Besucher verstehen die Ausstellung als Ausgangspunkt für eine Diskussion und denken darüber nach, was ihnen gezeigt wurde. Und entscheiden dann ob sie mit unseren Anschauungen einverstanden sind oder nicht.”

All das bedeutet natürlich, dass “Konstantin Grcic – Panorama” nichts für einen faulen, verkaterten Sonntagnachmittag ist – jedenfalls nicht die ersten drei Abschnitte. Aber mal ganz im Ernst, wenn man irgendetwas aus dieser Ausstellung mitnehmen möchte, sollte man Zeit und etwas Geistesanstrengung investieren.

Die Ausstellung läuft bis September – also keine faulen Ausreden.

“Konstantin Grcic – Panorama” ist bis Sonntag, den 14. September 2014, im Vitra Design Museum, Charles Eames Strasse 2, 79576 Weil am Rhein zu sehen. Alle Details, wie Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Informationen zum Begleitprogramm sind unter www.design-museum.de zu finden.

Direktorenhaus Berlin: Summer Break VA / Neue Arbeiten

July 26th, 2014

Als wollte die Sommerausstellung 2014 der Berliner Galerie Direktorenhaus unsere These aus dem Post ”5 neue Designausstellungen im Juli 2014“, Juli und August seien eher ruhige Monate in Sachen Design und Architektur, belegen, haben sie ihre aktuelle Ausstellung “Summer Break VA” (Sommerpause verschiedene Künstler) genannt.

“Wir sind nicht da”, scheinen sie damit sagen zu wollen, “wären wir aber da, gäbe es diese Schätze hier zu sehen.”

Direktorenhaus Berlin Summer Break VA Neue Arbeiten Mark Braun Fortune

Fortune von Mark Braun, gesehen bei Summer Break VA / Neue Arbeiten, Direktorenhaus Berlin

Das 2010 gegründete Direktorenhaus Berlin ist in erster Linie ein Ort für zeitgenössische Kunst. Seine Betreiber sind außerdem für das jährliche Illustrative Festival für Illustration und Grafik verantwortlich. Neben dem eher künstlerischen Fokus hat das Direktorenhaus über die Jahre aber auch zahlreiche Ausstellungen kuratiert, die sich zeitgenössischen Produktdesignern widmen, beispielsweise, und vielleicht am bedeutendsten, dem Wiener Studio Vandasye oder dem jungen britischen Designer Benjamin Hubert. Nennenswert ist auch die Ausstellung “Handmade in Germany” von 2012, in der Objekte von 30 Designern und Herstellern präsentiert wurden, deren Arbeiten nach Meinung der Kuratoren nicht nur für qualitativ hochwertige Handwerkskunst stehen, sondern auch für traditionelle Produktionsmethoden bzw. Produktion im kleineren Maßstab anstelle von Massenproduktion.

“Handmade in Germany” stellt auch mehr oder weniger den Kontext der Ausstellung “Summer Break VA / Neue Arbeiten” dar.

Im kommenden Herbst wird “Handmade in Germany” in St. Petersburg, als erste Station auf einer zweijährigen Welttournee, zu sehen sein. Das Direktorenhaus Berlin wird in dem Rahmen Arbeiten von acht mehr oder weniger jungen deutschen Produktdesignstudios zeigen, die, auch wenn sie bei “Handmade in Germany” nicht vertreten waren, den Fokus der Ausstellung unterstreichen, indem ihre Arbeiten zu einem Großteil den Versuch zeigen, zeitgemäße Anwendungen für traditionelle Produktionsprozesse zu finden und traditionelle Formen und Techniken neu zu interpretieren.

Direktorenhaus Berlin Summer Break VA Neue Arbeiten Rejon Armchair Valter

Rejon Armchair und Valter Regalsystem, gesehen bei Summer Break VA / Neue Arbeiten, Direktorenhaus Berlin

Auch wenn insgesamt acht Designstudios bei der Ausstellung vertreten sind, wurde der Löwenanteil der Ausstellung dem Potsdamer Studio Rejon überlassen. Eine Entscheidungen, mit der wir jedoch kein Problem haben.

Wir wissen nicht mehr genau, wann uns zum ersten Mal Arbeiten von Rejon vorgestellt wurden – wahrscheinlich aber im Zusammenhang mit der Studentenausstellung der Fachhochschule Potsdam. Auf jeden Fall haben uns Rejons Arbeiten von Anfang an fasziniert. Mit charakteristischer, fast schon brutalistischer Klarheit in Form und Material strahlen Rejons Arbeiten eine Leichtigkeit, Natürlichkeit und Zugänglichkeit aus, die es schwer machen, ihnen zu widerstehen. Neben Objekten wie “Tischlampe” oder dem “Topfpflanzen Tisch” bietet Rejon Produkte, die neue Perspektiven im Bereich Wohnmobiliar, und damit neue Möglichkeiten bei die Organisation des Wohnraums, eröffnen.

Für alle, die mit Rejon noch nicht bekannt sind, ist “Summer Break VA / Neue Arbeiten” ein hervorragender Ausgangspunkt. Darüber hinaus gibt es bei “Summer Break VA” Arbeiten von Florian Schmid, Daniel Becker, Maria Bruun, Rimma Tchilingarian und den bekannten smow-Blog-Lieblingen Uli Budde, Karoline Fesser und Mark Braun zu sehen. Die Möbel und Accessoires werden auf schöne Weise von den Malereien und Illustrationen des Berliner Künstlers Martin Haake begleitet.

Anders als der Ausstellungstitel vermuten lässt, sind nicht alle Arbeiten gerade neu, die eine oder andere ist sogar wirklich sehr alt. Was die Arbeiten aber verbindet, ist zum einen ihr handwerklicher Ansatz und zum anderen ihre tiefere Bedeutung. Auf den ersten Blick wirken alle Objekte recht simpel, als ginge es allein um ihren visuellen Charme. Auf den zweiten Blick entdeckt man jedoch Objekte, die in ihrer Entstehung, Funktionalität oder ihrem jeweiligen Produktionsprozess den Versuch des Designers offenbaren, den Fokus auf aktuelle Lebensstile, Konsumgewohnheiten und den Umgang mit Ressourcen zu richten.

Mark Brauns Fortune Karaffen beispielsweise sind schamlose Luxusobjekte, die den Besitzer jedoch dazu zwingen, über die Tatsache nachzudenken, dass auch Wasser selbst zunehmend ein Luxusobjekt wird, Mirror Mirror von Maria Bruun erweitert das traditionelle Sichtfeld des Spiegels und animiert seinen Nutzer so dazu, das Gleiche mit dem seinigen zu tun, während Rejon mit dem Fokus auf enge Kooperationen mit lokalen Handwerkern unter Beweis stellt, dass das Beste häufig vor der eigenen Haustür zu finden ist.

Direktorenhaus Berlin Summer Break VA Neue Arbeiten C58 dressing table Florian Schmid All Wood Stool Karoline Fesser

Carla von Florian Schmid - erhältlich bei Zeitraum - und All Wood Stool von Karoline Fesser, gesehen bei Summer Break VA / Neue Arbeiten, Direktorenhaus Berlin

So etwas wie die perfekte Sommer-Designausstellung ist “Summer Break VA / Neue Arbeiten”, weil sie weder zu umfangreich noch  ermüdend ist. In einem Raum, der fast so beeindruckend ist wie die ausgestellten Arbeiten selbst, präsentiert die Ausstellung eher eine Visitenkarte, Zeugnisse, der Designer, anstatt zeitgenössisches Design im Allgemeinen und in aller Tiefe zu untersuchen. Das ist gut so und unserer Meinung nach schließlich auch der Punkt solcher Gruppenausstellungen.

Das einzige Problem ist für uns, dass man die Ausstellung, so wie alle Ausstellungen im Direktorenhaus Berlin, nur nach Vereinbarung besuchen kann. Wir verstehen schon warum, nur denken wir, dass man für eine so leichte Sommerausstellung eine einfachere, sommerlichere Lösung hätte finden können.

“Summer Break VA / Neue Arbeiten” ist noch bis Mittwoch, den 30. Juli im Direktorenhaus Berlin, Am Krögel 2, 10179 Berlin zu sehen.

Alle Details und Kontaktinformationen für Besichtigungstermine sind unter www.direktorenhaus.com zu finden.