International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig

27. Februar 2015

Zu den eher arroganten Charakteristikum von uns Stadtbewohnern gehört die (eingebildete) kulturelle und kreative Überlegenheit gegenüber der Landbevölkerung.

Ein Zustand, der wohl größtenteils mit der inselartigen, selbstbezogenen Art des Stadtlebens und dem daraus folgenden Glauben zusammenhängt, dass nur ein urbanes Umfeld mit seiner speziellen Mischung aus Einflüssen und Ritualen die kulturelle Evolution voranbringen könne.

Und diesem Zustand wird durch die aktuellen technologischen, demografischen, ökonomischen und politischen Veränderungen nur wenig Abhilfe geschaffen. Deren weitreichende Konsequenzen betreffen nicht nur das tägliche Leben in ländlichen Gemeinschaften und die besonderen Herausforderungen für deren Bewohner, sondern beeinflussen auch, wie wir Stadtbewohner die Probleme des Landes verstehen und wahrnehmen.

Dass ländliche Gemeinschaften allerdings ebenso kreative Orte mit großem Potential wie unsere Städte sind, lässt sich jetzt in der Ausstellung bzw. dem Projekt “International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort” von und mit der Künstlergruppe Myvillages in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig entdecken. Zudem erfährt man, dass künstlerische Interventionen nicht nur ländliche Gemeinschaften stärken können, sondern dass solche Projekte auch beim überheblichsten Stadtbewohner dazu führen, ein besseres Verständnis für die Wichtigkeit, die Essenz und die Vitalität ländlicher Regionen zu entwickeln.

Myvillages International Village Show  Alle Dörfer an einem Ort Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig

Die 2003 von den deutschen Künstlerinnen Kathrin Böhm und Antje Schiffers mit ihrer dänischen Kollegin Wapke Feenstra gegründete Künstlergruppe Myvillages entstand aus einer grundlegenden Beobachtung: “Eines Tages”, erklärt Kathrin Böhm, “realisierten wir, dass, obwohl wir alle drei in ländlichen Regionen aufgewachsen sind, wir alle in Städten leben und fast schon exklusiv nur in und mit der Stadt arbeiten. Daraufhin haben wir begonnen darüber nachzudenken, welche Gründe das hat – warum wir automatisch immer den urbanen dem ländlichen Raum vorgezogen haben.”

Im ersten Teil dieser Reflexion untersuchten alle drei ihre eigenen Heimatdörfer und Gemeinden in einem künstlerischen Kontext, bevor sie dann 2005 die sogenannte “Village Convention” organisierten – ein zweitägiges Event in Ditchling an Englands Südküste, bei dem Künstler aus Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark, Österreich, Deutschland und Spanien über “kontextuelle Kunst in ländlichen Regionen” diskutierten. Für Kathrin Böhm war der Anstoß für “Village Convention” so offensichtlich wie notwendig: “Es gibt viele Menschen in ländlichen Gebieten, die sehr interessante Kunst herstellen, nur leider schlecht vernetzt und deshalb kaum sichtbar sind.” Das Projekt Myvillages war ein erster Versuch beides zu verbessern,

Während des letzten Jahrzehnts ist Myvillages einerseits weiter der Aufgabe nachgegangen, ländliche Gemeinschaften miteinander zu verbinden, und hat außerdem dabei geholfen die Beziehungen zwischen Stadt und Land zu pflegen. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Ausstellungen, Workshops und längerfristigere Projekte veranstaltet, wie beispielsweise die sogenannte “Bibliobox”, ein fahrendes Archiv mit kontextueller Kunst. Hinzu kommen Projekte mit stärkerem sozialen, ländlichen Fokus, wie “I like being a farmer and I like to stay one”, ein Videoprojekt, in dem Landwirte aus ganz Europa ihren Alltag vorstellen, oder “Former Farmland”, das die Geschichten hinter Ländereien dokumentiert, die einst landwirtschaftlich genutzt wurden und jetzt kommerziell bzw. als Wohnfläche genutzt werden, bis hin zu Projekten eher angewandter Natur, darunter “International Village Shop” – wie der Name bereits vermuten lässt, werden hier Produkte verkauft, die von internationalen Dorfgemeinschaften in Kooperation mit Myvillages entwickelt wurden, und die kurz- oder längerfristig an verschiedenen Orten weltweit auftauchen. Die jüngste Manifestation des “International Village Shops” war auch zu einer zentralen Komponente der Ausstellung “International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort” in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig geworden.

International Village Show Alle Dörfer an einem Ort at Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig

Ein Projekt so ambitioniert wie interessant: Während der kommenden zwei Jahre wird “The International Village Show” 16 Dorfgemeinschaften, d.h. jeweils zwei gleichzeitig über drei Monate, im GfZK Gartenhaus präsentieren. Mit kulturell und geografisch so unterschiedlichen Dörfern wie beispielsweise Ballykinler, Nordirland, Deer Trail, Colorado oder Yang Deng, China versucht “The International Village Show” einerseits eine Auswahl globaler Projekte vorzustellen, bei denen Myvillages involviert ist, und andererseits ländliche Gemeinschaften auf einer Plattform mit einander zu verbinden und so eine Debatte, einen Austausch und neue Ideen anzustoßen.

Die ersten beiden präsentierten Dörfer sind Höfen, Bayern und Ekumfi-Ekrawfo, Ghana. Neben der Vorstellung der Dörfer und ihrer Bewohner durch eine Serie von Workshops, Veranstaltungen und Filmen werden bei der Ausstellung auch zwei neue Produkte vorgestellt, die von den Gemeinschaften realisiert wurden: ein Tischtuchdesign aus Spitze, hergestellt von den “Höfer Frauen”, und eine Fufu-Schale aus Ekumfi-Ekrawfo.

Abgesehen von der Präsentation der 16 Dörfer aus aller Welt gehören auch zahlreiche Projekte mit einem lokalen Schwerpunkt zur “International Village Show”, darunter ein Forschungsprojekt, das die regionale Geologie visualisieren möchte, und ein Projekt mit Schülern der evangelischen Schule in Großbardau, bei dem die Kinder Möbel für öffentliche Räume entworfen haben, die im kommenden Sommer im GfZK Garten präsentiert und genutzt werden sollen.

Myvillages International Village Show  Alle Dörfer an einem Ort Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig International Shop

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. The International Village Shop (Foto: Kathrin Böhm, Myvillages)

Trotz Myvillages Interesse an ländlichen Regionen sollten die Projekte Kathrin Böhm zufolge nicht zwangsläufig als pro-ländlich verstanden werden. “Wir möchten weder zwischen ländlichen und urbanen Regionen polarisieren noch das ländliche Idyll romantisieren”, erklärt sie, “es geht uns mehr um eine Beobachtung und Beschreibung der sich konstant verändernden Situation. Es gibt einen regelmäßigen und breiten Diskurs über das Urbane, auf ländliche Gebiete trifft das hingegen nur kaum zu. Beginnt man allerdings einmal über Gemeinschaften auf dem Land zu sprechen, haben interessanter Weise plötzlich eine Menge Leute viel zu sagen. Allerdings gibt es nur sehr wenige öffentliche Foren, in denen ein Diskurs über den ländlichen Raum geführt werden kann.”

Alle, die also Teil eines neuen Diskurses über die Landgesellschaft sein möchten oder sich einfach für zeitgenössische Beiträge zur Realität eines Lebens auf dem Land interessieren, seien während der kommenden 24 Monate herzlich in die Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Straße 9-11, 04107 Leipzig eingeladen.

Die einzelnen Projekte und sämtliche Details sind im Internet zu finden:

www.gfzk-leipzig.de

http://myvillages.org

http://internationalvillageshow.myvillages.org

Myvillages International Village Show  Alle Dörfer an einem Ort Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig Lace

International Village Show – Alle Dörfer an einem Ort. Spitzentischdecke von den Höfer Frauen. (Foto: Kathrin Böhm, Myvillages)

IMM Cologne 2015: Richard Lampert

25. Februar 2015

Der im Jahr 1993 mit Schwerpunkt auf die Produktion der Designs von Egon Eiermann, dabei vor allem der Neuauflage des Eiermann Tischgestells von 1953, gegründete Stuttgarter Möbelhersteller Richard Lampert hat sich in den vergangenen 20 Jahren ganz leise zu einem der markantesten und eigenwilligsten Möbelproduzenten Deutschlands entwickelt. Zudem zu einem Hersteller mit einem Portfolio, das mühelos zeitgenössisches Design mit älteren, etablierten Objekten zusammenbringt – und das teilweise sogar in ein und demselben Objekt.

IMM Cologne 2015 Richard Lampert

IMM Cologne 2015: Richard Lampert

Richard Lamperts Stand auf der IMM Cologne 2015 ließ einen auf den ersten Blick erst einmal an eine fantastische, überraschende Reise in ein merkwürdiges und unbekanntes Universum denken. Am Stand angekommen, merkte man aber, dass es doch vor allem um eine Etablierung und Verdichtung der bekannten Kollektion ging. Richard Lampert stand also doch noch mit beiden Beinen auf dem Boden.

Das ist keineswegs als Kritik zu verstehen – ganz im Gegenteil! Möbelhersteller sollten nicht ständig neue Linien oder Kollektionen lancieren, sondern auch einfach mal weiterentwickeln, was schon da ist und die Menschen so ermutigen, ihre Möbel zu behalten; nicht zuletzt weil bei den Kunden so ein Verhalten angeregt wird, das in sozialer und ökologischer Hinsicht verantwortungsvoller ist.

Und was könnte besser für einen solchen “erhaltenden Geist” stehen als Kindermöbel, die mit dem Kind mitwachsen.

Auf der IMM Cologne 2011 stellte Lampert die Kindermöbelkollektion “Kids Only” vor, wozu u.a. das sogenannte Famille Garage System von Alexander Seifried gehörte. Zu Beginn in der Funktion eines Wickeltisches mit separat erhältlichen Kunststoffboxen zum organisierten Verstauen unterhalb der Wickelauflage, kann die Famille Garage in einen Kindertisch verwandelt werden, hat sich das Problem mit den Windeln einmal erledigt. Auf der IMM Cologne 2015 enthüllten Richard Lampert und Alexander Seifried nun eine Erweiterung der Famille Garage, und zwar in Form eines in Höhe, Länge und Form verstellbaren Gitterbettes. Wächst das Kind, kann die Matratze nach unten versetzt werden, sodass es theoretisch unmöglich ist, aus dem Gitterbett zu steigen. Sollte das Rausklettern schließlich doch kein Problem mehr sein, kann das Gitterbett wiederum in ein Kinderbett verwandelt werden, das sich mit zunehmendem Kindesalter erweitern lässt. Daneben hat Lampert den original Famille Garage Wickeltisch um optionale große Schubfächer erweitert, sodass man das System auch von der bunten, chaotischen Kinderwelt hin zur strukturierteren Erwachsenenästhetik entwickeln kann.

Darüber hinaus waren wir sehr begeistert von der neuen soliden Eicheausführung des Milla Bartischs, den Lampert ursprünglich in MDF auf der IMM Cologne 2014 vorgestellt hat, und dem neuen Mr Round Hocker, der eine wirklich gelungene Ergänzung des Lampert Portfolios darstellt und auch für sich genommen ein erfreuliches Produkt ist. Allerdings, und das passt gut zum Ursprung der Firma, stand eine der für uns erfreulichsten Neuheiten wieder in Zusammenhang mit Egon Eiermann. Im Jahr 2013 präsentierte Richard Lampert das sogenannte Frame Regal von Alexander Seifried, ein Regalsystem, das das klassische Eiermann Regal, ursprünglich von Eiermann 1932 für die Ausstellung “Das wachsende Haus” entworfen, übernimmt und ihm sozusagen einen Rahmen gibt. Als logische Erweiterung des Systems hat Alexander Seifried eine Reihe von modularen Schubladeneinheiten entwickelt, die individuell mit dem Eiermann Regal und dem Frame Regal kombiniert werden können und so auf kluge Weise ein simples Regalsystem erweitern.

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Eiermann Regal Frame Boxes Alexander Seifried

Eiermann Regal von Egon Eiermann und Frame Boxes von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Mono Step Stool Steffen Kehrle Papaver Somniverum Alexander Seifried

Mono Step Stool von Steffen Kehrle und Papaver Somniverum von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Famille Garage Alexander Seifried

Famille Garage von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

IMM Cologne 2015 Richard Lampert Famille Garage Cot

Famille Garage Gitterbett von Alexander Seifried über Richard Lampert, gesehen auf der IMM Cologne 2015

smow liest 2015 präsentiert: Thomas Thiemeyer, Rainer Metzger & Martin Burckhardt

23. Februar 2015

Am Donnerstag, den 12. März, wird zum 24. Mal das größte europäische Lesefestival, Leipzig liest, eröffnet – und damit auch die 13. Ausgabe von smows größtem Lesefestival, nämlich smow liest.

Wie auch bei den vergangenen 12 Veranstaltungen werden bei smow liest 2015 drei ausgesuchte Autoren inmitten des kultivierten, wenn auch etwas industriellen Charmes des smow Showrooms in der Leipziger Innenstadt ihr neuestes Werk präsentieren.

Den Anfang von smow liest 2015 macht am 12. März der Stuttgarter Thomas Thiemeyer mit “Devils River”. Den Autor durfte man bereits  2014 mit seinem Roman “Valhalla” auf der Bühne von smow liest erleben. Während “Valhalla” den Hintergrund einer archäologischen Ausgrabung in Spitzbergen hatte, ist “Devils River” im Kanada des 18. Jahrhunderts angesiedelt und erzählt die Geschichte von … naja, das wird Thomas Thiemeyer wohl selbst erzählen wollen.

Freitag, der 13. mag manchen Unglück bringen – für Fans von historischen Romanen und urbanen Entwicklungen verspricht Freitag, der 13. März allerdings ein Glückstag zu werden. Dann präsentiert Rainer Metzger nämlich seinen neuesten Roman “Die Stadt”, in dem er die Entwicklung der Stadt von der Antike bis zu unseren modernen Megacitys zurückverfolgt. Dazu lässt Rainer Metzger 12 historische Figuren eine Führung durch ihre jeweilige Stadt und Epoche machen. Angefangen bei Sokrates im antiken Athen, führt der Roman z. B. mit Mozart durch das Wien des 18. Jahrhunderts, mit Mascha Kaleko durch das Berlin während des Krieges, mit Lina Bo Bardi zwischen Wolkenkratzern und Elfenbeintürmen durch São Paulo in den 1950er Jahren und endet mit Bodys Isek Kingelez im heutigen Kinshasa. So verspricht das Buch einmalige Einblicke und Perspektiven in und auf die lange Entwicklung hin zu unseren heutigen Metropolen.

Der smow Lesesalon 2015 endet am Samstag, den 14. März, mit dem futuristischen Sozial-Fantasy-Roman “Score” von Martin Burckhardt. Ein Buch, das, wenn man so will, Rainer Metzgers “Die Stadt” theoretisch auf ein nächstes Level hebt und ein Szenario entwirft, in dem Geld, Krankheit, Gewalt, Ungerechtigkeit, Umweltverschmutzung, Regierungen und das ganze Verderben einer Gesellschaft abgeschafft wurden und alles gut, friedlich und einfach ist. Jedenfalls für die wenigen Auserwählten … Für alle anderen ist das Leben härter, brutaler, wahlloser und hoffnungsloser denn je.

Alle smow liest Lesungen beginnen um 20 Uhr im Showroom von smow Leipzig, Burgplatz 2, 04109 Leipzig. Der Eintritt ist frei, rechtzeitiges Erscheinen lohnt sich jedoch, um sicher einen Sitzplatz zu ergattern.

Und bei smow Leipzig gibt es, wie man sich denken kann, ausnahmslos Designerstühle und besonders schöne Bücherregale, in denen die neuesten Buchkäufe wunderbar verstaut werden können.

“Devils River” von Thomas Thiemeyer erscheint bei Knaur HC, München. “Die Stadt” von Rainer Mezger beim Christian Brandstätter Verlag, Wien und “Score” von Martin Burckhardt im Knaus Verlag, München.

smow liest leipzig Devils River Thomas Thiemeyer Knaur HC MünchenDevils River von Thomas Thiemeyer (Knaur HC, München)

smow liest leipzig Die Stadt Rainer Metzger Christian Brandstätter Verlag WienDie Stadt von Rainer Metzger (Christian Brandstätter Verlag, Wien)

smow liest leipzig Score Martin Burckhardt Knaus Verlag MünchenScore von Martin Burckhardt
(Knaus Verlag, München)

IMM Cologne 2015: Thonet

13. Februar 2015

Mit einem bestimmten Alter und Hintergrund weiß man einfach, was ein Roland TR-808 Drumcomputer ist … Aber für all jene, die das nicht tun: Im Jahr 1980 war der Roland TR-808 einer der ersten programmierbaren Drumcomputer, und nahm als solches wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der elektronischen Musik der 1980er Jahre. Berüchtigt wurde er vor allem dafür, dass er sich so gar nicht wie Trommeln oder ein wirkliches Schlagzeug anhörte. Folglich wurde er aufgrund seiner akustischen Mängel, auch wenn diese weltweit gewürdigt wurden, nur drei Jahre produziert, bevor man ihn durch Drumcomputer ersetzte, die sich nach echten Trommeln anhörten.

Wir fühlten uns sehr an die Geschichte des TR-808 erinnert, als wir die ersten Pressefotos des neuen Thonet 808 Lounge Sessel zu sehen bekamen. Und um ehrlich zu sein, hatten wir so unsere Zweifel.

Formal erinnert er sehr an viele skandinavische Lounge Sessel der späten 50er, frühen 60er Jahre und auf den ersten Blick hatten wir  den Eindruck, dass der Thonet Lounge Sessel – so wie der TR-808, der ja alles kann, was ein Drumcomputer können muss, nur eben sehr schlecht – zwar wie ein Lounge Sessel aussieht, als solcher aber nicht funktionieren würde.

Doch wie sich herausstellte, waren all diese Befürchtungen unbegründet. Der für Thonet vom bayrischen Designstudio Formstelle a.k.a. Claudia Kleine und Jörg Kürschner entworfene 808 Lounge Sessel ist nicht nur ein außergewöhnlich komfortabler Sessel, sondern hat auch eine sehr viel wärmere, persönlichere Aura, als man von den Fotos her annehmen könnte.

Der 808 Lounge Sessel steht auf einem Kunststoffgehäuse und gibt eine beeindruckend schlanke, elegante Figur ab, während die Ohren ein gewisses Gefühl von Abgeschiedenheit vermitteln, ohne dabei vom Rest des Raumes abzuschotten. Wir nehmen an, dass der Sessel, sollte man in ihm einschlafen, auch den Kopf sehr gut stützt.

IMM Cologne 2015 Thonet 808 Lounge Chair Formstelle

IMM Cologne 2015: Thonet 808 Lounge Sessel von Formstelle

Ein wirklich sehr schön konstruierter und intelligent geformter Sessel ist Thonets 808. Das einzige befremdliche Detail war für uns der Lederklöppel, der aus dem Sitz hervorragt. Wir dachten, es handele sich dabei um eine Art Schleudersitzreißleine und waren etwas argwöhnisch, als uns einer vom Thonet Design Team anbot, es doch mal auszuprobieren. (Wir kennen den bösartigen Humor, den sie in Frankenberg pflegen.)

Allerdings … jung ist man nur einmal! Wir sind es nicht mehr und haben deshalb nichts zu verlieren, haben es also einfach ausprobiert. Der Lederklöppel aktiviert den Rückneigemechanismus, oder besser gesagt den Synchronisationsmechanismus: der Sitz hebt sich leicht, während die Rückenlehne kippt und der Sitzkomfort beibehalten wird. Zugegebenermaßen haben wir etwas gebraucht, bis wir den Dreh raus hatten, waren dann allerdings ziemlich beeindruckt. Nicht nur wegen der Gleichmäßigkeit der Bewegung, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass durch die Kordel unansehnliche Hebel überflüssig werden.

Genauso interessant wie der Sessel selbst ist vielleicht der Fakt, dass er nur ein Teil einer ganzen Kollektion von Polstermöbeln ist, die Thonet in den kommenden Monaten lancieren wird. Wie wir ja alle wissen, produziert Thonet sehr schöne, reduzierte und schlichte Bugholz- und Stahlrohrmöbel, jedoch nicht unbedingt Polstermöbel, die da mithalten könnten. Offenbar will Thonet das jetzt ändern.

Man könnte und sollte vielleicht infrage stellen, warum Thonet es nötig hat, in den Markt für Polstermöbel einzusteigen. Dass sie dies allerdings im Rahmen eines abgestimmten Programms machen, und nicht einfach auf einzelne Produkte setzten, ist wiederum zu begrüßen. Uns wurden vier weitere Produkte für die Messe in Mailand im April versprochen … Wir halten euch auf dem Laufenden!

Neben der Präsentation des Lounge Sessels 808 nutzte Thonet die IMM Cologne, um die neuen Ausführungen der Bugholzklassiker 209, 214, 215 und 233 in Esche vorzustellen. Esche hat im Gegensatz zum traditionellen Buchenholz eine offenere, ausdrucksstärkere Oberfläche und verfügt nicht über die dunklen Verfärbungen wie sie bei Buchenholz typisch sind. So betont Esche die natürliche Schönheit des Holzes ganz besonders. Als Teil der Thonet “Pure Materials”-Kollektion sind die Stühle jetzt auch mit Lederpolster erhältlich.

Einige Eindrücke vom Thonet Stand auf der IMM Cologne 2015 gibt es hier:

IMM Cologne 2015 Thonet relax

Nach einem harten Tag im Thonet 808 Lounge Sessel von Formstelle entspannen

IMM Cologne 2015 Thonet Pure Materials

IMM Cologne 2015: Thonet - Pure Materials

IMM Cologne 2015 Thonet coloured bentwood

Die farbenfrohe Welt der Thonet Bugholzmöbel

IMM Cologne 2015 Thonet 808 Formstelle

IMM Cologne 2015: Thonet 808 Lounge Sessel von Formstelle

smow Interview: Nils Holger Moormann – Wir brauchen dringend eine neue Revolution!

12. Februar 2015

In unserem Post zur Ausstellung “Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre” im Bröhan Museum Berlin haben wir festgehalten, welche beiden Hinterlassenschaften der Bewegung “Neues deutsches Design” aus den 1980er Jahren für uns am bedeutendsten sind. Dazu gehört einmal die hohe Anzahl an Protagonisten aus dieser Zeit, die heute an deutschen Designschulen unterrichten, und zum anderen die Möbelhersteller, die aus dem Dunstschleier dieser Periode hervorgegangen sind. Einer dieser Hersteller ist Nils Holger Moormann.

Gegründet wurde das Unternehmen in den frühen 1980er Jahren vom gelangweilten, ansonsten aber aufrechten Jurastudenten Nils Holger Moormann, der einige jugendliche Erfahrungen im Bereich Design gesammelt hatte. Die gleichnamige Firma hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten so entwickelt, dass man sie heute getrost zu den interessantesten und anspruchsvollsten europäischen Möbelherstellern der Gegenwart zählen kann.

Auf der Ambiente Messe 2015 wird Nils Holger Moormann vom Rat für Formgebung der “Personality”-Preis für sein Lebenswerk verliehen. Zwar scheint unsere Skepsis, was Designpreise, und vor allem Preise für Lebenswerke, angeht, unumstößlich zu sein, aber die Verbindung aus Preisverleihung und Ausstellung bietet in diesem Fall den besten Vorwand, um einmal mit Nils Holger Moormann über Möbeldesign und die Möbelindustrie von damals, heute und der Zukunft zu sprechen. Begonnen haben wir unser Gespräch jedoch mit der Frage, wie Nils Holger Moormann denn überhaupt seinen Weg zum Möbeldesign fand …

Nils Holger Moormann: Reiner Zufall. Ich studierte 8 Semester Jura und hatte nicht sonderlich Freude daran. Dann, wie so oft, auf Umwegen und über Bekannte, wurde ich mit der Welt des zeitgenössischen Designs vertraut und fing sofort Feuer. Es gab schreckliche Sachen und fantastische, Hightech-Kreationen, Bauhaus und eher traditionelle Möbel, gemischt mit Arbeiten, die aus jedem Rahmen fielen. All das fand ich hochspannend. Ich verstand nicht wirklich etwas davon, aber ein abenteuerlicher Geist und das Gefühl von Freiheit erlaubten es auch Leuten ohne relevante akademische Ausbildung oder professionellen Hintergrund sich einzubringen und einfach durch Learning by Doing den eigenen Weg zu finden.

smow Blog: Hast du so etwas wie eine bestimmte Szene wahrgenommen oder wie hast du die Situation erlebt?

Nils Holger Moormann: Eine Szene als solche habe ich nicht bewusst wahrgenommen. Es gab eine relativ kleine, informelle Gruppe, von der man ein loser Teil war. Man traf Leute, von denen man irgendwohin eingeladen wurde, traf dort neue Leute, erfuhr, was sie so machten, und hörte wiederum von neuen Designern. Für mich war das ein großes Fest mit unzähligen Überraschungen: alles war möglich, man hat gestaunt, sich gewundert, nichts verstanden und hatte einfach das Gefühl, Teil von etwas Neuem und Lebendigem zu sein.

smow Blog: Da du ja nun über das Neue deutsche Design zum Design gefunden hast – bedeutet das auch, dass du kein Interesse an eher funktionalem Design hattest, beispielsweise an der sogenannten Guten Form, die bis dahin das deutsche Design ja sehr dominiert hat?

Nils Holger Moormann: Nein, absolut nicht. Für mich war dieses Neue deutsche Design wunderbar schrill und bizarr. Man war sich bewusst, dass man eine Revolution anstieß. Mich interessierte aber grundsätzlich ein reduziertes Design, das einen zusätzlichen Wert hatte. Design, dem eine Idee zugrunde liegt, die meine Fantasie in Schwung bringt. Und auch wenn ich mich wirklich oft in schrille und abgefahrene Objekte verlieben könnte, könnte ich mich doch nur für eher zurückhaltendes Design einsetzen.

smow Blog: Hast du damals auch selbst designt?

Nils Holger Moormann: Anfänglich nein. Ich sah mich selbst eher als Händler, fuhr durch Deutschland und Europa und traf Designer und Architekten, die ihre Designs selbst produzierten, um für sie den Vertrieb zu übernehmen. Die Idee war, so etwas wie ein Verleger für besondere Büchern zu sein.

smow Blog: Das einzige Objekt aus der Anfangszeit, das bei dir noch immer in Produktion ist, ist das Gespannte Regal von Wolfgang Laubersheimer. Das einzige “besondere Buch”, das den Lauf der Zeit überlebt hat? Oder anders gefragt, warum hat gerade dieses Regal überlebt?

Nils Holger Moormann: Im Hinblick auf diese Zeit ist das Gespannte Regal grundsätzlich eines von ein paar wenigen Stücken, die noch produziert werden. Das Gespannte Regal ist eines der Stücke, die mich vom ersten Moment an fasziniert haben: eine instabile Konstruktion, die sich selbst nicht tragen kann, die dann aber durch ein einfaches Drahtseil ihre Spannung, Stabilität und Funktion erhält. Das Regal ist nicht nur genauso frisch und relevant wie damals, sondern steht auch nach wie vor für unsere Philosophie.

smow Blog: Das wirft die Frage auf, ob heute überhaupt noch irgendetwas vom damaligen Geist in der aktuellen deutschen Möbelindustrie zu finden ist.

Nils Holger Moormann: Leider nicht. Das war ein Aufbegehren und eine Revolution, eine komplette Durchmischung und der Versuch eines Neuanfangs. Aber das ist Geschichte und wir befinden uns heute in einer Situation, die größtenteils von der Industrie bestimmt wird. Viele der aktuellen Hersteller haben nicht einmal Besitzer, sondern sind nur Teil von größeren Konzernen und existieren eigentlichen nur, um Gewinne abzuwerfen. Das führt dazu, dass alle Möbel, die angeboten werden, gleich aussehen. Alles ist sehr homogen geworden.

Mal ganz böse gesagt: Würde man nachts auf die IMM Cologne gehen und die Möbel durcheinander bringen, die Möbel eines Stands an einen anderen stellen, würde das wohl nicht mal jemand bemerken. Das ist wirklich Schade, weil es bedeutet, dass Esprit, Neugier und Sehnsucht einfach fehlen! Manchmal habe ich den Eindruck, die einzige echte Leidenschaft besteht darin verkäufliche Produkte herzustellen. Und so geht es nicht weiter. Natürlich muss man erstmal das Glück haben, Profit zu machen und finanzielle Stabilität zu erlangen, aber man muss auch nach neuen Ideen und neuen Ansätzen suchen; und meiner Meinung nach passiert das derzeit viel zu selten. Es gibt zu wenig Aufbegehren, zu wenige Versuche etwas Neues zu probieren, selbst wenn einem klar sein sollte, dass es möglicherweise nicht funktionieren wird. Meiner Meinung nach brauchen wir dringend eine neue Revolution!

smow Blog: Brauchen wir, aber wird die auch kommen?

Nils Holger Moormann: Ich bin grundsätzlich sehr positiv eingestellt und denke, sie wird kommen. Nicht zuletzt weil die jungen Designer heutzutage alles selbst in die Hände nehmen müssen, und so gezwungen sind neue Wege, Lösungen und neue Systeme zu entwickeln. Und wie in den achtziger Jahren wird sich durch diese Suche das Aufbegehren entwickeln!

smow Blog: Wir haben allerdings den Eindruck, dass der Geist von damals nach wie vor eine Menge von dem, was du bist und wie du vorgehst, ausmacht?

Nils Holger Moormann: Gott sei Dank! Der Moment, an dem die jugendliche Suche, die Neugier und die Leidenschaft aufhören, ist der Moment, an dem du pragmatisch wirst und anfängst Dinge auf einem rein ökonomischen Level zu optimieren. Vor dem finanziellen Teil muss aber immer eine Erforschung, Esprit und Leidenschaft stehen.

Nils Holger Moormann

Nils Holger Moormann. Designer. Unternehmer. Verleger. (Photo ©Dirk Bruniecki)

Schrill Bizarr Brachial Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre Bröhan Museum Berlin Pentagon Wolfgang Laubersheimer Detlef Meyer Voggenreither

Gespannte Regal von Wolfgang Laubersheimer (l.)) und Mai '68 von Detlef Meyer Voggenreither, @ Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre, Bröhan Museum Berlin

Passagen Köln 2015: Objects in Between

03. Februar 2015

Was das Produktdesign und dabei vor allem das Möbeldesign angeht, neigen die meisten Menschen dazu, Produkte und Objekte zu kategorisieren: Tisch, Stuhl, Lampe, Teekanne etc. … Und das obwohl wir Produkte häufig auch auf andere Art als gedacht nutzen. So wird der Stuhl zur provisorischen Leiter, das Weinglas zum Kerzenständer oder der Kugelschreiber notdürftig zum Messer umfunktioniert.

Warum sollte ein Produkt auch nur eine Funktion haben?

Kann ein Produkt nicht auch zwei oder mehrere Funktionen erfüllen, ohne dass sich das nachteilig auf Form und Nutzbarkeit auswirkt? Wären wir wirklich so furchtbar irritiert von Produkten, die über mehr als nur eine Funktion verfügen?

Solche Überlegungen waren der Ausgangspunkt von Karoline Fesser, Kai Linke & Thomas Schnur für die Ausstellung “Objects in Between” nach den Erfolgen “Objects for the Neighbour” 2013 und “Objects and the Factory” 2014. Wieder wurde eine Auswahl junger internationaler Designer eingeladen, um eine Arbeit rund um das Thema “Objects in Between” zu entwickeln. Die Resultate ihrer Überlegungen sind jetzt in einer sehr fesselnden Ausstellung in Köln zu sehen.

Wie immer bei den “Objects-Projekten” sollten die Designer das Thema frei interpretieren – und wie immer taten sie das auch.

Einige der Designer, darunter Karoline Fesser mit ihrem Projekt Hide, Thomas Schnur mit Station oder Miriam Aust und Sebastian Amelung a.k.a. Aust & Amelung mit ihrem bezeichnenderweise “Tisch und Schale” genannten Projekt, haben Objekte entwickelt, die bewusst darauf setzen, verschiedene Funktionen in einem Objekt zu vereinen und es dabei so reduziert und unauffällig wie möglich aussehen zu lassen.

Andere, wie Kai Linke mit seinem Projekt T(ubo), Torsten Neeland mit VOID oder Meike Langer mit Assemblage, haben einen, wie man sagen könnte, eher theoretischen Ansatz gewählt und sich thematisch mit Objekten zwischen Sitzen und Liegen, zwischen zwei Glaswänden und zwischen Design und Architektur beschäftigt.

Ansonsten schwebt Laura Strassers Projekt Porcelain Butler mit seiner schalenartigen Tischplatte sehr schön zwischen Tisch und Geschirr, Amaury Poudrays Wood and Wool zwischen Funktionalität und Dekor sowie Handwerk und Design, während Joa Herrenknecht mit den Beistelltischen Mars und Pluto Objekte entworfen hat, bei denen Kupfer- und Silbergewebe in bzw. zwischen Acrylglas eingeschlossen sind und so eine fast schon textile Oberfläche bzw. einen Textileffekt evozieren.

Begleitet werden die ausgestellten Möbelobjekte von einer sehr schönen Fotoserie von Sven Lützenkirchen, die Lobbys von Apartmenthäusern zeigen – Orte, die sich natürlich genau zwischen draußen und drinnen befinden.

Was vor allem an der Verbindung von Fotografien und Objekten so spannend ist, ist, dass man auf den ersten Blick davon ausgeht, auf den Fotografien die Objekte der Ausstellung zu finden. Man denkt, die Fotografien seien nur ein Teil der Präsentation. Ist einem der Irrtum erst einmal aufgefallen, denkt man sich “okay, aber die Möbel könnte ich mir gut an solchen Orten vorstellen”. Das zeigt uns, wie ausgereift die ausgestellten Objekte schon sind, obwohl sie sich größtenteils noch in der Entwicklungsphase befinden.

Mal abgesehen von der individuellen Qualität des einen oder anderen Objekts, ist an “Objects in Between” vor allem so erfreulich, dass man versteht, dass Produktdesign nicht das Ziel haben muss, ein Produkt für eine bestimmte Kategorie zu entwickeln, sondern auch für eine bestimmte Funktion oder einen bestimmten Raum gedacht sein kann – selbst wenn dieses Ansinnen am Ende unterschlagen wird.

“Objects in Between” ist bis Sonntag, den 25. Januar in der Körnerstraße 48, 50823 Köln zu sehen. Alle Infos zur Ausstellung sind  unter http://objectsinbetween.com zu finden.

Passagen Köln 2015: A&W Designer of the Year 2015 – Michele De Lucchi. Die Ausstellung.

28. Januar 2015

Normalerweise scheuen wir uns ja eher vor “Designer of the Year”-Preisverleihungen. Die Auszeichnung des “Designer of the Year” durch das deutsche Architektur- und Designmagazin A&W gehört allerdings immer zu den Höhepunkten auf dem Passagen Designfestival in Köln.

Das hängt damit zusammen, dass der Wettbewerb immer in einer kompakten und dennoch informativen Ausstellung des jeweiligen Künstlers mündet. In einer Ausstellung, die vielleicht nie wirklich unabhängig oder kritisch ist, aber immer einen zugänglichen Überblick über die Arbeit des jeweiligen Designers bietet.

Nach Patricia Urquiola im Jahr 2012, Ronan & Erwan Bouroullec 2013 und Werner Aisslinger 2014 ist in diesem Jahr Michele De Lucchi der A&W Designer of the Year.

Passagen Cologne 2015 A&W Designer of the Year 2015 Michele De Lucchi The Exhibition

A&W Designer of the Year 2015 - Michele De Lucchi. Die Ausstellung

Der 1951 in Ferrara, Italien geborene Michele De Lucchi studierte in Ferrara und Florenz, bevor er 1976 sein erstes Architekturbüro in Florenz eröffnete. Im Jahr 1977 zog De Lucchi nach Mailand um, wo er schnell zu einem der führenden Protagonisten der experimentellen Design- und Architekturszene wurde, die sich dort während der 1980er Jahre entwickelte, und die nach wie vor in verschiedener Hinsicht Mailands Ruf als eines der wichtigsten Architektur- und Designzentren Europas bestimmt.

Seit Beginn seiner Karriere arbeitete Michele De Lucchi stets sowohl als Architekt als auch als Designer und definierte sich nie als nur eines von beidem. In dem Sinne wurde laut Michele De Lucchi auch die Ausstellung in Köln konzipiert, “… um zu zeigen, dass Design und Architektur gar nicht so weit voneinander entfernt sind und dass die Inspiration für beides derselben Quelle entstammt.”

So umfasst die Kölner Ausstellung eine Mischung aus neueren Architekturprojekten, wie der Friedensbrücke in Tiflis, Georgien, der Jakobskapelle in Fischbachau, Bayern, dem Il Tronco Bürogebäude in Pforzheim und den sogenannten Pavillon Zero, der momentan in Mailand für die bevorstehende Expo 2015 gebaut wird; außerdem Designprojekte, wie beispielsweise den Bisonte Stuhl für De Lucchis eigene Marke Produzione Privata und die Lampe Tolomeo Tavolo für Artemide.

Jedes Projekt wird von einem kurzen Text von De Lucchi begleitet, in dem De Lucchi etwas zum Hintergrund und zum Konzept des Projekts sagt. So hat der Besucher nicht nur die Möglichkeit die jeweilige Entstehung nachzuvollziehen, sondern bekommt auch einen Eindruck von der Gedankenwelt eines der einflussreichsten Architekten, Designer und Theoretiker seiner Zeit.

Die Ausstellung vermittelt den Besuchern aber nicht automatisch, wie einflussreich und bedeutend De Lucchi ist; in dieser Hinsicht ist die Ausstellung recht bescheiden und diskret und konzentriert sich wirklich auf die Projekte und ihre Ursprünge. Auf Olivetti oder die Memphis Group, wohl zwei der wichtigsten Stationen in De Lucchis Werdegang und maßgebliche Einflussfakturen für seinen heutigen Ruf, geht die Ausstellung beispielsweise wenig bis gar nicht ein.

Michele De Lucchi begann seine Arbeit bei Olivetti im Jahr 1979. Damals war das Unternehmen eines der führenden und innovativsten in Sachen angewandtes Design bei Corporate Identity und Produktentwicklung.

1980 gehörte De Lucchi dann zu den Mitbegründern des “postmodernen” Architektur- und Designkollektivs Memphis Group, das Vorstellungen von der Beziehung zwischen Form und Funktion dekonstruieren und unser konventionelles Ästhetikverständnis in Frage stellen wollte. Genauer gesagt hieß das auch, ein Ästhetikverständnis in Frage zu stellen, das von Firmen wie Olivetti manifestiert wurde.

Ein Widerspruch? “Nein.”, antwortet Michele De Lucchi selbstbewusst. “Ich hatte, denke ich, großes Glück, denn durch die Arbeit mit Olivetti hatte ich die Freiheit, Memphis zu entwickeln und die nötige Erfahrung, um zu verstehen, dass es beim Design nicht nur um die professionelle Arbeit mit der Industrie geht, sondern auch um eine Verbindung zur Kunst und zu kulturellen Entwicklungen.”

Aber hat De Lucchi den Eindruck, dass man diese künstlerischen, auf kulturelle Entwicklungen bezogenen Elemente versteht, dass man sich an sie erinnert? Oder sehen die meisten nur die meist asymmetrischen Objekte mit ihren leuchtenden Farben?

“Ich glaube, Memphis wird heute eher als ein Stil wahrgenommen,” antwortet De Lucchi, “aber zu dieser Zeit ging es uns nicht darum einen Stil zu kreieren, sondern darum Mauern zu durchbrechen und unsere Vorstellung zu befreien, um neue Möglichkeiten offenzulegen.”

Das bedeutet also, dass für sie Memphis eher eine Philosophie als ein Stil war? – “Design benötigt immer ein starkes philosophisches Fundament.”

Passagen Cologne 2015 A&W Designer of the Year 2015 Michele De Lucchi The Exhibition Tolomeo Tavolo lamp for Artemide

Ein Prototyp der Tolomeo Tavolo von Michele De Lucchi

Neben allem, was Michele De Lucchi Großes erreicht hat, gehört für uns auch eine Begebenheit während der Mailand Triennale 1973 dazu. Dort protestierte De Lucchi, verkleidet als napoleonischer Soldat, ausgestattet mit einem Schild mit den Worten “Generic Designer” und einer Mülltüte mit der Aufschrift “Project”, gegen den endlosen Fluss neuer Produkte, die auf den Markt geworfen werden und um die Designer an ihre ethische und soziale Verantwortung zu erinnern.

Wir fragten ihn, ob er das heute wieder tun würde, oder ob sich die Umstände in den dazwischenliegenden 4 Jahrzehnten dann doch zu sehr geändert hätten.

Als wir darauf zu sprechen kommen, teilt ein breites Grinsen De Lucchis Vollbart, der in mehrfacher Hinsicht sein Markenzeichen geworden ist – “settantatre,” kichert er uns entgegen.

“Ich denke es ist immer noch sehr wichtig sich daran zu erinnern, dass man als Architekt oder Designer nicht nur die Form eines Objektes oder den Grundriss eines Gebäudes entwirft, man “designt” genauso das Verhalten der Menschen, die den Raum oder das Objekt nutzen. Und so sind Architektur und Design tief mit der Gesellschaft verbunden und drehen sich nicht nur ums Geschäft.”

Und mit dieser Einstellung gehört Michele De Lucchi zu den Designern, die an jedem Tag der Woche einen Preis verdient haben.

Die “A&W Designer of the Year 2015″-Ausstellung von und mit Michele De Lucchi ist im Kölnischen Kunstverein, Hahnenstraße 6, 50667 Köln bis Sonntag, den 25. Januar zu sehen.

Einige Eindrücke davon gibt es bereits hier:

smow Blog kompakt IMM Cologne Spezial: Pure Talents Contest 2015

26. Januar 2015

Vermutlich aus Gründen der Markenkonformität hat sich der German Design Council’s D3 Design Talent Contest für junge Designer in Pure Talents Contest umbenannt – ein Name, der ihn mit der sehr erfolgreichen Pure-Sparte (Pure Village, Pure Editions, Pure Startup) verbindet, die vor einigen Jahren auf der Kölner Möbelmesse eingeführt wurde und auch eine nette Verbindung zu den generell eher zeitgemäßen Herstellern der Pure-Sparte und den generell eher zeitgemäßen jungen Designern im Wettbewerb herstellt.

Was gleich geblieben ist, ist der vielseitige Mix von für den Preis nominierten Projekten, die von konventionell bis experimentell und von pragmatisch bis konzeptionell reichen; und dass alle nominierten Projekte in einer Ausstellung auf der IMM Cologne gezeigt werden.

Der erste Preis und damit vermutlich das Recht, sich ein “Pure Talent” nennen zu dürfen, ging in diesem Jahr an den Bremer Moritz Putzier für sein Kochtisch-Projekt, eine Art Esstisch mit Kochstation mit sozialer Anlaufstelle. Also ein Konzept genauso wie ein sehr gut durchdachtes Objekt.

Der zweite Preis ging an Sara Mellone für ihr sehr intelligentes und vielversprechendes modulares Regalsystem UDO und der dritte Preis an FROM Industrial Design a.k.a Manuel Amaral Netto, Cesare Bizzotto & Tobias Nitsche für ihre Tischleuchte aus Porzellan Abyss.

Glückwunsch an alle!

Und natürlich auch alle Nominierten!

Ein paar Eindrücke von der Ausstellung zum Pure Talents Contest 2015 gibt’s hier:

Passagen Köln 2015: Zu Tisch bei smow Köln – Asco Tische

23. Januar 2015

Nach dem Erfolg von smow Kölns “Passagen Design Week”-Debüt 2014 mit der USM Haller Ausstellung “Facetten” findet 2015 eine Ausstellung mit Tischen von dem deutschen Hersteller Asco statt.

1998 mit dem Ziel gegründet, Tische zu entwickeln, die eine zeitlose Eleganz ausstrahlen, kombiniert die Asco Kollektion Tischplatten aus Massivholz mit Untergestellen aus Holz, Metall oder Beton, um Objekte zu schaffen, die so wohnlich wie rustikal und individuell wie universell einsetzbar sind. Dabei integrieren die ästhetisch ansprechenden Tische nicht selten auch eine praktische Komponente, wie einen Auszugsmechanismus für all die Gelegenheiten, bei denen noch “ein paar” mehr Gäste auftauchen.

Neben der Entwicklung eigener Designs im Haus, arbeitet Asco auch mit einer Liste externer Designer einschließlich Jan-Dirk Sinning, Studio Vertijet und dem Kölner Studio Kaschkasch a.k.a. Florian Kallus und Sebastian Schneider zusammen, wodurch ein kontinuierlicher Strom frischer Ideen und neuer Perspektiven in den Kreativprozess des Unternehmens fließt.

Und während das Holz für die Asco Tische globaler Herkunft ist, werden alle Tische per Hand in der firmeneigenen Werkstatt in Rheda-Wiedenbrück nahe Dortmund gebaut, um so die individuellen Designs von Asco mit der Qualität, für die das deutsche Handwerk steht, zu fundieren.

“Zu Tisch bei smow Köln” kann noch bis 5. Februar im Kölner smow Showroom am Waidmarkt 11, 5067 Köln gesehen werden.

Und für alle, die das nicht schaffen, hier ein paar Eindrücke:

smow Blog kompakt: 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

20. Januar 2015

Wie jeder weiß, wurde Deutschlands wichtigster Beitrag zur Lehre in den Bereichen Kunst, Architektur und Design im April 1919 in Weimar gegründet. Drei oder vier Jahre bevor allerdings Walter Gropius seine ersten Studenten am Bauhaus begrüßen konnte, wurde bereits eine andere Lehranstalt gegründet, eine Institution, die ähnlich wie das Bauhaus einen neuen, modernen Ansatz in der Lehre von Kunst, Design und Architektur verfolgte. Die im Gegensatz zum Bauhaus aber auch eine Institution ist, an der heute immer noch unterrichtet und geforscht wird, an der noch immer Grenzen ausgelotet und talentierte Designer und Künstler ausgebildet werden.

Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle entstand aus der städtischen Gewerblichen Zeichen- und Handwerkerschule und verdankt ihre Entstehung der Ernennung des Architekten Paul Thiersch zum Direktor 1915. Der Spross einer prominenten Architekten- und Künstlerdynastie wurde 1879 in München geboren. Nach dem Abschluss seiner Studien in Basel und München nahm Thiersch Positionen als Büroleiter bei Peter Behrens in Düsseldorf und anschließend bei Bruno Paul in Berlin ein, und kam so in Kontakt mit zwei der einflussreichsten Architekten jener Zeit und zwei Hauptvertretern der deutschen “Arts and Crafts”-Bewegung.

Als Mitglied des Deutschen Werkbundes entwickelte Paul Thiersch die Lehre in Halle nach den progressiven Prinzipien des Werkbundes. Dazu gehörte auch der Fokus des Werkbundes auf eine harmonische Verbindung von moderner, industrieller Produktion und traditionellem Handwerk. Um Handwerk und Kunst aus ihrer bisher genrespezifischen Verankerung zu lösen, stellte Thiersch ein facettenreiches, allumfassendes Lehrprogramm vor, das so unterschiedliche Kurse wie Malerei, Bildhauerei, Architektur, Textilverarbeitung, Fotografie, Keramik, Buchdesign und Tanz beinhaltete. Zu dieser Zeit war das eine wirklich revolutionäre Herangehensweise an die Lehre von Design, Kunst und Architektur. Dieser Ansatz wurde beispielsweise 1927 besonders anerkannt, als eine Gruppe von Studenten der Burg Giebichenstein unter der Leitung Paul Thierschs von Mies van der Rohe gebeten wurde, die Innengestaltung von Peter Behrens’ Wohnungen bei der Ausstellung der Weißenhofsiedlung in Stuttgart zu übernehmen.

Wie bei allen hundert Jahre alten Institutionen im Nordosten Deutschlands ist auch die Geschichte der Burg Giebichenstein bestimmt von sich abwechselnden Diktaturen: Unter den Nazis waren viele der prominentesten Lehrkräfte gezwungen, die Schule zu verlassen und der Lehrplan wurde größtenteils unter staatliche Kontrolle gestellt. Unter später, unter dem DDR-Regime, mussten wieder Lehrkräfte die Schule verlassen und der Lehrplan stand erneut weitestgehend unter staatlicher Kontrolle.

Neben solchen Beschränkungen hat es die Burg Giebichenstein allerdings geschafft, ihren Ruf für exzellentes Lehrpersonal, für anspruchsvolle Kurse und für hochqualifizierte Absolventen zu behalten und zählt zumindest für uns, wie wir schon kürzlich festgestellt haben, zu den interessanteren Designschulen in Deutschland.

Die erste Veranstaltung im Rahmen der Feiern zum hundertsten Geburtstag der Burg Giebichenstein ist und war die Ausstellung “The Power of Making”, die bis 1. Februar im Wasserschloss Klaffenbach in Chemnitz zu sehen ist. Während der kommenden zwölf Monate ist ein umfangreiches Programm geplant, das mit der Ausstellung der besten 100 Burg Giebichenstein Poster in den eigenen Ausstellungsräumen in Halle beginnt und beispielsweise mit einer Untersuchung der Entwicklung des Buch-, Textil- und Keramik-Designs an der Burg Giebichenstein fortgesetzt wird. Hinzu kommen verschiedene Symposien und, vielleicht am beeindruckendsten, eine Ausstellung mit Werken von Architekten, Künstlern, Designern, Webern, Töpfern und allen, die während der vergangenen 100 Jahre an der Burg Giebichenstein gelehrt haben.

Alle Details werden (eines Tages) auf http://100.burg-halle.de zu finden sein.

Burg Giebichenstein Halle

Wie ein weiser Mann einst sagte: Design ist eine Art zu denken und keine Profession. Das stellen die Studenten und Professoren der Burg Giebichenstein Halle immer wieder unter Beweis. So auch mit diesem Türhalter von 2011 ...