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smow Blog kompakt: Le Corbusier – The Measures of Man im Centre Pompidou, Paris

28. Juli 2015

Man erzählt sich, dass an Tagen, an denen seine Skizzen nicht seinen eigenen selbstkritischen Ansprüchen gerecht wurden, der schweizer Architekt und Stadtplaner Le Corbusier den Stift zur Seite gelegt und leise gesagt habe: “c’est difficile l’architecture” 1

Ähnlich kompliziert ist es, die vielfältigen Talente und Leidenschaften Le Corbusiers zu beschreiben und zu erklären.

Eine Option, und wohl die beste, wäre, sich auf nur einen Aspekt von Le Corbusiers Oeuvre zu beschränken und diese konzentrierte Analyse als Ausgangspunkt für einen breiteren Überblick zu nutzen. Genau diesem Ansatz folgt auch das Centre Pompidou bei seiner Ausstellung “Le Corbusier – The measures of man”.

Le Corbusier Le Modulor 1950 (Photo, © Centre Pompidou / Dist. RMN-GP/ Ph. Migeat © FLC, ADAGP, Paris 2015 Courtesy of Centre Pompidou, Paris)

Le Corbusier, Le Modulor, 1950 (Foto, © Centre Pompidou / Dist. RMN-GP/ Ph. Migeat © FLC, ADAGP, Paris 2015 mit freundlicher Genehmigung des Centre Pompidou, Paris)

Der 1887 als Charles-Édouard Jeanneret-Gris in La Chaux-de-Fonds im schweizer Juragebirge geborene (zukünftige) Le Corbusier begann ursprünglich mit einer Ausbildung zum Uhrenmacher, bevor er sich während seines Studiums an der örtlichen Kunst- und Handwerkshochschule zunehmend für Kunst, und vor allem für Architektur zu interessieren begann. Als passionierter Reisender waren Charles-Édouards Bildungsjahre gespickt von Reisen durch die Schweiz, den Balkan, Griechenland, die Türkei, Frankreich und Italien; Reisen auf denen er unzählige Studien der jeweiligen Architektur und Landschaft anfertigte, vor allem von den zahlreichen Überbleibseln klassischer römischer und griechischer Architektur. Diese Erfahrungen stärkten seine Leidenschaft für Architektur ganz besonders.

Im Jahr 1910 verschlug es Charles-Édouard nach Dresden, genauer gesagt nach Hellerau, wo sein Bruder Albert bei dem schweizer Komponisten Émile Jaques-Dalcroze Musik studierte. Fasziniert von Dalcrozes Methoden bei seiner Lehre der Eurythmie – dazu gehörte die Verbindung von Musik und Bewegung und die Idee Musik eher zu spüren als einfach nur zu hören – wollte der junge Charles-Édouard nicht nur mehr über Dalcrozes Philosophie, sondern auch über ähnliche Reformisten, psychophysiologische Theorien und Praktiken erfahren. Die Verbindung seines Interesses an klassischer Architektur mit seiner neu entdeckten Leidenschaft am progressiven Denken brachte Charles Édouard langsam dazu, eine Serie von Studien über die Proportionen des menschlichen Körpers anzufertigen und so auf die Suche nach einem einheitlichen, am Menschen orientierten Maßstabssystem zu gehen. Diese Studien definierten in vielerlei Hinsicht Corbusiers zukünftige Arbeiten und bilden die Basis für “Le Corbusier – Die Maße des Menschen”.

Die in zwölf Abschnitte unterteilte Ausstellung “Die Maße des Menschen” nimmt den Besucher mit auf eine Reise durch Charles-Édouard Jeanneret-Gris’ Leben und Arbeit – von seinen frühen Reisen und der Literatur der frühen 1920er Jahre, die seine Weltsicht formten, über frühe puristische, kubistische Arbeiten bis zur Annahme seines nom de plume, oder besser gesagt seines nom de guerre, “Le Corbusier” und bis zu seinem berüchtigten Pavillon auf der Weltausstellung 1925 in Paris. Bevor man dann in der Mitte der Ausstellung auf den Höhepunkt aus drei Jahrzehnten Forschung und Experimenten stößt: den Modulor.

Ähnlich wie Da Vincis Vitruvianischer Mensch und die zahlreichen Variationen danach, untersucht der Modulor die Proportionen eines standardisierten, idealen Menschen: Da Vincis Vitruvianischer Mensch misst 24 Handflächen, Le Corbusiers Mann ist 1,83 Meter groß – 2,26 mit über dem Kopf ausgestreckten Armen. Im Verlauf der ungefähr 20 Skizzen verdeutlicht “The measures of man”, wie Le Corbusier seine Theorie entwickelte, bevor dann im nächsten Raum die Kuratoren erklären, wie Le Corbusier sein Modulor System im folgenden anwandte: die zahlreichen Unité d’habitation Blöcke in Frankreich und Deutschland, das Carpenter Center for the Visual Arts in Cambridge, Massachusetts, die Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp, die Stadt Chandigarh in Nordindien und schließlich sein eigenes 14 Quadratmeter großes Le Cabanon Haus in Roquebrune-Cap-Martin an der Cote d’Azur – wo die Ausstellung endet und wir Le Corbusier seinen wohlverdienten Frieden lassen.

Neben der Untersuchung von Le Corbusiers antromorphen Studien erklärt “The measures of man” auch Le Corbusiers “fünf Prinzipien der Architektur”. Diese werden wahrscheinlich am besten von seinem Villa Savoye Projekt veranschaulicht. Zudem gehört zur Ausstellung auch ein Überblick über die Möbeldesigns von Le Corbusier – was Pflicht bei jeder Corbusier-Ausstellung sein müsste, ganz egal wie gut es zum jeweiligen Thema passt. Und im Falle des Centre Pompidou passt dieser Überblick nicht allzu gut hinein. Das liegt vor allem daran, dass die Möbel (alle wissen es, weigern sich jedoch hartnäckig es auch zu akzeptieren) vor allem das Werk Charlotte Perriands sind, und deshalb nicht sonderlich gut veranschaulichen, wie Le Corbusier  den menschlichen Körper verstand. Abgesehen davon ist auf der Ausstellung ein beeindruckendes frühes Exemplar des LC2 Sessels zu sehen, aber das wäre ein Thema für einen anderen Post.

“The measures of man” ist eine exzellent konzipierte und realisierte Ausstellung, die ein zeitweise sehr diffiziles Thema zugänglich und unterhaltsam macht. Die Ausstellung erklärt wunderbar, warum Le Corbusier eine so faszinierende und wichtige Gestalt ist. Und das mit einem Tiefgang, der einerseits neue Einsichten und Perspektiven für alle mit Le Corbusier Vertrauten bereit hält, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit für alle, die nur mit dem Namen vertraut sind, und Le Corbusiers Werk in seinem ganzen Umfang nicht kennen.

Le Corbusier – The Measures of Man läuft im Centre Pompidou, Place Georges-Pompidou, 75191 Paris bis Montag, den 3. August. Alle Details sind unter www.centrepompidou.fr zu finden.

1.Mason Currey: Musenküsse – Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Kein & Aber, Zürich 2014,

Le Corbusier, Nature morte à la pile d’assiettes et au livre, 1920 (Photo: © FLC, ADAGP, Paris 2015,  Courtesy of Centre Pompidou, Paris)

Le Corbusier, Nature morte à la pile d’assiettes et au livre, 1920 (Foto: © FLC, ADAGP, Paris 2015, mit freundlicher Genehmigung des Centre Pompidou, Paris)

aed neuland 2015: die Gewinner

24. Juli 2015

Am Mittwochabend des 24. Juni wurden die Gewinner des aed neuland Nachwuchswettbewerbs für Gestalter mit einer Zeremonie in Stuttgart bekannt gegeben.

Der von aed Stuttgart organisierte Nachwuchspreis neuland ist ein alle zwei Jahre stattfindender, internationaler Wettbewerb, offen für Studenten und junge Absolventen unter 28. Den Organisatoren zufolge gingen für das Jahr 2015 330 Bewerbungen in den fünf Kategorien ein.

Eine Ausstellung aller 23 nominierten und ausgezeichneten Projekte ist im Nimbus Group Mock-Up Ausstellungsraum in Stuttgart bis zum 16.September zu sehen, bevor die Ausstellung dann in Düsseldorf, Leipzig, Wien und weiteren, noch nicht bekannt gegebenen Orten zu sehen sein wird.

Alle Details zum Wettbewerb und den Gewinnerprojekten des Jahres 2015 sind unter www.aed-neuland.de zu finden. Hier nun die Gewinnerprojekte des aed neuland Nachwuchswettbewerbs 2015 in aller Kürze. Gratulation an alle!

Architecture & Engineering: Der Utopist – eine architektonische Graphic Novel von Carolin Lahode von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Kürzlich haben wir einen Beitrag eines Kollegen gelesen. Er beschwerte sich, dass Fiktion in der Architekturpresse immer seltener zum Einsatz komme. Uns war um ehrlich zu sein nicht klar, dass Fiktion jemals in Architekturmagazinen genutzt wird um Debatten und Ideen zu transportieren. Ohne Frage würde besagter Kollege großen Gefallen an Der Utopist von Carolin Lahode finden. Zwar sind wir keine großen Fans von Graphic Novels, allerdings leuchtet uns ein, dass viele der Auffassung sind, man erreiche ein größtmögliches Publikum am besten mit einem Medium und einer Sprache, die möglichst viele verstehen. Insofern ist eine Graphic Novel, in der ein japanischer Utopist nach dem Schlüssel für eine perfekte Gesellschaft und eine gerechtere Zukunft sucht, indem er vor allem eine Reihe von Diskursen zur Utopie, der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft und Architektur anstößt, eine sehr interessante und absolut berechtigte Sache. Und mit Sicherheit auch eine sinnvollere Verwendung von Druckerschwärze als eine Graphic Novel, in der übergroße Zombiereptilien mit leichtbekleideten Frauen um die Vorherrschaft in einem verlassenen Freizeitpark kämpfen.

Der Utopist eine architektonische Graphic Carolin Lahode

Der Utopist – eine architektonische Graphic Novel von Carolin Lahode von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

Exhibition & Public Design: Doppelgänger von Vincent Krause, Jan Poneß & Nima Vakili von der Bauhaus Universität Weimar

Wir würden annehmen Doppelgänger ist so ein Projekt, bei dem es darum geht, wirklich etwas zu verstehen. Entwickelt wurde Doppelgänger von Vincent Krause, Jan Poneß und Nima Vakili als deren Abschlussprojekt an der Bauhaus Universität Weimar. Tatsächlich handelt es sich bei Doppelgänger um zwei 83 Meter lange, hölzerne Tunnel – einer in Weimar und einer in Buffalo, New York. Die Böden beider Tunnel sind mit Kontaktmikrophonen ausgestattet, die die Fußtritte aus einem Tunnel auf Mikrophone in dem anderen Tunnel übertragen – live und in Echtzeit. Vincent Krause zufolge geht es bei dem Projekt darum “das kommunikative Potential der akustischen Signale eines gehenden Menschen den bereits bestehenden visuellen, verbalen und textuellen Kommunikationskanälen entgegenzusetzen.”1 Uns ist zugegebenermaßen nicht klar, warum genau man das vorhaben sollte, allerdings haben wir vor, der Sache möglichst bald auf den Grund zu gehen.

1. Studentisches Projekt »Doppelgänger« im Förderpreis »neuland« erfolgreich, Press Release, Bauhaus Universität Weimar http://www.uni-weimar.de/de/medieninformationen/titel/studentisches-projekt-doppelgaenger-im-foerderpreis-neuland-erfolgreich-1/

Doppelgänger by Vincent Krause Jan Poneß Nima Vakili

Doppelgänger von Vincent Krause, Jan Poneß & Nima Vakili von der Bauhaus Universität Weimar (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

Industrial & Product Design: ito – eine Transporthilfe für den urbanen Raum von Sebastian Stittgen & Steffen Fehlinger von der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd

Angenommen der Besitz und Nutzen von Autos sind nicht der große Sprung für den ihn unsere Vorväter gehalten haben, brauchen wir neue Lösungen; und zwar nicht nur für den persönlichen Gebrauch, sondern auch für den Transport von Waren. Ito von Sebastian Stittgen und Steffen Fehlinger ist wenig mehr als eine moderne Adaption des Einkaufstrollys. Wenn auch eine Adaption, die es, Sebastian und Steffen zufolge, Einzelnen durch ihre Form, ihr Reifenkonzept und den Elektromotor erlaubt, Ladungen bis zu 100 Kilogramm nicht nur durch die Stadt, sondern auch die Treppe hinauf zu transportieren. Ein schönes Beispiel dafür, ein bereits existierendes Konzept mit neuen Funktionen für ein neues Zeitalter weiterzuentwickeln. Ito macht den Anschein, als könnte es sich dabei um ein gut durchdachtes, zukunftsorientiertes Projekt handeln und, angenommen es hält, was die Designer versprechen, erscheint die Idee sehr viel intelligenter als die Luft mit mit Paketen und Pizza beladenen Drohnen zu füllen. Uns ist nur unklar, warum Ito nur in urbanen Räumen nützlich sein soll … .

 

ito Sebastian Stittgen Steffen Fehlinger

ito – eine Transporthilfe für den urbanen Raum von Sebastian Stittgen & Steffen Fehlinger von der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

Interaction Design: Mate – eine Vision für das Schulbuch der Zukunft von Rahel Flechtner von der Hochschule Magdeburg-Stendal

Wie der Titel des Projektes ganz klar macht, ist Mate von Rahel Flechtner eine Vision des Schulbuchs der Zukunft. Als elektronisches Gerät in Buchoptik will es Mate Schulkindern ermöglichen, ihr eigenes Schulbuch zu entwerfen und verspricht so individuelles Lernen auf Basis der jeweiligen Fähigkeiten des Kindes. Mate ist designt um den Nutzer zu ermutigen, sein Ziel durch interaktives Lernen zu erreichen. Interaktives Lernen umfasst hier auch einen elektronischen Stift, der nicht nur das digitale Zeitalter mit dem analogen verbindet, sondern auch sicherstellt, dass das Kind neben dem Lernen von Fakten auch grundlegende Schreib- und Zeichenfähigkeiten entwickelt.

Mate by Rahel Flechtner

Mate – eine Vision für das Schulbuch der Zukunft von Rahel Flechtner von der Hochschule Magdeburg-Stendal (Foto mit freundlicher Genehmigung von aed Stuttgart e.V.)

Communication & Graphic Design: D-facto von Piotr Zapasnik von der Fachhochschule Düsseldorf

Wie wir alle wissen und unbekümmert akzeptiert haben, ist die Stimme des öffentlichen urbanen Raums die des Werbers, seiner Nachrichten und Logos. Ganz egal wo man sich aufhält und was man tut – irgendjemand versucht einem etwas zu verkaufen. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit an der Fachhochschule Düsseldorf hat sich Piotr Zapasnik vorgenommen, diesen endlosen Strom des Kommerz’ mit einer Reihe von Plakaten zu durchbrechen, die soziale, kulturelle und politische Themen von lokaler Bedeutung kommentieren. So hat Piotr zwischen Oktober 2014 und Februar 2015 um die 17 Plakate produziert, die sich beispielsweise mit folgenden Themen befassen: mit der Entscheidung der Regionalregierung, ihre Andy Warhols zu verkaufen und das Geld für den Neubau eines Kasinos und die Aufstockung des Budgets zu nutzen, mit den Defiziten in Düsseldorfs Fahrradinfrastruktur oder mit der Schulpolitik der Stadt.

Und auch wenn wir uns gerne vorstellen, wie Piotr seine Kreationen selbst angebracht hat, befürchten wir, dass das Projekt nur mit Hilfe der Besitzer der 41 betroffenen Plakatwände realisiert werden konnte. Und da Piotrs Arbeiten natürlich zwangsläufig die Aufmerksamkeit einer werbeerschöpften Öffentlichkeit auf sich ziehen, kommt natürlich die Frage auf, ob sie nicht eher dazu beitragen, die Werbeflächen attraktiver zu machen und so die Branche zu bestärken. Abgesehen aber von solchen Überlegungen sind wir froh über alles, was uns daran erinnert, dass wir den Status Quo nicht akzeptieren müssen und was uns alle dazu bringt, über unsere Umgebung nachzudenken, sie zu hinterfragen und auf sie zu reagieren.

D-facto by Piotr Zapasnik

D-facto by Piotr Zapasnik von der Fachhochschule Düsseldorf (Foto mit freundlicher Genehmigung der aed Stuttgart e.V.)

smow Blog Designkalendar: 21. Juli 1934 – Happy Birthday Ulrich Müther!

21. Juli 2015

Der sogenannte “Teepott” an der Promenade in Warnemünde an der Ostsee ist ein außergewöhnliches und kostbares Gebäude.

Nicht nur wegen des krassen Kontrasts zum Leuchtturm aus dem 19. Jahrhundert direkt daneben und auch nicht, weil es so harmonisch die fließenden Formen der Dünen und des Wassers hinter sich aufgreift. Es liegt auch nicht daran, dass einen der “Teepott” an Arbeiten von Eero Saarinen, Pier Luigi Nervi oder Félix Candela erinnert, auch wenn er geografisch mit solchen Arbeiten in keinem Zusammenhang steht.

Vielmehr ist der “Teepott” so außergewöhnlich und kostbar, weil er ein Gebäude des deutschen Ingenieurs Ulrich Müther ist, das noch in Gebrauch ist – eines von tragischerweise sehr wenigen Gebäuden von einem der interessantesten Architekten Ostdeutschlands, das noch benutzt wird.

 

(completed 1968, modernised 2002)

Teepott Warnemünde von Ulrich Müther (fertig gestellt 1968, modernisiert 2002) (Foto OmiTs, via commons.wikimedia.org)

Geboren am 21. Juli 1934 in Binz auf der Ostseeinsel Rügen als Sohn eines örtlichen Architekten und Konstrukteurs, gehörte Ulrich Müther zu einer Generation von Ostdeutschen, die unter der beschränkten DDR-Logik leiden mussten: So war es Kindern von Akademikern und Selbstständigen häufig nicht möglich zu studieren – Kinder der Arbeiterklasse und aus der Landwirtschaft wurden bevorzugt.

So wurde Ulrich Müther ursprünglich als Tischler ausgebildet, bevor er die technische Hochschule Neustrelitz absolvierte und anschließend einen Posten im Ministerium für Aufbau in Berlin innehatte, wo er an der Planung von Kraftwerken beteiligt war. Parallel zu seiner Arbeit in Berlin absolvierte Ulrich Müther ein Fernstudium in Bauwesen an der Technischen Hochschule Dresden. Seine Abschlussarbeit schrieb er über die sogenannten hyperbolischen Paraboloide, oder Hyparschalen – ein mathematisches Konstruktionsprinzip, das sogenannte dünnwandige Betonschalen mit einschloss. Grundsätzlich ging es dabei um sattelförmige Konstruktionen, die aufgrund ihrer inneren Kräfteverhältnisse einen hohen Grad an Stabilität bei minimalem Einsatz von Materialien bieten.

Nach dem Abschluss seiner Studien kehrte Ulrich Müther 1963 nach Rügen zurück um das laufende Familiengeschäft – zumindest das, was davon übrig war – zu übernehmen. Die ostdeutschen Behörden hatten das zuvor privat geführte “Baugeschäft Willy Müther” in das Kollektiv “PGH Bau Binz” überführt. Müthers erster Auftrag mit der PGH Bau Binz war ein Dach für das sogenannte “Haus der Stahlwerker”, ein Feriendomizil in Binz. Den Auftrag realisierte er mit einer 14 mal 14 Meter großen und 7 Zentimeter schmalen Hyparschalenkonstruktion – eine wunderbar zurückhaltende, fast klassische Konstruktion. Man kann sie sich als vier Giebeldächer vorstellen, die in einer einzigen Einheit miteinander verbunden sind. Im Jahr 1966 war Müther dann an der Konstruktion einer neuen Ausstellungshalle für die Rostocker Handelsmesse beteiligt. Der für die Austellungshalle verantwortliche Architekt war ein gewisser Erich Kaufmann – Chefarchitekt der regionalen Wohnungsbaugenossenschaft. Dieser war so beeindruckt von Müthers Arbeit für die Ausstellungshalle, dass er ihn anschließend mit zahlreichen Aufträgen betraute, darunter auch der Teepott in Warnemünde.

Als beliebter Treffpunkt an Warnemündes Promenade seit den 1920er Jahren wurde der originale Teepott während des Krieges fast vollständig zerstört. Dennoch nutzten Anwohner die Überreste als provisorischen Treffpunkt. In Reaktion auf den offensichtlichen Wunsch nach einem dauerhaften Teepott, beschlossen die Behörden einen Ersatz zu bauen, der Teil der Feierlichkeiten des 750. Geburtstages des Hansahafens Rostock im Jahr 1968 werden sollte. Zur Vervollständigung von Erich Kaufmanns grundsätzlich runden Struktur entwickelte Ulrich Müther eine fließende 12000 Quadratmeter große Dachkonstruktion, die aus drei gebogenen Betonschalen von jeweils nur 7 cm Dicke bestand 1. Auch wenn Ulrich Müther also eigentlich nicht gänzlich für das Gebäude verantwortlich war, verlieh er dem neuen Teepott doch sein wichtigstes Charakteristikum und den Charme, und muss so, wenn nicht als “biologischer Vater”, als geistiger Vater gelten.

Nach dem Teepott realisierte Ulrich Müther eine weite Bandbreite von Projekten: von Mehrzweck- und Sporthallen über Restaurants, Supermärkte, bis hin zu Kirchenbauten, Bushaltestellen und – vielleicht am beeindruckendsten – zwei Rettungstürmen am Strand von Binz. Dabei handelt es sich um zwei weltraumartige Konstruktionen; und Arbeiten die Funktionalität, Ästhetik und ökonomische Konstruktionsprinzipien auf eine Art und Weise miteinander verbinden, von der die Bauhäusler und ihre modernen Gefolgsleute nur hätten träumen können.

rescue station on Binz Beach by Ulrich Müther (completed 1968)

Rettungsturm am Binzer Strand Ulrich Müther (fertig gestellt 1968)

Neben zahlreichen Projekten in ganz Ostdeutschland finden bzw. fanden sich Arbeiten von Ulrich Müther in so unterschiedlichen Ländern wie Kuba, Jordanien, Kuwait, Finnland und sogar Westdeutschland.

Ein besonderer Schwerpunkt von Ulrich Müthers Werk sind Planetarien: Die Kuppeln sind perfekt geeignet für die Sorte von dünnen Schalen, auf die Ulrich Müther spezialisiert war. Schließlich war eine der ersten realisierten Konstruktionen mit dünnwandigem, doppelt gebogenem Gehäuse das Carl-Zeiss-Planetarium in Jena aus dem Jahr 1923 2. Und eben mit Carl-Zeiss Jena realisierte Ulrich Müther Planetarien in, neben anderen Orten, Tripoli, Wolfsburg, Meddelin, Ost-Berlin und Algerien. Carl-Zeiss lieferte die Technologie, Ulrich Müther die Kuppeln.

Ulrich Müther war nicht der einzige Ingenieur, der in der DDR mit dünnen Betonschalen arbeitete, er war allerdings der führende Protagonist bei der Arbeit mit doppelt gebogenen, hyperbolischen Paraboloiden. Die Mehrheit seiner Kollegen konzentrierte sich auf einfache Bögen und Gewölbe, und so war Ulrich Müther gewissermaßen dafür verantwortlich, ein gewisses internationales Flair in die DDR zu bringen, indem er Konstruktionen entwickelte, die der urbanen Landschaft eine neue Geometrie hinzufügten und die Behörden nicht allzu viel kosteten. Während seine Konstruktionen zwar ziemlich arbeitsintensiv bei der Realisierung waren, blieb der Materialaufwand relativ gering – eine Verbindung, die wunderbar zum Sozialismus passte, der über ausreichend Arbeitskräfte, aber wenig Geld verfügte.

Allerdings auch eine Kombination, die es Ulrich Müther nach dem Zusammenbruch der DDR schwer machte, Kunden für seine plötzlich sehr teuren Kreationen zu finden. Folglich ist es keine große Überraschung, dass die Müther GmbH Spezialbetonbau 1999 Pleite ging und Ulrich Müther in den wohlverdienten, wenn auch nicht gänzlich freiwilligen, Ruhestand ging. Als ein allem Anschein nach eher introvertierter, reservierter Mann verbrachte Ulrich Müther seine letzten Jahre in aller Ruhe auf Rügen, wo er im Jahr 2007 in seinem Heimatort Binz starb.

Seerose Potsdam by Ulrich Müther (completed 1980)

Seerose Potsdam von Ulrich Müther (fertig gestellt 1980)

Auch wenn Ulrich Müther an über 60 Konstruktionen beteiligt war, weltweit Anerkennung für seine Arbeiten erhielt, die dünnwandige Schalenbauweise voranbrachte, für die ostdeutsche Regierung bitter nötige Devisen generierte und fast schon im Alleingang die quadratische Monotonie des ostdeutschen Stadtraums mit seinen eigenwilligen Spitzen, Punkten und Kurven durchbrach, blieb er weitestgehend unbekannt und geriet seitdem fast vollständig in Vergessenheit.

Welchen Respekt man den Arbeiten  nach der Wiedervereinigung entgegenbrachte verdeutlicht wohl am besten das Schicksal des sogenannten Ahornblatts in Berlin. Das im Jahr 1973 als Selbstbedienungskantine und Veranstaltungsraum konzipierte Ahornblatt charakterisierte Ulrich Müthers Fünfpunkt-Dachkonstruktion, die dem Gebäude auch den Namen gab. Nach der Wiedervereinigung war das Ahornblatt ein absolut brauchbares Gebäude, das wunderbar mit den Hochhäusern ringsum kontrastierte. Dennoch wurde es im Jahr 2000 zerstört um einem seelen- und gesichtslosen Hotel Platz zu machen. Ein seelenloses, quadratisches Hotel inmitten eines Stadtteils voller Hotels, dem es an Stadtteilzentren und Veranstaltungsräumen mit persönlichem Charme für kleine, lokale Veranstaltungen mangelt. Aber welcher Stadtplaner denkt schon noch lokal in unserer globalisierten, kapitalistischen, von Konzernen gelenkten Welt?

Ähnlich respektlos verfuhr man mit etlichen weiteren Arbeiten Ulrich Müthers. Seinen eigenen Aussagen zufolge kostete es ihn 14 Monate, die Dachkonstruktion für das “Haus der Stahlwerker”3  zu kalkulieren und zu planen. Im Verhältnis benötigte der Eigentümer nach der Wiedervereinigung nur wenige Sekunden, um Ulrich Müthers erste Arbeit zu zerstören. Sie musste dem Wellnessbereich des neuen Hotels weichen. In diesem Fall wurde Müther immerhin noch über den Abriss in Kenntnis gesetzt. Als einer der beiden Rettungstürme abgerissen wurde, hielt man es nicht für nötig, ihn zu informieren. Und selbst da, wo seine Arbeiten noch stehen, sind sie häufig in erschreckend schlechtem Zustand oder wurden bis zur Unkenntlichkeit modernisiert.

The Ahornblatt Berlin by Ulrich Müther (completed 1973, demolished 2000)

Das Ahornblatt Berlin von Ulrich Münther, hier kurz vor dem Abriss (fertig gestellt 1973, zerstört 2000) (Foto Axel Mauruszat, via commons.wikimedia.org)

Nicht, dass Ulrich Müther in diesem Zusammenhang allein wäre – er teilt dieses Schicksal mit vielen DDR-Architekten und Ingenieuren, deren Arbeiten nur aufgrund ihrer Entstehungszeit abgelehnt wurden, ohne dass irgendein Versuch unternommen worden wäre, sie hinsichtlich ihrer kulturellen und stadtplanerischen Relevanz, oder im Sinne eines historischen Interesses an Architektur wertzuschätzen. Die DDR mag ein jämmerliches, totalitäres Regime gewesen sein – das rechtfertigt jedoch nicht die Zerstörung aller Gebäude aus dieser Zeit. Viele Gebäude sind nicht nur in historischer und ästhetischer Hinsicht eine Bereicherung für ihre Umgebung, sie sind häufig auch, wie der Teepott in Warnemünde, poetischer Ausdruck umsichtig konzipierter Architektur; und Werke, deren innere Ausstattung problemlos für einen anderen Nutzen umgestaltet werden könnte.

Wir sind nicht der Meinung, alle ostdeutschen Gebäude müssten erhalten werden – das wäre eine haarsträubende und sträfliche Forderung. Allerdings brauch man sich nur einige der Merkwürdigkeiten anschauen, die seit 1990 gebaut wurden um zu verstehen, dass neue Architektur nicht immer gut sein muss. Eine kapitalistische Bauweise ist nicht zwangsläufig besser als eine marxistisch-leninistische.

In Anbetracht dieser Geschichte hätte Ulrich Müther jedes Recht gehabt bitter zu werden und nur wenige hätten es ihm wohl zum Vorwurf gemacht. So spricht es für seinen Charakter, dass er es nicht wurde. In einem Interview aus dem Jahr 2003 mit dem Magazin Brand Eins reflektiert er realistisch, und stoisch den Stand der Dinge und konstatiert sogar, der Abriss des Ahornblattes habe ihn aus der Versenkung geholt.4

Es ist wirklich eine Schande, dass es soweit kommen musste. Immerhin gibt es noch genügend existente Ulrich Müther Konstruktionen, die es kommenden Generationen vielleicht ermöglichen, einen passenderen, sensibleren und respektvolleren Umgang mit Ulrich Müther und seinen Arbeiten zu finden, als ihn frühere Generationen an den Tag legten.

Happy Birthday Ulrich Müther!

1. “Teepott” Rostock-Warnemünde, Deutsche Architektur, Nr 3 1969

2. Ulrich Müther, Constructions of double curvature shells for planetariums, Bulletin of the International Association for Shell and Spatial Structures, Nr 83 December 1983

3. Kai Michel, Nach der Utopie, Brand eins, Nr 9, 2003

4. ibid.

Zeiss-Großplanetarium by Berlin Ulrich Müther (completed 1986)

Zeiss-Großplanetarium Berlin von Ulrich Müther (fertig gestellt 1986)

Christuskirche Rostock by Ulrich Müther (completed 1971)

Christuskirche Rostock von Ulrich Müther (fertig gestellt 1971)

Teepott Warnemünde by Ulrich Müther

Teepott Warnemünde von Ulrich Müther

smow Blog Designkalender: 10. Juli 1856 – Michael Thonet erhielt das Patent für das Bugholzverfahren

10. Juli 2015

“Das Wesen der Thonetschen Erfindung besteht darin, dass beim Biegen der aus dem Dampfraume kommenden Holzstücke die neutrale Schicht an die obere konvexe Fläche der gekrümmten Holzstücke verlegt wird. Wenn irgendein prismatischer oder zylindrischer Körper gebogen wird, so werden die oberen Schichten verlängert, die unteren conkav liegenden zusammengedrückt, also verkürzt und nur eine Schicht, welche durch den Schwerpunkt des Querschnittes geht bleibt in der ursprünglichen Länge. Bei dieser Art der gewöhnlichen Biegung wird also der obere, convex liegende Theil gestreckt und neigt zum Splittern. Thonet legte an diejenigen Seiten des noch nicht gebogenen Stückes, welche in Zukunft nach außen gebogen erscheinen sollten, einen Blechstreifen an und verband die Enden des Blechstreifens mit dem Holz unverrückbar mittels Zwingen. Da der Blechstreifen aber bei der Krümmung nur eine unerhebliche Verlängerung erfährt, ist das Holz, welches unterhalb dieser äußerst liegenden Schichte situiert ist, gezwungen, wenn es überhaupt die Biegung annehmen soll, sich zusammendrücken, zu verkürzen. Darin einzig und allein beruht das Wesen der Thonetschen Erfindung.”1

So beschrieb Professor W. F. Exner vom Technologischen Gewerbemuseum Wien im Jahr 1875 bezüglich des 3D-Bugholzverfahrens für das Michael Thonet am 10. Juli 1856 ein Patent erhielt und das auch heute noch von Thonet praktiziert wird.

Oder anders gesagt:

Oder anders gesagt:

thonet 214 Stuhl 14 Michael Thonet

Thonet 214 von Michael Thonet – ursprünglich bekannt als Chair 14, hergestellt seit 1859 mit dem Bugholzverfahren, das Michael Thonet 1856 patentieren ließ.

1. W.F. Exner, Studien über das Rothbuchenholz, Wien, 1875 zitiert in Peter Ellenberg, “Gebrüder Thonet – Möbel aus gebogenem Holze”, Verlag Theo Schäfer, Hannover, 1999

5 neue Designausstellungen im Juli 2015

03. Juli 2015

Da Juli ist, besteht die offenkundige Versuchung, nach neuen Design- und Architekturausstellungen nahe der Küste zu suchen, vielleicht in interessanten Urlaubsorten. Dass vier unserer fünf Tipps für Juli 2015 tatsächlich einen Flip-Flop-Wurf vom Strand entfernt sind, ist, ganz ehrlich, mehr Zufall als Design.

Wie auch immer, es freut uns.

“ECAL at Appartement 50″, Cité Radieuse, Marseille, Frankreich

1952 hat Le Corbusier die Cité Radieuse in Marseille vollendet; den ersten seiner Unité d’habitation genannten Wohnblocks und ungefragt eine der klarsten Darstellungen von Le Corbusiers Vision von Architektur – gebaut für Menschen entsprechend menschlicher Proportionen. 2008 haben Jean-Marc Drut und Patrick Blauwart, Besitzer von Appartment 50 in der Cité Radieuse Jasper Morrison gebeten, eine Inneneinrichtung zu schaffen, die von Raum, Gebäude und Le Corbusier inspiriert ist und all dies zugleich reflektiert. Ebenso haben sich in den vergangenen Jahren Ronan & Erwan Bouroullec sowie Konstantin Grcic der Herausforderung gestellt, und dieses Jahr sind die Studenten der ECAL Lausanne an der Reihe. Indem die Ausstellung eine Spanne von Produkten sowohl für die innere als auch für die äußere Gestaltung präsentiert, ist “ECAL at Appartement 50″ ebenso eine Chance, einen der interessanteren Momente moderner Architektur kennenzulernen, wie auch einige neue studentische Arbeiten zu sehen.

“ECAL at Appartement 50″ ist von Samstag, den 4. Juli bis Sonntag, den 19. Juli in der Unité d’habitation Le Corbusier, Appartement 50 / 5ème rue, 280 Boulevard Michelet 13008 Marseille, zu sehen.

ECAL at Appartement 50 Overview (Photo © ECAL/ Michel Bonvin)

ECAL at Appartement 50. Überblick (Foto © ECAL/ Michel Bonvin)

“Rygalik: The Heart of Things” im Gdynia Stadtmuseum, Gdynia, Polen

Als wir Tomek und Gosia Rygalik das erste Mal trafen, machten sie gerade Tische aus altem Brot. Das war ein Projekt im Rahmen der Vienna Design Week, kein Akt der Verzweiflung. Und obwohl Esswaren bei ihren laufenden Installationen und Events, die den Zusammenhang zwischen Design, Nahrung und Essen erklären, ein zentrales Charakteristikum der Arbeit des Studios bleiben, haben die letzten Jahre gezeigt, dass Studio Rygalik sich allmählich als eines der interessantesten und intelligentesten Möbeldesignstudios in Polen etabliert, wenn nicht gar in Europa. Projekte wie der Bull Barstuhl für Moroso, die Hover Kollektion für PROFIm oder der Stuhl Gnu für Comforty unterstreichen elegant die unkomplizierte Stimmigkeit des Designansatzes von Studio Rygalik. Neben Food- und Möbeldesign hat das Studio Rygalik diverse Inneneinrichtungen und Ausstellungsdesign-Projekte realisiert sowie zahlreiche Filme produziert, einschließlich der bezaubernden filmischen Würdigung der Vitra Miniaturen anlässlich des 20. Geburtstages dieser Kollektion.
Im Rahmen ihrer Reihe “Polnische Designs Polnische Designer” feiert das Muzeum Miasta Gdynia (City of Gdynia Museum) die Arbeit des Studio Rygalik mit einer Einzelausstellung, die verspricht, alle Aspekte des Outputs des Studios zu untersuchen. Dafür hält es eine detaillierte und hoffentlich informative Einsicht in dieses immer noch junge Studio bereit.

“Rygalik: The Heart of Things” eröffnet im Muzeum Miasta Gdynia, ul. Zawiszy Czarnego 1, 81-374 Gdynia, am Samstag, den 4. Juli und läuft bis Sonntag, den 4. Oktober.

Berlin Design Week 2014 Studio Rygalik Show Room at the Polnisches Institut Berlin

Möbel von Studio Rygalik, gesehen im Polnischen Institut Berlin während der Berlin Design Week 2014

“TAP – Portugal in the air” im MUDE – Museu do Design e da Moda, Lissabon, Portugal

Lange bevor Fliegen so alltäglich wurde wie den Bus zu nehmen, war es ohne Frage eines der eleganteren Mysterien des Lebens; heute erinnern uns nur die Preise in Flughafenrestaurants und -bars an die Tage, als Fliegen ein Privileg für sinnlos reiche Menschen war. Ein wichtiger Beitrag zum Hauch von Luxus, der das Fliegen in der Zeit umgab, auf die man sich retrospektiv als die “Goldenen Jahre” bezieht, wurde von Designern geleistet. Nämlich jene, die die perfekte Kulisse zu dieser kurzen Realitätsflucht schufen – und zwar ohne sich dabei von der Frage nach dem Preis beeindrucken zu lassen. Alexander Girards Arbeit für Braniff in Amerika oder die Zusammenarbeit von Robin und Lucienne Day mit BOAC im Vereinigten Königreich sind vermutlich die bekanntesten Kollaborationen in Sachen Flugzeugausstattung. Außerhalb des Flugzeugs fing Eero Saarinens TWA Flight Center am New Yorker Flughafen JFK von 1962 bildhaft Amerikas beschwingten Geist auf dem Weg zur schönen neuen Zukunft ein. Außerdem setzte Otl Aichers Grafikdesign und Corporate Identity für Lufthansa neue Standards für ein neues Zeitalter, während Maria Keils Azulejos zwischen Angola und New York den Geist von Portugal weltweit in die Büros und Lounges der staatlichen Airline TAP brachten. Und es sind die Designgeschichte von TAP und die Rolle, die das Design dabei gespielt hat, die Vorstellungen eines zeitgenössischen Portugals in Übersee zu etablieren, denen das Museu do Design e da Moda in Lissabon eine Sonderausstellung gewidmet hat. Mit Fokus auf den Uniformen, Postern, CI-Essbesteck und anderen an Bord gefundenen Objekten verspricht die Ausstellung, die Entwicklung von Design bei TAP seit den Anfängen 1945 zu untersuchen und – auf der Makroebene – zu zeigen, wie sich TAP Portugal seither dem Rest der Welt präsentiert hat. Wenn Sie nicht zufällig in Portugal sind, wird unweigerlich ein fliegender Plastikbus involviert sein, um dorthin zu gelangen. Wir empfehlen, Butterbrote mitzunehmen.

“TAP – Portugal in the air” wird am Mittwoch, den 15. Juli, im MUDE – Museu do Design e da Moda, Rua Augusta, nº 24, 1100-053 Lissabon eröffnet und läuft dort bis Samstag, den 24. Oktober.

TAP - Portugal in the air" at the MUDE – Museu do Design e da Moda, Lisbon, Portugal

“TAP – Portugal in the air” im MUDE – Museu do Design e da Moda, Lissabon, Portugal

“Vom Verbergen” im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, Deutschland

Wir alle haben Dinge, die wir verbergen möchten. Und nein, nicht nur böse Dinge. Manchmal sind es gute Dinge – ein Überraschungsgeschenk für einen geliebten Menschen oder eine unerwartete Wendung in einer unglücklichen Geschichte; manchmal harmlose Dinge – ein Gästebett im Wohnzimmer oder ein Wäscheständer in der Küche; und manchmal böse, böse Dinge. Aber lasst uns davon nicht sprechen.

Um das Konzept des “Verbergens” im Design und zugleich einige der weniger besuchten Ecken der Sammlung zu erforschen, hat das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main 30 internationale Experten gebeten, jeweils eine Sache aus der Museumskollektion auszuwählen, welche für sie etwas von der Natur und Bedingung des Verbergens verkörpert – von der Art, wie wir verbergen, der Motivation, zu verbergen, und wie Designer und Architekten uns geholfen und angestiftet haben, zu verbergen (und das einen sonst alltäglichen Prozess ästhetisch beglückend oder sachdienlich simpel sein lässt).

“Vom Verbergen” ist vom 23. Juli bis 6. März im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, 60594 Frankfurt am Main zu sehen.

We had a really good photo, hid for safety, and now can't find it.........

Wir hatten ein wirklich gutes Foto, haben es aber zur Sicherheit versteckt und können es jetzt nicht mehr finden …

“Urban Shade in Israel” im Design Museum Holon, Israel

Im Volksmund wird es kaum als gut erachtet, einen Schatten zu werfen. Außer, wenn der Schatten eine Verschnaufpause vor der Sonne bietet, was grundsätzlich gut ist. Aber ist Schatten in die Stadtplanung integriert? Welche Rolle spielt der später einmal von einem Gebäude fallende Schatten für Architekten und Planer? Wie kann Schatten am besten gefördert werden?

Indem die Ausstellung die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojektes des Design Museum Holon und der Beracha Foundation vorstellt, geht “Urban Shade in Israel” solchen und ähnlichen Fragestellungen im Rahmen der israelischen Bedingungen nach, wo mehr Bedarf an urbanem Schatten als in den meisten anderen Ländern besteht.

Zusätzlich zur Darstellung der “Geschichte” des urbanen Schattens in Israel, seine Rolle und die Implikationen von Schatten sowie seiner Abwesenheit im täglichen Leben in Israel verspricht die Ausstellung auch ein interaktives Element. Es soll erklärt werden, wie Individuen das Maß an verfügbarem Schatten beeinflussen können, während öffentliche Installationen an fünf Plätzen in Holon darauf zielen, die Theorie sichtbar zu machen.
Obwohl sie klar auf die Situation in Israel fokussiert sind, sind die untersuchten Themen und erzielten Schlussfolgerungen, würden wir meinen, universell anwendbar und darum für alle von Belang und Interesse.

Außer Sie leben in… (Wir überlassen es unseren Lesern, den Witz zu vervollständigen – sofern sie sich angesprochen fühlen.)

“Urban Shade in Israel” wird ab 4. Juli im Design Museum Holon, Pinhas Eilon St. 8 Holon zu sehen sein, wo die Ausstellung bis Samstag, den 31. Oktober läuft.

Shade, and lack of, in Tel Aviv

Schatten, und der Mangel daran – Tel Aviv

smow Blog Designkalender: 1. Juli 1915 – Paul Thiersch wurde als Direktor der Handwerkerschule Halle eingstellt.

01. Juli 2015

“Ich beabsichtige, das Institut so zu leiten, dass es auf handwerklichem Gebiet sein Bestes leisten wird, und es so zu fördern, dass es in künstlerischer Hinsicht allen Anforderungen moderner Kunstauffassung gerecht wird.”1 So schrieb der Architekt Paul Thiersch im Jahr 1914 in seiner Bewerbung für den freien Posten des Direktors der Handwerkerschule der Stadt Halle.

Ein Argument, das bei der Auswahl offensichtlich sehr gut ankam, wurde Paul Thiersch doch im Juli 1915 unter insgesamt 75 Bewerbern ausgewählt und zum neuen Direktor der Schule ernannt – eine Ernennung, mit der ein Prozess losgetreten wurde, der schließlich zur heute als Burg Giebichenstein bekannten Kunsthochschule Halle führen sollte.

burg halle logo

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Der 1879 in München in eine etablierte Familie von Architekten und klassischen Gelehrten geborene Paul Thiersch studierte Architektur an der Technischen Hochschule in München und arbeitete für das Münchner Stadtbauamt, bevor er 1906 zunächst nach Düsseldorf zog, um dort mit Peter Behrens zusammenzuarbeiten, und anschließend, im Jahr 1907, nach Berlin ging, wo er eine Stelle als Bürochef bei Bruno Paul antrat. Diesen Posten hatte er wiederum über 2 Jahre inne, bevor er nach Berlin ging und dort als freischaffender Architekt arbeitete.

Im Jahr 1913 starb der aktive Direktor der Handwerkerschule Halle, Herr Brumme, woraufhin die Stadtoberen beschlossen haben, dass der neue Direktor nicht nur mit der Leitung der Schule, sondern auch mit der Gestaltung der Zukunft der Schule betraut werden sollte.

Allem Anschein nach war es um die technische und handwerkliche Ausbildung im Deutschen Reich des beginnenden 20. Jahrhunderts nicht gut bestellt: nicht nur hinsichtlich des Inhalts, sondern auch hinsichtlich der Organisation, der Leitung und der Professionalität. Mit der Industrialisierung, die die Art und Weise der Produktion veränderte, wurden Studenten in Deutschland nicht mehr die nötigen Fähigkeiten beigebracht. Eine Situation, die wohl damals dazu führte, die Wendung “Made in Germany” als Synonym für schlechte Qualität zu etablieren. Und auch wenn Bäcker und Fleischer nach wie vor sehr gefragt waren, mangelte es an Kerzenmachern, die in der Lage gewesen wären, Kerzen zu entwickeln, die sich industriell produzieren ließen.

Katja Schneider zufolge wollte Halles Bürgermeister den Posten gerne Henry van de Velde anbieten, allerdings durchkreuzte dessen Rückkehr nach Belgien diesen Plan und so wurde der Posten neu ausgeschrieben. Großen Einfluss auf die Ernennung Paul Thierschs hatte wohl die Lobbyarbeit des Architekten Gustav Wolff4, ein Mann, der in dieser Zeit für viele wichtigen Projekte der Stadt verantwortlich war und zu den wichtigsten Figuren im örtlichen Kunst- und Handwerksgewerbe gehörte.

Andere Quellen beziehen sich eher allgemein auf den Einfluss von Peter Behrens und Bruno Paul bei der Entscheidungsfindung – oder zumindest darauf, dass die Entscheidung durch Thierschs Bekanntschaft mit Behrens und Paul begünstigt wurde.

Sieht man von den Gründen für die Entscheidung für Thiersch einmal ab, steht fest, dass Paul Thiersch unmittelbar seine versprochenen Reformen anging und im frühen August 1915 seine Pläne präsentierte. Dazu gehörte die Unterteilung der Schule in vier Bereiche: angewandte Kunst, Handwerk, Architektur und Maschinenbau.5 Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass während die anderen drei Bereiche einfach auf einer Neuorganisation von bereits existierenden Bereichen basierten, die angewandte Kunst ein gänzlich neuer Bereich war. Neben der Lehre war er darauf ausgerichtet, den Studenten die Praxis einer neuen Industrie zugänglich zu machen, in der sie sich schließlich einmal tätig sein würden. So sollte Lehre mit Arbeit verbunden werden, was – darauf hatte Thiersch bereits in seiner Bewerbung hingewiesen – an allen neuen Kunst- und Handwerksschulen mit großem Effekt praktiziert wurde. Zudem führte Thiersch Spezialklassen ein, die mit Werkstätten verbunden waren. So hatte die Schule bald eine Interieurdesign- und eine Architekturklasse mit einer Schreinerwerkstatt, eine Textilklasse mit einer Webwerkstatt und eine Grafikklasse mit Werkstätten für Buchbindung und Druck, was die Verbindung von Kunst und Gewerbe belebte. Folglich, und auch wenn die Hallenser Schule keineswegs einen besonderen Ruf hinsichtlich seines Lehrprogramms hatte, hatte die Schule jetzt eine zeitgenössische Struktur und einen zukunftsbezogenen Schwerpunkt, der der Schule erlauben sollte, eine führende Institution in der Lehre und eine wichtige Komponente bei der Weiterentwicklung der Herstellung von Technologie und Kunst in Deutschland zu werden.

Dann, und nicht zum letzten Mal, kam der Krieg dazwischen. Auch wenn Thierschs Arbeit weiterging und seine Reformen voranschritten, trugen sie erst in den 1920er Jahren Früchte. Damit hing vor allem auch der Umzug der Schule in die historische Burg Giebichenstein, “hoch”* über der Saale, zusammen. Dieser Schritt brachte den Studenten mehr Raum und neue Freiheiten, verhalf der Schule zu einer neuen Identität und schließlich zu einem neuen Namen.

Während der 1920er und 30er Jahre gewann die “Burg” an Reputation, und so kam keine wichtige Messe oder Veranstaltung ohne die Burg Giebichenstein aus. Dazu gehört beispielsweise eine Präsentation im Kontext der Ausstellung der Weissenhofsiedlung 1927 in Stuttgart, eine ganz besondere Ehrung für eine Institution, die weder mit dem Bauhaus noch mit dem Land Baden-Württemberg zusammenhing.

Zudem wurden Arbeiten der Studenten und der Lehrenden in den 1920er und 30er Jahren regelmäßig in Museumsausstellungen präsentiert und in immer mehr Sammlungen aufgenommen.

Nach dem Umzug des Bauhaus von Weimar nach Dessau im Jahr 1926 und dem damit verbundenen Verlust der Keramikwerkstatt sowie Veränderungen im Lehrprogramm, wechselten zahlreiche Bauhäusler nach Halle – nennenswert ist hier der Bildhauer Gerhard Marcks, der anfänglich Leiter der Bildhauer Klasse war und dann 1928 Paul Thiersch als Direktor der Burg Giebichenstein ablöste.

Eine Ära ging zu Ende, und eine neue begann …

burg giebichenstein halle burg

Der Innenhof der Burg Giebichenstein, Halle

Die Machtergreifung der NSDAP war bekanntlich von Attacken auf die künstlerische Freiheit, strikte Beschränkungen der künstlerischen Form und ideologische Kontrolle der Lehrinhalte begleitet. Eine Konsequenz war, dass ab 2. Juni 1933 der Bereich Handwerk vom künstlerischen Bereich getrennt wurde6, ein Schritt, der das Prinzip nach dem Paul Thiersch die Schule aufgebaut hatte, zerstörte. Hinzu kamen die Bestimmungen bezüglich “nicht Deutscher”. Sie führten dazu, dass die Institution viele ihrer wichtigsten Mitarbeiter verlor – dazu gehörten unter anderen Erich Dieckmann, Marguerite Friedlaender-Wildenhaín, Erwin Hahs, Benita Koch-Otte und Gerhard Marks. So hörte die Burg Giebichenstein im Lauf des Jahres 1933 im Grunde auf zu existieren.

Während der Jahre der Nazidiktatur und des Krieges waren die Aktivitäten der Schule weitestgehend eingeschränkt und die Schule nach der Vorstellung der Nationalsozialisten als normale Handwerksschule geführt.

Dann kam die DDR.

Die Jahre direkt nach dem Krieg waren von einem langsamen Wiederaufbau und einer schleppenden Neuorganisation bestimmt. Ein Prozess der durch die Probleme und Unklarheiten der sogenannten Formalismusdebatte in den frühen 1950er Jahren erschwert wurde, bevor dann 1958 die Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle Burg Giebichenstein unter der Leitung des Grafikdesigners und Bauhäuslers Walter Funkat gegründet wurde. Als Institution ihrer Zeit war die DDR Burg auf die Unterstützung der industriellen Nachfrage der DDR-Regierung fokussiert, oder wie es im Jahr 1968 eine interne Publikation formulierte: “Der gesellschaftliche Auftrag verpflichtete unsere Hochschule, den neuen Typ des sozialistischen Formgestalters zu bilden und zu erziehen, der fähig und gewillt ist, umfassendes Wissen und Können in seinem Beruf für den Aufbau des Sozialismus einzusetzen.”7

Trotz solch hochtrabenden, sozialistischen Unsinns und den Bürokraten, die ihn propagierten, gelang es der Burg Giebichenstein zwischen 1958 und 1989 einige wirklich exzellente Studenten und Arbeiten hervorzubringen, woran das hochqualifizierte Lehrpersonal großen Anteil hatte. Dazu gehörten unter vielen anderen Erwin Andrä, Rudolf Horn, Ilse Decho und Lothar Zitzmann. In vielerlei Hinsicht ist es dieser fortlaufenden Arbeit der Hochschule für industrielle Formgestaltung zu verdanken, dass die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle nach der Wiedervereinigung sofort in der Lage war, als funktionierende Institution weiter zu bestehen und anschließend ihre derzeitige internationale Reputation und vor allem ihre Position als eine der führenden Schulen für Design und Angewandte Kunst zu etablieren.

Selbst wenn die Ernennung Paul Thierschs als Direktor nur ein Moment in der Geschichte der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle war, wollen wir dennoch mit einem “Happy Birthday, Burg Gibichenstein” an den ersten Juli 1915 erinnern.

… und hoffen, dass die nächsten 100 Jahre nicht ganz so turbulent ausfallen.

* Es mögen nur 87 Meter sein, aber das ist hoch für Halle.

1. Zitiert in, Katja Schneider, “Burg Giebichenstein: die Kunstgewerbeschule unter Leitung von Paul Thiersch und Gerhard Marcks 1915 bis 1933. 1. Textband”, VCH, Acta Humaniora, Weinheim, 1992

2. Wilhelm Nauhaus, “Die Burg Giebichenstein Geschichte einer deutschen Kunstschule; 1915 – 1933″, Seemann, Leipzig, 1992

3. Katja Schneider, “Burg Giebichenstein: die Kunstgewerbeschule unter Leitung von Paul Thiersch und Gerhard Marcks 1915 bis 1933. 1. Textband”, VCH, Acta Humaniora, Weinheim, 1992

4. ebd.

5. Wilhelm Nauhaus, “Die Burg Giebichenstein Geschichte einer deutschen Kunstschule; 1915 – 1933″, Seemann, Leipzig, 1992

6. Gottfried Kormann, Meisterschule des deutschen Handwerks. Die Schule zwischen 1933 und 1945, in Renate Luckner-Biehn, “75 Jahre Burg Giebichenstein: 1915 – 1990; Beiträge zur Geschichte”, Burg Giebichenstein, Halle, 1989

7. Hochschule für Industrielle Formgestaltung Halle/S., Burg Giebichenstein, Halle 1968

Burg Giebichenstein Halle

Wir sind nicht sicher, ob Paul Thiersch einverstanden gewesen wäre – wir sind es!  Design als eine Art zu Denken. Wunderbar demonstriert an der Burg Giebichenstein Halle, 2011

DMY Berlin 2015: The Shrinking Office Project von Roy Yin

23. Juni 2015

Wie wir an dieser Stelle schon so oft bemerkt haben, wird die Kombination aus einer wachsenenden Autonomie, fortgeschrittenen Technologie, die sich wandelnde Natur von Industrie und Kommerz sowie die damit verbundene Evolution des Begriffs “Büroarbeit” vermehrt zu Änderungen im Büromöbeldesign führen. Und wir sind nicht besonders clever oder vorausschauend, weil wir sowas sagen – so hat sich Büromöbeldesign einfach immer schon entwickelt, so z. B. bei der Evolution des Bürostuhls im 19. Jahrhundert, als immer mehr Arbeiter ihre Zeit damit verbrachten, in Büros zu sitzen und den industriellen Aufschwung zu organisieren; oder als George Nelsons und Robert Propsts “Action Office”-Projekt für Herman Miller von 1964 Amerikas Büros gesünder und produktiver machen sollte, weil die Büroarbeit in den USA immer stumpfsinniger und deprimierender wurde; oder als der “heiße Schreibtisch” als fortgeschrittene Computertechnologie aufkam, bei der Mitarbeiter nicht länger an einen Computer und ein Telefon an einem Schreibtisch gebunden waren.

Die Herausforderung für Designer ist, und war immer, ein neues System zu entwerfen, das auf die neuen Anforderungen reagiert.

“The Shrinking Office Project” von Roy Yin, einem in Rotterdam lebenden Absolventen der Royal Academy Of Art The Hague, ist eine der vielversprechenderen Lösungen, die wir in letzter Zeit gesehen haben.

Weil nichts komplizierter ist als eine Kollektion zusammenhängender Tische mit verschiedenen Höhen zu entwerfen, bietet “The Shrinking Office Project” dem Nutzer eine Reihe von Arbeitspositionen und Arbeitshöhen für die individuelle und Nutzung in Gruppen, die durch eine lebendige, aber unaufdringliche Konstruktion realisiert sind.

Nein, wir empfehlen “The Shrinking Office Project” natürlich nicht als selbstständige Büromöbellösung – das wäre vermessen. Doch als Teil einer kombinierten Bürolandschaft, die eine Reihe von etwas, was Industrieexperten auf jeden Fall “Zonen” nennen würden, beinhaltet, ist die Idee sehr vielversprechend.

Noch ein Prototyp, erfordern die dem Konzept inhärenten Ideen noch etwas Entwicklungsarbeit, bevor sie wirklich universell anwendbar sein werden, nicht zuletzt würden wir es gerne als modulares System sehen, das der Nutzer ganz nach seinen Bedürfnissen anpassen, erweitern oder verkleinern kann. Irgendeine Form von Stauraum wäre außerdem sinnvoll und auch ein bisschen mehr Berücksichtigung der Tatsache, dass eventuell Technik in das System integriert werden soll – womit wir natürlich Elektrik meinen.

Aber unabhängig davon, so wie es ist, ist das “Shrinking Office Project” ein sehr nettes Konzept, das zeitgemäße Bürodesigns auf intelligente, moderne Weise erforscht, und es ist ein Projekt, auf dessen Weiterentwicklung wir uns wirklich freuen.

Mehr Informationen gibt es unter www.royin.co.

DMY Berlin 2015 The Shrinking Office Project by Roy Yin

The Shrinking Office Project von Roy Yin, gesehen beim DMY Berlin 2015

DMY Berlin 2015 The Shrinking Office Project by Roy Yin

The Shrinking Office Project von Roy Yin, gesehen beim DMY Berlin 201

smow Interview: Annemoon Geurts, Kazerne Eindhoven – Eines unserer Hauptziele besteht darin, den Mehrwert der Kreativindustrie zu erklären

20. Juni 2015

Wie wir im Post über die Ausstellung Open World in der Kazerne Eindhoven erwähnt haben, ist in Eindhovens Zentrum nicht viel los – gemessen daran, dass die Stadt oft als Hotspot der zeitgenössischen europäischen Kreativszene angeführt wird.

Vielmehr als der betriebsame Bienenstock, den man erwarten könnte, ist die Innenstadt von Eindhoven in vielerlei Hinsicht das Bilderbuchbeispiel eines eintönigen Provinzkaffs, das über Nacht verschwinden könnte, ohne dass jemand davon Notiz nehmen würde. Und natürlich die Rettung für alle Fotografen, die auf Bilder urbaner Banalität und eines gewissen Stillstandes spezialisiert sind.

Kazerne Eindhoven, gegründet vom Ehepaar Annemoon Geurts und Koen Rijnbeek, ist ein Mix aus Designgalerie, Designlabor, Restaurant und einem Ort für Gäste – sowie ein Versuch, den gegenwärtigen Stand der Dinge aufzumischen und die ortsansässige Kreativität aus ihren peripheren Ghettos ins Herz von Eindhoven zu bringen.

Bei der Eröffnung von Open World haben wir mit Annemoon Geurts über die Kazerne, Design in Eindhoven und Eindhoven im Allgemeinen gesprochen, und, irgendwie logisch, mit der Frage begonnen, wie die Kazerne entstanden ist.

Annemoon Geurts: Nach meinem Abschluss an der Design Academy Eindhoven habe ich eine eigene Designagentur eröffnet. Zu dieser Zeit arbeitete mein Mann Koen noch als Musiker, hat sich dann aber für eine Veränderung entschieden und ist mit in die Agentur eingestiegen. Im Rahmen der Dutch Design Week 2006 haben wir unser erstes “Eat Drink Design” Event organisiert, eine Art Pop-up-Restaurant, in dem die Gäste zwischen, auf und mit verschiedenen Designarbeiten diniert haben. Die Motivation für das erste “Eat Drink Design” bestand zum großen Teil darin, mit gutem Grund etwas anderes zu tun, als den ganzen Tag auf unsere Computerbildschirme zu starren – doch weil es so viel Spaß gemacht hat und gut angenommen wurde, haben wir für 2007 eine Wiederholung geplant, bloß ein bisschen größer. Und so starteten wir 2007 ein Projekt, in dem wir Eindhovener Designer mit lokalen Restaurants zusammenbrachten, um eine Kooperation zu initiieren und zu sehen, ob und wie die Designer helfen könnten, die Restaurants zu unterstützen. Im ersten Jahr hatten wir sieben Projekte; Projekte, die viele positive Reaktionen und Rückmeldungen bewirkt haben. Das brachte uns dazu, zu beraten, ob wir weitermachen könnten und etwas für die lokale Kreativindustrie tun, und so entschieden wir, eine Plattform zu gründen – einen dauerhaften Ort, wo Menschen einander begegnen können, essen, trinken, schlafen und designen. Am 7. Dezember 2007 gingen wir auf die Stadt zu, um nach einem Raum für uns zu fragen, und im Oktober 2014 haben wir geöffnet.

smow Blog: Sieben Jahre..?

Annemoon Geurts: Wir sind keine professionellen Immobilienentwickler. Das heißt, wir waren es nicht, jetzt sind wir es! Nein, es waren einfach sieben arbeitsreiche Jahre voller Planung, Durchführbarkeitsanalysen, Verhandlungen mit den städtischen Autoritäten … und weil wir beide auch in der Agentur arbeiteten, brauchte es eine Weile, parallel “Eat Drink Design” und das ganze Projekt zu entwickeln.

smow Blog: Immobilienentwicklung ist ein gutes Stichwort, denn man kann wohl sagen, dass der enorme Raum, den ihr hier habt, eine wichtige Komponente des Projekts ist. War dieses Gebäude ein Ort, den ihr im Blick hattet, war es das Gebäude, das ihr von Anfang an haben musstet?

Annemoon Geurts: Nein, überhaupt nicht. Tatsächlich war uns gar nicht bewusst, dass es das Gebäude gibt, und dass, obwohl wir eigentlich in der Nähe wohnen! Dieses Gebäude war mal eine Garage für die Fahrzeuge der städtischen Müllabfuhr, dann aber viele Jahre mit Brettern zugenagelt, heruntergekommen und verlassen, sodass wir ihm nie Aufmerksamkeit geschenkt haben. Als wir es das erste Mal gesehen haben, konnten wir kaum glauben, dass so ein wundervoller Raum hier in der Mitte Eindhovens existiert! Aber wir wussten sofort, dass es der perfekte Ort wäre. Es ist so ein wunderbar großer Raum mit zwei verschiedenen Persönlichkeiten: dem industriellen, weiträumigen und offenen Charakter des Hauptgebäudes und dem viel Kleineren, Persönlicheren, das sich in den Nebengebäuden findet – also zwei verschiedene Atmosphären an einem Ort.

smow Blog: Die öffentlich zugänglichen Elemente der Kazerne sind das Restaurant und die Ausstellungsfläche, aber es gibt auch das sogenannte Kazerne Lab. In Kürze, was ist das Kazerne Lab?

Annemoon Geurts: Eines unserer Hauptziele in Bezug auf die Kazerne besteht darin, den Mehrwert der Kreativindustrie zu erklären. Viele Menschen wissen, dass die Kreativindustrie wichtig ist, aber die meisten verstehen nicht wirklich, was das bedeutet – und so wollen wir praktische Beispiele dieses Mehrwerts zeigen. In dieser Hinsicht ist es eine der Aufgaben der Kazerne, lokale Designer mit der ortsansässigen Industrie in Kontakt zu bringen. Dementsprechend ist das Ziel von Kazerne Lab, Designer und Händler kooperieren zu lassen und zu schauen, wie sie einander motivieren und inspirieren können. Die Restauranttische zum Beispiel sind das Ergebnis eines Kazerne Lab Projektes, bei dem wir das Studio Daphna Laurens und einen örtlichen Schmied gebeten haben, gemeinsam an der Entwicklung eines Tisches speziell für Restaurants zu arbeiten. Zusätzlich zu solchen kommerziellen Projekten wird ein Hauptaugenmerk des Kazerne Lab auf Social Design liegen, also auf Projekten, die zu ermitteln helfen, wie und wo Designer helfen können, soziale Bedingungen zu verbessern.

smow Blog: Und wir vermuten, dass sich das Ziel, die Kreativindustrie zu erklären, auch in den Ausstellungen fortsetzt, richtig?

Annemoon Geurts: Ja, die erste Ausstellung war “Open Mind”, in der wir erklärt haben, dass Kreative dazu tendieren, anders zu denken, selten von A nach B, sondern sich Dingen eher auf weniger logische Weise nähern – weshalb sie dann mit neuen Ideen und innovativen Konzepten aufwarten können. In der aktuellen Ausstellung “Open World” geht es darum, die Forschung, die Designer momentan betreiben, zu zeigen, und zu erklären, was Designer tun, warum und wohin es führen könnte. Darüber hinaus wollen wir die Ausstellungen auch nutzen, um eine Diskussion mit der technischen Industrie hier in Eindhoven zu initiieren. Ich denke, Eindhoven ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie die beiden Hirnhälften arbeiten – es gibt einen kreativen Teil und einen “Nerd”-Teil, und wenn beide Hälften zusammenkommen, ist das Potenzial da, großartige Dinge zu erschaffen.

smow Blog: Wie dem auch sei – in Eindhoven gibt es kaum öffentliche Zeugnisse des kreativen Potenzials der Stadt, kannst du das erklären?

Annemoon Geurts: Ich bin auch verblüfft, dass es in der Stadtmitte keinen Sinn für Design gibt, keine Hinweise aus das Potenzial, das sich hier vorfindet. Auch das gehört zu den Ursachen, weshalb wir überzeugt waren, dass die Kazerne funktioniert: Eindhoven braucht eine Plattform, wo Design das ganze Jahr über präsentiert werden kann – nicht nur während der Dutch Design Week, ohne die typischen Museums-Öffnungszeiten, sondern in einer entspannteren, weniger respekteinflößenden Atmosphäre. Es ist sehr befriedigend, zu sehen, wie Leute auf einen Kaffee hereinkommen, die Ausstellung nicht erwartet haben und sie dann genießen. Oder wenn man sieht, wie Restaurantgäste zwischen den Gängen durch das Gebäude wandern, die Ausstellung erkunden und hoffentlich etwas Neues lernen.

smow Blog: Ihr seid hier seit Oktober 2014 aktiv, weshalb es ein bisschen früh sein mag, danach zu fragen, aber habt ihr Pläne für zukünftige Erweiterungen oder Entwicklungen?

Annemoon Geurts: Als wir angefangen haben, legten wir als erstes Ziel fest, den großen Raum funktionsfähig zu machen, ein beständiges Einkommen zu erzeugen und, wenn das erst einmal geschafft wäre, mit den kleineren Gebäuden zu beginnen. Im Moment haben wir zusätzlich zur Ausstellungsfläche die Bar, ein Restaurant und einen Veranstaltungsraum – aber wenn alles fertig ist, werden wir drei Veranstaltungsräume, zwei Restaurants und sieben Apartments haben. Wenn alles nach Plan geht, wird diese Phase Zwei Ende 2016 abgeschlossen sein und wir werden dann, hoffentlich, ausreichend Ressourcen haben, die uns befähigen, Projekte außerhalb der Kazerne zu realisieren – sowohl in Eindhoven als auch mit einem weiter gesteckten Horizont. Wir haben viele Ideen und viele Möglichkeiten, aber momentan nicht viel Geld. Doch nachdem wir uns sieben Jahre genommen haben, um die Kazerne zu eröffnen, wissen wir, dass gute Ideen Zeit brauchen, um verwirklicht zu werden!

Mehr Informationen zur Kazerne Eindhoven auf www.kazerne.com

Kazerne Eindhoven Annemoon Geurts Koen Rijnbeek © Mike Roelofs

Annemoon Geurts & Koen Rijnbeek von der Kazerne Eindhoven (Foto © Mike Roelofs, zur Verfügung gestellt von Kazerne Eindhoven)

Open World at Kazerne Eindhoven

Die Ausstellung “Open World” in der Kazerne Eindhoven

Kazerne Eindhoven restaurant © Ruud Balk

Das Restaurant in der Kazerne Eindhoven mit offener Küche (Foto © Ruud Balk, zur Verfügung gestellt von Kazerne Eindhoven)

Kazerne Eindhoven bar dirk

Café/Bar in der Kazerne Eindhoven

DMY Design Spots 2015: Migrant Birds präsentiert Modern Fossils von Song Tao

19. Juni 2015

Im Zusammenhang mit dem DMY 2015 präsentiert die in Berlin und Peking ansässige Austauschorganisation Migrant Birds die Ausstellung “Modern Fossils”. Eine Einzelausstellung mit Arbeiten des Pekinger Künstlers und Designers Song Tao.

Migrant Birds present Modern Fossils by Song Tao

Migrant Birds präsentiert Modern Fossils von Song Tao

Der 1969 in Shanghai geborene Song Tao absolvierte zuerst im Jahr 1986 die Central Academy of Fine Arts in Peking, bevor er nach Frankreich zog, um dort einen Masterabschluss in Bildhauerei an der Universirté 1 zu machen.

Auch wenn Song Tao regelmäßig mit Einzelausstellungen in China vertreten war, wurden seine Arbeiten in Europa nur sehr selten gezeigt; “Modern Fossils” ist seine erste Ausstellung in Deutschland und folgt auf eine etwas breiter angelegte Ausstellung seiner Arbeiten im Centre Culturel de Chine in Paris.

Der als Künstler ausgebildete und immer noch als Künstler im klassischen Sinne sehr aktive Song Tao ist seit 20 Jahren auch als Designer aktiv, und sieht nach eigenen Angaben nur wenig Unterschiede, was die Motivationen und Prozesse beider Genres angeht – nur dass beim Design die Endresultate eine funktionale Qualität haben, die bei den künstlerischen Arbeiten nicht gefragt ist.

Wir sind keine Experten von Song Taos Werk, aber die Arbeiten, die wir gesehen haben, kombinieren Konzepte, Materialien und Ansätze miteinander und mischen vor allem auch traditionelle chinesische Objekte mit modernen Materialien und einem eher zeitgenössischen Verständnis von Ästhetik und Funktionalität. So entstehen Objekte, die ebenso Brücken zwischen unterschiedlichen Zeiten und Kulturen wie auch funktionale Produkte sind.

Das trifft auch auf die “Modern Fossils”-Kollektion zu.

Mit einer Kombination aus antiker Ulme und einem bernsteinfarbenem Harz, gestützt durch Bambusstäbe aus Messing, reflektieren die Objekte die wichtige Rolle von Ulme, Bernstein und Bambus in der chinesischen Kultur und Gesellschaft.

Zuweilen grenzen die Arbeiten an unnötige Dekadenz oder erscheinen als der absolute Inbegriff von Majestät und Anmut, und sind so nicht augenblicklich zugänglich. Wir fühlten uns beispielsweise an die Tools for Life Kollektion von OMA für Knoll erinnert, an die wir uns ein paar Tage gewöhnen mussten und von denen uns einige Objekte nach wie vor schwierig erscheinen.

Nicht so bei “Modern Fossils”. Auch wenn die anfänglich etwas fremd, etwas abstoßend scheint, ist die Kennenlernphase schleißlich doch recht kurz. Man lernt schnell der Logik der Stücke und den Gedanken Song Taos zu folgen und gewöhnt sich an Material und Formensprache. Und selbst wenn die Objekte zeitweise wie gesagt unnötig dekadent erscheinen, sind sie doch bewusst genau so konzipiert. Als Bänke, Tische und dergleichen handelt es sich ohne Frage um funktionale Objekte, als welche man sie selbstverständlich auch benutzen kann. Gleichzeitig sind sie jedoch auch konzeptionelle Galeriestücke – kreiert, um eine Botschaft zu vermitteln und um ebenso als Kunstwerk wie auch als funktional Objekt wahrgenommen zu werden. Der Widerspruch zwischen visuellem Eindruck und Material, zwischen Opulenz und Einfachheit, zwischen Geschichte und Ewigkeit gehört zum Charme dieser Kollektion. Das Gefühl der Entfremdung von so vertrauten Dingen ist einfach sehr reizvoll. So wie auch der sich wandelnde Charakter der Objekte durch die Lichtreflektionen im Bonbon-Bernstein. Song Taos Arbeiten mögen Fossilien sein, aber sie sind nicht tot.

Summus Aqua by Song Tao, as seen at Modern Fossils, Berlin

Summus Aqua von Song Tao, as seen at Modern Fossils, Berlin

Als Titel für die Kollektion ist “Modern Fossils” sicherlich passend, hat man doch zweifellos den Eindruck in den Arbeiten würde etwas konserviert, als würde die Zeit angehalten. So sind die Objekte eine permanente, unveränderliche Erinnerung an kulturelle Normen, die noch lange nachdem die natürliche Materie verfallen und verschwunden ist bestehen werden. So wie uns paläontologische Fossilien Aufschlüsse über vergangene Zeitalter und die Gründe für ihr Vergehen liefern, so können uns Song Taos “Modern Fossils” helfen, eine nachhaltige Zukunft zu kreieren. Einfache Beine aus Bambus für einen Tisch mit einer Tischplatte zu verwenden, die aus einem gebogenen Bruchstück eines Möbels oder Gebäudes besteht, dem man persönliche Bedeutung beimisst wäre eine relativ unkomplizierte und rohstoffarme Möglichkeit, Möbel zu produzieren. Und Luxus ist nicht immer Bernstein, antike Ulme und Messing, sondern manchmal nur ein Tisch oder eine Bank.

Neben der ersten Ausstellung von Song Tao ist “Modern Fossils” auch die erste in einer ganzen Reihe von Ausstellungen von zeitgenössischem Design, die Migrant Birds in Berlin organisiert. Eine Reihe, mit der Migrant Birds einerseits den kulturellen chinesisch-deutschen Dialog weiterführen will und mit der man zur gleichen Zeit der ansteigenden Zahl zeitgenössischer Designer, die in China arbeiten eine Plattform bieten möchte.

Wir werden euch bestimmt auf dem Laufenden halten.

Für alle in bzw. in der Nähe von Berlin: “Modern Fossils” von Song Tao ist in der Zhong Gallery, Koppenplatz 5, 10115 Berlin bis zum 11. Juli zu sehen.

Alle Details sind unter www.migrantbirds.org zu finden.

 

smow Blog Designkalender: 17. Juni 1907– Happy Birthday Charles Eames!

17. Juni 2015

Charles Eames ist wohl der bekannteste Vertreter des amerikanischen Nachkriegsdesigns und seine Arbeiten sind sicherlich die gemeinhin anerkanntesten und einnehmendsten aus dieser Epoche. Allerdings, und gerade wegen des Erfolgs seiner Nachkriegsarbeit, wird häufig vergessen, dass Charles Eames auch eine Biografie vor dem Krieg hat – das heißt eine Biografie vor Ray Kaiser, vor George Nelson, vor Herman Miller, vor Vitra, vor Sperrholz, Pastik und Alumium, und vor allem vor dem internationalen Erfolg.

Und diese Biografie ist nicht weniger interessant.

Geboren als zweites Kind von Charles Ormond Eames und Marie Adele Celine Lambert am 17. Juni in St. Louis, Missouri verbrachte Charles Ormond Eames Jr seine Lehrjahre in St. Louis und ab 1925 an der Washington University, wo er in Architektur eingeschrieben war.

Auch wenn Charles Eames allen Berichten zufolge ein intelligenter, wortgewandter und künstlerisch begabter Student war, blieb er doch nur 4 Semester lang in Washington, bevor er 1927 gebeten wurde die Universität zu verlassen. Seine Tochter Lucia erinnert sich, dass er “sich frühzeitig sehr für Frank Lloyd Wright interessierte”. Dieser war kein großer Bewunderer der klassischen, schönen Künste, die man in Washington lehrte, und so beanstandete Charles Eames wohl, dass moderne Denker wie Lloyd Wright nicht im Lehrplan stünden. Der Universität fielen die Beanstandungen offenbar zu lautstark und zu häufig aus.

Im Jahr 1929, gerade mal 22 Jahre alt, kam es auf Charles Eames’ Hochzeitsreise mit Catherine Dewey Woermann nach Europa zur ersten direkten Berührung mit der internationalen Moderne und mit klassischer Architektur. Neben den großen italienischen Städten, darunter Rom und Sienna, verbrachten die Eames auch Zeit in Deutschland, wo sie Arbeiten von Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier, Henry van de Velde etc. zu sehen bekamen. Als das junge Paar 1930 zurückkehrte befand sich Amerika in der Weltwirtschaftskrise und Charles Eames gründete ohne Aussicht auf Arbeit sein eigenes Architekturbüro unter Mitarbeit von Charles Gary und Walter Pauley. Zwar blieb die Firma nicht gänzlich erfolglos – die kleinen Aufträge, die Eames, Gray & Pauley gewinnen konnten waren jedoch kein Fundament, auf dem sich Träume hätten aufbauen lassen. Ohne ein Zeichen des Aufschwungs und mit ansteigender Zahl von Amerikanern, die sich Selbstmord und Alkohol zuwandten, entschied sich Charles Eames schließlich zu einem dramatischen Schritt. Er ließ Frau und Tochter bei den Schwiegereltern und machte sich “mit nur 75 Cent in der Tasche und mit dem Versprechen zurückzukehren, ohne zu wissen, wann genau”2 auf den Weg nach Mexiko.

Nach neun Monaten ausgiebiger Reisen durch Mexiko kehrte Eames 1934 zurück. In der Zwischenzeit hatte er Kost und Logie nur im Tausch erhalten, war verhaftet worden, hatte Menschen und Kultur kennengelernt, Aquarelle von Land und Leuten gemalt und sich vor allem selbst kennengelernt.

Nach seiner Rückkehr gründete Charles Eames ein Architekturbüro mit Robert Walsh, das eine Handvoll Aufträge ausführte, darunter diverse Privathäuser und zwei Kirchen: St. Mary’s in Paragould, Arkansas und St. Mary’s in Helena, von denen vor allem letztere bedeutend ist. Einerseits designte Charles Eames dort viele der Armaturen und Einbauten, darunter die Kirchenbänke, von denen Eames Demetrios behauptet, sie seinen Charles Eames’ erste Erfahrung mit großangelegter Möbelproduktion³ gewesen. Auf der anderen Seite, und das ist der wichtigere Punkt, wurde St. Mary’s 1935 in der Januar-Ausgabe des Architectural Forum4  besprochen, was die erste Erwähnung Charles Eames’ in einer Publikation über Architektur war. Trotz aller Bemühungen war es uns nicht möglich, ein Exemplar dieser besonderen Ausgabe des Architectural Forums aufzutreiben und so können wir nicht sagen, was der Autor geschrieben und der Fotograf vorgestellt hat. Allerdings ist das auch zweitrangig – wichtig ist, dass das Feature Eliel Saarinen aufmerksam machte. Dieser war einer der führenden und angesehensten Architekten seiner Zeit, Vater von Eero Saarinen und Präsident der altbekannten Cranbrook Academy of Art – damals die erste Adresse für junge, amerikanische Kreative und solche, die es werden wollten.

Nachdem Saarinen über St. Mary’s Helena gelesen hatte, kontaktierte er Eames und Walsh, um mehr über das Projekt zu erfahren. Dieser erste Kontakt führte zu zahlreichen weiteren Treffen zwischen Saarinen und Eames, die wiederum zu einer starken Freundschaft und beiderseitigem Respekt führten und Eliel Saarinen schließlich dazu brachten, Charles Eames nach Cranbrook einzuladen. Ein Angebot, das Eames im Januar 1938 annahm5. So kam es, dass Charles Eames im September 1938, nach der Fertigstellung des sogenannten Meyer House in Huntleigh, Missouri nach Cranbrook zog, um bei den Programmen für Architektur und Stadtplanung mitzwirken. Der Rest ist Geschichte …

Happy Birthday Charles Eames!

1. Eames Demetrios, An Eames Primer, Thames & Hudson, London 2001

2. Eames Demetrios, An Eames Primer, Thames & Hudson, London 2001

3. Eames Demetrios, An Eames Primer, Thames & Hudson, London 2001

4. Pat Kirkham, Charles and Ray Eames: designers of the twentieth century, MIT Press, Cambridge, Mass, 1995

5. Eames Demetrios, An Eames Primer, Thames & Hudson, London 2001

happy birthday charles eames rar vitra

Der Geist Charles Eames’ stellt unter Beweis welchen Spaß man nach wie vor mit dem Eames RAR haben kann.


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