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smow Blog kompakt Mailand 2016 Spezial: Akademie der Bildenden Künste Stuttgart – Più di Pegoretti

Jedes Mal, wenn wir in Mailand sind – sei es für die Milan Design Week oder einfach um die Stadt mal ohne die Scherereien der Design Week zu erleben – ertappen wir uns vor dem Rossignoli Fahrradladen auf dem Corso Caribaldi. Ein Imperium, das von seiner Geschichte, die bis ins Jahr 1900 zurückgeht, geradezu überquillt, uns schon lange fasziniert und unsere Fantasie beflügelt und dennoch ein Geschäft bleibt, das wir nie geschafft haben zu betreten. Einen ausschlaggebenden Anlass dazu lieferten uns in diesem Jahr Studenten der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart mit ihrer Ausstellung Più di Pegoretti.

Für die in Zusammenarbeit mit dem in Verona ansässigen Meister-Fahrradbauer Dario Pegoretti realisierte Ausstellung entwickelten Studenten der Industriedesignklasse von Uwe Fischer und der Klasse für Kommunikationsdesign von Hans-Georg Pospischil 15 fahrradähnliche Produkte. Produkte, die im Rahmen der Design Week 2016 bei bzw. genau genommen in den Fenstern von Rossignoli Milano präsentiert wurden.

Wie bei den meisten Studentenprojekten zeigt die Ausstellung eine gesunde Mischung von Arbeiten unterschiedlicher Qualität und wie bei den meisten Studentenprojekten sind die Endresultate unbedeutender verglichen mit dem individuellen Arbeitsprozess, in dem sich die Studenten der Aufgabe angenähert haben. Interessant ist, auf welche Art und Weise das Thema recherchiert und anschließend aus einer Idee ein Produkt wurde – und welche Erfahrungen man dabei macht.

Abgesehen von solchen Überlegungen gab es natürlich auch das ein oder andere Produkt, das unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich ziehen konnte. Vielleicht am wichtigsten: die Lenkertasche von Louis Michel und Silvio Rebholz, das Kurzzeitschloss im Lenker von Leonie Schimmeyer und Patrick Nagels und Marvin Ungers Fahrradständer, ein Objekt, das dem eher uninteressanten, ziemlich trivialen Vorgang des Fahrradverstauens eine wunderbar aufgeblasene, postmoderne Monumentalität verleiht.

Wie unsere treuen Leser wissen werden, sind wir keine Anhänger des Fahrradkults; für uns ist ein Fahrrad weder ein Fashion- noch ein Trendartikel. Fahrräder sind ein Fortbewegungsmittel, das es nicht nur schon seit Jahrzehnten gibt, sondern das seit fast genauso langer Zeit zur Demokratisierung unserer Gesellschaft beiträgt.

Glücklicherweise haben das die ABK Studenten offenbar ähnlich gesehen und so ist das Resultat eine Sammlung von Kleidungstücken und Accessoires, die zwar zeitgenössische Objekte und begehrenswerte Produkte sein wollen, denen es aber grundsätzlich vor allem darum geht das Fahrradfahren als solches zu verbessern – sei es durch verbesserte Funktionalität, durch die Verarbeitung moderner Technologie, oder wie im Falle von David Gebka und Freia Achenbachs Windjacke durch eine Spur Humor und Selbstdarstellung für die tägliche Fahrt zur Arbeit. Diese Windjacke schreit schon fast, dass sie cooler aussieht als alle anderen und nimmt den Fahrradfetischisten so den Wind aus den Segeln.

Alle Details zu Più di Pegoretti und den Projekten gibt es auf www.piudipegoretti.com.

Passenger Terminal Expo 2016 Köln: USM Airportsystems

Der Schweizer Architekt Fritz Haller entwickelte bekanntermaßen eine Weltraumkolonie – für ihn ein Mittel, um seine Vorstellungen von Architektur in einer extremen Umgebung zu untersuchen, und so die Möglichkeiten irdischer Architektur besser zu verstehen.

Um Fritz Hallers USM Möbelbausystem in einer extremen Umgebung zu untersuchen – und so neue Möglichkeiten zu entdecken – muss man sich auf keinen weiteren Weg als den bis zum nächsten Flughafen machen.

Eingeführt im Jahr 2011 liefert USM Airportsystems, wie es der Name schon verrät, maßgeschneiderte Lösungen für Flughäfen. Die Verbindung ist logisch: was Möbel auf einem Flughafen brauchen, ist eine Verbindung aus Funktionalität, Flexibilität und Langlebigkeit – das frei konfigurierbare, modulare USM Haller System macht also in diesem Kontext absolut Sinn.

Das wird vielleicht am deutlichsten am Beispiel der mobilen Rollwagen für die Einreisekontrolle, die von USM Airportsystems in Zusammenarbeit mit dem Flughafen Zürich entwickelt wurden. Konfrontiert mit der Notwendigkeit an unterschiedlich vielen Gates Visa und Pässe kontrollieren zu müssen, benötigte der Flughafen Zürich leicht zu bewegende Einheiten, die es den Grenzbeamten erlauben würden wie gewohnt ihre Arbeit zu machen: ein paar USM Kugeln, Stahlrohre, Metalltablare, Rollen und die 70 Einheiten sind fertig. Und sollte der Flughafen Zürich sie in der Zukunft mal nicht mehr benötigen, oder zumindest nicht mehr in so hoher Anzahl, können die Rollwagen einfach demontiert und in die benötigten Objekte umgebaut werden.

Neben dem Flughafen Zürich haben USM Airportsystems, unter anderem Einheiten für die Sicherheitskontrolle am New Doha International Airport geliefert, Check-in und Gate-Schalter für 46 Regionalflughäfen in Norwegen, Gepäckschalter für den Cote d’Azur Flughafen Marseille und zahlreiche, sich immer wieder verändernde Lösungen für den Flughafen Halle-Leipzig, darunter Gates für die Bordpasskontrolle, Informationstresen und Loungemobiliar.

Dass die Anpassungsfähigkeit des USM Haller Systems nicht nur auf das System selbst beschränkt ist, wurde von USM Airportsystems wunderbar in Köln unter Beweis gestellt; und zwar mit einer Platte aus dem firmeneigenen Corian Material, durch das sich ein LED Display projizieren lässt. Das erlaubt es, Displays und Informationssysteme direkt in eine USM Einheit zu integrieren, ohne die optische Einheitlichkeit zu unterbrechen – eine dieser Lösungen, die so offensichtlich sind, das es fast weh tut. Und man kann sich nur wundern, dass es derart lange gedauert hat, bis mal jemand darauf gekommen ist.

Immer neue Technologien und rechtliche Grundlagen führen dazu, dass sich die Anforderungen eines Flughafens an einen Großteil der Einrichtung fortlaufend wandeln. Dank der Modularität und des reduzierten Designs können Systeme wie USM Haller solchen Veränderungen mit einem Minimum an Aufwand und Kosten angepasst werden.

Diese Veränderungen betreffen nicht nur Anforderungen an die Funktionalität, sondern auch an das Erscheinungsbild – an den sich ändernden Stil. “In Amerika sind es häufig die Airlines, die für die Bereitstellung ihrer Schalter verantwortlich sind”, erklärt die USM Airportsystems Firmenchefin Brita Forrest-Hampson, “das kann zu einem ziemlich chaotischen und unkoordinierten Flughafen führen, weil jede Airline ihre eigenen Schalter entwirft, unabhängig von den anderen Anbietern. Mit USM kann jede Airline nach wie vor ihren Schalter nach Belieben entwerfen, aber der Flughafen gibt ein einheitliches, klar definiertes und harmonisches Bild ab.”

Und natürlich kann jede Anwendung, die auf einem Flughafen möglich ist auch zuhause, im Büro, im Laden oder einer Praxis umgesetzt werden, nur eben auf etwas weniger extreme Art und Weise.

Ein paar Eindrücke von USM Airportsystems auf der Passenger Terminal Expo 2016 in Köln:

Chemnitzer Kreativität: Offspring @ GALERIE Angewandte Kunst Schneeberg

Die Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg ist nicht gerade Deutschlands größte Designhochschule; allerdings ist das, wenn es um den Umfang der Designausbildung geht auch zweitrangig. Viel entscheidender ist, wie Kreativität angeregt, gefördert und unterstützt wird. Momentan lässt sich das in der Ausstellung “Offspring – Möbel- und Produktdesign von Schneeberger Absolventen” nachvollziehen, und zwar in der Galerie Angewandte Kunst Schneeberg in Schloss Lichtenwalde.

“Offspring” präsentiert Arbeiten von elf Absolventen des Schneeberger Holzdesignkurses. Professionelle Designer mit Abschluss in Schneeberg werden dabei an ihre Studententage erinnert: eine Studentenarbeit, meist Teil eines Diplomprojektes wird neben älteren, “professionelleren” Arbeiten ausgestellt; ein wunderbar abgestimmtes Ausstellungskonzept, das einerseits zeigt, wie wichtig es ist, dass Studenten Raum gegeben wird verschiedene Ansätze zu erforschen, und zudem deutlich macht, dass sich Absolventen aus Schneeberg keineswegs nur mit Holz befassen, sondern erfolgreich mit unterschiedlichsten Materialien umgehen und arbeiten. Oder wie es der Kurator der Ausstellung und der Leiter der Galerie Jochen Voigt ausdrückt: “Die Ausbildung in Schneeberg ist vielfältig, und auch wenn der Fokus bei Holz liegt, gehen wir zunehmend auch mit anderen Materialien um – unsere Absolventen sind also ausgebildet, eine große Bandbreite von Materialien in ihre Arbeit einzubeziehen.”

Stützen kann Jochen Voigt seine Behauptung auf Objekte, wie z.B. Randolf Schotts S 1200 Sekretär oder den S 95 Konferenzstuhl für Thonet, Rüdiger Schaaks Allright Freischwinger und Swing Up Bürostuhl für Sedus oder Jo Zarths Produktdesign und Corporate Design für den deutschen Rasierklingen- und Rasurzubehörhersteller Mühle. Allerdings versteht es sich von selbst, dass Holz stark vertreten ist, so z.B. bei Arbeiten wie dem Tagesbett Pause von Andreas Mikutta, der Griffbereit Familie von Marcel Kabisch a.k.a. Feinserie oder der aufbereiteten Kollektion “Furniture from old wood” von Lars Dahlitz, dem ersten Absolventen des Schneeberger Masterkurses und so dem einzigen Designer, der allein mit einer Studentenarbeit vertreten ist.

“Offspring” ist die 25. Ausstellung in der Galerie Angewandte Kunst Schneeberg, seit deren Eröffnung im März 2010, und die erste ausgewiesene Präsentation professioneller Arbeiten von Schneebergabsolventen. Bei der Auswahl der Absolventen ging es Jochen Voigt nicht nur darum, die exzellenten Fähigkeiten der Schneeberg Graduierten unter Beweis zu stellen, oder darum zu zeigen, wie vielfältig die Karrieremöglichkeiten für Leute aus Schneeberg sind, es ging um die Qualifikation der Absolventen. Und so sind alle beteiligten Designer bereits mit Preisen bedacht, größtenteils auf internationaler Ebene. “Wir wollten klar machen, dass wenn man in Schneeberg studiert hat, man es auch mit den Besten auf sich nehmen kann.” sagt Jochen Voigt, “um es ganz klar zu sagen, wir wollten Designer zeigen, vor denen man den Hut zieht!” Das haben Jochen Voigt und sein Team ohne Frage erreicht. Insofern macht “Offspring” natürlich auch Werbung für die Fakultät  Angewandte Kunst Schneeberg, aber warum auch nicht.

Am Ende des Jahres der Posts über Studentenausstellungen muss man ohnehin festhalten, dass es bei Studentenausstellungen genauso darum geht zu zeigen was eine Hochschule zu bieten hat, wie auch darum die Talente der Studenten herauszustellen.

Offspring gelingt beides – mit einer gut durchdachten, zugänglichen und unterhaltsamen Ausstellung, die vor allem unterstreicht, dass eine Designausbildung nur ein Teil einer professionellen Entwicklung ist, und kein Abschluss an sich.

Wie man studiert ist außerdem häufig wichtiger als was oder wo.

“Offspring – Produkt- und Möbeldesign” von Schneeberger Absolventen läuft in der GALERIE Angewandte Kunst Schneeberg im Schloss Lichtenwalde, Schlossallee 1, 09577 Lichtenwalde bis Sonntag, den 26. Juni.

Alle Details sind unter GALERIE Angewandte Kunst Schneeberg zu finden

5 neue Designausstellungen im Mai 2016

Während Aprilwetter eher dafür sorgt, dass man nass, schlecht gelaunt und verspätet ist, ist so ein Maischauer sehr viel angenehmer – oder genauer gesagt, sind die Eta-Aquariiden sehr viel angenehmer: ein himmlisches Spektakel, das seinen Höhepunkt Anfang Mai erreicht und, da die Natur so wunderbar demokratisch ist, von überall auf der Erde sichtbar ist. Für alle, die gern von einem Museum oder einer Galerie aus die Sterne betrachten, ohne dass sie den abendlichen Himmel nach dem Wassermann absuchen müssen, gibt es hier unsere Empfehlungen für Architektur- und Designausstellungen, die im Mai eröffnen. Nicht ganz traditionsgemäß sind es diesmal sechs und nicht fünf. Wenngleich fünf Veranstaltungsorte …

“Parkomanie. Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler” in der Bundeskunsthalle, Bonn

Was im Rest der Welt als “Neapolitan Icecream” bekannt ist, kennen Deutsche als “Fürst-Pückler-Eis”. Es ist eine Hommage an Hermann Fürst von Pückler-Muskau, für den das erste aus den drei Sorten Vanille, Schokolade und Erdbeer* bestehende Eis angeblich ursprünglich kreiert wurde. Der gute Fürst Pückler war allerdings nicht nur ein großer Fan von gefrorenen Desserts, sondern auch ein Reisender, Lebemann, Schriftsteller, Staatsmann und Gartendesigner. Fürst Pückler wurde von der englischen Gartenarchitektur des späten 18. / frühen 19. Jahrhunderts inspiriert und begann 1815 mit der Umgestaltung seines Grundstücks in Bad Muskau, einer Gemeinde an der deutsch-polnischen Grenze in der Nähe von Cottbus, in seine Interpretation des zeitgenössischen englischen Gartens. Wenngleich sein Garten im Gegensatz zu den meisten anderen englischen Gärten zu der Zeit allen offen stand. Mit einer Fläche von etwa 830 Hektar wurde der Muskau Park 2004 in die Liste der UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen und auf der Homepage der Organisation stand “der Park bahnte Wege für neue Ansätze in der Landschaftsgestaltung und beeinflusste die Entwicklung der Landschaftsarchitektur in Europa und Amerika. Als “Gemälde mit Pflanzen” designt, sollten es keine klassischen Landschaften, das Paradies oder verlorene Perfektion werden. Stattdessen wurden heimische Pflanzen genutzt, um die Qualität der existierenden Landschaft zu verbessern.” Zusätzlich zu dem Muskau Park entwarf Hermann Fürst von Pückler-Muskau auch Landschaftsgärten für sein Grundstück in Branitz und für den Park Babelsberg in der Nähe von Potsdam. Diese Gärten gehörten zu den modernsten und innovativsten ihrer Zeit und gehören somit zu einigen der besten Beispiele des Gartendesigns des 19. Jahrhunderts und der Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur. Sie bilden auch den Fokus von “Parkomanie”. Mit etwa 250 Objekten inklusive Originalpflanzen, historischen Fotografien und einer Erstausgabe des Buches “Andeutungen über Landschaftsgärtnerei” aus dem Jahre 1834 von Fürst Pückler stellt die Ausstellung einen exzellenten Überblick über einen wichtigen Protagonisten eines Bereichs in Aussicht, den wir alle zu schätzen wissen, der aber, wenn wir ehrlich sind, nur von wenigen den Respekt bekommt, den er verdient. Zusätzlich zu der Ausstellung selbst gibt es in “Parkomanie” auf dem Dach der Bundeskunsthalle einen Garten à la Pückler. Leider können wir keine Informationen darüber finden, welche Eissorten es im Café der Bundeskunsthalle gibt/geben wird …

“Parkomanie. Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler” wird am Samstag, den 14. Mai in der Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn eröffnet und läuft bis Montag, den 14. September.

*Ja, wir wissen, dass es alle möglichen Versionen davon gibt, aber lasst uns einfach so tun, als hätten wir recht.

Pleasureground am Bad from Hermann Fürst von Pückler-Muskau's book, Andeutungen über Landschaftsgärtnerei 1834 (Courtesy of the Bundeskunsthalle Bonn)

“Pleasureground” in Bad Muskau aus Hermann Fürst von Pückler-Muskaus Buch “Andeutungen über Landschaftsgärtnerei”, 1834 (Mit freundlicher Genehmigung der Bundeskunsthalle Bonn)

“Olivetti: Beyond Form and Function” im Institute of Contemporary Arts, London, England

Nur wenige Firmen repräsentieren die Entwicklung des europäischen Industriedesigns der Nachkriegszeit und besonders Italiens Bedeutung hierfür besser, als der Schreibmaschinen-, Computer- und Telekommunikationshersteller Olivetti. Olivetti wurde 1908 gegründet und war und ist in vielerlei Hinsicht das europäische Pendant zu Amerikas IBM: ein Unternehmen, das sehr früh verstand, dass es von Vorteil ist, einen ganzheitlichen designorientierten Ansatz zu verfolgen und zwar nicht nur bei ihren Produkten, sondern auch in den Bereichen Produktionsprozesse, Verwaltung, Interior Design und Kommunikation. Das Unternehmen wusste auch, wie man so etwas durchführen und optimieren konnte. Es kooperierte mit einer beneidenswerten Auflistung internationaler Designer und Architekten, wie zum Beispiel Studio BBPR, Le Corbusier, Mario Belini oder Michele de Lucchi und die Olivetti Legende entstand überwiegend durch Schreibmaschinen wie der Lettera 22 von Marcello Nizzoli aus dem Jahr 1959 oder der Valentine von Ettore Sottsass aus dem Jahr 1969. Die Ausstellung im Institute of Contemporary Arts wurde von der Associazione Archivio Storico Olivetti organisiert und konzentriert sich größtenteils auf die Nachkriegsjahre, als Olivetti schneller erfolgreich wurde als jeder andere europäische Industriekonzern. Sie verspricht Objekte, Fotografien und Filme, die sich den Unternehmensbereichen Raumgestaltung, Grafikdesign und Architektur widmen. Wenn auch nicht dem Produktdesign per se. Aber für Olivetti war Produktdesign auch immer ein Teil einer umfassenderen, universelleren und integrierten, gemeinsamen Philosophie.

“Olivetti: Beyond Form and Function” wird am Mittwoch, den 25. Mai im Institute of Contemporary Arts, The Mall, London SW1Y 5AH eröffnet und läuft bis Sonntag, den 17. Juli.

Olivetti. Beyond Form and Function at the Institute of Contemporary Arts, London

“Olivetti. Beyond Form and Function” im Institute of Contemporary Arts, London

“Bent, Cast & Forged. The Jewelry of Harry Bertoia” und “Atmosphere for Enjoyment. Harry Bertoia’s Environment for Sound” im Museum of Arts and Design, New York City, New York, USA

Harry Bertoia war kein Möbeldesigner, obgleich er für seine Möbeldesigns wahrscheinlich am bekanntesten ist. Er war ein Künstler und Schmied, für den das Möbeldesign nur eine Art war, seine Kreativität auszudrücken. Wir können uns vorstellen, dass das Museum of Arts and Design New York dies in Bezug auf die Ausstellung über Harry Bertoia besonders betonen wird. Ursprünglich stammt “Bent, Cast & Forged” aus der Cranbrook Academy of Art, Harry Bertoias Alma Mater, und bildet die erste museale Erkundung des Schmuckdesigns von Harry Bertoia und so auch eines zentralen Aspekts von Harry Bertoias Werk. Schmuckdesign war einer der ersten Bereiche, in dem Harry Bertoia experimentierte, etwas, das er entwickelte, als er 1939 die Verantwortung für die Cranbrook Metallwerkstätten übernahm. Seine Erfahrungen mit Form, Raum, Material und Reduzierung sollten für seine späteren skulpturalen Arbeiten und seine Möbeldesigns von Bedeutung sein. Und für seine musikalischen Arbeiten. Ab den 1960er Jahren entdeckte Harry Bertoia die Möglichkeit Skulpturen zu entwickeln, die jeder, ungeachtet seines Talents, als Musikinstrument spielen konnte. Im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte kreierte er um die 100 Sound-Skulpturen, mit denen er 11 Alben aufnahm. Unter dem Titel “Atmosphere for Enjoyment” zeigt das Museum of Arts and Design nicht nur einige von Bertoias Sound-Skulpturen, sondern verspricht auch Originalaufnahmen, eine Sound-Installation von John Brien aus Bertoias Originalaufnahmen und eine Reihe von Konzerten.

“Bent, Cast & Forged. The Jewelry of Harry Bertoia” und “Atmosphere for Enjoyment. Harry Bertoia’s Environment for Sound” werden am Donnerstag, den 3. Mai im Museum of Arts and Design, MAD, 2 Columbus Circle, New York, NY 10019 eröffnet und laufen bis Montag, den 25. September.

Harry Bertoia’s gravesite, Pennsylvania. With the most delightful gong. (Photo by John Brien, Courtesy of Museum of Arts and Design, New York City)

Harry Bertoias Grabstätte, Pennsylvania. Mit einem sehr schönen Gong. (Foto von John Brien, mit freundlicher Genehmigung des Museum of Arts and Design, New York City)

“Pierre Paulin” im Centre Pompidou, Paris, Frankreich

Der Name Pierre Paulin dürfte vielen vielleicht nicht so viel bedeuten – im Gegensatz zu seinen Stuhldesigns und besonders Arbeiten wie dem Oyster Chair, Orange Slice, Little Tulip oder Ribbon Chair. Pierre Paulin wurde 1927 in Paris geboren und studierte dort an der École Camondo, bevor er zunächst für Thonet und dann für den niederländischen Hersteller Artifort arbeitete, für den er den Großteil seiner wichtigen und dauerhaft bekannten und beliebten Möbelarbeiten realisierte. Pierre Paulins Möbel grenzen sich klar von den exakten Quadraten und der Strenge der Funktionalisten aus der Zeit zwischen den Kriegen ab. Dennoch weisen seine Möbel die Reduzierung der Materialien und des Volumens und Experimente mit Konstruktionsprinzipien auf, allerdings sind die Objekte sehr viel wohnlicher, häuslicher und einladender, als die subjektiveren Arbeiten der Funktionalisten. Pierre Paulin half dabei, den Weg für viele Entwicklungen des zeitgenössischen Möbeldesigns zu ebnen. Zusätzlich zu seiner Arbeit im Möbeldesign war Pierre Paulin auch ein sehr gefragter Interior Designer. Er entwarf das Interieur für die privaten Apartments von zwei französischen Präsidenten im Elysée-Palast – Georges Pompidou (1971) und François Mitterand (1984) – und war auch verantwortlich für das Interior Design des Denon Flügels des Louvre. Pierre Paulin starb im Jahr 2009 und mit der bevorstehenden Ausstellung möchte das Centre Pompidou nicht nur den bekannten Pierre Paulin, sondern auch den unbekannten Pierre Paulin zeigen und zwar mithilfe von kleineren und weniger bekannten Werken, Modellen und Prototypen. Mit etwa 100 Objekten ist die Ausstellung nicht groß, verspricht aber einen Rundgang durch Pierre Paulins 50 Jahre Kreativität und sollte so nicht nur einen der wichtigsten französischen Designer des 20. Jahrhunderts ehren, sondern auch bei der Erklärung helfen, warum Pierre Paulin einer der wichtigsten französischen Designer des 20. Jahrhunderts ist.

“Pierre Paulin” wird am Mittwoch, den 11. Mai im Centre Pompidou, Place Georges-Pompidou, 75191 Paris eröffnet und läuft bis Montag, den 22. August.

Furniture by Pierre Paulin (Image courtesy of Le Centre Pompidou)

Möbel von Pierre Paulin (Bild mit freundlicher Genehmigung des Centre Pompidou)

“Große Pläne! Moderne Typen, Fantasten und Erfinder. Die Angewandte Moderne in Sachsen-Anhalt 1919-1933” am Bauhaus Dessau

Wir möchten nicht frech erscheinen, aber wenn man durch Sachsen-Anhalt fährt, was wir oft tun, dann erscheint es bemerkenswert, wenn nicht absurd, dass eine der wichtigsten Bewegungen in der europäischen Architektur- und Designgeschichte seine Wurzeln teilweise in dieser Region im Osten Deutschlands hatte. In einer Region ein wenig südlich von Berlin, aber noch weit genug entfernt, um von der deutschen Hauptstadt ungestört zu bleiben. So war es aber. Nicht nur ab 1925 in Form des Bauhauses Dessau, sondern schon viel eher. Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, die Firma Junkers in Dessau, die architektonischen Innovationen Bruno Tauts in Magdeburg oder die Experimente in der Chemie- und Raketenindustrie und viele andere Beispiele machten Sachsen-Anhalt zu einem der kreativen Hotspots des Europas der Zwischenkriegszeit. Wie wir schon erwähnten, möchten wir nicht frech erscheinen, aber wenn man da durchfährt … Um den Beitrag der Region zur internationalen Moderne zu feiern und durch Extrapolation zeitgenössischer Architektur und Designs, hat die Stiftung Bauhaus unter dem Titel “Große Pläne!” ein Ausstellungsprogramm organisiert, das über die bekannten Gropius Wände hinausgeht und Events und Ausstellungen an Orten wie Halle, Quedlinburg und Leuna miteinschließt. “Moderne Typen, Fantasten und Erfinder” ist der eigene Beitrag des Bauhauses Dessau und in vielerlei Hinsicht das Eröffnungsevent des Programms. Der Fokus liegt auf den vier Hauptthemen Aufstieg, Systematische Ansiedlung, Praktizierendes Lernen und Werbemechanismen und die Ausstellung stellt in Aussicht, die Relevanz und das Erbe der Entwicklungen in den Bereichen Luftfahrttechnik, Mechanik, Wohnungsbau, Städteplanung, Bildung und Werbung, die in Sachsen-Anhalt im Laufe der 1920er Jahre aufkamen, mithilfe einer Kombination aus Dokumenten, Fotos und Filmen zu erkunden. Zusätzlich zu der Ausstellung in Dessau beinhaltet  “Große Pläne” etwa 17 Ausstellungen im Sommer in der Region. Alle Details gibt es auf http://grosse-plaene.de/.

“Große Pläne! Moderne Typen, Fantasten und Erfinder. Die Angewandte Moderne in Sachsen-Anhalt 1919-1933” wird am Mittwoch, den 4. Mai in der Stiftung Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau eröffnet und läuft bis Freitag, den 6. Januar 2017.

Big Plans! Modern Figures, Visionaries, and Inventors. Applied Modernism in Saxony-Anhalt 1919-1933 at Bauhaus Dessau, Dessau

“Große Pläne! Moderne Typen, Fantasten und Erfinder. Die Angewandte Moderne in  Sachsen-Anhalt 1919-1933” im Bauhaus Dessau, Dessau

Alles neu macht der Mai – das smow Lager ist umgezogen!

Wir haben damals ganz schön Ärger bekommen, als wir hier verraten haben, dass die meisten schweren Gegenstände im smow Lager von Vitras Eames Elephants getragen werden. Aber nicht etwa von Tierrechtlern, sondern von unserem smow Geschäftsführer, weil wir den geheimnisvollen Vorhang, der das magische smow Unternehmen umgibt, etwas zu sehr gelüftet haben.

 

USM Haller being carried by Eames Elephants into the (smow)warehouse

USM Haller Möbel, die von Eames Elephants ins smow Lager getragen werden (Foto 2010)

In den letzten Jahren waren wir dann sehr vorsichtig mit der Erwähnung des Lagers, um nicht zu viele Geheimnisse preiszugeben. Dennoch war der kürzliche Umzug des smow Lagers etwas, das wir nicht einfach links liegen lassen konnten.

Seit der Gründung des smow Onlineshops befand sich das Lager immer an derselben Stelle in Leipzigs westlichem Stadtteil Plagwitz, obgleich es im Laufe des organischen Wachstums immer mehr Platz eingenommen hat. Unser Sortiment ist gewachsen, die Anzahl der smow Showrooms erhöht sich jährlich und die Bestellungen wachsen bei alledem zum Glück auch immer mit. Weil wir dabei stets einen hohen Lagerbestand anstreben, war nun der Punkt erreicht, an dem ein Umzug an einen neuen Lagerstandort notwendig war. Um den Ansprüchen unseres Kundenservice treu zu bleiben, einen großen Teil unserer Designermöbel sofort lieferbar anbieten zu können, haben wir unsere Lagerfläche vervielfacht. Und der Grundstein für weiteres Wachstum ist damit auch gelegt.

Mit einer solchen Masse an Möbeln, Lampen und Accessoires, Lagervorrichtungen, Packmaterial und Technik umzuziehen, ist natürlich eine große logistische Herausforderung. Diese wurde dank unseres Lagerteams – das Erfahrung mit logistischen Herausforderungen hat – einer sehr komplizierten Tabellenkalkulation und der Vitra Wooden Doll Nr. 10, die mit Nerven aus Drahtseil und einem eisernen Willen den Prozess überwachte, mit Bravour gemeistert.

Vielen Dank an alle Beteiligten.

Das smow Lager zieht um von (smow) bei Vimeo.

“Jasper Morrison – Thingness” im Museum für Gestaltung Zürich

Am 5. Februar 1916 eröffnete in Zürich das Cabaret Voltaire, folglich feiert die Stadt im Jahr 2016 den 100. Geburtstag des wahrscheinlich wichtigsten Beitrags der Schweiz zur Weltkultur-Dada.

Daher passt es gut, dass in der Stadt in diesem Jahr auch eine Retrospektive des englischen Designers Jasper Morrison ausgestellt wird.

Nein. Ehrlich.

Jasper Morrison Thingness Museum für Gestaltung Zürich

“Jasper Morrison – Thingness” im Museum für Gestaltung Zürich

Jasper Morrison wurde 1959 in London geboren und studierte zunächst Design am Kingston Polytechnic, bevor er am Royal College of Art in London seinen Masterabschluss erlangte. Im Studium war ein einjähriger Stipendiumaufenthalt an der Hochschule der Künste Berlin (HdK) inbegriffen.

Jasper Morrisons Entscheidung, eine Karriere im Bereich Design und besonders Möbeldesign einzuschlagen, geht allerdings auf die Mitte der 1970er Jahre in London und damit auf ein Ereignis zurück, das auf den ersten Eindruck wenig Sinn ergibt, näher betrachtet aber sehr logisch ist: eine Ausstellung mit Arbeiten von Eileen Gray.

“Zu dieser Zeit wollte ich etwas in Richtung Architektur oder Design machen, das war alles sehr vage”, erklärt Jasper Morrison die Gedanken seines Teenager-Ichs, “und als ich die Eileen-Gray-Ausstellung sah, war das eine Art Offenbarung. Ich verstand, was sie tat, ich sprach dieselbe Sprache und ich war so beeindruckt von ihren Arbeiten, dass ich mich für eine Karriere im Bereich Möbeldesign entschied.”

Hat ihn die Einfachheit so begeistert oder der Umfang, die Klarheit?

“Ich glaube, es war die strukturelle Anordnung, ich konnte sie verstehen, wusste, wieso sie das tat, verstand die Linien und alles ergab für mich Sinn.”

Dass Jasper Morrison eine Eileen-Gray-Ausstellung besuchte, könnte man als Wink des Schicksals bezeichnen. Bis zu den frühen 1970er Jahren war Eileen Gray eine der großartigen vergessenen Designerinnen des 20. Jahrhunderts. Lediglich infolge einer Auktion einiger ihrer Arbeiten im Jahr 1972 in Paris wurde wieder die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt und Interesse geweckt. Ein paar Einrichtungen zeigten schließlich auch Ausstellungen über Eileen Gray.

1982 hatte wieder das Schicksal seine Hand im Spiel. Diesmal in Mailand.

“Zu dieser Zeit hatte ich eine italienische Freundin und sie kannte Bepi Maggiori, einen italienischen Journalisten, der für Casa Vogue schrieb. Während der Messe in Mailand war ich eines Abends auf einem Event im Luna Park, stand mit ein paar Leuten zusammen und fragte, ob jemand wüsste, wo ich Bepi Maggiori finden könnte. “Das bin ich”, antwortete der Mann mir gegenüber.”

Zu der Zeit war Bepi Maggiori in die Mitorganisation eines Treffens europäischer Designer involviert. Das Meeting names “Rastlos, Design on the Border” sollte in der Raststätte “Rastlos” stattfinden, die sich in der Nähe der österreichischen Stadt Eisenstadt nahe der ungarischen Grenze befand.

“Damals trug ich eine Kodak Dia-Box mit Dias meiner Arbeiten mit mir herum”, so Morrison. “Ich zeigte sie Bepi und er lud mich zum Rastlos-Treffen ein. Ich stieg ohne Produkte, lediglich mit meinen Dias, in eines der Autos, die von Mailand aus losfuhren. Das Event erschien mir wie ein großes Abenteuer. Da waren Designer aus ganz Europa und so konnte ich anfangen, ein Netzwerk von Kontakten quer durch Europa aufzubauen.”

Unter den Teilnehmenden waren Piero Castiglioni, Stefano Giovannoni, Studio Alchimia und, was vielleicht am wichtigsten war, Andreas Brandolini, der später den Anstoß zu Morrisons Jahr in Berlin gab und mit dem Jasper Morrison später viele Projekte entwickelte. Und das Konzept der Nutzlosigkeit – Design eher um des Designs willen als für einen Sinn, Zweck oder Nutzen.

Die Frage, wie wichtig das Rastlos-Meeting für die zukünftige Entwicklung der Karriere des damaligen Studenten Morrison war, beantwortet er, eher weniger in Morrison-Manier, auf emphatische Weise: “Sehr wichtig. Das war mein Durchbruch in Europa! Ich denke, wenn ich in London geblieben wäre und diese Chance nicht bekommen hätte, wäre es sehr viel schwieriger gewesen.”

London war allerdings die Stadt, in der Jasper Morrison erste kommerzielle Erfolge verzeichnete.

Unter Jasper Morrisons ersten Kunden war der in London ansässige Möbelhersteller SCP und der Händler/die Galerie Aram. SCP produzierte und vertrieb als Erster Morrisons Designs und begann 1983 mit dem Slatted Stool. Neben der Tatsache, dass es eine schöne Verbindung zurück zu Eileen Gray ergibt, hat Aram die weltweiten Lizenzen für alle Arbeiten von Eileen Gray und Zeev Aram war ein persönlicher Freund der Designerin. Er zeigte und verkaufte auch die handgefertigten Originalversionen von Morrisons Thinking Man’s Chair, bevor Cappellini die Herstellung und den Vertrieb des Produkts übernahm. Der Rest, so sagen sie, ist Geschichte.

Und die Ausstellung “Thingness”.

Thinking Mans Chair by Jasper Morrison, as seen at Thingness, Museum für Gestaltung Zürich

Thinking Man’s Chair von Jasper Morrison, gesehen in der Ausstellung “Thingness”, Museum für Gestaltung Zürich

Ursprünglich wurde “Thingness” 2015 als Teil des Programms der europäischen Kulturhauptstadt Mons im Centre d’innovation et de design (CID) Grand-Hornu in Belgien ausgestellt. Die Ausstellung wurde chronologisch strukturiert und ermöglicht einen leicht zugänglichen Rundgang durch 30 Jahre Design von Jasper Morrison, oder zumindest 30 Jahre kommerzielles Design von Jasper Morrison. Leider werden keine Konzepte oder unvollendeten Prototypen gezeigt. Leider, weil alle Kreativen die Summe ihrer Erfolge und der Sackgassen sind, in die sie naiv hineinschlenderten. Nicht nur der Erfolge. “Thingness” beginnt mit dem immer noch großartigen Handlebar Table aus dem Jahr 1981, den Morrison selbst als Zehner-Edition produzierte. Dann geht die Ausstellung munter über zu Objekten wie dem Plywood Chair für Vitra, dem Low Pad Chair für Cappellini, dem Air-Chair für Magis oder dem December Chair für Nikari. Ja, es geht überwiegend um Stühle. Überwiegend, aber nicht ausschließlich. Projekte wie das Rotary Tray für Vitra, die Leuchte Glo-Ball für Flos, Knife Fork Spoon für Alessi oder die Scamp Bag für Maharam haben auch ihren Platz.

Das Ausstellungsdesign spiegelt sich in wenigen Objekten auf weißen Podesten und erhöhten Holzplattformen wider. Ein reduziertes Ausstellungsdesign-Konzept mit mehr als ausdrucksstarken Kurztexten zu den Arbeiten, kurzen Essays von Morrison über Design, einfachen Zeichnungen und Fotos, die die Arbeiten in einen Kontext setzen. Die von Morrison verfassten Texte verdeutlichen nicht nur, wie die Objekte entstanden sind. Dank Morrisons leichtem, ordentlichen Schreibstil bringen sie dem Besucher den Designer Jasper Morrison auch näher. Ein professionellerer Design-Journalist würde an dieser Stelle zweifellos anmerken, dass Morrisons Schriftsprache genauso klar und schnörkellos ist wie seine Designsprache.

Die Art der Ausstellung und die Tatsache, dass einige Texte direkt von Morrisons Website kommen, vermittelt mitunter den Eindruck, als handele es sich um eine Offline-Version seiner Online-Präsenz, seine permanente Online-Retrospektive, wenn man so will. Dennoch ist genau das die Stärke der Ausstellung, wie es auch bei Okolo Offline im Depot Basel der Fall war: Nur, wenn wir Designarbeiten physisch vor Augen haben, sie vergleichen und betrachten, können wir sie verstehen. Produktdesign ist etwas Physisches und kann nur physisch wirklich entdeckt werden.

Zusätzlich zu der Retrospektive über Morrisons Arbeiten enthält “Thingness” auch eine Abteilung namens “MyCollection”, in der 63 Objekte ausgestellt werden, die Jasper Morrison aus der Sammlung des Museums für Gestaltung ausgewählt hat. Für jedes gibt es einen kurzen Text von Morrison, in dem er erklärt, was ihm an den einzelnen Arbeiten zusagt: Die Kurztexte sind in derselben direkten, unkomplizierten Sprache verfasst, wie die “Thingness”-Texte. “MyCollection” enthält eine Mischung aus Möbel-, Produkt- und Grafikdesigns und zeigt Arbeiten von Schweizer und internationalen Designern wie zum Beispiel Ueli Berger, Jürg Bally, Hans Coray oder Rex Kralj und viele Arbeiten mit der Angabe “Unbekannt”. Als intelligent konzipierte und gut umgesetzte Ausstellung ist “MyCollection” eine hervorragende Ergänzung zu “Thingness”, denn sie bringt den Besucher etwas näher an den Designer Jasper Morrison heran, als es “Thingness” allein tun würde. Und sie mindert ein wenig die Enttäuschung über fehlende Konzepte und nicht realisierte Prototypen.

MyCollection - part of Jasper Morrison Thingness, Museum für Gestaltung Zürich

“MyCollection” – ein Teil der Ausstellung “Jasper Morrison – Thingness”, Museum für Gestaltung Zürich

Der Titel der Ausstellung spielt sehr schön mit dem Konzept “The Thing”/”Die Sache”, einem Konzept und Wort, das Jasper Morrison durch den Großteil seiner Karriere begleitet hat. “Thingness” zeigt allerdings deutlich die eine “Sache”, die in Morrisons Arbeiten fehlt, nämlich jegliche Referenz oder jeglicher Hinweis auf das “Internet der Sachen”. Jasper Morrisons Arbeiten sind in Sachen Material, Form und Funktion konsequent analog und haben nur wenig Verbindung zum digitalen Zeitalter, weitaus weniger Verbindung zu einem digitalen Highway der endlosen Möglichkeiten. “Ich denke, ich bin eher ein analoger Typ”, antwortet Morrison auf unsere Frage, ein Statement, bei dem wir sicher sind, dass ihm niemand widersprechen würde oder könnte. Dieser analoge Zustand hat nichts mit Luddismus zu tun, sondern spiegelt eher Morrisons Designverständnis und Verantwortlichkeiten wider. “Als Designer möchtest du, dass deine Designs gut aussehen und für immer funktionieren, nicht nur zwei oder drei Jahre.”

Denkt er das bei “Thingness”?

“Zwischendurch wackelt es etwas, aber im Großen und Ganzen ja.”

Jasper Morrison Thingness Museum für Gestaltung Zürich: A stroll through 30 years of Jasper Morrison design

“Jasper Morrison – Thingness” Museum für Gestaltung Zürich: eine Reise durch 30 Jahre Design von Jasper Morrison

Jasper Morrison wurde zuerst von der Funktionalistin Eileen Gray inspiriert, bevor Memphis und die Post-Modernisten der 1980er Jahre seine Fantasie bereicherten. Er entwickelte schnell einen rationaleren Ansatz und kombinierte die Direktheit der 1980er Jahre mit der Reduziertheit der 1920 und 30er Jahre, um seinen eigenen Ansatz zum Design umzusetzen. Ein post-industrielles Weniger-ist-mehr, das sich auf den Kern des Objekts konzentriert und den Arbeiten so eine Zugänglichkeit und einen Alltagsrealismus verleiht, der einigen der dogmatischeren Beispiele des modernistischen und post-modernistischen Designs viel zu häufig fehlt. Aber wo sieht Jasper Morrison die Beziehung zwischen Form und Funktion? Gibt es eine…….?

“Das beschäftigt mich nie so sehr”, so Morrison, “man braucht eine Form und eine Funktion, aber sie sind mit anderen Dingen verflochten, die ebenso wichtig sind, wie Material, Komfort, Wirtschaftlichkeit, Langlebigkeit.”

Wir wagen zu fragen, ob es bei seiner Arbeit mehr um die Entwicklung einer Idee oder gar eines Ideals geht, als um ein Produkt an sich.

“Ich suche nach Atmosphäre, nach einer atmosphärischen Wirkung, nach der Atmosphäre, die ein Objekt ausstrahlt. Wenn man zum Beispiel den Thinking Man’s Chair in einen leeren Raum stellt, dann sorgt er für eine andere Atmosphäre, als es der Plywood Chair tun würde.”

Oder anders, wenn man den Thinking Man’s Chair neben den Plywood Chair in einen Raum mit Jasper Morrisons Designs stellt, dann bekommt man eine sehr gute Vorstellung von der Konsistenz, Rationalität und Selbstverständlichkeit, mit der Jasper Morrison seine Ideen und sein Verständnis von Design in den letztens drei Jahrzehnten entwickelt hat.

Slatted Stool by Jasper Morrison for SCP, as seen at Thingness, Museum für Gestaltung Zürich

Slatted Stool von Jasper Morrison für SCP, gesehen in der Ausstellung “Thingness”, Museum für Gestaltung Zürich

Jeder, der Jasper Morrisons Werk gründlich studiert hat, wird wenig Neues in der Ausstellung “Thingness” finden, vielleicht dennoch in “MyCollection”.

Das haben nur sehr wenige getan und die Mehrheit kennt Jasper Morrison folglich nur durch die eine oder andere kommerziell erfolgreichere Arbeit. Alle, die Interesse an zeitgenössischem Design haben, werden eine ganze Menge Neues, Überraschendes, zum Nachdenken Anregendes und Unterhaltsames in “Thingness” finden.

Besonders aber viele logisch strukturierte Arrangements, klare Linien und eine verständliche Sprache.

Und dann kam Dada…….

Hat Dada in Jasper Morrisons Leben eine Rolle gespielt, abgesehen von der Verbindung zwischen Duchamps Readymades und vielen von Jasper Morrisons früheren Arbeiten, wie dem Flower Pot Table, der Laboratory Lamp und dem bereits erwähnten Handelbar Table?

“Ja, eine große sogar. Während ich Design an der Kingston studierte, hatte ich einen kleinen Nebenjob als Secondhand-Buch-Verkäufer und konzentrierte mich besonders auf den Surrealismus und Dada, genauso wie auf Architektur und Design, es bestand also Interesse und es gab einen frühen Einfluss.”

Weniger ist mehr, avantgardistisch und surreal!

“Jasper Morrison – Thingness” läuft bis Sonntag, den 5. Juni im Museum für Gestaltung, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, 8005 Zürich.

Zusätzlich zu der Ausstellung hat das Museum ein begleitendes Rahmenprogramm organisiert, alle Details gibt es auf www.museum-gestaltung.ch.

Passenger Terminal Expo 2016 in Köln: Vitra

Die meisten von uns haben noch nie von den Unternehmen gehört, die auf der Messe Light + Building in Frankfurt ausstellen. Bei den Ausstellern auf der Passenger Terminal Expo wiederum – der führenden Messe für Flughafenausstattung in Europa – war uns nicht mal bewusst, dass solche Firmen überhaupt existieren: Entwickler für Flughafen- Beschilderungssysteme beispielsweise, oder Hersteller von Flughafen-Sicherheitsschleusen, von Gepäckkarussellen, Buchungssystemen für Airlines oder Terminals zum selber Einchecken. Natürlich ist auf der Messe auch die liebliche Frauenstimme vertreten, die einen informiert, wenn das Gate gewechselt hat, wenn das Boarding für ein sehr viel exotischeres Ziel als das eigene beginnt, oder das Boarding für den eigenen Flug beendet ist, bzw. wenn man der letzte Reisende ist und alle aufhält.

Die Passenger Terminal Expo ist schon viel herumgekommen und hätte längst Vielfliegerstatus verdient – sie findet nämlich jedes Jahr in einer anderen Stadt und 2016 in Köln statt.

Vitra at Passenger Terminal Expo Cologne 2016

Vitra auf der Passenger Terminal Expo Köln 2016

Neben all den in der Öffentlichkeit völlig anonymen Unternehmen, die dafür sorgen, dass der Flughafen läuft, zieht die Messe auch den einen oder anderen vertrauten Aussteller an. Dazu gehört der Schweizer Hersteller Vitra mit seiner speziellen Airport Division.

Als wir vor der Passenger Terminal Expo 2012 mit dem CEO der Vitra Airport Division, Pascal Berberat, sprachen, erzählte er uns, dass die kulturübergreifende Uniformität von Flughäfen ein Grund für Vitra sei, eine spezielle Flughafensparte zu entwickeln. Während die Anforderungen bei Innen- und Büroeinrichtung je nach geografischer Lage variieren, sind die Anforderungen der Flughäfen grundsätzlich global gleich – ein gesondertes Flughafenprogramm sei für ein Unternehmen wie Vitra deshalb sinnvoll.

Bisher umfasste das Vitra Flughafenprogramm  eine Zusammenstellung von Designs aus dem breiten Vitra Portfolio – darunter beispielsweise die Eames Plastic Chairs oder Designs von Maarten van Severen sowie speziell entwickelte Projekte wie Airline von Sir Norman Foster oder die Meda Gate Familie von Alberto Meda. Mit Verner Pantons Cloverleaf Sofa von Verpan präsentiert Vitra in Köln jetzt ein neues Standbein, und zwar eine Kooperation mit einem anderen Hersteller.

Die Kooperation für den Vertrieb des Cloverleaf ist auf den Flughafensektor beschränkt, was natürlich mit Blick auf den Anwendungsbereich von Vitra die Frage aufwirft, warum?

“Wir wollen ein breites Spektrum mit so vielen Lösungen wie möglich anbieten”, erklärt Pascal Berberat, “und sind in dieser Hinsicht offen für Kooperationen mit anderen Firmen, die hochqualifizierte Produkte anbieten, die unseren Standards entsprechen. In formaler Hinsicht liefert das Cloverleaf eine Alternative zur steifen linearen Geometrie der Bänke, die momentan die Bestuhlungskonzepte von Flughäfen dominieren. Mit Flower von Sanaa haben wir außerdem schon ein Produkt, das eine ähnliche, sehr organische Form hat und das Cloverleaf deshalb wunderbar ergänzt. Und natürlich gibt es auch eine enge Verbindung zwischen Verner Panton und Vitra.”

Das heißt natürlich nicht, dass die Bänke aus unseren Flughäfen, geschweige denn aus dem Vitraprogramm verschwinden werden, sondern dass wir mit zunehmend weichen, organischen Sitzgelegenheiten auf unseren Flughäfen rechnen dürfen – als Alternative und Kontrast zu den gewohnten Bänken.

Für uns ergibt Vitras Kooperation mit Verpan absolut Sinn. Das 1970 von Verner Panton für die Visiona 2 Ausstellung in Köln entwickelte Cloverleaf Sofa ist ein modulares System, und bietet als solches hohe Flexibilität. Zudem ist es ein System, das bereits besteht – warum auch etwas entwickeln, das es bereits gibt? Man sollte Neues entwickeln, wenn es aber für besondere Anforderungen bereits eine Lösung gibt, sollte man diese stattdessen nutzen – eine umweltfreundliche und ökonomische Praxis.

Not linear. Cloverleaf modular sofa concept by Verner Panton through Verpan, as seen at Passenger Terminal Expo 2016 Cologne

Nicht linear. Das modulare Cloverleaf Sofa von Verner Panton durch Verpan, gesehen auf der Passenger Terminal Expo 2016 Köln

Dass Bänke in naher Zukunft die Grundlage der Flughafenbestuhlung bleiben werden,  ist an allen Ständen der auf der Passenger Terminal Expo 2016 vertretenen Möbelhersteller  zu sehen: zu 90% werden Banksysteme präsentiert.

Der Einsatz von Bänken ist bei der Flughafenausstattung allerdings auch in mehrfacher Hinsicht eine logische Lösung. Alle erhältlichen Systeme sind modular, sodass Flughäfen Sitze, Tische und Liegen für den jeweils vorgesehenen Bereich frei kombinieren können. Und sollte ein Element beschädigt werden, kann es problemlos ausgetauscht werden.

Vitras Erfahrungen mit Banksystemen für den öffentlichen Raum gehen zurück bis in die 1960er Jahre zum Tandem System der Eames, das immer noch im Portfolio der Firma ist und als altmodische A-Schalen-Version aus Fiberglas vor einem kleinen regionalen Flughafen stand, den wir früher häufig nutzen mussten. Der Blick auf die Bänke machte uns den unfreiwilligen Aufenthalt immer leichter.

Vitra präsentiert zwar keine per se neuen Banksysteme auf der Passenger Terminal Köln, allerdings eine neue Erweiterung zu ihrem Bänkeprogramm: die HAL Bank mit der – wie nicht anders zu erwarten war – HAL Sitzschale von Jasper Morrison.

Ursprünglich gedacht als Einrichtungslösung für Orte, an denen Platz heiß begehrt ist, wie beispielsweise kleinere, regionale Flughäfen, ist die HAL Bank im Vergleich zur Mehrheit anderer Flughafenbänke hagerer und schlanker – ein eher kompaktes, weniger voluminöses Objekt, das durch unkomplizierte Eleganz besticht. Außerdem ist die Bank ein wunderbares Beispiel für die inhärente Flexibilität eines gut designten Produktes. Und ja, wir gehen davon aus, dass die HAL Sitzschale das Produkt ist, genauso wie die einteilige Sitzschale der Eames das Produkt ist. Denn mit der Sitzschale kann eine Reihe untereinander austauschbarer Untergestelle verbunden werden, sodass man die Möglichkeit hat, mit einer ganzen Serie von Sitzgelegenheiten einen kompletten Flughafen auszustatten. Dabei geht es wohl weniger um die optische Einheitlichkeit, an der einem Innenarchitekten gelegen sein mag, sondern darum, Möbel je nach Bedarf austauschen zu können. Die konventionellen Überlegungen zu Möbeldesign und Funktionalität interessieren uns in diesem Fall allerdings weniger – worüber wie uns bei der HAL Bank am meisten freuen ist, dass sie keine Armlehnen hat, denn Sitzplätze mit Armlehnen auf Flughäfen sind bekanntermaßen eines der großen Übel unserer Zivilisation.

Zwar verstehen und akzeptieren wir widerwillig das Argument der Flughäfen, die Leute sollten nicht auf den Bänken liegen, weil so all ihre Sitzplatzkalkulationen durcheinanderkämen, aber dennoch: Armlehnen auf Flughäfen sind eine schlimme Sache.

 

A bench composed of HAL seat shells by Jasper Morrison for Vitra, as seen at Passenger Terminal Expo 2016 Cologne

Eine aus HAL Sitzschalen komponierte Bank von Jasper Morrison für Vitra, gesehen auf der Passenger Terminal Expo 2016 Köln

In unserem Interview von 2012 verglich Pascal Berberat Flughäfen mit kleinen Städten. Sieht man die Sache so, ist es natürlich kein Wunder, dass eine Firma wie Vitra an einem Markt wie dem der Flughäfen ein Interesse hat. Einerseits kann Vitra mit seinem breiten Portfolio nicht nur Sitzgelegenheiten für öffentliche Wartebereiche liefern, sondern für alle Flughafenbereiche – von der Security über den Duty-free-Bereich bis hin zu Bars, Cafeterien und zur Luftraumkontrolle. Und weil viele von diesen Sitzen aus einem Portfolio von Produkten stammen, die alle auch für den Wohn- und Bürobereich erhältlich sind, werden viele Passagiere die Designs wiedererkennen und sich so wohler fühlen als in der sterilen Hochsicherheitsatmosphäre gegenwärtiger Flughäfen. Da den meisten Vitra Produkten zudem eine Menge Forschung in Sachen Materialien und Ergonomie zugrunde liegt, kann Vitra darüber hinaus die Kluft zwischen den Bedürfnissen der Passagiere bezüglich des Komforts und denen der Flughäfen oder Airlines, denen es eher um Flexibilität und Langlebigkeit geht, gut überbrücken. Funktionalität ist letztlich eine Frage der Perspektive… .

Die Erweiterung des Vitra Angebots von Wohn- und Büroräumen auf einen so vielseitigen Bereich wie den Flughafen ist ziemlich geradlinig; aufmerksame Passagiere werden es auf so unterschiedlichen Flughäfen wie München, Doha, Heathrow, Delhi oder Eindhoven, oder aber auch am Eurostar Terminal am Bahnhof Waterloo Station in London bemerken. Was auf dem Flughafen funktioniert, lässt sich natürlich auch auf Bahnhöfe und Fähranleger, bzw. auf Einkaufszentren, Rathäuser, Wartezimmer, etc. … übertragen.

In den vergangen Jahren ist der Bedarf an Flughäfen und deren Kapazitäten  – sieht man mal von einigen prinzipientreuen Gegnern in Berlin ab – weltweit gestiegen; und Pascal Berberat erwartet nicht, dass sich diese Situation in naher Zukunft ändern wird.

“Die Welt wird kleiner, die Nachfrage nach Mobilität nimmt zu und Fliegen ist nicht länger der Luxus der es mal war. Ich bin überzeugt, dass sich das in den kommenden Jahren noch verstärken wird und wenn die Leute mehr fliegen, braucht es auch immer mehr Infrastruktur, und das heißt vor allem mehr Flughäfen.”

 

Flughäfen also mit Mobiliar, bei dem man den Herstellernamen schon mal gehört hat und mit Technologie von Firmen, deren Namen man niemals wissen wird und wo eine Frauenstimme erklingt, die so lieblich ist, dass sie auch eine nahende Apokalypse ein bisschen weniger bedrohlich klingen lassen könnte: “Die Vier-Reiter-Airline ist erfreut, Ihnen mitteilen zu können, dass das Boarding für den Flug  REV618 in die Misere beginnt…… .”

Einige Eindrücke von Vitra bei der Passenger Terminal Expo 2016 in Köln:

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2016 – Hay

Das dänische Label Hay wurde 2002 gegründet und entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Hersteller auf dem europäischen Markt für Möbel und Wohnaccessoires. In vielerlei Hinsicht diente das Unternehmen auch als Vorbild für die unzähligen Labels, die auf dem ganzen Kontinent innerhalb der letzten fünf bis sechs Jahre entstanden sind. Doch gemessen an der Größe, am Umfang und der offensichtlichen Kosten ihres Standes auf der Messe in Mailand 2016 plant Hay sicherlich nicht, sich in nächster Zeit auf seinen Lorbeeren auszuruhen: Diese Marke, so sagte man uns, wird auf die nächste Stufe steigen und ist darauf vorbereitet, weiter zu wachsen.

Für unseren Geschmack machen sie vielleicht etwas zu viel, versuchen zu sehr, immer alles für jeden zu sein. Ungeachtet dieser Überlegungen gab es dennoch einige Juwelen in den Tiefen von Mailands ehemaligem La Pelota Schwimmbad zu entdecken, wo Hay seine neue Kollektion für 2016 vorstellte.

Dapper and New Order from HAY, as seen at Milan Design Week 2016

Dapper Lounge Chair von Doshi Levien und New Order Regalsystem von Stefan Diez für Hay, gesehen auf der Milan Design Week 2016

Die echten Highlights der Hay Kollektion 2016 sind und waren für uns ohne Frage das Can Sofa und der Can Sessel von Ronan und Erwan Bouroullec. Das Can Sofa und der Sessel werden flach gepackt verkauft und können zu Hause selbst aufgebaut werden. Sie bestehen aus einem Stahlrohrrahmen mit überschwänglich einladenden Kissen, die mithilfe von Textilwänden an ihrem Platz gehalten werden. Außerdem dient das Can Sofa als provisorisches Bett. Die Can Familie besteht aus sehr einfachen, zugänglichen Objekten und ist zeitgenössisch und doch konservativ, leger und doch diszipliniert. Wir finden, dass die Möbel formal, in ihrer Konstruktion und hinsichtlich des ihnen zugrunde liegenden Geistes der Mobilität, der Leichtigkeit und Temporalität an die Küche Cuisine désintégrée oder an das Raum-im-Raum-Konzept Lit clos aus den Anfängen der Bouroullec-Karrieren erinnern. Eine Sachlage, die wir durchaus anerkennen. Neben diesen formalen Aspekten spielt beim Can Konzept der relativ niedrige Preis eine wichtige Rolle. Dieser wird größtenteils durch die Konzentration auf die Anzahl der Komponenten und Produktionsschritte und deren Optimierung erreicht und für Ronan Bouroullec liegt dieser Aspekt im Kern der Kooperation der Brüder mit dem Unternehmen: “Bei Hay arbeiten leidenschaftliche Menschen, die zwischen Ikea und exklusiveren Designfirmen erfolgreich sein wollen”, erklärt er, “Mir gefällt dieser Ansatz und es bedeutet auch, dass wir eine Plattform haben, mit der wir versuchen können, Grundbedürfnisse zu erfüllen, etwas zu entwerfen, was in der Modeindustrie das weiße T-Shirt wäre. Einfache Alltagsobjekte also, die kein Vermögen kosten und viele Menschen ansprechen.” Unserer Ansicht nach haben sie mit Can genau das erreicht. Diese Ansicht vertritt auch Ronan Bouroullec, was nicht so überraschend ist. “Ich bin ziemlich stolz darauf, dass wir es geschafft haben, mit dem Sofa und dem Sessel etwas entworfen zu haben, was Grundbedürfnisse auf elegante Weise erfüllt”, so Bouroullec. Und stolz dürfen sie auch sein.

Can by Ronan and Erwan Bouroullec for HAY, as seen at Milan Design Week 2016

Can von Ronan und Erwan Bouroullec für Hay, gesehen auf der Milan Design Week 2016

Wie treue Leser wissen werden, fiel uns bei der IMM 2015 unter unabhängigen Designstudios eine unverkennbare Beliebtheit relativ niedriger Stühle auf, die das hatten, was wir als “bewusst überproportionierte, gepolsterte Sitzfläche und Rückenlehne” bezeichneten. Als Begründung führten wir den Bridge Armchair von Rui Alves, den Pocket Chair von Jesper Junge und den Lenz Lounge Chair von Bartmann Berlin, Silvia Terhedebrügge & Hanne Willmann an. Wir schreckten offensichtlich davor zurück, das böse “T-Wort” zu benutzen, aber da lag definitiv etwas in der Luft. Das Fieber befiel offensichtlich auch das in London ansässige Studio Doshi Levien. Ihr neuer Dapper Lounge Chair für Hay ist nicht ganz so niedrig wie die oben erwähnten Produkte. Daher eignet er sich vielleicht besser als Esszimmerstuhl oder z.B. als Beistellstuhl im Wintergarten, in einem Hotelzimmer oder in einem Wartezimmer, und weniger als klassischer Lounge Chair schlechthin. Dennoch strahlt er in demselben warmen Glanz von Hans J. Wegner in einer Post-Disco-Melancholie der 1980er Jahre und ist somit attraktiv. Nicht zuletzt, weil er als Objekt selbstbewusst, sehr gut proportioniert, ästhetisch ansprechend und daher äußerst einladend ist.

Ansonsten beeindruckte uns das modulare New Order System von Stefan Diez genauso sehr wie immer und das wird auch so bleiben. Wir können uns nicht vorstellen, dass es uns mal nicht mehr begeistern könnte. Die neue Outdoor Kollektion Palissade der Bouroullecs hält, was sie verspricht. Und sogar etwas mehr, was immer erfreulich ist.

Die Neuzugänge in Hays Portfolio lassen uns ein bisschen zweifeln, dass Hay auf die offensichtlich herbei gesehnte nächste Ebene steigen wird. Wenn der Fall eintritt, kann man nur hoffen, dass sie sich daran erinnern, dass Qualität und Quantität im Designbereich selten die besten Freunde sind und dass zu viel von Letzterem den erstgenannten Aspekt nachteilig beeinflussen kann und unweigerlich wird. Ja, man muss sich entwickeln. Man muss sich aber auch, wie in allen Aspekten des Lebens, selbst treu bleiben.

Hier noch einige Eindrücke der Hay Kollektion 2016 in Mailand.

Vitra Design Museum präsentiert “Alexander Girard. A Designer’s Universe”

Sichtlich verärgert über einen kritischen Bericht über das Haus seines Freundes Alexander Girard in Santa Fe, schrieb Charles Eames am 26. Dezember 1956 einen kurzen Brief an Walter McQuade, den Herausgeber des Magazins:

“Alexander Girard ist an der Qualität von allem interessiert und handelt auch persönlich und unmittelbar in diesem Interesse. Aus einem solchen Handeln könnte womöglich kein Klischee entstehen und kein Klischee zu sein erfordert eine Erklärung.

Die Antwort liegt vielleicht in Girards Engagement in allem, was er anfasst und zeitliche Grenzen sind nicht erlaubt. Von Bedeutung ist auch die Tatsache, dass er etwas von einer Elster und etwas von einem Florentiner hat”1

Alexander Girards Interesse an Qualität, sein absolutes Engagement und seine elsterartigen Tendenzen sind in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe” im Vitra Design Museum zu sehen.

The Vitra Design Museum Weil am Rhein à la Alexander Girard

Das Vitra Design Museum Weil am Rhein à la Alexander Girard

Alexander Girard wurde 1907 als Sohn einer amerikanischen Mutter und eines französisch-italienischen Vaters geboren und wuchs in Florenz auf. 1917 wurde er am Bedford Modern Internat in London angemeldet, in der Stadt, in der er später Architektur an der Architectural Association School of Architecture studierte und 1929 seinen Abschluss machte. 1932 ging Alexander Girard nach Aufenthalten in Stockholm und Rom “zurück” nach New York, wo er Möbel und Inneneinrichtungen für Privatkunden entwarf, bevor er und seine neue Frau Susan 1937 nach Detroit zogen. Er begann, für ein dort ansässiges Interior-Design-Studio zu arbeiten und das unberechenbare Schicksal hatte noch mehr für ihn vorgesehen …

1943 designte Alexander Girard die Kantine für den Detroiter Radiohersteller Detrola neu, dessen Chefdesigner er 1945 wurde. Charles Eames arbeitete zu dieser Zeit mit der Evans Products Company in Los Angeles zusammen und designte Radiogehäuse aus gebogenem Schichtholz. Es wird erzählt, dass er eines Tages bei Detrola auftauchte, um sich zu bewerben. Alexander Girard war nicht da und so hinterließ Eames eine Nachricht und merkte, dass Detrola ihn nicht brauchte, weil der Chefdesigner, den sie gerade hatten, viel besser war. Es ist zweifelhaft, ob es nun so war oder nicht, aber sicher ist, dass Girard nach seinem Umzug nach Detroit intensive und lange Freundschaften mit vielen der bekannten Persönlichkeiten der nahe gelegenen Cranbrook Academy of Art schloss. Darunter waren Charles & Ray Eames und Eero Saarinen, mit dem er 1948 das erste Mal zusammenarbeitete, bevor George Nelson Alexander Girard 1951 zum Leiter der Textilabteilung des Möbelunternehmens Herman Miller ernannte. In dieser Position entwarf er über 300 Textildesigns, half dabei, einen Look und ein Gefühl für die zahlreichen Herman-Miller-Möbelprogramme für den Wohn- und Arbeitsbereich zu definieren und hierfür ist er ohne Frage besonders bekannt.

Neben seiner Kooperation mit Herman Miller war Alexander Girard auch ein erfolgreicher und sehr gefragter Ausstellungsdesigner, Interior Designer und ein weniger gefragter und weniger erfolgreicher, wenn auch unserer Meinung nach höchst talentierter Möbeldesigner. Unter anderem seine sogenannte Girard Group aus dem Jahr 1967 für Herman Miller motivierte uns zu unserer Serie “Verlorene Klassiker des Möbeldesigns”. Er designte Besteck, Geschirr und Haushaltswaren, entwarf eine ganze Corporate Identity für Braniff Airlines und sammelte vor allem Volkskunst… Als er seine Sammlung 1978 an den Staat New Mexico spendete, umfasste sie über 100 000 Gegenstände.

Wie Charles Eames schon richtig sagte, war er “teilweise eine Elster” und seine Leidenschaft für das Sammeln half ihm in vielerlei Hinsicht dabei, die Welt zu verstehen und bestimmte, wie er an seine Arbeit heranging und seine Funktion sowie die Funktion all dieser Objekte und Umgebungen verstand, die er entwarf.

Alexander Girard starb im Jahr 1993 im Alter von 85 Jahren und sein persönliches Archiv wurde 1996 dem Vitra Design Museum anvertraut. “A Designer’s Universe” ist das Ergebnis der ersten strukturierten, wissenschaftlichen Studie dieses Archivs.

Alexander Girard's files...You wouldn't want it any other way....

Alexander Girards Akten… Ihr würdet es nicht anders wollen…

“A Designer’s Universe” wurde von Dr. Jochen Eisenbrand, dem leitenden Kurator des Vitra Design Museums, aufbereitet und mithilfe des Ausstellungsdesignkonzepts von dem Londoner Studio Raw Edges eingerichtet. Zu Beginn gibt es eine exzellente Einführung in Alexander Girards Anfangsjahre, die nicht nur viele bislang ungesehene/selten gesehene Arbeiten, sondern auch neue biografische Details umfasst, bevor Aspekte seiner Arbeiten genauer betrachtet werden. Seinen umfangreichen Arbeiten im Bereich Textildesign wird ein eigener Raum gewidmet und ihre Präsentation ähnelt der in der von Girard kuratierten Ausstellung “The Design Process at Herman Miller” aus dem Jahr 1975. Der Bereich Corporate Design wird anhand der Kooperation mit Braniff Airlines gezeigt, Restaurantdesign-Projekte wie La Fonda del Sol und L’Etoile in New York werden anhand von Objekten und Möbeln dargestellt, die Girard entworfen hat sowie Fotos des Original-Interieurs. Weitere Arbeiten aus dem Bereich Interior Design werden mithilfe von Plänen, Objekten und Fotos von einigen seiner Schlüsselprojekte ausgestellt. Mit dabei ist auch das gemeinsam mit Eero Saarinen entworfene sogenannte Miller House, für dessen Wohnzimmer Girard eine Sitzgrube designte, die im Zentrum der Austellungsfläche im Erdgeschoss nachgebaut wurde. Oben liegt der Fokus auf Girards Arbeiten aus dem Bereich Ausstellungsdesign und der Präsentation seiner Volkskunstsammlung. In der Annahme, dass man eine Sammlung von über 100 000 Objekten “darstellen” kann.

Und in der Annahme, dass man einen Designer “darstellen” kann, der so viele Jahre lang in so vielen Bereichen aktiv und für so viele Projekte verantwortlich war.

In Anbetracht des Ausmaßes und der Vielfalt der Thematik kann eine Ausstellung wie “A Designer’s Universe” nicht mehr als an der Oberfläche kratzen und eine ehrliche, sachliche und oberflächliche Darstellung von der Geschichte liefern, die sie erzählt.

Und in Anbetracht der Eigenschaften der meisten dargestellten Objekte enthält eine Ausstellung wie “A Designer’s Universe” unvermeidbar wahnsinnig viele Vitrinen, was niemals ein gutes Ausstellungskonzept ist. Niemals. Besonders nicht für eine Ausstellung über einen Mann, der einst sagte: “Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als eine Ausstellung, in der Objekte nur in Boxen nebeneinander aufgereiht werden.2″

Aber.

Welche andere Wahl hätten die Organisatoren in Anbetracht des Alters, Materials und besonders der Größe der meisten Objekte gehabt? Es ist nicht ideal, aber die Exponate müssen in einem bedeutungsvollen Kontext und Verhältnis präsentiert werden und das bedeutet manchmal eben Vitrinen. Es handelt sich auch nicht nur um in Glaskästen nebeneinander aufgereihte Objekte. Besonders im ersten Raum mit den biografischen Informationen und im zweiten mit den Textilien gibt es einige sehr gut konzipierte und realisierte Darstellungslösungen.

Ja, es war gemein, unfreundlich und ein bisschen ungehobelt von uns, das Girard-Zitat zu erwähnen. Wenn auch wichtig.

Genauso wichtig ist es sich daran zu erinnern, dass Girard auch einmal sagte: “Ein Teil meiner Leidenschaft war es immer, Objekte im Zusammenhang zu sehen. Ich glaube, dass alles zu atmen beginnt, wenn man Objekte in eine Welt einfügt, die scheinbar ihre eigene ist. In gewisser Hinsicht erschafft man ein Stück Leben. Das Exponat erwacht dann zum Leben.”3

Wenn wir als “Zusammenhang” hier weniger die Objekte verstehen, und eher ihre Rolle, die Person Alexander Girard einem Publikum zu erklären, das größtenteils nicht oder teilweise gar nicht mit ihm und seinen Arbeiten vertraut ist, dann befinden sich die Objekte scheinbar in ihrer eigenen Welt. In einer Welt, oder vielleicht eher in einem Universum von Alexander Girards Schaffen und so atmet die Ausstellung trotz der Glaskästen.

Sie atmet umso leichter dank des Platzes, den Raw Edges der Ausstellung in dem berühmt engen Bereich des Vitra Design Museums eingeräumt haben. In der Vergangenheit haben wir oft negativ über die räumliche Begrenzung des Gehry Gebäudes gesprochen und darüber, dass dort Ausstellungen in der Größe, wie das Vitra Design Museum sie ausrichtet, stattfinden. Die Ausstellung “A Designer’s Universe” lässt viel Platz für Bewegung und Reflexion und das, obwohl sie mit etwa 700 Objekten doppelt so groß ist, wie eine “normale” Ausstellung.

Work created for and in context of La Fonda del Sol and L'Etoile restaurants, as seen at Alexander Girard. A Designer's Universe, Vitra Design Museum

Arbeiten für und im Zusammenhang mit den Restaurants La Fonda del Sol und L’Etoile, gesehen in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe”, Vitra Design Museum

Angesichts der Problematik, viele der Objekte, besonders die Volkskunst, angemessen darzustellen, waren wir beim Besuch der Ausstellung gedanklich häufig in Alexander Girards Haus in Santa Fe. Diesen Ort haben wir uns lange als wahres Kuriositätengeschäft mit Objekten quer durch Geografie und Zeit vorgestellt, angeordnet in der charmanten Unordnung eines Besessenen. Aber war das so…….?

“Sein Haus war unglaublich gut organisiert”, so Aleishall Girard Maxon, Alexander Girards Enkelin. Und obgleich es eine unserer liebsten Vorstellungen zerstört, sagt sie: “Einige Dinge gehörten zu den Kernstücken des Hauses, teilweise verschmolzen sie sogar mit der Architektur. Andere Dinge kamen und gingen, denn er hatte so viele Objekte, die er liebte und änderte doch ständig die Kuratierung.”

Und so wird uns unmittelbar ein genauso liebenswerter Eindruck vermittelt. Wir fragen vorsichtig, ob das bedeutet, dass die Sammlung immer in greifbarer Nähe war?

“Sie befand sich in einem speziellen Lagerraum, der an sein Haus angrenzte, das auch einen Arbeitsraum für all die Volkskunst enthielt, die ständig dazu kam. Es war alles miteinander verbunden, sodass man in zwei Minuten von dem Lagerraum in die Küche laufen konnte”, so Aleishall, “und das war in vielerlei Hinsicht ein wesentlicher Grund wie er es schaffte, soviel zu machen. Er entwarf einen Raum, um seine Interessen zu erleichtern.”

Alexander Girard spricht oft über Volkskunst als Verbindung zur Unschuld der Kindheit und wie die Volkskunst uns an das wesentliche Wunder des Lebens erinnert. Durften Sie als Kinder auch mit den Objekten spielen?

“Mit einigen ja”, so  Kori Girard, Aleishalls Bruder, “er entwarf eine kleine Höhle, die wir nutzen konnten und all die Dinge darin waren praktisch. Den Rest durften wir erforschen, aber nicht berühren.”

Finden Sie Ihren Großvater in der Ausstellung wieder, ist er präsent?

“Definitiv”, antwortet Kori, “einer der kraftvollen Aspekte seiner Arbeit ist, dass sie ihn in vielerlei Hinsicht repräsentiert. Man kann ein Objekt isoliert betrachten und ihn wiederfinden und hier, wo es so viele Objekte gibt, werden definitiv die vielen verschiedenen Disziplinen widergespiegelt, in denen er tätig war, die Experimente, die er durchführte und besonders seine unterschiedlichen Leidenschaften.”

Original Wooden Doll sketches by Alexander Girard, as seen at Alexander Girard. A Designer's Universe, Vitra Design Museum


Original Wooden Doll Zeichnungen von Alexander Girard, gesehen in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe”, Vitra Design Museum

Trotz der vielen Leidenschaften, der vielen Seiten von Alexander Girard, der vielen Projekte, an denen er arbeitete, trotz des Formats derer, mit denen er zusammenarbeitete und der Gesellschaft, in der er verkehrte, gewissermaßen des Universums, auf das der Titel der Ausstellung Bezug nimmt, bleibt Alexander Girard einer der weniger bekannten und weniger verstandenen Designer aus dem Bereich, der heute als amerikanische Mid-Century-Moderne verstanden wird. Aber wirkt sich diese fehlende Anerkennung auch auf seine Bedeutung aus, besonders im Zusammenhang mit dem Erfolg von Herman Miller in den 1950er und 1960er Jahren und somit dem Aufstieg amerikanischen Designs in diesem Zeitraum?

“Ja, ich denke schon”, so Jochen Eisenbrand, der Kurator der Ausstellung, “die Eames’ waren für das Möbeldesign bedeutend, George Nelson als Designchef für die Gesamtausrichtung, Werbung und Unternehmensidentität. Alexander Girard war für Textilien und Farben bedeutend, einen Bereich, der oft übersehen wird, der aber eine wesentliche Rolle spielt, wie Objekte angenommen werden und wie erfolgreich sie letztlich werden. ”

Besonders, so vermuten wir, im zeitlichen Kontext, im Amerika der Nachkriegszeit und dem Wandel des Verständnisses von der und den Erwartungen an die Einrichtung von Wohnräumen…

“In der Tat und Girard war teilweise für die Verbreitung dieses Wandels verantwortlich. In den 1930 und 40er Jahren schaute Amerika in Sachen Design und Enrichtung sehr stark auf Europa. Nach dem Krieg ging Amerika selbst voran und Alexander Girard war einer von denen, die Ideen aus Europa übernahmen und versuchten, den kühleren Glas-Stahlrohr-Designs einen menschlicheren Touch zu verleihen.”

War er mit dieser Rolle glücklich, mit der er neben, aber irgendwie auch hinter Eames oder Nelson stand?

“Ich glaube, das kann heute niemand sicher sagen”, antwortet Mateo Kries, der Direktor des Vitra Design Museums, “aber er wusste, dass seine große Stärke nicht darin lag, ein Einzelobjekt zu designen, sondern eher darin, den Rahmen zu entwerfen, den Raum, das Interieur. Er war klug genug zu verstehen, dass Menschen wie Charles Eames oder Eero Saarinen großartige Möbel designt hatten und dass er das Talent hatte, sie zu nutzen, in seine Einrichtungen einzuarbeiten und sie mit Textilien aus Marokko und Kissen aus Afghanistan zu kombinieren. Er entwarf ein passendes Farbschema für sie und um sie herum und kommunizierte die Designs auch in einer Ausstellung, was eine weitere Stärke von ihm war. Alexander Girard dachte immer eher über Systeme als Einzelobjekte nach, Alexander Girard verband Dinge, verband Ideen, verband Menschen.”

“A Designer’s Universe” erkärt geschickt, wie diese Verbindungen funktionierten, wie Alexander Girard in die Designgeschichte passt und wieso es gefährlich ist, Kreative in eine Schublade zu stecken – besonders eine Florentiner-Elster.

.....then again.... A 1996 chair design by Alexander Girard for L'Etoile, New York, as seen at Alexander Girard. A Designer's Universe, Vitra Design Museum

Ein Stuhldesign aus dem Jahr 1966 von Alexander Girard für L’Etoile, New York, gesehen in der Ausstellung “Alexander Girard. A Designer’s Universe”, Vitra Design Museum

Bei der Ausstellungseröffnung wurde erwähnt, dass, während man bei Charles und Ray Eames oder George Nelson immer nach einem neuen Winkel schaut, nach einer zuvor un- oder nicht genug erforschten Facette, dies bei der relativen Unklarheit Alexander Girards kein Problem ist. Alexander Girard ist das Thema und “A Designer’s Universe” ist eine exzellente Vorstellung seiner Person, seiner Arbeit und seines Platzes in der Entwicklung des zeitgenössischen Designs, aber was können heutige Designer von Alexander Girard lernen?

“Besonders, dass Sammeln sehr sinnvoll sein kann”, so Jochen Eisenbrand, “und zwar, um ein visuelles Archiv als Quelle des Potentials und der Inspiration zu schaffen. Man kann aber auch viel über den Gebrauch von Farben lernen und dass man keine Angst vor Verzierungen und Dekoration haben sollte. Das hat alles seinen Platz, man muss fähig sein und verstehen, es korrekt zu nutzen, aber all das kann einen positiven Nutzen haben.”

Worin besteht Aleishall und Koris Hoffnung, was Besucher von der Ausstellung und ihrem Großvater lernen?

“Ich hoffe, dass die Besucher die Inspiration mitnehmen, ein kreativeres, integrativeres Leben zu führen und es mehr zu akzeptieren”, antwortet Kori Girard, “und dass sie verstehen, dass Inspiration so viele Quellen haben kann.”

“Mit seiner Arbeit”, so Aleishall weiter, “ruft er den Betrachter dazu auf, selbst zu denken, zu erkennen, dass jeder ein kreatives Leben leben kann und ich habe den Eindruck, seine Arbeit basierte oft auf diesem Gedanken.”

Das klingt auch nach dem perfekten “P.S.” für Charles Eames’ Brief aus dem Jahre 1956…

“Alexander Girard. A Designer’s Universe” läuft im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein bis Sonntag, den 29. Januar 2017.

Alle Details inklusive Informationen zu dem begleitenden Rahmenprogramm gibt es auf www.design-museum.de.

1. Letter from Charles Eames to Walter McQuade 26.12.1956, On display in Alexander Girard A Designer’s Universe, Vitra Design Museum. Weil am Rhein

2. Alexander Girard in einem Interview mit Charlene Cerny, in Sarah Nestor, Multiple Visions A common bond – The Girard Foundation Collection, Santa Fe Museum of International Folk Art, 1983

3. Alexander Girard zitiert in Laurel Seth, Everyman’s Art, American Interest, Mai/Juni 2011, Vol. 6 Issue 5

Möbelmesse Mailand 2016: Top Five!

Auf der Mailänder Möbelmesse Salone del mobile fünf herausragende Produkte auszusuchen, ist für den normalen Beobachter eine nahezu unmögliche Aufgabe, so hoch ist die Anzahl der Kandidaten. “Wie”, fragt unser normaler Beobachter, “könnt ihr nur fünf auswählen?!?!”

Auf der Möbelmesse Mailand fünf herausragende Produkte auszusuchen ist aber auch für den erfahrenen Besucher eine nahezu unmögliche Aufgabe, weil die Mehrheit der ausgestellten Produkte alles andere als herausragend ist. Und ältere, etablierte Produkte kommen für diese Kolumne nicht in Frage.

Genau dafür war die Möbelmesse in Mailand 2016 ein hervorragendes Beispiel: Die Mehrheit der neuen Produkte hat uns nicht überzeugt. Viele der Hersteller, von denen man einen freudigen Schauder hätte erwarten können, brachten wenig mehr als ein freundliches, wenngleich wissentlich entschuldigendes Lächeln auf.

Das bedeutet nicht, dass die ausgestellten Objekte nicht gut, interessant oder berechtigt waren. Das waren sie häufig, nur stachen sie selten heraus.

Dennoch gab es einige ausgezeichnete Produkte, hier sind unsere Top Five von der Möbelmesse Mailand 2016*

Officina Lounge Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis

Auf der Mailänder Möbelmesse 2016 enthüllte Magis eine umfangreiche Erweiterung der Officina Kollektion von Ronan und Erwan Bouroullec, inklusive des Officina Lounge Chairs. Das Objekt stellt für uns die endgültige Verkörperung der Ideen dar, die im Officina Armchair enthalten sind. Versteht uns nicht falsch, wir sind große Fans des Officina Armchairs. Mit der zusätzlichen Breite, den übertriebenen Proportionen und der Kombination aus Leder und Schmiedeeisen ist der Officina Lounge Chair für uns eine natürlichere, harmonischere Konstruktion als der kompakte Armchair. Außerdem hat er etwas Ursprüngliches, fast Bestialisches an sich, wenn auch etwas von einer gezähmten Bestie. Das macht ihn für uns zu einem sehr logischen und ansprechenden Objekt.

Officina Lounge Chair by Ronan & Erwan Bouroullec for Magis, a sseen at Milan Furniture Fair 2016

Officina Lounge Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

Stool 01 von Studio Daphna Laurens

Der raffiniert benannte Stool 01 ist keineswegs ein neues Design, denn er gehörte zu dem Beitrag des Designstudios Daphna Laurens aus Eindhoven zur Vienna Design Week Passionswege 2012. Für uns ist er heute aber noch genauso frisch und aufregend, wie er es schon damals in Wien war. Wir finden auch wirklich, dass mehr Menschen ihn kennenlernen sollten. Die Attraktivität liegt für uns in der Mehrdeutigkeit, die dem Objekt innewohnt. Im Wesentlichen ein ganz simpler Hocker, ist der Stool 01 alles andere als das; er enthält keine klaren Hinweise, wie oder wo man ihn nutzen kann. Das liegt an euch. Intensiviert wird dies durch die Tatsache, dass der Stool 01 als Objekt nicht nur zur Interaktion auffordert, sondern ständig neue Facetten seines Charakters enthüllt und neue Möglichkeiten aufzeigt, die abhängig davon sind, wie man an ihn herangeht. In den letzten Jahren haben wir den Stool 01 bei zahlreichen Gelegenheiten und an vielen Orten gesehen und wissen doch noch nicht, wie man auf ihm sitzen soll. Es handelt sich nicht um einen einfachen Hocker, sondern um ein sehr erfreuliches und bereicherndes Objekt aus dem Bereich Produktdesign.

Stool 01 by Studio Daphna Laurensas seen at Salone Satellite, Milan Furniture Fair 2016

Stool 01 von Studio Daphna Laurens gesehen bei Salone Satellite, Möbelmesse Mailand 2016

866 F Schaukelstuhl von Lydia Brodde, Thonet Design Team für Thonet

Das Genre Schaukelstuhl wird größtenteils durch die klassische “Windsor”-Spindel-Form definiert, oder auch von seinem quadratischen Cousin, wie man ihn klischeehaft auf der durchschnittlichen amerikanischen Veranda findet. Oder es ist eine fürchterliche zeitgenössische Abscheulichkeit, die in dir den Wunsch nach einem neuen Gesetz weckt, das den Verantwortlichen lange Gefängnisstrafen auferlegt. Dazwischen gibt es nicht so viel. Der  recht neue Schaukelstuhl 866 F von Thonet bietet eine Alternative. Als Erweiterung von Thonets 860-Programm von Lydia Brodde aus dem Thonet Design Team profitiert der 866 F nicht nur von der gut durchdachten und exzellent proportionierten Form der 860-Kollektion, sondern auch von Thonets langjähriger Erfahrung mit Schaukelstühlen. Michael Thonet war für zahlreiche Schaukelstuhldesigns verantwortlich, wobei er Zeit und Mühe in die Entwicklung der filigranen Bugholzstrukturen investierte und zusätzlich stark auf die Radien der Schaukelstühle achtete. Sorgfältiges Forschen in den Thonet Archiven und Werkstätten hat ergeben, dass es basierend auf dieser Tradition eine bestimmte Krümmung gibt, die ein stabiles, sicheres und besonders erfreuliches Schaukeln ermöglicht.

866 F Rocking Chair by Lydia Brodde, Thonet Design Team for Thone, as seen at Milan Furniture Fair 2016

866 F Schaukelstuhl von Lydia Brodde, Thonet Design Team für Thonet, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

FRAM3 von Anna Weber

FRAM3 war für uns eine dieser klassischen Messeerfahrungen. Wir liefen um den Stand herum, an dem Anna Weber von der Burg Giebichenstein ihre Arbeit ausstellte und unsere Aufmerksamkeit wurde geweckt, warum, wissen wir nicht. Und so konnten wir uns auch nicht entscheiden, ob es uns gefiel. Wir dachten, dass wir es wahrscheinlich schon mochten und machten ein paar Fotos. Fernab von der Intensität der Messe mit Raum und Zeit zum Nachdenken entschieden wir, dass wir es mochten und es uns noch immer gefällt. Oder uns gefiel/gefällt besonders eine Konfiguration von FRAM3. Wie der Name verrät, ist FRAM3 ein Metallrahmen, der in einer von drei Positionen genutzt werden kann. Der rechteckige Rahmen hat drei Höhen, abhängig davon, welche Seite die Basis bildet. Eine Reihe austauschbarer Einsätze macht aus FRAM3 ein praktisches Sideboard, einen Tisch, etc…..es war der Metalleinsatz mit Vertiefung zur Aufbewahrung von Büchern, der unsere Aufmerksamkeit weckte. Ja, wir wissen schon. Staub. Wenn ein Buch zu lange dort liegt, wird es staubig. Dann lässt man es eben nicht so lange dort liegen. Das Leben ist einfach. Nutzt es als vorübergehende Aufbewahrungsmöglichkeit für Bücher, zum Beispiel im Flur, in der Küche, im Wintergarten oder im Büro. Und nicht nur für Bücher. Der Rand an der oberen Fläche sorgt dafür, dass kleine Gegenstände sicher darauf abgelegt werden können und der Einsatz bietet vorübergehend Platz für Schals, Jutebeutel, kleine Päckchen, Hundeleinen etc., etc., etc. Oder für Bücher. Zusätzlich zu seiner erfreulichen Funktionalität ist FRAM3 auch in ästhetischer Hinsicht ein gelungenes Objekt. Es ist reduziert, ohne unnötig filigran zu sein und zeigt seinen robusten Charakter, ohne grob zu sein.

FRAM3 by Anna Weber, as seen at Salone Satellite, Milan Furniture Fair 2016

FRAM3 von Anna Weber, gesehen bei Salone Satellite, Möbelmesse Mailand 2016

Ulisse Daybed von Konstantin Grcic für ClassiCon

Einer der schönen Aspekte an Konstantin Grcics Arbeiten ist, dass man nie weiß, wohin sie ihn als Nächstes führen werden: etwas schamlos, wenngleich kompetent Kommerzielles; etwas in künstlerischer Richtung; etwas, das neue Formate entdeckt, Horizonte erweitert und so das Vokabular des Möbeldesigns bereichert; oder etwas, das den Schreiner Konstantin Grcic repräsentiert. Das Ulisse Daybed für ClassiCon ist ein wunderbares Beispiel für letzteren Punkt. Das Objekt präsentiert sich in einer unkomplizierten, reduzierten Formensprache und seine Neigemechanik bereitet wahre Freude. Es ist im Wesentlichen eine sehr einfache, beinahe grundlegende Schreinerlösung eines funktionalen Problems und dennoch eine von logischer Effizienz, die unbestreitbar industrieller Art ist. Ulisse ist ein hervorragend umgesetztes Objekt des Schreinerhandwerks und nimmt, wie so viele von Grcics Arbeiten, Bezug auf zahlreiche historische Objekte. Außerdem bietet es eine neue Interpretation von Eleganz und Funktionalität, für die die Produkte anerkannt werden und beliebt sind.

Ulisse Daybed by Konstantin Grcic for ClassiCon, as seen at Milan Furniture Fair 2016

Ulisse Daybed von Konstantin Grcic für Classicon, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

* mit der Maßgabe, dass:

(a) In Anbetracht der 8 000 000 Hersteller, die ihre Produkte in 20 000 Hallen in drei Zeitzonen ausstellen, haben wir nicht alles gesehen und unweigerlich das eine oder andere herausragende Objekt verpasst. Wir werden sie aber irgendwann einholen.

(b) Diese Auflistung enthält nur Objekte, die wir auf der Möbelmesse in Mailand gesehen haben, die Stadt Mailand ist nicht die Messe. Das ist die Stadt. Auch wenn immer mehr Hersteller versuchen, das Wasser zu trüben und uns anderweitig zu überzeugen.


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