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Geld @ smac – Staatliches Museum für Archäologie in Chemnitz

Geld regiert die Welt!

Wie es dazu kam, welche Konsequenzen das hat und wohin uns diese Tatsache letztendlich führen wird – all das untersucht momentan die Ausstellung “Geld” im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, kurz smac.

Geld @ smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

“Geld” @ smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

“Als Institution wollen wir Ausstellungen präsentieren, die sich mit zentralen Themen der Menschheit auseinandersetzen. Geld ist genau so ein Thema, und ein Thema mit dem wir alle andauernd zu tun haben”, so Dr. Jens Beutmann, Chefkurator des smac, zum Hintergrund der Ausstellung.

Zu diesem Zweck setzt sich die Ausstellung mit historischen und zeitgenössischen Aspekten des Geldes und der “Bezahlsysteme” im Kontext verschiedenster Kulturen auseinander, und behandelt so Fragen wie: Was ist Geld? Wie ist es entstanden? Welche Formen kann Geld annehmen? Welchen Einfluss hat Geld auf uns? Und schließlich: Hat Geld eine Zukunft?

Dem Ausstellungskonzept gelingt es, die archäologische Dimension des Geldes abseits der leicht ramponierten römischen Münzen zu thematisieren, in die immer das Portrait von Trajan, Cäsar Augustus oder wem auch immer eingeprägt ist. Anstatt uns also wie sonst verdutzt in Ausstellungsvitrinen starren zu lassen, präsentiert die Ausstellung Archäologie im Kontext aktueller sozialer, kultureller und politischer Bereiche.

Und das ist angenehm erfrischend!

Zu den interessanten Aspekten der Ausstellung gehört beispielsweise die Einsicht, dass Geld ein künstliches Konstrukt ist und dass es sich beim damit verbundenen Papiergeld tatsächlich nur um Papier handelt. Zu Geld – zu etwas Wertvollem – wird es nur, wenn eine andere Gruppe es als solches akzeptiert und es als solches zu verstehen beginnt. Sollte diese andere Gruppe ihre Meinung ändern, bleibt nichts anderes übrig, als ein Stück Papier. Eine akzeptierte Tatsache, die stets durch das Vertrauen hervorgehoben wird, das jeder Transaktion von Werten – seien das Papiergeld, Muscheln oder Anteile – entgegengebracht wird. Allerdings auch eine Tatsache, die im Kontext unserer modernen, virtuellen Bezahlsysteme eine völlig neue Signifikanz erhält… schließlich steht man finanziell immer nur so gut da, wie es einem der Computer sagt. Aber wer kontrolliert diesen Computer? Natürlich nicht man selbst – soviel ist klar. Und wann hat man sich das letzte mal deshalb Sorgen gemacht?

A Rai, stone money from the Island of Yap, Micronesia. Good for land deals in Micronesia, less so for settling your tab at the bar.....as seen at Geld, smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

Ein Rai, Steingeld von der Insel Yap, Micronesien. Geeignet für Landgeschäfte in Micronesien – weniger um seinen Deckel an der Bar zu bezahlen… . Gesehen im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Als erste selbst kuratierte Ausstellung des Staatlichen Museums für Archäologie seit der Eröffnung 2014, präsentiert “Geld” um die 500 Objekte. Dabei blickt man nicht nur auf “Geld” an sich – ja, es gibt alte Münzen in Ausstellungsvitrinen, dank kontextueller Einbindung geht das allerdings in Ordnung – sondern untersucht auch alternative “geldlose” Bezahlsysteme und die Entwicklung aktueller, virtueller Finanzsysteme von den ersten Tagen der Buchhaltung an. Zudem gibt die Ausstellung Auskunft über die legale wie auch illegale Produktion und Verbreitung von Geld und die unzähligen Wege, auf denen Geld zur Formung unserer heutigen Gesellschaft beigetragen hat.

Man könnte auch behaupten, dass nicht das Geld als solches, sondern vielmehr unsere Jagd nach dem Geld, unsere Versuche, Geld anzuhäufen und zu kontrollieren, die Entwicklung weg vom Jäger und Sammler – der Wandel von der natürlichen zur Finanzwelt – dazu beigetragen haben, unsere heutige Gesellschaft zu formen.

“Geld machen wir zu dem, was es ist, Geld hat keinen eigenen Willen, entwickelt allerdings seine eigene Dynamik”, erklärt Dr. Beutmann. Und worin diese Dynamik ihren Ausdruck findet, wird sehr eloquent anhand zahlreicher Bemühungen demonstriert, die Menschen auf sich nehmen, nur um Geld zu akquirieren: Diebstahl, Glücksspiel, Fälschung. Man kann natürlich auch einfach arbeiten und so Geld verdienen – in Anbetracht von Berufen wie Prostitution stellt sich das allerdings nochmal in einem ganz anderen Licht dar.

In ähnlicher Weise erinnert einen auch die Tatsache, dass mancher in Form von Pfandflaschen den Müll anderer Leute sammeln muss, um Geld zu verdienen immer wieder daran, dass Geld eine grundlegende Notwendigkeit ist, und dass dessen Verteilung nicht fair verläuft. Dieses Missverhältnis innerhalb der Finanzsysteme beeinflusst ebenfalls seit Langem die Art und Weise, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und trägt auch seit Langem zu unserem modernen Verständnis von und Verhältnis zu Geld bei.

Buying love, privately or commercially...... as seen at Geld, smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

Liebe kaufen, privat oder kommerziell… gesehen in der Ausstellung “Geld”, smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Weil so vieles von dem, was mit Geld zu tun hat, auf Vertrauen basiert und weil Geld gleichzeitig eine grundlegende Notwendigkeit und ein begehrtes Objekt ist, etwas an dem alle interessiert sind und von dem alle einen Teil haben möchten, versagen “Wertesysteme” immer wieder von neuem und Blasen zerplatzen als handle es sich um ein natürliches Phänomen, etwas, worauf niemand Einfluss oder worüber niemand Kontrolle hätte – ein beliebter Euphemismus. Im 17. Jahrhundert wurde die holländische Tulpenmanie zum Tulpenalptraum, der “Black Tuesday” 1929 brachte Amerika die “Black 1930s”, und auch die Fragilität unseres aktuellen Finanzsystems wird in einem Abschnitt der Ausstellung sehr genau unter die Lupe genommen. Die Finanzkrise von 2007 und die Konsequenzen werden en détail untersucht, bevor die Ausstellung dann flüssig und klug auf die Frage nach der Zukunft des Geldes bzw. auf die Frage überleitet, ob Geld überhaupt eine Zukunft hat.

An East German era cash machine....as seen at Geld, smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

Ein Geldautomat aus DDR-Zeiten… gesehen in der Ausstellung “Geld”, smac – Staatliches Museum für Archäologie in Chemnitz

In Anbetracht dieses deutlichen sozialen und kulturellen Fokus, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern “Geld” überhaupt noch eine archäologische Ausstellung ist? Dr. Beutmann meint dazu: “Ja, durchaus ist sie das. Als Disziplin befasst sich die Archäologie mit materiellen Dingen, das heißt wir versuchen die Geschichte nicht anhand von Texten zu erklären, sondern anhand von Objekten. Unabhängig von Alter und Ursprung behandeln wir diese Objekte als historische Quellen.” Ganz egal also, ob ein vorchristliches Relikt, ein Geldautomat aus DDR-Zeiten, oder die Protest-Transparente derer, die Geld beim Zusammenbruch der Lehman Brothers verloren haben – sie alle haben etwas zu sagen und sind Teil einer Geschichte.

Darüber hinaus ist “Geld” für uns durchaus auch eine Designausstellung – eine Ausstellung die deutlich macht, dass Geld auch eine Designfrage ist. Gemeint ist damit nicht der Zusammenhang zum Grafikdesign – man denke an die Aufregung im Internet, wenn dieses oder jenes Land eine neue Banknote einführt – und auch an klassisches Produktdesign denken wir weniger, obwohl “Geld” einige faszinierende Objekte bereithält, die explizit im Zusammenhang mit Geld und Bezahlsystemen entwickelt wurden. Vielmehr ist Geld eine Frage des Designs, wenn es darum geht, wie wir eine Gesellschaft kreieren können, die entweder ohne Geld auskommt, oder in der – wenn sie auf Geld angewiesen bleibt – das Geld vernünftig und fair verteilt wird und sich positiv auf die Menschen auswirkt.  Wo Finanzblasen also keine Chance haben, oder wie Dr. Beutmann seine Frage formuliert: “Muss sich die Gesellschaft ändern, damit sich die Finanzwelt ändert, oder ist der Zeitpunkt gekommen, das Finanzsystem zu ändern, damit sich unsere Gesellschaft ändert?” Bei der Beantwortung solcher Fragen spielen Designer eine wichtige Rolle.

We believe it is what is known as a financial bubble,

Dies symbolisiert offenbar das, was als Finanzblase bekannt ist

Mit einer Mischung aus lokalen, “sächsischen” Ausstellungsstücken und Objekten aus aller Welt, ist “Geld” eine gut konzipierte und zugängliche Ausstellung, die sich auf klare Art und Weise und ohne Vorbehalt mit dem Thema auseinandersetzt. Vor allem motiviert die Ausstellung die Besucher über die Exponate hinauszudenken – über das eigene Geld in der Tasche, die Ersparnisse auf der Bank, die heimlichen Reserven unterm Bett, die Steuerrückzahlung, die noch immer aussteht, den obdachlosen Zeitungsverkäufer, dem man letzte Woche keine Zeitung abgekauft hat und über den Preis, den man gerade an der Tankstelle für ein belegtes Brötchen zahlen musste.

Geld ist eine komische Sache, wir sind alle jeden Tag damit beschäftigt, wir alle akzeptieren seine Feinheiten und Schwächen und dennoch bleibt Geld ein gänzlich abstraktes Konzept. Geld hat keine Identität und keinen Charakter, man kann damit alles kaufen bis auf Stil, Umgangsformen und Respekt für seine Mitmenschen. Wir alle brauchen Geld, glauben aber trotzdem, es sei uns nicht wichtig, Geld beschämt und bestärkt einen gleichermaßen und bleibt trotzdem etwas, worüber wir uns nicht allzu sehr den Kopf zerbrechen möchten – zumindest versuchen wir das. “Geld” im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz erklärt, warum man sich übers Geld Gedanken machen sollte.

Es passt sehr gut, dass das Archäologische Museum Chemnitz eine solche Ausstellung präsentiert und dafür gibt es zwei gute Gründe. Einerseits ist die Ausstellung im früheren Kaufhaus Schocken untergebracht und wie wir schon in unserem Post zur Eröffnung des Museums festgehalten haben, hat die sensible Umwandlung dafür gesorgt, “dass das Innere immer noch einem Kaufhaus ähnelt. Und das meinen wir positiv! Etwas an den weiß gestrichenen Säulen und den kahlen Böden macht uns irgendwie Glauben, auf einem der höheren Stockwerke ein Angebot für ein paar Jeans oder einen neuen Pullover zu finden“. Diese Referenz auf den Ursprung des Gebäudes wird mit der Ausstattung der Ausstellungsräume durch das Berliner Studio chezwitz fortgeführt: Supermarktgänge wurden hinsichtlich der Aufteilung und der Hintergrundgrafiken neu gestaltet. Was früher ein geschäftiger Einkaufstempel war, ist jetzt ein Ort der Reflektion über die Systeme, die ihn hervorgebracht haben.

Und der zweite Grund, der die Location so passend macht, ist, dass wenn man einen Blick aus dem Fenster wirft, man genau auf die monumentale, wenn nicht gar megalithische Karl-Marx-Büste blickt, die das Chemnitzer Stadtzentrum dominiert. “Wenn das Geld das Band ist, das mich an das menschliche Leben, das mir die Gesellschaft, das mich mit der Natur und den Menschen verbindet, ist das Geld nicht das Band aller Bande? Kann es nicht alle Bande lösen und binden? Ist es darum nicht auch das allgemeine Scheidungsmittel? Es ist die wahre Scheidemünze, wie das wahre Bindungsmittel” schrieb Marx 1844 und das ist letztendlich auch nicht mehr als eine frühe kommunistische Version von “Money makes the world go round”.

“Geld” läuft bis Freitag, den 30.Dezember im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz, Stefan-Heym-Platz 1, 09111 Chemnitz.

Weitere Informationen, auch zum Begleitprogramm, gibt es auf www.smac.sachsen.de.

smow Blog Interview: Markus Jehs – der Diskurs ist der wichtigste Aspekt des Designs

Das in Stuttgart ansässige Designstudio Jehs+Laub ist natürlich vor allem als Gewinner des ersten und bis her einzigen Moormann Bookinist Rennens bekannt. Hinter Jehs+Laub steckt aber auch eines der profiliertesten und erfolgreichsten Möbeldesignstudios Deutschlands.

Markus Jehs und Jürgen Laub trafen sich bei ihrem Industriedesign-Studium an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, freundeten sich während eines Praxissemesters in New York an, entwickelten daraufhin ein gemeinsames Diplomprojekt und gründeten schließlich 1994 Jehs+Laub – ursprünglich in Ulm, bevor sie nach Stuttgart zogen.

Vorwiegend mit Fokus auf Möbel- und Lichtdesign haben Jehs+Laub eine große Bandbreite von Produkten für so unterschiedliche internationale Hersteller wie Fritz Hansen, Wilkhahn, Knoll, Belux und Cassina entwickelt. Neben Möbeldesigns entstanden auch zahlreiche Produkt- und Interiordesigns: darunter die mehrfach ausgezeichnete Wärmflasche Pill für Authentics, die Geschirrkollektion Connect für Schönwald, die wunderbar minimalistische Uhr Stelton Time für Stelton und das globale Interiordesign-Konzept für die Mercedes Benz Showrooms.

Damals auf der Orgatec 2012 sprachen wir kurz mit Jehs+Laub über die Unterschiede zwischen dem Entwickeln von Designs für Büros und Designs für den privaten Bereich sowie über Stuttgart als kreative Stadt. Um noch mehr zu erfahren, trafen wir uns erneut mit Markus Jehs und sprachen über das Studium in Schwäbisch Gmünd, über zwanzig Jahre Möbeldesign und den derzeitigen Stand des Industriedesigns. Begonnen haben wir unser Gespräch wie immer mit der Frage, wie er zum Design gefunden hat…

Markus Jehs: Nach meinem Schulabschluss war ich unsicher, in welche Richtung ich gehen sollte, erkundete diverse Optionen und landete schließlich bei Gestaltung im weitesten Sinne: zuerst eher beim Grafikdesign und irgendwann war dann klar, dass Produktdesign das Richtige ist. Nachdem ich mit dem Studium angefangen hatte, stellte sich schnell heraus, dass ich gefunden hatte, wonach ich gesucht habe.

smow Blog: Sie haben in Schwäbisch Gmünd studiert – was war der Anstoß, worin lag Ihre Motivation für Schwäbisch Gmünd?

Markus Jehs: Um ehrlich zu sein, wollte ich mich ursprünglich gar nicht in Schwäbisch Gmünd immatrikulieren, weil ich ganz in der Nähe aufgewachsen bin; nachdem ich mir allerdings verschiedene Hochschulen angesehen hatte, entschied ich, dass der Studiengang in Schwäbisch Gmünd in Bezug auf die Grundlagen der beste für mich ist. Zu dieser Zeit gehörten zahlreiche ehemalige Studierende der HfG Ulm zum Lehrpersonal in Schwäbisch Gmünd, und so ergab sich gewissermaßen eine Fortsetzung der Bauhaus Philosophie – das sprach mich besonders an. Was ich in Schwäbisch Gmünd sehr schätzte, war der Diskurs um die Gestaltung, nicht nur zwischen Studierenden und Professoren, sondern auch unter den Studenten. Alles war ziemlich klein, eher familiär und der Diskurs ist der wichtigste Aspekt des Designs – es geht nicht nur darum, etwas Schickes zu machen.

smow Blog: Wir nehmen mal an, dass man in Schwäbisch Gmünd zu dieser Zeit noch einen klassisch funktionalistischen “Gutes Design”-Ansatz hatte…

Markus Jehs: Genau, in diese Richtung ging die Lehre. Als Jürgen und ich dann ein Semester in New York verbrachten – Jürgen bei Smart Design und ich bei Henry Dreyfuss Associates – erlebten wir eine völlig neue Welt. Man ging dort nicht so in die Tiefe und auch wenn wir als Studenten den reglementierten, dogmatischen, deutschen Ansatz teilweise zurückgewiesen hatten, lernten wir doch durch diese andere Erfahrung unsere grundsolide Ausbildung in Deutschland sehr zu schätzen.

smow Blog: Nach Ihrem Abschluss gründeten Sie ein gemeinsames Studio, wie kam es zu der Entscheidung, sich zusammenzutun?

Markus Jehs: In Schwäbisch Gmünd arbeiteten wir beide regelmäßig mit Professor Knauer, der Grundlagen der Gestaltung unterrichtete. Der sagte uns, er habe nie Studenten erlebt, die so gut wie wir zusammenarbeiten und dass wir darüber nachdenken sollten, uns zusammenzutun. Er war der Meinung, es sei schwerer, einen guten Geschäftspartner als die perfekte Frau zu finden. Nach dem Abschluss haben wir anfänglich unsere eigenen Sachen gemacht, uns dann aber entschlossen, ein gemeinsames Studio zu gründen.

smow Blog: Nun wollen wir natürlich wissen, warum Professor Knauer der Meinung war, sie würden so gut zusammenarbeiten. Hatte er Recht damit?

Markus Jehs: Er sagte zusammen kämen wir weiter, als jeder von uns für sich – es gäbe da einen exponentiellen Effekt. Tatsächlich realisierten wir nach dem Beginn unserer Zusammenarbeit, dass wir wirklich sehr viel mehr erreichten als allein. Bei uns beiden geht es immer um die Sache, nie darum, wer welche Idee hat. Vielmehr hat einer von uns beiden eine Idee, woraufhin der andere ziemlich direkt sagt, was er davon hält und warum. Dann entsteht ein Diskurs und alles bewegt sich ziemlich schnell. Weil man durch die Auseinandersetzung, durch diesen Prozess – man muss erklären, warum man etwas gut findet oder nicht und den Argumenten des anderen zuhören – eine gute Distanz zum Projekt und so ein klareres Verständnis entwickelt. Letztlich verlässt nichts das Studio, von dem wir nicht beide hundertprozentig überzeugt sind.

smow Blog: Können wir das also so verstehen, dass ein Großteil des Entwicklungsprozesses bei euch in Form von Diskussionen und nicht unbedingt in Stillarbeit am Computer stattfindet?

Markus Jehs: Genau, einer fragt den anderen: “Was hältst du davon?” Wir schauen uns die Sache gemeinsam an, diskutieren sie offen und machen dann weiter, wo wir aufgehört haben. Und das kann so alle zehn Minuten passieren, weshalb wir auch gemeinsam im gleichen Raum und an einem Tisch arbeiten. Nur so lässt sich für uns eine flüssige Kommunikation ermöglichen.

smow Blog: An Projekten arbeiten heißt Projekte haben – wie haben Sie Ihre ersten Verträge akquiriert?

Markus Jehs: Nach Eröffnung unseres Studios hatten wir keine Arbeit, waren tatsächlich arbeitslos und beschlossen deshalb nach Italien zu gehen, um dort zu versuchen einige Partner zu finden. Wir entwickelten Projekte, machten Termine mit Firmen in Mailand, fuhren runter nach Mailand, präsentierten unsere Arbeit und konnten schließlich die ersten Hersteller finden.

smow Blog: Warum dieser Fokus auf Italien? Musste es unbedingt ein italienischer Hersteller sein, oder haben Sie sich ganz naiv gedacht, dass Sie in Italien die besten Chancen haben würden?

Markus Jehs: Natürlich waren wir naiv, aber für uns stand fest, dass die Italiener die führenden Produzenten waren. Mailand war das Zentrum der Industrie und Erfolg zu haben, erschien uns nur mit italienischen Firmen möglich. Zudem gingen die Italiener unserer Meinung nach die Sache sehr emotional, mit viel Verständnis und Bauchgefühl an.

smow Blog: Ist Italien für Sie nach wie vor die wichtigste Designnation?

Markus Jehs: Heute finde ich das nicht zwangsläufig zutreffend – alles ist viel internationaler geworden. Heute arbeiten wir mit jeder Art von Firma, in Amerika genauso wie in Europa. Und für mich macht gerade die Mischung es interessant, weil man fortlaufend dazu lernt. Wir sind bestrebt, uns zu entwickeln und zu lernen. Amerikanische Firmen beispielsweise haben ganz andere Märkte im Blick als europäische und die Skandinavier haben wiederum ihren ganz eigenen Weg, Produkte zu beurteilen. Zu erleben wie all diese Menschen arbeiten und derart verschiedene Perspektiven auf dasselbe Sujet kennenzulernen, das ist schon sehr bereichernd. Die Mailänderin und Architektin und Designerin Cini Boeri hat einmal zu uns gesagt, dass wir als Studio sehr viel internationaler seien als die Italiener, die überwiegend in Mailand säßen und für Cassina, Cappellini, Artemide, Kartell usw. designten. Das war eine interessante Feststellung, denn normalerweise neigt man dazu, auf die Italiener zu schauen und zu denken, “Wow, guck wie international die alle sind”, aber tatsächlich sind viele italienische Designer in Mailand ansässig und auf Mailand fokussiert. Und natürlich, einmal im Jahr kommt sie die Industrie besuchen…warum sollten sie also auch woanders hingehen?

smow Blog: Ich möchte auf die 1990er Jahre zurückkommen. Wo haben Sie damals begonnen, nachdem Sie sich entschieden hatten, sich auf italienische Produzenten zu konzentrieren?

Markus Jehs: Die Firma, mit der wir unbedingt zusammenarbeiten wollten, war Cassina. Für uns war und ist Cassina die Speerspitze des italienischen Designs und die Firma mit den besten Handwerkern und Produktentwicklern. Also fingen wir dort an. Natürlich haben sie uns einen Korb gegeben und uns erzählt, dass sie mit den renommiertesten Designern der Welt arbeiten würden und unsere Designs nicht bräuchten. Allerdings wurde dann unser erstes kommerzielles Produkt durch den italienischen Leuchtenhersteller Nemo realisiert, der später wiederum von Cassina übernommen wurde. Wir haben also bei Nemo erwähnt, dass wir gern für Cassina arbeiten würden, wurden Umberto Cassina vorgestellt und das war unser Weg hinein. Die ersten Produkte für Cassina machten die Dinge dann einfacher und öffneten uns eine Menge Türen – nicht nur bei den italienischen Herstellern, sondern beispielsweise auch bei Fritz Hansen und schließlich auch bei den deutschen Herstellern.

smow Blog: Wie lang hat es nach diesen ersten Aufträgen gedauert, bis Sie sagen konnten, dass sie als Studio etabliert waren?

Markus Jehs: Die ersten Produkte für Nemo hatten wir so 1997, 1998, allerdings genügt das Einkommen, das man über Lizenzgebühren erhält, in den ersten Jahren nicht aus, um davon zu leben. Bevor man also tatsächlich als Designstudio etabliert ist, dauert es so um die zehn Jahre. Man kann sagen, dass man von der Arbeit leben kann, wenn man sicher ist, dass die Hersteller auf einen zukommen und dass man Aufträge erhält, ohne viel Akquisearbeit betreiben zu müssen. Das hören wir jedenfalls auch immer wieder von mehr oder weniger all unseren etablierten Kollegen. Gott sei Dank waren wir am Anfang so naiv und verstanden einfach nicht, was das alles mit sich bringen würde bzw. dass die Chancen, dass alles gut ausgehen würde, eher gering waren.

smow Blog: Wir nehmen an, das heißt ihr wart in den ersten Jahren auf eine Mischung aus Jobs und freiberuflicher Arbeit angewiesen?

Markus Jehs: Nein, nein, keinesfalls – wir haben von Anfang an beschlossen, uns voll und ganz auf die Entwicklung unserer Projekte zu konzentrieren. Design ist ein sehr konzentrierter Prozess, da will man nicht regelmäßig abgelenkt sein, indem man beispielsweise als Freelancer ein Projekt für jemand anderen entwickelt, oder Arbeit macht, die gar nichts damit zu tun hat. Dann dauert nämlich alles noch länger.

smow Blog: Wie Sie sagen, erreichten Sie nach zehn Jahren einen gewissen Grad an Sicherheit. Erreicht man den durch die Masse an Produkten, die produziert werden, oder braucht es da einen echten Verkaufsschlager?

Markus Jehs: Ich würde eher sagen, dass man nach zehn Jahren ausreichend Erfahrung hat und so auch ein besseres Gespür dafür bekommt, ob man das richtige Produkt zur richtigen Zeit entwickelt – das heißt Objekte, die sich tatsächlich in Läden verkaufen, oder die Architekten tatsächlich für ihre Projekte wollen. Es braucht seine Zeit, dieses Gespür zu entwickeln – aber wenn man es einmal raus hat, kann man sehr schnell sagen, ob ein Projekt erfolgreich sein wird oder nicht und kann so sehr viel effizienter arbeiten.

smow Blog: Heißt das auch, dass Sie jetzt in der Lage sind, sich auf ausgewählte Projekte zu konzentrieren, die Sie interessieren, oder gibt es noch immer eine ökonomische Notwendigkeit, so viel zu tun wie nur möglich?

Markus Jehs: Wir machen die Projekte nicht des Geldes wegen. Wir fragen uns eher, ob uns ein Projekt interessiert, ob es uns weiterbringt, ob es uns Spaß macht und – das ist am wichtigsten – ob die Chemie mit dem Auftraggeber stimmt. Die Zeit beispielsweise schickte uns mal eine Liste mit Produkttypen, die formal unattraktiv sind, bei denen aber trotzdem noch keiner auf die Idee gekommen war, sie weiterzuentwickeln. Sie hatten zahlreiche internationale Studios angefragt, neue Ideen für solche Produkttypen zu entwickeln und planten, einige der besten und interessantesten Resultate zu veröffentlichen. Wir beschlossen, für jeden Produkttyp ein fünfminütiges Brainstorming zu veranschlagen und zu sehen, ob sich irgendwelche Ideen entwickeln. Für den Fall würden wir mitmachen, wenn nicht, dann nicht. Uns kamen einige Ideen, die wir dann am Computer präzisierten und der Zeit als gerenderte Bilder schickten. Eines der Objekte war eine Wärmflasche, die auch im Zeit Magazin veröffentlicht wurde. Die Leute riefen an und wollten sie kaufen, woraufhin wir aber nur antworten konnten: “Es tut uns leid, aber die Wärmflasche existiert nicht.” Daraufhin kontaktierten wir den Hersteller Authentics, schilderten die Situation und heute wird die Wärmflasche sehr erfolgreich als Pill vermarktet. Aber das Projekt begann ohne irgendeinen Gedanken ans Geld, sondern einfach nur als eine interessante Idee.

smow Blog: Wenn es aber ums Geld geht: Verlangen Sie als Studio Honorare für die Entwicklung, bevor Sie überhaupt zu arbeiten anfangen?

Markus Jehs: Das ist ganz unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Allerdings ist es uns lieber, solche Entwicklungsgelder nicht zu erhalten. Denn beschließt der Hersteller später aus welchen Gründen auch immer, das Projekt nicht zu veröffentlichen, können wir uns damit ohne Entwicklungsgeld an einen anderen Hersteller wenden – die Arbeit gehört uns. Wenn wir allerdings Geld für die Entwicklung bekommen haben, ist das in moralischer Hinsicht schon schwieriger. Ja, man könnte immer noch woanders hingehen, aber… Uns ist es also lieber, wenn man es bei den Lizenzgebühren belässt.

smow Blog: Wir würden annehmen, dass über die Jahre auch viele Studenten ein Praktikum bei Ihnen absolviert haben. Vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte – würden Sie sagen, dass Studenten heute ausreichend auf das vorbereitet werden, was sie in ihrer professionellen Karriere erwartet?

Markus Jehs: Wir hatten Praktikanten aus der ganzen Welt. Ich würde sagen, dass sie grundsätzlich nicht allzu gut vorbereitet sind, weil meiner Meinung nach der Diskurs über Design, die Diskussionskultur zum Thema Gestaltung und der Kampf um die Gestaltung in der Ausbildung zu kurz kommen. Vielmehr sind sie alle trainiert wie Soldaten: perfekt ausgebildet in der Bedienung jeder Art von Programmen und kompetent bei der Umsetzung von Ideen. Wenn es aber darum geht, Konzepte zu entwickeln, Situationen zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen, gibt es Diskrepanzen. Man hat den Eindruck, dass die Hochschulen so viele Studenten wie möglich rekrutieren müssen, um so viele Fördermittel wie möglich zu akquirieren. Meiner Meinung nach wäre es besser, es gäbe weniger und dafür besser ausgebildete Absolventen.

smow Blog: Sie würden also sagen, dass das Produktdesign auf lange Sicht Schaden nimmt, wenn der Diskurs unter Studenten nicht ausreichend gefördert wird?

Markus Jehs: Es wird einfach alles oberflächlicher! Man sieht das heutzutage auf Messen: Es gibt nur selten irgendwas wirklich Aufregendes oder Spannendes. In der Vergangenheit hatte man immer wieder große Brüche, die alles verändert haben. Heute tauchen solche Momente, die einem erlauben die Dinge anders, oder aus einer anderen Perspektive zu sehen, nur noch sehr selten auf. Eine Menge Design ist heutzutage einfach nur Dekoration.

smow Blog: Tragen Sie dann nicht auch eine Verantwortung, mehr zu lehren, solche Dinge direkt mit Studenten zu diskutieren und einen Diskurs zu befördern?

Markus Jehs: Grundsätzlich sehen wir uns in der Verantwortung, unsere Erfahrungen und Ansichten weiterzugeben, wir können uns das allerdings aus Zeitgründen momentan einfach nicht leisten. Wir müssen sogar regelmäßig Projekte ablehnen. Aber wir legen bei den Studenten, die zu uns kommen, Wert auf solche Themen und merken natürlich, dass die Studenten, wenn man über Projekte spricht, neugierig werden und man gute Diskussionen führen kann.

smow Blog: Besteht nicht auch ein Risiko, dass sich in diesem Markt eine Selbstzufriedenheit einstellt?

Markus Jehs: Es besteht definitiv das Risiko, dass wir es uns zu gemütlich machen, dass wir uns zurücklehnen und denken, “Ok, wenn alles so gut läuft, können wir auch genauso weitermachen”, aber dieser Gefahr sind wir uns bewusst. Also das sollte nicht passieren. Wir wollen uns schließlich als Studio weiterentwickeln.

smow Blog: Die Zukunft gehört also den Möbeln?

Markus Jehs: Ja, Möbel sind unsere Leidenschaft – die haben es uns besonders angetan. Wir sind aber immer offen für alles Interessante und Neue. Beispielsweise durch die Kooperation mit Fritz Hansen ergab sich für uns die Gelegenheit, eine Suite in einem Eishotel zu kreieren, was natürlich etwas vollkommen Neues für uns war und großen Spaß gemacht hat. Wir sind naturgemäß neugierig und haben Vergnügen an Sachen, von denen wir vorher überhaupt keine Ahnung hatten – die wir also völlig naiv angehen können. Das macht Spaß.

Weitere Details über Jehs+Laub und ihre Arbeiten gibt es auf http://jehs-laub.com.

5 neue Designausstellungen im Juli 2016

Die “Ludi Apollinares”-Spiele, die zu Ehren Apollos stattfanden – wurden im Juli 212 v. Chr.* ins Leben gerufen und beinhalteten eine Mischung aus Wagenrennen, Spielen, Tänzen und rituellen Opferungen.

Die folgenden fünf neuen Designausstellungen, die im Juli 2016 eröffnen, können vielleicht nicht mit einem aufregenden Wagenrennen dienen. In vielerlei Hinsicht eignen sie sich aber sehr gut dafür, den griechisch-römischen Gott der Künste, der Poesie, der Musik und des Wissens zu feiern.

Und kein vergoldetes Rind, keine Ziege und keine Färse muss leiden.

“Fast Forward: The Architecture of William F. Cody” im A+D Architecture and Design Museum, Los Angeles, Kalifornien, USA

Die “Wüstenmoderne” ist fraglos eher eine Nischenbranche innerhalb der modernistischen Architektur, wenngleich eine der interessanteren und fotogeneren. Sie sind gewissermaßen die Katzenbilder der Architektur, die Bilder der reduzierten Arbeiten in der kalifornischen Wüste, grundsätzlich mit Sonnenauf- oder Sonnenuntergang, die fast allen Betrachtern ein Lächeln entlocken. Allerdings hat die Wüstenmoderne anders als Katzenbilder mehr als den visuellen Wert zu bieten. Indem sie das formale Verständnis und die Konstruktionstechniken, die eine Generation früher entwickelt wurden, auf die Besonderheiten der kalifornischen Wüste anwendeten, schufen Richard Neutra, E. Stewart Williams oder William F. Cody Arbeiten, die, obwohl sie universell designt wurden, nur in dieser Umgebung funktionieren. Sie zeigen eine andere Perspektive auf die modernistische Architektur und ermöglichen somit ein neues Verständnis und eine neue Wertschätzung der Prinzipien, auf denen die Konstruktionen basieren. Und sie machten das Coachella Valley zu einem der hipsten Partyorte, lange bevor es die moderne Schickeria entdeckte und es kaputt machte. Anlässlich William F. Codys 100. Geburtstag verspricht “Fast Forward” nicht nur eine überschwängliche Feier zu Ehren des Lebens und der Arbeit eines der führenden Protagonisten des Genres. Durch eine Zusammenarbeit mit Studierenden der Cal Poly San Luis Obispo werden auch zeitgenössische Interpretationen einiger Möbel-, Licht- und Typografiedesigns Codys ausgestellt. So geht die Ausstellung eher der allgemeineren Frage nach, inwiefern man ein Design “updaten” kann, insbesondere ein Design, das zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kontext kreiert wurde.

“Fast Forward: The Architecture of William F. Cody” wurde am Sonntag, den 10. Juli im A+D Architecture and Design Museum, 900 E. 4th Street, Los Angeles, CA 90013 eröffnet und läuft bis Sonntag, den 25. September.

Shamel Residence, Palm Desert, California by William F. Cody (Photo © Julius Shulman, courtesy A+D Museum Los Angeles)

Shamel Residence, Palm Desert, Kalifornien von William F. Cody (Foto © Julius Shulman, mit freundlicher Genehmigung des A+D Museum Los Angeles)

“World of Malls. Architekturen des Konsums” im Architekturmuseum der Technischen Universität München

Alles begann mit gelegentlichen Märkten im Freien, Außenstellen, oft an Kreuzungen, wo Händler aus weit entfernten Regionen sich trafen und ihre Waren anboten, bevor sie weiterzogen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Außenstellen dauerhafter und größer, es entstanden Basare, Handelsplätze oder Marktstädte, Zentren des Handels, des Handwerks, der Kultur und der politischen Macht und diese Orte entwickelten sich so immer mehr zu etwas, das weit über das einfache Kaufen und Verkaufen hinausging. Es entwickelten sich auch effiziente Steuersysteme. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs und größtenteils dank der Entwicklungen in Amerika, wird das Shopping-Erlebnis von “der Mall” verkörpert. “World of Malls” konzentriert sich eher auf die Architektur der Shopping Malls als auf deren kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung und präsentiert 23 Beispiele aus der ganzen Welt, anhand derer die Kuratoren nicht nur die architektonische Entwicklung der Shopping Mall seit den 1950er Jahren, sondern auch die Entwicklung der Beziehung des Einkaufszentrums zur weiteren städtischen Umgebung zeigen wollen. So stellen sie die Frage, ob die Dinge wirklich “fortgeschritten” sind, seit die Händler von damals unter dem Baum am Ententeich standen. Oder ob einfach nur alles größer geworden ist.

“World of Malls. Architekturen des Konsums” wird am Donnerstag, den 14. Juli im Architekturmuseum der Technischen Universität München, Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München eröffnet und läuft bis Sonntag, den 16. Oktober.

The Horton Plaza, San Diego, California by Jon Jerde (Photo © The Jerde Partnership)

The Horton Plaza, San Diego, Kalifornien von Jon Jerde (Foto © The Jerde Partnership)

“Nathalie Du Pasquier: Big Objects Not Always Silent” in der Kunsthalle Wien, Österreich

Als eines der Gründungsmitglieder der Memphis Group spielte Nathalie Du Pasquier eine wichtige Rolle dabei, die Haltungen gegenüber Kunst, Design, Form, Funktion und letztlich Ästhetik neu zu formen. Im Wesentlichen tat sie dies durch die vielen von ihr gestalteten Textil- und Laminatdesigns sowie dem, was man als “Oberflächendesigns” bezeichnen könnte und die in ihrer abstrakten Grellheit den Memphis Stil mitdefinierten. Nach der Memphis Gruppe setzte Nathalie Du Pasquier ihre Entdeckung von Farben und Formen durch künstlerische Arbeiten fort und seit den späten 1980er Jahren arbeitet sie ausschließlich als Künstlerin. Das Werk der Autodidaktin Nathalie Du Pasquier konzentriert sich größtenteils auf Stillleben. Ihre frühen künstlerischen Arbeiten drücken eine wunderbare Naivität aus und wurden über die Jahrzehnte und durch die steigende Konzentration auf einige eingeschränkte Formen immer puristischer. Sie wurden dann von 2D- zu 3D- und skulpturalen Objekten, die formal oft an Memphis erinnern, wenn auch ohne die Funktionalität, die Kunst von Design trennt. Obgleich sie als Designerin größtenteils in Vergessenheit geraten ist, ist das Interesse an Nathalie Du Pasquiers Textildesigns  in den letzten Jahren wieder gestiegen. Dies zeigte sich hauptsächlich in Wrong for Hays Neuauflage einer Auswahl ihrer Designs. Die Ausstellung “Big Objects Not Always Silent” in der Kunsthalle Wien verspricht Arbeiten aus Nathalie Du Pasquiers Werk aus verschiedenen Jahrzehnten und Genres. Das Ausstellungskonzept sieht eine ausführliche Präsentation der Künstlerin und ihres Werkes vor und stellt auch interessante Entdeckungen der Beziehung zwischen Kunst und Design in Aussicht.

“Nathalie Du Pasquier: Big Objects Not Always Silent” wird am Freitag, den 15. Juli in der Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien, Österreich eröffnet und läuft bis Sonntag, den 13. November.

Arizona carpet by Nathalie Du Pasquier, 1983 (Photo: Studio Azzurro, Courtesy Memphis Milano)

Arizona Teppich von Nathalie Du Pasquier, 1983 (Foto: Studio Azzurro, mit freundlicher Genehmigung von Memphis Milano)

Friends + Design im Kunstgewerbemuseum Dresden

In der Branche der freischaffenden Produktdesigner ist es so, dass enge Freunde oft direkte “Mitbewerber” sind. Zwar nicht im kämpferischen Sinn, denn die Branche ist zumindest noch nicht so hart umkämpft, Mitbewerber sind sie nichtsdestotrotz. Die Erfolgschancen sind gering, die Unfähigkeit und der Widerwille des Marktes, alles zu absorbieren, bedeutet, dass nur sehr wenige freischaffende Produktdesigner von ihrer Kreativität wirklich gut leben können. Der alte Kumpel aus Unizeiten oder der Atelierpartner ist oft genauso eine Gefahr für die Karriere wie ein ehrlicher Ratgeber. Was macht man da? Die Antwort des Kunstgewerbemuseums Dresden war es, befreundete internationale Designer zusammenzuführen, sie damit zu beauftragen, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln und so die freundliche Rivalität, diese merkwürdige Spannung, die zwischen Designern besteht, in einen kreativen Prozess einfließen zu lassen und potenzielle neue Einblicke in das Verständnis von und den Ansatz zum Design der ausgewählten Sieben zu ermöglichen.

“Friends + Design” wurde am Samstag, den 9. Juli im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, Wasserpalais,
August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden eröffnet und läuft bis Dienstag, den 1. November.

Friends + Design at the Kunstgewerbemuseum Dresden (Photo Marco Cappelletti © DSL Studio, Courtesy Kunstgewerbemuseum Dresden)

Friends + Design im Kunstgewerbemuseum Dresden (Foto Marco Cappelletti © DSL Studio, mit freundlicher Genehmigung des Kunstgewerbemuseum Dresden)

“New Romance: art and the posthuman” im Museum of Contemporary Art, Sydney, Australien

Kunst ist nicht Design und sollte nie damit verwechselt werden. Allerdings können Kunst und Design einander beeinflussen, neue Perspektiven aufeinander bieten und in Kombination können sie oftmals unser Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft effektiver voranbringen, als einer von beiden allein. Eine Vorstellung wie dieser Dialog funktionieren könnte, verspricht “New Romance: art and the posthuman”Die Ausstellung wurde gemeinsam vom Museum of Contemporary Art Australia und dem Korean National Museum of Modern and Contemporary Art organisiert und ursprünglich in Seoul präsentiert. Gezeigt werden Arbeiten von 18 koreanischen und australischen Künstlern, die darlegen, was der Begriff “menschlich” heute bedeutet und in Zukunft bedeuten könnte. Die Ausstellung betrachtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven und stellt eine Mischung aus Objekten, Videos und Performances in Aussicht, die sich auf Themen wie gegenwärtige Kommunikation, die Entwicklung ethischer Realitäten und unsere Beziehung zur natürlichen Welt konzentrieren. Wir hätten es bevorzugt, wenn einige Designer miteingebracht worden wären, aber als Kunstausstellung verspricht “New Romance”, eine sehr zum Nachdenken anregende, informative und vor allem unterhaltende Erkundung unserer zeitgenössischen Welt.

“New Romance: art and the posthuman” wurde am Donnerstag, den 30. Juni im Museum of Contemporary Art, 140 George Street, The Rocks, Sydney eröffnet und läuft bis Sonntag, den 4. September.

Airan Kang, Digital Book Project, 2016 (Photo Courtesy and © the artist and Gallery Simon, Seoul)

Airan Kang, Digital Book Project, 2016 (Foto mit freundlicher Genehmigung und © der Künstler und Gallery Simon, Seoul)

* Wir wissen, dass es keinen “Juli 212 v. Chr.” gab, aber  “Quintilis 212 v. Chr.” oder sogar “Quintilis im Jahre des Konsulats von Flaccus und Pulcher” zu schreiben, wäre auch nicht besonders hilfreich gewesen…

Design-Europameisterschaft 2016: Rückblick und Vorschau aufs Finale

Nach vier Wochen Wettbewerb an verschiedenen Orten in ganz Frankreich bereitet sich die Design-EM 2016 darauf vor adieu, au revoir und ein herzliches merci zu sagen. Der ideale Zeitpunkt also das Geschehene Revue passieren zu lassen.

Während die ersten paar Tage mehr durch ihre Geschehnisse abseits des Spielfeldes für Aufmerksamkeit sorgten – insbesondere durch die Aktivitäten von Design-Fans aus Russland und England, entwickelte sich die Design 2016 langsam in ein, wenn auch nicht klassisches, sicher aber ehrliches Turnier, das das zeitgenössische europäische Design realistisch wiedergibt.

Und es wurden dabei einige Wahrheiten bestätigt: Spaniens frühes Ausscheiden unterstreicht die Notwendigkeit eines Generationenwechsels und der Entwicklung neuer Ideen im iberischen Design. Die Dominanz von Teams aus “West”-Europa hebt das hervor – trotz der deutlichen und sehr willkommenen Verbesserung bei Ländern wie Kroatien, Ungarn oder der Slowakei. Es muss noch mehr gemacht werden, um ihr Design international wettbewerbsfähig zu machen. Während Englands mittelmäßige Leistung einmal mehr gezeigt hat, dass es nicht genug ist, ein paar Spitzenverdiener und Vollprofis zu haben, um zu den international führenden Designnationen zu gehören. Individuelles Talent ist nicht genug; man braucht auch ein System, welches die Designkultur genauso wie den Kommerz fördert. Außerdem zeigt sich hieran, dass es nicht unbedingt hilfreich ist, die Spielerlisten mit ausländischen Designern zu füllen, wenn man eigentlich die heimischen Talente fördern sollte.

Aber nun zu unserer Prognose für Sonntag, wenn Portugal auf Frankreich trifft.

Portugal:

Obwohl sie nie selbst als Produktdesignerin gearbeitet hat, mit ihrer Wiederentdeckung und vor allem ihrer Modernisierung des Azulejo hat Portugals Trainerin Maria Keil zweifelsfrei dazu beigetragen, einen neuen Sinn in die nationale Identität und das Selbstwertgefühl des portugiesischen Designs zu bringen. Mit einem der jüngsten Teams bei der Design 2016 haben die Portugiesen ein sehr erwachsenes und feines Gespür für Farbe, leichte Formen und Materialkombinationen gezeigt.

Torwart: Antonio Garcia
Der alte Meister des portugiesischen Designs Antonio Garcia ist nicht nur ein Maßstab für jüngere Spieler, sondern das sicherste paar Hände im Spiel.

Verteidigung: Bruno Carvalho, Paulo Sellmayer, Tiago Sá da Costa, Rita Botelho
Alle vier spielten zusammen im legendären Made out Portugal Team, das vor ein paar Jahren das europäische Spiel dominiert hat. Das Projekt kam traurigerweise zu einem schnellen Ende, aber die einzelnen Talente und der Gruppenzusammenhalt jener Tage ist geblieben.

Mittelfeld: Rita João, Pedro Ferreira, Gonçalo Campos, Maria Bruno Néo
Allesamt Absolventen des Fabrica Design and Communication Research Center in Treviso, Italien präsentiert dieses sehr junge portugiesische Mittelfeld nicht nur eine neue Generation portugiesischer Designer, sondern auch eine neue Selbstsicherheit.

Sturm: Rui Alves, Carmo Valente
Rui Alves, einer von Portugals erfolgreichsten und fleißigsten Designern, wird nie müde neue Wege und Zugänge zu suchen, um die Verteidigung zu schlagen. Dabei hat er mit Carmo Valente Rui den perfekten Flügelmann.

Design-Europameisterschaft 2016 Finale - Startaufstellung Portugal

Design-Europameisterschaft 2016 Finale – Startaufstellung Portugal

Frankreich:

Als der Mann, der Frankreich von seiner stilistischen Verwirrung des Art Deco zur Einfachheit der Moderne geführt hat, und der die Moderne dann weitergetrieben und seine soziale Akzeptanz herbeigeführt hat, versteht der französische Trainer Jean Prouvé die Funktion zeitgenössischen Designs vielleicht besser als jeder andere. Eine Tatsache, die hilft den Mix aus Erfahrung und Jugend zu erklären, der seine Team-Auswahl charakterisiert: zeitgenössisches Design darf nicht nur innovativ sein, sondern muss auch relevant sein.

Torwart: Jean-Marie Massaud
Obwohl Jean-Marie Massauds Spiel immer mächtig war und selbstbewusst den Raum dominiert hat, hat er, seit er in die amerikanische Liga gewechselt ist, zunehmend die vorzüglichen Finessen der historischen französischen Design-Tradition wiederentdeckt – und in das französische Team eingebracht.

Verteidigung: Philippe Stark, Pierre Paulin, Julien Phedyaeff, Pierre-François Dubois
Mit Starck und Paulin, den Rangältesten des zeitgenössischen französischen Designs, sowie Phedyaef und Dubois, den zwei Stars des französischen Aufsteigers Hartô, hat Prouvé eine Verteidigung gewählt, die die Tradition französischen Designs versteht, aber auch keine Angst vor zukunftsgewandten Lösungen haben.

Liberos: Ronan Bouroullec, Erwan Bouroullec
Eine stabile Partnerschaft seit über 20 Jahren, sind die Bouroullec Brüder bekannt für ihre unterschiedlichen Stile. Der eine ein Fuchs, der andere ein Igel. Und genau wegen dieser Kombination ist ihre Arbeit immer für eine Überraschung gut.

Mittelfeld: Charlotte PerriandEileen GreyIonna Vautrin
Das vertraute weibliche französische Mittelfeld bestehend aus Charlotte Perriand und der ursprünglich aus Irland stammenden Eileen Grey spielt ein sehr klares, traditionelles Spiel, während die jüngere Ionna Vautrin einen frischen, zeitgemäßen Zugang einbringt, der den ihrer erfahreneren Kolleginenn ergänzt.

Sturm: Jean Angelats
Neben seiner Größe bringt Jean frischen Atem in den französischen Angriff, indem er eine klassische Design-Philosophie mit sehr individuellen, fast schon eigentümlichen Form-, Material und Techniklösungen kombiniert.

Prognose:

Trotz Portugals Führung in Farbe und Ästhetik, sollte Frankreichs größerer Erfahrungsschatz und vor allem Variabilität zur Führung verhelfen. 2:0 für Frankreich.

Design-Europameisterschaft 2016 Finale - Startaufstellung Frankreich

Design-Europameisterschaft 2016 Finale – Startaufstellung Frankreich

Design Miami Basel 2013 Jean Prouve Maison des Jours Meilleurs Galerie Patrick Seguin

Jean Prouve – Maison des Jours Meilleurs

Estação Praca de Espanha Lissabon (Maria Keil, 1959)

Estação Praca de Espanha Lissabon (Maria Keil, 1959)

NeoCon Chicago 2016: Top Five!

Auch auf die Gefahr hin, dass es jetzt politisch wird: Der Begriff “neokonservativ”/”neokon” hatte nicht immer den besten Ruf. Besonders in Europa nicht, wo seine Konnotation mit der amerikanischen Vorherrschaft durch das Militär ihn lange mit Verdacht, Intrigen und allgemeiner Ablehnung in Verbindung brachte.

Daher ist es für uns umso amüsanter, dass die “NeoCon” eine von Amerikas größten Messen für zeitgenössische Möbel werden sollte. Die Bilder, die dieser Name heraufbeschwört, konnten uns einen ganzen Langstreckenflug lang erheitern…

Die “NeoCon” findet seit 1969 im Showroom und Ausstellungszentrum des Merchandise Mart in Chicago statt, einem Gebäude also, das so groß ist, dass es eine eigene Postleitzahl hat. Die Messe ist Amerikas größte Plattform für “Objektmöbel”, also im Wesentlichen – wenngleich nicht ausschließlich – Büromöbel. 2016 waren auf der Veranstaltung etwa 500 Firmen zugegen, die sich über drei Etagen mit festen Showrooms und über eine weitere Etage mit temporären Messeständen verteilten.

Das Wichtigste zuerst. Die NeoCon ist nicht glamourös. Ein Gebäude voller Männer in Anzügen, die andere Männer in Anzügen davon überzeugen wollen, dass ihre Stühle ergonomischer und umweltverträglicher sind, dass ihre höhenverstellbaren Tische gesundheitsfördernder und ihre schalldichten Vorrichtungen schalldichter sind als die äußerst ähnlich aussehenden Produkte der Konkurrenz, ist kein wirklich guter Ort, um sich selbst zu finden.

Veranstaltungen wie die “NeoCon” sind dazu da, Möbel zu verkaufen, oder zumindest den potentiellen Verkauf von Möbeln zu bewerben. Das ist ihre Daseinsberechtigung. Wir, die wir von Design fasziniert sind, müssen uns den Weg dort hindurch bahnen in der Hoffnung, Projekte zu finden, die uns bestätigen, dass eine designorientierte Möbelindustrie eine gesunde und nachhaltige Möbelindustrie ist.

Und das haben wir!

Was folgt, ist wie immer unsere subjektive Beurteilung dieser neuen, oder zumindest für uns neuen, ausgestellten Produkte. Wie immer haben wir nicht alles gesehen und nicht unbedingt alles verstanden, was wir gesehen haben. Vor diesem Hintergrund präsentieren wir euch hier unsere Top Five von der NeoCon Chicago.

Horsepower von Antenna Design für Knoll

Wir wir letztens bereits bemerkt haben, geht es bei gutem Design nicht unbedingt darum, die richtige Lösung zu finden, sondern die Frage richtig zu verstehen. Deswegen bewunderten wir die Kantbank von Andreas Grindler für kkaarrlls und die Metallstange, die die Ausstellungshallen in Mailand umgibt. Diese ist vermutlich aus Sicherheitsgründen da, stellt aber oft das beste Stuhldesign jeder Halle dar. Manchmal wollen wir uns einfach kurz hinsetzen. Daher waren wir von Horsepower von Antenna Design für Knoll auch so begeistert. Wenn ihr das nächste Mal in der Stadt oder in einem Einkaufszentrum unterwegs seid, dann achtet mal darauf, wie viele Menschen auf Treppen, Pollern, Fensterbänken, ihrem Gepäck oder auf dem Boden sitzen. Jede fünfte Person lädt ein Mobilgerät in einer ungünstig gelegenen Steckdose auf. Sie brauchen einen einfachen Balken mit Polsterung, Steckdosen und USB-Ladestationen. Die Welt kann so einfach sein.

Horsepower by Antenna Design for Knoll, as seen at NeoCon Chicago 2016

Horsepower von Antenna Design für Knoll, gesehen bei der NeoCon Chicago 2016

BuzziJungle von Jonas Van Put für BuzziSpace

Die Zukunft von Büros ist vertikal. Das gilt natürlich nicht für alle Büros, das wäre lächerlich. Als Teil von ganzheitlichen Bürokonzepten, die Stillarbeitsplätze und Bereiche für konzentrierte Gruppenarbeit, Brainstorming, soziale Interaktion und Ruhepausen beinhalten, werden vertikale Lösungen immer unvermeidbarer, da sie räumliche und organisatorische Möglichkeiten bieten, die traditionelle “2D”-Büros nicht bieten können. In der Vergangenheit haben wir neben anderen Innovationen die Installation “The End of Sitting” von RAAAF & Barbara Visser in der Galerie Looiersgracht 60 in Amsterdam und das “Shrinking Office Project” von dem in Rotterdam ansässigen Roy Yin positiv erwähnt. Soweit wir wissen – und wir mögen uns irren – ist BuzziJungle die erste im Handel erhältliche Lösung für ein vertikales Arbeitsplatzmodell. BuzziJungle wurde von dem belgischen Designer Jonas Van Put für die belgische Marke BuzziSpace entwickelt, ist frei konfigurierbar und kann so den speziellen Anforderungen eines Raumes angepasst werden. Auf verschiedenen Etagen bietet es viele Sitz- und Liegemöglichkeiten und somit einen Platz für zwanglose Gruppenarbeit oder für Ruhepausen der Arbeitnehmer. Wir sind nicht unbedingt begeistert davon, dass Drahtgitter als Basis zum Sitzen/Liegen verwendet wurden. Wir verstehen den Gedanken dahinter, finden aber, dass ein leichtes Gefühl von “Gefängnis” ausgelöst wird. Wir hätten der starren, dauerhaften Version, die präsentiert wurde, ein modulares System vorgezogen. Als Einstieg in eine schöne neue Welt ist BuzziJungle jedoch ein sehr positiver und sehr willkommener Schritt. Dass BuzziSpace diesen gegangen ist, ergibt nicht nur Sinn, sondern verspricht auch Gutes für zukünftige Entwicklungen.

BuzziJungle by Jonas Van Put for BuzziSpace, as seen at NeoCon Chicago 2016

BuzziJungle von Jonas Van Put für BuzziSpace, gesehen bei der NeoCon Chicago 2016

Massaud Conference Low Back von Jean-Marie Massaud für Coalesse

Der Massaud Chair, den der französische Designer Jean-Marie Massaud für den US-Hersteller Coalesse entworfen hat, ist nicht neu. Neu ist die Low Back Conference Version und für uns sind das entscheidende, wenn nicht sogar krönende Merkmal die Armlehnen. Optisch erinnert er sehr an Hans J. Wegners PP19 “Papa Bear Chair” und die wohlüberlegte Krümmung macht die Armlehnen komfortabel und das ist bei Armlehnen – ein bisschen absurd – nicht immer der Fall. Zusätzlich sorgen sie für einen hohen Sitzkomfort, ohne den Sitzenden unnötig einzuengen. Man hat seine Freiheit und genießt sie. Fügt man diesem Komfort und dieser Nutzerfreundlichkeit die sehr schöne, cleane Verbindung zwischen Sitz und Rückenlehne und die einladende Vertrautheit hinzu, die man eher mit einem Lounge Chair als mit einem Konferenzstuhl verbindet, so erhält man ein sehr rundes, interessantes Objekt. Ja, der Markt für Konferenz- und Gästestühle ist übersättigt, aber für uns ist der Massaud Conference Low Back eine sehr erfreuliche Ergänzung des Genres. Und wir kennen da viele, ohne die wir auch ganz gut zurechtkommen würden.

Massaud Conference Low Back by Jean-Marie Massaud for Coalesse

Massaud Conference Low Back von Jean-Marie Massaud für Coalesse

Presto von Thorsten Franck für Wilkhahn

Bei Möbeldesign geht es nicht nur darum, formal attraktive Objekte zu entwickeln. In vielerlei Hinsicht ist das sogar das Letzte, worum es geht. Eher steht beim Möbeldesign im Fokus, sich dort an den Wandel im sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereich anzupassen, wo Möbel genutzt werden. Es geht darum, sich dem technologischen Wandel und somit neuen Verarbeitungsmöglichkeiten anzupassen, der Entwicklung der Materialien zu folgen und sie auf neue Produkte und/oder Produktionsprozesse zu übertragen. Ein wunderbares Beispiel für Letzteres ist der Presto Hocker, den der in München ansässige Designer Thorsten Franck für den deutschen Hersteller Wilkhahn entworfen hat. Der bikonische Hocker ist in Sachen Form nicht besonders neu oder aufregend, er ist zweifellos optisch ansprechend. Die Tatsache, dass es sich um einen mit einem 3D-Drucker hergestellten Hocker handelt, ist allerdings sehr neu und aufregend. Thorsten Franck zufolge ist die Möglichkeit, solch einen Hocker zu drucken, erst im Laufe der neuesten Entwicklungen von im Handel erhältlichen Materialien für den 3D-Druck entstanden. Theoretisch war das bereits möglich, allerdings mangelte es noch an der Wärmestabilität und an heißen Tagen konnte die Stabilität der Struktur nicht garantiert werden. Neuere Materialien sind wärmebeständiger und bieten die erforderliche Robustheit. Auch das äußere Muster ist wichtig für die Beständigkeit des Hockers Presto. Das Muster sorgt für die physische Stabilität der sehr dünnwandigen Struktur und ist mehr als bloße Verzierung. Hier folgt die Form der Funktion insofern, als die Dekoration funktional ist. Wir denken, diese Tatsache ist sehr im Sinne Louis H. Sullivans.

Neben dem Objekt selbst begeistert uns an Presto besonders, dass es uns einen Schritt näher an die dezentralisierte industrielle Möbelproduktion heranbringt. Der Gedanke, ein Möbel am Ort X zu produzieren und es um die Welt zu transportieren, ist immer weniger zu rechtfertigen und jede technologische, materielle oder den Prozess betreffende Entwicklung, die uns einen Schritt näher zur Reduzierung des Ganzen auf ein Mindestmaß bringt, muss beglückwünscht werden.

Formal ist das Produkt in verschiedenen Mustern und Größen erhältlich. Die NeoCon Chicago war ein “Pre-launch-launch” und der Launch des Produkts und seiner Verfügbarkeit auf dem Markt ist für die Orgatec Köln im kommenden Herbst geplant.

Presto 3D printed Stool by Thorsten Franck for Wilkhahn, as seen at NeoCon Chicago 2016

Presto 3D-Druck Hocker von Thorsten Franck für Wilkhahn, gesehen bei der NeoCon Chicago 2016

Presto by Thorsten Franck for Wilkhahn, as seen at NeoCon Chicago 2016

Presto von Thorsten Franck für Wilkhahn, gesehen bei der NeoCon Chicago 2016

Zip von Alex Akopova für Bernhardt Design

Sofabeine haben ohne Frage eine wichtige Funktion, sind aber nicht immer notwendig. Genau wie ein Bett, kann auch ein Sofa direkt auf dem Boden stehen. Zip von Alex Akopova wurde als Teil der langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem US-Hersteller Bernhardt Design und Studenten des in Pasadena ansässigen Art Center College of Design entworfen. Es zeigt wunderbar, dass das Entfernen der Beine nicht nur die Beziehung des Sofas zu einem Raum ändert, sondern auch für eine neue Sitzerfahrung, verschiedene Sitzmodi und somit eine andere Beziehung zu dem Sofa sorgt.

Ja, es ist ein Sofa. Zip ist kein glorifizierter Sitzsack, sondern ein Sofa. Noch dazu ein sehr bequemes und ein modulares obendrein. Die einzelnen Module sind robust, ohne zu wuchtig zu wirken und mit einem Reißverschluss verbunden, sodass sie mühelos zusammengebaut und umgestellt werden können. So passt sich das Möbel an die jeweiligen Bedürfnisse des Nutzers an, sei es in Form einer Sitzgruppe, einzelner Sessel oder einer Sofalandschaft. Diese Funktionalität ist vielleicht für Büros, Geschäfte und öffentliche Räume wichtiger als für den Wohnbereich. Obwohl es für Arbeitsbereiche entworfen wurde, funktioniert Zip für uns genauso gut als Objekt im Wohnbereich.

Ein anderer Vorteil eines Sofas ohne Beine ist natürlich, dass, solltest du darauf ein kurzes Nickerchen machen oder einschlafen, weil Donnerstag ist und es eine lange Woche war, und herunterrollen, du nicht so tief fällst. Das kann wichtig sein……..

Zip by Alex Akopova for Bernhardt Design, as seen at NeoCon Chicago 2016

Zip von Alex Akopova für Bernhardt Design, gesehen bei der NeoCon Chicago 2016

smow Blog kompakt: Sitzend oder stehend arbeiten, das ist noch immer die Frage…

In einem früheren Blogpost erwähnten wir bereits, dass langes Sitzen zur Verkürzung der Telomere und so zu einer größeren Anfälligkeit für gesundheitliche Probleme wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann. Eine neue Studie von Wissenschaftlern der Texas A&M Health Science Center School of Public Health scheint darauf hinzudeuten, dass regelmäßiges Stehen bei der Arbeit neben gesundheitlichen Vorteilen auch die Produktivität steigern kann.

Die Studie basiert auf Daten von Mitarbeitern eines Call Centers in Texas, die innerhalb von sechs Monaten erhoben wurden. Die Forscher fanden heraus, dass diejenigen, die entweder stehend und sitzend (“sit-to-stand”) oder nur stehend (“stand-biased”) arbeiteten, um 46% produktiver waren, als eine im Sitzen arbeitende Kontrollgruppe. Die “Stehenden” standen nicht die ganze Zeit, sondern hatten eher die Wahl, sitzend oder stehend zu arbeiten und verbrachten durchschnittlich etwa 73% ihrer Zeit sitzend, während die andere Gruppe durchschnittlich etwa 91% der Zeit saß. Das entspricht im Laufe eines Acht-Stunden-Tages etwa 1,5 Stunden weniger Sitzen.

Als mögliche Gründe für die geringere Produktivität im Sitzen werden Schmerzen im unteren Rücken und allgemeine körperliche Beschwerden genannt. Für die höhere Produktivität im Stehen werden als mögliche Gründe die Steigerung der kognitiven Funktionen und so der Konzentration angeführt.

Demzufolge scheint die Studie aufzuzeigen, dass Angestellte, die entscheiden dürfen, ob sie sitzen oder stehen möchten, in bestimmten Situationen und Umgebungen nicht nur gesünder sind, sondern auch produktiver, als wenn sie den ganzen Tag sitzen müssen.

Wenn auch einige Fragezeichen bleiben.

Die sitzende und die stehende Gruppe scheinen unterschiedliche Stühle gehabt zu haben. Der Bericht nennt die Stühle der stehenden Gruppe und bestätigt so, dass zwei verschiedene Bürostuhltypen genutzt wurden, einer von Steelcase und einer von Neutral Posture. Leider steht dort nicht, welcher Stuhl von der sitzenden Gruppe genutzt wurde, anhand der Fotos gehen wir aber davon aus, dass es sich um einen dritten Stuhltypen handelte. Es könnte also einen beeinflussenden Faktor gegeben haben, den es zu widerlegen gelten würde – besonders wenn man akzeptiert, dass (mangelnder) Sitzkomfort ein Grund dafür ist, dass die Produktivität beim Sitzen geringer ist. Dies wird von den Wissenschaftlern bestätigt, indem sie sagen: “Es ist möglich, dass die gleiche Produktivität hätte erreicht werden können, wenn die körperlichen Beschwerden auch für die sitzende Gruppe durch effektive ergonomische Verbesserungen der Sitzarbeitsplätze reduziert worden wären.” Es ist also noch mehr Forschung notwendig, besonders was das Verhältnis von körperlichen Beschwerden und kognitiven Funktion betrifft.

Ungeachtet dieser Überlegungen liefert die Studie jedoch allgemein weitere Beweise dafür, dass regelmäßiges Arbeiten im Stehen oder das Wechseln der Arbeitsposition von Vorteil sind und dass hohe und/oder höhenverstellbare Arbeitsplätze in alle gegenwärtigen Büro-Designkonzepte gehören.

Die gesamte Studie gibt es hier: Gregory Garrett, Mark Benden, Ranjana Mehta, Adam Pickens, Camille Peres & Hongwei Zhao (2016): Call Center Productivity Over 6 Months Following a Standing Desk Intervention, IIE Transactions on Occupational Ergonomics and Human Factors.

The height adjustable desk Hack by Konstantin Grcic for Vitra.

Der höhenverstellbare Schreibtisch Hack von Konstantin Grcic für Vitra.

Vitra Schaudepot: Ein neues Zuhause für die Kollektion des Vitra Design Museums

Mit der Eröffnung des Vitra Schaudepots ist der Vitra Campus nicht nur um ein weiteres Gebäude gewachsen. Das Vitra Design Museum hat sich auch den langjährigen Traum einer Ausstellungsfläche erfüllt, auf der es seine Kollektion in vollem Umfang präsentieren kann, oder zumindest umfangreicher, als es bisher möglich war.

Vitra Schaudepot by Herzog & de Meuron

Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron

Die Ursprünge der Vitra Kollektion gehen auf das Jahr 1981 zurück, als der damalige Vitra Geschäftsführer Rolf Fehlbaum begann, aus persönlichem Interesse historische Beispiele von Arbeiten von Charles Eames, Alvar Aalto und Jean Prouvé zu kaufen. Daraus wurde eine Sammlung von etwa 20 000 Objekten, inklusive etwa 7000 Stühlen und 1000 Leuchten aus verschiedenen Genres, Generationen und Teilen der Welt. Die Kollektion entwickelte sich zu einer der umfangreichsten und wichtigsten Sammlungen von Möbeln des 19., 20. und 21. Jahrhunderts.

Dennoch blieb die Kollektion im Keller des Bürogebäudes des Vitra Design Museums verborgen und wurde für die seltenen Momente aufgespart, in denen Objekte für eine Ausstellung benötigt wurden.

Damit war niemand zufrieden.

Als Marc Zehntner und Mateo Kries 2011 zu den gemeinsamen Direktoren des Vitra Design Museums ernannt wurden, ergab sich die Gelegenheit, die Richtung, die Funktion und das Präsentationskonzept des Museums zu überdenken. Vor allem konnten neue Projekte beginnen und so entstand zum Beispiel Raum für eine Dauerausstellung der Sammlung des Vitra Design Museums.

Rolf Fehlbaums ursprünglicher Plan war es, eine unterirdische Ausstellungsfläche neben der bestehenden Lagerfläche zu schaffen und so zu tun, als wäre es eine natürliche Erweiterung des bestehenden Platzes in den öffentlichen Bereich. Er fragte die in Basel ansässigen Architekten Herzog und de Meuron, ob sie Interesse hätten einen “Eingang” für den neuen Raum zu gestalten. Hier muss man hinzufügen, dass Rolf Fehlbaum die Aufrichtigkeit und den Humor hat, zuzugeben, dass er mit solchen Ideen nur zu Herzog und de Meuron kommen kann, weil er sie schon so lange kennt.

Jacques Herzog und Pierre de Meuron überzeugten Rolf Fehlbaum allerdings davon, dass es besser wäre, überirdisch zu bauen, besonders weil ein ehemaliges Gebäude zur Stahlaufbewahrung neben den Büros des Vitra Design Museums nicht mehr genutzt wurde und so die perfekte, fertige Lösung bot. Oder geboten hätte, wäre es nicht in solch einem schlechten baulichen Zustand gewesen, dass eine Renovierung nicht möglich war. Daraufhin entwarfen Herzog und de Meuron stattdessen ein Gebäude von gleicher Größe und gleichem Volumen, in dem die Verbindung zwischen der öffentlichen Ausstellungsfläche – der “Schau” an sich – und des nicht-öffentlichen Lagers des Vitra Design Museums – des “Depots” – durch eine Öffnung in einer Wand entsteht, durch die der Besucher von oben nach unten schauen kann.

Vitra Schaudepot by Herzog & de Meuron

Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron

Mateo Kries erklärt, dass das Gebäude bewusst geschlossen und ohne Fenster gebaut wurde, aus konservatorischer Perspektive ist jedes Fenster im Lager eines Museums eines zu viel. Das Schaudepot wurde aus Ziegelsteinen, die vor Ort zerbrochen wurden und mit den raueren, zerbrochenen Ecken nach außen zeigen, errichtet. So wurde in der Praxis bereits in der Vergangenheit vorgegangen und laut Jacques Herzog wird so weniger ein Mauerwerk- und mehr ein Stoffeffekt erzielt. Außerdem erinnert es uns in vielerlei Hinsicht an die sogenannte Quetschfuge, die Egon Eiermann dazu nutzte, um dem Äußeren seines Projekts Wohnhaus Matthis 1937 in Potsdam eine physische 3D-Struktur zu verleihen. Das Vorgehen sorgt mit wenig Wirbel, Ressourcen und Geld für einen reizvollen Effekt und könnte auch etwas damit zu tun haben, wie das Gebäude das Licht reflektiert. Unter der warmen Junisonne fühlten wir uns wie am Set eines Western und das Schaudepot verströmte den vertrauten, seltsam einladenden Charme einer langsam zerfallenden Finca in New Mexiko. Wir haben den Verdacht, dass es sich unter dem grauen Winterhimmel in Weil am Rhein ganz, ganz anders anfühlen wird. Wir erwarten Scandinavian Noir, was genauso einladend und verlockend wäre.

Mit einem Satteldach ähnelt das Vitra Schaudepot nicht nur einem “Zuhause”, sondern nimmt auch Bezug auf das ebenfalls von Herzog und de Meuron entworfene VitraHaus und ist ein ruhiges, bescheidenes Gebäude, leicht zu verfehlen und doch fast nicht zu ignorieren. Es ergänzt sehr gut die benachbarten Büros des Vitra Design Museums, Zara Hadids Feuerwehrhaus und Nicholas Grimshaws Fabrikgebäude, es widerspricht ihnen und stellt so eine ausgezeichnete Neuerung auf dem Vitra Campus dar.

Außerdem eröffnet das neue Schaudepot den Vitra Campus und Rolf Fehlbaum spricht davon, dass das Projekt dem Campus einen neuen Charakter verleiht. Damals forderten wir, Rolf Fehlbaum solle den Zaun rund um den Vitra Campus abreißen, um die architektonischen Ausstellungsobjekte zugänglicher zu machen. Vitra ist dem nicht nachgekommen, aber mit der Errichtung eines neuen Zauns, um den industriellen Teil des Komplexes mehr einzugrenzen, haben sie den direkten Zugang zum Feuerwehrhaus und das benachbarte Schaudepot ermöglicht… und jetzt verstehen wir endlich den Álvaro-Siza-Weg. Als er 2014 eröffnet wurde, dachten wir, es wäre ein netter Weg. Aber jetzt verstehen wir ihn, verstehen die weitreichende Denkweise hinter dem Projekt und wie es den Campus physisch und konzeptuell verbindet und all das ohne selbst zu dominant zu sein. Oder, wie wir in unserem damaligen Post schrieben, “Es handelt sich also tatsächlich nur um einen Weg”.

The Vitra Fire Station by Zaha Hadid and the Vitra Schaudepot by Herzog & de Meuron

Das Vitra Feuerwehrhaus von Zaha Hadid und das Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron

Innen ist der Name Programm, es ist ein Lager. Etwa 400 Objekte aus über 100 Jahren Designgeschichte wurden chronologisch in Regalen auf drei Ebenen angeordnet. Sie repräsentieren den Wandel im Verständnis für Ästhetik und Form, Veränderungen in den Bereichen Technologie und Materialien und Entwicklungen im Bereich Funktion und der kulturellen Relevanz von Möbeln. Es geht hauptsächlich um Stühle und wir denken, der Grund dafür ist, dass es in unserer materiellen Welt wenig gibt, das einen solchen Wandel so gut und so deutlich zeigt wie der “einfache” Stuhl. Es gibt aber auch Tische, Regale und Sideboards. Allerdings erschwert die Anordnung auf drei Ebenen die Sicht auf Details in der obersten Reihe, wenn sie sie nicht sogar unmöglich macht. Als Ausstellungskonzept ist es wahrscheinlich nicht ideal, besonders für Objekte, die oft sowohl technisch als auch formal, kulturell und historisch interessant sind. Räumlich ist es allerdings wichtig, da niedrigere Regale im Raum verloren gehen würden. Außerdem kann das Museum so etwa ein Drittel mehr Objekte ausstellen, was der Grundidee des Museums durchaus zuträglich ist.

Es ist ein Kompromiss. Aber so ist das Leben.

Da Glasböden genutzt werden, sind zumindest die Unterseiten von den Objekten auf dem höchsten Regalboden deutlich zu sehen und auch die Unterseite eines Möbelstücks kann genauso interessant und wichtig sein, wie seine anderen Seiten. Wir ernten regelmäßig Kränkungen und Spott, weil wir die Unterseite von Stühlen betrachten – besonders in Restaurants und Bars. Wenn mehr Menschen die Gelegenheit dazu bekommen und die Wunder verstehen, die einen da erwarten, wird uns in Zukunft hoffentlich mehr Respekt und Verständnis entgegengebracht. Das etwas umständliche Präsentationsformat wird durch die Digitalisierung der Sammlung des Vitra Design Museums aufgelockert. Der Katalog ist im Museum entweder per Smartphone oder über ausleihbare, tragbare Geräte frei zugänglich. Er bietet ausführliche Informationen zu allen Objekten und ihren Designern und ermöglicht so jedem Besucher, das zu erfahren, was er erfahren möchte.

The Vitra Schaudepot

Das Vitra Schaudepot

Wenn man das “was”, “wo bin ich?” und “warum” überwunden hat, ermöglicht die Ausstellung einen sehr gut strukturierten, realistischen, ehrlichen und informativen Rundgang durch die Geschichte des Möbeldesigns und zwar nicht nur durch die bekannten Klassiker, sondern auch durch Kuriositäten, Raritäten, konzeptuelle Sackgassen und Objekte, die zu bekannten Klassikern werden. Es handelt sich aber wirklich um viele Möbel, die in Regalen ausgestellt sind, und man muss Interesse daran haben, um von einer Reise ins Vitra Schaudepot in vollem Umfang zu profitieren. So wie wir. Wir würden gern ein Zelt im Vitra Schaudepot aufschlagen und unseren Sommerurlaub dort verbringen. Das machen wir vielleicht auch. Für andere bleibt das alles vielleicht eine große Menge Stühle in Regalen, aber man muss annehmen, dass diejenigen, die das Vitra Design Museum besuchen möchten, Interesse daran haben.

Unten wird die “Schau” zum “Depot” und die Besucher bekommen buchstäblich einen Einblick in die Tiefen der Sammlung des Vitra Design Museums. Hinter Glasflächen sieht der Besucher Reihen von Objekten, die in vier Gruppen eingeteilt wurden: Skandinavisches Design, italienisches Design, Lichtdesign und Eames Design. Letzteres wird durch eine Präsentation von Charles Eames’ Büro ergänzt. Im unteren Bereich besteht außerdem die Möglichkeit, verschiedene Materialarten zu entdecken und vor allem auch anzufassen, die üblicherweise in der Möbelproduktion verwendet werden. Die obere Fläche bietet Raum für ein wechselndes Programm von “Ausstellungen”, die Aspekte der Sammlung des Museums und somit die Geschichte des Möbeldesigns hervorheben. Die erste Ausstellung befasst sich mit dem “Radical Design” aus dem Jahr 1960.

Wie bereits erwähnt würden wir im Vitra Schaudepot gern Urlaub machen und haben tatsächlich schon “Zelte für den Innenbereich” gegoogelt. Für die Mehrheit ergibt es wahrscheinlich wenig Sinn, den Vitra Campus nur wegen des Vitra Schaudepots zu besuchen, weil das Thema zu spezifisch ist. Als Erweiterung der bestehenden Möglichkeiten auf dem Vitra Campus und vor allem der Ausstellungen in dem von Frank Gehry entworfenen Vitra Design Museum, ist das Vitra Schaudepot aber eine hervorragende Entwicklung. Es erklärt nämlich auch das Vitra Design Museum – also wie es funktioniert, was es macht, als was es sich selbst versteht, wie es Möbeldesign versteht und warum es all das so vielen Menschen wie möglich vermitteln will. Oder wie Mateo Kries sagt, hilft es dem Vitra Design Museum sich “zu einem noch lebendigeren Ort, der die wichtigen Themen und Fragen des Designs nicht nur ausstellt, sondern auch zur Debatte stellt und sie in Erlebnisse für den Besucher verwandelt” weiterzuentwickeln.

Wir empfehlen das Kombiticket. Und natürlich den Vitra Rutschturm.

Alle Informationen zum Vitra Schaudepot, inklusive Öffnungszeiten und Eintrittspreise gibt es auf www.design-museum.de.

Die Architekturgalerie am Weissenhof zeigt “Stuttgart reißt sich ab. Ein Plädoyer für den Erhalt stadtbildprägender Gebäude”

Städte wachsen, verändern und entfalten sich – ein Prozess, der, wie die Entwicklung des Menschen auch, selten geradlinig verläuft, meist das eine oder andere Opfer fordert und die eine oder andere Narbe hinterlässt – physisch wie auch emotional. Mit der Ausstellung “Stuttgart reißt sich ab” hat sich die Architekturgalerie am Weissenhof vorgenommen die Stadtentwicklung in Stuttgart seit der Nachkriegszeit zu untersuchen, und, wie es heißt, ein “Plädoyer für den Erhalt stadtbildprägender Gebäude” zu halten.

Die von den ArchitektInnen Claudia Betke und Wilfried Dechau (Architekt und früherer Herausgeber des deutschen Architekturmagazins db – deutsche Bauzeitung) kuratierte Ausstellung “Stuttgart reißt sich ab” präsentiert großformatige Fotografien von Wilfried Dechau und Wolfram Janzer, die exemplarisch Gebäude zeigen, die entweder in den letzten Jahren zerstört wurden, oder aber erhalten werden konnten – meist aufgrund öffentlicher Initiativen und Proteste. Claudia Betkes Stadtplan wiederum liefert einen klaren Überblick mit den meisten verlorenen, erhaltenen und gefährdeten Gebäuden, und hebt so wunderbar die Veränderungen, vor allem aber auch den Umfang und die Chronologie dieser Veränderungen, hervor, die sich seit dem Krieg in Stuttgart vollzogen haben.

Stuttgart reißt sich ab Architekturgalerie am Weissenhof, Stuttgart

Stuttgart reißt sich ab Architekturgalerie am Weissenhof, Stuttgart

Städte wachsen, verändern und entfalten sich – Stuttgart allerdings kann aufgrund seiner geografischen Lage nur bedingt wachsen. Die Stadt liegt in einer Mulde, mehr oder weniger von allen Seiten gesäumt von grünen Hügeln; malerisch – hinsichtlich der Stadtentwicklung, aber unpraktisch. Folglich kann Wachstum in Stuttgart eigentlich nur über Wandel realisiert werden, und wie überall sind städtebauliche Veränderungen ein kontroverses und hoch emotionalisiertes Thema. Die Debatte rund um die Konstruktion des Centre Pompidou in Paris und die damit verbundene Neugestaltung der Umgebung veranschaulicht die Problematik vielleicht besser als so manch anderes Beispiel aus der jüngeren Geschichte.

Ein Großteil des derzeitigen Wandels in Stuttgart, vollzieht sich im Kontext des Projektes Stuttgart 21 der Deutschen Bahn. Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll unter die Erde verlegt werden; damit soll eine Neugestaltung des Standorts ermöglicht werden. Dieses Projekt ist kontroverser und emotional aufgeladener als die meisten, hat zudem sein ganz eigenes Tempo und wirft seine Schatten deshalb auf einen Großteil der Diskussionen, die sich um die aktuelle Stadtentwicklung in Stuttgart drehen. Die jüngste Ankündigung, Stuttgart 21 brauche nochmals mehr Zeit und Geld als geplant, hat die Sache erneut befeuert.

Der städtische Wandel wird laut Kuratorin Claudia Betke außerdem von der Tatsache bestimmt, dass abgerissen werden darf, “wenn ein Investor in Stuttgart belegen kann, dass es unökonomisch ist ein Gebäude zu erhalten.” Dies geschieht ganz unabhängig vom Denkmalschutz. Ein sehr gutes Beispiel für diese Sachlage ist beispielsweise Egon Eiermanns umstrittene Entscheidung aus dem Jahr 1956, das Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn abreißen zu lassen, um Platz für ein neues Kaufhaus zu schaffen. Eiermann zufolge entsprach die Bausubstanz nicht länger den modernen Standards, eine Modernisierung hielt er für unökonomisch. Eiermanns Gegner argumentierten anders, aber ohne Erfolg. Die Entscheidung für den Abriss des Mendelsohn Gebäudes ist nicht nur ein klassisches Beispiel für den brutalen städtebaulichen Wandel in Stuttgart, sondern nach wie vor eine schmerzhafte und allgemeingültige Wunde für viele Anwohner. Zu den in jüngerer Zeit zerstörten Gebäuden gehören beispielsweise das Amerika-Haus/Filmhaus, das frühere IHK Hauptquartier und das frühere Innenministerium in der Dorotheenstraße.

Die Frage, ob ein Gebäude denkmalgeschützt ist oder nicht, wird in Stuttgart grundsätzlich durch die Tatsache erschwert, dass in Stuttgart seit 2008 keine Denkmalliste veröffentlicht wurde, während in anderen großen deutschen Städten, wie beispielsweise Berlin, Köln oder Frankfurt die Denkmallisten online zu finden und frei verfügbar sind. In Stuttgart ist der Zugang durch den Datenschutz beschränkt – nur wer ein glaubhaft berechtigtes Interesse darlegen kann, erhält Informationen und das auch nur zu einem Gebäude. Ein allgemeines Interesse an der Liste als solches ist unzureichend. Für Claudia Betke war es Teil der Vorbereitungen zur Ausstellung die Informationsfreiheit zu nutzen, und dem Rathaus mit eiserner Hartnäckigkeit eine Kopie der aktuellen Liste zu entlocken. Dabei handelt es sich allerdings um eine Liste, die überholt sein wird, sobald sich etwas verändert. Wie soll es also eine offene und informierte Debatte über die Planung und Realisierung städtebaulicher Veränderungen geben, wenn Informationen darüber nicht frei zugänglich sind? Und wie soll es eine offene und informierte Debatte über die lokale Planungspolitik geben, wenn niemand weiß, aus welchen Gründen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden bzw. warum ihnen der Denkmalschutz aberkannt wird? Und all das in einer Stadt wie Stuttgart, deren Wachstum vom städtebaulichen Wandel abhängt, und in der die Gemüter dank Stuttgart 21 ohnehin schon erhitzt sind.

The demolition of a block of flats in the Haussmannstrasse, Stuttgart. To allow for the construction of, a block of flats......(Photo Copyright Wilfried Dechau)

Die Zerstörung eines Wohnblocks in der Haussmannstraße, Stuttgart. Wird abgerissen, um ein neues Wohnhaus zu bauen … (Foto Copyright Wilfried Dechau)

Städte wachsen, verändern und entfalten sich, aber das muss nicht zwangsläufig mit Abriss verbunden sein. Und so präsentiert “Stuttgart reißt sich ab” auch Beispiele von Gebäuden, die – obwohl einmal für den Abriss vorgesehen, oder zumindest vom Abriss bedroht – gerettet werden konnten, denen man neues Leben eingehaucht, und einen neuen Platz in der Gesellschaft gegeben hat. Zu dieser Liste gehören so verschiedene Gebäude wie beispielsweise das Jugendstilgebäude Markthalle Stuttgart von Martin Elsaesser, das sogenannte LOBA-Haus von Rolf Gutbrod und Paul Stohrer und – wer hätte das gedacht – die Weissenhofsiedlung. Dabei handelt es sich wohl um das wichtigste Zeugnis funktionalistischer Architektur aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, und auch um ein Erbe, das für Stuttgarts und Baden-Württembergs Engagement bei der Entwicklung zeitgenössischer Ideen in Architektur und Design steht – nicht nur weil die Siedlung Teil der in Stuttgart stattfinden Ausstellung “die Wohnung” war, sondern auch weil die Mehrheit der Lieferanten und Bauunternehmer aus der Umgebung stammte. Allerdings handelt es sich dabei auch um ein Erbe, dessen Zukunft nicht zu hundert Prozent gewiss ist, wobei hier angemerkt werden muss, dass das Anwesen dem Bund gehört, also nicht direkt unter der Kontrolle Stuttgarts steht. Da die Häuser der Weissenhofsiedlung im europäischen Vergleich nicht die geräumigsten und zudem schlecht isoliert sind, könnte man argumentieren, dass ein Abriss und der Bau neuer, geräumigerer und besser isolierter Häuser fortschrittlich seien. Aber die Häuser der Weissenhofsiedlung existieren. Sie sind wichtige historische Monumente, haben auch im zeitgenössischen Kontext eine wichtiges Funktion, und sind Teil einer zusammenhängenden lokalen Gemeinde. Abriss und Neubau haben zudem nicht nur kulturelle und soziale Konsequenzen, sondern wirken sich auch auf die Umwelt aus. Wir haben es schon in einem früheren Post bemerkt: “So glauben wir nicht, dass jedes Gebäude bewahrt werden muss, nur weil es dieser oder jener Architekt entworfen hat. Wo ein Gebäude nicht mehr benötigt wird oder nicht mehr seine Funktion erfüllen kann, muss es Platz machen für eine Konstruktion, die dazu fähig ist. Das soll natürlich nicht heißen, alte Gebäude sollten automatisch abgerissen werden. Die Frage, ob Veränderungen möglich sind, um das Gebäude an seine neue Funktion oder die neuen technischen Standards anzupassen, muss sicherlich an erster Stelle stehen.” Die jüngste Präsentation solcher Aufarbeitungsprojekte, kuratiert vom Pariser Studio Druot, Lacaton Vassal in der Architekturgalerie machte es wunderbar deutlich: in manchen Fällen ist eine Renovierung die ökonomisch und sozial sensiblere, und auch umweltfreundlichere Lösung.

LOBA Haus Stuttgart by Rolf Gutbrod and Paul Stohrer one of those once threatened buildings whose future is now secure. (Photo Copyright Wilfried Dechau)

LOBA Haus Stuttgart von Rolf Gutbrod und Paul Stohrer: eines der ehemals bedrohten Gebäude, dessen Zukunft nun aber sicher ist. (Foto Copyright Wilfried Dechau)

Städte wachsen, verändern und entfalten sich und im Verlauf dieser Prozesse verändern sich auch die urbanen Strukturen – nicht nur die physischen, sondern auch die spirituellen, sozialen und kulturellen Strukturen. Graduelle, organische Veränderungen sind Teil dieser Prozesse und werden dementsprechend, problemlos absorbiert; ganz im Gegensatz zu abrupten, erzwungenen Veränderungen. Wo Wohnungsbau, kulturelle Institutionen oder etablierte Geschäfte dem Kommerz, den Büros und Luxus-Apartments weichen müssen, da verändern sich Beziehungen, Wirklichkeiten und soziale Strukturen. Das trifft allerdings auch zu, wenn etablierte, zentrale Stadtgebiete kulturellen Institutionen überlassen werden, wie im Falle des oben genannten Centre Pompidous.

Ökologen haben mit der Zeit herausgefunden, dass komplizierte Netzwerke die Funktionsweise von Ökosystemen unterstützen; ebenso hängt Gedeih und Verderb urbaner Räume von der Art und Stabilität der dazugehörigen Netzwerke ab. Es sollte also folglich immer versucht werden durch urbanen Wandel keine Gruppe einer anderen vorzuziehen. Alle sollten von diesen Veränderungen profitieren – urbaner Wandel sollte immer die Balance einer Gemeinde stärken und unterstützen und so für die Stabilität der Netzwerke sorgen.

Als ganz bewusst politisch positionierte Ausstellung, macht “Stuttgart reißt sich ab” deutlich, dass all das in Stuttgart nicht der Fall ist, sondern dass in Stuttgart stattdessen die Interessen der Finanzwelt und des Kommerz’ vor allem anderen Priorität haben. Diese Entwicklung sorgt nicht nur dafür, dass Gebäude zerstört werden, ohne dass vorher ihre Relevanz und Funktion für die Stadt genau abwogen wird, sondern auch dafür, dass bezahlbarer Wohnraum und Räume für Kultur und die kreative Szene verschwinden – und das mit stillschweigender Unterstützung der Behörden.

Natürlich muss man nicht mit dieser Position übereinstimmen – die Ausstellung präsentiert die Argumente der Kuratoren und lädt zur Diskussion ein. Ein wichtiger Teil der Ausstellung sind in diesem Zusammenhang die Eröffnungsvorträge des Architekturhistorikers Frank R. Werner und die anschließende Diskussion mit – unter anderem – Herbert Medel, dem Leiter der Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt.

Stadtplanung betrifft uns alle und sollte uns deshalb auch alle interessieren, und doch machen wir es uns oft zu einfach und überlassen das Thema anderen. “Stuttgart reißt sich ab” macht wunderbar deutlich, warum jeder Einzelne ein aktives Interesse an den Entwicklungen seiner Gemeinde, der Art und Weise wie diese wächst, sich verändert und entfaltet, haben sollte.

“Stuttgart reißt sich ab. Plädoyer für den Erhalt stadtbildprägender Gebäude” ist zwischen dem 15. Juni und 18. September in der Architekturgalerie am Weissenhof, Am Weissenhof 30, 70191 Stuttgart zu sehen.

Die Eröffnungsvorträge und die Podiumsdiskussion finden am 15.06 um 19 Uhr im Vortragssaal Neu-Bau 2 der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Am Weißenhof 1, 70191 Stuttgart statt.

Alle Details, auch die Informationen zum Rahmenprogramm sind unter http://weissenhofgalerie.de/ zu finden.

5 neue Designausstellungen im Juni 2016

Unter den fünf Empfehlungen der neuen Design- und Architekturausstellungen, die im Juni 2016 eröffnet werden, finden sich vier Ausstellungen in Deutschland und eine in Holland. Nicht unser Fehler, sondern das aufrichtige Resultat unseres unvoreingenommenen Streifzugs durch die Programme zahlloser Architektur- und Designinstitutionen auf der ganzen Welt.
Die folgenden Ausstellungen sind unsere Top 5.
Klar ist das eine subjektive Entscheidung – trotzdem bleiben wir bei unseren fünf Favoriten. Dass man denken könnte, wir hätten die Ausstellungen aufgrund ihres Standorts und nicht aufgrund ihrer eigentlichen Vorzüge ausgewählt, nehmen wir gerne in Kauf.

“PLANET B – 100 Ideen für eine neue Welt” im NRW-Forum, Düsseldorf

Für uns ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Kunst und Design, dass die Kunst Aspekte der Gegenwart herausstellt, als sozialer und kultureller Spiegel und eine Form des Protestes dienen kann und in der Lage ist, Alternativen vorzuschlagen. Sie kann aber keine Veränderungen allein anstoßen, sondern uns nur Anstöße zu Veränderungen geben. Design kann all das auch, ist allerdings auch für sich genommen in der Lage, etwas zu verändern. Mit der Ausstellung “Planet B” will das NRW-Forum Düsseldorf unsere aktuelle soziale, kulturelle und ökonomische Wirklichkeit und mögliche Alternativen untersuchen – die Ausstellung sucht, wie schon der Titel sagt, nach einem Plan (et) B. Neben der Hauptausstellung im NRW-Forum und einer Reihe von Aktionen in ganz Düsseldorf ist ein Kernstück von “Plan B” die sogenannte “Research Station”, in der ein fortlaufendes Programm internationalen Künstlern, Forschern und Designern die Möglichkeit gibt, Visionen und Konzepte zu realisieren. Ein Ausstellungskonzept also, bei dem sich die Besucher vermutlich ständig zwischen Kunst und Design bewegen werden und das dabei helfen sollte, die Unterschiede herauszustellen. Der Fokus der Aufmerksamkeit sollte bei der Frage liegen, in welche Richtung sich Gesellschaft, Ökonomie und Politik entwickeln könnten und auf der Tatsache, dass wir alle bei der Definition dieser Richtung eine Rolle spielen.

“PLANET B – 100 Ideen für eine neue Welt” wird am 2. Juni im NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf, eröffnet und läuft bis Sonntag, den 21. August.

Vladimír Turner: Courtains Toulouse (Photo © and Courtesy of Vladimír Turner)

Vladimír Turner: Courtains Toulouse (Foto © und mit freundlicher Genehmigung von Vladimír Turner)

“Stuttgart reißt sich ab: Verschwundene Bauwerke – Veränderung des Stadtbildes” in der Architekturgalerie am Weissenhof, Stuttgart

Zum Stadtbild gehört natürlich nicht nur was existiert, sondern auch was nicht mehr existiert. Denn jedes Gebäude, das nicht mehr existiert, hatte eine Funktion, diente also potentiell mal einer bestimmten sozialen Gruppe und so der Gesellschaft im Ganzen. Das soll nicht heißen, Städte dürften sich nicht verändern, nur dass dieser Wandel behutsam erwogen und organisiert werden sollte. Mit der Ausstellung “Stuttgart reißt sich ab” will die Architekturgalerie am Weissenhof einige besondere Exemplare der interessanten Gebäude, die Stuttgart in den letzten Jahren verloren hat, vorstellen. Es geht so im Umkehrschluss auch darum, was die Stadt neben Bürokomplexen und Einkaufszentren dazugewonnen haben könnte. Und wie immer bei solchen Ausstellungen – das macht schließlich die Ausstellung im Besonderen interessant: Was für eine Stadt relevant ist, lässt sich auch auf andere Städte übertragen. Regionale Erkenntnisse werden global verfügbar und anwendbar.

“Stuttgart reißt sich ab: Verschwundene Bauwerke – Veränderung des Stadtbildes” wird am 16. Juni in der Architekturgalerie am Weissenhof (Am Weissenhof 30, 70191 Stuttgart) eröffnet und läuft bis Sonntag, den 18. September.

 

Stuttgart reißt sich ab Architekturgalerie am Weissenhof, Stuttgart

“Stuttgart reißt sich ab” in der Architekturgalerie am Weissenhof, Stuttgart

“Tapio Wirkkala. Finnisches Design – Glas und Silber” im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig

Auch wenn der finnische Künstler und Designer Tapio Wirkkala vor allem für seine Designarbeiten aus Glas bekannt ist, war er doch auch einer der vielseitigsten und produktivsten Designer seiner Generation. Nach seinem Abschluss an der Helsinki Central School of Arts and Crafts 1936 arbeitete Tapio Wirkkala anfänglich als kommerzieller Künstler, bevor der Krieg seine Karriere unterbrach. Wirkkalas Karriere nach dem Krieg bekam Anschub durch den Gewinn eines Wettbewerbs, den die namhafte Ittala Glashütte ausgeschrieben hatte. Eine Firma, mit der Tapio Wirkkala bald darauf eine Zusammenarbeit begann, für die er ohne Frage auch am bekanntesten ist. Darüber hinaus arbeitete Wirkkala mit so unterschiedlichen Firmen wie Rosenthal, Strömfors oder Asko und entwarf die Finlandia Wodkaflasche. Neben seiner Arbeit als Produktdesigner war Tapio Wirkkala auch als Bildhauer, Ausstellungsmacher und Grafikdesigner aktiv. In diesem Zusammenhang schuf er beispielsweise 1955 eine Reihe von finnischen Markka Banknoten, die noch bis 1981 in Umlauf waren. Die vom Riihimaki Glasmuseum kuratierte Ausstellung “Tapio Wirkkala. Finnisches Design – Glas und Silber” verspricht mit dem Schwerpunkt auf Wirkkalas Glas- und Silberarbeiten aus den 1940er bis 1970er Jahren einen konzentrierten, detaillierten und relativ seltenen Einblick in das Leben und die Arbeit eines der wichtigsten und einflussreichsten kreativen Köpfe Finnlands.

“Tapio Wirkkala. Finnisches Design – Glas und Silber” wird am Donnerstag, den 2. Juni im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig, Johannisplatz 5-11, 04103 Leipzig, eröffnet und läuft bis zum 3. Oktober.

 

Coffee pot, sugar bowl and cream jug by Tapio Wirkkala for Kultakeskus, 1959 (Photo Timo Syrjänen, Courtesy Grassi Museum for Applied Arts, Leipzig)

Kaffeekanne, Zuckernapf und Sahnekännchen von Tapio Wirkkala für Kultakeskus, 1959 (Foto Timo Syrjänen, mit freundlicher Genehmigung des Grassi Museums für Angewandte Kunst zu Leipzig)

“CRAB: Peter Cook and Gavin Robotham…and its Archigram antecedents” im AIT-ArchitekturSalon, Hamburg

Als Mitbegründer der Londoner ArchitektInnengruppe  Archigram war Peter Cook eine Schlüsselfigur in der theoretischen, utopistischen Architekturbewegung der 1960er Jahre und half durch Projekte wie Plug-In City oder Instant City dabei, unsere Auffassung von Architektur weg vom einseitigen Fokus auf Gebäude hin zum Bereich unserer sozialen, kulturellen und politischen Beziehungen zu erweitern.  Im Jahr 2004 kuratierte Peter Cook den Britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig und arbeitete in diesem Zusammenhang mit dem jungen britischen Architekten Gavin Robotham zusammen. 2006 gründeten beide CRAB Studio, von dort aus haben sie Projekte in so unterschiedlichen Städten wie Bournemouth, Wien oder Madrid entwickelt. Mit einer Mischung aus utopischen 1960er-Jahre-Bauten und aktuellen Entwürfen verspricht der AIT-Architektursalon Hamburg einen allumfassenden Überblick über Peter Cooks Werk – und hoffentlich auch eine Antwort auf die Frage, ob ein derart radikaler Architekt wie Peter Cook in Würde altern kann.

“CRAB: Peter Cook and Gavin Robotham…and its Archigram antecedents” wird am Freitag, den 3. Juni im AIT-ArchitekturSalon, Bei den Mühren 70, in 20457 Hamburg, eröffnet und läuft bis zum 5. August.

CRAB Peter Cook and Gavin Robotham...... and its Archigram antecedents @ AIT-ArchitekturSalon Hamburg

“CRAB: Peter Cook and Gavin Robotham…and its Archigram antecedents @ AIT-ArchitekturSalon Hamburg

“Nacho Carbonell – On the Origin of Pieces” im Stedelijk Museum, ’s-Hertogenbosch, Holland

Den in Eindhoven ansässigen und in Valencia geborenen Designer Nacho Carbonell verstehen wir wirklich nicht. Um ehrlich zu sein, ist das unser Fehler. Wir hatten nicht nur eine Gelegenheit, mehr über seine Ästhetik, seine Interpretation von Funktionalität, seine Auffassung von Emotion, etwas über die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit in seiner Arbeit und über sein Verhältnis zu Materialien zu lernen. “On the Origin of Pieces” im Stedelijk Museum in ‘s-Hertogenbosch scheint den perfekten Anlass zu liefern, endlich mehr über den Mann und seine Arbeit zu erfahren. Vor allem werden wir vielleicht endlich seine Kokonkonstruktionen verstehen – Arbeiten, die uns so viel Angst einjagen wie sie uns faszinieren. Warum sollte man sich in etwas einpuppen, das eher daran interessiert zu sein scheint, einen zu verdauen als einen zu beschützen? Als Teil der Bosch Grand Tour – einer Kollaboration von sieben Museen in Hollands Brabant-Region, mit der der 500. Todestag von Hieronymus Bosch gefeiert werden soll – ist “On the Origin of Pieces” die erste Retrospektive von Nacho Carbonells Werk und verspricht die Untersuchung seiner Arbeiten von der Abschlusskollektion an der Design Academy Eindhoven bis hin zu jüngsten Projekten. Wir rechnen also mit einer Reihe von Arbeiten, die sich zwischen konzeptuellen und praktischen Ansätzen bewegen – und die sowohl furchteinflößende Kokons als auch zugänglichere Objekte umfasst.

“Nacho Carbonell – On the Origin of Pieces” wird am Samstag den 18. Juni im Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch, De Mortel 4, 5211 HV ’s-Hertogenbosch, eröffnet und läuft bis Sonntag, den 11. September.

Nacho Carbonell - On the Origin of Pieces @ Stedelijk Museum ’s-Hertogenbosch

“Nacho Carbonell – On the Origin of Pieces” @ Stedelijk Museum ’s-Hertogenbosch (Foto Inga Powilleit, mit freundlicher Genehmigung des Stedelijk Museum ’s-Hertogenbosch)

smow Blog Designkalender: 1. Juni 1932 – Mart Stam erhält das künstlerische Urheberrecht für den kubisch geformten Freischwinger

“…die strenge, folgerichtige Linienführung, die jeden überflüssigen Teil vermeide und in knappster Form mit den einfachsten Mitteln die moderne Sachlichkeit verkörpere”1, mit dieser strahlenden Beschreibung seines Designs sprach das Reichsgericht Leipzig Mart Stam am 1. Juni 1932 das künstlerische Urheberrecht für den kubischen, quadratischen Freischwinger zu und legte so den wohl ersten Rechtsstreit über das Urheberrecht für die Form eines Möbelstücks bei, das für die industrielle Massenproduktion bestimmt war.”

mart stam W1 weissenhofsiedlung stuttgart vitra miniature

“Weissenhofsiedlung Freischwinger” von Mart Stam (hier als Vitra Design Museum Miniatur)

Die Geschichte beginnt Mitte der 1920er Jahre in Dessau und mit der Entwicklung der Stahlrohrmöbel. In diesem Prozess spielte Marcel Breuer ohne Frage eine große, wenn nicht sogar die Hauptrolle. In dem Wissen, dass dieses Genre kommerzielle Möglichkeiten barg, gründete Marcel Breuer Ende 1926/Anfang 1927 mit seinem Geschäftspartner Kálmán Lengyel das Unternehmen Standard Möbel in Berlin, das der erste Hersteller von Stahlrohrmöbeln war.2

Anfang 1928 kam Standard Möbel mit einem gewissen Anton Lorenz zu der Übereinkunft, dass er die Stühle des Unternehmens herstellen und zum Geschäftsführer ernannt werden würde.3 Wie Kálmán Lengyel war auch Anton Lorenz ungarischer Herkunft und war 1919 nach Deutschland gezogen, als seine Frau, eine Opernsängerin, eine Stelle in Leipzig annahm. Obwohl er laut der berühmten Lorenz Biografie Geschichts- und Geografielehrer in Budapest war, machte er sich in Leipzig als Schlosser selbstständig und zog dann mit seiner Firma nach Berlin. Kurz nach der Übernahme von Standard Möbel überzeugte Lorenz Breuer davon, die Rechte seiner Modelle gegen Umsatzvergütung auf Standard Möbel zu übertragen.

Im Juli 1928 begann Marcel Breuers Zusammenarbeit mit Thonet4. Bis Januar 1929 vermarktete Thonet die ersten Arbeiten Breuers und im Laufe jenes Jahres wurde der erste Thonet Katalog über Stahlrohrmöbel veröffentlicht, der ausschließlich Breuers Designs enthielt5. So verkauften Anfang 1929 Standard Möbel und Thonet Breuers Stahlrohrmöbel, wenn auch verschiedene Designs. Schließlich, und das kann als einzig logische Option angesehen werden, kaufte der erfolgreiche und weltweit aktive Hersteller Thonet den kleinen, sich durchkämpfenden Berliner Hersteller Standard Möbel und sicherte sich so die Rechte an allen Stahlrohrdesigns von Breuer und es entstand, wie Mathias Remmele sagt, “weltweit das größte und vielseitigste Sortiment von Stahlrohrmöbeln”.6

Hier sollte die Geschichte enden.

Tut sie aber nicht.

mart stam house weissenhofsiedlung stuttgart

Mart Stams Häuser für die Weissenhofsiedlung Stuttgart (1927)

Kurz vor dem Verkauf von Standard Möbel an Thonet meldete Anton Lorenz Patente für seine eigenen Stahlrohrstühle an und sicherte sich auch die Rechte an allen Freischwingern von Mart Stam. Stam präsentierte seinen ersten Freischwinger 1927 im Rahmen der Ausstellung in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und seitdem gab es keinen Produzenten. Anton Lorenz war allerdings der Ansicht, dass der Freischwinger die Zukunft des Stuhldesigns repräsentierte und nachdem er und Mies van der Rohe bezüglich seines ebenfalls in der Weißenhofausstellung präsentierten Freischwingers keine Einigung erzielten, wandte sich Lorenz an Stam.

Otakar Máčel zufolge erhielt Lorenz laut des Vertrags mit Stam “das alleinige und ausschließliche Recht die erwähnten “Erfindungsgegenstände” herzustellen, herstellen zu lassen, zu vertreiben und in den Handel zu bringen”7. Nach dem Verkauf von Standard Möbel gründete Anton Lorenz die Firma DESTA, um genau das zu erreichen.

Zusätzlich war Lorenz im Besitz von vier Prototypen, die er Thonet nicht gemeinsam mit dem anderen Standard Möbel Inventar aushändigte, obwohl sie in den Werkstätten von Standard Möbel entstanden waren. Lorenz hatte argumentiert, sie stünden in Verbindung mit seinem Patent und dem Vertrag mit Stam und wären so nicht Teil des Geschäfts. Thonet akzeptierte dies unbekümmert, wenn nicht sogar naiv.

Leider hat der Nebel der Zeit die genauen Daten, wann was passierte, in einen Schleier gehüllt. 1929 brachte Thonet aber den B 33 und den B 34 Freischwinger von Marcel Breuer heraus, seine ersten Freischwinger und Arbeiten, die eine formale Ähnlichkeit mit Mart Stams Freischwinger aus der Ausstellung am Weißenhof aufwiesen. 1929 brachte DESTA den ST 12 und den SS 32 heraus, die beide Varianten von Mart Stams Freischwinger aus der Weißenhofausstellung von 1927 waren und den bereits genannten Prototypen ähnelten.

Beim B 33 und beim ST 12 handelte es sich um denselben Stuhl.

Genau wie beim B 34 und beim SS 32.

Lorenz reichte gegen Thonet Klage wegen Urheberrechtsverletzung ein.

Im April 1930 entschied die 16. Zivilkammer des Landesgerichtes in Berlin zugunsten von Lorenz, Thonet legte Berufung ein und im April 1931 wies der 10. Zivilsenat des Kammergerichts in Berlin die Berufung von Thonet zurück. Thonet legte auch dagegen Berufung ein und am 1. Juni 1932 fiel die finale Entscheidung des 1. Zivilsenats des Reichsgerichtes in Leipzig zugunsten von Lorenz.8

Im Wesentlichen waren es zwei Streitfälle.

Im Falle des B 34 und des SS 32 spielte eine technische Konstruktion eine Rolle, die Lorenz entwickelt hatte und 1929 hatte patentieren lassen. Aus Platzgründen gehen wir nicht ins Detail. Lorenz hat jedenfalls gewonnen.

Im Falle des B 33 und des ST 12 ging es um die Form, die Alexander von Vegesack als “Gradlinigkeit der Form und des Kubismus”9 beschreibt – diese strenge, quadratische Form, die wir alle kennen.

Lorenz argumentierte, dass die Form des kubisch geformten Freischwingers, die Stam für seinen Weißenhof Stuhl entwickelte und die Breuers B 33 offensichtlich zugrunde lag, als kreative Arbeit durch das Kunst-Urhebergesetz (KUG) von 1907 geschützt sei. Laut Sebastian Neurauter erfasst das KUG von 1907 “nicht lediglich die typischen Erscheinungsformen der hohen Künste, also Bilder und Skulpturen, sondern auch Gegenstände der Angewandten Kunst”10, inklusive architektonische Werke und Werke aus dem Bereich Kunstgewerbe. Der Zusatz, dass auch Arbeiten aus den Bereichen Architektur und “Design” dazugehören, stellt eine Erweiterung des Anwendungsbereichs dieses Gesetzes im Vergleich zu der vorherigen Version aus dem Jahr 1876 dar. So handelt es sich hierbei auch um einen offenkundigen Hinweis darauf, dass der Architektur und dem Kunstgewerbe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine Relevanz zugeschrieben wurde. Es ist etwas zu einfach zu glauben, dass der Jugendstil und Art Déco nur die relativ wenigen involvierten Künstler betraf, denn auch Politiker, Juristen und Geschäftsleute waren stark involviert. Sie gestalteten aktiv Gesetze, um die neue/kommende Realität widerzuspiegeln.

Nicht, dass das jeder verstanden hätte.

Neurauter sagt, Lorenz’ Gebrauch des KUG stand in direktem Gegensatz zum Bauhaus, das in Bezug auf die Produkte aus ihren Werkstätten von keinem Gesetz Gebrauch machte. Lorenz hätte in dieser Hinsicht ein Vorbild für das Bauhaus sein sollen, so Neurauter11. Er wollte zeigen, wieso.

Bauhaus Archiv Berlin Stühle ohne Beine mart stam gas pipe chair

“Gasrohr Stuhl” von Mart Stam, hier als Teil Stühle ohne Bein, Bauhaus Archiv Berlin (2012)

Der Grund für die Entscheidung, eher auf der Grundlage des künstlerischen Urheberrechts als des technischen Patents zu klagen, liegt in der Anzahl der Patente für zahlreiche Formen von Freischwingern, die es zu jener Zeit gab. Es hätte schwierig sein können, technische Originalität zu beweisen. Viel wichtiger ist aber, dass Stam eigentlich nichts Technisches entwickelt hat. Er hat nur ein Stück ausreichend dickes Stahlrohr gebogen. Stams Freischwinger ist ein klassisches Beispiel für einen Designprozess. Man nimmt Material und ein Konzept und entwickelt etwas durch die intelligente Kombination beider. Stam hat etwas designt, nicht erfunden. Oder, wie es das Reichsgericht ausdrückt: “Mart St… [in der Veröffentlichung des Gerichts wurden alle Namen bis auf den von Marcel Breuer redigiert] habe mit diesem Stuhl eine selbständige, eigentümliche Schöpfung hervorgebracht. Eine aus der Verwendung von Stahlrohr folgende technische Notwendigkeit, das Möbel gerade so zu gestalten, habe nicht vorgelegen. Für die Lösung der Aufgabe, einen Stuhl aus Stahlrohr zu bauen, seien viele Möglichkeiten denkbar gewesen.” 12Entscheidend ist die Form des Stuhls und während sie der Funktion gefolgt sein mag, so folgte sie in Bezug auf das Material keiner Notwendigkeit, eher Stams Designverständnis.

Zusätzlich hieß es, “man empfinde gerade in der Gegenwart eine Kunstform als besonders wertvoll, welche dem Zweck einen besonders guten, einfachen Ausdruck verleihe. Für ein Erzeugnis des Kunstgewerbes genüge, dass einem Gegenstand des täglichen Lebens eine gewisse ästhetische Form gegeben werde, die dem Auge einen wohlgefälligen Eindruck biete.”13 Diese Aussage zeigt eine Offenheit und ein Verständnis für zeitgenössische Kultur, zwei Dinge, von denen wir nie gedacht hätten, dass ein deutsches Gericht sie im Jahr 1932 würde aufbringen können.

Weiterhin wies das Gericht Thonets Verteidigung, die beiden Stühle bestünden aus verschiedenen Materialien, als völlig irrelevant zurück. Ebenso ging es einer Einreichung Walter Gropius’ bezüglich Breuer, dass Mart Stams Weißenhof Freischwinger einfach eine Weiterentwicklung von Marcel Breuers Nicht-Freischwinger B 5 war. “Beim St..schen Stuhle handle es sich demnach höchstens um eine freie Benutzung der Breuerschen Modelle, durch die eine eigentümliche Schöpfung hervorgebracht worden sei”, so das Gericht und weiter, “Mart St.. habe also an seinem Stuhl als kunstgewerblichem Erzeugnis ein künstlerisches Urheberrecht erworben”14. Später streute das Gericht noch Salz in die Wunde, und zwar mit der Aussage :”im künstlerischen Gedanken aber führe der Weg vom Breuerschen Modell B 5 zu dem Modell B 33 der Beklagten über den Stuhl Mart St…’s”15. Oder anders ausgedrückt – ohne Mart Stam hätte Marcel Breuer seinen B 5 nicht zu dem B 33 weiterentwickeln können.

Das hat sicherlich weh getan.

Was das Gericht und offenbar auch Thonets Anwälte nicht berücksichtigten, war der sehr klare Unterschied zwischen dem B 33 und dem ST 12. Obwohl sie sehr, sehr ähnlich sind und beide eine Weiterentwicklung von Stams Stuhl aus der Weißenhofsiedlung darstellen, ist die Rückenlehne beim DESTA ST 12 leicht nach hinten geneigt und verläuft geradlinig. Die Rückenlehne von Thonets B 33 ist leicht nach hinten geneigt, hat aber einen “Knick” und bietet so theoretisch einen höheren Sitzkomfort. Otakar Máčel argumentiert, dies hätte keinen Unterschied gemacht16, da es in dem Fall um Ähnlichkeiten zu Stams Originalwerk ging und nicht direkt um die zwischen dem ST 12 und dem B 33. Bei allem Respekt gegenüber Otakar Máčel erlauben wir uns, anderer Meinung zu sein. Die formale Entwicklung der Rückenlehne mit dem “Knick” ist eine eigene Designentwicklung. Und bei allem Respekt gegenüber Thonets Anwälten von 1930, finden wir diesen Aspekt ein klein wenig wichtiger als das Argument der “vernickelten Rohre”, mit dem sie hofften zu gewinnen.

Sie gewannen nicht und das Ergebnis des Falls bestand nicht nur darin, dass Mart Stam das künstlerische Urheberrecht für den kubisch geformten Freischwinger erhielt und somit der erste Designer der Moderne war, dem eher eine Form als eine technische Innovation als Eigentum zugesprochen wurde. Aufgrund seines Vertrags mit Stam erhielt Anton Lorenz auch noch die Rechte an den kubisch geformten Freischwingern von Marcel Breuer.

Somit erhielt Anton Lorenz eine Monopolstellung, was kubisch geformte Freischwinger betraf.

Einen Monat nach dem Urteil übertrug Anton Lorenz seine gerade erhaltenen Rechte jedoch an Thonet. Man könnte denken, dass das die ganze Zeit seine Absicht war. Ähnlich wie bei den heutigen hippen, jungen Start-ups hat man das untrügliche Gefühl, dass Anton Lorenz’ Motivation der gut bezahlte “Ausstieg” war.

Hier sollte die Geschichte wirklich enden.

Tut sie aber nicht.

S32 von Marcel Breuer für Thonet (Künstlerisch Urheberrecht seit 1932, Mart Stam)

S32 von Marcel Breuer für Thonet (künstlerisch Urheberrecht seit 1932, Mart Stam)

Zusätzlich zu der Übertragung der Rechte DESTAs und Stams an Thonet und auf wahrhaft epische, groteske Weise, bei der der Bock zum Gärtner gemacht wurde, wurde Anton Lorenz im Juli 1932 zum Leiter von Thonets, wie wir vermuten, neu gegründeter “Abteilung für Gewerblichen Rechtsschutz”. Diese Position bekleidete er bis 1935 und beaufsichtigte von da aus energisch und konsequent die Einhaltung der Rechte Thonets. Diese waren natürlich in Wirklichkeit seine Rechte und so hatte er eine Schlüsselrolle inne, dem Hersteller Thonet dabei zu helfen, seine Position und Reputation im Bereich Stahlrohrmöbel zu stärken.

Hier sollte die Geschichte wirklich enden und das tut sie auch.

Es bleiben aber offene Fragen.

Die größte und wichtigste Frage ist für uns, wer den DESTA ST 12 designt hat. Den Stuhl, mit dem der Prozess begonnen hat, ein Prozess, bei dem es paradoxerweise um Stams Freischwinger von 1927 ging und in dem der ST 12 nur eine Nebenrolle spielte. Wir können keinen Beweis dafür finden, dass Stam selbst den ST 12 entwickelt hat, Remmele hält es für unwahrscheinlich, dass Breuer beteiligt war17, Wilk hingegen sieht den B 33 und so auch den ST 12 als “logisch abgeleitet von Breuers früheren Arbeiten” an18. Máčel geht noch weiter, indem er der Ansicht ist, der ST 12 wurde “wahrscheinlich von Breuer oder Lorenz” entworfen19. Wenn Breuer aber involviert war, wieso schien er sich vor Gericht dazu nicht geäußert zu haben? Wo sind die Zeichnungen und Pläne? Und wenn Breuer nicht am ST 12 beteiligt war? War er sich dessen bewusst? Diese Frage ist wichtig, denn aufgrund der nach hinten geneigten Rückenlehne stellt der Stuhl einen Bruch mit der strikten Geometrie Mart Stams früherer Arbeiten dar. Er ist noch immer quadratisch, macht aber Zugeständnisse in Sachen Sitzkomfort. Der B 33 sogar noch mehr, wie bereits erwähnt. Die Antwort auf die Frage mag in diesem Fall keine Rolle gespielt haben, ist aber wichtig, um die Geschichte des Stuhldesigns der Nachkriegszeit zu vervollständigen.

Trotz der zentralen Rolle, die Mart Stams Weißenhof Freischwinger in den Verhandlungen und somit in der Geschichte des zeitgenössischen Möbeldesigns spielte, wurde er nie wirklich produziert und vermarktet. Trotz seiner ästhetischen Eleganz, formalen Innovation und kulturellen Relevanz war er ein sehr strenges Objekt, umständlich zu produzieren und nach allem, was man hört, sehr unbequem. Heute gibt es technologisch fortgeschrittenere, elegantere und sicherlich komfortablere Objekte wie Mart Stams S 43 oder Marcel Breuers S 32.

Was allerdings bleibt, ist die führende Position im Bereich Stahlrohrfreischwinger und Stahlrohrmöbel im Allgemeinen, die Thonet durch den Prozess erhielt. Die Position ist wohl berechtigt. In den späten 1920er Jahren gab es zahlreiche Unternehmen, die Stahlrohrmöbel herstellten. Eine große Ironie der Zeit ist, dass obwohl die Weißenhofsiedlung eine Hochwassermarke in der öffentlichen Akzeptanz von Stahlrohrmöbeln gesetzt und Arbeiten diverser Hersteller präsentiert hat, Thonet durch seine Bugholzmöbel repräsentiert wurde. Doppelt ironisch ist es, weil dies dank des großen Modernisten Le Corbusier geschah, der Holzstühle von Thonet für seine Inneneinrichtungen nutzte. Thonet war allerdings das erste Unternehmen, das stark in die notwendigen Maschinen und die Infrastruktur investierte, und zwar in Deutschland und Frankreich. Sie waren die ersten, die einen Designer mit Breuers Talenten einstellten, um eine Kollektion zu vervollständigen und all das trotz des Risikos, wie Mathias Remmele sagt: (Die) “Initiative war verhältnismäßig riskant, weil es für diese Art Möbel noch keinen relevanten Markt gab, der einen baldigen Gewinn garantieren konnte.”20 Thonet ging mit den Stahlrohrmöbeln ein großes Risiko ein. Und es funktionierte. Auch, wenn einige dilettantische juristische Arbeit bedeutete, dass es den Hersteller viel mehr Zeit und Geld kostete, als es hätte kosten sollen…..

Ein Mart Stam Freischwinger vor dem Reichsgericht Leipzig, nicht zum ersten mal

Ein Mart Stam Freischwinger vor dem Reichsgericht Leipzig, nicht zum ersten mal………..

1. Gewerblicher Rechtschutz und Urheberrecht. Zeitschrift des Deutschen Vereins für den Schutz des gewerblichen Eigentums, Vol 31, Nr 8 August 1932, Vol 31, Nr 8 August 1932

2. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

3. Christopher Wilk, Marcel Breuer: furniture and interiors, Museum of Modern Art New York, NY, 1981

4. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

5. Christopher Wilk, Marcel Breuer: furniture and interiors, Museum of Modern Art New York, NY, 1981

6. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

7. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

8. ibid

9. Alexander von Vegesack, Deutsche Stahlrohrmöbel : [650 Modelle aus Katalogen von 1927 – 1958], Bangert Verlag, Munich, 1986

10. Sebastian Neurauter, Das Bauhaus und die Verwertungsrechte : eine Untersuchung zur Praxis der Rechteverwertung am Bauhaus 1919 – 1933,Mohr Siebeck Verlag, Tübingen, 2013

11. ibid

12. Gewerblicher Rechtschutz und Urheberrecht. Zeitschrift des Deutschen Vereins für den Schutz des gewerblichen Eigentums, Vol 31, Nr 8 August 1932, Vol 31, Nr 8 August 1932

13. ibid

14. ibid

15. ibid

16. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

17. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

18. Christopher Wilk, Marcel Breuer: furniture and interiors, Museum of Modern Art New York, NY, 1981

19. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

20. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003


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