smow Blog kompakt: HeuHütten.BergBauern.LandSchafft im Schwäbisches Bauernhofmuseum Illerbeuren

27. November 2014

In Anbetracht unseres meist auf den urbanen Raum fixierten Blickes vergessen wir schnell, dass sozialer und kultureller Wandel und die damit verbundenen Probleme, Herausforderungen und Möglichkeiten sich nicht auf Städte beschränken, sondern auch im ländlichen Raum von Relevanz sein können. Eine Ausstellung mit Fotografien des Ostrachtals, aufgenommen vom einheimischen Fotografen Christian Heumader, versucht diesen Standpunkt zu untermauern.

Präsentiert wird die Ausstellung als Teil des Architekturforum-Programms “Allgäus LandLuft” im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren nahe Kempten im Allgäu. Einerseits will die Ausstellung den Veränderungen auf den Grund gehen, die sich im Ostrachtal vollziehen, und die Besucher auf der anderen Seite daran erinnern, weshalb es wichtig ist, diese Veränderungen ebenso gewissenhaft zu beäugen wie man es auch im urbanen Raum erwarten würde.

Die ausgestellten Fotografien sind alle schwarz-weiß. Und wie viele wissen werden, bringt uns wirklich nichts so in Rage wie zeitgenössische Schwarzweißfotografie. Insofern übergehen wir diesen Punkt und wenden uns lieber dem Kontext zu – was wir auch allen anderen raten würden.

Die Ausstellung basiert auf Fotografien aus Christian Heumaders Buch “HoibatDie Geschichte der Berwiesen im Ostrachtaland” von 2011 und dem Band “Stadel und Schinde – Hütten und Fluren der Hindelanger Bergbauern” von 2013, die typische Gebäude der Landwirtschaft, Strukturen und Konstruktionen der Region (häufig in verschiedenen Stadien des Verfalls) und Bilder der regionaltypischen in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung zeigen – seien das ältere Menschen, die ihr ganzes Leben im Tal verbracht haben, oder jüngere, die dieses Schicksal wohl nicht teilen werden.

Vor allem zeigen die Fotografien über das Ostrachtal, dass ein solches Tal nicht nur für Sonntagsausflüge existiert. Sie machen deutlich, weshalb es wichtig ist, dass sich um eine solche Gegend gesorgt wird und sie erklären, geht man einen Schritt weiter, dass demografischer Wandel, sozialer Druck, technologischer Fortschritt und Identitätsstiftung ebenso ländliche wie urbane Probleme sind. Die Probleme ländlicher Regionen in Westeuropa ähneln also denen der Regionen Afrikas, Asiens, Südamerikas oder des östlichen Russlands; für die sich Dokumentationen normalerweise interessieren.

“HeuHütten.BergBauern.LandSchafft” ist im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren, Museumstrasse 8, 87758 Kronburg (Illerbeuren) noch bis Sonntag, den 30. November zu sehen.

HeuHütten.BergBauern.LandSchafft at the Schwäbisches Bauernhofmuseum Illerbeuren

Eckwiesen Hinterstein, HeuHütten.BergBauern.LandSchafft im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren (Foto © Christian Heumader)

Orgatec Köln 2014: Vitra

25. November 2014

Im Vergleich zur jährlichen Möbelmesse IMM Cologne erscheinen einem die Flure und Hallen der Kölner Messe, bei der alle zwei Jahre stattfindenden Orgatec merkwürdig leer – jedenfalls bis man den Stand von Vitra und so die Besuchermengen erreicht.

Vitras fast schon natürliche Anziehungskraft hängt ohne Frage mit den hochkarätigen internationalen Designern zusammen, die für das Vitra Portfolio im Bürobereich verantwortlich sind. Im Jahr 2014 wurde dieses Programm u.a. durch neue Kollaborationen mit Konstantin Grcic und Antonio Citterio sowie einer Reedition einiger Arbeiten von Jean Prouvé erweitert.

Orgatec Cologne 2014 Vitra Konstantin Grcic Allstar office chair Hack table

Allstar Bürostuhl und Hack Tisch von Konstantin Grcic für Vitra, gesehen auf der Orgatec Köln 2014

Das allgemeine Thema der Präsentation von Vitra auf der Orgatec 2014 war “Workstyles”. In diesem Sinne wurde der Stand in eine Reihe von Workstyles unterteilt, die jeweils die Arbeit eines Designers repräsentieren. Das mediale Highlight war dabei ohne Frage der Hacker Workshop mit Konstantin Grcics Allstar Bürostuhl und seinem Hack Tisch. 

Bekanntermaßen arbeitete Grcic ja mit Jasper Morrison zusammen, bevor er sein eigenes Studio eröffnete, und es ist irgendwie passend, dass genau dann, wenn das Bröhan-Museum Berlin einige Arbeiten von Jasper Morrison aus den 1980er Jahren zeigt, Konstantin Grcic einen Stuhl lanciert, der an dieses Jahrzehnt erinnert.

Für Konstantin Grcic war die Intention des Stuhls einfach: “Ich wollte einen Bürostuhl entwickeln, der nicht der Typologie eines Bürostuhls entspricht”, erklärt er, “um von der Idee des Bürostuhls als Maschine wegzukommen und etwas zu kreieren, das eher einem Stuhl gleicht, also einem weniger anspruchsvollen Stuhl, der problemlos an unterschiedlichen Orten genutzt werden kann.”

Auf den ersten Blick hat Grcic das sicherlich erreicht, zumindest denkt man nicht gleich: “Oh, ein Bürostuhl!” Allerdings erinnert die kurvige Form an die ersten Bürostühle der 1840er Jahre und ist gewissermaßen von einer dünnen Schicht 1980er-Jahre-Staub bedeckt.

Sehr gut gelungen ist es Konstantin Grcic allerdings, die Technik zu verstecken. Der Allstar Bürostuhl hat eine höhenverstellbare Rückenlehne, eine flexible Sitzhöhe, lässt sich nach vorn und zurück neigen und ist drehbar. Und darauf würde man beim Anblick des Stuhls wirklich nicht kommen.

Darüber hinaus präsentiert Vitra Konstantin Grcics neues Hack Tisch Konzept, so wie vor zwei Jahren das Cork Desk Konzept von Ronan und Erwan Bouroullec. Allerdings können wir uns vorstellen, dass der Hack Tisch vor dem Cork Desk auf den Markt kommen wird, weil Hack wirklich ein neues Konzept und nicht bloß ein neues Produkt für den Büromöbelbereich ist. Zusammengeklappt nimmt der Tisch als in sich geschlossene Kiste wenig Platz ein, ausgepackt ist Hack ein höhenverstellbarer Tisch mit eigenen Raumteilerwänden. Als solches definiert Hack “flexibles” Büromobiliar neu, weil der Tisch nicht nur hinsichtlich des Gebrauchs im Büro, sondern auch in Sachen Transport und Lagerung flexibel ist. Das heißt mit Hack können völlig neue Nutzungskonzepte entstehen.

Beide, Allstar und Hack, sind natürlich Produkte, die sich in erster Line an einen jüngeren Markt, Startups und dergleichen richten. Konstantin Grcic sieht das jedoch nicht zwangsläufig so: “Ich denke die beiden sind Objekte, die ihren Platz in modernen Büros haben, ganz egal wie groß oder neu das Unternehmen ist. Das moderne Büro ist nicht mehr das, was es mal war, und unterliegt heutzutage nicht selten einem ständigen Wandel. Und dieser Fakt trifft nicht nur auf junge Firmen, sondern genauso auf etablierte Unternehmen zu.”

Orgatec Cologne 2014 Vitra Konstantin Grcic Allstar office chair Hack table

Allstar Bürostuhl und Hack Tisch von Konstantin Grcic für Vitra, gesehen auf der Orgatec Köln 2014

Sehr viel klassischer ist der Industrial Workshop mit der Präsentation einer Reihe von Jean Prouvé Reeditionen, von denen der Fauteuil Direction Pivotant Bürostuhl ohne Frage das Highlight ist. Der Stuhl, eine wirklich monströse Konstruktion, ist höhenverstellbar, verfügt über einen Kippmechansimus, der auf das Gewicht reagiert, und steht so in fast perfektem Kontrast zu Grcics Allstar. Wir behaupten nicht, der eine wäre besser als der andere, es handelt sich einfach um zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen.

Darüber hinaus umfasst die neue Prouvé Kollektion den Bureau Métallique Tisch, den Fauteuil Direction Besucherstuhl, die Petite Potence Wandleuchte und die Tischlampe Lampe de Bureau. Insbesondere Letztere ist ein wirklich großartiges Stück. Alles in allem eine gute Erinnerung daran, dass gutes Design und die einfachste Lösung häufig eins sind, und dass man, will man Objekte entwickeln, die auch noch für kommende Generationen relevant sein sollen, über handwerkliche Grundlagen und ein gutes Gespür für Maßstab und Proportion verfügen sollte.

Überlasst “Style” und “Trends” der Modeindustrie und konzentriert euch auf eure Arbeit!

Orgatec Cologne 2014 Vitra Jean Prouve Lampe de Bureau

Lampe de Bureau von Jean Prouvé durch Vitra, gesehen auf der Orgatec Köln 2014

Die dritte große Workstyle Installation namens Innovation Workstyle Atelier ist Ronan & Erwan Bouroullecs Workbay Familie gewidmet; kein neues Produkt, aber ein Konzept, das je nachdem was die Bouroullecs daran tun, immer weiter wächst. Ein solches System verfügt über eine immanente Logik und die Art und Weise, wie die Bouroullecs dieses System entwickeln, macht diese Logik nicht nur sichtbar, sondern auch die Argumente für andere Systeme zunichte.

Neben den Workstyle Installationen nutzt Vitra die Orgatec 2014 auch für die Präsentation der Charles und Ray Eames Soft Pad Chairs in neuen Farben, um den neuen Grand Executive Bürostuhl von Antonio Citterio – eine Arbeit, die aus seinem Grand Repos Lounge Chair entstanden ist – vorzustellen und den Super Fold Table, ein Café-Tisch, der mit einer Hand zusammengeklappt werden kann, des eingangs erwähnten Jasper Morrison zu zeigen.

Hier ein paar Eindrücke vom Vitra Stand auf der Orgatec 2014:

5 neue Designausstellungen im November 2014

12. November 2014

Es sind jetzt 12 Monate, seitdem wir begonnen haben, Empfehlungen für kommende Architektur- und Designausstellungen zu schreiben, die auf nichts anderem als Pressemitteilungen oder PR-Texten beruhen. Ein Jahr also, in dem wir 60 Ausstellungen empfohlen haben, die uns gut, sehenswert und unterhaltsam erschienen und das in den meisten Fällen auch waren.

Anlass genug also für uns damit weiterzumachen. Um den ersten Geburtstag der “5 neuen Designausstellungen” zu feiern, hier also 5 neue Designausstellungen für November 2014.

“Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt” in der Staatsgalerie Stuttgart

Man kann wohl sagen, dass nur wenige Ausstellungen eine derart lange Vorbereitung benötigen wie die kommende Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart, “Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt”. Die Tatsache, dass das Museum und vor allem die Kuratorin Dr. Ina Conzen fast ein ganzes Jahrzehnt an der Ausstellung gearbeitet haben, die dem deutschen Maler, Designer, Choreographen und ehemaligem Leiter des Wandgemälde-, Bildhauerei- und Theaterseminars des Bauhauses gewidmet ist, hat weniger mit der Stuttgarter Arbeitsmoral als vielmehr mit Konflikten innerhalb und mit der Familie Oskar Schlemmers zu tun. Diese Konflikte bedeuteten, dass jeder Ausstellung von Werken Oskar Schlemmers unvermeidlich juristische Schritte wegen Missbrauchs an den Rechten der Werke gefolgt wären. Im Januar 2014 sind die Rechte an Oskar Schlemmers Werken jedoch verfallen und die Staatsgalerie Stuttgart kann die Retrospektive nun auch ohne Angst vor juristischen Konsequenzen zeigen. Mit ungefähr 250 Malereien, Skizzen, Skulpturen und Fotografien sowie mit den originalen Kostümen aus Schlemmers Triadischem Ballett verspricht “Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Ära” die bisher umfangreichste Untersuchung einer wirklich faszinierenden Persönlichkeit zu werden. Und weil wir so lange darauf warten mussten, wird die Ausstellung bestimmt umso besser.

“Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt” wird von Donnerstag, den 20. November 2014, bis Montag, den 6. April 2015, in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, 70173 Stuttgart gezeigt.

Oskar Schlemmer - Visionen einer neuen Welt

"Der Abstrakte" - aus Oskar Schlemmers Triadischem Balett. Voraussichtlich zu sehen in Oskar Schlemmer - Visionen einer neuen Welt (Foto mit freundlicher Genehmigung der Staatsgalerie Stuttgart)

“How do we pronounce design in Portuguese” im MUDE – Museum für Design und Mode, Lissabon, Portugal

Mit seiner kommenden Ausstellung wird das MUDE in Lissabon versuchen eine Essenz des portugiesischen Designs seit 1980 aufzuzeigen und zu untersuchen. Mit einem auf traditionellen Genres und Materialien gerichteten Fokus, wie beispielsweise Textilien, Keramiken, Glas und Kork, hat sich “How do we pronounce design in Portugeuese” nicht nur vorgenommen, einen kompletten Überblick zum zeitgenössischen portugiesischen Design abzuliefern, sondern auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden wichtigsten Zentren des portugiesischen Designs, Lissabon und Paredes, zu untersuchen. Wie bereits gesagt, und wir sagen es immer gerne wieder, beheimatet Portugal eine faszinierende und sehr liebenswürdige Designcommunity, die einerseits ein Gespür für die Traditionen der Region hat, mit diesen Traditionen andererseits aber auch in der heutigen Zeit umzugehen weiß. Diese Community braucht nur noch eine starke Stimme!

“How do we pronounce design in Portuguese” ist vom 27. November 2014 bis 30. März 2015 im MUDE – Museum für Design und Mode, Rua Augusta, nº 24, 1100-053 Lissabon zu sehen.

spore vase Paulo Sellmayer eindhoven

Vielleicht unser liebstes portugiesisches Design: Spore Vase von Paulo Sellmayer, hier bei Made Out Portugal, Eindhoven

“Constructing Text. Swiss Architecture Under Discussion” im Schweizer Architekturmuseum Basel, Schweiz

Die Feder ist bekanntlich mächtiger als das Schwert. In der Architektur ist hingegen wohl eher das Foto mächtiger als die Feder. Nach der Ausstellung “Building Images” wird sich “Constructing Text, Swiss Architecture Under Discussion” mit der Rolle des geschriebenen und gesprochenen Wortes in der Architektur beschäftigen, grundsätzlich also mit der Rolle, die die Architekturkritik hinsichtlich der Entwicklung von Projekten und deren Wahrnehmung durch Fachleute und die breite Öffentlichkeit spielt. Grob gesagt geht es also darum zu untersuchen, welche Relevanz der Architekturkritik zukommt. Zu diesem Zweck untersucht die Ausstellung 15 Projekte der vergangenen 40 Jahre, darunter das Atomkraftwerk Kaiseraugst, die Entwicklung der Europaallee in Zürich und der Roche Tower Basel (Bau 1), die beispielhaft für die Interaktion zwischen Wort und Architektur stehen. Und auch wenn die Ausstellung sehr deutlich macht, dass der Fokus auf Schweizer Architektur und Schweizer Architekten liegt, werden die präsentierten Schlussfolgerungen und Argumente natürlich auch global geltend sein – nehmen wir jedenfalls mal an!

“Constructing Text. Swiss Architecture Under Discussion” wird am Samstag, den 1. November 2014, im S AM Schweizer Architekturmuseum, Steinenberg 7, CH-4051 Basel eröffnet und läuft dort bis Sonntag, den 22. Februar 2015.

Constructing Text. Swiss Architecture Under Discussion opens at S AM Swiss Architecture Museum

Roche Tower Bau 1 (Foto: Marcel Rickli, mit freundlicher Genehmigung des S AM Schweizer Architekturmuseum)

“Making Music Modern: Design for Ear and Eye” im Museum of Modern Art MoMA, New York, USA

Zwischen Musik und Design besteht nicht nur schon immer ein enges und zuträgliches Verhältnis, auch die Parallelen zwischen beiden sind erstaunlich: Es gibt eine Vielzahl an Genres, die man mögen kann oder nicht; regelmäßig entwickeln sich neue Strömungen, die bestehende Normen in Frage stellen; es werden frühere Stile von jüngeren Generationen adaptiert; es besteht ein gefährlicher Hang zum Kitsch; ein Großteil der Bevölkerung ist sich bei ein paar populären Arbeiten einig, sie seien die wichtigsten und stilbildenden Klassiker; beide sind allgegenwärtig usw. Tatsächlich scheint der einzig wahrnehmbare Unterschied zwischen beiden darin zu bestehen, dass Musik ein grundsätzlich reaktives Medium ist – sie kann eine gegebene Situation kommentieren und vorschlagen, dass eine Alternative notwendig sein könnte, während das Design nicht nur kommentieren, sondern auch aktiv reagieren und eine Alternative entwerfen kann. Um diese geschwisterliche Verbindung zu ehren, hat das MoMA New York seine Archive geplündert und eine Ausstellung kuratiert, die sich mit dem Beitrag des Designs zur Musik beschäftigt, beispielsweise im Zusammenhang mit Instrumenten, Marketing, Auditorien, Plattenspielern usw. Neben Arbeiten von Leuten wie Hans Poelzig, Dieter Rams, Hiroshi Ohchi und (unausweichlicher Weise) Sir Jonathan Ive verspricht die Ausstellung auch Arbeiten von Charles Rennie Mackintosh und Lilly Reich (keine Ahnung welche, aber bestimmt sehr faszinierende!) zu zeigen.

“Making Music Modern: Design for Ear and Eye” ist zu sehen im Museum of Modern Art, 11 West 53 Street, New York, NY 10019 vom 15. November 2014 bis 15 November 2015. Ja, das ist ein ganzes Jahr!

Hans Poelzig. Concert Hall Project, Dresden, Germany, Interior perspective of preliminary scheme

Hans Poelzig. Projekt Konzerthalle, Dresden, Interior perspective of preliminary scheme (Foto mit freundlicher Genehmigung vom Museum of Modern Art MoMA, New York)

“Vanity of Object: Tom Vack – Design Photography” in der Neuen Sammlung – The International Design Museum München

In etwa so wie Aldo und Marirosa Ballo in den 1950er und 60er Jahren die kommerzielle Möbelfotografie nachhaltig geprägt haben, hat auch Tom Vack die Produkt- und vor allem die Möbelfotografie seit den 1980er Jahren beeinflusst und definiert. Während allerdings für Aldo und Marirosa Ballo und ihresgleichen das Ziel der Fotografie darin lag, das Objekt in ein möglichst opportunistisches Licht zu rücken, legt Tom Vack den Fokus auf die Komposition des Fotos selbst. Seine Fotografien scheinen häufig eher zufällig ein Produkt abzubilden und man erkennt dieses oftmals erst auf den zweiten Blick. Nach seinem Umzug von Amerika in den 1980er Jahren, arbeitete Vack schnell mit Leuten wie Michele De Lucchi und der experimentellen postmodernen Szene Mailands zusammen, bevor er eine 10-jährige Zusammenarbeit mit Phillipe Starck als dessen persönlicher Fotograf begann. Diese Zusammenarbeit war in vielerlei Hinsicht für die Entwicklung von Phillipe Starcks medialem Erfolg verantwortlich. Darüber hinaus hat Tom Vack eng mit Designern wie Ron Arad, Ingo Maurer und Marc Newson zusammengearbeitet. Das Resultat ist ein breit gestreutes Portfolio u.a. mit Aufnahmen im ruhigen Stil romantischer Kunst, Arbeiten, die eher über die experimentelle Freiheit des frühen Computertzeitalters verfügen, bis hin zu Bildern, die mehr gerendert als fotografiert erscheinen. Hinzu kommt eine beneidenswerte Liste von Klienten, wie Magis, ClassiCon, Flos, Thonet und Nils Holger Moormann. Und ja, Tom Vack hat für Vitra auch einen Tom Vac fotografiert. Wir würden uns nicht gerade als die größten Fans von Tom Vack bezeichnen, aber wir haben großen Respekt vor seinen Arbeiten, seinen künstlerischen und ästhetischen Visionen und vor allem vor dem Einfluss, den er auf das gesamte Genre hatte. Mit ungefähr 200 Fotografien von Tom Vack aus den letzten drei Jahrzehnten verspricht “Vanity of Object” eine gute Gelegenheit zu werden, um sein Oeuvre besser verstehen zu können und schätzen zu lernen.

“Vanity of Object: Tom Vack – Design Photography” wird zwischen dem 8. November 2014 und 25. Januar 2015 in der Neuen Sammlung - The International Design Museum, Barerstrasse 40, 80333 München gezeigt.

Tom Vack Tom Vac

Tom Vac von Tom Vack (Design Ron Arad, 2004) (Foto © Tom Vack, mit freundlicher Genehmigung der Neuen Sammlung – The International Design Museum, München)

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

10. November 2014

In seinem Film “Moderne Zeiten” von 1936 gerät Charlie Chaplin bekanntermaßen in die Mühlen des Fortschritts. Der Film ist eine kurze, aber scharfe Kritik an den Problemen und Herausforderungen, die technologischer und sozialer Wandel für den “kleinen Mann” mit sich bringen.

Über ein Jahrzehnt später hatte auch der ungarische Künstler und Autor László Moholy-Nagy damit begonnen, die Probleme und Herausforderungen der Moderne zu studieren. Er setzte sich mit dem rasanten technischen Fortschritt und der damit verbundenen Flut an neuen sensorischen Erfahrungen auseinander. Jetzt präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin in seiner Winterausstellung 2014/15 nicht nur eine tiefgründige Untersuchung László Moholy-Nagys und seiner Arbeit, sondern befasst sich auch mit der Relevanz dieser Arbeiten für unsere “Moderne”.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

Anfänglich wollte der 1895 im ungarischen Bácsborsód geborene László Moholy-Nagy eine juristische Laufbahn einschlagen. Seine Pläne änderten sich jedoch, als er die Kunst der Avantgarde und die Literatur für sich entdeckte – zuerst durch die Budapester Aktivistenbewegung und danach durch den Dadaismus und russischen Konstruktivismus. Im Jahr 1920 zog Moholy-Nagy nach Berlin. Dort machte er sich mit den Ideen der Reformpädagogik vertraut, veröffentlichte seine ersten programmatischen Texte und nahm erstmals an Ausstellungen teil, bevor ihn Walter Gropius 1923 auswählte, Johannes Itten als Tutor des berühmten Vorkurses am Bauhaus Weimar zu ersetzten.

Moholy-Nagy zog zwar noch mit der Institution nach Dessau um, verließ das Bauhaus allerdings bereits 1928, um sein eigenes Studio in Berlin zu eröffnen. Mit dem Erstarken der NSDAP sah sich Moholy-Nagy, wie so viele andere seiner Zeitgenossen, zur Emigration gezwungen und ging über Amsterdam, London und Brünn schließlich nach Chicago.

1937 versuchte László Moholy-Nagy den Geist des Bauhauses mit dem sogenannten “New Bauhaus” College in Chicago wiederzubeleben – ein unglückliches Unterfangen, das wegen fehlender Mittel schon ein Jahr später wieder aufgegeben wurde. Daraufhin gründete Moholy-Nagy die Chicago School of Design, die sich schließlich in das heutige Illinois Institute of Technology, Institute of Design entwickeln sollte. László Moholy-Nagy starb am 24. November 1946 in Chicago.

Die von Professor Oliver Botar von der University of Manitoba, School of Art initiierte Ausstellung “Sensing Future” soll untersuchen, wie László Moholy-Nagy in seiner Kunst und Lehrtätigkeit einerseits versuchte, die exponentiellen technologischen Veränderungen der 1920er Jahre zu verstehen und wie er andererseits insgesamt dabei mitwirkte, die Bevölkerung auf die Zukunft vorzubereiten – vor allem dabei auf die Zukunft der Medien.

“László Moholy-Nagy fühlte, dass die Kunst das beste Mittel sei, um den Menschen beim Umgang mit dem Ansturm von Sinneseindrücken zu helfen”, erklärt Oliver Botar, “er wollte uns beibringen, wie wir unsere Sinne vollständig nutzen könnten. Aber auch die Kunst selbst sollte dabei helfen. Er meinte, wenn Kunst eine sinnliche Herausforderung wäre, könnte diese Herausforderung in einer kontrollierten Situation den Menschen helfen sich besser den Veränderungen ihrer Zeit anzupassen.”

Und so wie Fritz Haller eine Weltraumkolonie designte, um klarer über irdische Architektur und Stadtentwicklung nachdenken zu können, so dachte sich Moholy-Nagy, dass eine künstlerisch anspruchsvolle Umgebung uns helfen würde die technologische Realität anzunehmen und zu verstehen.

Ein Beispiel dafür, wie Moholy-Nagy die Rolle und Funktion der Kunst begriff, ist sein Poly Cinema, ein Raum, in dem mehrere Filme gleichzeitig auf eine gewölbte Oberfläche projiziert werden, und ein Konzept, das den Betrachter zunächst zwar überfordert, ihn schließlich aber dazu zwingt, einen Weg zu finden, die Informationsflut zu kontrollieren und Ordnung in das Chaos zu bringen. “Sensing the Future” zeigt eine Rekonstruktion eines solchen Poly Cinemas, das alle Besucher selbst ausprobieren können. Auf diese Weise erkennt man, dass László Moholy-Nagy und seine Zeitgenossen vor Problemen standen, die heute so relevant wie damals sind: zunehmende und schnellere Reproduzierbarkeit durch neue Medien, neue Produktionsprozesse, Werbung, Globalisierung … László Moholy-Nagy mag sich nicht über neue Apps, 3D-Drucker und virtuelle Viren den Kopf zerbrochen haben, dafür waren es damals eben die Fotografie, der Film und das Automobil.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Mobile Skulptur Floe von Erika Lincoln

Moholy-Nagy half nicht nur der Gesellschaft, die Zukunft besser zu verstehen, er dachte auch darüber nach, wie man neue Technologien für die Anpassung der Menschen nutzen könnte. Ein Beispiel dafür ist seine sogenannte Konstruktionsorgel, von der auch eine Nachbildung in der Ausstellung zu sehen ist. Bei einer Präsentation der Konstruktionsorgel im Jahr 1938 argumentierte László Moholy-Nagy, visuelle Bilder hätten derart an Bedeutung gewonnen, dass die Kommunikation durch visuelle Bilder ein alltäglicher Vorgang würde. Da jedoch die Kosten der Fotografie ungeheuer hoch seien, würden sich diejenigen, denen der Zugang zur Fotografie und damit die Erfahrung Bilder zu komponieren und zu entwickeln, verwehrt bliebe, zu den Analphabeten der Zukunft entwickeln. Folglich waren technische Hilfsmittel nötig, um die Bildkomposition für alle zugänglich zu machen. Die Konstruktionsorgel ist eines dieser Hilfsmittel. Gewissermaßen ist sie so etwas wie Photoshop anno 1938. Nur mit auf Lochkarten gesicherten Bildern.

Hier besteht auch eine Analogie zu unserer heutigen Situation der Smartphones und mobilen Computer: Diejenigen, denen der Zugang verwehrt bleibt, riskieren zurück zu bleiben bzw. nicht in der Lage zu sein, Hotels und Konzerttickets zu buchen oder herauszufinden, wann der nächste Zug fährt.

Heutzutage denkt man wahrscheinlich eher an Designer, wenn es um die Lösung sozialer und kultureller Probleme geht, eine der andauerndsten Hinterlassenschaften des Bauhauses ist jedoch auch die Entwicklung des Designs aus der Kunst mittels angewandter Kunst. Aber spielt die Kunst wirklich noch eine Rolle, wenn es darum geht, unsere Umwelt besser zu verstehen? Oder haben wir uns schon darüber hinaus entwickelt?

“Ich denke, Kunst ist in dieser Hinsicht immer noch sehr wichtig”, antwortet Oliver Botar unmissverständlich. Der Impetus, die Welt und ihre Veränderungen verstehen zu wollen, muss allerdings beim Künstler liegen. “László Moholy-Nagy meinte, Künstler müssten sich mit jeder neuen Technologie beschäftigen, ganz egal welcher”, fährt Oliver Botar fort. “Künstler sollten vor der Technik keine Angst haben und mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Wenn Künstler dazu in der Lage sind, gibt uns das allen Mut, uns auf neue Technologien einzulassen.”

Daher zeigt “Sensing the Future” neben Gemälden, Skulpturen, Plänen, Installationen, Fotografien und Filmen von László Moholy-Nagy auch aktuelle Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die die Philosophie László Moholy-Nagys fortführen.

Die sehr offen und klar strukturierte Ausstellung “Sensing the Future” liefert nicht nur eine exzellente Einführung zu László Moholy-Nagy, sondern hilft uns auch zu verstehen, dass egal, als wie schnell wir die Entwicklung unserer Gesellschaft einschätzen, sie vor 100 Jahren auch nicht langsamer war. Folglich können wir auch vieles von früheren Generationen lernen, wenn es darum geht, sich neuen Technologien anzupassen und sich auf die Zukunft einzulassen.

“László Moholy-Nagy meinte, es wäre sehr wichtig, dass der Mensch die Kontrolle über die Technologie behalte, bevor wir von der Technologie kontrolliert würden,” fügt Olivar Botar hinzu. “Das war einer seiner Grundsätze und ich denke, das ist auch heute ein wichtiger Grundsatz. Schließlich fühlen wir uns alle zeitweise überfordert.” Und wir alle geraten zeitweise zwischen die Räder wie damals Charlie Chaplin.

“Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” ist bis Montag, den 15. Januar 2015 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin zu sehen.

Alle Details einschließlich der Informationen zum Rahmenprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

smow Blog kompakt: Sächsischer Staatspreis für Design 2014 – Die Gewinner

07. November 2014

Am Freitag, den 24. Oktober, wurden die Gewinner des Sächsischen Staatspreises 2014 bei einer zweifellos angemessen prachtvollen Feierlichkeit in Leipzig bekannt gegeben.

Unter dem Motto “Mehr Wert durch Design” wurden für die 2014er Ausgabe des zweijährig stattfindenden Wettbewerbs Projekte gesucht, die für das Potential des Designs in unserer modernen, postindustriellen Industriegesellschaft stehen. Und wahrscheinlich sollen diese Designs, auch wenn es nicht explizit gesagt wurde, auch ein Potential repräsentieren, das von den vielen talentierten Designern Sachsens an eine Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen in Sachsen weitergegeben wird.

Anfang September hat die Jury 35 Projekte aus 261 eingegangenen Bewerbungen nominiert und 14 davon ausgezeichnet.

In der Kategorie Produktdesign gingen der erste Preis und das dazugehörige Preisgeld von 10.000 Euro an Neongrau aus Dresden für ihr Pendix 1.0 System für die Zwickauer Herms Drives GmbH. Pendix 1.0 ermöglicht es, jedes normale Fahrrad in ein Elektrofahrrad zu verwandeln, ohne dass irgendwelche komplexen und kostspieligen Umbauten nötig wären. Grob gesagt, man klemmt es einfach fest und kann sein altes Fahrrad als Elektrofahrrad nutzten.

Sächsischer Staatspreis für Design 2014 neongrau Pendix 1.0 Herms Drives GmbH

Pendix 1.0 von Neongrau für Herms Drives GmbH. 1. Platz Produktdesign, Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Der zweite Preis ging an den in Frankenberg ansässigen Designer Marcel Kabisch für seinen selbst hergestellten und vertriebenen Stuhl und Beistelltisch Griffbereit – ein solides Objekt aus Eschen- und Buchensperrholz, das auf die derzeitige Vorliebe der Möbelindustrie für transportable Metalltische anspielt. Das gelingt Griffbereit in direkter und zugänglicher Form.

Sächsischer Staatspreis für Design 2014 Griffbereit Marcel Kabisch FEINSERIE

Griffbereit von Marcel Kabisch für Feinserie. 2. Platz Produktdesign, Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Zur Vervollständigung des Podiums und des Spektrums an zeitgenössischem Produktdesign ging der dritte Preis an FABian der Berliner Agentur formfreun.de für Cell. Copedia GmbH. Wir werden besser gar nicht erst so tun, als wüssten wir, was FABian ist oder kann, alles was wir wissen, ist, dass es sich um eine vollautomatische Anlage handelt, die Proteine oder Zellen aus biologischen Suspensionen trennt.

Sächsischer Staatspreis für Design 2014 FABian formfreun.de Cell. Copedia GmbH

FABian von formfreun.de für Cell. Copedia GmbH. 3. Platz Produktdesign, Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Außerdem wurden die folgenden Projekte in den folgenden Kategorien ausgezeichnet.

Kommunikationsdesign:
1. Umwelt- und Nachbarschaftshaus Kelsterbach, Intolight, Hersteller: Gemeinnützige Umwelthaus GmbH

2. Buchgestaltung „Schönheit & Last – Bildnisse vom Alter“ von Oberberg . Seyde für Cajewitz-Stiftung

3. Buchgestaltung »Mascha und der Bär« von Renate Wacker für Kunstanstifter Verlag e.Kfr.

3. Auswahl aus dem Verlagsprogramm Spector Books 2012-2014 von Spector Books / Spectormag GbR, Jan Wenzel für Spector Books / Spectormag GbR.

Nachwuchspreis:
1. Mähdrescherstudie mit neuartigem Klappschneidwerkskonzept von Christoph Philipp Schreiber

2. My way. Materialstudie – Kiefernnadeln / Textildesign an der Burg: I did it my way! von Katharina Jebsen

3. Schuko-plug-twisted von Christoph Uckermark

Anerkennung Nachwuchsdesign in Verbindung mit SP Leipziger Messe. EVOLVE – Lightweight Trekkingzelt von Ingo Schuppler und Jonas Schwarz

Sonderpreis “Apps – mobile neue Medien”:

Anerkennung: Abflug – Take-Off! Die lustige Wimmelreise für kleine Passagiere. von APPSfactory GmbH Dr. Alexander Trommen für Lufthansa AG

Anerkennung: ifdesign.awards von APPSfactory GmbH Dr. Alexander Trommen für IF International Forum Design GmbH

Anerkennung: Solarwatt Energie Portal von Neongrau GbR (Design) und Kiwigrid GmbH (Programmierung) für Solarwatt GmbH

Gratulation an alle!

Mehr Details zum Sächsichen Staatspreis für Design 2014 sind unter www.design-in.sachsen.de zu finden. Der Hocker und Beistelltisch Griffbereit von Marcel Kabisch ist über smow Chemnitz erhältlich.

 

Sächsischer Staatspreis für Design 2014

Alvar Aalto – Second Nature im Vitra Design Museum

05. November 2014

Wer den finnischen Architekten und Designer Alvar Aalto kennt, denkt sofort an die fließenden, freien Formen seiner Gebäude und seiner Formsperrholzmöbel. Die sind ohne Frage toll, aber viel mehr scheint es über ihn nicht zu sagen geben.

Trotzdem widmet Vitra Aalto derzeit eine Ausstellung und die Frage, was es dort wohl – Neues – zu sehen gibt, drängt sich uns förmlich auf. Also haben wir uns mal wieder auf den Weg nach Weil am Rhein gemacht und uns selbst davon überzeugt, dass sich ein Besuch der Ausstellung “Alvar Aalto – Second Nature” im Vitra Design Museum durchaus lohnt.

Alvar Aalto Second Nature Vitra Design Museum

Alvar Aalto - Second Nature im Vitra Design Museum. (Und vielleicht ein Vorschlag Aaltos für eine Erweiterung des Museums ...)

Der 1898 im finnischen Kuortane geborene Alvar Aalto begann 1916 mit einem Architekturstudium in Helsinki, das er 1921 abschloss, und gründete 1923 sein eigenes Architekturbüro in Jyväskyla. Im Jahr 1927 zog Alvar Aalto nach Turku, wo er die Bekanntschaft des örtlichen Fabrikanten Otto Korhonen machte – eine Freundschaft, die ausschlaggebend für die Entwicklung von Alvar Aaltos Karriere als Möbeldesigner werden sollte. Ein internationales Publikum erreichte Alvar Aalto erstmals 1932 mit seinem Paimio Krankenhaus, bevor dann ein Jahr später eine Ausstellung in London auch die weltweite Erfolgsgeschichte seiner Formsperrholzmöbel auslöste. Diese Ausstellung führte gewissermaßen auch zur Gründung der Firma Artek, die ab 1935 Aaltos Möbelentwürfe produzieren und vertreiben sollte. Es folgten über 300 weitere Architekturprojekte (realisierte und nicht realisierte), zahlreiche Möbel, Lampen und Glaswaren sowie verschiedenste Preise, Ausstellungen, Gastprofessuren usw. Alvar Aalto starb am 11. Mai 1976 in Helsinki.

So viel wissen wohl die meisten.

“Alvar Aalto – Second Nature” will daher einen Schritt weitergehen und den Besuchern einen neuen Alvar Aalto vorstellen. Mit den Worten des Ausstellungskurators Jochen Eisenbrand soll so die “etablierte Vorstellung von Alvar Aalto als einen Architekten, der tief mit der finnischen Landschaft verwurzelt war und dessen Formensprache sich von dort aus entwickelt habe, hinterfragt werden.” Wenn man so will also ein Alvar Aalto, dessen Formen nicht nur auf die finnischen Wälder zurückgehen. Zu diesem Zweck wurde die Ausstellung in vier Abschnitte unterteilt – mit einer ziemlich holprigen thematisch-chronologischen Struktur.

Die Ausstellung beginnt mit einem Überblick über Alvar Aaltos früheste Architekturarbeiten, darunter das Bibliotheksgebäude in Vyborg, die Kirche in Muurame und das Gebäude der landwirtschaftlichen Genossenschaft in Turku, und endet mit dem Paimio Krankenhaus, also dem Projekt, das ganz offiziell Aaltos Übergang von eher historischen Architekturgenres zur europäischen Moderne und dem europäischen Funktionalismus markiert. Dieser Übergang wird in der Literatur häufig als ein sehr plötzlicher Schritt beschrieben. Wie plötzlich war er aber tatsächlich und was führte zu dieser Wandlung?

“Plötzlich’ ist natürlich eine Frage der Definition”, so Jochen Eisenbrand, “blickt man zurück, wird deutlich, dass sich diese Veränderung innerhalb relativ kurzer Zeit vollzogen hat. Für mich bilden Aaltos Reisen hier den Hintergrund. 1928 beispielsweise unternahm Aalto seine erste Europareise, im Jahr 1929 nahm er am CIAM Kongress in Frankfurt Teil, auf dem er viele der führenden modernen Architekten traf – diese Erfahrungen und Begegnungen beeinflussten seine Architektur. Zur gleichen Zeit entwickelte sich aber auch in Skandinavien eine moderne Bewegung. Aalto war zum Beispiel mit den Organisatoren der Ausstellung von 1930 in Stockholm befreundet, der ersten Manifestation der Moderne in Schweden, und verfolgte die Vorbereitungen zu dieser Veranstaltung sehr genau. Es gab also einen Prozess über einige Jahre, der von verschiedenen Ereignissen bestimmt war. Und wenn man beispielsweise seine Kirchenprojekte aus dieser Zeit studiert und die frühen Skizzen mit den späteren vergleicht, wird ganz deutlich, wie sich das Design der Kirchen sukzessive vom nordischen Klassizismus hin zu einer sehr viel reduzierteren, modernen und abstrakten Formensprache entwickelte.”

Einen weiteren Einfluss auf diesen Transformationsprozess und auch auf Aaltos Entwicklung während der darauffolgenden Jahrzehnte findet man im zweiten Ausstellungsraum. Dort geht es um Alvar Aaltos Beziehung zur zeitgenössischen Kunst der 1920er und 30er Jahre und wie diese seine Arbeit und sein Verständnis von Begriffen wie Raum, Licht, Volumen und Form beeinflusste. Dieses Verständnis entwickelte Aalto allerdings schon durch seine Untersuchung einer “multisensorischen” Architektur, wie sie im ersten Raum dokumentiert wird. In diesem Zusammenhang bezeichnete sich Aalto später auch einmal als ein Dirigent der Architektur, der die zahlreichen Aspekte koordiniert, die ein Gebäude zu einer einheitlichen Komposition werden lassen – ebenso wie ein Dirigent ein Orchester leitet.

Dieser Aspekt Alvar Aaltos und seine Entwicklung wird einerseits im Zusammenhang mit Künstlern präsentiert, mit denen Aalto bekannt war, beispielsweise Alexander Calder oder Jean Arp, aber auch anhand zweier Architekturprojekte, die Aalto während dieser Jahrzehnte beendete, die Villa Mairea und das Maison Louis Carré. Beide Gebäude wurden für Sammler zeitgenössischer Kunst entwickelt und so auch mit Ausstellungsräumen für die Sammlungen konzipiert.

Alvar Aalto Second Nature Vitra Design Museum

Alvar Aalto - Second Nature im Vitra Design Museum

Mit eher klassischem Ausstellungsdesign steht “Second Nature” in einem erfreulichen Kontrast zum anspruchsvolleren experimentellen Ausstellungskonzept von “Konstantin Grcic – Panorama”. Das heißt im dritten Raum werden Aaltos Möbel- und Glasdesigns überwiegend auf weißen Blöcken präsentiert. Eine kuratorische Sünde, die man beim Anblick der ausgestellten Objekte allerdings schnell vergibt.

Neben den bewährten Aalto Klassikern, wie dem Hocker 60, dem Servierwagen 900 oder dem Sessel Paimio, sind auch faszinierende weniger bekannte Stücke zu sehen; darunter der sogenannte Stuhl 26, ein Stuhl aus Stahlrohr und Formsperrholz für Paimio, und, am beeindruckendsten von allen Ausstellungsstücken, der Paimio Drehstuhl, ein wirklich verführerisches Objekt, das zudem eine unmittelbare und nicht zu ignorierende Ähnlichkeit mit Konstantin Grcics Rival Chair für Artek aufweist. Wir wollen damit gar nichts sagen, ist nur ein Vergleich …

Neben den fragwürdigen weißen Blöcken fanden wir auch die kuratorische Entscheidung, Altos Möbel und Lampen getrennt von der Architektur zu präsentieren, etwas kurios. Aaltos Möbel entstanden fast immer im Zusammenhang mit Architekturaufträgen, jedenfalls während der frühen Jahre, und so hätte es wohl auch mehr Sinn gemacht beides zusammen auszustellen. “Wir haben lange über diesen Punkt nachgedacht”, gesteht Jochen Eisenbrand, “aber schließlich entschieden wir, dass es im Kontext unserer Ausstellung wichtiger ist, das Serielle der Produktion zu betonen – Aaltos Möbel waren auch Produkte, die für ein Massenpublikum und die Serienproduktion geplant wurden. Dieser Punkt ist wichtig gerade im Hinblick auf den Einfluss der angewandten Kunst auf Aaltos Schaffen, den Kunsteinflüssen also, die Aalto halfen sich als Architekt und Designer weiterzuentwickeln.”

Das Obergeschoss wird schließlich dem Bereich der Ausstellung überlassen, der einen Blick auf Alvar Aaltos spätere Architekturprojekte wirft, vor allem auf diejenigen, die in Übersee realisiert wurden oder zumindest dafür geplant waren; darunter das Kulturzentrum Wolfburg, die Baker House Studentenwohnungen am MIT Cambridge, Massachusetts und sein Design für ein neues Kunstmuseum in Bagdad von 1957.

Im September 2013 kaufte Vitra den Hersteller Artek. Im Oktober 2014 präsentiert das Vitra Design Museum eine Alvar Aalto Ausstellung. Alles nur ein glücklicher Zufall? Mit etwas schiefem Lächeln meint Mateo Kries, Chefkurator des Vitra Design Museums, dazu: “Wie jeder sehen wird, hat die Organisation der Ausstellung länger als ein Jahr gedauert. Tatsächlich haben wir die Ausstellung während der letzten drei Jahre vorbereitet. Dass Vitra in dieser Zeit Artek übernommen hat, ist reiner Zufall.” Wir müssen auch sagen, dass die Ausstellung unseren “Thonet-Test” bestanden hat. Den haben wir im Zusammenhang mit der jüngsten Ausstellung, “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet” im Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig entwickelt. Geprüft wird dabei, ob kommerzielle Interessen Einfluss auf den Inhalt einer musealen Ausstellung genommen haben. “Second Nature” ist jedenfalls in keiner Hinsicht als Werbeveranstaltung für Artek oder Iittala, die Firma produziert Aaltos Glasdesigns, zu verstehen. Beide Unternehmen werden natürlich erwähnt, alles andere wäre albern, aber die Ausstellung befasst sich ganz klar mit Alvar Aalto und nicht mit denen, die heute seine Möbeldesigns vermarkten.

Alvar Aalto Second Nature Vitra Design Museum furniture

Alvar Aaltos Möbel bei Alvar Aalto - Second Nature, Vitra Design Museum

Mit ungefähr 20 Architekturmodellen, 50 Originalskizzen, 60 Lampen bzw. Möbeldesigns sowie Briefen, Postern, Magazinen, Fotografien und ähnlichem Material ist “Second Nature” nicht bezüglich der Objekte, aber in Bezug auf den Umfang und die Tiefe der Informationen wohl die ausführlichste Ausstellung, die man jemals über Alvar Aalto zu sehen bekommen wird.

Eine sehr wichtige Komponente sind diesbezüglich Armin Linkes Fotografien von Alvar Aaltos Gebäuden bzw. das Zusammenspiel der Fotografien mit den ausgestellten Objekten. Die speziell für die Ausstellung in Auftrag gegebenen Arbeiten fokussieren, ähnlich wie die Fotografien Ola Kolehmainens, eher Details der Gebäude und ihren Kontext, als dass sie Aaltos Konstruktionen zu unberührbaren Monumenten stilisieren. Folglich sind Armin Linkes Bilder eine einmalige Bereicherung für Alvar Aaltos Architektur, und das gelingt ihnen auf sehr einfache und zugängliche Weise. So öffnet sich die Ausstellung durch die Fotografien, die zudem sehr zum Vergnügen beitragen.

Mit den Fotografien, Kunstwerken und den Referenzen auf die Kunst kann “Alvar Aalto – Second Nature” ganz klar als weitaus mehr als eine “simple” Designausstellung gesehen werden. Das erklärt vielleicht auch, warum es der Ausstellung gelingt ein so interessantes und einnehmendes Portrait Alvar Aaltos zu zeichnen. Mateo Kries sieht es folgendermaßen: “Ich denke, dass eine Kombination von Architektur und Designausstellung mit Kunstelementen vor beispielsweise 10 Jahren nicht möglich gewesen wäre, allerdings kommen sich Reflexionen und Gedanken über Kunst, Design und Architektur heute näher, und das erlaubt uns jetzt jemanden wie Alvar Aalto in seiner ganzen Reichweite unter die Lupe zu nehmen.” Bedeutet das eine Erweiterung des Aufgabenbereiches des Vitra Design Museums? Vor allem wenn man “Second Nature” im Kontext der “Pop Art Design”-Ausstellung im Jahr 2012 betrachtet. “Nein, nein”, antwortet Mateo Kries kategorisch. “Wir sind ein Designmuseum und nehmen diese Tatsache sehr Ernst, das bedeutet aber eben auch, dass wir uns verpflichtet fühlen, beispielsweise die Einflüsse der Kunst zu zeigen oder auf den Dialog zwischen Architektur und Urbanismus einzugehen. Ich denke, es wird für unsere Besucher interessanter, wenn sie etwas über solche Zusammenhänge erfahren und ich hoffe, dass wir in Zukunft weiter daran arbeiten können, wie wir Design und Designausstellungen präsentieren.”

Alvar Aalto Second Nature Vitra Design Museum

Alvar Aalto - Second Nature im Vitra Design Museum

Jeder kennt den finnischen Architekten und Designer Alvar Aalto. Aber kennt man die Möbel für die Muurame Kirche von 1928, seine experimentellen Designs für Kinosäle, die auf Avantgarde Filme abzielten? Sind einem Aaltos Pläne für das Büro der Turun Sanomat Zeitung in Turku bekannt, zu denen auch gehörte, dass die Titelseite jeden Tag an die Fassade projiziert werden sollte? Kennt man den Paimio Drehstuhl?

Der Besuch von “Alvar Aalto – Second Nature” macht deutlich, wie wenig wir doch über Alvar Aalto wissen und wie viel von ihm durch die gängigen, bequemen Einordnungen und Zuschreibungen verschleiert wird. “Second Nature” liefert einen neuen Eindruck von Alvar Aalto. Die Ausstellung geht über die populären Bilder hinaus, zeigt neue Facetten Alvar Aaltos und seiner Arbeit und bekräftigt den Besucher sich weiter in das Thema zu vertiefen. Alles, was einem vorher schon bekannt ist, wird ergänzt, erweitert und vertieft durch vieles, was man vorher nicht gewusst oder gesehen hat. Doch wie wir es uns schon gedacht hatten, fehlte die Geschichte vom Treffen Alvar Aaltos mit George Nelson in Cambridge Massachusetts 1948.

Alles andere kann und sollte man im Vitra Design Museum erfahren.

“Alvar Aalto – Second Nature” ist bis Sonntag, den 1. März 2015, im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Straße 2, 79576 Weil am Rhein zu sehen.

 

 

 

Useful Exhibition von Sanghyeok Lee in der DMY Design Gallery Berlin

10. Oktober 2014

Charlotte Perriand war, wenn es um Möbeldesign ging, bekanntlich der Meinung, dass Holz ”eine pflanzliche Substanz” und somit “von Natur aus dazu verdammt sei zu verfallen…”. Die Zukunft gehöre deshalb dem Metall – vor allem dem gebogenen Stahlrohr der europäischen Moderne.1

Im Gegensatz dazu warnte Poul Henningsen, dass die industrielle Herstellung von Stahlrohrmöbeln, für die Perriand, Le Corbusier und die Bauhausclique eintraten, “zu zweitrangigen Stuhltypen führen könnte und Holz für die Möbelherstellung das geeignetere Material bliebe.”2

Solche Argumente bestimmten unsere Gedanken, als wir uns die Ausstellung “Useful Exhibition” des in Berlin ansässigen südkoreanischen Designers Sanghyeok Lee in der DMY Design Gallery Berlin angeschaut haben. Die ausgestellten Regale, Tische und Stühle sind aus Eichen- und Ahornholz gefertigt, könnten aber ebenso aus Metall hergestellt werden. Vor allem aber gehen sie auf Konstruktionsprinzipien zurück, die traditionellerweise eher Konstruktionen aus Metall betreffen.

Useful Exhibition by Sanghyeok Lee at the DMY Design Gallery Berlin

Useful Exhibition von Sanghyeok Lee in der DMY Design Gallery Berlin

Nach anfänglichem Produktdesignstudium in seiner Heimat Seoul wechselte Sanghyeok Lee 2007 an die Design Academy Eindhoven, wo er sein Studium 2011 in der Klasse “Man and Living” abgeschlossen hat. Danach zog er schnell nach Berlin, nicht zuletzt wegen der besonderen, kreativen Atmosphäre der Stadt und den Möglichkeiten, die er dort vermutete.

Ein internationales Publikum erreichte Sanghyeok Lee erstmals 2012 als Gewinner des zweiten Platzes des D3 Design Talent Wettbewerbs mit seinem Abschlussprojekt “Listen to your hands”. Wenn man bei dem interaktiven Tisch eine Schublade zu schnell schließt, öffnet sich eine andere. So werden die Nutzer nicht nur gezwungen darüber nachzudenken, wie sie Möbel benutzen, sondern auch ihr grundsätzliches Verhältnis zu Möbeln zu reflektieren.

Diese Erforschung von Möbeln, die eher Begleiter der menschlichen Verfassung als einfach nur passive Objekte sind, führte Sanghyeok Lee mit seinem Projekt “Useful Arbeitsloser” von 2013 fort. Die Möbelkollektion “Useful Arbeitsloser” reflektiert einerseits die zeitgenössische Sehnsucht nach einer ordentlichen persönlichen Umgebung zu Hause und andererseits Shanghyeok Lees persönliches Gefühl einer aufgezwungenen Inaktivität nach seiner Ankunft in Berlin – wegen Sprach- und Verwaltungsproblemen war er erstmal arbeitslos.

2014 hat Sangheok Lee diese Idee mit dem Useful Living System weiterentwickelt. Im Gegensatz zu Useful Arbeitsloser ist Useful Living weniger reflexiv, sondern versucht wirklich Lösungen anzubieten, Angebote für das Leben in heutigen Metropolen zu machen.

Useful Furniture by Sanghyeok Lee at the DMY Design Gallery Berlin

Useful Exhibition von Sanghyeok Lee in der DMY Design Gallery Berlin

Strukturell erinnert Lees Möbelsystem an unverkleidete USM Haller Einheiten, an den Egon Eiermann Tisch, an Rejons nach ihm benannten Sessel und an viele der frühen Bauhaus und De Stijl Möbeldesigns.

Die beiden Systeme “Useful Arbeitsloser” und “Useful Living” sind von Baugerüsten inspiriert und wie bei den Baugerüsten sind auch bei den Möbelsystemen nicht etwa die Stangen und Platten, sondern ist das unscheinbare Verbindungselement das eigentliche Kernstück. Im Fall von Sanghyeoks System ist das eine wunderschön veredelte Messingschraube, die die Holzstangen miteinander verbindet.

Anders als die Gerüste, auch wenn die Ästhetik etwas anderes nahelegt, sind die Systeme leider nicht modular, sondern in ihrer Form festgelegt. “Noch ein modulares System wäre langweilig”, sagt Sangheok Lee und grinst, bevor er schnell hinzufügt, “die Idee ist aber trotzdem neue Möglichkeiten vorzuschlagen, den Nutzer herauszufordern und zu inspirieren.”

Alle, die uns kennen, wissen von unserer Vorliebe für modulare Systeme. Nur wenig macht so viel Sinn wie ein gut durchdachtes modulares Gebäude oder Möbelsystem. Die “Useful”-Systeme sind allerdings keine Möbelsysteme im klassischen Sinn. Sie stehen auch nicht in der funktionalistischen Tradition aus der heraus die meisten modularen Möbelsysteme entstanden sind; vielmehr sind sie Konzepte, die sich mit dem modernen Leben befassen – sie sind Kommentare zum aktuellen urbanen Leben und lassen sich als Möbel benutzen. Der Stuhl ist nicht designt, um komfortabel zu sein, der Schreibtisch passt sich nicht dem Arbeitenden an, die Regalbretter werden nicht zu euren Bücher- und Plattensammlungen passen. Der Benutzer muss sich den Möbeln anpassen, sie verstehen und lernen mit ihnen zu leben. Auch wenn wir also mit Rudolf Horns Aussage, dass der Konsument die Möglichkeit haben müsse zu entscheiden und ihm niemand sagen dürfe, was er brauche und kaufen solle, zu hundert Prozent übereinstimmen, akzeptieren wir auch, dass es zum Beruf des Designers gehört Konventionen in Frage zu stellen, die moderne Gesellschaft zu reflektieren und Fragen aufzuwerfen. Und dazu gehört eben auch manchmal Objekte vor uns zu stellen und uns zu zwingen, sie so zu nutzen wie sie sind. Zudem können wir leicht von dem Mangel an Modularität absehen, weil Sanghyeok Lee in seinen Designs alles Unnötige vermeidet. So hat er eine elegante, unaufdringliche, maßvolle und beruhigend dauerhafte Möbelkollektion entwickelt.

All das wird wunderbar von der Ausstellungskonzeption betont, indem die einzelnen Stücke als Schatten an die Wände der DMY Gallery projiziert werden und man die Objekte so ganz deutlich als die Skelette, die sie sind, erkennt. Skelette, die für uns ein Ausgangspunkt sein sollen, um etwas Nützliches, Persönliches und vor allem Sinnvolles entstehen zu lassen. Und nach langen Überlegungen funktioniert das in diesem Fall am besten aus Holz.

“Useful Exhibition” von Sanghyeok Lee ist bis Freitag, den 17. Oktober in der DMY Design Gallery, Blücherstrasse 23, 10961 Berlin zu sehen.

1. Charlotte Perriand, Wood or Metal? The Studio Vol 97 No. 433 1929

2. Poul Henningsen, “Tradition or Modernisme”, Kritisk Revy, Vol 3, 1927, Kopenhagen

 

 

 

5 neue Designausstellungen im Oktober 2014

05. Oktober 2014

In Lucy Maud Montgomerys Erzählung “Anne of Green Gables”, die Geschichte ist im englischsprachigen Raum in etwa so bekannt wie Pippi Langstrumpf in Deutschland, verkündet Anne Shirley: “Ich bin so froh, dass es den Oktober gibt. Es wäre doch schrecklich, wenn wir einfach vom September auf den November übergehen müssten.”

Ja Anne, das wäre es tatsächlich.

Während Ms Shirley allerdings im Oktober ganz und gar damit beschäftigt ist, ihr Schlafzimmer mit farbenfrohen Ahornästen zu dekorieren, die zu dieser Jahreszeit auf der Prince Edward Insel sehr verbreitet sind, erfreuen wir uns an neuen Architektur- und Designausstellungen.

Deshalb hier also in zufälliger Reihenfolge unsere Top 5 für den Oktober 2014:

“Studio Wieki Somers – Out of the Ordinary” im Museum Boijmans, Rotterdam, Niederlande

Auf die Arbeiten des in Rotterdam ansässigen Studios Wieki Somers alias Dylan van den Berg und Wieki Somers sind wir erstmals 2012 gestoßen, als die beiden einen Beitrag zur Ausstellung “Contemporary Dutch Design Live” im Vitra Design Museum lieferten. Da dieser aus einer 100 Kilogramm schweren Praline bestand, hatten die beiden Designer natürlich schnell unsere volle Aufmerksamkeit. Sehr viel beeindruckender als die 100 Kilogramm war allerdings der realtiv brutale Prozess, dem die Praline unterzogen wurde, um die beeindruckenden, fast unbemerkten Veränderungen im Muster der Praline zu erzeugen. Der Sinn für die kleinen Details in Ästhetik und Konstruktion, die Fähigkeit, die innere Schönheit eines Objektes an die Oberfläche zu holen, ohne ihre Funktionalität einzubeziehen, stehen grundsätzlich für die Arbeit von Studio Wieki Somers. Die Arbeiten des Studios wurden von so unterschiedlichen Herstellern wie Kahla Porzellan, Tectona oder Droog produziert – hinzu kommen zahlreiche Kooperationen wie beispielsweise die mit der Galerie Kreo Paris, dem Textile Museum in Tilburg und der Galerie Vivid Rotterdam. Um den 10. Geburtstag des Studios zu feiern, zeigt das Museum Boijmans in Rotterdam nun eine Ausstellung zum Werk des Studio Wieki Somers. Mit Projekten wie den Trinkgläsern “Trophies” von 2004, dem “Bathboat” von 2005 oder der “Frozen in Time”-Kollektion aus dem Jahr 2010, verspricht “Out of the Ordinary” einen prägnanten Überblick zu einem sehr interessanten Designstudio. Erfreulich ist auch, dass die Besucher, da die Ausstellung während des Winters stattfindet, in den Genuss kommen werden, die Karussell-Garderobe zu benutzen, die 2009 vom Studio Wieki Somers für den Eingangsbereich des Museums Boijmans entworfen wurde.

“Studio Wieki Somers – Out of the Ordinary” wird am Samstag, den 11. Oktober 2014, im Museum Boijmans, Museumspark 18, 3015 CX Rotterdam eröffnet und ist dort bis 11. Januar 2015 zu sehen.

“Chocolate Mill” von Studio Wieki Somers , entstanden im Rahmen der Ausstellung “Contemporary Dutch Design Live” im Vitra Design Museum, 2012

“Skud på Stammen 2014″ im Trapholt – Museum für Moderne Kunst, Angewandte Kunst, Design und Architektur, Kolding, Dänemark

Seit 2007 bringt das Programm ”Skud på Stammen”, was so viel heißt wie “Span aus dem alten Block” oder “Neue Äste”, Tischlerstudenten der Technischen Hochschule Kopenhagen mit erfahrenen Designern zusammen, um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Und seit 2007 werden die Ergebnisse dieser Kooperationen auch in Ausstellungen im Trapholt Kunst- und Designmuseum in Kolding präsentiert. Nach Themen wie “Von der Saat zu … ” im Jahr 2011, “Rezession” 2012 und “Globalisierung” 2013 wurden die Teilnehmer im Jahr 2014 gebeten, Arbeiten zum Thema “Über die Linie” zu entwickeln. Im Zusammenhang mit den hundertsten Geburtstagen von Hans J. Wegner und Borge Mogensen sollen verbreitete Vorstellungen des dänischen Designs, die mit den beiden Hundertjährigen eng zusammenhängen, in Frage gestellt werden. Alles in allem kein unpassendes Thema – waren es doch Kooperationen zwischen Designern wie Mogensen oder Wegner mit Tischlereibetrieben, die die Grundlage für die Arbeiten legten, die heute das verbreitete Verständnis des viel gepriesenen dänischen Designs ausmachen. Ein Verständnis, mit dem, wie wir wissen, viele junge dänische Designer ein echtes Problem haben, von dem Zimmermänner und Möbeltischler allerdings nach wie vor profitieren. So wird es wohl interessant sein zu sehen, was bei den Kooperationen zeitgenössischer Designer wie Kasper Salto, Sigurd Larsen und Jonas Pedersen mit den Studenten heraus gekommen ist, und wer den Löwenanteil an der fertigen Arbeit hat.

“Skud på Stammen” 2014 ist ab Dienstag, den 28. Oktober 2014, im Trapholt – Museum für Moderne Kunst, Angewandte Kunst, Design und Architektur, Æblehaven 23, DK-6000 Kolding zu sehen und läuft bis 1. Februar 2015.

Børge Mogensen FDB Chair Danish Museum of Art and Design Copenhagen

Ein Børge Mogensen FDB Chair und ein englischer Stuhl aus dem 18./19. Jahrhundert, gesehen im Dänischen Museum für Kunst und Design in Kopenhagen. Ein perfektes Beispiel für die Ursprünge des "Dänischen Designs" im traditionellen Tischlerhandwerk.

“Frank Gehry” im Centre Pompidou, Paris, Frankreich

Wir behaupten nicht, große Fans des kanadischen Architekten Frank Gehry zu sein – besser gesagt sind wir gar keine Fans der formelhaften Wiederholungen in den Konstruktionen von Gehry Partners. Dazu haben wir uns erst kürzlich in unserem Post zum geplanten Gehry Partners Hochhaus am Berliner Alexanderplatz geäußert. Dort haben wir auch argumentiert, dass die Schuld für diese Wiederholungen nicht allein bei Gehry zu suchen ist, sondern zu einem großen Teil bei den Auftraggebern liegt, die stillschweigend Gebäude erwarten, die aussehen wie schon realisierte Gehry-Gebäude. Frank Gehry sollte solche Aufträge einfach ablehnen. Aber man kann ihm nicht verübeln, dass er sie annimmt. Wir finden die Debatten um die Gehry Partners Projekte zwar wichtig, allerdings muss man sagen, dass diese Debatten auch etwas von dem Beitrag ablenken, den Frank Gehry unbestritten zur zeitgenössischen Architektur geleistet hat. Dazu gehören seine frühen Experimente mit dekonstruktivistischen Formen, die Umgestaltung moderner Standards, seine Überlegungen zur Wahrnehmung des Raumes und seine Rolle bei der Entwicklung von 3D-computerbasierten Planungsmethoden. All diese Innovationen unterstreichen natürlich das Zitat der Pritzker-Architekturpreis-Jury von 1989, in dem es heißt: “Gehrys Werk steht für eine raffinierte, intellektuelle und abenteuerliche Ästhetik, die die Kunst der Architektur betont.”1 Die anstehende Ausstellung im Centre Pompidou scheint eine gute Gelegenheit zu sein, um sich selbst ein Urteil über derartige Behauptungen zu bilden. Den Organisatoren zufolge ist die von Frédéric Migayrou und Aurélien Lemonier vom Musée National d’art Moderne kuratierte Ausstellung die erste größere Frank Gehry Retrospektive in Europa. Sie wird 225 Zeichnungen und 67 Modelle umfassen, darunter das Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles und natürlich das Guggenheim Museum in Bilbao. Und welch glücklicher Zufall, im Oktober wird auch die neueste “unverkennbare” Gehry-Arbeit eingeweiht: Die Stiftung Louis Vuitton Paris – Gehry-sur-Seine, wenn man so will.

“Frank Gehry” ist zwischen dem 8. Oktober 2014 und 26. Januar 2015 im Centre Pompidou Place Georges-Pompidou, 75191 Paris zu sehen.

1. http://www.pritzkerprize.com/1989/jury Accessed 29.09.2014

vitra design museum frank gehry

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Frank Gehrys erstes Gebäude in Europa.

“Gaudí. Eine zukunftsweisende Architektur” im Architekturzentrum Wien, Österreich

Allen, die ein tieferes Verständnis von Frank Gehrys Oeuvre suchen, empfehlen wir von Paris aus gleich weiter nach Wien zu reisen und sich dort eine Ausstellung anzusehen, die einem anderen großen Vertreter der unverkennbaren, sogenannten “Signature Architecture” gewidmet ist – Antoni Gaudi. Dieser Tipp geht natürlich vor allem auch an jene, die sich für den Menschen und Architekten hinter dem Parc Güell und der Sagrada Familia interessieren. Die vom Museu Nacional d’Art de Catalunya organisierte Ausstellung “Gaudi. Architecture Ahead of its Time” verspricht nicht nur eine Untersuchung von Gaudis berühmtesten Werken, sondern auch die Erforschung seiner weniger bekannten, frühen Arbeiten, wie seine Möbel und anderen Designs. Darüber hinaus erklärt die Ausstellung, wie Gaudi seine Projekte anging und beschreibt seine empirische, auf Modellen basierende Methode, mit der er die Statik seiner Konstruktionen kalkulierte. Auf diese Weise will die Ausstellung ein Bild des Architekten Gaudi zeichnen, das über mosaikbedeckte Eidechsen und unvollendete Kirchen hinausgeht.

“Gaudi. Eine zukunftsweisende Architektur” öffnet am 2. Oktober im Architekturzentrum Wien – Alte Halle, Museumsplatz 1, 1070 Wien  und läuft bis Sonntag, den 2. November 2014.

Antoni Gaudí. Krypta der Kirche der Colònia Güell. Innenansicht (1898-1917)

Antoni Gaudí. Krypta der Kirche in der Colònia Güell. Interieur. (Foto © Ricard Pla i Pere Vivas. Triangle Postals. Mit freundlicher Genehmigung des Architekturzentrums Wien)

“Villa Tugendhat” in der Weissenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe, Stuttgart

Genau wie Gaudis La Sagrada Familia ist auch Ludwig Mies van der Rohes deutscher Pavillon für die Weltausstellung 1929 fest mit Barcelona verbunden. Parallel zur Entwicklung des Pavillons arbeitete Mies van der Rohe aber noch an einem weiteren Projekt, das zu seinem Ruf als einen der wichtigsten Architekten seiner Generation führen sollte, der sogenannten Villa Tudendhat in Brno. Wie auch bei seinem Barcelona Pavillon ignorierte Mies van der Rohe bei der Villa Tugendhat “traditionelle” Konstruktionprinzipien. Stattdessen verwendete er, wie beim Barcelona Pavillon auch, einen eisenverstärkten Betonrahmen. Durch diesen Rahmen wurden tragende Wände im Inneren überflüssig und der Raumplan konnte sehr viel individueller und vor allem offener gestaltet werden. Diese Konstruktionsprinzip war damals wirklich revolutionär. Die Mehrheit der Rückwände besteht indes aus Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichen. So entfaltet die Villa nicht nur eine ungemein leichte und offene Wirkung, sondern gewährt auch einen wunderbaren Blick über Brno. Neben dem revolutionären Konstruktionsprinzip verfügt die Villa Tugendhat auch über erstaunlich fortschrittliche technische Neuerungen, dazu gehört ein elektronisches System zum Öffnen und Schließen der Fenster sowie ein integriertes Heizungs- und Kühlsystem. Abgesehen vom Gebäude war Mies van der Rohe auch für alle Einbauten und die Einrichtung verantwortlich. Dabei verließ er sich größtenteils auf seine eigenen Möbelentwürfe, wie den Barcelona Chair und den MR 20 Freischwinger sowie zwei Stühle, die er eigens für das Projekt entwickelt hat. Dies waren der “Tugendhat Chair” und der “Brno Chair“. Die einzige größere Ausnahme bei der Gestaltung des Interieurs war die Entscheidung, Poul Henningsens neue PH Lampen zu nutzen.

Die vom Villa Tugendhat Studien- und Dokumentationszentrum organisierte Ausstellung in Stuttgart will nicht nur die Konstruktion selbst erforschen, sondern auch über die erst kürzlich abgeschlossenen Renovierungsarbeiten informieren. Die Ausstellung verspricht so eine unterhaltsame und zugängliche Einführung zu diesem überaus faszinierenden Gebäude zu werden.

“Villa Tugendhat” ist vom 11.Oktober bis 30. November 2014 in der Weissenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe, Am Weissenhof 20, 70191 Stuttgart  zu sehen.

Ludwig Mies van der Rohe Villa Tugendhat Brno

Villa Tugendhat Brno von Ludwig Mies van der Rohe, Rückseite (Foto © David Židlický, Mit freundlicher Genehmigung des Villa Tugendhat Studien- und Dokumentationszentrums )

smow Bücherregal: A Taxonomy of Office Chairs von Jonathan Olivares

26. September 2014

Wie wir schon vor kurzem festgestellt haben, neigt sich der Sommer so langsam seinem Ende zu und anstatt langer sonniger Tage im Garten oder am See erwarten uns nun lange dunkle Tage, die wir in Bürostühlen zubringen werden. Aber mit dem Herbst 2014 kommt  auch die Orgatec auf uns zu. Also Europas größte Messe für Büromöbel und zwangsläufig eine große Flut “neuer” Bürostuhl-”designs”.

Folglich sollte es keine große Überraschung sein, dass wir kürzlich unsere Ausgabe von Jonathan Olivares “A Taxonomy of Office Chairs” aus dem smow Bücherregal gezogen haben.

Der 2011 veröffentlichte Band “A Taxonomy of Office Chairs” zeigt die Entwicklung der Bürostühle seit den 1840er Jahren auf und präsentiert, wie es der Titel schon vermuten lässt, eine Klassifikation des gesamten Möbeltyps.

Den Anfang macht dabei ein lockerer, sehr unterhaltsamer Bummel durch die Geschichte der Bürostühle, dem ein chronologischer Katalog der etwa 130 im Buch vertretenen Bürostühle folgt. Schließlich kommt der Band zum Kern der Sache, der Klassifikation – oder besser gesagt den Klassifikationen. Denn während  Pflanzen, Tiere oder Fadenwürmer das Resultat einer kontinuierlichen unbewussten Evolution sind, die zu großen Teilen von Umwelt- und Verhaltensfaktoren abhängig ist, ist der Bürostuhl eine künstliche Konstruktion, die aus zahlreichen, jeweils sehr bewusst gewählten Elementen besteht, von denen jedes über eine eigene Klassifikation verfügt.

Und Jonathan Olivares führt uns durch die Klassifikationen der Kopfstützen, Armlehnen, Lendenstützen etc. pp.

A Taxonomy of Office Chairs Jonathan Olivares Phaidon Press 

A Taxonomy of Office Chairs von Jonathan Olivares (Phaidon Press)

Leider ist es mit den Klassifikationen, und jeder Biologe wird einem das bestätigen, so eine Sache. Sie sind einfach phänomenal komplex und ebenso phänomenal langweilig!

Jonathan Olivares bestätigt das gewissermaßen stillschweigend in seiner Einleitung, wo er erwähnt, dass er beschlossen hat, Muttern, Schrauben, Textilien, Schaltknöpfe und Federspiralen zu ignorieren. Dadurch lässt er sich nicht nur auf die gleichen Zugeständnisse und Verallgemeinerungen wie alle Systematiker ein, um eine gewisse Kontrolle über den sich ausdehnenden Bereich zu behalten, sondern bewahrt die Leser auch vor akuter Narkolepsie.

Vor welchem Schicksal wir und wohl auch Jonathan Olivares bewahrt wurden, lässt sich im Bereich “Bodenkontakt” erahnen – ist es relevant, dass der Herman Miller Stuhl Aeron von 1994 der Erste war, dessen Bodengleiter mithilfe eines aus Spritzguss hergestellten Nylonsteckers am Fundament des Stuhls angebracht wurden? Ja, es ist relevant – langweiliger Weise! Weil mit solchen Innovationen nämlich andere Produktionsmethoden, Montageabläufe, Kostenstrukturen, Nachhaltigkeits- und Umweltprofile, Reparaturmöglichkeiten usw. verbunden sind.

All das mag dem Konsumenten unwichtig erscheinen, ist es allerdings nicht, weil es sich letztendlich auch auf den Preis auswirkt.

Die Frage der Bürostuhltextilien ist ähnlich, wenn nicht relevanter. Und lasst uns gar nicht erst anfangen mit den Hebeln zur Höhenverstellung…

Headline Mario Claudio Bellini Vitra

HeadLine von Mario and Claudio Bellini für Vitra. Wenn sich der Benutzer nach hinten lehnt, passt sich die Kopflehne automatisch so an, dass der Blick nach vorne gerichtet bleibt und Schulter und Nacken gleichzeitig gestützt werden - eine kleine Bürostuhlrevolution von 2005.

Weniger eine traditionelle Klassifizierung zur Identifikation und Einordnung, liefert Jonathan Olivares vielmehr eine Art evolutionäre Klassifikation. Ähnlich wie der Weg von kieferlosen Wirbeltieren über Fische zu Amphibien und Säugetieren lässt sich auch die Entwicklung der Bürostühle nachvollziehen. So ebneten die geschwungenen Bugholzarmlehnen des Thonet Schaukelstuhls von 1885 den Weg für die gegossene Schlaufe der Armlehnen von Charles und Ray Eames’ Aluminium Group, die wiederum die geschwungenen Armlehnen aus Spritzguss von Charles Pollocks gleichnamigen Stuhl für Knoll im Jahr 1965 vorbereiteten.

Also kein großer Spaß, und genauso interessant wie Handbücher für Autoreparatur oder Formschnittgärtnerei. Es handelt sich vielmehr um eine Art antiquiertes Telefonbuch für Leute mit einer Schwäche für Büromöbel. Wie gesagt, es ist keine große Überraschung, dass gerade wir kürzlich unsere Ausgabe von Jonathan Olivares Taxonomy of Office Chairs aus dem Bücherregal gezogen haben.

Wir würden meinen, es wäre besser gewesen, hätte Jonathan Olivares erst die Forschung gemacht und dann die fraglos sehr interessanten sozialen, kulturellen und politischen Faktoren diskutiert, die die Evolution der Bürostühle über die Jahrzehnte beeinflusst haben. Dort hätte er sich im Verlauf gelegentlich auf die wirklich begrenzte Anzahl von Entwicklungen beziehen können, die zu etablierten industriellen Standards führten, anstatt so minutiös jede einzelne Veränderung aufzuzählen.

In der Einleitung erfahren wir beispielweise etwas über die Einflüsse von Gesundheitsstandards und Sicherheitsvorschriften auf das Design von Bürodrehstühlen, wie Fortschritte in der Stuhlproduktionstechnik zu weniger Herstellern geführt haben, dass Chefs immer bessere Stühle als ihre Angestellten haben und dass die erste dokumentierte Erwähnung von Laufrollen an einem Bürostuhl einer selbst erstellten Konstruktion von Charles Darwin zugeschrieben wird.

Hätte sich Jonathan Olivares auf das, was nach Darwin kam, konzentriert, hätte er vielleicht ein alles in allem unterhaltsameres, zugänglicheres Buch geschrieben, das garantiert ein größeres Publikum erreicht hätte. “A Taxonomy of Office Chairs” bleibt also ein Buch für alle, die z.B. wissen wollen, wer zuerst von einem Spritzguss gefertigten Synthetikfundament Gebrauch gemacht hat. (Es war Mario Bellini mit seinem Persona Bürostuhl von 1984 für Vitra.)

Und für alle, deren Interesse wir immer noch nicht wirklich wecken konnten: “A Taxonomy of Office Chairs” von Jonathan Olivares erscheint bei Phaidon Press.

1875 Swivel Ofiice Chair by Gebrüder Thonet Vienna Grassi Leipzig

Ein Bürodrehstuhl der Gebrüder Thonet von 1875, gesehen bei Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig

Egon Eiermann Stuhl 2014 verliehen für die Restaurierung des Wohnhaus Matthies, Potsdam. Ein Interview mit Architekt Eberhard Lange.

19. September 2014

Am Freitag, den 26. September, wird die Egon Eiermann Gesellschaft erstmals den Preis Egon Eiermann Stuhl mit einer Zeremonie in der Neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin verleihen. Der Preis wurde ins Leben gerufen, um Personen zu würdigen, die einen besonderen Beitrag zum Erhalt der Arbeit Egon Eiermanns geleistet haben. So werden in diesem Jahr Barbara und Eckard Düwal für ihre Restaurierung des sogenannten Wohnhauses Matthies in Potsdam-Babelsberg mit dem ersten Egon Eiermann Stuhl ausgezeichnet. Das 1937 gebaute und seit 1977 denkmalgeschützte Wohnhaus Matthies ist einer der frühesten Bauten Eiermanns und steht für den Landhausstil, der so typisch war für viele seiner frühen Arbeiten.

Im Jahr 2002 beauftragten Barbara und Eckard Düwal das Architekturbüro Gerald Kühn-von Kaehne und Eberhard Lange mit der denkmalgerechten Wiederherstellung der Hausfassade, wofür im Großen und Ganzen der Egon Eiermann Stuhl verliehen wird. Vor der Verleihung sprachen wir mit dem Architekten Eberhard Lange über das Wohnhaus Matthies, Egon Eiermanns Erbe und den Erhalt desselben. Zuerst fragten wir allerdings nach seinem persönlichen Verhältnis zu Egon Eiermann.

Eberhard Lange: Mit meinem Architektur- und Denkmalpflegehintergrund bin ich natürlich an guter Architektur interessiert, und dazu zählen nicht nur Bauten aus Barock, Renaissance und anderen historischen Epochen, sondern auch moderne Gebäude, vor allem Gebäude der Nachkriegsmoderne. Aus der Zeit also, zu der Eiermann berühmt wurde. Egon Eiermann war mir schon früh ein Begriff, nicht zuletzt weil man als Architekturstudent in der DDR viel von seinen legendären Vorlesungen in Karlsruhe hörte, wo sich die Studenten anstellten, um rein zu kommen. Da wollte ich natürlich mehr über seine Arbeit wissen und entdeckte einen Mann, der wirklich mit Leib und Seele Architekt war. Er dachte nicht einfach nur stilistisch oder im Kontext des Standortes über ein Gebäude nach, sondern wägte wirklich alles bis ins kleinste Detail ab – das faszinierte mich. Als Architekt habe ich inzwischen an zwei Sanierungen von Egon Eiermann Gebäuden gearbeitet – zuerst am Wohnhaus Henckels in Kleinmachnow und später dann am Wohnhaus Matthies in Babelsberg.

smow Blog: Wie Sie schon sagten, haben Sie nicht nur an Egon Eiermann Gebäuden oder Arbeiten von Architekten wie Konrad Wachsmann oder Erich Mendelsohn gearbeitet, sondern auch an zahlreichen älteren Gebäuden, darunter an Arbeiten von Schinkel und an vielen der Königspaläste in Potsdam. Geht man an ältere historische Gebäude anders heran als an eher moderne?

Eberhard Lange: Zunächst einmal hat man immer Respekt vor den eigentlichen Architekten und ihren Arbeiten, insofern geht man alle Projekte erstmal auf die gleiche Weise an. Denkmalpflege beginnt außerdem immer mit einer Analyse, das heißt mit Forschungen und mit Fragen, wie “Um welchen Typ Gebäude handelt es sich?”, “Wie wurde das Gebäude konstruiert?”, “Was ist architektonisch relevant und interessant?” usw. Gleichzeitig muss man jedoch die Art des Auftrages im Auge behalten. Handelt es sich also einfach um Instandhaltung, Restaurierungen und Reparatur, kommen keine weiteren Arbeiten hinzu, oder gibt es weiterführende Aufgaben – ein typisches Beispiel wäre die Dämmung oder Fragen nach der Raumaufteilung und ähnliches. Insofern variiert die Arbeit eher hinsichtlich des Auftrages als in Bezug auf den Architekten und die Epoche.

Wohnhaus Matthies Egon Eiermann Potsdam Babelsberg

Wohnhaus Matthies von Egon Eiermann (Foto mit freundlicher Genehmigung vom Architekturbüro Gerald Kühn-von Kaehne und Eberhard Lange, Potsdam)

smow Blog: Die Gewinner des ersten Egon Eiermann Stuhls sind Barbara und Eckard Düwal für ihren Einsatz zum Erhalt des sogenannten Wohnhauses Matthies. Im Jahr 1938 schrieb Hans Josef Zechlin im Magazin Bauwelt: “Das Haus steht mit einer wie gewachsenen Selbstverständlichkeit da, wie aus sich selbst erstanden, als hätte niemand es entworfen – womit das Bau höchstes Lob gesagt sei”.1 Was macht das Gebäude für Sie so interessant?

Eberhard Lange: Als erstes muss man sagen, dass das Wohnhaus Matthies ein Sparbau ist. Es wurde für Heinz Matthies, später nannte er sich in Mathias Matties um, gebaut, der ein Jugendfreund Egon Eiermanns war. Er hatte damals erst geheiratet und wollte nun ein Wohnhaus für sich und seine Frau auf einem Teil des Grundstückes seiner Eltern errichten. Allerdings hatte Matthies als junger Künstler nicht viel Geld und so ist das Haus eine sehr einfache, klare Konstruktion, die aber in den Details – von denen drei besonders herausstechen – wirklich fantastisch ist und die das Haus so überaus interessant machen. Das erste Detail ist die Art, wie die Fenster in die Wand integriert sind. Um Arbeit und Kosten zu sparen, hat Eiermann gängige Konstruktionsprinzipien ignoriert und stattdessen einen simplen Stahlwinkel benutzt, um den Fensterrahmen zu fixieren und zu stützen – eine einfache Lösung und ein wunderbares, elegantes Detail. Bautechnisch ist diese Lösung allerdings hoch problematisch, weil sich das Kondenswasser zwangsläufig hinter den Stahlwinkeln sammelt und eine ganze Reihe an Problemen nach sich zieht. Allerdings wusste man solche Sachen in den 30er Jahren noch nicht so recht. Die Fenster wurden im Hinblick auf den Kontext also auf wunderbare Weise realisiert. Ähnlich fantastisch, wenn auch bautechnisch genauso problematisch, ist die sogenannte Quetschfuge an der Außenfassade. Für die unebene Oberfläche verwendete Eiermann den Mörtel, der heraustritt, wenn ein Stein auf den anderen gesetzt wird. Hinsichtlich des Designs eine fantastische Idee, weil der Bau so ein wirklich schönes, grafisches Detail erhält, bautechnisch jedoch auch furchtbar, weil der Regen an den Fugen herunterläuft, die dann über die Jahre bröckeln und brechen. Aber wie gesagt, ein wirklich schönes Design…

smow Blog: Das heißt Egon Eiermann hat den Maurern aufgetragen, den Mörtel zwischen den Steinen herausquellen zu lassen, um ihn dann formen und trocknen zu können? Die müssen doch gedacht haben, der spinnt…

Eberhard Lange: Mit ziemlicher Sicherheit! Wie auch bei dem dritten Detail, der sogenannten “wilden” Schieferdeckung, einem Verfahren, das man in Norddeutschland nicht wirklich kannte und eher üblich in Süddeutschland, Bayern, Tirol usw. war. Die örtlichen Handwerker konnten mit dem Konzept einfach nicht umgehen und so gaben es einige auf, bevor Eiermann schließlich den richtigen Mann in Berlin fand, der der Aufgabe gewachsen war und so dieses wundervolle Dach bauen konnte, das dem Haus seine einmalige Ästhetik verleiht.

smow Blog: Das hört sich, um ehrlich zu sein, so an, als mache all das eine gewissenhafte und gleichzeitig zeitgemäße Restaurierung des Gebäudes zu einer komplexen und kostspieligen Sache!?

Eberhard Lange: Absolut! Und ich bewundere die Entscheidung der Düwals, das in Angriff genommen zu haben. Das ist auch einer der Gründe für die Auszeichnung mit dem ersten Egon Eiermann Stuhl. Die Erneuerung der Quetschfuge kostet Zeit und Geld. Und man könnte sich die Arbeit sparen, vor allem wenn man bedenkt, dass die Fuge in Zukunft wieder erneuert werden muss. Auch die Fensterkonstruktion ist nicht ideal und könnte leichter durch eine andere ersetzt werden. Aber die Düwals entschieden sich alles beizubehalten. Wenn man solche Eigenheiten – obwohl man weiß, wie sie sich auf das Gebäude auswirken – zu schätzen weiß und respektiert, beschließt, dass sie zum Charakter des Hauses gehören und sie erhalten möchte, verdient das denke ich Respekt. Und man darf nicht vergessen, dass das Wohnhaus Matthies ein ziemlich kleines Haus ist, vor allem nach modernen Standards. Perfekt für ein Paar, aber klein. Die Düwals respektieren und lieben das Haus wie es ist und haben kein Interesse daran es zu verändern.

smow Blog: Andere Leute scheinen an Eiermann Gebäuden nicht immer gleichermaßen Gefallen zu finden. Unter anderem ist derzeit Eiermanns IBM Campus in Stuttgart bedroht und die Zukunft des Neckermann Versandhauses in Frankfurt ist nach wie vor ungeklärt. Sollten oder müssen alle Eiermann Gebäude erhalten werden? Ist das wichtig?

Eberhard Lange: Egon Eiermann war über viele Jahre aktiv und entwickelte sich als Architekt kontinuierlich weiter. Nimmt man nur mal die Privathäuser als Beispiel und vergleicht sein vor dem Krieg entstandenes Wohnhaus Matthies und sein eigenes in Baden-Baden von 1962, fällt auf, dass es sich um völlig unterschiedliche Bauten handelt, grundverschiedene Genres. Man braucht gar nicht erst anfangen beide miteinander zu vergleichen. Es ist also auf jeden Fall wichtig, Belege für die Entwicklung von den einfacheren Gebäuden aus der Zeit vor dem Krieg hin zu den größeren Nachkriegsgebäuden und den sehr viel moderneren Bauten zu finden. Nach Meinung der Egon Eiermann Gesellschaft müssten alle Egon-Eiermann-Gebäude erhalten werden, und das nach Möglichkeit in ihrem ursprünglichen Zustand. Wenn Gebäude bedroht sind, so wie es in Stuttgart der Fall ist, sollte man unserer Meinung nach gute Argumente für den Erhalt und eine zukünftige Nutzung finden. Denkmalpflege ist allerdings kein Dogma. Beispielsweise sagt auch die Charta von Venedig, der Grundstein der Denkmalpflege, dass ein Gebäude auf die sinnvollste Weise erhalten wird, wenn es zum Nutzen der Gesellschaft geschieht, und das erreicht man am besten, wenn das Gebäude aktuellen Anforderungen gerecht wird. Also ja, man muss zuweilen abwägen, welche Kompromisse beispielsweise in Sachen Dämmung oder Raumgröße gefunden werden können, um die sensible Entwicklung eines Gebäudes zu ermöglichen. Jede Veränderung kann schmerzen. Wenn man aber überzeugt ist, dass durch bestimmte Veränderungen ein Gebäude erhalten werden kann, das für neue Generationen auch nützlich sein kann, dann müssen diese Veränderungen durchgesetzt werden.

smow Blog: Man muss auch anfügen, dass Eiermann selbst nicht gerade schüchtern war, wenn es darum ging, Gebäude zu zerstören, die nicht in seine Pläne passten. Berühmtestes Beispiel ist da wahrscheinlich Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken. Sollte man nicht nach einem ähnlichen Maßstab mit Eiermanns Arbeiten verfahren?

Eberhard Lange: Nicht nur Eiermann, auch viele andere erfolgreiche und bekannte Architekten zerstörten ältere Gebäude (zum Teil auch immer wieder), um ihre eigenen Projekte realisieren zu können. Dazu wird es immer wieder kommen und davon ist auch Egon Eiermann betroffen. Beispielsweise wurde erst kürzlich die Taschentuchweberei in Blumberg abgerissen. Und das obwohl sie denkmalgeschützt war und zu Eiermanns interessantesten Industriebauten gehörte. Im Gegensatz dazu wurde Eiermann im Fall der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin durch den Druck der Öffentlichkeit gezwungen den Kirchturm, den er eigentlich abreißen lassen wollte, in sein Konzept zu integrieren. Was er schließlich akzeptierte. Auf der einen Seite hat man also den Denkmalpfleger, der natürlich alles erhalten möchte, und auf der anderen Seite soziale sowie ökonomische Interessen und die damit verbundenen Vorstellungen. Letztendlich muss man die beste Lösung für ein Gebäude in Abhängigkeit von der jeweiligen Zeit finden.

smow Blog: Und zum Schluss: Was denken Sie, können junge Architekten von Egon Eiermann lernen?

Eberhard Lange: Da ist zum einen Eiermanns Persönlichkeit. Er war jemand, der andere überzeugen konnte. Es ist sehr wichtig, dass man als Architekt eine Idee entwickeln kann und dann auch in der Lage ist, andere davon zu überzeugen, dass sie gut ist. Das machte Eiermann wirklich sehr gut. Zum anderen lernt man als Architekt von Eiermann, dass man Mut haben sollte neue Sachen auszuprobieren, neue Wege zu gehen, mit neuen Materialien zu arbeiten und neue Details zu entwickeln, dabei zwar das Traditionelle zu respektieren und zu würdigen, aber nicht nur nach hinten zu schauen.

1. Hans Josef Zechlin “Wohnhäuser von Egon Eiermann, Berlin” in Bauwelt Vol 29 Nr 36, 1938.

Wohnhaus Matthies Egon Eiermann Potsdam Babelsberg

Wohnhaus Matthies von Egon Eiermann (Foto mit freundlicher Genehmigung vom Architekturbüro Gerald Kühn-von Kaehne und Eberhard Lange, Potsdam)