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smow Blog Interview: Sigurd Larsen – Ich denke für uns als Architekten und Designer gibt es viel, wofür wir der Berliner Kunstszene dankbar sein sollten

Wie wir schon in unserer jüngsten Kritik über das zeitgenössische kreative Schaffen in Berlin festgestellt haben, ist die Kunstlandschaft der deutschen Hauptstadt nicht nur eine vielschichtige Zusammensetzung aller Genres und Philosophien, sondern auch Nationalitäten: Zusätzlich zu einer relativ kleinen Anzahl gebürtiger Berliner ist die kreative Gemeinschaft vor allem durch einen ansehnlichen Mix aus deutschen und internationalen Künstlern gekennzeichnet. Internationale Künstler wie der dänische Architekt Sigurd Larsen.

Nach seinem Studienabschluss an der Royal Academy of Fine Arts, School of Architecture in Kopenhagen verbrachte Sigurd Larsen einige Zeit in den Büros so unterschiedlicher Firmen wie OMA-Rem Koolhaas in New York, MVRDV Rotterdam und Cobe Architects Kopenhagen bevor er 2008 nach Berlin zog, um eine Stelle bei Topotek1 Landschaftsarchitekten anzutreten und anschließend 2009 sein eigenes Architekturbüro zu gründen. Seitdem er sich selbstständig gemacht hat, hat Sigurd Larsen Innenarchitekturprojekte für Kunden wie Zalando und den Voo Store in Berlin realisiert, zusätzlich zum Entwerfen und Ausführen einer ganzen Reihe von Architekturprojekten, das jüngste ist das so genannte Sorte Hus in Kopenhagen, eine kostengünstige Bauweise bestehend aus vorgefertigten Bauteilen und einem flexiblen Konstruktionsprinzip, das kundenspezifisch an lokale Begebenheiten und Bestimmungen nach Belieben angepasst werden kann.

Trotz des Umfangs seiner architektonischen Arbeiten lernten wir Sigurd Larsen nicht durch seine Architektur, sondern durch seine Arbeiten im Bereich Möbeldesign kennen: im Speziellen die Objekte Concrete Table, Daybed Sideboard und The Shrine, die Sigurd beim DMY Berlin 2012 vorstellte, letzterer ist wohl die reizvollste eigentümliche und elegant selbstbewusste Aufbewahrungsbox mit eingebautem Plattenspieler. Und eines dieser seltenen Projekte, das man nie mehr vergisst, wenn man es einmal gesehen hat. In jüngerer Vergangenheit hat Sigurd Larsen Arbeiten wie das charmant brutalistische Concrete Sideboard entworfen oder die formal reduzierte Melbourne Collection, eine Familie von Tischen, Stühlen und Liegemöbeln, deren Materialien Kupfer, Leder und Stahl weniger wegen des Hauches ungenierter Dekadenz, den sie vermitteln, ausgewählt wurden, sondern eher, um sicherzugehen, dass sie eine Patina ansetzen, die den emotionalen Wert des Objekts über die Zeit steigert. Während Sigurd die genannten Möbel selbst herstellt und vertreibt, wurde 2014 Sigurd Larsens erste Zusammenarbeit mit einer kommerziellen Möbelmarke herausgegeben: das CLICK Regal für das Berliner Label New Tendency. Gefertigt aus pulverbeschichtetem Stahl oder als luxuriöse Kupfer-Variante ist das CLICK Regal eine angenehm minimalistische Konstruktion, die stark an die Flugzeugmodelle aus Plastik von früher erinnert, aber sehr viel weniger schwierig zusammenzufügen und sehr viel formschöner, praktischer und haltbarer ist.

Um mehr über den Mann hinter den Werken herauszufinden, trafen wir Sigurd Larsen, um auch die Vor- und Nachteile seines Sitzes in Berlin und das Zusammenspiel von Möbeldesign und Architektur zu diskutieren, doch begannen mit der Frage: Warum Berlin?

Sigurd Larsen: Ich habe Berlin oft besucht, hatte Freunde hier, war vertraut mit der Stadt und mochte sie, und so entschied ich mich nach meinem Abschluss, mich für einige Jobs hier zu bewerben und hatte sogar das Glück, einen zu bekommen. Auf irgendeine Art hatte ich immer angenommen, das wäre ein vorübergehender Schritt; anfangs dachte ich nicht, dass es für mich realistisch wäre, als Architekt in Berlin zu leben und zu arbeiten, ich hoffte nur, dass ich solange wie möglich bleiben könnte und tatsächlich waren etwa 18 Monate lang die meisten meiner Habseligkeiten noch in meiner alten Wohnung in Kopenhagen. Aber es stellte sich heraus, dass es doch möglich war und sieben Jahre später bin ich immer noch hier.

smow blog: Was, wie wir glauben, bedeutet, dass Berlin für dich ein guter Ort zum Leben und Arbeiten ist?

Sigurd Larsen: Ja, sehr sogar. Es liegt in der Mitte von allem, ist international gut vernetzt, es gibt viele regelmäßige Messen und Events, während die Infrastruktur in der Stadt gut funktioniert um Dinge zu erledigen und Arbeit zu finden. Ich denke für uns als Architekten und Designer gibt es viel, wofür wir der Berliner Kunstszene dankbar sein sollten, in vielerlei Hinsicht hat sie den Weg gepflastert und es ist beispielsweise auch den Künstlern anzurechnen, dass viele Berliner Geschäftsleute und Handwerker daran gewöhnt sind, unfassbare Modelle und unmögliche Prototypen zu realisieren und das ist eine wirklich positive Sache in Berlin. Außerdem herrscht ein großes internationales Interesse an dem, was in Berlin passiert, Menschen beobachten, was hier so los ist und kommen her, um sich Dinge selbst anzusehen und das macht es sehr aufregend, hier tätig zu sein.

smow blog: Und wir nehmen mal an, du arbeitest auch mit diesen „erfahrenen Handwerkern“ für deine eigene Möbelkollektion zusammen?

Sigurd Larsen: Ja, die Möbel werden in Berlin hergestellt und dann vertreibe ich sie international über ausgewählte Läden und auch online. Und was ich an der Möbelproduktion hier wirklich genieße, ist, dass ich mich mit vielen beteiligten Handwerkern angefreundet habe und so arbeite ich als Architekt an meinen Ideen und sie als Handwerker schlagen mögliche Wege vor, wie sie zu realisieren wären und schließlich haben wir lange, verstrickte Gespräche darüber, wie man am besten vorgehen sollte. Das ist ein Prozess, den ich sehr bereichernd und interessant finde und ich denke, das ist auch etwas, das sehr charakteristisch für die offene Atmosphäre in Berlin ist und etwas, das hier mit mehr Leichtigkeit passiert als irgendwo anders.

smow blog: Wenn wir gerade beim Thema Möbel sind, letztes Jahr hat New Tendency dein CLICK Regal herausgebracht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit New Tendency? Hast du bewusst nach einem Produktionspartner gesucht, oder…?

Sigurd Larsen: Wir haben uns auf einer Art „Speeddating“ Veranstaltung in der dänischen Botschaft hier in Berlin kennengelernt. Einmal im Jahr laden die Skandinavischen Botschaften gemeinsam Skandinavische Künstler ein, um lokale Unternehmen, Journalisten, Galerien und andere kennenzulernen, mit denen man irgendwann einmal zusammenarbeiten könnte. Das ist ein wunderbares Event mit einigen sehr interessanten Gästen und dort traf ich auch New Tendency zum ersten mal, später unterhielten wir uns etwas näher und beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Obwohl ich ehrlich gesagt glaube, dass wir uns irgendwie früher oder später sowieso kennengelernt hätten, weil unsere Netzwerke sich an einigen Punkten überschneiden, aber die Veranstaltung in der dänischen Botschaft war der Vermittler.

smow blog: Und war es New Tendency, die auf dich zukamen und dich baten, ein Regal zu entwickeln, oder kam die Idee von dir selbst?

Sigurd Larsen: Ich habe mehrere Vorschläge gemacht und dann kamen wir durch einige Diskussionen zu dem Schluss, dass ein Regal am besten zu deren Programm passen würde, denn natürlich ist es wichtig, dass du als Hersteller eine umfassende Produktpalette anbieten kannst und ich bin sehr froh, dass ich zu der Kollektion beitragen konnte.

smow blog: Und hast du Interesse an weiteren kommerziellen Kooperationen, vielleicht auch mit anderen Herstellern, oder war CLICK ein Einzelprojekt und jetzt konzentrierst du dich wieder auf deine eigene Produktion?

Sigurd Larsen: Prinzipiell wäre ich für jedes Möbelprojekt daran interessiert, einen kommerziellen Partner zu finden, und das müsste nicht mal unbedingt hier in Berlin sein. Die Zusammenarbeit mit New Tendency ist sehr gut, aber ich wäre genauso offen für einen Partner anderswo in Deutschland oder auch im Ausland, wenn ich das Gefühl habe, es ist die richtige Firma für das Projekt.

smow blog: Um mal ein bisschen vom Thema abzuweichen, wie jeder weiß ist Berlin derzeit die globale Start-Up Hauptstadt und jeder ist völlig versessen darauf, den App-Entwicklern zu helfen. Hast du das Gefühl, dass Architekten und Designer darunter irgendwie zu leiden haben, oder dass ihr vielleicht als Gruppe von den Behörden etwas ignoriert werdet?

Sigurd Larsen: Ich denke, als Architekten und Designer machen wir unser eigenes Ding und wer weiß, vielleicht wird uns die Stadt eines Tages entdecken! Ich habe schon das Gefühl, dass wir ein bisschen ignoriert werden, aber andererseits ist es auch an uns, unser Business zu entwickeln und zu erweitern und uns nicht auf Zuschüsse und Almosen zu verlassen. Ich bin nicht hier, um ein Unternehmen zu führen, das nur durch Fördergelder am Leben erhalten wird, sondern ich bin hier, um ein Unternehmen zu leiten, das Gewinne einfährt und auf eigenen Füßen stehen kann, weil die Leute die Dinge, die ich designe, haben wollen.

smow blog: Etwas, das dir zur Zeit sehr gut gelingt! Denkst du, es war hilfreich, dass du in Berlin angefangen hast, ist es möglicherweise leichter, sich als junger Architekt oder Designer in Berlin zu etablieren, als, sagen wir, in Kopenhagen?

Sigurd Larsen: Das ist eine sehr interessante Frage, aber da ich natürlich lediglich in Berlin ein Geschäft aufgebaut habe, habe ich den direkten Vergleich nicht. Ich habe das Gefühl, dass der Ort nicht so wichtig ist, aber eine Sache beim Gründen einer Firma in Deutschland ist, dass es hier ein gestaffeltes Steuersystem gibt, was bedeutet, dass man anfangs wenig oder sogar keine Steuern bezahlt und dann erhöht sich der Steuersatz, je mehr man verdient, während man in Dänemark von Anfang an 50 % Steuern zahlt, was für ein kleines, junges Unternehmen schon hart ist.

smow blog: Und nachdem du dir jetzt hier etwas aufgebaut hast und akzeptiert hast, dass du hier arbeiten kannst, wo siehst du dich selbst zukünftig, mehr in Richtung Möbeldesign oder eher Richtung Architektur, oder wirst du weiterhin deine Zeit zwischen beidem aufteilen?

Sigurd Larsen: Ich werde weiterhin in beiden Bereichen parallel arbeiten. Als dänischer Architekt, der Möbel designt, bin ich kein Pionier, irgendwie haben wir das immer gemacht, was meiner Meinung nach auch viel mit dem dänischen Architektur-Ausbildungsprogramm zu tun hat. In Dänemark studiert man nicht so sehr den technischen Hintergrund der Gebäude und Konstruktionen, sondern mehr den kreativen Prozess und es gibt Denkweisen, die man auf Bauwerke, Stadtplanung und Möbel anwenden kann, es ist nur eine Frage dessen, das Ausmaß des Projekts zu begreifen und den kreativen Prozess zu kontrollieren. In meinem Fall zum Beispiel habe ich mehrere Möbelprojekte, die als Gebäude begannen und dann verkleinert wurden, oder andersherum entwickelte ich ein Möbel, genannt ‚The Shrine‘, und kürzlich gewannen wir einen Wettbewerb für das neue Danish Culture Institute in Bordeaux : Das Gebäude ist eine Holzbox in einer Glasbox und die Holzbox ist im Grunde genommen The Shrine, nur eben vergrößert…

smow blog: …hervorragend! Aber wir hoffen, es enthält in irgendeiner Weise auch einen Plattenspieler…

Sigurd Larsen: Naja, es ist ein Haus für Tanzkultur und einige der größeren Räume sind für die Ausrichtung von Tanzperformances konzipiert, also in dieser Hinsicht, ja!

Weitere Informationen zu Sigurd Larsen und seiner Arbeit finden sie auf http://sigurdlarsen.eu

Sorte Hus Kopenhagen von Sigurd Larsen (Foto madebygirls.dk, courtesy of Sigurd Larsen)

CLICK Regal Kupfer von Sigurd Larsen für New Tendency (Foto New Tendency, courtesy of Sigurd Larsen)

The Shrine von Sigurd Larsen (Foto Sigurd Larsen)

Melbourne Collection von Sigurd Larsen (Foto Sigurd Larsen)