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Sigurd Larsen

01. September 2015

Wie wir schon in unserer jüngsten Kritik über das zeitgenössische kreative Schaffen in Berlin festgestellt haben, ist die Kunstlandschaft der deutschen Hauptstadt nicht nur eine vielschichtige Zusammensetzung aller Genres und Philosophien, sondern auch Nationalitäten: Zusätzlich zu einer relativ kleinen Anzahl gebürtiger Berliner ist die kreative Gemeinschaft vor allem durch einen ansehnlichen Mix aus deutschen und internationalen Künstlern gekennzeichnet. Internationale Künstler wie der dänische Architekt Sigurd Larsen.

Nach seinem Studienabschluss an der Royal Academy of Fine Arts, School of Architecture in Kopenhagen verbrachte Sigurd Larsen einige Zeit in den Büros so unterschiedlicher Firmen wie OMA-Rem Koolhaas in New York, MVRDV Rotterdam und Cobe Architects Kopenhagen bevor er 2008 nach Berlin zog, um eine Stelle bei Topotek1 Landschaftsarchitekten anzutreten und anschließend 2009 sein eigenes Architekturbüro zu gründen. Seitdem er sich selbstständig gemacht hat, hat Sigurd Larsen Innenarchitekturprojekte für Kunden wie Zalando und den Voo Store in Berlin realisiert, zusätzlich zum Entwerfen und Ausführen einer ganzen Reihe von Architekturprojekten, das jüngste ist das so genannte Sorte Hus in Kopenhagen, eine kostengünstige Bauweise bestehend aus vorgefertigten Bauteilen und einem flexiblen Konstruktionsprinzip, das kundenspezifisch an lokale Begebenheiten und Bestimmungen nach Belieben angepasst werden kann.

Trotz des Umfangs seiner architektonischen Arbeiten lernten wir Sigurd Larsen nicht durch seine Architektur, sondern durch seine Arbeiten im Bereich Möbeldesign kennen: im Speziellen die Objekte Concrete Table, Daybed Sideboard und The Shrine, die Sigurd beim DMY Berlin 2012 vorstellte, letzterer ist wohl die reizvollste eigentümliche und elegant selbstbewusste Aufbewahrungsbox mit eingebautem Plattenspieler. Und eines dieser seltenen Projekte, das man nie mehr vergisst, wenn man es einmal gesehen hat. In jüngerer Vergangenheit hat Sigurd Larsen Arbeiten wie das charmant brutalistische Concrete Sideboard entworfen oder die formal reduzierte Melbourne Collection, eine Familie von Tischen, Stühlen und Liegemöbeln, deren Materialien Kupfer, Leder und Stahl weniger wegen des Hauches ungenierter Dekadenz, den sie vermitteln, ausgewählt wurden, sondern eher, um sicherzugehen, dass sie eine Patina ansetzen, die den emotionalen Wert des Objekts über die Zeit steigert. Während Sigurd die genannten Möbel selbst herstellt und vertreibt, wurde 2014 Sigurd Larsens erste Zusammenarbeit mit einer kommerziellen Möbelmarke herausgegeben: das CLICK Regal für das Berliner Label New Tendency. Gefertigt aus pulverbeschichtetem Stahl oder als luxuriöse Kupfer-Variante ist das CLICK Regal eine angenehm minimalistische Konstruktion, die stark an die Flugzeugmodelle aus Plastik von früher erinnert, aber sehr viel weniger schwierig zusammenzufügen und sehr viel formschöner, praktischer und haltbarer ist.

Um mehr über den Mann hinter den Werken herauszufinden, trafen wir Sigurd Larsen, um auch die Vor- und Nachteile seines Sitzes in Berlin und das Zusammenspiel von Möbeldesign und Architektur zu diskutieren, doch begannen mit der Frage: Warum Berlin?

Sigurd Larsen: Ich habe Berlin oft besucht, hatte Freunde hier, war vertraut mit der Stadt und mochte sie, und so entschied ich mich nach meinem Abschluss, mich für einige Jobs hier zu bewerben und hatte sogar das Glück, einen zu bekommen. Auf irgendeine Art hatte ich immer angenommen, das wäre ein vorübergehender Schritt; anfangs dachte ich nicht, dass es für mich realistisch wäre, als Architekt in Berlin zu leben und zu arbeiten, ich hoffte nur, dass ich solange wie möglich bleiben könnte und tatsächlich waren etwa 18 Monate lang die meisten meiner Habseligkeiten noch in meiner alten Wohnung in Kopenhagen. Aber es stellte sich heraus, dass es doch möglich war und sieben Jahre später bin ich immer noch hier.

smow blog: Was, wie wir glauben, bedeutet, dass Berlin für dich ein guter Ort zum Leben und Arbeiten ist?

Sigurd Larsen: Ja, sehr sogar. Es liegt in der Mitte von allem, ist international gut vernetzt, es gibt viele regelmäßige Messen und Events, während die Infrastruktur in der Stadt gut funktioniert um Dinge zu erledigen und Arbeit zu finden. Ich denke für uns als Architekten und Designer gibt es viel, wofür wir der Berliner Kunstszene dankbar sein sollten, in vielerlei Hinsicht hat sie den Weg gepflastert und es ist beispielsweise auch den Künstlern anzurechnen, dass viele Berliner Geschäftsleute und Handwerker daran gewöhnt sind, unfassbare Modelle und unmögliche Prototypen zu realisieren und das ist eine wirklich positive Sache in Berlin. Außerdem herrscht ein großes internationales Interesse an dem, was in Berlin passiert, Menschen beobachten, was hier so los ist und kommen her, um sich Dinge selbst anzusehen und das macht es sehr aufregend, hier tätig zu sein.

smow blog: Und wir nehmen mal an, du arbeitest auch mit diesen “erfahrenen Handwerkern” für deine eigene Möbelkollektion zusammen?

Sigurd Larsen: Ja, die Möbel werden in Berlin hergestellt und dann vertreibe ich sie international über ausgewählte Läden und auch online. Und was ich an der Möbelproduktion hier wirklich genieße, ist, dass ich mich mit vielen beteiligten Handwerkern angefreundet habe und so arbeite ich als Architekt an meinen Ideen und sie als Handwerker schlagen mögliche Wege vor, wie sie zu realisieren wären und schließlich haben wir lange, verstrickte Gespräche darüber, wie man am besten vorgehen sollte. Das ist ein Prozess, den ich sehr bereichernd und interessant finde und ich denke, das ist auch etwas, das sehr charakteristisch für die offene Atmosphäre in Berlin ist und etwas, das hier mit mehr Leichtigkeit passiert als irgendwo anders.

smow blog: Wenn wir gerade beim Thema Möbel sind, letztes Jahr hat New Tendency dein CLICK Regal herausgebracht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit New Tendency? Hast du bewusst nach einem Produktionspartner gesucht, oder…?

Sigurd Larsen: Wir haben uns auf einer Art “Speeddating” Veranstaltung in der dänischen Botschaft hier in Berlin kennengelernt. Einmal im Jahr laden die Skandinavischen Botschaften gemeinsam Skandinavische Künstler ein, um lokale Unternehmen, Journalisten, Galerien und andere kennenzulernen, mit denen man irgendwann einmal zusammenarbeiten könnte. Das ist ein wunderbares Event mit einigen sehr interessanten Gästen und dort traf ich auch New Tendency zum ersten mal, später unterhielten wir uns etwas näher und beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Obwohl ich ehrlich gesagt glaube, dass wir uns irgendwie früher oder später sowieso kennengelernt hätten, weil unsere Netzwerke sich an einigen Punkten überschneiden, aber die Veranstaltung in der dänischen Botschaft war der Vermittler.

smow blog: Und war es New Tendency, die auf dich zukamen und dich baten, ein Regal zu entwickeln, oder kam die Idee von dir selbst?

Sigurd Larsen: Ich habe mehrere Vorschläge gemacht und dann kamen wir durch einige Diskussionen zu dem Schluss, dass ein Regal am besten zu deren Programm passen würde, denn natürlich ist es wichtig, dass du als Hersteller eine umfassende Produktpalette anbieten kannst und ich bin sehr froh, dass ich zu der Kollektion beitragen konnte.

smow blog: Und hast du Interesse an weiteren kommerziellen Kooperationen, vielleicht auch mit anderen Herstellern, oder war CLICK ein Einzelprojekt und jetzt konzentrierst du dich wieder auf deine eigene Produktion?

Sigurd Larsen: Prinzipiell wäre ich für jedes Möbelprojekt daran interessiert, einen kommerziellen Partner zu finden, und das müsste nicht mal unbedingt hier in Berlin sein. Die Zusammenarbeit mit New Tendency ist sehr gut, aber ich wäre genauso offen für einen Partner anderswo in Deutschland oder auch im Ausland, wenn ich das Gefühl habe, es ist die richtige Firma für das Projekt.

smow blog: Um mal ein bisschen vom Thema abzuweichen, wie jeder weiß ist Berlin derzeit die globale Start-Up Hauptstadt und jeder ist völlig versessen darauf, den App-Entwicklern zu helfen. Hast du das Gefühl, dass Architekten und Designer darunter irgendwie zu leiden haben, oder dass ihr vielleicht als Gruppe von den Behörden etwas ignoriert werdet?

Sigurd Larsen: Ich denke, als Architekten und Designer machen wir unser eigenes Ding und wer weiß, vielleicht wird uns die Stadt eines Tages entdecken! Ich habe schon das Gefühl, dass wir ein bisschen ignoriert werden, aber andererseits ist es auch an uns, unser Business zu entwickeln und zu erweitern und uns nicht auf Zuschüsse und Almosen zu verlassen. Ich bin nicht hier, um ein Unternehmen zu führen, das nur durch Fördergelder am Leben erhalten wird, sondern ich bin hier, um ein Unternehmen zu leiten, das Gewinne einfährt und auf eigenen Füßen stehen kann, weil die Leute die Dinge, die ich designe, haben wollen.

smow blog: Etwas, das dir zur Zeit sehr gut gelingt! Denkst du, es war hilfreich, dass du in Berlin angefangen hast, ist es möglicherweise leichter, sich als junger Architekt oder Designer in Berlin zu etablieren, als, sagen wir, in Kopenhagen?

Sigurd Larsen: Das ist eine sehr interessante Frage, aber da ich natürlich lediglich in Berlin ein Geschäft aufgebaut habe, habe ich den direkten Vergleich nicht. Ich habe das Gefühl, dass der Ort nicht so wichtig ist, aber eine Sache beim Gründen einer Firma in Deutschland ist, dass es hier ein gestaffeltes Steuersystem gibt, was bedeutet, dass man anfangs wenig oder sogar keine Steuern bezahlt und dann erhöht sich der Steuersatz, je mehr man verdient, während man in Dänemark von Anfang an 50 % Steuern zahlt, was für ein kleines, junges Unternehmen schon hart ist.

smow blog: Und nachdem du dir jetzt hier etwas aufgebaut hast und akzeptiert hast, dass du hier arbeiten kannst, wo siehst du dich selbst zukünftig, mehr in Richtung Möbeldesign oder eher Richtung Architektur, oder wirst du weiterhin deine Zeit zwischen beidem aufteilen?

Sigurd Larsen: Ich werde weiterhin in beiden Bereichen parallel arbeiten. Als dänischer Architekt, der Möbel designt, bin ich kein Pionier, irgendwie haben wir das immer gemacht, was meiner Meinung nach auch viel mit dem dänischen Architektur-Ausbildungsprogramm zu tun hat. In Dänemark studiert man nicht so sehr den technischen Hintergrund der Gebäude und Konstruktionen, sondern mehr den kreativen Prozess und es gibt Denkweisen, die man auf Bauwerke, Stadtplanung und Möbel anwenden kann, es ist nur eine Frage dessen, das Ausmaß des Projekts zu begreifen und den kreativen Prozess zu kontrollieren. In meinem Fall zum Beispiel habe ich mehrere Möbelprojekte, die als Gebäude begannen und dann verkleinert wurden, oder andersherum entwickelte ich ein Möbel, genannt ‘The Shrine’, und kürzlich gewannen wir einen Wettbewerb für das neue Danish Culture Institute in Bordeaux : Das Gebäude ist eine Holzbox in einer Glasbox und die Holzbox ist im Grunde genommen The Shrine, nur eben vergrößert…

smow blog: …hervorragend! Aber wir hoffen, es enthält in irgendeiner Weise auch einen Plattenspieler…

Sigurd Larsen: Naja, es ist ein Haus für Tanzkultur und einige der größeren Räume sind für die Ausrichtung von Tanzperformances konzipiert, also in dieser Hinsicht, ja!

Weitere Informationen zu Sigurd Larsen und seiner Arbeit finden sie auf http://sigurdlarsen.eu

Sigurd Larsen Sorte Hus Copenhagen

Sorte Hus Kopenhagen von Sigurd Larsen (Foto madebygirls.dk, courtesy of Sigurd Larsen)

NEW TENDENCY Sigurd Larsen CLICK shelf copper

CLICK Regal Kupfer von Sigurd Larsen für New Tendency (Foto New Tendency, courtesy of Sigurd Larsen)

Sigurd Larsen The Shrine

The Shrine von Sigurd Larsen (Foto Sigurd Larsen)

Sigurd Larsen Melbourne Collection

Melbourne Collection von Sigurd Larsen (Foto Sigurd Larsen)

smow Blog Designkalender: 20. August 1873 – Happy Birthday Eliel Saarinen!

20. August 2015

“Der Vater von Eero…” So oder so ähnlich heißt es in weiten Kreisen üblicherweise, wenn man über den finnischen Architekten und Stadtplaner Eliel Saarinen spricht. Eine höchst unzulängliche Betitelung, die in vielerlei Hinsicht verleugnet und ignoriert, wie viel mehr es zu dem Mann und seinen Talenten zu sagen gibt und gab.

Eliel Saarinen

Eliel Saarinen (1873-1950)

Gottlieb Eliel Saarinen wurde am 20. August 1873 in der abgelegenen Stadt Rantasalmi im Osten Finnlands geboren, wo sein Vater als evangelischer Pastor tätig war. 1875 wurde der Vater in eine Finnisch sprechende Gemeinde nahe Sankt Petersburg versetzt, wo auch der junge Saarinen lebte, bis er im Alter von 10 Jahren aufs Internat in Vyborg geschickt wurde.
1890 wechselte Eliel Saarinen auf das Finnische Real Lyceum in Tampere bevor er sich 1893 gleichzeitig in der Architekturfakultät des Polytechnischen Institutes und an der Kunstfakultät der Universität in Helsinki einschrieb, wo er Malerei studierte. Laut Saarinen war “ersteres die Entscheidung eines kühlen Verstandes, letzteres das Verlangen eines warmen Herzens”1

1896, noch während er Student war, gründete Eliel Saarinen ein Architekturstudio gemeinsam mit seinen Kommilitonen Herman Gesellius und Armas Lindgren. Inspiriert von Louis H. Sullivan, Henry van de Velde, Otto Wagner und ihresgleichen begann das Trio, zeitgenössische architektonische Konventionen in Frage zu stellen und formulierte, bewaffnet mit der Unbezwingbarkeit der Jugend, eine eigene Antwort auf die Herausforderungen ihrer Zeit. Mit Rückblick auf die Jahrtausendwende würde Saarinen später sagen “Architektur war eine tote Kunstform. Sie war stetig zu einem Geschäft geworden, bei dem man veraltete und bedeutungslose stilistische Verzierungen auf die Oberflächen von Gebäuden drängte. Und es war ein Frevel mit diesem Vorgehen zu brechen, das als so heilig galt wie das Dogma einer Religion.”2 Und doch war das genau das, was das Trio tat.

Im März 1897 gewannen Gesellius, Lindgren und Saarinen ihren ersten Wettbewerb, ein viergeschössiges Haus in Katajanokka, einem Vorort von Helsinki, für den Geschäftsmann Julius Tallberg, der seinen Sitz in der finnischen Hauptstadt hatte. Eine relativ schnörkellose Konstruktion mit Tendenzen zur Art Nouveau und laut Marika Hausen ein Gebäude, das sich stark von der damaligen in Finnland dominierenden Neo-Renaissance Architektur abhob.Das Tallberg Gebäude verhalf, in Verbindung mit folgenden Wettbewerbseinreichungen, die gut ankamen, dem Architekturbüro des Trios zu einem Ruf moderner Designs und individueller, freidenkerischer Herangehensweisen, bevor Gesellius, Lindgren und Saarinen 1898 ihren ersten großen Durchbruch feiern konnten – sie gewannen den ersten Preis im Wettbewerb um den Finnischen Pavillon für die Weltausstellung 1900 in Paris. Das dominanteste Merkmal des Pavillons; der ansonsten eine eingeschossige, gotisch anmutende Holzkonstruktion mit Gemäueroptik ist; war, ist und wird für immer ein unfassbar dekadenter Turm sein, der in einer von Ludwigs II unwahrscheinlicheren Fantasien nicht fehl am Platz wirken würde. Nicht unschön, verstehen Sie. Nur schlichtweg bizarr.

Angefeuert vom Erfolg in Paris und ihrer zunehmenden Position als eines der führenden zeitgenössischen Architekturstudios Finnlands sah man Gesellius, Lindgren und Saarinen in den folgenden Jahren eine Reihe von prestigeträchtigen Aufträgen ausführen, sowohl zu Hause, als auch im Ausland, darunter auch private Häuser in den deutschen Städten Alt Ruppin und Bad Honnef, das Nationalmuseum in Helsinki und den neuen Hauptbahnhof der Stadt, ein Projekt welches eine der entscheidendsten Arbeiten des Studios darstellen sollte – und eine der letzten. 1907, noch während des Baus des Hauptbahnhofs, trennte sich Saarinen von Gesellius und Lindgren, um sein eigenes Büro zu gründen.

Helsinki Central railway station

Helsinki Hauptbahnhof, Gesellius, Lindgren & Saarinen, 1904-1909. (Foto: © Ralf Roletschek, via https://commons.wikimedia.org)

Auf sich allein gestellt vollendete Eliel Saarinen zahlreiche repräsentable Architekturprojekte, sowohl in Finnland als auch im Ausland und zusätzlich beschäftigte er sich mit Fragen der Stadtplanung, darunter auch die Arbeit an Projekten für Städte so vielfältig wie Budapest, Canberra, Tallinn und Helsinki, bevor er im November 1922 seinen Entwurf für den Chigago Tribune Tower Wettbewerb einreichte: ein Moment, der eine dieser glücklichen Fügungen des Schicksals werden sollte.

Ausgezeichnet mit dem zweiten Platz demonstrierte Saarinens Entwurf seine Bewegung hin zu annähernd vollkommener Ablehnung von Ornamentverzierungen und seine eher wachsende Konzentration auf formale Klarheit in einer monumentalen Arbeit, die zurückblickte auf historische Urbilder, ohne direkt auf sie zu verweisen. Ob durch gutes Design oder glückliche Fügung – Saarinens reduziertem gotischen Konzept, im Wesentlichen seiner Ornamente und Schnörkel beraubt, aber trotzdem mit genug Liebe zum Detail, um nicht das Zartgefühl der amerikanischen 20er-Jahre zu verletzen, begegnete man mit viel begeisterter Zustimmung und auch die Jury lobte, es zeige ein “beeindruckendes Verständnis für die Anforderungen an ein Amerikanisches Bürogebäude”Die ganze Gestaltung war mit Sicherheit für amerikanisches Verständnis besser greifbar als so manch andere Entwürfe von Europäern, insbesondere vielleicht die von Walter Gropius und Adolf Meyer, Max Taut oder der Werkstatt für Massenform aus Wien, deren Beiträge weniger der Stoff waren, aus dem der Amerikanische Traum gemacht ist, sondern vielmehr der Amerikanische Albtraum. Gleichzeitig hätten die Arbeiten wohl, wären sie realisiert worden, die modernistischen Bemühungen in Amerika eher 10 Jahre zurückgeworfen, anstatt sie voranzutreiben, wie es Saarinens Entwurf zweifelsohne tat und damit unaufhaltsam Richtung Art déco steuerte.

Optimistisch gestimmt vom Erfolg seines Entwurfs und motiviert von der positiven Resonanz, wanderte Eliel Saarinen 1923 zusammem mit seiner Frau Loja und den beiden Kindern Eva-Lisa und Eero nach Amerika aus.

Warum genau die Saarinens in die USA zogen ist unklar, sogar Albert Christ-Janer kann keinen eindeutigen Grund ausmachen und das, obwohl er unzählige Stunden damit verbracht hat, Saarinen für seine sonst so umfangreiche Biografie zu interviewen. Was jedoch bekannt ist, ist, dass die Chicago Tribune Saarinen als Folge des positiven Zuspruchs auf seinen Wettbewerbsentwurf nach Amerika einlud5.

Dort angekommen und der Realität der zeitgenössischen Amerikanischen Architektur und Lebensart ausgesetzt, bemerkte Saarinen vermutlich, dass es zu diesem Zeitpunkt des Amerikanischen Wirtschaftsaufschwungs für ihn dort mehr Möglichkeiten gab als in Europa und besonders in Finnland und so entschloss er sich, den Atlantik zu überqueren und sein Glück zu versuchen. Ungeachtet der Gründe stellte sich heraus, dass das eine gute Entscheidung war: Amerika entpuppte sich als vielversprechendes Jagdgebiet für Eliel Saarinen, und er selbst wurde zu einem bedeutsamen Protagonisten in der Entwicklung Amerikanischer Architektur und Designs des 20. Jahrhunderts.

Nachdem er sich in Amerika niedergelassen hatte, nahm Eliel Saarinen eine Lehrposition an der Universität von Michigan auf, im Zuge dessen er auch einen gewissen J. Robert F. Swanson unterrichtete. Nach seinem Abschluss eröffnete Swanson ein Studio mit Henry S. Booth. Booths Vater, der Zeitungsherausgeber George Gough Booth, bot dem Duo einen Job an: Er plante, eine neue Schule auf seinem Cranbrook Anwesen in Bloomfield Hills nahe Detroit zu errichten, woraufhin Swanson und Booth Junior an Eliel Saarinen herantraten, um ihn zu fragen, ob er Interesse daran hätte, dem Unternehmen beizutreten. Mit etwas Überzeugungsarbeit und nach eingehendem Austausch über weitreichendere Zielsetzungen der Schule mit George Gough Booth, akzeptierte Eliel Saarinen das Angebot und wurde 1925 der Chefarchitekt des Projekts. Die Cranbrook Jungenschule wurde 1928 fertig gestellt, 1931 folgte dann die benachbarte Kingswood Mädchenschule, 1932 wurde Eliel Saarinen zum Präsidenten der neu gegründeten Cranbrook Academy of Art berufen, bevor er die Gebäude des Cranbrook Art Museums und der Academy Bibliothek 1942 fertig stellte.

Von Booth grundsätzlich als ein Ort konzipiert, an dem Amerikas hellste Köpfe der Architektur, Kunst und des Designs mit Ruhe und Tiefgang studieren können, anstatt nach Europa reisen zu müssen, brachte die Cranbrook Academy of Art einige der wichtigsten Talente des Amerikanischen kreativen Schaffens der Nachkriegszeit hervor, darunter unter anderem Harry Bertoia, Eero Saarinen, Charles Eames , Ray Kaiser und Florence Schust, ehemalige Florence Knoll. Zusätzlich zu seiner Arbeit in Cranbrook waren Eliel Saarinens Jahre in Amerika geprägt von Bauten wie der Kleinhans Music Hall in Buffalo, dem Des Moins Art Center in Iowa und Christ Church Lutheran, Minneapolis; Werke, die er oft in Zusammenarbeit mit Eero Saarinen fertigte. 1946 legte Eliel Saarinen seine Position in Cranbrook nieder, blieb jedoch Leiter der Fakultät Architektur und Stadtdesign. Eliel Saarinen starb am 1. Juli 1950 in seinem Haus in Cranbrook.

Eliel Saarinen Tribune Tower Chicago

Eliel Saarinens Entwurf für den Wettbewerb zum Chicago Tribune Tower, 1922

Es wird oft davon gesprochen, dass Eliel Saarinens Leben in zwei Hälften gespalten war. Während der ersten Hälfte ein finnischer Architekt in Finnland, in der zweiten Hälfte ein internationaler Architekt in Amerika. Obwohl das offensichtlich eine wirklich übertriebene Verallgemeinerung ist, steckt gerade so viel Wahrheit darin, dass sie doch irgendwie zutrifft. Und es uns erlaubt, sie auszunutzen. Mit seinem konsequenten Streben weg vom Historizismus und der Entwicklung einer eigenen finnischen Herangehensweise an Modernismus frei von unnötigem Kitsch oder Romantik hat Eliel Saarinen nicht nur dazu beigetragen, ein neues Verständnis von Architektur in Europa zu schaffen, sondern auch ein neues Verständnis für Finnland, sowohl in Finnland, als auch darüber hinaus. Das späte 19./ frühe 20. Jahrhundert war eine politisch und kulturell aufgewühlte Zeit in Finnland und Eliel Saarinen half den Finnen, einen Sinn für ihre nationale Identität zu entwickeln, allerdings ohne den Sinn von Nationalstolz, der solche Entwicklungen oft trübt. Oder wie Alvar Aalto schrieb: “Eliel Saarinen verhalf dazu, etwas von dem architektonischen Analphabetismus und den Minderwertigkeitskomplexen loszuwerden, in einem Land, welches wegen seiner Isolation und der Schwierigkeit, die es für Fremde bedeutet, die Sprache zu lernen, von den größeren kulturellen Zentren der westlichen Welt abgeschnitten war und immernoch ist.”6 Worte, die poetisch wiederholt wurden von der Jury des Tribune Tower Wettbewerbs und ihrer allzu offensichtlichen Verzückung, dass “nur ein ausländisches Design eine herausragende Leistung ist, und dieses wahrhaft wunderbare Design kommt nicht aus Frankreich, Italien oder England, den anerkannten Zentren der europäischen Kultur, sondern aus der kleinen nördlichen Nation Finnland.”7

Es liegt so etwas herrlich Erniedrigendes und gleichzeitig geistig Erhebendes in dem Ausdruck “kleine nördliche Nation”.

Genauso wie er Finnland geholfen hat, ein Art von Identität zu entwickeln, so half er auch den amerikanischen Designern der Nachkriegszeit, eine angemessene Stimme und Formsprache für ihre Epoche zu finden.

Obwohl man darüber streiten kann, inwiefern Eliel Saarinen persönlich für den Erfolg und die spätere Anerkennung von Cranbrook verantwortlich war, hat er die Schule in den 25 Jahren seiner Mitarbeit sowohl physisch als Architekt aufgebaut, als auch pädagogisch als Präsident und Fakultätsoberhaupt. Außerdem war es Saarinen, der so beeindruckt war von Charles Eames Arbeiten, dass er ihm persönlich ein Stipendium in Cranbrook anbot und der dann auch den jungen Eames aufforderte, an zahlreichen Projekten mitzuarbeiten, darunter auch die Entwicklung von Möbelentwürfen, womit er bedeutenden Einfluss auf Eames hatte, während dieser seine eigenen Designvorstellungen entwickelte.

Es ist unfair Cranbrook mit Bauhaus und sicher auch Saarinen mit Gropius zu vergleichen, aber auf ihre ganz eigene Art haben beide dazu beigetragen, eine junge Generation von Designern und Architekten in eine neue Zukunft zu geleiten und daher, mit Blick auf die zentrale Rolle, die Eliel Saarinen in der Entwicklung moderner Architektur und Designs in Amerika gespielt hat, wäre eine angemessenere und passendere Art, Eliel Saarinen vorzustellen wohl “Vater des Amerikanischen Modernismus der Jahrhundertmitte…”
Happy Birthday, Eliel Saarinen!
PS: Und für alle, die denken, wir hätten es vergessen…haben wir nicht: Happy Birthday, Eero Saarinen!

1. Albert Christ-Janer, Eliel Saarinen: Finnish-American architect and educator, The University of Chicago Press, Chicago, 1979

2. ibid.

3. Marika Hausen et al, Eliel Saarinen. Projects 1896-1923, Ginko Press, Hamburg, 1990

4. The international competition for a new administration building for the Chicago Tribune 1922, Tribune Company Chicago, 1923

5. Katherine Solomonson, The Chicago Tribune Tower competition: skyscraper design and cultural change in 1920s, Cambridge University Press, Cambridge 2001

6. Alvar Aalto “Foreward”, in Albert Christ-Janer, Eliel Saarinen: Finnish-American architect and educator, The University of Chicago Press, Chicago, 1979

7. The international competition for a new administration building for the Chicago Tribune 1922, Tribune Company Chicago, 1923

5 neue Designausstellungen im August 2015

17. August 2015

Wie schon Noël Coward bekanntermaßen festhielt, gehen nur verrückte Hunde und Engländer während der Mittagshitze nach draußen und genauso erfordert es schon eine ziemlich laxe Einstellung zum Leben, eine Ausstellung im August zu eröffnen. Jeder, aber auch wirklich jeder, so scheint es, ist im Urlaub. Oder hat sich zumindest, wie Cowards Karibus, für ein Nickerchen zurückgezogen.

Das ist wahrscheinlich der Grund, weswegen der Großteil der folgenden fünf Ausstellungen erst Ende August eröffnet wird, also nachdem die Sonne aufgehört hat, so glühend heiß zu scheinen, dass man sich vor ihren ultravioletten Strahlen verstecken muss.

“Shelter: Rethinking How We Live in Los Angeles” im A+D Architecture Museum Los Angeles, USA

Für seine Eröffnungsausstellung im neuen Zuhause in Los Angeles, das irgendwie unglücklich als “Arts District” benannt wurde, hat das A+D Architecture Museum Los Angeles sich entschlossen, auf ein abgetragenes aber nimmermüdes Genre der Architekturausstellungen zurückzugreifen – die Zukunftsstudie. Im Einzelnen hat das Museum sechs in Los Angeles ansässige Architekturbüros beauftragt, eine städtische Neugestaltungslösung für einen Streifen Land im Norden der Stadt zu entwickeln. Diese soll beispielsweise Themen wie Baugrundknappheit, erhöhte Dichte, sich entwickelnde Vielfalt und derzeitige Umweltumstände berücksichtigen. Dabei handelt es sich zweifelsfrei um eine sehr standortspezifische Herausforderung, nichtsdestotrotz besteht die Hoffnung, dass die Forschung der Architekten neue Visionen zukünftiger Wohnraumlösungen hervorbringt, die sich universell oder zumindest weitreichender anwenden lassen, als lediglich auf einen Streifen Land im Norden von Los Angeles.

“Shelter: Rethinking How We Live in Los Angeles” wird im A+D Architecture Museum Los Angeles, 900 East 4th St. Los Angeles, CA 90013 am Donnerstag, den 20. August, eröffnet und läuft bis Freitag, den 6. November.

Shelter Rethinking How We Live in Los Angeles at the A+D Architecture Museum Los Angeles USA

Shelter Rethinking How We Live in Los Angeles im A+D Architecture Museum Los Angeles USA

“Lost and Found in Oranienbaum” im Ampelhaus, Oranienbaum

Wenn wir mal ganz ehrlich sind, bezweifelten wir vor ein paar Monaten noch, dass es eine vierte Jahreszeit im Ampelhaus geben würde, zu viel schien anderswo zu passieren und wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass die Hauptakteure die Zeit finden würden, eine neue Ausstellung auf die Beine zu stellen. Glücklicherweise lagen wir falsch und in der Ausstellung 2015 zeigt das Ampelhaus die Arbeiten von acht Designern und acht Künstlern, die im Rahmen und im Zusammenhang mit einem Aufenthalt in Oranienbaum entstanden sind. Das ist auch schon alles, was wir dazu sagen können. Abgesehen davon, dass die Ausstellung Arbeiten u.a. von Bora Hong, Joost Goudriaan, Birgit Severin, Nienke Jansen und Giuseppe Licari enthalten wird und damit den vielseitigen Mix unterschiedlicher Stile, Herangehensweisen und Philosophien verspricht, der die Ampelhaus Ausstellung so einzigartig, anspruchsvoll und sehenswert macht.

“Lost and Found in Oranienbaum” wird im Ampelhaus, Brauerstraße 33, 06785 Oranienbaum am Samstag, den 28. August, eröffnet und läuft bis Samstag, den 26. September.

King Size Art and Design Fit for a King Ampelhaus Oranienbaum

Ampelhaus, Oranienbaum

“A New Layer. Taiwanese lacquer art seen through Swedish eyes” im Röhsska Museum, Göteborg, Schweden

Orientalische Lackware hat nicht nur eine lange Tradition in Kunst und Handwerk, sondern auch in seiner Funktion als Brücke zwischen östlichen und westlichen Kulturen, sowie als Inspiration für Designer und Handwerker unterschiedlichster Hintergründe. Das wohl berühmteste Beispiel ist vielleicht die irische Designerin Eileen Gray, deren erste Schritte im Produktdesign durch japanische Lackkunst angestoßen wurden. Um diese lange Tradition aufrecht zu erhalten, brachten das Röhsska Museum in Göteborg und das National Taiwan Craft Research and Development Institute fünf schwedische Designstudios mit taiwanischen Handwerkern zusammen – mit dem Auftrag, ein neues Produkt zu kreieren. Das Resultat dieses Austauschs und des gemeinschaftlichen Designprozesses ist eine Kollektion aus Sitz- und Stauraummöglichkeiten sowie rein dekorativen Stücken. Wir erwarten nichts wirklich bahnbrechendes, aber sicher ein paar Denkanstöße. Und trotzdem eine Inspiration.

“A New Layer. Taiwanese lacquer art seen through Swedish eyes” wird im Röhsska Museum Vasagatan 39, 411 37 Göteborg am Dienstag, den 25. August, eröffnet und läuft bis Sonntag, den 4. Oktober.

A New Layer Taiwanese lacquer art seen through Swedish eyes at The Röhsska Museum Gothenburg Sweden

A New Layer Taiwanese lacquer art gesehen bei Swedish eyes im The Röhsska Museum Göteborg, Schweden

“TOYSSIMI. 100 Kids + 100 Designer = 100 extraordinary toys and more” im Triennale Design Museum Mailand, Italien

Nur recht selten ist die hintergründige Idee zu einer Designausstellung genauso einnehmend wie das tatsächliche Endresultat. So ist es jedoch bei “Toyssimi” im Triennale Design Museum in Mailand. In Zusammenarbeit mit dem ilVespaio “Kreativ-Workshop” organisiert, verband das Projekt je einen Designer und ein Kind und stellte das Duo vor die Aufgabe, ein Spielzeug zu entwerfen. Der Großteil der Kinder war zum Zeitpunkt des Projekts in verschiedenen italienischen Kinderkrankenhäusern untergebracht, wo die Designer, bepackt mit einem Koffer voller Materialien, auftauchten und den kreativen Prozess von den Wünschen und Vorstellungen der Kinder beeinflussen, wenn nicht sogar leiten ließen. Dabei war die Erfahrung und das Design-Verständnis der Künstler gefordert, um sicherzustellen, dass die Realisation ebenso praktisch und funktional ist, wie sie auch den Visionen des Kindes entspricht. Daher ist das Endergebnis gar nicht so wichtig, viel interessanter ist, was uns die Ergebnisse über zeitgenössisches Spielzeugdesign verraten; inwiefern kleinteilige Spielzeuge die Vorstellungen moderner Kinder erfüllen, inwiefern die Vorstellungen moderner Kinder zu den Vorstellungen von Kindern vergangener Generationen passen… und, dass nach Ende der Ausstellung alle 100 Spielzeuge versteigert werden. Die Erlöse gehen an Amani, eine Non-Profit Organisation, die sich um verwaiste und schutzlose Kinder in Kenia und Sambia kümmert.

“Toyssimi. 100 Kids + 100 Designer = 100 extraordinary toys and more” wird im Triennale Design Museum, Viale Alemagna, 6, 20121, Mailand am Freitag, den 24. Juni, eröffnet und läuft bis Freitag, den 11. September.

TOYSSIMI. 100 Kids + 100 Designer = 100 extraordinary toys and more at the Triennale Design Museum Milan Italy

TOYSSIMI. 100 Kids + 100 Designer = 100 extraordinary toys and more at the Triennale Design Museum Milan Italy

“Lennart Mänd – Bindings” im Estonian Museum of Applied Art, Tallinn, Estland

Man kann wohl durchaus sagen, dass es eine Buchbinder-Ausstellung in einem “normalen” Monat nicht in unsere Top Fünf geschafft hätte. Nicht, weil sie nicht interessant oder sehenswert gewesen wäre, sondern weil es fünf andere Ausstellungen geben würde, die nach unserer, sehr subjektiven Meinung interessanter und sehenswerter gewesen wären. Daher ist es vielleicht gut, dass das Estonian Museum of Applied Art sich dazu entschieden hat, Lennart Mänds Untersuchung des zeitgenössischen Buchbindens im August zu eröffnen. Was uns wirklich auf die Ausstellung neugierig macht, ist die Aussicht auf neue Verfahren, die sich speziell für Limited Editions eignen – da unsere Welt immer digitaler wird, wird sich die Wertschätzung eines gut verarbeiteten, funktionalen, analogen Produkts steigern, dazu zählt auch die Anerkennung eines formschönen, hochwertig gebundenen Buches. “Lennart Mänd – Bindings” scheint der perfekte Ort zu sein, mit dem Sammeln von Ideen für diese nahende Zukunft zu beginnen. Aufgebaut in der sogenannten Staircase Gallery ist die Ausstellung wahrscheinlich nicht umfangreich genug, um extra deswegen nach Tallinn zu reisen und sie sich anzusehen, aber sollte sich jemand gerade in der estnischen Hauptstadt aufhalten, ist sie sicher einen Besuch wert.

“Lennart Mänd – Bindings” wird im Estonian Museum of Applied Art and Design, 17 Lai Street, 10133 Tallinn, Estland am Freitag, den 28. August, eröffnet und läuft bis Sonntag, den 25. Oktober.

Burg Giebichenstein Halle Sommerausstellung 2015

13. August 2015

Wir nahmen uns gerade ein paar Minuten Auszeit von der Burg Giebichenstein Halle Sommerausstellung 2015, setzten uns auf eine kleine Mauer, um einen wohlverdienten Kaffee zu genießen und um das Gesehene zu verdauen und zu verarbeiten, als uns lauter werdend die unverkennbaren Klänge von Morrisseys “Everyday is like Sunday” auffielen, die uns über den Neuwerk Campus der Universität entgegen wehten.

“Armageddon, come Armageddon! Come, Armageddon! Come!”

In Anbetracht der Tatsache, dass im Verlauf ihrer hundertjährigen Geschichte atomare Auslöschung so ziemlich der einzige Schicksalsschlag ist, der die Burg Giebichenstein nicht getroffen hat, war es vielleicht nicht die beste Idee, den Geist des Barden von Salford anzustacheln. Trotzdem demonstrierte die Qualität der gezeigten Arbeiten auf der Sommerausstellung 2015 gekonnt, dass die Burg Giebichenstein Armageddon wahrscheinlich ebenso gekonnt und lässig überstehen würde, wie sie auch Nazi-Deutschland und die DDR überlebt hat.

Eine ganze Reihe von Projekten bewies außerdem, dass trotz Morrisseys Beteuerungen nicht alles still und grau ist. Im Gegenteil …

Vier Projekte, die besonders glänzten:

Garderobe7 von Juliane Huhn

Im Rahmen des Semesterprojekts “Pro Familia” entwickelt, ist Garderobe7 von Juliane Huhn ein unbegrenzt erweiterungsfähiges Kleider- und Jacken-Gestellsystem, konzipiert um Aufhängungs-und Aufbewahrungsmöglichkeiten für jedes Mitglied einer Großfamilie zu bieten – egal welcher Körpergröße. Basierend auf einem unterhaltsamen analogen “Plug & Play”-System werden die Holzstreben von den Holzhaken an Ort und Stelle gehalten. Mit Hilfe von Streben unterschiedlicher Länge kann Garderobe7 vertikal und horizontal nach Belieben erweitert werden und damit nicht nur das nötige Aufbewahrungsvolumen bieten, sondern auch Haken auf passender Höhe für alle Familienmitglieder. Außerdem waren wir von der eng anliegenden Anbringung an der Wand sehr angetan. Das System verschenkt also keinen Platz und erweist sich in modernen Eingangsbereichen, in denen Freiraum weniger eine Selbstverständlichkeit als vielmehr ein Luxus ist, als besonders praktisch. Natürlich bietet das Konzept auch die Möglichkeit, eine unbegrenzte Anzahl Zusatzteile und ergänzende Features anzubringen.

Garderobe7 by Juliane Huhn Burg Giebichenstein Halle Summer Exhibition 2015

Garderobe7 von Juliane Huhn Burg, gesehen auf der Burg Giebichenstein Halle Sommerausstellung 2015

One Way von Stephan Hildebrandt

Wie schon bei dem auf der Summaery 2015 der Bauhaus Universität Weimar gezeigten Projekt “Die Programmierbarkeit des Werkstoffes Holz” von Roy Müller geht auch das Ausstellungsstück One Way von Stephan Hildebrandt der Frage des selektiven, nicht mechanischen Verformens von Holz im speziellen Fall von Furnier nach. Ausgehend von dem Fakt, dass sich feuchtes Furnier senkrecht in Richtung der Holzfasern rollt, hat Stephan Hildebrandt ein Verfahren entwickelt, bei dem man das Furnier mit einem wasserabweisenden Stoff behandelt und dadurch die Art des Rollens beeinflussen und es formbar machen kann. Die Beispielstücke auf der Ausstellung schrien förmlich “Lampe! Lampe! Lampe!”, aber wir sind uns sicher, das ist nur eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten, vorausgesetzt, Stephan kann das Verfahren aus der kleinen Werkstattproduktion heraus auf ein mindestens halb-industrielles Level bringen.

one way by Stephan Hildebrandt Burg Giebichenstein Halle Summer Exhibition 2015

One Way von Stephan Hildebrandt, gesehen auf der Burg Giebichenstein Halle Sommerausstellung 2015

Baumkuchenmesser von Friedrich Rosenthal

Friedrich Rosenthals Urgroßvater war eine führende Persönlichkeit der traditionellen Baumkuchen-Industrie in der norddeutschen Stadt Salzwedel. Als Spezialität der Region ist Baumkuchen ein übertrieben aufwendiger und dadurch übertrieben teurer Kuchen, dessen Produktionsprozess und Form nicht im Geringsten effizient oder unkompliziert sind. Beim Versuch etwas zu entwerfen, das seinem Urgroßvater zu einem angemessenen Andenken verhilft, hat Friedrich Rosenthal ein Messer kreiert, dessen Form sich speziell für das Schneiden von Baumkuchen eignet.

Nein, die Welt braucht kein Baumkuchenmesser. Normale Messer reichen völlig. Haben sie immer. Werden sie auch immer.

Aber erstens ist Friedrich Rosenthals elegant zurückhaltendes Design ein angenehmer Kontrast zu der schamlosen Opulenz des Baumkuchens, den es schneiden soll, und zweitens hat das Messer mit seinem handgemachten Mix aus Stahl und Holz das Potenzial, ein Familienerbstück zu werden – mindestens genauso wertvoll wie die Erinnerung an den Urgroßvater, zu dessen Ehren es entworfen wurde.

Baumkuchenmesser by Friedrich Rosenthal Burg Giebichenstein Halle Summer Exhibition 2015

Baumkuchenmesser von Friedrich Rosenthal, gesehen auf der Burg Giebichenstein Halle Sommerausstellung 2015

Gewinde von Li Yin

Eine der grundsätzlichen Funktionen von Designern ist es, bestehende Systeme, Prozesse oder Objekte weiterzuentwickeln. Weiterentwicklung in der Hinsicht, dass sich das Neue gegenüber dem Alten in irgendeiner Form verbessert.

Und das bedeutet nicht immer, dass es bestehende Systeme, Prozesse oder Objekte sein müssen, manchmal kann es sich um so etwas banales wie ein Schraubengewinde handeln.

Normalerweise wird ein solches Schraubengewinde als fester Bestandteil eines Objekts gefertigt, und ist nach der Herstellung mittels Gießverfahren untrennbar damit verbunden, doch Li Yin schlägt eine Alternative vor – Gewinde als selbstklebende Sticker, die an jede bestehende Oberfläche aus Metall, Holz, Plastik, Porzellan oder dergleichen angebracht werden können. So werden sie für neue Verwendungsmöglichkeiten nutzbar gemacht oder einfache Materialien werden in komplexe Bauteile umgewandelt – wie auch immer sie im individuellen Fall auch gerade gebraucht werden. Wenn wir ehrlich sind, haben wir die Idee noch nicht völlig durchschaut und deshalb auch noch nicht zu Ende gedacht, was praktische Beispiele angeht. Aber es ist die Art von Idee, die uns vom ersten Moment an fesselt und uns auch in den kommenden Monaten nicht loslassen wird. Wofür wir dankbar sind. Außerdem ist es eine schöne Denksportaufgabe.

Gewinde by Li Yin Burg Giebichenstein Halle Summer Exhibition 2015

Gewinde von Li Yin, gesehen auf der Burg Giebichenstein Halle Sommerausstellung 2015

Bauhaus Universität Weimar: Summaery 2015

11. August 2015

Am Abend des 9. Juni fand in der Bauhaus Universität Weimar die feierliche Eröffnung der Jahresschau Summaery 2015 statt und, ebenso feierlich, der Start unserer Sommertour zu Ausstellungen studentischer Arbeiten.

Für alle Interessierten, die sich an diesem Wochenende in und um Weimar aufhalten: Die Jahresschau Summaery 2015 findet noch bis Sonntag, den 12. Juli bis 18 Uhr in der Bauhaus Universität Weimar und in verschiedenen Locations in der Stadt statt; weitere Infos findet ihr hier: www.uni-weimar.de/summaery.

Wir möchten euch drei Designprojekte vorstellen, die uns ganz besonders aufgefallen sind:

Barbecue von Felicia Schneeweis

Vor ein paar Jahren haben wir festgestellt, dass, trotz der kulturellen und sozialen Relevanz des Grills, sich nur sehr wenige Designer seiner angenommen haben und dachten uns, wie schön es wäre, wenn sich der eine oder andere zeitgenössische Designer oder Hersteller einmal näher mit dem Thema beschäftigen würde. Felicia Schneeweis hat unser Flehen offenbar erhört und das Ergebnis ist ein wunderbar geformter, wenngleich leider namenloser Stahlblechgrill. Der im Rahmen des Kurses “Better Structures” entstandene Grill wurde per Laser aus einem Stück Stahlblech herausgeschnitten und schließlich zu einem 3D-Objekt geformt – ein Prozess, der dem ähnelt, den die Berliner Designagentur E27 für die Objekte Loll und Sepia für den Hersteller Pulpo nutzte. Auch Schneeweis’ Grill besticht durch Ästhetik und Zugänglichkeit. Wir sind E27-Fans, wir sind Fans von allem, was uns daran erinnert. An dem Grill gefällt uns ganz besonders, dass es sich dabei im Grunde genommen um ein Open-Source-Projekt handelt, das für die dezentralisierte Produktion geeignet ist.

Wie wir sicher schon einmal in der Vergangenheit erwähnt haben, sind die Zukunft des Marktes für Wohnaccessoires, und möglicherweise auch des Möbelmarktes, Objekte, die lokal am Verkaufsort hergestellt und dort vertrieben werden können. Die immer komplexer werdenden notwendigen Technologien in Kombination mit der Auffassung “zentralisierte Produktion + weltweiter Vertrieb = Missbrauch von Ressourcen” wird in Zukunft dazu führen, dass man lieber in ein Geschäft geht, sich sein bevorzugtes Material aussucht und der Dienstleister dieses wie gewünscht zuschneidet, formt oder bedruckt, statt ein vorgefertigtes Produkt zu erwerben. Im Falle von Felicias Grill hieße das, du suchst dir die Farbe des pulverbeschichteten Stahls aus, dieser wird mit dem Laser bearbeitet, du nimmst deinen noch flachen Grill mit nach Hause und bringst ihn dort vorsichtig in Form. Dieses Konzept ist genauso wunderbar wie Felicias Grill selbst. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass Felicia Schneeweis von uns bereits im Rückblick zur Summaery 2014 gefeatured wurde und wir möchten klarstellen, dass wir keine persönliche oder berufliche Verbindung zu ihr haben – ihr Werk spricht uns offenbar einfach an. Und wir freuen uns darauf, herauszufinden, ob das auch so bleibt …

Barbecue by Felicia Schneeweis Bauhaus University Weimar Summaery 2015

Barbecue von Felicia Schneeweis, gesehen auf der Summaery 2015, Bauhaus Universität Weimar

Kusafisha Maij von Robert Hofmann und Damian Henn

Wir müssen dazu sagen, dass wir nicht wissen, ob dieses Konzept funktioniert und auch nicht wissen, ob es ähnliche Systeme gibt. Trotzdem waren wir, auch ohne Antworten auf die Fragen, schwer beeindruckt von Kusafisha Maij von Robert Hofmann und Damian Henn. Im Grunde genommen geht es um ein kleines Zelt oder einen großen, pyramidenförmigen Teebeutel. Die Idee ist nun, wenn wir es richtig verstanden haben, den Grund des Zeltes/Teebeutels mit Salzwasser zu befüllen, das dann in der Sonne verdunstet, an den Innenwänden kondensiert und als Trinkwasser in kleine Auffangtaschen fließt, denen es entnommen und schließlich wieder verbraucht werden kann. Genial. In den letzten Jahren haben wir zahlreiche Systeme gesehen, mit denen aus Salzwasser Trinkwasser gewonnen werden sollte, doch in der Regel erfordern diese aufwendige, komplizierte, statische Konstruktionen. Tatsächlich sind einige solcher Systeme, die im Rahmen eines anderen Kurses erstellt wurden, gerade im Innenhof der Universität Weimar zu sehen. Das Schöne an Kusafisha Maij – vorausgesetzt es funktioniert, was wir ja nicht wissen – ist, dass es sich hierbei nicht nur um ein kostengünstiges, wenig technisiertes, universell anwendbares mobiles System handelt, dass zu einem kleinen Objekt gefaltet werden kann und so in Rettungsflößen verstaut werden oder als Notfallhilfe auf Fischkuttern, Segelbooten und anderen Schiffen dienen kann, die sich ohne gut sortierte Bar auf die Weltmeere wagen. Wir müssen hinzufügen, dass Kusafisha Maij im Rahmen des Kurses “H2O” unter der Leitung von Professor Martin Kuban entstanden ist, in dem den Studierenden die Aufgabe gestellt wurde, produktdesignrelevante Aspekte in Verbindung mit dem Thema Wasser zu finden und daraus ein Konzept zu erstellen. Während alle anderen Studierenden Objekte gestalteten, die dazu aufriefen, mehr Wasser zu verbrauchen, waren Robert Hofmann und Damian Henn die einzigen, die Wasser als das immer kostbarer werdende Gut darstellten, das es nun einmal ist. Das ist natürlich der korrekte Weg, den jeder Designer bei einer solchen Aufgabe einschlagen sollte.

Kusafisha Maij by Robert Hofmann and Damian Henn Bauhaus University Weimar Summaery 2015

Kusafisha Maij von Robert Hofmann und Damian Henn, gesehen auf der Summaery 2015, Bauhaus Universität Weimar

Die Programmierbarkeit des Werkstoffes Holz von Roy Müller

Wie wir wissen, besteht die Quintessenz von Michael Thonets berühmtem 3D-Bugholzverfahren darin, an der künftigen äußeren Ecke des Holzes ein Metallteil zu verwenden, das das Holz dazu bringt, sich unter Druck anders zu verhalten, als es das normalerweise tun würde. Ein sehr ähnliches Prinzip hat Roy Müller angewendet, der Holzteile, die Hitze und Druck ausgesetzt wurden, mit einer Beschichtung versehen und diese dann gedämpft hat. Das Ergebnis ist, dass das Holz eine neue Form annimmt, die durch die äußere Beschichtung definiert und nur durch den Dampf ausgelöst wurde, ganz ohne mechanischen Druck. Roys Vorgehensweise, die er im Rahmen seiner Bachelorarbeit und in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden entwickelt hat, funktioniert, so stellen wir es uns jedenfalls vor, nur mit bestimmten Holzarten und ergibt nur bestimmte Formen. Ausgehend von den in Weimar ausgestellten Modellen würden wir trotzdem keine Einschränkungen vermuten und die Anzahl von Einsatzmöglichkeiten sollte hoch genug sein, um einmal gründlich zu untersuchen, wo die wirklichen Grenzen liegen und inwiefern der Prozess industriell anwendbar ist.

Die Programmierbarkeit des Werkstoffes Holz by Roy Müller Bauhaus University Weimar Summaery 2015

Die Programmierbarkeit des Werkstoffes Holz von Roy Müller, gesehen auf der Summaery 2015, Bauhaus Universität Weimar

Neben den oben genannten Projekten waren wir sehr beeindruckt von Atmos von Jakob Kukula, das eine Art Kreuzung aus dem Projekt Dialogue biofeedback “wallpaper” von dem Designstudio Alissa + Nienke und Holon von Jetske Visser & Michiel Martens darstellt, die beide auf der Dutch Invertuals Body Language vertreten waren. Es handelt sich um eine Lampe, die sich mit der eigenen Atmung ausdehnt und zusammenzieht. How to Form a Design Movement von Lisa Hoffmann stochert in einem Wespennest herum und wir befürchten, dass dieses so schnell nicht beseitigt werden kann. Auch unter den Möbelkonzepten für die Bundesgartenschau 2021 in Erfurt waren einige gute Ideen, wobei uns das Objekt Gute.Stube besonders gefiel. Ein Konzept unterstrich mit seiner formalen Strenge, wie gut Intersections von Izabela Bołoz wirklich ist. Wir haben auch ein Konzept für einen Tisch gesehen, das uns überhaupt nicht gefallen hat, uns aber an ein Konzept hat denken lassen, das wir vermutlich wirklich sehr, sehr gut finden könnten, falls es mal jemand entwickeln sollte. Das ist ja das Tolle an solch einer Ausstellung von Studierenden, man wird inspiriert, motiviert, verärgert, beleidigt, unterhalten, irritiert und letztendlich vollkommen begeistert.

 

 

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System von Philipp Beisheim

06. August 2015

Es gibt wenig auf der Welt, das uns mehr Freude bereitet, als ein modulares Regalsystem.

Wir wissen, dass dieser Satz Bände spricht über die Umstände unseres vorgeblichen “Lebens”, aber es ist uns auch nicht peinlich, das zuzugeben.

Wir mögen Regale.

In Anbetracht der Tatsache, dass es so scheint, als entwickele jeder, aber auch wirklich jeder ein modulares Regalsystem und dass es daher nicht mehr möglich ist eine Möbelmesse oder ein Design-Event zu besuchen, ohne alle paar Meter über ein weiteres neues System zu stolpern sieht es folglich so aus, als würden dies aufregende Tage für unsereins.

Und das ist wirklich so, aber nicht aufgrund der überwältigenden Anzahl der Systeme, die unsere Aufmerksamkeit verlangten. Von denen sah nämlich eines wie das andere au und bot nichts nennsweert Neues. Es gab also wenig, was uns begeistern konnte. Es gab wenig, aber es gab etwas … Wie SF von dem in Frankfurt ansässigen und in Südafrika geborenen Designer Philipp Beisheim gekonnt zeigt.

Der “Groove”, den Deee-Lite mit ihrem Song “Groove Is in the Heart” versprüht,  ist auch im Herzen des SF Systems zu spüren, denn er läuft durch die quadratischen horizontalen Segmente und die vertikalen Stützen, die damit verbunden werden. Der Nutzer kann die Verbindungsstäbe innerhalb der drei vordefinierten Regallängen einsetzen, wo er möchte, was das SF zu einem höchst flexiblen System macht, das individuelle geometrische Konstruktionen ermöglicht und nach Belieben auseinander- und neu zusammengebaut werden kann.

Ohne Werkzeug. Selbstverständlich.

Es präsentiert sich in einem angenehmen Licht und hat eine einfach zugängliche visuelle Form – was uns wirklich anspricht, ist die zurückhaltende Einfachheit des Systems. Viele Designer versuchen, mit ihren Regalsystemen herauszustechen, indem sie alle möglichen Optionen, Funktionen und Extras integrieren, aber das macht Philipp Beisheim nicht. Auf diese Weise hat er ein Regalsystem designt, das alle Erwartungen erfüllt, die man an ein Regalsystem haben kann, und all das ohne überflüssiges Tamtam und Ablenkung.

All das basiert auf nichts komplizierterem oder bahnbrechenderem als solidem Schreinerhandwerk.

Da es sich bei dem Regalsystem noch um einen Prototypen handelt, ist Philipp Beisheim momentan auf der Suche nach einem Hersteller und wir wünschen ihm viel Erfolg für sein Vorhaben.

Weitere Informationen gibt es auf www.philippbeisheim.com

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System by Philipp Beisheim

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System von Philipp Beisheim

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System by Philipp Beisheim

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System von Philipp Beisheim

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System by Philipp Beisheim

DMY Berlin 2015: SF Modular Shelving System von Philipp Beisheim

Universität der Künste Berlin: Rundgang 2015

04. August 2015

Man kann durchaus sagen, dass die Universität der Künste Berlin, UdK Berlin, über die letzten Jahre und Jahrzehnte den Großteil der interessantesten und bedeutungsvollsten Designer Berlins hervorgebracht hat. Während dies in der Vergangenheit fehlenden Alternativen geschuldet war, reagiert die Schule mittlerweile auf steigende Konkurrenz mit der Aufstellung eines qualifizierten und vernünftigenLehrkörpers, der den Studenten ebenso qualifizierte und vernünftige Semesterprojekte vorgibt, aber gleichzeitig Freiräume für die Entwicklung eigener Projekte lässt, wo sie sinnvoll scheinen. Qualifiziert. Vernünftig. Oder wie auch immer.

Das konnte man eindeutig auf der Ausstellung zum Jahresende Rundgang 2015 beobachten.

Nach der kürzlich stattgefundenen Summaery 2015 an der Bauhaus Universität Weimar,auf der einige der “üblichen” Kurse, die sonst gut sind, es nicht waren und es vielen freien Projekten an echter Überzeugungskraft oder solider Begründung fehlte, kann in keinster Weise von einem typischen Jahr gesprochen werden. Viel zu oft fragten wir uns weniger, warum ein Projekt entwickelt worden war, sondern fühlten uns eher, als müssten wir dem Projekt selbst bei dessen eigener Identitätskrise unter die Arme greifen. Wer bin ich? Warum bin ich hier? 42??? schrien sie. Antworten hatten wir keine. Außer, dass sie unschuldig und frei geboren worden waren.

Nachdem das gesagt ist, gab es immerhin ein paar Projekte, die unsere Aufmerksamkeit erregten.

Was hier folgt, betrifft nur die Abteilung Design, zusätzlich zeigt der UdK Rundgang 2015 aber auch studentische Arbeiten der Fakultäten Kunst, Architektur, Musik, Mode und andere.

Weitere Informationen finden Sie auf http://www.udk-berlin.de

Dinner for Two von Philipp Hainke

Da unsere Spezies einem angeborenen Hang zu Kitsch und seelenlosem Kram erlegen ist, wird unsere Welt immer mehr überflutet von unsinnigen elektronischen Hasen, Blumen, Katzen und Aliens, welche uns wissen lassen, wenn ein gerade weit entfernt lebender geliebter Mensch online ist. Die Blume erblüht. Die Katze winkt. Das Alien piept. Juhu, mein Liebling checkt seine Nachrichten. Digitale Nähe stellt sich ein. Dinner for Two von Phillipp Hainke ist die analoge Version davon, die non-verbale Kommunikation und ein Gefühl geistiger Zusammengehörigkeit über eine Distanz von nur einem Meter vermittelt.

Gleichzeitig ist sie auch um einiges mehr reizvoll, praktisch, interessant und gewinnend.

Im Rahmen des Hot Spots Seminars entworfen, ist Dinner for Two eine Wippe mit mittig angebrachtem Tisch, der zu einer geselligen Mahlzeit zu zweit einlädt und dabei die Bereiche der normalen Kommunikation um die stetigen, unvorhersehbaren Bewegungen des Gegenübers erweitert. Dies erfordert nicht nur eine direkte, sofortige und unausgesprochene Interaktion der beiden Partner, sondern zwingt einen selbst auch, den anderen zu berücksichtigen. Wer ist schwerer? Größer? Ist es in Ordnung, wenn ich mich jetzt bewege? Soll ich mich überhaupt bewegen? Vertraue ich ihm/ihr? Warum vertraut er/sie mir nicht?

Dabei muss die Mahlzeit keinesfalls gesellig oder fröhlich sein; eine eisige, übellaunige Stimmung nimmt ganz andere Dimensionen an und kann auf neue Ebenen theoretischer Grausamkeit gehoben werden, sobald die Sitzgelegenheiten der Teilnehmer physisch miteinander verbunden sind.

Gleichzeitig muss es sich auch überhaupt nicht um eine Mahlzeit handeln. Mal abgesehen davon, was vielleicht passiert wäre, hätten Anatoly Karpov und Viktor Korchnoi solch eine Konstruktion während ihrer “Begegnung” bei der Schach Weltmeisterschaft 1978 zwischen sich gehabt, scheint Dinner for Two besonders interessant zu werden, sobald der Alkoholeinfluss zu- und die wahrgenommene Standfestigkeit abnimmt.

Solch ein wahrhaft wunderbares Konzept wie Dinner for Two können wir uns besonders gut an öffentlichen Orten wie Picknick-Tischen vorstellen. Oder in der Kantine der Vereinten Nationen.

Universität der Künste Berlin Rundgang 2015 Dinner for Two by Philipp Hainke

Dinner for Two von Philipp Hainke, gesehen auf dem Universität der Künste Berlin Rundgang 2015

TEA43 von Dennis Nguyen

Obwohl Dennis Nguyen TEA43 für das dezente und kultivierte Ritual des Teetrinkens entworfen und konzipiert hat, können wir uns nicht dagegen wehren, die Porzellankugel vor unserem inneren Auge mit Bier zu füllen. Entschuldigung, so sind wir nun mal und wir sind auch viel zu alt und zu stur um uns zu ändern. TEA43 wird “tea for three”, also “Tee für drei” ausgesprochen und ist als Teekanne gedacht, die das Erlebnis des gemeinschaftlichen Teetrinkens fördern soll. Der Sockel, auf dem der Pot steht, enthält ein Teelicht, um den Tee warm zu halten, der von allen Seiten und in alle Richtungen gegossen werden kann. Allerdings funktioniert TEA43 für uns als ein Konzept für Tee einfach nicht. Der Eingießprozess ist falsch, denn dazu braucht man nicht drei Ausgüsse, sondern einen. Aber für Bier, als zentraler Bestandteil eines Biergartentisches? Perfekt. Dazu könnte man vielleicht noch das Verbindungssystem verwenden, das Erik Wester für seine sträflich übergangene Standing Task Light entwickelt hat und schon hat man einen Gießer, der gießt. Aber nicht umfällt. Und ja, alternativ könnte man auch Wasser einfüllen, zum Beispiel auf einem Restaurant- oder dem Wohnzimmertisch.

Was nicht heißen soll, dass wir die Arbeit, die Dennis Nguyen in sein Projekt gesteckt hat, nicht mögen oder anerkennen. Das tun wir. Sehr. Es ist ein gut durchdachtes und begründetes Projekt. Es kommt uns nur so vor, als hätte eine andere Schlussfolgerung gezogen werden sollen oder können.

Aber es ist, wie es immer ist, was wissen wir schon.

Universität der Künste Berlin Rundgang 2015 TEA43 by Dennis Nguyen

TEA43 von Dennis Nguyen, gesehen auf dem Universität der Künste Berlin Rundgang 2015

Knot a Tent von Christine Oehme & Pauline Schlautmann

Ein Zelt ist im Kern ein sehr einfaches Objekt. Knot a Tent ist ein noch einfacheres Objekt und ein herrlicher Wortwitz.

Im Rahmen des Zweitsemesterkurses “Fluss oder Regen”  von Christine Oehme und Pauline Schlautmann entworfen, ist Knot a Tent grundlegend ein Verbindungselement aus Silikon, das aufgrund seiner äußeren Form an eine Fliege oder einen abstrakten Oberschenkelknochen erinnert. Dieser kann verwendet werden, um eine beliebige Zahl kräftiger Stöcke zu einem Stativ zusammenzuhalten und so ein behelfsmäßiges Zelt zu errichten.

Warum man nicht einfach ein Stück Seil verwendet? Fragen Sie die schlauen Kinder, die vorn in der Klasse sitzen.

Eine Frage, auf die wir keine überzeugende oder ehrliche Antwort wissen, außer, dass Knot a Tent eine fortschrittliche Version des klassischen Seils in einer kompakteren und einfacher zu transportierenden Form liefert. Hergestellt aus einem Material, das sowohl über die Zeit als auch durch Regen kaum verfällt, ist es außerdem nicht nötig, die dunklen Künste des Knotenbindens in Perfektion zu beherrschen, um Stabilität zu gewährleisten. Dazu kommt, dass Knot a Tent einen schnelleren Zeltaufbau ermöglicht, als wenn man mit Seilen hantieren muss, was ziemlich wichtig ist, wenn es bereits regnet.

Außerdem, Achtung Schlaumeier, kann Knot a Tent, genauso wie ein Seil, zu vielen verschiedenen Zwecken benutzt werden. Viele von Ihnen werden sich sicher an Danish Dynamite von Alexander Münchberger aus Mailand 2014 erinnern. Knot a Tent kann ähnlich verwendet werden, als Knot a Stool, Knot a Table oder einfach als Hänge-/Befestigungs-/oder Verbindungshilfsmittel in allen vorstellbaren Situationen, Orten oder Umgebungen. Zu Hause oder in der Wildnis.

Und wo ein Seil vielleicht ungeeignet ist.

Universität der Künste Berlin Rundgang 2015 Knot a Tent Christine Oehme Pauline Schlautmann

Knot a Tent von Christine Oehme & Pauline Schlautmann, gesehen auf dem Universität der Künste Berlin Rundgang 2015

Universität der Künste Berlin Rundgang 2015 Knot a Tent by Christine Oehme Pauline Schlautmann

Knot a Tent von Christine Oehme & Pauline Schlautmann, gesehen auf dem Universität der Künste Berlin Rundgang 2015

smow Blog kompakt: Le Corbusier – The Measures of Man im Centre Pompidou, Paris

28. Juli 2015

Man erzählt sich, dass an Tagen, an denen seine Skizzen nicht seinen eigenen selbstkritischen Ansprüchen gerecht wurden, der schweizer Architekt und Stadtplaner Le Corbusier den Stift zur Seite gelegt und leise gesagt habe: “c’est difficile l’architecture” 1

Ähnlich kompliziert ist es, die vielfältigen Talente und Leidenschaften Le Corbusiers zu beschreiben und zu erklären.

Eine Option, und wohl die beste, wäre, sich auf nur einen Aspekt von Le Corbusiers Oeuvre zu beschränken und diese konzentrierte Analyse als Ausgangspunkt für einen breiteren Überblick zu nutzen. Genau diesem Ansatz folgt auch das Centre Pompidou bei seiner Ausstellung “Le Corbusier – The measures of man”.

Le Corbusier Le Modulor 1950 (Photo, © Centre Pompidou / Dist. RMN-GP/ Ph. Migeat © FLC, ADAGP, Paris 2015 Courtesy of Centre Pompidou, Paris)

Le Corbusier, Le Modulor, 1950 (Foto, © Centre Pompidou / Dist. RMN-GP/ Ph. Migeat © FLC, ADAGP, Paris 2015 mit freundlicher Genehmigung des Centre Pompidou, Paris)

Der 1887 als Charles-Édouard Jeanneret-Gris in La Chaux-de-Fonds im schweizer Juragebirge geborene (zukünftige) Le Corbusier begann ursprünglich mit einer Ausbildung zum Uhrenmacher, bevor er sich während seines Studiums an der örtlichen Kunst- und Handwerkshochschule zunehmend für Kunst, und vor allem für Architektur zu interessieren begann. Als passionierter Reisender waren Charles-Édouards Bildungsjahre gespickt von Reisen durch die Schweiz, den Balkan, Griechenland, die Türkei, Frankreich und Italien; Reisen auf denen er unzählige Studien der jeweiligen Architektur und Landschaft anfertigte, vor allem von den zahlreichen Überbleibseln klassischer römischer und griechischer Architektur. Diese Erfahrungen stärkten seine Leidenschaft für Architektur ganz besonders.

Im Jahr 1910 verschlug es Charles-Édouard nach Dresden, genauer gesagt nach Hellerau, wo sein Bruder Albert bei dem schweizer Komponisten Émile Jaques-Dalcroze Musik studierte. Fasziniert von Dalcrozes Methoden bei seiner Lehre der Eurythmie – dazu gehörte die Verbindung von Musik und Bewegung und die Idee Musik eher zu spüren als einfach nur zu hören – wollte der junge Charles-Édouard nicht nur mehr über Dalcrozes Philosophie, sondern auch über ähnliche Reformisten, psychophysiologische Theorien und Praktiken erfahren. Die Verbindung seines Interesses an klassischer Architektur mit seiner neu entdeckten Leidenschaft am progressiven Denken brachte Charles Édouard langsam dazu, eine Serie von Studien über die Proportionen des menschlichen Körpers anzufertigen und so auf die Suche nach einem einheitlichen, am Menschen orientierten Maßstabssystem zu gehen. Diese Studien definierten in vielerlei Hinsicht Corbusiers zukünftige Arbeiten und bilden die Basis für “Le Corbusier – Die Maße des Menschen”.

Die in zwölf Abschnitte unterteilte Ausstellung “Die Maße des Menschen” nimmt den Besucher mit auf eine Reise durch Charles-Édouard Jeanneret-Gris’ Leben und Arbeit – von seinen frühen Reisen und der Literatur der frühen 1920er Jahre, die seine Weltsicht formten, über frühe puristische, kubistische Arbeiten bis zur Annahme seines nom de plume, oder besser gesagt seines nom de guerre, “Le Corbusier” und bis zu seinem berüchtigten Pavillon auf der Weltausstellung 1925 in Paris. Bevor man dann in der Mitte der Ausstellung auf den Höhepunkt aus drei Jahrzehnten Forschung und Experimenten stößt: den Modulor.

Ähnlich wie Da Vincis Vitruvianischer Mensch und die zahlreichen Variationen danach, untersucht der Modulor die Proportionen eines standardisierten, idealen Menschen: Da Vincis Vitruvianischer Mensch misst 24 Handflächen, Le Corbusiers Mann ist 1,83 Meter groß – 2,26 mit über dem Kopf ausgestreckten Armen. Im Verlauf der ungefähr 20 Skizzen verdeutlicht “The measures of man”, wie Le Corbusier seine Theorie entwickelte, bevor dann im nächsten Raum die Kuratoren erklären, wie Le Corbusier sein Modulor System im folgenden anwandte: die zahlreichen Unité d’habitation Blöcke in Frankreich und Deutschland, das Carpenter Center for the Visual Arts in Cambridge, Massachusetts, die Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp, die Stadt Chandigarh in Nordindien und schließlich sein eigenes 14 Quadratmeter großes Le Cabanon Haus in Roquebrune-Cap-Martin an der Cote d’Azur – wo die Ausstellung endet und wir Le Corbusier seinen wohlverdienten Frieden lassen.

Neben der Untersuchung von Le Corbusiers antromorphen Studien erklärt “The measures of man” auch Le Corbusiers “fünf Prinzipien der Architektur”. Diese werden wahrscheinlich am besten von seinem Villa Savoye Projekt veranschaulicht. Zudem gehört zur Ausstellung auch ein Überblick über die Möbeldesigns von Le Corbusier – was Pflicht bei jeder Corbusier-Ausstellung sein müsste, ganz egal wie gut es zum jeweiligen Thema passt. Und im Falle des Centre Pompidou passt dieser Überblick nicht allzu gut hinein. Das liegt vor allem daran, dass die Möbel (alle wissen es, weigern sich jedoch hartnäckig es auch zu akzeptieren) vor allem das Werk Charlotte Perriands sind, und deshalb nicht sonderlich gut veranschaulichen, wie Le Corbusier  den menschlichen Körper verstand. Abgesehen davon ist auf der Ausstellung ein beeindruckendes frühes Exemplar des LC2 Sessels zu sehen, aber das wäre ein Thema für einen anderen Post.

“The measures of man” ist eine exzellent konzipierte und realisierte Ausstellung, die ein zeitweise sehr diffiziles Thema zugänglich und unterhaltsam macht. Die Ausstellung erklärt wunderbar, warum Le Corbusier eine so faszinierende und wichtige Gestalt ist. Und das mit einem Tiefgang, der einerseits neue Einsichten und Perspektiven für alle mit Le Corbusier Vertrauten bereit hält, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit für alle, die nur mit dem Namen vertraut sind, und Le Corbusiers Werk in seinem ganzen Umfang nicht kennen.

Le Corbusier – The Measures of Man läuft im Centre Pompidou, Place Georges-Pompidou, 75191 Paris bis Montag, den 3. August. Alle Details sind unter www.centrepompidou.fr zu finden.

1.Mason Currey: Musenküsse – Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Kein & Aber, Zürich 2014,

Le Corbusier, Nature morte à la pile d’assiettes et au livre, 1920 (Photo: © FLC, ADAGP, Paris 2015,  Courtesy of Centre Pompidou, Paris)

Le Corbusier, Nature morte à la pile d’assiettes et au livre, 1920 (Foto: © FLC, ADAGP, Paris 2015, mit freundlicher Genehmigung des Centre Pompidou, Paris)

aed neuland 2015: die Gewinner

24. Juli 2015

Am Mittwochabend des 24. Juni wurden die Gewinner des aed neuland Nachwuchswettbewerbs für Gestalter mit einer Zeremonie in Stuttgart bekannt gegeben.

Der von aed Stuttgart organisierte Nachwuchspreis neuland ist ein alle zwei Jahre stattfindender, internationaler Wettbewerb, offen für Studenten und junge Absolventen unter 28. Den Organisatoren zufolge gingen für das Jahr 2015 330 Bewerbungen in den fünf Kategorien ein.

Eine Ausstellung aller 23 nominierten und ausgezeichneten Projekte ist im Nimbus Group Mock-Up Ausstellungsraum in Stuttgart bis zum 16.September zu sehen, bevor die Ausstellung dann in Düsseldorf, Leipzig, Wien und weiteren, noch nicht bekannt gegebenen Orten zu sehen sein wird.

Alle Details zum Wettbewerb und den Gewinnerprojekten des Jahres 2015 sind unter www.aed-neuland.de zu finden. Hier nun die Gewinnerprojekte des aed neuland Nachwuchswettbewerbs 2015 in aller Kürze. Gratulation an alle!

Architecture & Engineering: Der Utopist – eine architektonische Graphic Novel von Carolin Lahode von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Kürzlich haben wir einen Beitrag eines Kollegen gelesen. Er beschwerte sich, dass Fiktion in der Architekturpresse immer seltener zum Einsatz komme. Uns war um ehrlich zu sein nicht klar, dass Fiktion jemals in Architekturmagazinen genutzt wird um Debatten und Ideen zu transportieren. Ohne Frage würde besagter Kollege großen Gefallen an Der Utopist von Carolin Lahode finden. Zwar sind wir keine großen Fans von Graphic Novels, allerdings leuchtet uns ein, dass viele der Auffassung sind, man erreiche ein größtmögliches Publikum am besten mit einem Medium und einer Sprache, die möglichst viele verstehen. Insofern ist eine Graphic Novel, in der ein japanischer Utopist nach dem Schlüssel für eine perfekte Gesellschaft und eine gerechtere Zukunft sucht, indem er vor allem eine Reihe von Diskursen zur Utopie, der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft und Architektur anstößt, eine sehr interessante und absolut berechtigte Sache. Und mit Sicherheit auch eine sinnvollere Verwendung von Druckerschwärze als eine Graphic Novel, in der übergroße Zombiereptilien mit leichtbekleideten Frauen um die Vorherrschaft in einem verlassenen Freizeitpark kämpfen.

Der Utopist eine architektonische Graphic Carolin Lahode

Der Utopist – eine architektonische Graphic Novel von Carolin Lahode von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

Exhibition & Public Design: Doppelgänger von Vincent Krause, Jan Poneß & Nima Vakili von der Bauhaus Universität Weimar

Wir würden annehmen Doppelgänger ist so ein Projekt, bei dem es darum geht, wirklich etwas zu verstehen. Entwickelt wurde Doppelgänger von Vincent Krause, Jan Poneß und Nima Vakili als deren Abschlussprojekt an der Bauhaus Universität Weimar. Tatsächlich handelt es sich bei Doppelgänger um zwei 83 Meter lange, hölzerne Tunnel – einer in Weimar und einer in Buffalo, New York. Die Böden beider Tunnel sind mit Kontaktmikrophonen ausgestattet, die die Fußtritte aus einem Tunnel auf Mikrophone in dem anderen Tunnel übertragen – live und in Echtzeit. Vincent Krause zufolge geht es bei dem Projekt darum “das kommunikative Potential der akustischen Signale eines gehenden Menschen den bereits bestehenden visuellen, verbalen und textuellen Kommunikationskanälen entgegenzusetzen.”1 Uns ist zugegebenermaßen nicht klar, warum genau man das vorhaben sollte, allerdings haben wir vor, der Sache möglichst bald auf den Grund zu gehen.

1. Studentisches Projekt »Doppelgänger« im Förderpreis »neuland« erfolgreich, Press Release, Bauhaus Universität Weimar http://www.uni-weimar.de/de/medieninformationen/titel/studentisches-projekt-doppelgaenger-im-foerderpreis-neuland-erfolgreich-1/

Doppelgänger by Vincent Krause Jan Poneß Nima Vakili

Doppelgänger von Vincent Krause, Jan Poneß & Nima Vakili von der Bauhaus Universität Weimar (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

Industrial & Product Design: ito – eine Transporthilfe für den urbanen Raum von Sebastian Stittgen & Steffen Fehlinger von der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd

Angenommen der Besitz und Nutzen von Autos sind nicht der große Sprung für den ihn unsere Vorväter gehalten haben, brauchen wir neue Lösungen; und zwar nicht nur für den persönlichen Gebrauch, sondern auch für den Transport von Waren. Ito von Sebastian Stittgen und Steffen Fehlinger ist wenig mehr als eine moderne Adaption des Einkaufstrollys. Wenn auch eine Adaption, die es, Sebastian und Steffen zufolge, Einzelnen durch ihre Form, ihr Reifenkonzept und den Elektromotor erlaubt, Ladungen bis zu 100 Kilogramm nicht nur durch die Stadt, sondern auch die Treppe hinauf zu transportieren. Ein schönes Beispiel dafür, ein bereits existierendes Konzept mit neuen Funktionen für ein neues Zeitalter weiterzuentwickeln. Ito macht den Anschein, als könnte es sich dabei um ein gut durchdachtes, zukunftsorientiertes Projekt handeln und, angenommen es hält, was die Designer versprechen, erscheint die Idee sehr viel intelligenter als die Luft mit mit Paketen und Pizza beladenen Drohnen zu füllen. Uns ist nur unklar, warum Ito nur in urbanen Räumen nützlich sein soll … .

 

ito Sebastian Stittgen Steffen Fehlinger

ito – eine Transporthilfe für den urbanen Raum von Sebastian Stittgen & Steffen Fehlinger von der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

Interaction Design: Mate – eine Vision für das Schulbuch der Zukunft von Rahel Flechtner von der Hochschule Magdeburg-Stendal

Wie der Titel des Projektes ganz klar macht, ist Mate von Rahel Flechtner eine Vision des Schulbuchs der Zukunft. Als elektronisches Gerät in Buchoptik will es Mate Schulkindern ermöglichen, ihr eigenes Schulbuch zu entwerfen und verspricht so individuelles Lernen auf Basis der jeweiligen Fähigkeiten des Kindes. Mate ist designt um den Nutzer zu ermutigen, sein Ziel durch interaktives Lernen zu erreichen. Interaktives Lernen umfasst hier auch einen elektronischen Stift, der nicht nur das digitale Zeitalter mit dem analogen verbindet, sondern auch sicherstellt, dass das Kind neben dem Lernen von Fakten auch grundlegende Schreib- und Zeichenfähigkeiten entwickelt.

Mate by Rahel Flechtner

Mate – eine Vision für das Schulbuch der Zukunft von Rahel Flechtner von der Hochschule Magdeburg-Stendal (Foto mit freundlicher Genehmigung von aed Stuttgart e.V.)

Communication & Graphic Design: D-facto von Piotr Zapasnik von der Fachhochschule Düsseldorf

Wie wir alle wissen und unbekümmert akzeptiert haben, ist die Stimme des öffentlichen urbanen Raums die des Werbers, seiner Nachrichten und Logos. Ganz egal wo man sich aufhält und was man tut – irgendjemand versucht einem etwas zu verkaufen. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit an der Fachhochschule Düsseldorf hat sich Piotr Zapasnik vorgenommen, diesen endlosen Strom des Kommerz’ mit einer Reihe von Plakaten zu durchbrechen, die soziale, kulturelle und politische Themen von lokaler Bedeutung kommentieren. So hat Piotr zwischen Oktober 2014 und Februar 2015 um die 17 Plakate produziert, die sich beispielsweise mit folgenden Themen befassen: mit der Entscheidung der Regionalregierung, ihre Andy Warhols zu verkaufen und das Geld für den Neubau eines Kasinos und die Aufstockung des Budgets zu nutzen, mit den Defiziten in Düsseldorfs Fahrradinfrastruktur oder mit der Schulpolitik der Stadt.

Und auch wenn wir uns gerne vorstellen, wie Piotr seine Kreationen selbst angebracht hat, befürchten wir, dass das Projekt nur mit Hilfe der Besitzer der 41 betroffenen Plakatwände realisiert werden konnte. Und da Piotrs Arbeiten natürlich zwangsläufig die Aufmerksamkeit einer werbeerschöpften Öffentlichkeit auf sich ziehen, kommt natürlich die Frage auf, ob sie nicht eher dazu beitragen, die Werbeflächen attraktiver zu machen und so die Branche zu bestärken. Abgesehen aber von solchen Überlegungen sind wir froh über alles, was uns daran erinnert, dass wir den Status Quo nicht akzeptieren müssen und was uns alle dazu bringt, über unsere Umgebung nachzudenken, sie zu hinterfragen und auf sie zu reagieren.

D-facto by Piotr Zapasnik

D-facto by Piotr Zapasnik von der Fachhochschule Düsseldorf (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

smow Blog Designkalender: 23. Juli 1927 – Weissenhofsiedlung Stuttgart öffnet ihr Pforten

23. Juli 2015

“Die Probleme der Neuen Wohnung wurzeln in der veränderten materiellen, sozialen und geistigen Struktur unserer Zeit; nur von hier aus sind diese Probleme zu begreifen. Der Grad der Strukturveränderung bestimmt Charakter und Ausmaß der Probleme. Sie sind jeder Willkür entzogen. Mit Schlagworten sind sie nicht zu lösen, mit Schlagworten aber auch nicht fortzudiskutieren. Das Problem der Rationalisierung und Typisierung ist nur ein Teilproblem. Rationalisierung und Typisierung sind nur Mittel, dürfen niemals Ziele sein. Das Problem der Neuen Wohnung ist im Grunde ein geistiges Problem und der Kampf um die Neue Wohnung nur ein Glied in dem großen Kampf um neue Lebensformen.”1

So begrüßte Ludwig Mies van der Rohe im Amtlichen Katalog Besucher der Weissenhofsiedlung Stuttgart, die am Samstag, 23. Juli 1927, für die breite Masse eröffnet wurde und setzte damit Maßstäbe und Prioritäten für eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte der zeitgenössischen Architektur.

Obwohl sie allgemeinhin als Gebäudeausstellung betrachtet wurde, beinhaltete das Projekt Weissenhofsiedlung Stuttgart drei verschiedene Ausstellungen und wurde eigentlich auch nicht Weissenhofsiedlung Stuttgart genannt, sondern Die Wohnung.

Zusätzlich zu der bekannten Weissenhofsiedlung mit ihren 64 Musterwohnungen, die sich auf 33 Häuser von Architekten wie J.J.P. Oud, Le Corbusier, Mart Stam, Peter Behrens und Hans Scharoun verteilen, zeigte Die Wohnung auch eine Ausstellung mit an die 500 Schornsteinen und Modellen moderner Architekturprojekte von internationalen Architekten so vielfältig wie Frank Lloyd Wright, Max Ernst Haefeli, Rietveld & Schröder oder die Stuttgarter Rasch-Brüder. Abgesehen von dem physischen Gebäude als solches, enthielt Die Wohnung außerdem eine Präsentation zeitgenössischer Möbel, Armaturen und technischen Zubehörs für das moderne Zuhause. In einem Austellungs-/Messenkonzept, das von Lily Reich realisiert wurde und sich über 9 Messehallen und den Stadtgarten Stuttgart erstreckte, konnten Besucher Konzepte und Produkte betrachten, so wie die Küche Frankfurt von Margarete Schütte-Lihotzky, Poul Henningsen Lampen von Louis Poulsen, elektronische Haushaltsgeräte von Herstellern wie Miele, AEG und Siemens und Möbelstücke unter anderem von Walter Knoll, Deutsch Werkstätten Hellerau und Thonet.

Damit bot die Weissenhofsiedlung dem Besucher alles was er brauchte, um das zeitgenössische Wesen der Gebäude- und Designkultur dieser Epoche zu verstehen, mit einem Tagesticket für 2 Reichsmark.2

Und die Öffentlichkeit nutzte diese Chance. Etwa 500000 Menschen besuchten Die Wohnung3, bevor sie schließlich am 31. Oktober 1927 ihre Pforten schloss. Besucher der Ausstellung konnten jedoch nicht viel mehr von ihr mitnehmen als die Erinnerungen vor ihrem geistigen Auge, denn nicht nur das Fotografieren der Gebäude war untersagt, sondern sogar das Skizzieren. Seltsamerweise war das Ausmessen hingegen gestattet, vorausgesetzt, es lag eine schriftliche Erlaubnis vor.4

In den folgenden Jahrzehnten litten die Gebäude der Weissenhofsiedlung unter den zusammenfließenden negativen Konsequenzen des faschistischen Dogmas, des Krieges und allgemeinen Desinteresses; trotzdem blieben etwa zwei Drittel der Bauten erhalten und heute dient die Weissenhofanlage dem Zweck, dem alle guten Siedlungen dienen sollten – sie beherbergt echte Menschen. Dazu kommt, dass die Weissenhofsiedlung als historisches Dokument perfekt die Visionen der führenden Architekten der Moderne demonstriert, sowie die Einschränkungen, die damalige Materialen und Techniken mit sich brachten.

Folglich müssen Architekten und Designer immer danach streben, neue Herangehensweisen zu finden, die ein Verständnis für die sich ändernden Materialien, aber auch die sozialen und intellektuellen Strukturen ihrer Zeit vermitteln.

1. “Amtlicher Katalog der Werkbundausstellung Die Wohnung, Stuttgart 1927″ Schriftenreihe Weissenhof Band 2, Stuttgarter Gesellschaft für Kunst und Denkmalpflege, 1998

2. ibid

3. http://www.weissenhof2002.de/weissenhof.html Accessed 23.07.2015

4. “Amtlicher Katalog der Werkbundausstellung Die Wohnung, Stuttgart 1927″ Schriftenreihe Weissenhof Band 2, Stuttgarter Gesellschaft für Kunst und Denkmalpflege, 1998

Weissenhofsiedlung Stuttgart Houses 1 2 3 and 4 by Mies van der Rohe

Weissenhofsiedlung Stuttgart Häuser 1-4 von Mies van der Rohe

Weissenhofsiedlung Stuttgart Houses 5 6 7 8 and 9 by J J P Oud

Weissenhofsiedlung Stuttgart Häuser 5-9 von J J P Oud

Weissenhofsiedlung Stuttgart Houses 28 29 30 by Mart Stam

Weissenhofsiedlung Stuttgart Häuser 28-30 von Mart Stam

Weissenhofsiedlung Stuttgart House 33 by Hans Scharoun

Weissenhofsiedlung Stuttgart Haus 33 von Hans Scharoun


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