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smow introducing reloaded

26. März 2015

Name: smow introducing

Geboren: Leipzig, 2010

Studium: Universität des Lebens

Designer:
Christoffer Martens

Erik Wester

Christian Lessing

Eva Marguerre

My Own Super Studio

maigrau

                           Stephan Schulz

smow Blog: smow introducing?

smow Blog: Das ist eine Reihe, die wir veröffentlicht haben, um junge, weniger bekannte, aber unserer Meinung nach sehr talentierte und interessante Designer einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

smow Blog: Warum habt ihr damit aufgehört? Sind euch die jungen, talentierten, beeindruckenden Designer ausgegangen?

smow Blog: Ganz und gar nicht! Aber uns fehlten Zeit und Raum, um der Aufgabe weiterhin gewissenhaft nachzukommen.

smow Blog: … und das hat sich jetzt geändert??

smow Blog: Wir haben das geändert. Wir haben es immer bereut, dass wir mit der Reihe nicht weiter machen konnten und haben uns jetzt entschieden, der Sache wieder mit der gebührenden Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit nachzukommen.

smow Blog: Dass ihr die Klammern aus dem Namen genommen habt, hat dabei wahrscheinlich auch geholfen?

smow Blog: Keine Frage! Das hat unseren Produktionsprozess gelockert und unserer Arbeit einen gewissen jugendlichen Elan und Esprit verliehen, der in letzter Zeit gefehlt hat.

smow Blog: So sehr euch smow introducing auch Spaß gemacht hat – hat es sich wirklich gelohnt? Was ist im Rückblick aus den Designern geworden, die ihr vorgestellt habt?

smow Blog: Das erste “smow introducing”-Interview haben wir mit dem Absolventen der Burg Giebichtenstein Halle Stephan Schulz geführt. Seit wir mit ihm gesprochen haben, hatte er ein Stipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt und der Kolsterbergischen Stiftung und hat neue Projekte für Calvin Klein Home und Betoniu realisiert. Nach Stefan Schulz stellten wir den in Baden-Württemberg ansässigen Hersteller Maigrau, das heißt die Absolventen der Kunstakademie Stuttgart Nik Back & Alexander Stamminger vor. Beide haben ihr Versprechen gehalten und das Programm der Firma um Arbeiten externer Designer erweitert. Maigrau, bei unserem ersten Treffen ohnehin schon ein spannendes Projekt, ist für uns so eine umso interessantere Marke geworden. Unser beliebtester portugiesischer Designer TM Rui Alves fährt damit fort portugiesisches Design zeitgenössisch zu machen. Seine Produkte werden derzeit beim italienischen Hersteller Valsecchi1918 und dem dänischen Label Menu produziert. Menu hat auch die BookBinder Buchstütze des Berliner Designers Christoffer Martens, den wir auch bei smow introducing vorgestellt haben, produziert und vertrieben. Christian Lessing geht weiter der Aufgabe nach, den Spaß in den Wohnraum und auf die Balkone zu bringen. Darüber hinaus ist er Mitglied des Düsseldorfer Kreativ Kollektivs Teilmöbliert. Erik Wester aus Oslo sucht unerklärlicherweise immer noch nach einem Hersteller für seine Standing Task Lamp. Allerdings hat er sein Repertoire um Grafikdesign erweitert. Und die Absolventin der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Eva Marguerre hat sich mit Marcel Besau unter dem fantasievollen Namen Studio Besau-Marguerre zusammengetan und neben anderen Projekten eine Serie von Lampen für den Frankfurter Hersteller e15 realisiert.

smow Blog: Das ist ja ganz beeindruckend. Aber bist du glücklich über den Weg, den die Designer mit ihren Karrieren eingeschlagen haben – wie sie sich entwickelt haben?

smow Blog: Grundsätzlich ja, sehr sogar. Schaut man allerdings zurück, stößt man kontinuierlich auf Objekte, von denen wir noch immer überzeugt sind, dass sie millionenfach verkaufte Standards sein müssten, was sie allerdings nicht sind. Eine Situation, die für uns wunderbar die Gemeinheiten der Designindustrie zusammenfasst und zeigt wie schwer es ist, sich selbst zu etablieren. Wir haben die Hoffnung allerdings noch nicht aufgegeben, dass einer der stetig zunehmenden kleinen Hersteller Interesse an dem ein oder anderen unveröffentlichten Design finden wird.

smow Blog: Was uns im Rückblick immer wieder auffällt, ist, dass smow introducing die einzige Gelegenheit zu sein scheint, bei der ihr offizielle Pressefotos anstatt eurer eigenen Fotos nutzt. Eine bewusste Entscheidung?

smow Blog: Ja. Wie gesagt ist es schwer genug sich als Designer zu etablieren, das müssen wir nicht noch mit unseren selbstgemachten Fotos sabotieren.

smow Blog: Und wann können wir mit der Fortsetzung von smow introducing rechnen?

smow Blog: Ab sofort jeden Tag………………

Design from the Country of The Potato Eaters – Designers meet van Gogh im Het Noordbrabants Museum, ’s-Hertogenbosch

24. März 2015

Während des gesamten Jahres 2015 werden um die dreißig Museen und kulturelle Institutionen in Europa den Geburtstag des niederländischen Künstlers van Gogh mit einer Reihe von Ausstellungen, Veranstaltungen und kulturellen Austauschprogrammen feiern.

Wie wir erst kürzlich bemerkt haben, sind wir automatisch misstrauisch, wenn es um Preise für Lebenswerke geht, und in ähnlicher Weise finden wir es auch eher makaber Tote zu feiern. Vor allem im Fall von Vincent van Gogh – bedenkt man wie tragisch und grausam er ums Leben gekommen ist.

Aber bekanntermaßen entscheiden wir ja nicht, wann was gefeiert wird, sondern berichten nur über die daraus resultierenden Festivitäten.

Eine der teilnehmenden Institutionen ist das Noordbrabants Museum in der Stadt mit dem großartigen Spitznamen ‘s-Hertogenbosch, und bis zum 26. April präsentiert das Noorbrabants Meuseum die Ausstellung “Design from the Country of Potato Eaters – Designers meet van Gogh”.

Design from the Country of The Potato Eaters Designers meet van Gogh Noordbrabants Museum

Natur mit u.a. Paard von Barbara Polderman und der Spaten von GBO Design, gesehen bei Design from the Country of The Potato Eaters – Designers meet van Gogh im Noordbrabants Museum

Der Ausstellungstitel ist inspiriert von van Goghs Gemälde “Die Kartoffelesser” von 1885. Viel mehr als die Ausstellung in direkten Dialog mit Vincent van Gogh und seiner Arbeit zu bringen, präsentiert die Ausstellung 85 Arbeiten von zeitgenössischen niederländischen Designern, von denen die Organisatoren meinen, dass sie drei der zentralen Elemente von van Goghs Gemälden aufgreifen: Einfachheit, Ackerland und Natur.

Der Part “Design aus dem Land der…” im Ausstellungstitel bezieht sich einerseits auf die Tatsache, dass Vincent van Gogh in Noord-Brabant, ‘s-Hertogenbosch ist die Hauptstadt dieser Region, geboren und aufgewachsen ist. Zum anderen spielt der Titel aber auch darauf an, dass Gemälde wie “Die Kartoffelesser” und andere direkt vom ländlichen Leben der Region inspiriert waren. Der Ausstellungstitel erinnert so nicht nur an van Goghs Tod, sondern weist auch auf die Vielfalt und Qualität von Designarbeiten hin, die derzeit in dieser Region produziert werden. Und so wird das Interesse an den regionalen Designern sowohl bei Laien als auch Spezialisten angeregt. Ein nobles Anliegen, und natürlich genau das, was regionale Museen tun sollten. Ja, wir wären die ersten, die sich beschweren, wenn ein Museum einzig die Arbeiten ortsansässiger Designer präsentieren würde. Vor allem wenn das nur in einem aufdringlichen Marketingkontext geschieht und es dabei weniger um die Positionierung der Objekte in einem relevanten und interessanten Diskurs geht. Allerdings ist es durchaus wichtig, dass Museen und kulturelle Institutionen auf die Talente ihrer Umgebung reagieren und mit ihnen zusammenarbeiten.

Mal vor dem Hintergrund dieser doppelten Einführung betrachtet, haben die Ausstellungskuratoren von Yksi Ontwerp ein sehr offenes und zugängliches Ausstellungskonzept entwickelt, in dem die drei Bereiche in getrennten Abschnitten aufgegriffen werden. All das haben sie mit einer sehr erfreulichen, selbstbewussten Einfachheit realisiert. Zudem liefert das Ausstellungskonzept ein wunderbares, wenn auch unserer Meinung nach nicht vollständiges, Who is Who der regionalen Designszene. Größtenteils sind das, wie zu erwarten, Eindhoven-Absolventen und in Eindhoven lebende Designer.

Neben etablierten smow Favoriten wie Steven Banken, Arnout Meijer, Dirk vander Kooij oder Daphne Laurens umfasst “Design from the Country of Potato Eaters” Arbeiten von Leuten wie beispielsweise Piet Hein Eek, Ma’ayan Pesach, Paul Heijnen, Lex Pott, Sander Wassink, Maarten Baas, Studio Job oder Earnest Studio & Emilie Pallard, und schafft so eine angenehme Mischung aus etablierten und unbekannteren Designern sowie eine exzellente Mischung der Genres und Designansätze. Das heißt es gibt viel zu entdecken und das reicht von rein industriellen Arbeiten über experimentelle Forschungsprojekte, Erforschungen innovativer Ansätze für zukünftige Technologien, Wiederbelebungen traditionellen Handwerks bis hin zu Projekten, die wir eigentlich unter Kunst verbuchen würden.

Das Resultat ist eine Ausstellung, die, auch wenn sie unter dem unsichtbaren Stern van Goghs und dessen Leidenschaft für das natürliche und einfache steht, sehr viel mehr von der Natürlichkeit und Einfachheit der ausgestellten Objekte handelt. Es geht um die Designprozesse vor den Objekten und die Motivation diese Objekte zu produzieren. Und so wird “Design from the Country of The Potato Eaters” zu einem exzellenten Ausgangspunkt für alle, die zeitgenössisches dänisches Design kennenlernen und verstehen möchten.

Design from the Country of The Potato Eaters Designers meet van Gogh Noordbrabants Museum

Schlichtheit bei Design from the Country of The Potato Eaters – Designers meet van Gogh im Noordbrabants Museum

Bisher beschränkten sich die meisten “van Gogh-Tributes” auf folgendes: unangemessene und unbedachte Nachbildungen seiner berühmtesten Gemälde oder unangemessene und unbedachte Aufnahmen von Starry Starry Nights.

“Design from the Country of Potato Eaters – Designers meet van Gogh” mag keine direkte Laudatio an Vincent van Gogh sein, aber gerade da die Ausstellung die Themen seiner Arbeit so mühelos in die heutige Welt transportiert, zeigt sich nicht nur wunderbar, wie wichtig seine Themen auch heute noch sind, sondern auch wie van Gogh seine Umgebung sah. Vincent van Gogh als ein Mann, der eher nach Antworten suchte, als die Schönheit des Gesehenen einzufangen und auf der Leinwand festhalten zu wollen. Ein Mann also, dessen Talent und Leben es eindeutig wert sind gefeiert zu werden.

Parallel zu “Design from the Country of Potato Eaters” präsentiert das Noordbrabandts Museum auch “Hockney, Picasso, Tinguely und andere Höhepunkte aus der Sammlung Würth”, eine Ausstellung, die den Künstlern und ihren Arbeiten sehr viel direkteren Tribut zollt. Darunter auch die faszinierende dreiteilige Arbeit “Three Trees near Thixendale” von David Hockney – eine Serie von Bildern, die nicht nur Hockneys Talent unter Beweis stellen, sondern in gewisser Weise auch Vincent van Gogh ehren.

“Design from the Country of Potato Eaters – Designers meet van Gogh” läuft im Het Noordbrabants Museum, Verwersstraat 41, ‘s-Hertogenbosch bis Sonntag, den 26.April. “Hockney, Picasso, Tinguely und andere Höhepunkte aus der Sammlung Würth” ist bis Sonntag, den 17. Mai zu sehen.

Alle Details sind unter www.hetnoordbrabantsmuseum.nl zu finden.

Reihe Chemnitzer Kreativität: Marcel Kabisch

20. März 2015

Wie wir an dieser Stelle schon oft bemerkt haben, verkauft sich die ostdeutsche Stadt Chemnitz gerne als “Stadt der Moderne”, was, wie wir genasuo oft bemerkt haben, eine etwas zu positive Behauptung ist. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und der Geburtsort von Marianne Brandt und ein Kaufhaus von Erich Mendelsohn in der Stadt noch keine “Stadt der Moderne”.

Das soll nicht heißen, Chemnitz hätte keinerlei kulturelle Relevanz. Historisch hat Chemnitz Arbeiten wie z. B. die Villa Esche von Henry van de Velde oder Lew Kerbels 7 Meter hohe Karl-Marx-Büste von 1971 zu bieten, zeitgenössisch hat sie die dank der großen Bemühungen von Institutionen wie des Kunstsammlungen Kunstmuseums oder des neuen Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz.

Aber ist das zeitgenössische Chemnitz wirklich ein krativer Ort? Wie viel Kreativität und Innovation steckt und gedeiht in der Wildnis des südlichen Sachsens? Werden künftige Stadtväter in der Lage sein, besser fundierte Stadtwerbung für die Rolle der Stadt als kreatives Zentrum zu machen?

Da gibt es wohl nur einen Weg, das herauszufinden – vor Ort sein und mit denen sprechen, die im kreativen Bereich tätig sind. Nach unserem Gespräch mit Jörg Kaufmann von Silbaerg Snowboards haben wir uns daher nun mit dem Designer Marcel Kabisch unterhalten.

Marcel Kabisch, ursprünglich als Tischler ausgebildet, lebt und arbeitet in seinem Heimatort Frankenberg, einem idyllisch gelegenen Städtchen gleich vor den historischen Stadtmauern Chemnitz’. Er studierte Holzgestaltung (Produkt-, Objektdesign) an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Schneeberg und wurde 2004 mit seinem Diplomprojekt, einer Serie von ergonomisch geformten Stühlen, für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert. Nachdem Kabisch inzwischen zahlreiche Produkt- und Grafikdesigns sowie verschiedene künstlerische Arbeiten als freischaffender Designer/Holzgestalter realisiert hat, entschloss er sich 2012 sein eigenes Label, Feinserie, zu gründen, um seine Designs selbst herzustellen und zu verkaufen. Ein exzellenter Start gelang ihm dabei mit seinem Hocker und Beistelltisch Griffbereit, der 2014 mit dem zweiten Preis des Sächsischen Staatspreises für Design 2014 ausgezeichnet wurde.

Marcel Kabisch Griffbereit Feinserie

Griffbereit von Marcel Kabisch für Feinserie, ein reduzierter, stapelbarer Hocker und/oder Beistelltisch (Foto: Marcel Kabisch/Feinserie)

Kürzlich nahm Marcel Kabisch an einer Podiumsdiskussion in Chemnitz zum Thema “Designhandwerk – Handwerk im Design” teil und eine der Publikumsfragen, denen er sich stellen musste, lautete: “Kann ein Produkt eine Seele haben?” Was für ein exzellenter Ausgangspunkt für ein Gespräch, fanden wir … Kann ein Produkt also eine Seele haben?

Marcel Kabisch: Absolut. Eines meiner ersten Produkte heißt Feuerholz und ist eine moderne Interpretation des Räuchermännchens. Als ich das Produkt vorstellte, schrieb ich nebenbei eine Kurzgeschichte, ein richtiges kleines Märchen, mit einem Erzgebirgischen Schnitzer, der in den Wald geht, um Holz für sein Räuchermännchen zu sammeln. Auf dem Weg zurück ins Dorf traf ein Blitz seinen Karren, sodass er Feuer fing und verbrannte. Der Schnitzer dachte sich, “damit ist es jetzt vorbei!” Und so kam die Idee zu “Feuerholz”. Auf diese Art kann man einem Produkt eine Seele geben, indem man es persönlich macht. Weil letztendlich sind die wichtigsten Produkte nicht die teuersten, sondern die, mit denen man Assoziationen verknüpfen kann – die durch eine persönliche Assoziation eine Seele bekommen.

smow Blog: Du hattest einen abwechslungsreichen Berufsweg. Wie würdest du dich selbst bezeichnen – als Tischler, Designer, Künstler, Holzgestalter … ?

Marcel Kabisch: Man kann sich nicht selbst definieren, das müssen andere übernehmen. Ich wurde als Tischler ausgebildet und studierte dann Design/Holzgestaltung. Selbst habe ich mich immer nur als “kreativ” verstanden, aber um ehrlich zu sein, interessiert mich die Serienproduktion am meisten.

smow Blog: Und das war dann der Grund Design zu studieren?

Marcel Kabisch: Genau. Als ich anfing zu studieren, war unklar, was ich danach genau machen würde, aber die Serienproduktion, der Versuch ein Produkt mit einer bestimmten Intelligenz zu entwickeln, sodass es serienmäßig produziert werden kann – Effizienz im Design – das interessierte mich sehr. Und das nicht zwangsläufig nur in Verbindung mit dem Material Holz. Nach meinem Studium arbeitete ich beispielsweise für eine Firma, die grundsätzlich Metallprodukte produziert, und meine erste Kollektion war aus Stahl und Edelstahl. Nach wie vor arbeite ich neben Holz auch mit Metall und Glas.

smow Blog: Du hast an der Fachhochschule für Angewandte Kunst Schneeberg studiert. Hast du dich für diese Schule entschieden, weil sie einfach am nächsten gelegen ist, oder hattest du andere Gründe?

Marcel Kabisch: In erster Linie hab ich mich wegen Professor Gerd Kaden für Schneeberg entscheiden. Mir gefiel auch, dass sich die Schule zwischen Kunst und Design positioniert und für einen spielerischen Umgang mit dem Material steht. Das beeindruckte mich damals sehr. Schaut man sich andere Schulen mit ihren Trendscouts und dergleichen an, lässt sich sagen, dass das in Schneeberg keine Rolle spielte und spielt. Vielmehr lernt man sein Material und dessen Möglichkeiten zu verstehen und entwickelt dann einen organischen kreativen Prozess. Da ist es nicht relevant, was andere machen.

smow Blog: Du hast Professor Gerd Kaden erwähnt, einen der Großen in der Holzgestaltung. Beeinflusst er deine Arbeit immer noch?

Marcel Kabisch: Absolut. Ich habe erst kürzlich eine Serie von Schalen in verschiedenen Hölzern entwickelt. Also geformte Objekte aus Holz, die man beispielsweise als Fruchtschale nutzen kann. Es interessierte sich niemand dafür und ich bin sie nicht losgeworden. Gerd Kaden sagte uns mal, wenn etwas nicht funktioniert, macht es größer! Und das tat ich. Ich vergrößerte die Schale auf 4 Meter Länge, so dass sie sich in eine Bank verwandelte. Genau das gleiche Objekt, nur größer. Und jetzt verkauft sich die Arbeit.

Marcel Kabisch Bank mit Kindern

War mal eine Obstschale, ist nun eine Bank … von Marcel Kabisch (Foto: Marcel Kabisch)

smow Blog: Wir wissen, dass du aus Frankenberg kommst und deshalb persönliche Gründe hast, dort auch zu arbeiten. Hat Frankenberg darüber hinaus auch berufliche Vorteile für dich? Hast du nie darüber nachgedacht beispielsweise nach Berlin umzuziehen?

Marcel Kabisch: Der große Vorteil an Frankenberg und dem Erzgebirge allgemein ist, dass man hier sehr viel machen kann. Es gibt sehr viele Handarbeits- und Kunsthandwerksunternehmen, die einem behilflich sein können, bei der Entwicklung von Projekten und spezielle Arbeiten für einen übernehmen können. Hinzu kommt, dass es hier eine Menge Platz gibt und Arbeits- und Atelierräume sehr günstig sind. Unglaublich günstig! Natürlich gibt es nicht allzu viel Arbeit hier. Ich mache beispielsweise viele “Kunst am Bau”-Projekte und habe über viele Jahre mit der Blindenschule Chemnitz zusammengearbeitet, aber niemand kommt hierher und sucht nach Designern. Da hat man möglicherweise bessere Chancen in Berlin, nicht zuletzt weil es marketingtechnisch schon mal besser klingt. Aber man muss immer die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen und dann das Beste daraus machen.

smow Blog: Aber lohnt es sich hier nach Designern Ausschau zu halten? Ist Chemnitz eine kreative Stadt?

Marcel Kabisch: Ich bin im Vorstand des Chemnitzer Künstlerbundes, einer deutschlandweiten Organisation von regionalen und lokalen Ortsverbänden, und Chemnitz ist der einzige Künstlerbund, der Mitglieder aus der Angewandten Kunst hat. Alle anderen sind reine bildende Künstler. In Chemnitz haben wir schon immer auch Designer und das hängt größtenteils mit Schneeberg und dem Anteil an Absolventen, die in der Gegend bleiben, zusammen. Insofern ist Chemnitz eine sehr kreative Stadt für mich.

smow Blog: Und “Ostdeutschland” im Allgemeinen?

Marcel Kabisch: Es gibt eine Menge Designer im Osten, aber nicht so viele Unternehmen, die sie beschäftigen können. Das deutsche Designmagazin “Form” hat 2012 eine Deutschlandkarte veröffentlicht, in der Firmen, die Design produzieren, eingezeichnet sind. Der ehemalige Westen war voll, im Osten große Leere. Sie haben sogar die Legende mit den diversen Kategorien über dem Ostteil platziert. Da gab es Platz genug.

Irritierend daran ist, dass wir hier gute Designer haben. Auch schon während der Teilung Deutschlands gab es die. Aber es gibt hier keine Industrie und welche Firma aus dem Westen sucht im Osten nach Designern, wo es dort ja genug talentierte Designer vor der Haustür gibt.

smow Blog: War das für dich die Motivation dein eigenes Label zu gründen?

Marcel Kabisch: Direkt nach dem Studium arbeitete ich für eine Firma und realisierte mit der Zeit, dass ich das Unternehmen weder wirklich brauche noch wollte und beschloss schließlich, es auf eigene Faust zu versuchen. Über einige Jahre habe ich einfach als normaler Freiberufler gearbeitet. Die eigentliche Motivation Feinserie als Label zu gründen kam dann erst, als ich Bernau, ein Dorf im Schwarzwald, besucht habe. Die Region gleicht in vielerlei Hinsicht der hiesigen, nur dass es in Bernau – in einem einzigen Dorf – drei Designfirmen gibt. Drei alte Häuser, allesamt Nachbarn und alle produzieren Designobjekte, die zu großen Teilen auf traditionellem Handwerk basieren. Als ich das gesehen habe, dachte ich mir, das muss ich auch im Erzgebirge machen.

smow Blog: Frankenberg als Zentrum der sächsischen Designrevolution also?

Marcel Kabisch: Warum nicht? Wir haben in Sachsen keinen Mangel an Designern, sondern an Labels, Herstellern und Händlern. Die fehlen! Wir haben qualifizierte Handwerker. Wir haben qualifiziert Designer. Aber es fehlen professionelle Leute aus dem industriellen Bereich, die über das nötige Know-how verfügen, dieses Potential zu promoten und zu managen.

smow Blog: Du hast Feinserie im Jahr 2012 gegründet. Jetzt wo deine Firma läuft – ist es so schwierig wie du gedacht hast?

Marcel Kabisch: Sehr viel schwieriger. Allerdings denke ich, dass es ganz gleich an welchem Ort genauso schwierig wäre. Momentan ist der Plan alle zwei Jahre auf der Ambiente Messe auszustellen, nicht zuletzt weil ich es nicht notwendig finde, jedes Jahr ein neues Produkt zu veröffentlichen. Zwei Jahre sind ein guter zeitlicher Rahmen, um ein neues Produkt zu entwickeln. Ich habe mit kleinen Objekten und Accessoires begonnen, letztes Jahr kam dann Griffbereit dazu, und als nächstes arbeite ich an der Entwicklung eines Stuhls. Der Plan ist, die Kollektion langsam, aber stetig und Schritt für Schritt aufzubauen.

Mehr Informationen zu Marcel Kabisch, seiner Arbeit und Feinserie sind unter www.holzgestaltung.com und www.feinserie.de zu finden.

5 neue Designausstellungen im März 2015

18. März 2015

Ja, im März scheint die Sonne, die Tage werden länger und der Frühling liegt in der Luft. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn der März ist launisch – das Wetter unbeständig mit Hang zur Gereiztheit. So braucht es Mut und Standhaftigkeit sich nach draußen zu wagen.

Auch die folgenden fünf Museen haben das Risiko auf sich genommen … und wir finden, ihr Mut sollte anerkannt werden:

“Making Africa: A Continent of Contemporary Design” im Vitra Design Museum, Weil am Rhein.

In seiner Grundsatzrede auf der Designtage Brandenburg 2013 Designkonferenz bezog sich der Chefkurator des Vitra Design Museums, Mateo Kries, einige Male auf zeitgenössische Kunst und zeitgenössisches Design aus Afrika. Wir haben uns damals nichts weiter dabei gedacht, nur hatten wir bisweilen den Eindruck, die digitale Infrastruktur in Afrika sei besser ausgebaut als die im ländlichen Brandenburg. Jetzt wissen wir, weshalb Mateo Kries so gut informiert war in Sachen Afrika. Als große Sommerausstellung im Jahr 2015 wird das Vitra Design Museum den aktuellen kreativen Stand Afrikas unter die Lupe nehmen. Dazu werden Beispiele aus den Bereichen Bildende Kunst, Mode, Grafik, Architektur und Design gezeigt. “Making Africa” möchte zeigen, wie eine neue Generation von jungen Kreativen die Freiheit und Kraft der digitalen Technologie nutzt, um den Wandel im Afrika des 21. Jahrhunderts zu begleiten und anzustoßen.

“Making Africa: A Continent of Contemporary Design” ist im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein vom 14. März bis 13. September zu sehen.

Making Africa A Continent of Contemporary Design Vitra Design Museum

Vigilism, Idumota Market, Lagos 2081A.D. aus der Our Africa 2081A.D. Serie, Illustration für die I kiré Jones Heritage Menswear Collection, 2013 (Foto © mit freundlicher Genehmigung Olalekan (vigilism.com) und Walé Oyéjidé (ikirejones.com))

“Do It Yourself Design” im Museum für Gestaltung, Zürich, Schweiz

Was früher eine Verweigerung war, die Ablehnung sich helfen zu lassen, hat sich heute in einen Schlachtruf verwandelt. Do it yourself!

Sei es als Reaktion auf den Druck der zeitgenössischen Konsumgesellschaft, aus einer Sehnsucht nach Nachhaltigkeit heraus oder aufgrund steigender Selbstermächtigung durch die moderne, digitale Technologie, Do It Yourself infiltriert und dominiert zunehmend kulturelle und kreative Bereiche – eingeschlossen Design. Natürlich sind Do It Yourself und Design keine neuen Bekannten – die Geschichte des Designs ist durchtränkt mit “Do It Yourself”-Projekten. Die derzeitige Bewegung hat ihre Wurzeln allerdings nicht nur in absolut modernen Verhältnissen, die es wert wären genauer analysiert zu werden, sondern sie hat auch das Potential eine länger währende Veränderung anzustoßen als ihre Vorgänger. Mit den vier Bereichen “What is do it yourself?”,”Design for do it yourself”,”Consumer & Prosumer” und “Sustainability” will “Do It Yourself Design” einerseits den Hintergrund der derzeitigen Bewegung erforschen und zudem den Einfluss des “Do It Yourself”-Gedankens auf die Zukunft des Designs, der Designer und der Designindustrie untersuchen.

Entwickelt in Zusammenarbeit mit dem MAK Wien ist “Do It Yourself Design” eine aufgearbeitete, neu konzentrierte Version der Ausstellung “Nomadic Furniture 3.0. New Liberated Living” im MAK Wien aus dem Jahr 2013.

“Do it Yourself Design” wird am 20. März im Museum für Gestaltung – Schaudepot, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, CH-8005 Zürich eröffnet und ist dort bis Sonntag, den 31. Mai zu sehen.

Do It Yourself Design" at the Museum für Gestaltung, Zürich

Do It Yourself Design at the Museum für Gestaltung, Zürich (Image © ZHdK)

“IN-Possible by Alessi” im Design Museum Holon, Israel

Wie wir auf diesen Seiten schon berichtet haben, ist die Entwicklung eines Designprojekts häufig interessanter als letztlich das Produkt. Und die Entwicklung eines Designprojektes, das nicht in einem Produkt resultiert ist umso interessanter. Warum hat es nicht funktioniert? Wer hat das Projekt gestoppt? Wie weit war es gediehen? Hat es sich später in etwas anderes verwandelt? Als Teil einer Ausstellungsreihe zum 5. Geburtstag des Design Museums Holonwird die Institution 50 Projekte von Designern wie Ettore Sottsass, Phillipe Starck, Ronan and Erwan Bouroullec und Patricia Urquiola präsentieren, die für Alessi geplant, jedoch nie beendet wurden.

Bei einer gesponserten Ausstellung in Kooperation mit dem Alessi Museum rechnen wir nicht damit, dass sie sonderlich umfangreich ausfällt und denken mal, dass der Firmenbezug schwer wiegt. Wenn die Ausstellung allerdings bei den Gründen für den Abbruch der Projekte und den dafür Verantwortlichen ehrlich bleibt, könnte sie einige sehr interessante Einblicke in den Produktdesignprozess und die dazugehörige Industrie bieten – was wir sehr hoffen.

“IN-Possible by Alessi” ist vom 25. März bis 6. Juni im Design Museum Holon, Pinhas Eilon St. 8 Holon zu sehen.

"Cyclepedia, Iconic Bicycle Design" at Design Museum Holon, Israel

Design Museum Holon, Israel

“Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode” im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Auch auf das Risiko hin uns zu wiederholen und uns in immer neue Streitereien zu verwickeln: Fashion ist nicht Design! Und Styling ist nicht Design! Das heißt Fashion ist dem Produktdesign sehr nahe, insofern als die Kreationen produziert werden müssen. So wie die Bedingungen, unter denen die meisten Konsumprodukte hergestellt werden alles andere als fair und nachhaltig sind, so steht auch die Realität der Bekleidungsproduktion in krassem Gegensatz zum PR-kontrollierten Glamour der Kleider, die am Ende der Produktionskette stehen.

Jeder weiß, dass sich die Mehrheit der Konsumenten aktiv entscheidet, die Realität zu ignorieren, um die Freude an den neuen Kleidern nicht zu trüben. Mit Themen wie beispielsweise “Fashion und Opfer”, “Armut und Reichtum”, “neue Fasertechnologien” oder “Kleider und Chemikalien” will “Fast Fashion” im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Licht auf die dunklen Bereiche der Modeindustrie werfen. Neben dem Blick auf die derzeitige Situation verspricht “Fast Fashion” auch alternative Modelle und mögliche neue Modi der Modeindustrie vorzustellen.

“Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode” im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz 20099 läuft von Freitag, den 20. März bis Sonntag, den 20. September.

Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode at the Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Frauen zerschneiden Pullover, Jacken und Mäntel mit traditionellen Gemüsemessern (Foto © Tim Mitchell, 2005)

“Wien. Die Perle des Reiches. Planen für Hitler” im Architekturzentrum Wien, Österreich

Es ist weit bekannt und gut erforscht, dass Adolf Hitler plante, Berlin in die Welthauptstadt Germania zu verwandeln und die Macht, Autorität und Überlegenheit seiner Nazihorde durch monumentale Architektur und Stadtplanung hervorzuheben. Dass Hitler aber auch große Pläne für Wien hatte, ist weniger bekannt und sehr viel schlechter erforscht. Bis jetzt! “Wien. Die Perle des Reiches. Planen für Hitler” präsentiert bisher unveröffentlichte Pläne, Dokumente und Fotografien, die größtenteils aus dem Klaus Steiner Archiv stammen und im Jahr 2011 in den Besitz des Architekturzentrums Wien übergingen. Die Ausstellung will Hitlers Pläne für Groß-Wien offenlegen. So sollte Wien wohl die zweite Stadt des dritten Reiches, eine Art kulturelles Zentrum, wenn man so will zwischen Ost und West, werden und war als administrative Pforte zu Südeuropa geplant. Neben dem Blick auf Hitlers Pläne für Wien will die Ausstellung auch neue Sichtweisen auf die Rolle von Architektur und Stadtplanung in der Naziphilosophie und Propaganda liefern und fragen, warum die Jahre der Nazidiktatur bisher grundsätzlich in den Diskussionen über die Architekturgeschichte Wiens ausgelassen wurden.

“Wien. Die Perle des Reiches. Planen für Hitler” wird vom 19. März bis 18. August im Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien gezeigt.

Vienna The Pearl of the Reich. Planning for Hitler at the Architekturzentrum Wien

Bebauungsmodel für die Umgestaltung Wiens mit dem Gauforum und der “Baldue von Schirach Insel”, 1941 (Foto © Architekturzentrum Wien, Sammlung)

SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag at the Museum für Angewandte Kunst Köln

13. März 2015

Die Geschichte unserer Zivilisation ist in vielerlei Hinsicht eine Geschichte der Analyse von natürlichen Systemen, wie beispielsweise den Abläufen im Inneren des menschlichen Körpers, den Prinzipien der Evolution oder der Erforschung unseres Sonnensystems.

Jede Erforschung hat die Menschen weiter gebracht und wiederum neue Möglichkeiten eröffnet.

In ähnlicher Weise ist auch die Geschichte der Industrie und Ökonomie eine Geschichte von Menschen, die Systeme entwickelt haben.

Im Jahr 1895 gab William Painter, Chef der Firma Kron Crown Cork & Seal, King Camp Gilette den Rat, dass, wenn er reich werden wolle, er etwas erfinden sollte, das Menschen benutzen und danach wegschmeißen können. Das Resultat waren die wegwerfbare Sicherheitsrasierklinge und ein sehr sehr reicher King Camp Gillette.

Was William Painter eigentlich sagen wollte, war: “Wenn du reich werden willst, entwickele ein System”, denn gut designte Systeme waren und sind die Basis unserer modernen Industrie und eines der besten Beispiele für den Wert, den das Design dem traditionellen Handwerk und Ingenieurswesen bringt.

Auf der großen Frühlingsausstellung 2015 präsentiert das Museum für Angewandte Kunst Köln, MAKK, Systemdesign: “Über 100 Jahre Chaos im Alltag – System Design” ist eine Erforschung der Geschichte des Systemdesigns und der Vielzahl der aus ihr hervorgegangenen Systeme.

SYSTEM DESIGN Über 100 Jahre Chaos im Alltag at the Museum für Angewandte Kunst Köln

SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag im Museum für Angewandte Kunst Köln

Bevor man eine Ausstellung über Systemdesign organisieren kann, muss man natürlich in der Lage sein, Systeme in einem Designkontext zu definieren. Dem Kurator René Spitz zufolge ist ein System ” (…) eine menschengemachte Konstruktion, mit der wir Ordnung ins Chaos bringen. Auf diese Weise verknüpfen wir Dinge, die für uns zusammenhängen, sodass sie für uns Sinn ergeben.”

Das ist ein Verständnis von Systemen, das natürlich das Verbindungsstück – das verbindende Element – in den Mittelpunkt der Systeme rückt, oder besser gesagt Systeme auf ein grundlegendes Element reduziert, seien das King Camp Gillettes Sicherheitsrasierklinge, Fritz Hallers Verbindungskugel, die er für sein USM Haller Möbelsystem entwickelt hat, die Bankkarte als Knotenpunkt des globalen Bezahlsystems oder beispielsweise auch die Noppen der Legobausteine, durch die sich Lego von einer Sammlung schlichter, flacher Bausteine unterscheidet, die sich stapeln, aber nicht verbinden lassen.

Mit ungefähr 150 Objekten von 80 Designern, Firmen und Institutionen präsentiert “System Design” alles, was man in einer solchen Ausstellung zu finden hofft, darunter beispielsweise Wilhelm Wagenfelds Kubussystem aus Glasgefäßen, das Schweizer Armeemesser, eine Karte des Londoner U-Bahn-Netzes oder das String Regalsystem – all das aber neben einer überraschend großen Anzahl von Objekten, mit denen man vielleicht nicht gerechnet hätte: einer Nespresso Kapsel als universelles Verbindungsstück einer globalen Geschäftsidee, dem 10 mal 10 Film von Charles und Ray Eames mit seiner liebenswert simplen Darstellung natürlicher Systeme, die uns und die Welt zu dem machen, was wir sind, und Otl Aichers Richtlinien zur korrekten Nutzung seines Grafikdesigns für Olympia im Sommer 1972 in München und Kiel. Hier sind die Richtlinien selbst das Verbindungsstück – sie sorgen dafür, dass das System so funktioniert, wie Aicher es sich gedacht hatte.

Was es bekanntermaßen tat.

SYSTEM DESIGN Über 100 Jahre Chaos im Alltag at the Museum für Angewandte Kunst Köln Guidelines and Standards for the visual design otl aicher münchen 1972

Richtlinien und Standards für das Grafik Design von Olympia im Sommer 1972 von Otl Aicher, gesehen bei SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag, Museum für Angewandte Kunst Köln

Die meisten von uns denken vor allem an Möbelsysteme, wenn es um Designsysteme geht – für René Spitz haben Designsysteme aber eine viel weiter gefasste Geschichte: “Die Entwicklung der Ideen von Systemen lief parallel zu der des Designs – eine der wichtigsten Komponenten der Industrialisierung”, sagt er, “angefangen beispielsweise mit Peter Behrens und seiner Arbeit für AEG in den 1920er Jahren, bei der er sich bewusst daran machte, die verschiedenen Aspekte seines Grafik- und Produktdesigns und seiner Architektur in einer Einheit miteinander zu verbinden – sodass das System einen höheren Wert haben würde als die Summe der einzelnen Komponenten.” Mit Fortschreiten der Industrialisierung nahm auch die Anzahl und Vielfältigkeit der Designsysteme zu, vor allem die der Möbel- und Mediensysteme – Marcel Breuers Stahlrohrmöbel, das ESU System von Charles und Ray Eames und das dazugehörige “Eames House”, Ferdinand Kramers Möbel für das Stadtplanungsprogramm Neues Frankfurt oder das ADD System von Werner Aisslinger, um nur eine Handvoll der Möbelsysteme zu nennen, die in der Ausstellung gezeigt werden.

Die Postmoderne während der 1980er Jahre versuchte, die etablierte Logik der Systeme im Design aus ihrem Gleichgewicht zu bringen – nur dass sich Designideen nicht ohne weiteres umstoßen lassen; man kann ihnen nur neue Impulse geben. Und so hat sich die Entwicklung seit den 1990er Jahren fortgesetzt, wenn auch befreit von den früheren formalen Beschränkungen. Die logische Konsequenz ist, dass das Systemdesign der Industrie in das post-industrielle Zeitalter und unsere moderne Zeit gefolgt ist. Die digitalen Komponenten von Systemen und deren Verbindungselemente haben größtenteils aufgehört, konkrete Dinge zu sein, und sich stattdessen eher in abstrakte Konzepte verwandelt.

Die iTunes Software erlaubt es einem, den gleichen Song auf jeglicher Anzahl von Endgeräten abzuspielen. Aber wer versteht tatsächlich, wie das funktioniert? Mit Sicherheit sehr viel weniger als diejenigen, die verstehen, wie ein String Regalsystem funktioniert.

SYSTEM DESIGN Über 100 Jahre Chaos im Alltag at the Museum für Angewandte Kunst Köln String edition suhrkamp

Das String Regalsystem und eine Auswahl an Büchern aus der Edition Suhrkamp Palette, gesehen bei SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag, Museum für Angewandte Kunst Köln

Bedenkt man, dass es in der Ausstellung um Systeme und Design gehen soll, fällt auf, dass die Ausstellung selbst ziemlich unsystematisch – aber nicht chaotisch – aufgebaut ist.

“Eine solche Ausstellung chronologisch aufzubauen, macht keinen Sinn”, erklärt René Spitz, “und so haben wir uns stattdessen entschieden, alle Objekte gleich zu behandeln und haben einen sehr viel freieren Ansatz gewählt. Die Räume wurden überwiegend hinsichtlich des Raumes, der Dimensionen und der Lichtverhältnisse arrangiert.”

Das daraus resultierende Ausstellungsdesign ist etwas gewöhnungsbedürftig. In solchen Ausstellung ist man normalerweise an ein sehr strukturiertes Layout gewohnt, sei das in thematischer oder chronologischer Hinsicht. So steht man ein bißchen wie ein angehender Astronom an seinem ersten Abend da, der verlassen auf die endlosen, hellen Lichter am Himmel starrt und versucht, sich irgendwie zu orientieren. Trotz allem – beginnt man einmal seinen Weg  durch die drei Ausstellungsräume, ergibt sich automatisch eine gewisse Logik.

Und mit dieser Logik beginnt man auch zu verstehen, dass das, was ein jeder von uns als System versteht, von unserer individuellen Perspektive und Wahrnehmung abhängt. Systeme existieren in vielfältiger Form und sind nicht immer sofort als solche zu erkennen. Jedenfalls nicht ohne das notwendige Wissen. So werden beispielsweise viele sofort das Heckler & Koch HK G36 Maschinengewehr als ein Systemdesign begreifen, andere sehen wiederum nur ein Gewehr.

SYSTEM DESIGN Über 100 Jahre Chaos im Alltag at the Museum für Angewandte Kunst Köln Thonet

Marcel Breuer for Thonet, as seen at SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag, Museum für Angewandte Kunst Köln

Als wohl überlegte und realisierte Ausstellung präsentiert “System Design” eine interessante Mischung von Objekten und Genres und liefert die nötigen Hintergrundinformationen auf bündige und dennoch umfassende Art, damit auch jeder Besucher die Exponate als Systeme  verstehen kann. All das fehlt in anderen Ausstellungen häufig.

Was die Ausstellung auch sehr deutlich macht, ist, dass – der universalen Definition von René Spitz zum Trotz – der Begriff “System”, geht man ins Detail, ein sehr vages und abstraktes Konzept ist, das seine globale Definition mehr oder weniger verloren hat. Jedes System mag ein verbindendes Element benötigen, darüber hinaus gibt es allerdings keine Regeln.

Das macht die Ausstellung allerdings nicht weniger sehenswert. Ganz im Gegenteil: Dieses Verständnis zwingt einen vielmehr, die einen umgebenden Dinge im Detail zu untersuchen. Und je genauer wir hinsehen, umso mehr Designsysteme finden wir. Mehr und mehr Objekte des täglichen Lebens begreift man als Knotenpunkte in einem ökonomischen System – und so beginnt man automatisch, Designsysteme zu hinterfragen.

Letzendlich begreift man so auch, dass Designsysteme im Gegensatz zu natürlichen Systemen konfiguriert, umgestaltet und optimiert werden können.

“SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag” ist im Museum für Angewandte Kunst, An der Rechtschule, 50667 Köln bis zum Sonntag, den 7. Juni zu sehen.

Alle Details sind unter www.makk.de zu finden.

Passagen Köln 2015: Die Metamorphose des Lagerfeuers im Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach

11. März 2015

Während die alte Weisheit “Du bist, was du isst.” gar nicht zutreffen kann, da wir so ja aus einem Haufen Bier und Chips bestünden, liegt doch viel Wahrheit in der Annahme, dass man so ist wie man kocht.

Die Entwicklung des Kochens basiert größtenteils auf individuellen kulturellen Rahmenbedingungen. Die Art und Weise beispielsweise, mit der Nahrungsmittel zubereitet und gekocht werden, variiert von Region zu Region, und ganz egal wie weit sich eine Gesellschaft technologisch auch entwickeln mag, das Kochen bleibt, so glauben wir, größtenteils von diesen Veränderungen unberührt. Die “Kochsysteme” werden sich zwar weiterentwickeln und verändern, aber der eigentliche Kochprozess wird grundsätzlich der gleiche bleiben.

Die älteste Methode zu kochen ist die über offenem Feuer. Ein System, das in vielfacher Hinsicht ein Teil der menschlichen Psyche und eine Methode ist, die wohl nicht verbessert werden kann. Die allerdings auch eine Methode ist, die nicht kompatibel mit der modernen Art zu wohnen ist.

Im Kontext eines von Professor Wolfgang Laubersheimer organisierten Semesterprojektes wurden Studenten der Köln International School of Design, kurz KISD, aufgefordert, ein “Update” für das offene Feuer zu machen. Die Resultate sind derzeit in einer Ausstellung im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen.

Die Metamorphose des Lagerfeuers Villa Zanders

Die Metamorphose des Lagerfeuers im Kunstmuseum Villa Zanders

Mit 11 Projekten von 21 Studenten umfasst “Die Metamorphose des Lagerfeuers” eine sehr schöne  Vielfalt von Antworten auf das vorgegebene Thema, die von praktischen über theoretische bis hin zu empirischen Ansätzen reicht.

Uns ist wie immer klar, dass es sich um eine Ausstellung von Studenten und nicht um einen Schönheitswettbewerb handelt; allerdings stach für uns das eine oder andere Projekt besonders heraus.

Transacess Kitchen von Kentaro Morita verfügt über drei flügelförmige Einheiten, die jeweils auf einem Fuß fixiert stehen. Jede Einheit kann um 360 Grad gedreht werden, sodass ein kompletter Kreis, drei individuelle Tische oder jede Kombination dazwischen gebildet werden können. Zudem hat jeder der Stützpfeiler eine Funktion: ein Spülbecken, ein Kocher und ein Kühlschrank. Besonders interessant ist, dass das Projekt die Küche von der räumlichen Küche ablöst und die Küche stattdessen zur Anlaufstelle macht. Normalerweise stehen Küchen fest und werden durch die Form des Raumes definiert, in dem sie sich befinden. Folglich bestimmt die Form des Raumes über die Form der Küche und die Art und Weise, wie wir die Küche benutzen. Transacess Kitchen ignoriert die Räumlichkeiten und befreit  den Nutzer so von derlei Beschränkungen, was wirklich großartig ist.

Origami Kitchen von Lara Liese, Larissa Richter, Franziska Severin und Jacqueline Staiger besitzt ein ähnliches Konzept. Das heißt bei der Küche handelt es sich um eine faltbare, zusammenklappbare Küche, bei der der Nutzer bestimmen kann, wie sie den Raum füllt. Allerdings haben wir uns gefragt, warum sie “zusammengepackt” werden muss, wenn doch eigentlich Platz für sie ist. Wir verstehen, dass man die Küche so verstauen kann, wenn sie nicht gebraucht wird, nur werden Küchen so nicht benutzt. Küchen sind rund um die Uhr in Gebrauch. Und so wird Origami Kitchen unweigerlich immer aufgefaltet bleiben. Wo ein solches Prinzip von Nutzen sein könnte, wäre im Bereich mobiler Küchen oder wenn es darum geht, schnelle Unterkünfte in Krisengebieten aufzubauen. Mehrere solcher Einheiten könnten zusammengefaltet auf Paletten in betroffene Gebiete geschickt und dann in provisorischen Unterkünften auseinander gefaltet werden. Natürlich müsste man über die Ausstattung nachdenken – fließend Wasser und Elektrizität sind wahrscheinlich nicht verfügbar – aber als Hilfe bei der Organisation von Notunterkünften wäre die Origami Kitchen sicher sehr hilfreich.

Die Metamorphose des Lagerfeuers Villa Zanders Transacess Kitchen Kentaro Morita

Transacess Kitchen von Kentaro Morita, gesehen bei Die Metamorphose des Lagerfeuers, Villa Zanders

Als Küche, in der jede Kochaktivität einen sportlichen Akt mit sich zieht – der Schlag auf einen Punchball schaltet beispielsweise den Herd ein, während Kräuter an elastischen Seilen befestigt sind, die man wie bei einem Expander ziehen muss, um an den Inhalt zu kommen – könnte man Fit Cuisine von Jana Dreyer und Pia Marie Stute eher als ironischen Kommentar zu modernen Lifestyles denn als einen Beitrag zu einer ausbalancierten Verbindung von Sport, gesunder Ernährung, Diät und dem Sitzen vor dem Computer verstehen. Allerdings steckt in dem Projekt unserer Meinung nach wirklich ein besonderer Wert. Wenn auch in den meisten Situationen völlig unpraktisch und unnötig, wäre ein solches Konzept, das Kochen mit regelmäßigen, leichten Übungen verbindet, in einem Altersheim oder einer Rehabilitationseinrichtung wirklich etwas, worüber man nachdenken könnte.

Während wir von Maria Del Arino Bellos Tischsystem Mosis zwar grundsätzlich sehr angetan waren, wird es wohl niemals funktionieren, Dinge in Schubladen zu platzieren, die man ausziehen muss, um sie benutzen zu können. Was uns wirklich beeindruckt hat, war, wie die Tischbeine genutzt werden, um die Anschlüsse hin und wieder weg zu führen. Ja, das bedeutet zwar, dass der Tisch nicht verrückt werden kann, aber will man einen solchen Tisch ja auch nicht unbedingt umstellen. Und in diesem Fall ist Marias Lösung absolut sinnvoll.

Die Metamorphose des Lagerfeuers Villa Zanders Vertical Garden Felix Ahn Paul Guddat Hassan Kaya Christoph Laszig

Vertical Garden von Felix Ahn, Paul Guddat, Hassan Kaya und Christoph Laszig, gesehen bei Die Metamorphose des Lagerfeuers, Villa Zanders

Wir haben in diesem Blog schon oft beklagt, dass, auch wenn wir schon viele sich selbst tragende Indoor-Gartensysteme gesehen haben, von denen viele technisch sehr ausgeklügelt waren, uns noch keines begegnet ist, bei dem uns die visuelle Umsetzung gefiel, oder das in praktischer Hinsicht Sinn gemacht hätte. Vertical Garden von Felix Ahn, Paul Guddat, Hassan Kaya und Christoph Laszig ist da vielleicht der beste Indoorgarten, den wir bisher gesehen haben. Visuell eine vollständige Struktur, die sich nach oben hin jedoch nicht pyramidenartig verjüngt, umfasst das System ein in sich geschlossenes Bewässerungssystem und eine eingebaute, flexible Lichtquelle. Man könnte das System natürlich vor das Südfenster der Küche oder die Veranda stellen … aber da die Mehrheit über dergleichen wohl nicht verfügt und stattdessen mit grundsätzlich eher schlechten Lichtverhältnissen in der Küche kämpfen muss, ist eine variable und mobile Lichtquelle absolut sinnvoll.

Ansonsten ist auch Block von Jan Lukas und Paul Peeters eine schöne Idee – in ästhetischer Hinsicht nicht gerade ein Objekt, mit dem man uns beeindrucken kann, aber die Idee und viele Details der Ausstattung sind sehr durchdacht und sprechen für ein gutes Gespür in Sachen Logik; Native Cooking (Samoan Umu) von Anabel Setefano ist eine schöne Feuerschale, die auf dem traditionellen Samoan-Feuer basiert, das nie ausgeht; Gunfire von Patrick Bieschinski bietet eine schöne Herangehensweise an das Lagerfeuer, oder ein Feuer in der Tonne, und ist vielleicht etwas für alle, die in unserer modernen Welt zwar Zugang zu Gas, aber nicht zu Feuerholz haben; Daniel Slowes & Lizbeth Arce Pasqualli erforschen die olfaktorischen Aspekte des Kochens mit dem Projekt Smellmory; Angelia Igorevna Knayazeva befasst sich bei The Audible Kitchen mit dem Akustischen; und Carsten in der Elst geht ziemlich elementarer Designforschung nach und fragt, wie man das beste Spiegelei zubereitet.

Die Metamorphose des Lagerfeuers Villa Zanders Native Cooking Samoan Umu Annabel Setefano

Native Cooking (Samoan Umu) von Annabel Setefano, gesehen bei Die Metamorphose des Lagerfeuers, Villa Zanders

Da es sich um ein studentisches Semesterprojekt handelt, ging es bei “Die Metamorphosen des Lagerfeuers” nicht darum, echte Küchen zu entwickeln, sondern um die Frage, wie man sich einem Thema nähert, und die Art und Weise, mit der die Studenten ihre Projekte entwickeln.

Wir können nicht sagen, wie zufriedenstellend sie das gemacht haben, aber wir waren wirklich sehr entzückt, dass das eine oder andere Projekt eine sehr brauchbare Lösung hervorgebracht hat.

Was der Ausstellung grundsätzlich gelingt, ist, deutlich zu machen, wie wenig es eigentlich bedarf, um etwas kochen zu können, und wie simpel Küchen daher aufgebaut sein können. Hat man das einmal verstanden, stellt sich automatisch die Frage, warum beim Küchendesign so viele von uns auf den mittelmäßigen Standard der Küchenindustrie aus sind. Die Einfachheit des Kochens erlaubt uns grenzenlose Freiheit beim Design und dem Gebrauch unserer Küchen. Wir benötigen nicht viel, nur muss das Wenige richtig platziert sein und in eine Form gebracht werden, die so logisch wie unkompliziert ist. Die Küche ist also ein Ort, mit dem man sehr kreativ umgehen kann.

In mehrfacher Hinsicht macht einen die Ausstellung “Die Metamorphosen des Lagerfeuers” ärgerlich darüber, dass man diese Freiheit nicht besser zu nutzen weiß.

“Die Metamorphosen des Lagerfeuers” ist eine begleitende Ausstellung zu “Topf und Deckel – Villa Zanders Erforschung der künstlerischen Interpretationen des Kochens”, u.a. mit Arbeiten von Käthe Kollwitz, Alexander Coosemans, Frank Burkhardt und Tobias Hantmann.

Beide Ausstellungen, “Die Metamorphosen des Lagerfeuers” und “Topf und Deckel” sind noch bis 8. März in der Villa Zander am Konrad-Adenauer-Platz 8, 51465 Bergisch Gladbach zu sehen.

Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2014: Die Gewinner

05. März 2015

Unter den regionalen deutschen Designpreisen hat vor allem der Bayerische Designpreis eine besondere Bedeutung, da er ausschließlich an junge Designtalente vergeben wird.

Der im Jahr 1987 eingeführte Bayerische Staatspreis für Nachwuchsdesigner ist zudem, soweit wir wissen, der einzige Designpreis überhaupt, der auch in einer Kategorie namens “Gestaltendes Handwerk” einen Preis vergibt. Die Einbeziehung einer solchen Kategorie weist ohne Frage auf die Stärke des traditionellen Handwerks in Bayern hin. Zudem auch auf die Stärke kleiner und mittlerer bayrischer Unternehmen, die stark auf die Zusammenarbeit mit spezialisierten Händlern angewiesen sind.

Ganz egal aber aus welchem Grund es diese Kategorie geben mag, wir finden es wichtig, dass so nicht nur die Unterschiede zwischen Design und Handwerk betont werden, sondern dass gleichermaßen deutlich wird, welch enge und wechselseitige Beziehung zwischen Design und Handwerk besteht.

Der zweite Gewinner in der Kategorie Gestaltendes Handwerk war 1988 kein geringerer als Konstantin Grcic. Im Jahr 2002 erhielt dann sein ehemaliger Assistent Stefan Diez den Anerkennungspreis. In jüngerer Vergangenheit wurden überwiegend Designer und Goldschmiede ausgezeichnet, darunter 2010 die in der Nähe von München ansässige und in Melbourne geborene Schmuckdesignerin Laura Deakin und 2012 die Schmuckdesignerin Carina Chitsaz-Shoshtary.

Im Jahr 2014 vergab der Wettbewerb zwei Preise, einen davon an die Absolventin der Akademie der Bildenden Künste München Barbara Schrobenhauser für ihr Projekt “Eine Zeitlang”, das eine Reihe von Papiergefäßen umfasst, die so angefertigt wurden, dass sie wie Stein aussehen, und den zweiten an den Gewinner des “DMY Berlin 2013 Young Talents”-Preises Phillip Weber für sein Projekt “Strange Symphony”,  für das er neue Formen für Glasblasestangen entwickelt hat, darunter drei individuell steuerbare Rohre, die den Glasbläsern eine ganz neue Welt an Möglichkeiten eröffnen.

Besonders gefreut hat uns, dass Nils Holger Moormann als Jurymitglied den Preis von Philip Weber präsentierte. Moormann pries den experimentellen und verspielten Ansatz an, mit dem Weber sein Projekt entwickelt hat. Außerdem wie ordentlich und akkurat seine Bewerbungsunterlagen waren. Ein guter Hinweis also für alle, die an einem Wettbewerb teilnehmen möchten, bei dem Moormann in der Jury sitzt, bzw. für alle, die Moormann direkt ein Design vorschlagen möchten.

Neben dem Preis für Gestaltendes Handwerk wurde der Bayerische Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2014 in den Kategorien Industriedesign, Kommunikationsdesign, Modedesign, Textildesign und Interior Design vergeben. Den Preis für Interior Design hat Markus Kurkowski für sein Wohnwagenkonzept “Beyond” erhalten, ein Projekt, das schon den AED Neuland Designpreis 2013 erhielt.

Einen Preis wie den Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner zu gewinnen, bringt nicht gleich automatisch Erfolg, Ruhm und Glück mit sich. Sogar Konstantin Grcic hat nach der Preisverleihung 8 Jahre bis zur Lancierung seiner ersten Produkte für Authentics und SCP gebraucht.

Allerdings zeigt der Preis wohl, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet.

Wir werden bald noch mehr zu dem einen oder anderen Gewinner berichten – fürs erste aber erstmal die Preisträger. Gratulation an alle!!!

Und solltet ihr in den kommenden Wochen in München sein: eine Ausstellung mit den Gewinnern, den Anerkennungen und Nominierten ist im Foyer des BMW Museums, Am Olympiapark 2, 808009 München noch bis Sonntag, den 15. März zu sehen.

Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2014: die Gewinner

Industriedesign:

Lisa Reichardt – MIMA, ein Minimalinvasiver Beobachtungsassistent für Imker.

Ivo Wawer – TIO Diving System

Kommunikationsdesign:

Marina Widmann – Späher, New perspectives in visual perception

Interior Design:

Markus Kurkowski – Beyond, Wohnwagenkonzept

Modedesign:

Sara Kadesch – Conquest of Nature

Textildesign:

Nicole Kiersz – Reduce Material Waste

Gestaltendes Handwerk:

Barbara Schrobenhauser – Eine Zeitlang

Philipp Weber – Strange Symphony

Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2014 Winners Honorary Recognitions Jury

Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2014: Winners, Honorary Recognitions & Jury

IMM Cologne 2015: Müller Möbelfabrikation

03. März 2015

Entgegen der verbreiteten Annahme ist Veränderung eigentlich immer besser als eine Pause. Denn während man nach einer Pause einfach wieder den gleichen Acker bestellt, bringt Veränderung immer neue Erfahrungen und eine großartige, belebende Unsicherheit sowie die offene Frage mit sich, wohin der Weg wohl führen mag.

Nach fast 18 Jahren der Produktion erfrischend individueller Objekte aus Stahlblech, also wirklich allein aus Stahlblech, ließ sich der in Augsburg ansässige Hersteller Müller Möbelfabrikation bereits 2014 auf einen Flirt mit Holz ein, wobei das Stack Sideboardsystem rauskam. Das war erst mal nichts Ernstes … nur ein paar Eichebretter und -türen, verteilt auf das bekannte Stahlblech.

Jedoch fraglos etwas Neues!

Auf der IMM Cologne 2015 präsentierte Müller Möbelfabrikation die logische Konsequenz dieses zu Beginn eher diskreten Flirts: Objekte, bei denen Holz Stahl dominiert, dabei vor allem die Sekretäre PS 03 und PS 04 vom Hamburger Designstudio Kressel + Schelle.

Grundsätzlich gleiche Designs, ist der PS 03 zur Befestigung an der Wand gedacht, während der PS 04 aufgebockt wird. Beide Objekte kombinieren mühelos eine Arbeitsfläche aus massiver Eiche mit einem Stahlrahmen. Dank des gut proportionierten und durchdachten Designs sind beide Sekretäre außerdem elegante, simple und dennoch sehr raffinierte Objekte.

Und während sich die Ästhetik verändert haben mag, bleibt der Fokus auf Benutzerfreundlichkeit und praktische Funktionalität  weitestgehend unverändert. Beide Sekretäre sind beispielsweise optional mit einem Ablagekasten und einem Elektronikkasten ausgestattet. Ersterer bietet eine einfache Schublade zur Lagerung, Letzterer beinhaltet eine Mehrfachsteckdose und einen cleveren Kabelordner.

Wir sind seit langem leidenschaftliche Anhänger der sachlichen Stahlblechmöbel von Müller Möbelfabrikation und des singulären Ansatzes. Und um ehrlich zu sein, wollten wir eigentlich nie, dass sich bei den Augsburgern etwas ändert. Aber die auf beruhigende Art und Weise vertraute Machart, mit der Müller Möbelfabrikation Holz in sein Programm integriert und die neue Dimension, die das Holz den Produkten verleiht, zeigt ganz klar, dass es sich bei Müller Möbelfabrikation um einen Hersteller handelt, der nicht nur sein Handwerk versteht, sondern der auch ein Gefühl dafür hat, inwieweit Veränderungen notwendig sind und wie diese ausfallen sollten.

All das macht uns natürlich umso neugieriger auf den nächsten Schritt der Müller Möbelfabrikation.

IMM Cologne 2015 Müller Möbelfabrikation PS 04 Kressel + Schelle

PS 04 von Kressel + Schelle für Müller Möbelfabrikation. Im Hintergrund der PS 03 – die an der Wand anzubringende Version.

Neben der Präsentation des PS 03 und des PS 04 nutzte Müller Möbelfabrikation die IMM Cologne 2015 auch, um das modulare Möbelsystem Modular von Jan Armgardt vorzustellen. Oder besser gesagt, um das modulare Möbelsystem erneut zu lancieren.

Ursprünglich wurde das Möbelsystem 2014 auf der IMM Cologne präsentiert, doch Müller Möbelfabrikation und Jan Armgardt haben das System zwischenzeitlich erweitert – die Komponenten gibt es jetzt in zwei Höhen und vier Tiefen. Zudem werden eine freistehende Version sowie eine Variante für die Wand angeboten. Darüber hinaus, und das ist vielleicht am wichtigsten, gibt es eine Reihe von optionalen Schubladen, Schrank- und Regaloptionen, darunter auch neue Eicheelemente. So besteht also die Möglichkeit einzelne Elemente nach individuellen Bedürfnissen zusammenzustellen.

Und auch wenn das eher eine Frage des Stylings ist und keine direkte Veränderung des Designs bedeutet, waren wir sehr beeindruckt von den neuen RAL “Pearl Colours”. Die neuen Farben sind metallischer und glänzender als die bekannten RAL-Farben und rücken Möbel wie Delphin Designs V44 Beistelltisch oder Wendelin Müllers RW 106 Rollcontainer nochmal in ein ganz neues Licht.

Wie schon so oft gesagt, auch wenn Müller Möbelfabrikation seine Sache sehr gut macht – und zwar mit einem hohem Grad an Professionalität und einem fast schon angeborenen Gespür für die zu erfüllenden Anforderungen – ist Müller Möbelfabrikation keine Firma, die jemals etwas wirklich Revolutionäres hervorbringen wird.

Aber warum sollten sie das auch?

Sagte nicht der revolutionäre Leo Tolstoy: “Jeder möchte die Welt verändern, aber keiner denkt daran sich selbst zu verändern.”

Müller Möbelfabrikation hat sich selbst verändert …

Einige Eindrücke davon gibt es hier:

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig

27. Februar 2015

Zu den eher arroganten Charakteristikum von uns Stadtbewohnern gehört die (eingebildete) kulturelle und kreative Überlegenheit gegenüber der Landbevölkerung.

Ein Zustand, der wohl größtenteils mit der inselartigen, selbstbezogenen Art des Stadtlebens und dem daraus folgenden Glauben zusammenhängt, dass nur ein urbanes Umfeld mit seiner speziellen Mischung aus Einflüssen und Ritualen die kulturelle Evolution voranbringen könne.

Und diesem Zustand wird durch die aktuellen technologischen, demografischen, ökonomischen und politischen Veränderungen nur wenig Abhilfe geschaffen. Deren weitreichende Konsequenzen betreffen nicht nur das tägliche Leben in ländlichen Gemeinschaften und die besonderen Herausforderungen für deren Bewohner, sondern beeinflussen auch, wie wir Stadtbewohner die Probleme des Landes verstehen und wahrnehmen.

Dass ländliche Gemeinschaften allerdings ebenso kreative Orte mit großem Potential wie unsere Städte sind, lässt sich jetzt in der Ausstellung bzw. dem Projekt “International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort” von und mit der Künstlergruppe Myvillages in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig entdecken. Zudem erfährt man, dass künstlerische Interventionen nicht nur ländliche Gemeinschaften stärken können, sondern dass solche Projekte auch beim überheblichsten Stadtbewohner dazu führen, ein besseres Verständnis für die Wichtigkeit, die Essenz und die Vitalität ländlicher Regionen zu entwickeln.

Myvillages International Village Show  Alle Dörfer an einem Ort Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig

Die 2003 von den deutschen Künstlerinnen Kathrin Böhm und Antje Schiffers mit ihrer dänischen Kollegin Wapke Feenstra gegründete Künstlergruppe Myvillages entstand aus einer grundlegenden Beobachtung: “Eines Tages”, erklärt Kathrin Böhm, “realisierten wir, dass, obwohl wir alle drei in ländlichen Regionen aufgewachsen sind, wir alle in Städten leben und fast schon exklusiv nur in und mit der Stadt arbeiten. Daraufhin haben wir begonnen darüber nachzudenken, welche Gründe das hat – warum wir automatisch immer den urbanen dem ländlichen Raum vorgezogen haben.”

Im ersten Teil dieser Reflexion untersuchten alle drei ihre eigenen Heimatdörfer und Gemeinden in einem künstlerischen Kontext, bevor sie dann 2005 die sogenannte “Village Convention” organisierten – ein zweitägiges Event in Ditchling an Englands Südküste, bei dem Künstler aus Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark, Österreich, Deutschland und Spanien über “kontextuelle Kunst in ländlichen Regionen” diskutierten. Für Kathrin Böhm war der Anstoß für “Village Convention” so offensichtlich wie notwendig: “Es gibt viele Menschen in ländlichen Gebieten, die sehr interessante Kunst herstellen, nur leider schlecht vernetzt und deshalb kaum sichtbar sind.” Das Projekt Myvillages war ein erster Versuch beides zu verbessern,

Während des letzten Jahrzehnts ist Myvillages einerseits weiter der Aufgabe nachgegangen, ländliche Gemeinschaften miteinander zu verbinden, und hat außerdem dabei geholfen die Beziehungen zwischen Stadt und Land zu pflegen. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Ausstellungen, Workshops und längerfristigere Projekte veranstaltet, wie beispielsweise die sogenannte “Bibliobox”, ein fahrendes Archiv mit kontextueller Kunst. Hinzu kommen Projekte mit stärkerem sozialen, ländlichen Fokus, wie “I like being a farmer and I like to stay one”, ein Videoprojekt, in dem Landwirte aus ganz Europa ihren Alltag vorstellen, oder “Former Farmland”, das die Geschichten hinter Ländereien dokumentiert, die einst landwirtschaftlich genutzt wurden und jetzt kommerziell bzw. als Wohnfläche genutzt werden, bis hin zu Projekten eher angewandter Natur, darunter “International Village Shop” – wie der Name bereits vermuten lässt, werden hier Produkte verkauft, die von internationalen Dorfgemeinschaften in Kooperation mit Myvillages entwickelt wurden, und die kurz- oder längerfristig an verschiedenen Orten weltweit auftauchen. Die jüngste Manifestation des “International Village Shops” war auch zu einer zentralen Komponente der Ausstellung “International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort” in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig geworden.

International Village Show Alle Dörfer an einem Ort at Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig

Ein Projekt so ambitioniert wie interessant: Während der kommenden zwei Jahre wird “The International Village Show” 16 Dorfgemeinschaften, d.h. jeweils zwei gleichzeitig über drei Monate, im GfZK Gartenhaus präsentieren. Mit kulturell und geografisch so unterschiedlichen Dörfern wie beispielsweise Ballykinler, Nordirland, Deer Trail, Colorado oder Yang Deng, China versucht “The International Village Show” einerseits eine Auswahl globaler Projekte vorzustellen, bei denen Myvillages involviert ist, und andererseits ländliche Gemeinschaften auf einer Plattform mit einander zu verbinden und so eine Debatte, einen Austausch und neue Ideen anzustoßen.

Die ersten beiden präsentierten Dörfer sind Höfen, Bayern und Ekumfi-Ekrawfo, Ghana. Neben der Vorstellung der Dörfer und ihrer Bewohner durch eine Serie von Workshops, Veranstaltungen und Filmen werden bei der Ausstellung auch zwei neue Produkte vorgestellt, die von den Gemeinschaften realisiert wurden: ein Tischtuchdesign aus Spitze, hergestellt von den “Höfer Frauen”, und eine Fufu-Schale aus Ekumfi-Ekrawfo.

Abgesehen von der Präsentation der 16 Dörfer aus aller Welt gehören auch zahlreiche Projekte mit einem lokalen Schwerpunkt zur “International Village Show”, darunter ein Forschungsprojekt, das die regionale Geologie visualisieren möchte, und ein Projekt mit Schülern der evangelischen Schule in Großbardau, bei dem die Kinder Möbel für öffentliche Räume entworfen haben, die im kommenden Sommer im GfZK Garten präsentiert und genutzt werden sollen.

Myvillages International Village Show  Alle Dörfer an einem Ort Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig International Shop

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. The International Village Shop (Foto: Kathrin Böhm, Myvillages)

Trotz Myvillages Interesse an ländlichen Regionen sollten die Projekte Kathrin Böhm zufolge nicht zwangsläufig als pro-ländlich verstanden werden. “Wir möchten weder zwischen ländlichen und urbanen Regionen polarisieren noch das ländliche Idyll romantisieren”, erklärt sie, “es geht uns mehr um eine Beobachtung und Beschreibung der sich konstant verändernden Situation. Es gibt einen regelmäßigen und breiten Diskurs über das Urbane, auf ländliche Gebiete trifft das hingegen nur kaum zu. Beginnt man allerdings einmal über Gemeinschaften auf dem Land zu sprechen, haben interessanter Weise plötzlich eine Menge Leute viel zu sagen. Allerdings gibt es nur sehr wenige öffentliche Foren, in denen ein Diskurs über den ländlichen Raum geführt werden kann.”

Alle, die also Teil eines neuen Diskurses über die Landgesellschaft sein möchten oder sich einfach für zeitgenössische Beiträge zur Realität eines Lebens auf dem Land interessieren, seien während der kommenden 24 Monate herzlich in die Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Straße 9-11, 04107 Leipzig eingeladen.

Die einzelnen Projekte und sämtliche Details sind im Internet zu finden:

www.gfzk-leipzig.de

http://myvillages.org

http://internationalvillageshow.myvillages.org

Myvillages International Village Show  Alle Dörfer an einem Ort Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig Lace

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort. Spitzentischdecke von den Höfer Frauen. (Foto: Kathrin Böhm, Myvillages)

IMM Cologne 2015: Richard Lampert

25. Februar 2015

Der im Jahr 1993 mit Schwerpunkt auf die Produktion der Designs von Egon Eiermann, dabei vor allem der Neuauflage des Eiermann Tischgestells von 1953, gegründete Stuttgarter Möbelhersteller Richard Lampert hat sich in den vergangenen 20 Jahren ganz leise zu einem der markantesten und eigenwilligsten Möbelproduzenten Deutschlands entwickelt. Zudem zu einem Hersteller mit einem Portfolio, das mühelos zeitgenössisches Design mit älteren, etablierten Objekten zusammenbringt – und das teilweise sogar in ein und demselben Objekt.

IMM Cologne 2015 Richard Lampert

IMM Cologne 2015: Richard Lampert

Richard Lamperts Stand auf der IMM Cologne 2015 ließ einen auf den ersten Blick erst einmal an eine fantastische, überraschende Reise in ein merkwürdiges und unbekanntes Universum denken. Am Stand angekommen, merkte man aber, dass es doch vor allem um eine Etablierung und Verdichtung der bekannten Kollektion ging. Richard Lampert stand also doch noch mit beiden Beinen auf dem Boden.

Das ist keineswegs als Kritik zu verstehen – ganz im Gegenteil! Möbelhersteller sollten nicht ständig neue Linien oder Kollektionen lancieren, sondern auch einfach mal weiterentwickeln, was schon da ist und die Menschen so ermutigen, ihre Möbel zu behalten; nicht zuletzt weil bei den Kunden so ein Verhalten angeregt wird, das in sozialer und ökologischer Hinsicht verantwortungsvoller ist.

Und was könnte besser für einen solchen “erhaltenden Geist” stehen als Kindermöbel, die mit dem Kind mitwachsen.

Auf der IMM Cologne 2011 stellte Lampert die Kindermöbelkollektion “Kids Only” vor, wozu u.a. das sogenannte Famille Garage System von Alexander Seifried gehörte. Zu Beginn in der Funktion eines Wickeltisches mit separat erhältlichen Kunststoffboxen zum organisierten Verstauen unterhalb der Wickelauflage, kann die Famille Garage in einen Kindertisch verwandelt werden, hat sich das Problem mit den Windeln einmal erledigt. Auf der IMM Cologne 2015 enthüllten Richard Lampert und Alexander Seifried nun eine Erweiterung der Famille Garage, und zwar in Form eines in Höhe, Länge und Form verstellbaren Gitterbettes. Wächst das Kind, kann die Matratze nach unten versetzt werden, sodass es theoretisch unmöglich ist, aus dem Gitterbett zu steigen. Sollte das Rausklettern schließlich doch kein Problem mehr sein, kann das Gitterbett wiederum in ein Kinderbett verwandelt werden, das sich mit zunehmendem Kindesalter erweitern lässt. Daneben hat Lampert den original Famille Garage Wickeltisch um optionale große Schubfächer erweitert, sodass man das System auch von der bunten, chaotischen Kinderwelt hin zur strukturierteren Erwachsenenästhetik entwickeln kann.

Darüber hinaus waren wir sehr begeistert von der neuen soliden Eicheausführung des Milla Bartischs, den Lampert ursprünglich in MDF auf der IMM Cologne 2014 vorgestellt hat, und dem neuen Mr Round Hocker, der eine wirklich gelungene Ergänzung des Lampert Portfolios darstellt und auch für sich genommen ein erfreuliches Produkt ist. Allerdings, und das passt gut zum Ursprung der Firma, stand eine der für uns erfreulichsten Neuheiten wieder in Zusammenhang mit Egon Eiermann. Im Jahr 2013 präsentierte Richard Lampert das sogenannte Frame Regal von Alexander Seifried, ein Regalsystem, das das klassische Eiermann Regal, ursprünglich von Eiermann 1932 für die Ausstellung “Das wachsende Haus” entworfen, übernimmt und ihm sozusagen einen Rahmen gibt. Als logische Erweiterung des Systems hat Alexander Seifried eine Reihe von modularen Schubladeneinheiten entwickelt, die individuell mit dem Eiermann Regal und dem Frame Regal kombiniert werden können und so auf kluge Weise ein simples Regalsystem erweitern.

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Eiermann Regal Frame Boxes Alexander Seifried

Eiermann Regal von Egon Eiermann und Frame Boxes von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Mono Step Stool Steffen Kehrle Papaver Somniverum Alexander Seifried

Mono Step Stool von Steffen Kehrle und Papaver Somniverum von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Famille Garage Alexander Seifried

Famille Garage von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Famille Garage Cot

Famille Garage Gitterbett von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015