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“Jasper Morrison – Thingness” im Museum für Gestaltung Zürich

Am 5. Februar 1916 eröffnete in Zürich das Cabaret Voltaire, folglich feiert die Stadt im Jahr 2016 den 100. Geburtstag des wahrscheinlich wichtigsten Beitrags der Schweiz zur Weltkultur-Dada.

Daher passt es gut, dass in der Stadt in diesem Jahr auch eine Retrospektive des englischen Designers Jasper Morrison ausgestellt wird.

Nein. Ehrlich.

Jasper Morrison Thingness Museum für Gestaltung Zürich

“Jasper Morrison – Thingness” im Museum für Gestaltung Zürich

Jasper Morrison wurde 1959 in London geboren und studierte zunächst Design am Kingston Polytechnic, bevor er am Royal College of Art in London seinen Masterabschluss erlangte. Im Studium war ein einjähriger Stipendiumaufenthalt an der Hochschule der Künste Berlin (HdK) inbegriffen.

Jasper Morrisons Entscheidung, eine Karriere im Bereich Design und besonders Möbeldesign einzuschlagen, geht allerdings auf die Mitte der 1970er Jahre in London und damit auf ein Ereignis zurück, das auf den ersten Eindruck wenig Sinn ergibt, näher betrachtet aber sehr logisch ist: eine Ausstellung mit Arbeiten von Eileen Gray.

“Zu dieser Zeit wollte ich etwas in Richtung Architektur oder Design machen, das war alles sehr vage”, erklärt Jasper Morrison die Gedanken seines Teenager-Ichs, “und als ich die Eileen-Gray-Ausstellung sah, war das eine Art Offenbarung. Ich verstand, was sie tat, ich sprach dieselbe Sprache und ich war so beeindruckt von ihren Arbeiten, dass ich mich für eine Karriere im Bereich Möbeldesign entschied.”

Hat ihn die Einfachheit so begeistert oder der Umfang, die Klarheit?

“Ich glaube, es war die strukturelle Anordnung, ich konnte sie verstehen, wusste, wieso sie das tat, verstand die Linien und alles ergab für mich Sinn.”

Dass Jasper Morrison eine Eileen-Gray-Ausstellung besuchte, könnte man als Wink des Schicksals bezeichnen. Bis zu den frühen 1970er Jahren war Eileen Gray eine der großartigen vergessenen Designerinnen des 20. Jahrhunderts. Lediglich infolge einer Auktion einiger ihrer Arbeiten im Jahr 1972 in Paris wurde wieder die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt und Interesse geweckt. Ein paar Einrichtungen zeigten schließlich auch Ausstellungen über Eileen Gray.

1982 hatte wieder das Schicksal seine Hand im Spiel. Diesmal in Mailand.

“Zu dieser Zeit hatte ich eine italienische Freundin und sie kannte Bepi Maggiori, einen italienischen Journalisten, der für Casa Vogue schrieb. Während der Messe in Mailand war ich eines Abends auf einem Event im Luna Park, stand mit ein paar Leuten zusammen und fragte, ob jemand wüsste, wo ich Bepi Maggiori finden könnte. “Das bin ich”, antwortete der Mann mir gegenüber.”

Zu der Zeit war Bepi Maggiori in die Mitorganisation eines Treffens europäischer Designer involviert. Das Meeting names “Rastlos, Design on the Border” sollte in der Raststätte “Rastlos” stattfinden, die sich in der Nähe der österreichischen Stadt Eisenstadt nahe der ungarischen Grenze befand.

“Damals trug ich eine Kodak Dia-Box mit Dias meiner Arbeiten mit mir herum”, so Morrison. “Ich zeigte sie Bepi und er lud mich zum Rastlos-Treffen ein. Ich stieg ohne Produkte, lediglich mit meinen Dias, in eines der Autos, die von Mailand aus losfuhren. Das Event erschien mir wie ein großes Abenteuer. Da waren Designer aus ganz Europa und so konnte ich anfangen, ein Netzwerk von Kontakten quer durch Europa aufzubauen.”

Unter den Teilnehmenden waren Piero Castiglioni, Stefano Giovannoni, Studio Alchimia und, was vielleicht am wichtigsten war, Andreas Brandolini, der später den Anstoß zu Morrisons Jahr in Berlin gab und mit dem Jasper Morrison später viele Projekte entwickelte. Und das Konzept der Nutzlosigkeit – Design eher um des Designs willen als für einen Sinn, Zweck oder Nutzen.

Die Frage, wie wichtig das Rastlos-Meeting für die zukünftige Entwicklung der Karriere des damaligen Studenten Morrison war, beantwortet er, eher weniger in Morrison-Manier, auf emphatische Weise: “Sehr wichtig. Das war mein Durchbruch in Europa! Ich denke, wenn ich in London geblieben wäre und diese Chance nicht bekommen hätte, wäre es sehr viel schwieriger gewesen.”

London war allerdings die Stadt, in der Jasper Morrison erste kommerzielle Erfolge verzeichnete.

Unter Jasper Morrisons ersten Kunden war der in London ansässige Möbelhersteller SCP und der Händler/die Galerie Aram. SCP produzierte und vertrieb als Erster Morrisons Designs und begann 1983 mit dem Slatted Stool. Neben der Tatsache, dass es eine schöne Verbindung zurück zu Eileen Gray ergibt, hat Aram die weltweiten Lizenzen für alle Arbeiten von Eileen Gray und Zeev Aram war ein persönlicher Freund der Designerin. Er zeigte und verkaufte auch die handgefertigten Originalversionen von Morrisons Thinking Man’s Chair, bevor Cappellini die Herstellung und den Vertrieb des Produkts übernahm. Der Rest, so sagen sie, ist Geschichte.

Und die Ausstellung “Thingness”.

Thinking Mans Chair by Jasper Morrison, as seen at Thingness, Museum für Gestaltung Zürich

Thinking Man’s Chair von Jasper Morrison, gesehen in der Ausstellung “Thingness”, Museum für Gestaltung Zürich

Ursprünglich wurde “Thingness” 2015 als Teil des Programms der europäischen Kulturhauptstadt Mons im Centre d’innovation et de design (CID) Grand-Hornu in Belgien ausgestellt. Die Ausstellung wurde chronologisch strukturiert und ermöglicht einen leicht zugänglichen Rundgang durch 30 Jahre Design von Jasper Morrison, oder zumindest 30 Jahre kommerzielles Design von Jasper Morrison. Leider werden keine Konzepte oder unvollendeten Prototypen gezeigt. Leider, weil alle Kreativen die Summe ihrer Erfolge und der Sackgassen sind, in die sie naiv hineinschlenderten. Nicht nur der Erfolge. “Thingness” beginnt mit dem immer noch großartigen Handlebar Table aus dem Jahr 1981, den Morrison selbst als Zehner-Edition produzierte. Dann geht die Ausstellung munter über zu Objekten wie dem Plywood Chair für Vitra, dem Low Pad Chair für Cappellini, dem Air-Chair für Magis oder dem December Chair für Nikari. Ja, es geht überwiegend um Stühle. Überwiegend, aber nicht ausschließlich. Projekte wie das Rotary Tray für Vitra, die Leuchte Glo-Ball für Flos, Knife Fork Spoon für Alessi oder die Scamp Bag für Maharam haben auch ihren Platz.

Das Ausstellungsdesign spiegelt sich in wenigen Objekten auf weißen Podesten und erhöhten Holzplattformen wider. Ein reduziertes Ausstellungsdesign-Konzept mit mehr als ausdrucksstarken Kurztexten zu den Arbeiten, kurzen Essays von Morrison über Design, einfachen Zeichnungen und Fotos, die die Arbeiten in einen Kontext setzen. Die von Morrison verfassten Texte verdeutlichen nicht nur, wie die Objekte entstanden sind. Dank Morrisons leichtem, ordentlichen Schreibstil bringen sie dem Besucher den Designer Jasper Morrison auch näher. Ein professionellerer Design-Journalist würde an dieser Stelle zweifellos anmerken, dass Morrisons Schriftsprache genauso klar und schnörkellos ist wie seine Designsprache.

Die Art der Ausstellung und die Tatsache, dass einige Texte direkt von Morrisons Website kommen, vermittelt mitunter den Eindruck, als handele es sich um eine Offline-Version seiner Online-Präsenz, seine permanente Online-Retrospektive, wenn man so will. Dennoch ist genau das die Stärke der Ausstellung, wie es auch bei Okolo Offline im Depot Basel der Fall war: Nur, wenn wir Designarbeiten physisch vor Augen haben, sie vergleichen und betrachten, können wir sie verstehen. Produktdesign ist etwas Physisches und kann nur physisch wirklich entdeckt werden.

Zusätzlich zu der Retrospektive über Morrisons Arbeiten enthält “Thingness” auch eine Abteilung namens “MyCollection”, in der 63 Objekte ausgestellt werden, die Jasper Morrison aus der Sammlung des Museums für Gestaltung ausgewählt hat. Für jedes gibt es einen kurzen Text von Morrison, in dem er erklärt, was ihm an den einzelnen Arbeiten zusagt: Die Kurztexte sind in derselben direkten, unkomplizierten Sprache verfasst, wie die “Thingness”-Texte. “MyCollection” enthält eine Mischung aus Möbel-, Produkt- und Grafikdesigns und zeigt Arbeiten von Schweizer und internationalen Designern wie zum Beispiel Ueli Berger, Jürg Bally, Hans Coray oder Rex Kralj und viele Arbeiten mit der Angabe “Unbekannt”. Als intelligent konzipierte und gut umgesetzte Ausstellung ist “MyCollection” eine hervorragende Ergänzung zu “Thingness”, denn sie bringt den Besucher etwas näher an den Designer Jasper Morrison heran, als es “Thingness” allein tun würde. Und sie mindert ein wenig die Enttäuschung über fehlende Konzepte und nicht realisierte Prototypen.

MyCollection - part of Jasper Morrison Thingness, Museum für Gestaltung Zürich

“MyCollection” – ein Teil der Ausstellung “Jasper Morrison – Thingness”, Museum für Gestaltung Zürich

Der Titel der Ausstellung spielt sehr schön mit dem Konzept “The Thing”/”Die Sache”, einem Konzept und Wort, das Jasper Morrison durch den Großteil seiner Karriere begleitet hat. “Thingness” zeigt allerdings deutlich die eine “Sache”, die in Morrisons Arbeiten fehlt, nämlich jegliche Referenz oder jeglicher Hinweis auf das “Internet der Sachen”. Jasper Morrisons Arbeiten sind in Sachen Material, Form und Funktion konsequent analog und haben nur wenig Verbindung zum digitalen Zeitalter, weitaus weniger Verbindung zu einem digitalen Highway der endlosen Möglichkeiten. “Ich denke, ich bin eher ein analoger Typ”, antwortet Morrison auf unsere Frage, ein Statement, bei dem wir sicher sind, dass ihm niemand widersprechen würde oder könnte. Dieser analoge Zustand hat nichts mit Luddismus zu tun, sondern spiegelt eher Morrisons Designverständnis und Verantwortlichkeiten wider. “Als Designer möchtest du, dass deine Designs gut aussehen und für immer funktionieren, nicht nur zwei oder drei Jahre.”

Denkt er das bei “Thingness”?

“Zwischendurch wackelt es etwas, aber im Großen und Ganzen ja.”

Jasper Morrison Thingness Museum für Gestaltung Zürich: A stroll through 30 years of Jasper Morrison design

“Jasper Morrison – Thingness” Museum für Gestaltung Zürich: eine Reise durch 30 Jahre Design von Jasper Morrison

Jasper Morrison wurde zuerst von der Funktionalistin Eileen Gray inspiriert, bevor Memphis und die Post-Modernisten der 1980er Jahre seine Fantasie bereicherten. Er entwickelte schnell einen rationaleren Ansatz und kombinierte die Direktheit der 1980er Jahre mit der Reduziertheit der 1920 und 30er Jahre, um seinen eigenen Ansatz zum Design umzusetzen. Ein post-industrielles Weniger-ist-mehr, das sich auf den Kern des Objekts konzentriert und den Arbeiten so eine Zugänglichkeit und einen Alltagsrealismus verleiht, der einigen der dogmatischeren Beispiele des modernistischen und post-modernistischen Designs viel zu häufig fehlt. Aber wo sieht Jasper Morrison die Beziehung zwischen Form und Funktion? Gibt es eine…….?

“Das beschäftigt mich nie so sehr”, so Morrison, “man braucht eine Form und eine Funktion, aber sie sind mit anderen Dingen verflochten, die ebenso wichtig sind, wie Material, Komfort, Wirtschaftlichkeit, Langlebigkeit.”

Wir wagen zu fragen, ob es bei seiner Arbeit mehr um die Entwicklung einer Idee oder gar eines Ideals geht, als um ein Produkt an sich.

“Ich suche nach Atmosphäre, nach einer atmosphärischen Wirkung, nach der Atmosphäre, die ein Objekt ausstrahlt. Wenn man zum Beispiel den Thinking Man’s Chair in einen leeren Raum stellt, dann sorgt er für eine andere Atmosphäre, als es der Plywood Chair tun würde.”

Oder anders, wenn man den Thinking Man’s Chair neben den Plywood Chair in einen Raum mit Jasper Morrisons Designs stellt, dann bekommt man eine sehr gute Vorstellung von der Konsistenz, Rationalität und Selbstverständlichkeit, mit der Jasper Morrison seine Ideen und sein Verständnis von Design in den letztens drei Jahrzehnten entwickelt hat.

Slatted Stool by Jasper Morrison for SCP, as seen at Thingness, Museum für Gestaltung Zürich

Slatted Stool von Jasper Morrison für SCP, gesehen in der Ausstellung “Thingness”, Museum für Gestaltung Zürich

Jeder, der Jasper Morrisons Werk gründlich studiert hat, wird wenig Neues in der Ausstellung “Thingness” finden, vielleicht dennoch in “MyCollection”.

Das haben nur sehr wenige getan und die Mehrheit kennt Jasper Morrison folglich nur durch die eine oder andere kommerziell erfolgreichere Arbeit. Alle, die Interesse an zeitgenössischem Design haben, werden eine ganze Menge Neues, Überraschendes, zum Nachdenken Anregendes und Unterhaltsames in “Thingness” finden.

Besonders aber viele logisch strukturierte Arrangements, klare Linien und eine verständliche Sprache.

Und dann kam Dada…….

Hat Dada in Jasper Morrisons Leben eine Rolle gespielt, abgesehen von der Verbindung zwischen Duchamps Readymades und vielen von Jasper Morrisons früheren Arbeiten, wie dem Flower Pot Table, der Laboratory Lamp und dem bereits erwähnten Handelbar Table?

“Ja, eine große sogar. Während ich Design an der Kingston studierte, hatte ich einen kleinen Nebenjob als Secondhand-Buch-Verkäufer und konzentrierte mich besonders auf den Surrealismus und Dada, genauso wie auf Architektur und Design, es bestand also Interesse und es gab einen frühen Einfluss.”

Weniger ist mehr, avantgardistisch und surreal!

“Jasper Morrison – Thingness” läuft bis Sonntag, den 5. Juni im Museum für Gestaltung, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, 8005 Zürich.

Zusätzlich zu der Ausstellung hat das Museum ein begleitendes Rahmenprogramm organisiert, alle Details gibt es auf www.museum-gestaltung.ch.

Passenger Terminal Expo 2016 in Köln: Vitra

Die meisten von uns haben noch nie von den Unternehmen gehört, die auf der Messe Light + Building in Frankfurt ausstellen. Bei den Ausstellern auf der Passenger Terminal Expo wiederum – der führenden Messe für Flughafenausstattung in Europa – war uns nicht mal bewusst, dass solche Firmen überhaupt existieren: Entwickler für Flughafen- Beschilderungssysteme beispielsweise, oder Hersteller von Flughafen-Sicherheitsschleusen, von Gepäckkarussellen, Buchungssystemen für Airlines oder Terminals zum selber Einchecken. Natürlich ist auf der Messe auch die liebliche Frauenstimme vertreten, die einen informiert, wenn das Gate gewechselt hat, wenn das Boarding für ein sehr viel exotischeres Ziel als das eigene beginnt, oder das Boarding für den eigenen Flug beendet ist, bzw. wenn man der letzte Reisende ist und alle aufhält.

Die Passenger Terminal Expo ist schon viel herumgekommen und hätte längst Vielfliegerstatus verdient – sie findet nämlich jedes Jahr in einer anderen Stadt und 2016 in Köln statt.

Vitra at Passenger Terminal Expo Cologne 2016

Vitra auf der Passenger Terminal Expo Köln 2016

Neben all den in der Öffentlichkeit völlig anonymen Unternehmen, die dafür sorgen, dass der Flughafen läuft, zieht die Messe auch den einen oder anderen vertrauten Aussteller an. Dazu gehört der Schweizer Hersteller Vitra mit seiner speziellen Airport Division.

Als wir vor der Passenger Terminal Expo 2012 mit dem CEO der Vitra Airport Division, Pascal Berberat, sprachen, erzählte er uns, dass die kulturübergreifende Uniformität von Flughäfen ein Grund für Vitra sei, eine spezielle Flughafensparte zu entwickeln. Während die Anforderungen bei Innen- und Büroeinrichtung je nach geografischer Lage variieren, sind die Anforderungen der Flughäfen grundsätzlich global gleich – ein gesondertes Flughafenprogramm sei für ein Unternehmen wie Vitra deshalb sinnvoll.

Bisher umfasste das Vitra Flughafenprogramm  eine Zusammenstellung von Designs aus dem breiten Vitra Portfolio – darunter beispielsweise die Eames Plastic Chairs oder Designs von Maarten van Severen sowie speziell entwickelte Projekte wie Airline von Sir Norman Foster oder die Meda Gate Familie von Alberto Meda. Mit Verner Pantons Cloverleaf Sofa von Verpan präsentiert Vitra in Köln jetzt ein neues Standbein, und zwar eine Kooperation mit einem anderen Hersteller.

Die Kooperation für den Vertrieb des Cloverleaf ist auf den Flughafensektor beschränkt, was natürlich mit Blick auf den Anwendungsbereich von Vitra die Frage aufwirft, warum?

“Wir wollen ein breites Spektrum mit so vielen Lösungen wie möglich anbieten”, erklärt Pascal Berberat, “und sind in dieser Hinsicht offen für Kooperationen mit anderen Firmen, die hochqualifizierte Produkte anbieten, die unseren Standards entsprechen. In formaler Hinsicht liefert das Cloverleaf eine Alternative zur steifen linearen Geometrie der Bänke, die momentan die Bestuhlungskonzepte von Flughäfen dominieren. Mit Flower von Sanaa haben wir außerdem schon ein Produkt, das eine ähnliche, sehr organische Form hat und das Cloverleaf deshalb wunderbar ergänzt. Und natürlich gibt es auch eine enge Verbindung zwischen Verner Panton und Vitra.”

Das heißt natürlich nicht, dass die Bänke aus unseren Flughäfen, geschweige denn aus dem Vitraprogramm verschwinden werden, sondern dass wir mit zunehmend weichen, organischen Sitzgelegenheiten auf unseren Flughäfen rechnen dürfen – als Alternative und Kontrast zu den gewohnten Bänken.

Für uns ergibt Vitras Kooperation mit Verpan absolut Sinn. Das 1970 von Verner Panton für die Visiona 2 Ausstellung in Köln entwickelte Cloverleaf Sofa ist ein modulares System, und bietet als solches hohe Flexibilität. Zudem ist es ein System, das bereits besteht – warum auch etwas entwickeln, das es bereits gibt? Man sollte Neues entwickeln, wenn es aber für besondere Anforderungen bereits eine Lösung gibt, sollte man diese stattdessen nutzen – eine umweltfreundliche und ökonomische Praxis.

Not linear. Cloverleaf modular sofa concept by Verner Panton through Verpan, as seen at Passenger Terminal Expo 2016 Cologne

Nicht linear. Das modulare Cloverleaf Sofa von Verner Panton durch Verpan, gesehen auf der Passenger Terminal Expo 2016 Köln

Dass Bänke in naher Zukunft die Grundlage der Flughafenbestuhlung bleiben werden,  ist an allen Ständen der auf der Passenger Terminal Expo 2016 vertretenen Möbelhersteller  zu sehen: zu 90% werden Banksysteme präsentiert.

Der Einsatz von Bänken ist bei der Flughafenausstattung allerdings auch in mehrfacher Hinsicht eine logische Lösung. Alle erhältlichen Systeme sind modular, sodass Flughäfen Sitze, Tische und Liegen für den jeweils vorgesehenen Bereich frei kombinieren können. Und sollte ein Element beschädigt werden, kann es problemlos ausgetauscht werden.

Vitras Erfahrungen mit Banksystemen für den öffentlichen Raum gehen zurück bis in die 1960er Jahre zum Tandem System der Eames, das immer noch im Portfolio der Firma ist und als altmodische A-Schalen-Version aus Fiberglas vor einem kleinen regionalen Flughafen stand, den wir früher häufig nutzen mussten. Der Blick auf die Bänke machte uns den unfreiwilligen Aufenthalt immer leichter.

Vitra präsentiert zwar keine per se neuen Banksysteme auf der Passenger Terminal Köln, allerdings eine neue Erweiterung zu ihrem Bänkeprogramm: die HAL Bank mit der – wie nicht anders zu erwarten war – HAL Sitzschale von Jasper Morrison.

Ursprünglich gedacht als Einrichtungslösung für Orte, an denen Platz heiß begehrt ist, wie beispielsweise kleinere, regionale Flughäfen, ist die HAL Bank im Vergleich zur Mehrheit anderer Flughafenbänke hagerer und schlanker – ein eher kompaktes, weniger voluminöses Objekt, das durch unkomplizierte Eleganz besticht. Außerdem ist die Bank ein wunderbares Beispiel für die inhärente Flexibilität eines gut designten Produktes. Und ja, wir gehen davon aus, dass die HAL Sitzschale das Produkt ist, genauso wie die einteilige Sitzschale der Eames das Produkt ist. Denn mit der Sitzschale kann eine Reihe untereinander austauschbarer Untergestelle verbunden werden, sodass man die Möglichkeit hat, mit einer ganzen Serie von Sitzgelegenheiten einen kompletten Flughafen auszustatten. Dabei geht es wohl weniger um die optische Einheitlichkeit, an der einem Innenarchitekten gelegen sein mag, sondern darum, Möbel je nach Bedarf austauschen zu können. Die konventionellen Überlegungen zu Möbeldesign und Funktionalität interessieren uns in diesem Fall allerdings weniger – worüber wie uns bei der HAL Bank am meisten freuen ist, dass sie keine Armlehnen hat, denn Sitzplätze mit Armlehnen auf Flughäfen sind bekanntermaßen eines der großen Übel unserer Zivilisation.

Zwar verstehen und akzeptieren wir widerwillig das Argument der Flughäfen, die Leute sollten nicht auf den Bänken liegen, weil so all ihre Sitzplatzkalkulationen durcheinanderkämen, aber dennoch: Armlehnen auf Flughäfen sind eine schlimme Sache.

 

A bench composed of HAL seat shells by Jasper Morrison for Vitra, as seen at Passenger Terminal Expo 2016 Cologne

Eine aus HAL Sitzschalen komponierte Bank von Jasper Morrison für Vitra, gesehen auf der Passenger Terminal Expo 2016 Köln

In unserem Interview von 2012 verglich Pascal Berberat Flughäfen mit kleinen Städten. Sieht man die Sache so, ist es natürlich kein Wunder, dass eine Firma wie Vitra an einem Markt wie dem der Flughäfen ein Interesse hat. Einerseits kann Vitra mit seinem breiten Portfolio nicht nur Sitzgelegenheiten für öffentliche Wartebereiche liefern, sondern für alle Flughafenbereiche – von der Security über den Duty-free-Bereich bis hin zu Bars, Cafeterien und zur Luftraumkontrolle. Und weil viele von diesen Sitzen aus einem Portfolio von Produkten stammen, die alle auch für den Wohn- und Bürobereich erhältlich sind, werden viele Passagiere die Designs wiedererkennen und sich so wohler fühlen als in der sterilen Hochsicherheitsatmosphäre gegenwärtiger Flughäfen. Da den meisten Vitra Produkten zudem eine Menge Forschung in Sachen Materialien und Ergonomie zugrunde liegt, kann Vitra darüber hinaus die Kluft zwischen den Bedürfnissen der Passagiere bezüglich des Komforts und denen der Flughäfen oder Airlines, denen es eher um Flexibilität und Langlebigkeit geht, gut überbrücken. Funktionalität ist letztlich eine Frage der Perspektive… .

Die Erweiterung des Vitra Angebots von Wohn- und Büroräumen auf einen so vielseitigen Bereich wie den Flughafen ist ziemlich geradlinig; aufmerksame Passagiere werden es auf so unterschiedlichen Flughäfen wie München, Doha, Heathrow, Delhi oder Eindhoven, oder aber auch am Eurostar Terminal am Bahnhof Waterloo Station in London bemerken. Was auf dem Flughafen funktioniert, lässt sich natürlich auch auf Bahnhöfe und Fähranleger, bzw. auf Einkaufszentren, Rathäuser, Wartezimmer, etc. … übertragen.

In den vergangen Jahren ist der Bedarf an Flughäfen und deren Kapazitäten  – sieht man mal von einigen prinzipientreuen Gegnern in Berlin ab – weltweit gestiegen; und Pascal Berberat erwartet nicht, dass sich diese Situation in naher Zukunft ändern wird.

“Die Welt wird kleiner, die Nachfrage nach Mobilität nimmt zu und Fliegen ist nicht länger der Luxus der es mal war. Ich bin überzeugt, dass sich das in den kommenden Jahren noch verstärken wird und wenn die Leute mehr fliegen, braucht es auch immer mehr Infrastruktur, und das heißt vor allem mehr Flughäfen.”

 

Flughäfen also mit Mobiliar, bei dem man den Herstellernamen schon mal gehört hat und mit Technologie von Firmen, deren Namen man niemals wissen wird und wo eine Frauenstimme erklingt, die so lieblich ist, dass sie auch eine nahende Apokalypse ein bisschen weniger bedrohlich klingen lassen könnte: “Die Vier-Reiter-Airline ist erfreut, Ihnen mitteilen zu können, dass das Boarding für den Flug  REV618 in die Misere beginnt…… .”

Einige Eindrücke von Vitra bei der Passenger Terminal Expo 2016 in Köln:

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2016 – Hay

Das dänische Label Hay wurde 2002 gegründet und entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Hersteller auf dem europäischen Markt für Möbel und Wohnaccessoires. In vielerlei Hinsicht diente das Unternehmen auch als Vorbild für die unzähligen Labels, die auf dem ganzen Kontinent innerhalb der letzten fünf bis sechs Jahre entstanden sind. Doch gemessen an der Größe, am Umfang und der offensichtlichen Kosten ihres Standes auf der Messe in Mailand 2016 plant Hay sicherlich nicht, sich in nächster Zeit auf seinen Lorbeeren auszuruhen: Diese Marke, so sagte man uns, wird auf die nächste Stufe steigen und ist darauf vorbereitet, weiter zu wachsen.

Für unseren Geschmack machen sie vielleicht etwas zu viel, versuchen zu sehr, immer alles für jeden zu sein. Ungeachtet dieser Überlegungen gab es dennoch einige Juwelen in den Tiefen von Mailands ehemaligem La Pelota Schwimmbad zu entdecken, wo Hay seine neue Kollektion für 2016 vorstellte.

Dapper and New Order from HAY, as seen at Milan Design Week 2016

Dapper Lounge Chair von Doshi Levien und New Order Regalsystem von Stefan Diez für Hay, gesehen auf der Milan Design Week 2016

Die echten Highlights der Hay Kollektion 2016 sind und waren für uns ohne Frage das Can Sofa und der Can Sessel von Ronan und Erwan Bouroullec. Das Can Sofa und der Sessel werden flach gepackt verkauft und können zu Hause selbst aufgebaut werden. Sie bestehen aus einem Stahlrohrrahmen mit überschwänglich einladenden Kissen, die mithilfe von Textilwänden an ihrem Platz gehalten werden. Außerdem dient das Can Sofa als provisorisches Bett. Die Can Familie besteht aus sehr einfachen, zugänglichen Objekten und ist zeitgenössisch und doch konservativ, leger und doch diszipliniert. Wir finden, dass die Möbel formal, in ihrer Konstruktion und hinsichtlich des ihnen zugrunde liegenden Geistes der Mobilität, der Leichtigkeit und Temporalität an die Küche Cuisine désintégrée oder an das Raum-im-Raum-Konzept Lit clos aus den Anfängen der Bouroullec-Karrieren erinnern. Eine Sachlage, die wir durchaus anerkennen. Neben diesen formalen Aspekten spielt beim Can Konzept der relativ niedrige Preis eine wichtige Rolle. Dieser wird größtenteils durch die Konzentration auf die Anzahl der Komponenten und Produktionsschritte und deren Optimierung erreicht und für Ronan Bouroullec liegt dieser Aspekt im Kern der Kooperation der Brüder mit dem Unternehmen: “Bei Hay arbeiten leidenschaftliche Menschen, die zwischen Ikea und exklusiveren Designfirmen erfolgreich sein wollen”, erklärt er, “Mir gefällt dieser Ansatz und es bedeutet auch, dass wir eine Plattform haben, mit der wir versuchen können, Grundbedürfnisse zu erfüllen, etwas zu entwerfen, was in der Modeindustrie das weiße T-Shirt wäre. Einfache Alltagsobjekte also, die kein Vermögen kosten und viele Menschen ansprechen.” Unserer Ansicht nach haben sie mit Can genau das erreicht. Diese Ansicht vertritt auch Ronan Bouroullec, was nicht so überraschend ist. “Ich bin ziemlich stolz darauf, dass wir es geschafft haben, mit dem Sofa und dem Sessel etwas entworfen zu haben, was Grundbedürfnisse auf elegante Weise erfüllt”, so Bouroullec. Und stolz dürfen sie auch sein.

Can by Ronan and Erwan Bouroullec for HAY, as seen at Milan Design Week 2016

Can von Ronan und Erwan Bouroullec für Hay, gesehen auf der Milan Design Week 2016

Wie treue Leser wissen werden, fiel uns bei der IMM 2015 unter unabhängigen Designstudios eine unverkennbare Beliebtheit relativ niedriger Stühle auf, die das hatten, was wir als “bewusst überproportionierte, gepolsterte Sitzfläche und Rückenlehne” bezeichneten. Als Begründung führten wir den Bridge Armchair von Rui Alves, den Pocket Chair von Jesper Junge und den Lenz Lounge Chair von Bartmann Berlin, Silvia Terhedebrügge & Hanne Willmann an. Wir schreckten offensichtlich davor zurück, das böse “T-Wort” zu benutzen, aber da lag definitiv etwas in der Luft. Das Fieber befiel offensichtlich auch das in London ansässige Studio Doshi Levien. Ihr neuer Dapper Lounge Chair für Hay ist nicht ganz so niedrig wie die oben erwähnten Produkte. Daher eignet er sich vielleicht besser als Esszimmerstuhl oder z.B. als Beistellstuhl im Wintergarten, in einem Hotelzimmer oder in einem Wartezimmer, und weniger als klassischer Lounge Chair schlechthin. Dennoch strahlt er in demselben warmen Glanz von Hans J. Wegner in einer Post-Disco-Melancholie der 1980er Jahre und ist somit attraktiv. Nicht zuletzt, weil er als Objekt selbstbewusst, sehr gut proportioniert, ästhetisch ansprechend und daher äußerst einladend ist.

Ansonsten beeindruckte uns das modulare New Order System von Stefan Diez genauso sehr wie immer und das wird auch so bleiben. Wir können uns nicht vorstellen, dass es uns mal nicht mehr begeistern könnte. Die neue Outdoor Kollektion Palissade der Bouroullecs hält, was sie verspricht. Und sogar etwas mehr, was immer erfreulich ist.

Die Neuzugänge in Hays Portfolio lassen uns ein bisschen zweifeln, dass Hay auf die offensichtlich herbei gesehnte nächste Ebene steigen wird. Wenn der Fall eintritt, kann man nur hoffen, dass sie sich daran erinnern, dass Qualität und Quantität im Designbereich selten die besten Freunde sind und dass zu viel von Letzterem den erstgenannten Aspekt nachteilig beeinflussen kann und unweigerlich wird. Ja, man muss sich entwickeln. Man muss sich aber auch, wie in allen Aspekten des Lebens, selbst treu bleiben.

Hier noch einige Eindrücke der Hay Kollektion 2016 in Mailand.

Vitra Design Museum präsentiert “Alexander Girard. A Designer’s Universe”

Sichtlich verärgert über einen kritischen Bericht über das Haus seines Freundes Alexander Girard in Santa Fe, schrieb Charles Eames am 26. Dezember 1956 einen kurzen Brief an Walter McQuade, den Herausgeber des Magazins:

“Alexander Girard ist an der Qualität von allem interessiert und handelt auch persönlich und unmittelbar in diesem Interesse. Aus einem solchen Handeln könnte womöglich kein Klischee entstehen und kein Klischee zu sein erfordert eine Erklärung.

Die Antwort liegt vielleicht in Girards Engagement in allem, was er anfasst und zeitliche Grenzen sind nicht erlaubt. Von Bedeutung ist auch die Tatsache, dass er etwas von einer Elster und etwas von einem Florentiner hat”1

Alexander Girards Interesse an Qualität, sein absolutes Engagement und seine elsterartigen Tendenzen sind in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe” im Vitra Design Museum zu sehen.

The Vitra Design Museum Weil am Rhein à la Alexander Girard

Das Vitra Design Museum Weil am Rhein à la Alexander Girard

Alexander Girard wurde 1907 als Sohn einer amerikanischen Mutter und eines französisch-italienischen Vaters geboren und wuchs in Florenz auf. 1917 wurde er am Bedford Modern Internat in London angemeldet, in der Stadt, in der er später Architektur an der Architectural Association School of Architecture studierte und 1929 seinen Abschluss machte. 1932 ging Alexander Girard nach Aufenthalten in Stockholm und Rom “zurück” nach New York, wo er Möbel und Inneneinrichtungen für Privatkunden entwarf, bevor er und seine neue Frau Susan 1937 nach Detroit zogen. Er begann, für ein dort ansässiges Interior-Design-Studio zu arbeiten und das unberechenbare Schicksal hatte noch mehr für ihn vorgesehen …

1943 designte Alexander Girard die Kantine für den Detroiter Radiohersteller Detrola neu, dessen Chefdesigner er 1945 wurde. Charles Eames arbeitete zu dieser Zeit mit der Evans Products Company in Los Angeles zusammen und designte Radiogehäuse aus gebogenem Schichtholz. Es wird erzählt, dass er eines Tages bei Detrola auftauchte, um sich zu bewerben. Alexander Girard war nicht da und so hinterließ Eames eine Nachricht und merkte, dass Detrola ihn nicht brauchte, weil der Chefdesigner, den sie gerade hatten, viel besser war. Es ist zweifelhaft, ob es nun so war oder nicht, aber sicher ist, dass Girard nach seinem Umzug nach Detroit intensive und lange Freundschaften mit vielen der bekannten Persönlichkeiten der nahe gelegenen Cranbrook Academy of Art schloss. Darunter waren Charles & Ray Eames und Eero Saarinen, mit dem er 1948 das erste Mal zusammenarbeitete, bevor George Nelson Alexander Girard 1951 zum Leiter der Textilabteilung des Möbelunternehmens Herman Miller ernannte. In dieser Position entwarf er über 300 Textildesigns, half dabei, einen Look und ein Gefühl für die zahlreichen Herman-Miller-Möbelprogramme für den Wohn- und Arbeitsbereich zu definieren und hierfür ist er ohne Frage besonders bekannt.

Neben seiner Kooperation mit Herman Miller war Alexander Girard auch ein erfolgreicher und sehr gefragter Ausstellungsdesigner, Interior Designer und ein weniger gefragter und weniger erfolgreicher, wenn auch unserer Meinung nach höchst talentierter Möbeldesigner. Unter anderem seine sogenannte Girard Group aus dem Jahr 1967 für Herman Miller motivierte uns zu unserer Serie “Verlorene Klassiker des Möbeldesigns”. Er designte Besteck, Geschirr und Haushaltswaren, entwarf eine ganze Corporate Identity für Braniff Airlines und sammelte vor allem Volkskunst… Als er seine Sammlung 1978 an den Staat New Mexico spendete, umfasste sie über 100 000 Gegenstände.

Wie Charles Eames schon richtig sagte, war er “teilweise eine Elster” und seine Leidenschaft für das Sammeln half ihm in vielerlei Hinsicht dabei, die Welt zu verstehen und bestimmte, wie er an seine Arbeit heranging und seine Funktion sowie die Funktion all dieser Objekte und Umgebungen verstand, die er entwarf.

Alexander Girard starb im Jahr 1993 im Alter von 85 Jahren und sein persönliches Archiv wurde 1996 dem Vitra Design Museum anvertraut. “A Designer’s Universe” ist das Ergebnis der ersten strukturierten, wissenschaftlichen Studie dieses Archivs.

Alexander Girard's files...You wouldn't want it any other way....

Alexander Girards Akten… Ihr würdet es nicht anders wollen…

“A Designer’s Universe” wurde von Dr. Jochen Eisenbrand, dem leitenden Kurator des Vitra Design Museums, aufbereitet und mithilfe des Ausstellungsdesignkonzepts von dem Londoner Studio Raw Edges eingerichtet. Zu Beginn gibt es eine exzellente Einführung in Alexander Girards Anfangsjahre, die nicht nur viele bislang ungesehene/selten gesehene Arbeiten, sondern auch neue biografische Details umfasst, bevor Aspekte seiner Arbeiten genauer betrachtet werden. Seinen umfangreichen Arbeiten im Bereich Textildesign wird ein eigener Raum gewidmet und ihre Präsentation ähnelt der in der von Girard kuratierten Ausstellung “The Design Process at Herman Miller” aus dem Jahr 1975. Der Bereich Corporate Design wird anhand der Kooperation mit Braniff Airlines gezeigt, Restaurantdesign-Projekte wie La Fonda del Sol und L’Etoile in New York werden anhand von Objekten und Möbeln dargestellt, die Girard entworfen hat sowie Fotos des Original-Interieurs. Weitere Arbeiten aus dem Bereich Interior Design werden mithilfe von Plänen, Objekten und Fotos von einigen seiner Schlüsselprojekte ausgestellt. Mit dabei ist auch das gemeinsam mit Eero Saarinen entworfene sogenannte Miller House, für dessen Wohnzimmer Girard eine Sitzgrube designte, die im Zentrum der Austellungsfläche im Erdgeschoss nachgebaut wurde. Oben liegt der Fokus auf Girards Arbeiten aus dem Bereich Ausstellungsdesign und der Präsentation seiner Volkskunstsammlung. In der Annahme, dass man eine Sammlung von über 100 000 Objekten “darstellen” kann.

Und in der Annahme, dass man einen Designer “darstellen” kann, der so viele Jahre lang in so vielen Bereichen aktiv und für so viele Projekte verantwortlich war.

In Anbetracht des Ausmaßes und der Vielfalt der Thematik kann eine Ausstellung wie “A Designer’s Universe” nicht mehr als an der Oberfläche kratzen und eine ehrliche, sachliche und oberflächliche Darstellung von der Geschichte liefern, die sie erzählt.

Und in Anbetracht der Eigenschaften der meisten dargestellten Objekte enthält eine Ausstellung wie “A Designer’s Universe” unvermeidbar wahnsinnig viele Vitrinen, was niemals ein gutes Ausstellungskonzept ist. Niemals. Besonders nicht für eine Ausstellung über einen Mann, der einst sagte: “Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als eine Ausstellung, in der Objekte nur in Boxen nebeneinander aufgereiht werden.2″

Aber.

Welche andere Wahl hätten die Organisatoren in Anbetracht des Alters, Materials und besonders der Größe der meisten Objekte gehabt? Es ist nicht ideal, aber die Exponate müssen in einem bedeutungsvollen Kontext und Verhältnis präsentiert werden und das bedeutet manchmal eben Vitrinen. Es handelt sich auch nicht nur um in Glaskästen nebeneinander aufgereihte Objekte. Besonders im ersten Raum mit den biografischen Informationen und im zweiten mit den Textilien gibt es einige sehr gut konzipierte und realisierte Darstellungslösungen.

Ja, es war gemein, unfreundlich und ein bisschen ungehobelt von uns, das Girard-Zitat zu erwähnen. Wenn auch wichtig.

Genauso wichtig ist es sich daran zu erinnern, dass Girard auch einmal sagte: “Ein Teil meiner Leidenschaft war es immer, Objekte im Zusammenhang zu sehen. Ich glaube, dass alles zu atmen beginnt, wenn man Objekte in eine Welt einfügt, die scheinbar ihre eigene ist. In gewisser Hinsicht erschafft man ein Stück Leben. Das Exponat erwacht dann zum Leben.”3

Wenn wir als “Zusammenhang” hier weniger die Objekte verstehen, und eher ihre Rolle, die Person Alexander Girard einem Publikum zu erklären, das größtenteils nicht oder teilweise gar nicht mit ihm und seinen Arbeiten vertraut ist, dann befinden sich die Objekte scheinbar in ihrer eigenen Welt. In einer Welt, oder vielleicht eher in einem Universum von Alexander Girards Schaffen und so atmet die Ausstellung trotz der Glaskästen.

Sie atmet umso leichter dank des Platzes, den Raw Edges der Ausstellung in dem berühmt engen Bereich des Vitra Design Museums eingeräumt haben. In der Vergangenheit haben wir oft negativ über die räumliche Begrenzung des Gehry Gebäudes gesprochen und darüber, dass dort Ausstellungen in der Größe, wie das Vitra Design Museum sie ausrichtet, stattfinden. Die Ausstellung “A Designer’s Universe” lässt viel Platz für Bewegung und Reflexion und das, obwohl sie mit etwa 700 Objekten doppelt so groß ist, wie eine “normale” Ausstellung.

Work created for and in context of La Fonda del Sol and L'Etoile restaurants, as seen at Alexander Girard. A Designer's Universe, Vitra Design Museum

Arbeiten für und im Zusammenhang mit den Restaurants La Fonda del Sol und L’Etoile, gesehen in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe”, Vitra Design Museum

Angesichts der Problematik, viele der Objekte, besonders die Volkskunst, angemessen darzustellen, waren wir beim Besuch der Ausstellung gedanklich häufig in Alexander Girards Haus in Santa Fe. Diesen Ort haben wir uns lange als wahres Kuriositätengeschäft mit Objekten quer durch Geografie und Zeit vorgestellt, angeordnet in der charmanten Unordnung eines Besessenen. Aber war das so…….?

“Sein Haus war unglaublich gut organisiert”, so Aleishall Girard Maxon, Alexander Girards Enkelin. Und obgleich es eine unserer liebsten Vorstellungen zerstört, sagt sie: “Einige Dinge gehörten zu den Kernstücken des Hauses, teilweise verschmolzen sie sogar mit der Architektur. Andere Dinge kamen und gingen, denn er hatte so viele Objekte, die er liebte und änderte doch ständig die Kuratierung.”

Und so wird uns unmittelbar ein genauso liebenswerter Eindruck vermittelt. Wir fragen vorsichtig, ob das bedeutet, dass die Sammlung immer in greifbarer Nähe war?

“Sie befand sich in einem speziellen Lagerraum, der an sein Haus angrenzte, das auch einen Arbeitsraum für all die Volkskunst enthielt, die ständig dazu kam. Es war alles miteinander verbunden, sodass man in zwei Minuten von dem Lagerraum in die Küche laufen konnte”, so Aleishall, “und das war in vielerlei Hinsicht ein wesentlicher Grund wie er es schaffte, soviel zu machen. Er entwarf einen Raum, um seine Interessen zu erleichtern.”

Alexander Girard spricht oft über Volkskunst als Verbindung zur Unschuld der Kindheit und wie die Volkskunst uns an das wesentliche Wunder des Lebens erinnert. Durften Sie als Kinder auch mit den Objekten spielen?

“Mit einigen ja”, so  Kori Girard, Aleishalls Bruder, “er entwarf eine kleine Höhle, die wir nutzen konnten und all die Dinge darin waren praktisch. Den Rest durften wir erforschen, aber nicht berühren.”

Finden Sie Ihren Großvater in der Ausstellung wieder, ist er präsent?

“Definitiv”, antwortet Kori, “einer der kraftvollen Aspekte seiner Arbeit ist, dass sie ihn in vielerlei Hinsicht repräsentiert. Man kann ein Objekt isoliert betrachten und ihn wiederfinden und hier, wo es so viele Objekte gibt, werden definitiv die vielen verschiedenen Disziplinen widergespiegelt, in denen er tätig war, die Experimente, die er durchführte und besonders seine unterschiedlichen Leidenschaften.”

Original Wooden Doll sketches by Alexander Girard, as seen at Alexander Girard. A Designer's Universe, Vitra Design Museum


Original Wooden Doll Zeichnungen von Alexander Girard, gesehen in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe”, Vitra Design Museum

Trotz der vielen Leidenschaften, der vielen Seiten von Alexander Girard, der vielen Projekte, an denen er arbeitete, trotz des Formats derer, mit denen er zusammenarbeitete und der Gesellschaft, in der er verkehrte, gewissermaßen des Universums, auf das der Titel der Ausstellung Bezug nimmt, bleibt Alexander Girard einer der weniger bekannten und weniger verstandenen Designer aus dem Bereich, der heute als amerikanische Mid-Century-Moderne verstanden wird. Aber wirkt sich diese fehlende Anerkennung auch auf seine Bedeutung aus, besonders im Zusammenhang mit dem Erfolg von Herman Miller in den 1950er und 1960er Jahren und somit dem Aufstieg amerikanischen Designs in diesem Zeitraum?

“Ja, ich denke schon”, so Jochen Eisenbrand, der Kurator der Ausstellung, “die Eames’ waren für das Möbeldesign bedeutend, George Nelson als Designchef für die Gesamtausrichtung, Werbung und Unternehmensidentität. Alexander Girard war für Textilien und Farben bedeutend, einen Bereich, der oft übersehen wird, der aber eine wesentliche Rolle spielt, wie Objekte angenommen werden und wie erfolgreich sie letztlich werden. ”

Besonders, so vermuten wir, im zeitlichen Kontext, im Amerika der Nachkriegszeit und dem Wandel des Verständnisses von der und den Erwartungen an die Einrichtung von Wohnräumen…

“In der Tat und Girard war teilweise für die Verbreitung dieses Wandels verantwortlich. In den 1930 und 40er Jahren schaute Amerika in Sachen Design und Enrichtung sehr stark auf Europa. Nach dem Krieg ging Amerika selbst voran und Alexander Girard war einer von denen, die Ideen aus Europa übernahmen und versuchten, den kühleren Glas-Stahlrohr-Designs einen menschlicheren Touch zu verleihen.”

War er mit dieser Rolle glücklich, mit der er neben, aber irgendwie auch hinter Eames oder Nelson stand?

“Ich glaube, das kann heute niemand sicher sagen”, antwortet Mateo Kries, der Direktor des Vitra Design Museums, “aber er wusste, dass seine große Stärke nicht darin lag, ein Einzelobjekt zu designen, sondern eher darin, den Rahmen zu entwerfen, den Raum, das Interieur. Er war klug genug zu verstehen, dass Menschen wie Charles Eames oder Eero Saarinen großartige Möbel designt hatten und dass er das Talent hatte, sie zu nutzen, in seine Einrichtungen einzuarbeiten und sie mit Textilien aus Marokko und Kissen aus Afghanistan zu kombinieren. Er entwarf ein passendes Farbschema für sie und um sie herum und kommunizierte die Designs auch in einer Ausstellung, was eine weitere Stärke von ihm war. Alexander Girard dachte immer eher über Systeme als Einzelobjekte nach, Alexander Girard verband Dinge, verband Ideen, verband Menschen.”

“A Designer’s Universe” erkärt geschickt, wie diese Verbindungen funktionierten, wie Alexander Girard in die Designgeschichte passt und wieso es gefährlich ist, Kreative in eine Schublade zu stecken – besonders eine Florentiner-Elster.

.....then again.... A 1996 chair design by Alexander Girard for L'Etoile, New York, as seen at Alexander Girard. A Designer's Universe, Vitra Design Museum

Ein Stuhldesign aus dem Jahr 1966 von Alexander Girard für L’Etoile, New York, gesehen in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe”, Vitra Design Museum

Bei der Ausstellungseröffnung wurde erwähnt, dass, während man bei Charles und Ray Eames oder George Nelson immer nach einem neuen Winkel schaut, nach einer zuvor un- oder nicht genug erforschten Facette, dies bei der relativen Unklarheit Alexander Girards kein Problem ist. Alexander Girard ist das Thema und “A Designer’s Universe” ist eine exzellente Vorstellung seiner Person, seiner Arbeit und seines Platzes in der Entwicklung des zeitgenössischen Designs, aber was können heutige Designer von Alexander Girard lernen?

“Besonders, dass Sammeln sehr sinnvoll sein kann”, so Jochen Eisenbrand, “und zwar, um ein visuelles Archiv als Quelle des Potentials und der Inspiration zu schaffen. Man kann aber auch viel über den Gebrauch von Farben lernen und dass man keine Angst vor Verzierungen und Dekoration haben sollte. Das hat alles seinen Platz, man muss fähig sein und verstehen, es korrekt zu nutzen, aber all das kann einen positiven Nutzen haben.”

Worin besteht Aleishall und Koris Hoffnung, was Besucher von der Ausstellung und ihrem Großvater lernen?

“Ich hoffe, dass die Besucher die Inspiration mitnehmen, ein kreativeres, integrativeres Leben zu führen und es mehr zu akzeptieren”, antwortet Kori Girard, “und dass sie verstehen, dass Inspiration so viele Quellen haben kann.”

“Mit seiner Arbeit”, so Aleishall weiter, “ruft er den Betrachter dazu auf, selbst zu denken, zu erkennen, dass jeder ein kreatives Leben leben kann und ich habe den Eindruck, seine Arbeit basierte oft auf diesem Gedanken.”

Das klingt auch nach dem perfekten “P.S.” für Charles Eames’ Brief aus dem Jahre 1956…

“Alexander Girard. A Designer’s Universe” läuft im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein bis Sonntag, den 29. Januar 2017.

Alle Details inklusive Informationen zu dem begleitenden Rahmenprogramm gibt es auf www.design-museum.de.

1. Letter from Charles Eames to Walter McQuade 26.12.1956, On display in Alexander Girard A Designer’s Universe, Vitra Design Museum. Weil am Rhein

2. Alexander Girard in einem Interview mit Charlene Cerny, in Sarah Nestor, Multiple Visions A common bond – The Girard Foundation Collection, Santa Fe Museum of International Folk Art, 1983

3. Alexander Girard zitiert in Laurel Seth, Everyman’s Art, American Interest, Mai/Juni 2011, Vol. 6 Issue 5

Möbelmesse Mailand 2016: Top Five!

Auf der Mailänder Möbelmesse Salone del mobile fünf herausragende Produkte auszusuchen, ist für den normalen Beobachter eine nahezu unmögliche Aufgabe, so hoch ist die Anzahl der Kandidaten. “Wie”, fragt unser normaler Beobachter, “könnt ihr nur fünf auswählen?!?!”

Auf der Möbelmesse Mailand fünf herausragende Produkte auszusuchen ist aber auch für den erfahrenen Besucher eine nahezu unmögliche Aufgabe, weil die Mehrheit der ausgestellten Produkte alles andere als herausragend ist. Und ältere, etablierte Produkte kommen für diese Kolumne nicht in Frage.

Genau dafür war die Möbelmesse in Mailand 2016 ein hervorragendes Beispiel: Die Mehrheit der neuen Produkte hat uns nicht überzeugt. Viele der Hersteller, von denen man einen freudigen Schauder hätte erwarten können, brachten wenig mehr als ein freundliches, wenngleich wissentlich entschuldigendes Lächeln auf.

Das bedeutet nicht, dass die ausgestellten Objekte nicht gut, interessant oder berechtigt waren. Das waren sie häufig, nur stachen sie selten heraus.

Dennoch gab es einige ausgezeichnete Produkte, hier sind unsere Top Five von der Möbelmesse Mailand 2016*

Officina Lounge Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis

Auf der Mailänder Möbelmesse 2016 enthüllte Magis eine umfangreiche Erweiterung der Officina Kollektion von Ronan und Erwan Bouroullec, inklusive des Officina Lounge Chairs. Das Objekt stellt für uns die endgültige Verkörperung der Ideen dar, die im Officina Armchair enthalten sind. Versteht uns nicht falsch, wir sind große Fans des Officina Armchairs. Mit der zusätzlichen Breite, den übertriebenen Proportionen und der Kombination aus Leder und Schmiedeeisen ist der Officina Lounge Chair für uns eine natürlichere, harmonischere Konstruktion als der kompakte Armchair. Außerdem hat er etwas Ursprüngliches, fast Bestialisches an sich, wenn auch etwas von einer gezähmten Bestie. Das macht ihn für uns zu einem sehr logischen und ansprechenden Objekt.

Officina Lounge Chair by Ronan & Erwan Bouroullec for Magis, a sseen at Milan Furniture Fair 2016

Officina Lounge Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

Stool 01 von Studio Daphna Laurens

Der raffiniert benannte Stool 01 ist keineswegs ein neues Design, denn er gehörte zu dem Beitrag des Designstudios Daphna Laurens aus Eindhoven zur Vienna Design Week Passionswege 2012. Für uns ist er heute aber noch genauso frisch und aufregend, wie er es schon damals in Wien war. Wir finden auch wirklich, dass mehr Menschen ihn kennenlernen sollten. Die Attraktivität liegt für uns in der Mehrdeutigkeit, die dem Objekt innewohnt. Im Wesentlichen ein ganz simpler Hocker, ist der Stool 01 alles andere als das; er enthält keine klaren Hinweise, wie oder wo man ihn nutzen kann. Das liegt an euch. Intensiviert wird dies durch die Tatsache, dass der Stool 01 als Objekt nicht nur zur Interaktion auffordert, sondern ständig neue Facetten seines Charakters enthüllt und neue Möglichkeiten aufzeigt, die abhängig davon sind, wie man an ihn herangeht. In den letzten Jahren haben wir den Stool 01 bei zahlreichen Gelegenheiten und an vielen Orten gesehen und wissen doch noch nicht, wie man auf ihm sitzen soll. Es handelt sich nicht um einen einfachen Hocker, sondern um ein sehr erfreuliches und bereicherndes Objekt aus dem Bereich Produktdesign.

Stool 01 by Studio Daphna Laurensas seen at Salone Satellite, Milan Furniture Fair 2016

Stool 01 von Studio Daphna Laurens gesehen bei Salone Satellite, Möbelmesse Mailand 2016

866 F Schaukelstuhl von Lydia Brodde, Thonet Design Team für Thonet

Das Genre Schaukelstuhl wird größtenteils durch die klassische “Windsor”-Spindel-Form definiert, oder auch von seinem quadratischen Cousin, wie man ihn klischeehaft auf der durchschnittlichen amerikanischen Veranda findet. Oder es ist eine fürchterliche zeitgenössische Abscheulichkeit, die in dir den Wunsch nach einem neuen Gesetz weckt, das den Verantwortlichen lange Gefängnisstrafen auferlegt. Dazwischen gibt es nicht so viel. Der  recht neue Schaukelstuhl 866 F von Thonet bietet eine Alternative. Als Erweiterung von Thonets 860-Programm von Lydia Brodde aus dem Thonet Design Team profitiert der 866 F nicht nur von der gut durchdachten und exzellent proportionierten Form der 860-Kollektion, sondern auch von Thonets langjähriger Erfahrung mit Schaukelstühlen. Michael Thonet war für zahlreiche Schaukelstuhldesigns verantwortlich, wobei er Zeit und Mühe in die Entwicklung der filigranen Bugholzstrukturen investierte und zusätzlich stark auf die Radien der Schaukelstühle achtete. Sorgfältiges Forschen in den Thonet Archiven und Werkstätten hat ergeben, dass es basierend auf dieser Tradition eine bestimmte Krümmung gibt, die ein stabiles, sicheres und besonders erfreuliches Schaukeln ermöglicht.

866 F Rocking Chair by Lydia Brodde, Thonet Design Team for Thone, as seen at Milan Furniture Fair 2016

866 F Schaukelstuhl von Lydia Brodde, Thonet Design Team für Thonet, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

FRAM3 von Anna Weber

FRAM3 war für uns eine dieser klassischen Messeerfahrungen. Wir liefen um den Stand herum, an dem Anna Weber von der Burg Giebichenstein ihre Arbeit ausstellte und unsere Aufmerksamkeit wurde geweckt, warum, wissen wir nicht. Und so konnten wir uns auch nicht entscheiden, ob es uns gefiel. Wir dachten, dass wir es wahrscheinlich schon mochten und machten ein paar Fotos. Fernab von der Intensität der Messe mit Raum und Zeit zum Nachdenken entschieden wir, dass wir es mochten und es uns noch immer gefällt. Oder uns gefiel/gefällt besonders eine Konfiguration von FRAM3. Wie der Name verrät, ist FRAM3 ein Metallrahmen, der in einer von drei Positionen genutzt werden kann. Der rechteckige Rahmen hat drei Höhen, abhängig davon, welche Seite die Basis bildet. Eine Reihe austauschbarer Einsätze macht aus FRAM3 ein praktisches Sideboard, einen Tisch, etc…..es war der Metalleinsatz mit Vertiefung zur Aufbewahrung von Büchern, der unsere Aufmerksamkeit weckte. Ja, wir wissen schon. Staub. Wenn ein Buch zu lange dort liegt, wird es staubig. Dann lässt man es eben nicht so lange dort liegen. Das Leben ist einfach. Nutzt es als vorübergehende Aufbewahrungsmöglichkeit für Bücher, zum Beispiel im Flur, in der Küche, im Wintergarten oder im Büro. Und nicht nur für Bücher. Der Rand an der oberen Fläche sorgt dafür, dass kleine Gegenstände sicher darauf abgelegt werden können und der Einsatz bietet vorübergehend Platz für Schals, Jutebeutel, kleine Päckchen, Hundeleinen etc., etc., etc. Oder für Bücher. Zusätzlich zu seiner erfreulichen Funktionalität ist FRAM3 auch in ästhetischer Hinsicht ein gelungenes Objekt. Es ist reduziert, ohne unnötig filigran zu sein und zeigt seinen robusten Charakter, ohne grob zu sein.

FRAM3 by Anna Weber, as seen at Salone Satellite, Milan Furniture Fair 2016

FRAM3 von Anna Weber, gesehen bei Salone Satellite, Möbelmesse Mailand 2016

Ulisse Daybed von Konstantin Grcic für ClassiCon

Einer der schönen Aspekte an Konstantin Grcics Arbeiten ist, dass man nie weiß, wohin sie ihn als Nächstes führen werden: etwas schamlos, wenngleich kompetent Kommerzielles; etwas in künstlerischer Richtung; etwas, das neue Formate entdeckt, Horizonte erweitert und so das Vokabular des Möbeldesigns bereichert; oder etwas, das den Schreiner Konstantin Grcic repräsentiert. Das Ulisse Daybed für ClassiCon ist ein wunderbares Beispiel für letzteren Punkt. Das Objekt präsentiert sich in einer unkomplizierten, reduzierten Formensprache und seine Neigemechanik bereitet wahre Freude. Es ist im Wesentlichen eine sehr einfache, beinahe grundlegende Schreinerlösung eines funktionalen Problems und dennoch eine von logischer Effizienz, die unbestreitbar industrieller Art ist. Ulisse ist ein hervorragend umgesetztes Objekt des Schreinerhandwerks und nimmt, wie so viele von Grcics Arbeiten, Bezug auf zahlreiche historische Objekte. Außerdem bietet es eine neue Interpretation von Eleganz und Funktionalität, für die die Produkte anerkannt werden und beliebt sind.

Ulisse Daybed by Konstantin Grcic for ClassiCon, as seen at Milan Furniture Fair 2016

Ulisse Daybed von Konstantin Grcic für Classicon, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

* mit der Maßgabe, dass:

(a) In Anbetracht der 8 000 000 Hersteller, die ihre Produkte in 20 000 Hallen in drei Zeitzonen ausstellen, haben wir nicht alles gesehen und unweigerlich das eine oder andere herausragende Objekt verpasst. Wir werden sie aber irgendwann einholen.

(b) Diese Auflistung enthält nur Objekte, die wir auf der Möbelmesse in Mailand gesehen haben, die Stadt Mailand ist nicht die Messe. Das ist die Stadt. Auch wenn immer mehr Hersteller versuchen, das Wasser zu trüben und uns anderweitig zu überzeugen.

5 neue Designausstellungen im April 2016

Wenn man den Etymologen Glauben schenken kann, entstammt der Begriff “April” dem lateinischen Verb “aperire” – aufdecken, öffnen. Unsere Vorfahren bezogen sich hiermit fraglos auf die Angewohnheit der Natur, sich in dieser Zeit des Jahres zu “öffnen”. Wir denken wohl eher an “Aperol” und die angenehmste Erfrischung während der Sommerzeit, deren Saison in Mailand jeden April beginnt. Es ist also keine Überraschung, dass uns die fünf neuen Designausstellungen für April 2016 nach Mailand führen … und nach Düsseldorf, Helsinki, Dresden und Amsterdam.

“Jean Tinguely. Super Meta Maxi” im Museum Kunstpalast Düsseldorf

Der Künstler Jean Tinguely wurde 1925 in Fribourg in der Schweiz geboren und ist am besten für seine unzähligen kinetischen Skulpturen bekannt, die einige als unansehnliche Säulen Restmetalls bezeichnen. In vielen Fällen ist das auch so. Dies wird vielleicht am besten an einem von Jean Tinguelys bekanntesten Werken deutlich. “Hommage to New York” wurde im Skulpturengarten des MoMA New York aus Einzelteilen von New York Citys Mülldeponien und “80 Fahrradrädern, Teilen alter Motoren, einem Klavier, Metallfässern, einer Adressiermaschine, einem Kinder-Go-Kart und einer emaillierten Badewanne”* gefertigt. Und all das in einer Maschine, die sich innerhalb einer 30-Minuten-Performance selbst zerstören sollte. Wie sich herausstellte, verlief die Performance nicht ganz wie geplant, aber die Kritik an der Konsumkultur wurde übermittelt und Tinguely verschaffte sich weltweit Aufmerksamkeit. Mit “Super Meta Maxi” versprechen das Museum Kunstpalast Düsseldorf und das Stedelijk Museum Amsterdam eine chronologische Reise durch Jean Tinguelys Werk inklusive viele seiner Interventionen und kreativen Kooperationen sowie die Darstellung eines verständlichen Porträts eines Künstlers, der im Allgemeinen gegen das Porträt als Genre arbeitete.

“Super Meta Maxi” ist übrigens nicht die erste Begegnung zwischen Düsseldorf und dem Dadaisten Tinguely. 1959 zeigte die Stadt Jean Tinguelys erste Soloausstellung in Deutschland, eine Ausstellung, die in der Verbreitung von Tinguely Manifest “Für Statik” – “For Statics”- from an aircraft over the city” gipfelte: “Alles ist in Bewegung. Nichts steht still … hört auf Zeit zu “malen”. Hört auf Kathedralen und Pyramiden zu bauen, die zerfallen. Atmet tief ein, lebt im Hier und Jetzt, lebt für den und in dem Moment. Für eine schöne und absolute Realität.”

“Jean Tinguely. Super Meta Maxi” eröffnet im Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf am Samstag, den 23. April und läuft bis Sonntag, den 14. August.

* MoMA Pressemitteilung vom 18. März 1960 (pdf)

Jean Tinguely, Große Méta-Maxi-Maxi-Utopia (Photo Christina Baur, © Museum Tinguely, Basel, Donation Niki de Saint Phalle © VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Courtesy of Museum Kunstpalast Düsseldorf)

Jean Tinguely, Große Méta-Maxi-Maxi-Utopia (Foto Christina Baur, © Museum Tinguely, Basel, Spende Niki de Saint Phalle © VG Bild-Kunst, Bonn 2015, mit freundlicher Genehmigung des Museum Kunstpalast Düsseldorf)

“Eero Aarnio” im Designmuseo Helsinki, Finnland

Mit seinem Ball Chair und Bubble Chair gab der finnische Designer Eero Aarnio dem Geist der Revolution, der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten der 1960er Jahre nicht nur eine physische Form. Er schuf auch neue Möbelgenres und trug zu einem neuen Verständnis von Materialien und Produktionsprozessen bei. Neuere Arbeiten wie Puppy für Magis oder der Rocket Stool für Artek transportierten Eero Aarnios Kreativität in eine neue Generation und im Falle des aus Holz gefertigten Rocket Stools hin zu einem neuen Material. So allgegenwärtig und eindeutig erkennbar seine Arbeiten auch sind, bleibt Eero Aarnio selbst weitgehend unbekannt. Das Designmuseo Helsinki möchte dies mit seiner Retrospektive ändern. In Aussicht gestellt wird ein Mix aus Möbeln, Leuchten und kleinen Objekten, aus serienmäßig hergestellten Produkten und einmaligen Arbeiten von den 1950er Jahren bis heute. All das wird vervollständigt und erweitert durch Zeichnungen, Sketche, Prototypen und persönliche Objekte. Die Ausstellung verspricht, die umfassendste Entdeckung des Menschen und des Designers Eero Aarnio zu sein, die es je gab.

“Eero Aarnio” eröffnet im Designmuseo, Korkeavuorenkatu 23, 00130 Helsinki am Freitag, den 8. April und läuft bis Sonntag, den 25. September.

Eero Aarnio at the Designmuseo Helsinki

“Eero Aarnio” im Designmuseo Helsinki

“Living in the Amsterdam School” im Stedelijk Museum Amsterdam, Niederlande

Ähnlich wie der deutsche Jugendstil bzw. die Arts-and-Crafts-Bewegung in den Jahren zwischen den Kriegen in den traditionelleren Werkbund und die avantgardistischen Bauhaus-Bewegungen zerfiel, so wird auch die Entwicklung der zeitgenössischen Architektur und des Designs in den Niederlanden von einer Teilung charakterisiert. Auf der einen Seite sind die frechen, jungen Dinge von De Stijl und auf der anderen Seite ist die konservativere Amsterdamer Schule. Während die zahlreichen kreativen Genres De Stijls und die Architektur wie das architektonische Erbe der Amsterdamer Schule weitgehend erforscht wurden, präsentiert “Living in the Amsterdam School” dem Stedelijk Museum zufolge die erste museale Erkundung der Möbel und der Einrichtung, die die Architektur der Amsterdamer Schule begleiteten. Die über 500 in Aussicht gestellten Gegenstände scheinen sicherlich umfangreich genug, um sicherzustellen, dass der Besucher die Verbindung zwischen Architektur und Inneneinrichtung versteht und auch, warum es zwischen der Amsterdamer Schule und den De-Stijl-Protagonisten so viele Gegensätze gab.

“Living in the Amsterdam School” eröffnet im Stedelijk Museum Amsterdam, Museumplein 10, 1071 DJ Amsterdam am Samstag, den 9. April und läuft bis Sonntag, den 28. August.

Armchair and coffee table by Liem Bwan Tjie, ca. 1930 (Photo Erik & Petra Hesmerg, Courtesy of Stedelijk Museum Amsterdam)

Sessel und Coffee Table von Liem Bwan Tjie, ca. 1930 (Foto Erik & Petra Hesmerg, mit freundlicher Genehmigung des Stedelijk Museum Amsterdam)

XXI Triennale International Exhibition: “21st Century. Design After Design”, Mailand, Italien

Die Organisatoren haben sich entschieden, bei der 21. Triennale in Mailand einen Blick auf das 21. Jahrhundert zu werfen und die Frage zu stellen, was die Zukunft für Designer und Design in beruflicher und begrifflicher Hinsicht bereithält. Mit über 20 Ausstellungen an 11 Orten in und um Mailand herum möchte die 21. Triennale in Mailand bestimmten Fragen nachgehen. Fragen danach, wie man am besten auf den aufkeimenden Konflikt zwischen unserer Abhängigkeit von Massenproduktion und der Ausbreitung neuer Produktionsprozesse reagieren könnte, wie sich unsere Städte und Gemeinden verändern sollten/werden, um sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen, welche Rolle Designer hierbei spielen, wie die Rolle des Designers werden wird und besonders, was “Design” in naher Zukunft eigentlich bedeuten wird … also nach Design?

Die XXI Triennale International Exhibition “21st Century. Design After Design” findet an verschiedenen Orten in Mailand von Samstag, den 2. April bis Montag, den 12. September statt.

XXI Triennale International Exhibition: 21st Century.Design After Design, Milan

XXI Triennale International Exhibition: “21st Century.Design After Design”, Mailand

“Der eigene Antrieb – oder wie uns das Rad bewegt” im Kunstgewerbemuseum Dresden, Deutschland

Ähnlich wie unsere Beziehung zur Fotografie rein funktionaler, praktischer Art ist, verhält es sich auch mit unserer Beziehung zum Fahrradfahren. Wir glauben einfach nicht an diesen ganzen “Fahrrad-als-Lifestyle-Unsinn”.

Steig auf dein Fahrrad. Fahr zum Bäcker. Fahr wieder nach Hause. Iss Kuchen.

Steig auf dein Fahrrad. Fahr ins Kino. Schau einen Film. Steig wieder auf dein Fahrrad. Fahr nach Hause.

Steig auf dein Fahrrad. Mach eine lange Radtour. Vermeide fast von einem Bus angefahren zu werden. Fahr nach Hause. Fühl dich fitter.

Aber diese Sache mit dem Fahrrad als “Kult”-objekt … ohne uns.

Und wir denken mal, auch ohne das Kunstgewerbemuseum Dresden.

Mit seiner Ausstellung “Der eigene Antrieb – oder wie uns das Rad bewegt” möchte das Kunstgewerbemuseum Dresden die Entwicklung des Fahrrads in seinem kulturellen, sozialen und technologischen Kontext darstellen. Die ersten beiden Punkte hören sich am interessantesten an, da sie in Aussicht stellen zu entdecken, wie das Fahrrad als demokratisches und universelles Objekt zahlreiche kulturelle und soziale Bewegungen begleitet, definiert und sogar ermöglicht hat. Und nein, wir meinen nicht tätowierte Großstädter mit Racing Caps.

“Der eigene Antrieb – oder wie uns das Rad bewegt” eröffnet im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, Wasserpalais, August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden am Samstag, den 30. April und läuft bis Dienstag, den 1. November.

Typical Hipster! Littering the countryside without any consideration for the deeper cultural and social consequence of their actions, typical......

Typisch Hipster! Verschmutzen die Landschaft ohne Rücksicht auf die größeren kulturellen und sozialen Konsequenzen ihres Handelns, typisch …

Eames & Hollywood im Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brüssel

Die Ausstellung “The World of Charles und Ray Eames” in der Barbican Art Gallery London neigt sich so langsam ihrem Ende. Für das Art & Design Atomium Museum, ADAM, in Brüssel also genau der richtige Zeitpunkt uns mit der Ausstellung “Eames & Hollywood” die nächste Gelegenheit zu liefern, eine der vielen Eames Welten genauer unter die Lupe zu nehmen. Und nein, es geht nicht um Filme, sondern um Fotografie!

Eames & Hollywood at Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brussels

Eames & Hollywood im Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brüssel

 

Das ADAM wurde im Dezember 2015 offiziell eröffnet und ist ein neues Designmuseum in Brüssel, das heißt wohl das erste ausgewiesene Designmuseum in Brüssel. Wie schon der Name impliziert, liegt das Museum auf dem Gelände der Brüsseler Weltausstellung von 1935 und hat es sich zwischen Atomium und den Art-Deco-Messehallen bequem gemacht.

Grundsätzlich liegt der Fokus des Museums auf dem Plasticarium, einer Sammlung von ungefähr 2000 Objekten verschiedenster Genres, aus der Zeit zwischen den 1950er Jahren und heute, die in der Dauerausstellung des Museums gezeigt wird. “Eames & Hollywood” ist jetzt die erste Sonderausstellung. Die Frage, warum man eine solche Institution ausgerechnet mit einer Ausstellung über die Fotografie der Eames einweiht, ist naheliegend.

“Die Idee kam von der Kuratorin Alexandra Midal”, erklärt der Ausstellungsdirektor Arnaud Bozzini, “sie zeigte mir eines Tages einige der Fotografien und ich war sehr beeindruckt von der Qualität dieser Bilder. Mir kam sogleich die Idee eine Ausstellung zu organisieren, die zeigen würde, dass es bei Ray und Charles Eames nicht nur um Design und Architektur oder Stühle ging, sondern dass es auch die Fotografien gab – und dass die Fotografie ein elementarer Bestandteil ihrer Auffassung von Design und Kunst war.”

Eames & Hollywood at Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brussels

Eames & Hollywood im Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brüssel

Zwar wissen die meisten, die Ray und Charles Eames’ Arbeiten kennen, dass auch die Fotografie ein wichtiger Bestandteil ihres kreativen Outputs war – man bedenke allein die zahlreichen Ausstellungsdesigns und Filme – nur die wenigsten sind sich allerdings über den tatsächlichen Umfang des fotografischen Erbes der Eames im Klaren: die Eames Collection der Congressional Library in Washington umfasst – man stelle sich vor! – 750.000 Aufnahmen des Paares.

In Anbetracht dieser Zahl fragt man sich natürlich, woraus dieses Interesse entstand und wer der Motor hinter dem Auslöser war.

“Auch wenn ich fest von der Tatsache überzeugt bin, dass all die gemeinsamen Arbeiten Ray und Charles Eames gleichermaßen widerspiegeln”, sagt Eames Demetrios, Enkel von Charles Eames und derzeitiger Direktor des Eames Office, “würde ich bei den Fotografien behaupten, dass Charles Eames der Initiator war. Charles’ Vater starb als er 14 Jahre alt war. Nach seinem Tod erforschte Charles dessen Dunkelkammer und brachte sich die Fotografie und das Entwickeln selbst bei. Von da an spielte die Fotografie eine entscheidende Rolle in Charles Eames’ Leben. An der Cranbrook Academy verbrachte er beispielsweise viel Zeit in der Dunkelkammer. Er half dem Fotografen der Akademie und machte seinen ersten Film. Während Ray also mit Fotografie arbeitete, war sie für Charles ein integraler Bestandteil seiner Vorgehensweise.”

Könnte das, fragen wir vorsichtig, der Grund für den sehr markanten, zuweilen sehr experimentellen Gebrauch visueller Bildsprache im Werk der Eames, vor allem in ihrer Ausstellungsarbeit sein?

“Ich denke schon”, antwortet Demetrios, “allerdings sollte man nicht vergessen, dass Ray ein außergewöhnliches Gefühl für Farben hatte, ihr Farbgedächtnis war beispielsweise erstaunlich. Hinsichtlich der Ausstellung ergab sich da eine fantastische Kombination, weil beide unterschiedliche Ansätze verfolgten, um außergewöhnliche, visuelle Erfahrungen zu kreieren.”

Einen Eindruck dieser visuellen Erfahrungen kann man sich in der Ausstellung “Eames & Hollywood” machen.

In the Director's Chair at Eames & Hollywood, Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brussels

Im Regiestuhl bei Eames & Hollywood, Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brüssel

Der grundlegende Fokus der von der Designhistorikerin und -theoretikerin Dr. Alexandra Midal kuratierten Ausstellung “Eames & Hollywood” liegt auf einer Sammlung von 240 Fotos, die Charles Eames an den Sets diverser Billy Wilder Filme aufgenommen hat – vor allem auf der sogenannten Movie Sets Reihe, die Charles Eames für seine Präsentation der sechsten und letzten seiner Charles Norton Vorlesungen in Harvard 1971 benutzte. Diese “Reihe” wurde von Alexandra Midal im Kontext eines Projektes wiederentdeckt, das sich im Jahr 2013 mit Bildern zum Film “Think” befasste, den Ray und Charles Eames für den IBM Pavillon auf der Weltausstellung in New York 1964 kreierten. “Unter all den Bildern, die ich aussuchte, gab es eine Serie namens “Movie Sets”, die so beeindruckend war, dass sie mir keine Ruhe ließ und auf die ich immer wieder zurückkam”, erklärt Alexandra, “für mich war das gewissermaßen eine Einführung in die Beziehung der Eames zu Bildern, und die habe ich dann zu Eames & Hollywood weiterentwickelt.”

Was hat die Movie Sets Reihe so interessant gemacht, warum stach die Serie so hervor?

“Erstmal war ich vom Thema selbst überrascht: ich wusste, dass die Eames und Billy Wilder befreundet waren – aber worum geht es, wenn einer an ein Filmset geht und Fotos aufnimmt? Was für eine Idee verbirgt sich dahinter? Das hat mich erstmal interessiert. Dann war ich absolut fasziniert von der Ausstattung und der Art und Weise, in der die Eames Dinge wie Gerüste und den ganzen Apparat, der eine Illusion zu Realität werden lässt, ins Bild rückten. Ich fand dieses Vokabular für Designer ausgesprochen interessant. Letztlich sind die Fotos als solche sehr stark und bringen die Geschichte der Menschen bei der Filmproduktion erstaunlich gut rüber – das betrifft nicht nur die Stars, sondern auch die Arbeiter, Techniker und die Abläufe.”

Präsentiert als Triptychon – das heißt als Diashow auf drei Screens, verbindet die Movie Set Serie Bilder von Billy Wilder Sets und eine Audiospur mit dem Geplapper der Filmcrews, das wiederum mit Burt Bacharachs “Not Goin’ Home Anymore” von Butch Cassidy and the Sundance Kid gemixt wurde.

Eames Demetrios zufolge ist Movie Sets eine Serie von 15 ähnlichen Diashows, die Ray und Charles Eames im Laufe ihrer Karriere angefertigt haben. Diese Diashows haben nie wirklich eine große öffentliche oder kritische Aufmerksamkeit erregt, kamen allerdings bei den jüngeren Mitgliedern der Eames Familie immer sehr gut an: “Als Kind haben wir uns diese Bilder ständig angesehen, sie waren wirklich faszinierend”, erinnert sich Eames, “zum Teil lag das daran, dass man nicht alles auf einmal überblicken kann, man blickt von einem Bild zum anderen, und kaum erkennt man etwas, geht die Präsentation schon zu etwas neuem über.”

Dieses Gefühl, immer Ausschau zu halten, nach etwas, das man verpasst hat, immer überprüfen zu müssen, ob man wirklich gesehen hat, was man glaubt gesehen zu haben, das Gefühl grenzenloser visueller Stimulation ist sehr präsent in der Ausstellung ADAM. Und ein echter Genuss.

Neben der Diashow ermöglichen es dem Betrachter einzelne Dias sich auf die Einzelbilder und auf Charles Eames’ Kompositionstechniken und seine Wahl der Perspektive zu konzentrieren.

1966 quote from Charles Eames.....

1966, Zitat von  Charles Eames …

Wir haben eher ein funktionales Verhältnis zu Fotografie, das heißt für uns ist Fotografie ein rein praktisches Medium der Dokumentation und Demonstration, mit dem sich zuweilen Dinge beweisen lassen. Kameras können lügen, aber ein Foto sagt immer mehr als tausend Worte. Fotografie als “Kunst” ist allerdings so eine Sache, die wir nicht recht verstehen. Vor allem wenn es um Straßenfotografie geht – eine Faszination, die wir noch nie teilen konnten.

Theoretisch würde das erhebliche Probleme mit Charles Eames’ Fotografie für uns mit sich bringen, zumindest wenn wir der Meinung Alexandra Midals folgen: “Charles Eames war mit seiner Kamera überall. Er war ein richtiger Foto-Fanatiker. Ich denke allerdings nicht, dass er als Architekt oder als Designer fotografierte. Seine fotografische Bildsprache ist eher die eines Künstlers.”

Für uns sind die Bilder allerdings eher reines Dokumentationsmaterial. Sie dokumentieren den Prozess und die Werkzeuge der Filmproduktion, und auch eine lang vergangene Zeit. Denn auch wenn die Filmproduktion heute grundsätzlich noch genauso abläuft, hat der enorme Wandel in der Technologie doch dazu geführt, dass vieles von dem, was Charles Eames fotografiert hat, heute selbst museumsreif ist. Auf die Gefahr hin also Alexandra Midal zu widersprechen – wozu wir uns ganz und gar nicht qualifiziert genug fühlen – wollen wir festhalten, dass bei uns vor allem die zahllosen Nahaufnahmen harmlos erscheinender Objekte, Werkzeuge und Formen für Aufmerksamkeit gesorgt haben, und so das Bild eines Designers entstand, der Einflüsse sammelt. Die mögen für den Moment keinen Sinn ergeben, aber haben vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt die Antwort auf eine scheinbar unlösbare Frage geliefert. Insofern fotografierte Charles Eames dann doch “wie ein Designer”.

Genauso wichtig wie die Fotografien ist für “Eames & Hollywood” das Ausstellungsdesign. Kreiert hat es Adrien Rovero, Absolvent der ECAL Lausanne. “Ich wollte ein markantes Ausstellungsdesign, ein Ausstellungsdesign, das mit den Fotografien im Dialog steht”, erklärt Alexandra Midal, “Ich wollte das Gerüst und die Ausstattung!” Mit seinem intelligent konzipierten Design liefert Adrien Rovero genau das; und zwar auf 900 Quadratmetern Ausstellungfläche ohne den Besucher einzuengen oder zu dominieren. Zudem ermöglicht sein Konzept die angedachte Präsentation: von hinten beleuchtete Dias, statt gedruckte Fotografien.

Exhibition design by Adreien Rovero for Eames & Hollywood at Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brussel

Ausstellungsdesign von Adrien Rovero für Eames & Hollywood im Art & Design Atomium Museum, ADAM, Brüssel

Sofern wir wissen ist “Eames & Hollywood” eine der ersten Charles und Ray Eames Fotoausstellungen überhaupt; und mit Sicherheit eine der ersten Museumsausstellungen in Europa. Eine erstaunliche Tatsache, bedenkt man welch entscheidende Rolle visuelle Bilder im Werk der beiden Designer spielen, und in Anbetracht der Anzahl von Fotografien in der Sammlung. Eine Erklärung ist nicht leicht zu finden – vielleicht wurden ihnen keine Ausstellungen angeboten, oder sie waren nicht interessiert …?

Auch können wir die Frage nicht beantworten, ob die Billy Wilder Bilder für eine Erkundung des fotografischen Œuvres der Eames der beste Ausgangspunkt sind, denn so viele Eames Fotos haben wir bisher nicht gesehen. Alexandra Midal hat genug gesehen und in dieser Richtung grundsätzlich mehr Erfahrung. Hört man ihre Schwärmereien zur “Movie Sets”-Serie, bekommt man jedenfalls den Eindruck, dass es sich dabei nicht um den schlechtesten Ausgangspunkt handeln kann. Die Ausstellung ist jedenfalls wohl überlegt und gut realisiert. Wenn auch nicht mit dem Tiefgang einer großen Fotografieretrospektive versehen, stellt “Eames & Hollywood” kompetent und unterhaltsam eine gut recherchierte Nische im Eames Universum dar, und hilft uns so einmal mehr dabei dem Schaffen des Paares etwas genauer auf die Schliche zu kommen.

“Eames & Hollywood” ist im Art & Design Atomium Museum, ADAM, Belgiëplein, Place de Belgique, 1020 Brüssel bis Sonntag, den 4. September zu sehen.

Öffnungszeiten und alle weiteren Details sind unter http://adamuseum.be zu finden.

smow Blog Interview: Glen Oliver Löw – Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass Design mit einem Problem beginnt.

Der in Leverkusen geborene Glen Oliver Löw studierte ursprünglich Industriedesign an der Universität Wuppertal, bevor er 1986 nach Mailand zog, wo er einen Masterstudiengang an der Domus Academy absolvierte. Nach seinem Abschluss blieb Glen Oliver Löw in Mailand und nahm eine Stelle bei Antonio Citterio an. 1990 wurde er Partner eines Büros und entwickelte ein breites Spektrum an Projekten für so unterschiedliche Firmen wie Vitra, Kartell und Flos.

Im Jahr 2000 kehrte Glen Oliver Löw nach Deutschland zurück und nahm eine Professur an der Hochschule für Bildende Kunst, HfBK, in Hamburg an. Zudem eröffnete er ein Designbüro in Hamburg, von dem aus er Projekte für Kunden wie Thonet, Steelcase und Knoll entwickelt.

Wir haben Glen Oliver Löw getroffen, um über zeitgenössisches Produktdesign, die 80er Jahre in Mailand und die HfBK Hamburg zu sprechen. Begonnen haben wir, wie immer, mit der Frage “Warum Design”?

Glen Oliver Löw: Ich hatte schon als Kind eine starke Affinität zu den Dingen, habe viel gebastelt und gebaut und als ich mich für einen Beruf entscheiden musste, war Industriedesign die erste Wahl. Ich empfinde es als extrem befriedigend gemeinsam im Team mit anderen Personen gut funktionierende und sinnvolle Produkte zu entwickeln, die dann von Millionen von Menschen benutzt werden.

smow Blog: Und warum in Wuppertal?

Glen Oliver Löw: Die Hochschule hatte einen sehr guten Ruf, vor allem in Bezug auf die Vermittlung von praktischen Fähigkeiten. Und auf die kam es an, als Design noch bedeutete, Objekte für die industrielle Produktion zu gestalten. In Wuppertal wurden dafür ausgezeichnete Skills und grundlegendes Wissen über Materialien und Produktionsprozesse vermittelt.

smow Blog: Nach Wuppertal sind Sie an die Domus Academy in Mailand gewechselt. Das hört sich nach dem “Kulturschock” schlechthin an. Warum entschieden Sie sich für Mailand?

Glen Oliver Löw: Für mich war es notwendig und wichtig – nach der ziemlich trockenen, technischen Ausbildung in Deutschland – Design in seinem kulturellen Kontext zu sehen und zu verstehen. Ich hatte das Glück, dass mir ein Europa-Stipendium erlaubte, einen Master an der Domus Academy zu absolvieren. Das war im Jahr 1986 – einer sehr spannenden Zeit. Memphis war damals in Mailand mit seiner Funktionalismuskritik und einer Antihaltung gegenüber dem klassischen Produktdesign sehr präsent. Ich war ganz klar auf der Seite der Funktionalisten und blieb trotz aller Einflüsse Funktionalist – also immer Form folgt Funktion. Dennoch war das ein spannendes, aufregendes Umfeld.

smow Blog: Interessant, dass Sie das sagen, denn als die Welle des Neuen Deutschen Designs über Westdeutschland hereinbrach, waren Sie Student in Wuppertal. Hat Sie das kalt gelassen, hat Sie nicht interessiert, was da passierte?

Glen Oliver Löw: Ich konnte das nicht ausstehen, fand das grauenhaft – das hat mich irgendwie nie angemacht. Da konnte ich mit der Ästhetik von Memphis schon mehr anfangen.

smow Blog: Sie sagten, Mailand sei Mitte der 80er Jahre eine aufregende Umgebung gewesen, wie geht es Ihnen, wenn Sie heute Mailand besuchen? Spüren Sie da noch immer eine besondere Energie, oder hat sich die Stadt und ihre Designklientel komplett verändert, sich weiterentwickelt über die Jahre?

Glen Oliver Löw: Für mich ist es nicht mehr so spannend, das mag aber vor allem an mir selbst liegen. Grundsätzlich finde ich den derzeitigen Designdiskurs im industriellen Kontext nicht sonderlich interessant. Damals gab es noch echte Innovationen, da wurden komplett neue Sachen entworfen, neue Ideen entwickelt. Heute kommt Design oft geschmäcklerisch daher – es geht eher darum Dinge anders zu machen aber, nicht unbedingt darum sie besser zu machen. Modische Aspekte überwiegen. Vor allem Mailand war in den 80er Jahren ein El Dorado für Designer. Es gab eine relativ große Zahl an kleinen und mittleren Möbelproduzenten, die alle auf der Suche nach innovativen und kreativen Entwürfen waren, um gegenüber den großen Herstellern wettbewerbsfähig sein zu können – viele Möglichkeiten also für Designer. Heute sehe ich sehr viel weniger Innovation und Kreativität, und vor allem sehr viel weniger Firmen, die das Risiko auf sich nehmen würden, mit einem Designer etwas Experimentelles zu entwickeln. Die meisten gehen auf Nummer sicher, fokussieren Bewährtes, oder für gewöhnlich, was die Konkurrenten im Programm haben, anstatt eine Investition in etwas Neues zu riskieren. Die Folge ist, dass immer die gleichen Designer beauftragt werden, die gleichen Ideen wieder und wieder zu reproduzieren.

smow Blog: Haben Sie eine Erklärung dafür? Hat sich die Auffassung von Design geändert; hat sich der Designmarkt verwandelt?

Glen Oliver Löw: Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass Design mit einem Problem beginnt. Heute ist Design oft selbstbezogen – Design um des Designs Willen. Design funktioniert in vielen Bereichen wie die Mode, es dominieren kurzfristige Trends, die oft beliebig erscheinen. Andererseits stelle ich z.B. bei meinen Kindern fest, dass das Interesse an physischen Objekten und die Affinität zu den Dingen im Allgemeinen abgenommen hat. Durch die allgegenwärtige Faszination für das Mediale tritt die Gestalt der Dinge in den Hintergrund. Das Objekt als physische Entität ist nicht mehr so wichtig, die Funktionalität eines Produkts reduziert sich auf die Mensch-Maschine-Schnittstelle.

smow Blog: Kann man also annehmen, dass auch Sie den Eindruck haben, dass der Designbegriff immer schwammiger wird?

Glen Oliver Löw: Absolut – vollkommen schwammig! Heute wird jegliches Handeln unter dem Begriff Design subsumiert. Wenn heute jemand beispielsweise im gesellschaftlichen Kontext arbeitet, behauptet er die Gesellschaft oder gesellschaftliche Vorgänge zu designen. Heute ist alles Design.

smow Blog: Ursprünglich nach Mailand gekommen, um ein Jahr zu studieren, blieben Sie beinahe 15 Jahre und arbeiteten überwiegend mit Antonio Citterio zusammen. Wie entwickelte sich diese Partnerschaft?

Glen Oliver Löw: Citterio suchte damals einen Deutsch sprechenden Designer für die Zusammenarbeit mit Vitra. Auf seine Anfrage hin hat mich die Domus Academy ihm empfohlen und da Antonio Citterio einer der wenigen dem Funktionalismus treu gebliebenen Designer in Mailand war, passte alles perfekt. Für mich persönlich hieß es nun einmal in der Woche zu Vitra nach Basel zu fahren, um die Produktentwicklung zu koordinieren – dort habe ich erst richtig gelernt, wie ein Designprozess funktioniert und was es bedeutet Design im industriellen Kontext zu betreiben.

smow Blog: Wie verlief der Designprozess mit Antonio Citterio? Haben Sie ein Projekt entwickelt und er sagte gut oder nicht gut, oder gab es eine gemeinsame Vorgehensweise?

Glen Oliver Löw: Wir haben von Anfang an sehr eng zusammengearbeitet. Nachdem ich dann Partner wurde, war ich unabhängiger in dem, was ich tat, kooperierte aber immer eng mit Citterio. Ich denke, wir hatten immer ähnliche Ansätze und Vorstellungen. Vielleicht habe ich mich mehr für Innovationen und Erfindungen interessiert, wollte Dinge neu und anders machen, während Citterio ein sehr gutes Händchen dafür hatte, Vorhandenes aufzugreifen und neu zu interpretieren bzw. auf sinnvolle und neue Art umzugestalten.

smow Blog: Im Jahr 2000 haben Sie Mailand verlassen, lag das nur am Millennium, an neuen Perspektiven oder …?

Glen Oliver Löw: Nach 13 Jahren Zusammenarbeit mit Citterio war es an der Zeit, mein eigenes Designbüro zu eröffnen, die Berufung an die HfbK kam da gerade richtig. Hinzu kamen persönliche, familiäre Gründe. Zu dieser Zeit schien einfach alles darauf hinzudeuten, dass eine Rückkehr nach Deutschland die richtige Entscheidung sein würde und so nahm ich die Stelle hier an und gründete mein eigenes Studio.

smow Blog: Schaut man sich die HfBK an, könnte man sagen, dass der Designbereich einen sehr experimentellen Eindruck macht. Und dann gibt es Professor Glen Oliver Löw, der eigentlich Vertreter einer eher traditionellen Form von Design ist…

Glen Oliver Löw: Ich bin hier der Dinosaurier, sozusagen das Überbleibsel des Industrial Design. In den 15 Jahren, die ich hier bin, hat sich der Designbereich sehr verändert. Zu Beginn lag der Fokus viel stärker auf der Gestaltung der Dinge, also beim klassischen Produktdesign. Unter Design verstand man Produktgestaltung. Heutzutage muss ich meine Position schon etwas vehementer verteidigen. Der neue Schwerpunkt liegt sehr viel mehr beim Social Design und da sind Objekte eher ein peripherer Aspekt.

smow Blog: Was bedeutet das in der Praxis für die Ausbildung? Kann man hier beispielsweise noch einen Stuhl als Abschlussprojekt designen?

Glen Oliver Löw: Die HfBK ist eine Kunsthochschule. Alle Studenten studieren auf Bachelor in Fine Arts. Innerhalb des Studiengangs gibt es einen Schwerpunkt Design. Das Studium ist als Projektstudium ausgelegt, d.h. die individuellen Entwicklungsvorhaben der Studierenden strukturieren das Studium. Ziel ist, dass die Studenten ihr eigenes Thema finden, eine eigene Haltung entwickeln und sich einen eigenen Bereich erschließen. Das künstlerische Entwicklungsvorhaben kann sich natürlich auch auf ein Produkt wie z.b. einen Stuhl beziehen.
Ein großer Vorteil der Hochschule sind ihre ausgezeichneten Werkstätten und Werkstattleiter. Unsere Studenten haben dadurch die Möglichkeit, ein Design als funktionierenden Prototypen zu realisieren. Diese Möglichkeit wird allerdings immer weniger genutzt – oder zumindest immer seltener auf hohem Niveau. Als ich hier ankam, haben Studenten beispielsweise noch funktionierende Solarflugzeuge in den Werkstätten gebaut, heute stelle ich einen fortschreitenden Hang zum Dilettantismus fest. Das Gaffer-tape gilt als sexy und ersetzt oft das raffiniert ausgeklügelte technische Detail.

smow Blog: Man könnte also annehmen, dass sich nicht nur der Designbereich, sondern auch der Typus Designstudent über die Jahre geändert hat?

Glen Oliver Löw: Die Interessen der Studierenden sind sicherlich andere, zudem sind sie sehr viel jünger und kommen heute häufig direkt von der Schule, was oft zu früh ist. Man hat regelmäßig den Eindruck, dass die Studenten selbst nicht ganz wissen, was sie hier eigentlich wollen und dass sie etwas mehr Erfahrung bräuchten. Oft wäre es besser, sie würden zuerst eine Berufsausbildung machen, um ein besseres Verständnis, eine Vorstellung von den Dingen zu entwickeln, denn vier Jahre Studium sind nicht viel Zeit, um herauszufinden, was man möchte.

smow Blog: Spricht man mit frischen Absolventen, artikulieren diese häufig den Wunsch, es hätte mehr kaufmännische Elemente in der Ausbildung geben sollen, wie ist da die Lage? Werden solche Dinge unterrichtet?

Glen Oliver Löw: Nein, ganz bewusst nicht! Als Designer an einer Kunsthochschule sind wir nicht daran interessiert Gestaltung nach wirtschaftlichen Aspekten auszurichten. Open Design ist bei den Studierenden beispielsweise ein großes Thema: der Designer stellt seine Designs online damit Andere sie nützen bzw. verändern, adaptieren oder weiterentwickeln können. Das ist ganz offensichtlich eine völlig andere Mentalität als die meiner Generation. Wir versuchten etwas Neues zu erfinden, um es dann schützen zu lassen und mit Lizenzgebühren Geld zu verdienen.
Gelegentlich kommen Studenten und stellen Fragen. Dann bin ich froh, ihnen mit Tipps und Ratschlägen aus meiner eigenen Berufspraxis helfen zu können. Beispielsweise worauf es bei der Zusammenarbeit mit einem Hersteller ankommt oder was man bei der Aushandlung eines Lizenzvertrags beachten sollte – dadurch fließen kaufmännische Elemente natürlich in das Studium ein. Grundsätzlich empfehle ich allen Studierenden während des Studiums ein Praktikum zu absolvieren oder in einem Designbüro zu arbeiten, um sich hochschulferne, praktische Lehrinhalte außerhalb der Hochschule anzueignen, auch wenn das Curriculum des Bachelor/Master Studiums dies nicht vorsieht.

smow Blog: Hat man Ihnen so etwas in Wuppertal beigebracht?

Glen Oliver Löw: Nein, da wurde so etwas auch nicht gelehrt. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir einen Kurs in Urheberrecht, aber ansonsten hieß es immer “Learning by Doing”.

smow Blog: Kommt es auch vor, dass ein Student zu Ihnen kommt und sagt: “Ich habe ein Stuhldesign und würde gerne einen Hersteller finden. Können Sie mir helfen?” ?

Glen Oliver Löw: Das kommt sogar sehr oft vor und einige Produkte, die hier an der Hochschule entwickelt wurden, werden mittlerweile von einem Hersteller industriell produziert. Oft überschätzen die Studierenden aber auch das Potential eines akademischen Projekts. Das primäre Ziel der Ausbildung ist ja nicht das dingliche Objekt, sondern das gestaltende Individuum.
Grundsätzlich denke ich, dass es sinnvoller ist ein Produkt gemeinsam mit einem Produzenten zu entwickeln. Ich persönlich habe nie etwas in Eigenregie entworfen und danach versucht, es bei einem Hersteller zu platzieren, das funktioniert nur ganz selten.
Als Student oder junger Designer hat man häufig aber gar keine andere Möglichkeit, als mit eigenen Entwürfen aufzufallen und zu versuchen, die Aufmerksamkeit der Hersteller zu erregen.

smow Blog: Neben Ihrer Lehrtätigkeit hier entwickeln Sie immer noch Möbelprojekte. Macht Ihnen das nach wie vor Spaß?

Glen Oliver Löw: Das macht sehr viel Spaß und zeigt mir auch, dass das klassische Produktdesign noch nicht ausgestorben ist. Es gibt immer noch Interesse an gut funktionierenden Produkten die global, über kulturelle Grenzen hinweg, funktionieren. Funktionales Design ist also nach wie vor gefragt.

smow Blog: Um nochmal auf etwas anderes zu sprechen zu kommen: Sie sind seit 15 Jahren in Hamburg, ist Hamburg eine kreative Stadt? Gibt es Möglichkeiten für die Studenten nach ihrem Abschluss?

Glen Oliver Löw: Hamburg ist kreativ und schön, aber keine Stadt mit ausgeprägter industrieller Produktion. Es gibt also nicht sehr viele Firmen, die Designs realisieren könnten. Der Schwerpunkt in Hamburg liegt wohl eher im Bereich Handel und Medien. In Zeiten globaler Produktion ist der Standort eines Designers in der Nähe der industriellen Produktion aber auch kein Thema mehr.

smow Blog: Und zum Schluss, haben Sie einen bestimmten Rat, den Sie den Studenten geben würden?

Glen Oliver Löw: Es bedarf einer großen Leidenschaft für die Dinge und den Gestaltungsprozess und einen unbedingten Gestaltungswillen, um als Designer erfolgreich zu sein. Designstudenten, die sich dazu zwingen müssen etwas zu gestalten, rate ich sich nach einem anderen Studiengang umzusehen.

Weitere Informationen zu Glen Oliver Löw und seiner Arbeit finden sie auf http://glenoliverloew.de/

Think von Glen Oliver Löw für Steelcase

Think von Glen Oliver Löw für Steelcase

S 1070 von Glen Oliver Löw für Thonet

S 1070 von Glen Oliver Löw für Thonet

S 60 von Glen Oliver Löw für Thonet

S 60 von Glen Oliver Löw für Thonet

Battista von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Kartell

Battista von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Kartell

Vis-a-vis von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Vitra

Vis-a-vis von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Vitra

Ambiente Frankfurt 2016: Feinserie

In unserem Interview mit Marcel Kabisch, dem Gründer und kreativem Kopf hinter dem deutschen Label Feinserie, erklärte er uns: Das, was ihn an Design interessiere und was ihm unter anderem  eine Motivation zu seinem Designstudium gewesen sei, sei die Idee “eine bestimmte Intelligenz in ein Produkt zu bringen”, und ein Design effizient zu machen.

Prinzipien, denen er auf elegante Art und Weise mit seinem neuen Stuhl Griffbereit treu geblieben ist.

In mehrerer Hinsicht ist der Stuhl Griffbereit eine Fortführung der Idee des preisgekrönten Hockers / Beistelltischs Griffbereit. Er besteht aus einer Mischung aus Eschen- und Buchensperrholz, basiert auf einer geringen Anzahl maschinengefertigter Einzelteile und wird in Handarbeit für Feinserie von einer kleinen, traditionellen Tischlereiwerkstatt im sächsischen Erzgebirge – Marcels Heimatregion – fertig gestellt.

Zum ersten Mal haben wir einen Prototyp des Griffbereit Stuhls im letzten Jahr gesehen – auf der Ambiente Frankfurt wurde das Objekt nun offiziell veröffentlicht. Was uns von Anfang an an dem Stuhl gefallen hat, uns nach wie vor beeindruckt, sind einerseits die eleganten Proportionen und die Klarheit des Designs und auf der anderen Seite die Einfachheit in Sachen Form, Produktion und Materialien. Kurz gesagt, der Griffbereit Stuhl ist ein sehr gut durchdachtes und realisiertes, zeitgenössisches Stuhldesign. Hinzu kommt, dass der Stuhl als typischer Erzgebirgler ziemlich selbstbewusst auftritt und trotzdem unkompliziert, vertraut und zugänglich erscheint – was wiederum unserer Meinung nach mit der Rückenlehne aus Bugholz zusammenhängt.

Marcel Kabisch zufolge inspirierten ihn Formen und Konstruktionen von Holzstühlen der 1930er Jahre. Für uns hat der Stuhl etwas vom dänischen Geist der 1950er Jahre. Er steht auch für die Auffassung, dass traditionelle, einheimische Formen ebenso Relevanz haben wie innovative, zeitgenössische Formen, nur, dass traditionelle Formen eben neu aufgefasst werden müssen um Veränderungen, beispielsweise hinsichtlich des Wohnens, der Marktkonditionen, Produktionsprozesse und Technologie, ausreichend zu reflektieren .

In diesem Kontext könnte man den Griffbereit einen zeitgenössischen Bauernstuhl nennen – einen rustikalen Alltagsstuhl der einfachen Landbevölkerung.

Stapelbar, mit einem Gewicht von ca. 5 Kilo und mit optionalem Filzpolster passt Feinseries Griffbereit Stuhl für uns in ganz unterschiedliche häusliche, kommerzielle oder auch gastronomische Bereiche und wird mit seinem Selbstbewusstsein wohl auch außerhalb der Grenzen des Erzgebirges ein Zuhause finden.

Mehr Informationen zum Stuhl Griffbereit und zur kompletten Feinserie-Kollektion sind unter www.feinserie.de zu finden.

Einige Eindrücke von Feinserie auf der Ambiente Frankfurt 2016.

Light + Building Frankfurt 2016: Top Five!

Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich bei der Light + Bulding in Frankfurt größtenteils um eine Messe für Architekturbeleuchtung als für Wohnbereichs- oder Bürobeleuchtung. Ansonsten hieße sie ja “Light + Living” oder “Light + Working”.

Sie heißt aber Light + Building.

So werden die größten Ausstellungsbereiche von Unternehmen beansprucht, von denen Sie noch nie gehört haben werden, es sei denn, Sie verbringen Ihre Zeit mit der Planung von Hotels, Krankenhäusern, Einkaufszentren, Designerparkhäusern oder Sportstadien usw. und suchen die passende Beleuchtung.

Es ist aber nicht so, als würde sich die Light + Building Frankfurt nur technischer Beleuchtung und Objektbeleuchtung widmen. Auch zeitgenössische Beleuchtungslösungen für den Wohnbereich oder das Büro sind vertreten.

Für den Wohnbereich präsentierte die Light + Building 2016 in Frankfurt jede Menge Leuchten, die aus Glas und einem anderen – natürlichen – Material, vorzugsweise aus Holz, Beton oder Marmor,  bestehen. Wir vermuten, dass so ihre Wärme und Häuslichkeit betont werden soll. Ausgestellt wurden auch wahnsinnig, aber auch wirklich wahnsinnig viele Leuchten in Tränenform oder mit Leuchtenschirmen aus verwobenen Kupferelementen in verschiedenen Formen, idealerweise in Tränenform. Allerdings waren erfreulicherweise nur wenige Glühlampen mit ach so filigranen Glühfäden dabei, die sich als Designelement ausgeben. Ein paar gab es bedauerlicherweise an einem Stand, dessen Ausstellungsobjekte zunächst unser Interesse geweckt hatten, bis wir merkten, dass jedes einzelne so etwas Abscheuliches hatte. Also liefen wir weiter. Das Leben ist hart. Viel zu hart und viel zu kurz, um es mit filigranen Glühfäden in Glühlampen zu vergeuden.

Es war aber nicht alles schlecht. Hier sind unsere Top Five der Light + Building 2016 in Frankfurt.

Overlay und Ginkgo von Tim Brauns/e27 für B.lux

Zwei Aspekte sind an dem baskischen Leuchtenhersteller B.lux besonders interessant für uns. Erstens gleicht der Name phonetisch dem des Schweizer Herstellers, der zu einem großen Konzern gehört, der weit größer ist als der der Basken und der vermutlich Schwierigkeiten mit der Ähnlichkeit hat. Zweitens ist es die Anzahl an Berliner Designern, die für B.lux arbeiten. Mit dem ersten Aspekt sollten wir uns näher beschäftigen, mit dem zweiten haben wir uns auseinandergesetzt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es mit der Menge an Netzwerken zusammenhängt, die die Berliner Design Community durchlaufen. Als wollte B.lux die Relevanz von Berlin für das Unternehmen betonen, zeigt der Hersteller auf der Light + Building 2016 in Frankfurt neue Objekte der in Berlin ansässigen Designer Werner Aisslinger, Fabien Dumas und Tim Brauns/e27, wobei Tim Brauns Arbeiten für uns die Highlights darstellten.

Zum ersten Mal sahen wir die Leuchte Overlay als fortgeschrittenen Prototypen letztes Jahr im e27 Atelier. Sie gefiel uns gut und gefällt uns auch heute noch sehr. Ja, formal erinnert sie stark an Poul Hennigsens PH-Leuchten, wurde aber von einem bzw. mehreren Besuchen auf einem Berliner Flohmarkt und den dort entdeckten Objekten inspiriert. Der zentrale Aspekt bei Overlay ist nicht wie bei Poul Hennigsens Leuchten die wissenschaftlich optimierte Größe und der Winkel der Reflektoren, sondern der zentrale Glaskörper, über den jede Anzahl an Reflektoren gelegt werden und je nach Stimmung und Situation nach oben oder unten zeigen kann. Das System hinter dieser Flexibilität ist so simpel, dass ihr es nicht glauben würdet, wenn wir euch davon erzählen würden …

Neuer ist Ginkgo, eine Hängeleuchte im Stile eines Ginkgoblatts, die aussieht, als wäre ein Faden durch die Zwischenräume gefädelt worden, um die komplette Konstruktion zum Trocknen aufzuhängen. Ginkgo wird aus Aluminium hergestellt, ist auch in einer größeren oder breiteren Variante erhältlich und stellt für uns ein wunderbares Beispiel für Tim Brauns Beobachtungsansatz in Bezug auf Design dar. Es handelt sich um ein Objekt, das so einfach wie effizient und so zurückhaltend wie stimmungsvoll ist.

Overlay table lamp by Tim Brauns/e27 for b.lux,as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Overlay Tischleuchte von Tim Brauns/e27 für B.lux, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Ginkgo by Tim Brauns/e27, as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Ginkgo von Tim Brauns/e27, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Overlay pendant by Tim Brauns/e27 for b.lux,as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Overlay Pendelleuchte von Tim Brauns/e27 für B.lux, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Mit Windkraft betriebene Straßenbeleuchtung von Vulkan

Eine wunderbar einfache Idee, gut umgesetzt anhand so etwas unschönem wie einer Straßenlaterne.

Die Idee, die hinter der mit Windkraft betriebenen Straßenbeleuchtung von dem deutschen Hersteller Vulkan steckt, ist nicht neu und auch die verbauten Bestandteile nicht. Neu ist, wie alles verbunden wurde, der Gedanke hinter dem Konzept. Besonders, zumindest Vulkan zufolge, ist das elektronische System, das solch ein kompaktes und doch kraftvolles System ermöglicht: Ohne Wind kann ein komplett aufgeladener Akku bis zu zehn Tage lang Licht spenden. Auch dies ist Vulkans Aussage, die wir nicht anzweifeln, die wir aber auch nicht überprüfen konnten.

Wir fragten, ob man auch Solarmodule auf der oberen Oberfläche des Leuchtenkopfes anbringen könne, um so bei Sonne Solarenergie und bei Wind Windenergie zu nutzen. Wir erhielten darauf die perfekt begründete Antwort, dass sich Vulkans Firmensitz in Norddeutschland befindet, wo es sehr windig, aber nur selten sonnig ist … Außerdem liegt und lag der Fokus in dieser Phase des Projekts darauf, das Windkraftsystem sinnvoll und nützlich zu integrieren, zukünftige Entwicklungen sind offen.

In Bezug auf das System hat uns ein Aspekt besonders angesprochen. Normalerweise verwenden Ingenieure gern eher robuste, monumentale Turbinen für solche Projekte. Diese Turbinen scheinen immer eher zeigen zu wollen, wie wichtig sie sind, als sich einfach mit der Stromerzeugung zu beschäftigen. Das verursacht unweigerlich Probleme mit Ortsansässigen und Planern vor Ort und erschwert so die Umsetzung einer äußerst vernünftigen Idee. Vulkans bescheidene, wohlüberlegte Lösung löst viele dieser Probleme und macht mit Windkraft betriebene Straßenbeleuchtung somit zu einer realistischen Option. Das können ja nur gute Neuigkeiten sein.

Viele von euch werden uns hier jetzt gedanklich voraus sein … Was man auf einer Laterne anbringen kann, kann man wahrscheinlich auch in der Mitte platzieren. So könnte man Laternen an Hauptstraßen betreiben, denn die vorbeifahrenden Fahrzeuge erzeugen sicherlich genügend Zugluft, die die sehr leichten Turbinen antreiben kann, sodass die Akkus aufgeladen werden.

Wind powered street lighting from Vulkan, as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Mit Windkraft betriebene Straßenbeleuchtung  von Vulkan, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Curtain von Arik Levy für Vibia

Obgleich die Italiener neben anderen seit Jahrhunderten ähnliche Objekte herstellen, hat das beleuchtete Raumteilersystem Curtain von Arik Levy für den katalanischen Hersteller Vibia etwas sehr Erfreuliches an sich. Es ist in verschiedenen Längen erhältlich und ersetzt die traditionellen Glasperlen der Italiener durch einen robusteren, synthetischen “Curtain” (dt. Vorhang). An Arik Levys Ansatz ist für uns besonders interessant, dass die kombinierten Elemente einerseits als Abtrennung funktionieren und andererseits auch eine akustische Funktion haben. Drittens lässt sich ein Raum mit ihrer Hilfe auch optisch gestalten und aufbrechen, ohne geteilt zu werden. Ein Objekt mit vier Funktionen, die im Wohnbereich sowie im Handel, Hotelgewerbe oder im Büro Anwendung finden. Außerdem wird das Licht sehr angenehm ausgeblendet, da es “klettert” und es so einen schönen, sanften Übergang vom Raum gen Himmel gibt.

Curtain by Arik Levy for Vibia, as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Curtain von Arik Levy für Vibia, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Curtain by Arik Levy for Vibia, as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Curtain von Arik Levy für Vibia, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Infra-Structure von Vincent Van Duysen für Flos

Bei der Innenbeleuchtung von Objekten geht es größtenteils um technische Aspekte und Funktionalität und somit eher um Punkte wie zukünftige Instandhaltung, Ausbau, Ausweitung, Betriebskosten und letztlich den Preis, als um die Form. So sehen die meisten Projekte im Bereich der Innenbeleuchtung von Objekten gleich aus. Nicht nur, weil sie sich formal nicht von Mitbewerbern unterscheiden muss, sondern auch, weil die meisten derjenigen, die solche Installationen durchführen, glauben, dass Menschen sich wohler fühlen, wenn alles überall gleich aussieht. Der viktorianisch-touristische Blick ist längst auf unsere städtische Umgebung übertragen worden: All unsere Stadtzentren, Coffee-Shop-Ketten, Buchcover und Objektbeleuchtungssysteme sehen gleich aus. Form folgt gewissermaßen wahrgenommener Akzeptanz. Das modulare System Infra-Structure von Vincent Van Duysen für Flos haben wir als etwas selbstbewusster, etwas mutiger und etwas gewillter, seinen Charakter zu zeigen, wahrgenommen. Und somit viel ansprechender. Noch dazu ist es ein sehr gut proportioniertes und formal gut durchdachtes System, das eine gewisse Eleganz und Grazie und angenehmes Licht ausstrahlt. Das modulare Beleuchtungssystem Infra-Structure ist mit einer Reihe verschiedener LED-Leuchtmittel ausgestattet und kann so speziellen Gegebenheiten angepasst und auch verändert werden, sollten sich die Anforderungen ändern.

 

Infra-Structure by Vincent Van Duysen for Flos, as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Infra-Structure von Vincent Van Duysen für Flos, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Infra-Structure by Vincent Van Duysen for Flos, as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Infra-Structure von Vincent Van Duysen für Flos, gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016

Kuula von Uli Budde für Oligo (und Thonet)

Thonet stellte die Leuchte auf der IMM 2016 stellvertretend für den Teil des Leuchtenmarkts vor, der von Thonet bedient wird. Auf der Light + Building 2016 präsentiert Mitproduzent Oligo seinen Kunden die Kuula Leuchte von Uli Budde. Ja, wir wussten das vorher. Ja, die Chancen standen immer gut, dass es so kommen würde. Nein, sicher war es nicht. Nur wahrscheinlich. Und ja, nun ist es so. Denn nachdem wir die Light + Building besucht und die Ausstellungsobjekte gesehen haben, denken wir, dass sie ihren Platz verdient …

KUULA by Uli Budde for OLIGO (& Thonet), as seen at Light + Building Frankfurt 2016

Kuula von Uli Budde für Oligo (& Thonet), gesehen auf der Light + Building Frankfurt 2016


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