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Akademie der Bildenden Künste Stuttgart – Rundgang 2016

Bei der Adresse “Am Weissenhof 1” sollte es nicht überraschend sein, dass die Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK) nicht nur das erste Gebäude an dem sagenumwobenen Standort auf dem Stuttgarter Killesberg war, sondern dass sie auch eine wenngleich relativ kleine Rolle dabei spielte, das Märchen aufzubauen. Professor Adolf Schneck designte  zwei der Häuser, die Werkstätten der Schule, unter der Aufsicht von Hilde Zimmermann, die für die Küche eines von Schnecks Häusern verantwortlich war. Studenten und Alumni wie Camille Graeser, Rudolf Frank und Hermann Gretsch leisteten Beiträge zum Interieur weiterer Häuser. Abseits der Konstruktion und der Einrichtung war der ehemalige Student und zukünftige Professor Willi Baumeister für die Typografie der Ausstellung verantwortlich und gründete zusammen mit seinem Alumnikollegen Karl Straub die “Grafikabteilung”. Sie waren für das verantwortlich, was man heute als Corporate Identity bezeichnen würde.

Das war allerdings damals. Einen Eindruck vom Jetzt der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart gibt es auf dem Rundgang 2016 mit Semester- und Abschlussarbeiten.

Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Rundgang 2013 Neubau 1

Akademie der Bildenden Künste Stuttgart – Neubau 1 (Foto 2013)

Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Das originale Hochschulgebäude Am Weissenhof 1, der sogenannte Altbau* , wurde 1913 für die damals neu gegründete Kunstgewerbeschule errichtet und von Bernhard Pankok, dem Leiter der Hochschule, designt. Pankoks Vorstellung ging allerdings weit über die Mauern der Kunstgewerbeschule hinaus und sah eine Institution voraus, die Stuttgarts zahlreichen Kunsthochschulen vereinte und so einen integrierten, interdisziplinären Ansatz bei der Ausbildung in den Bereichen Kunst und Architektur ermöglichte. Dies war trotz Pankoks Anstrengungen vor dem Ersten Weltkrieg und der Anwesenheit so vieler ähnlich denkender Modernisten in Stuttgart in den Jahren zwischen den Kriegen formal bis 1946 und zur Gründung der Akademie der Bildenden Künste nicht realisiert worden.

In den Bereichen Produkt- und Möbeldesign wurde der Neustart nach dem Krieg größtenteils von Professoren wie Herbert Hirche, Hans Warnecke oder Adolf Schneck geprägt. In den folgenden Jahren übernahmen Arno Votteler, Herta-Maria Witzemann oder Richard Sapper das Zepter und gaben es schließlich an Uwe Fischer und Winfried Scheuer weiter, die heute für die Vordiplom-Klassen verantwortlich sind. Diese Tatsache hebt hervor, dass der Abschluss an der ABK Stuttgart immer noch das Diplom ist und nicht, wie es in Deutschland immer häufiger der Fall ist, der Bachelor und/oder Master.

Presentation of the project Piu, as seen at the Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Rundgang 2016

Präsentation des Projekts Piu, gesehen auf dem Rundgang 2016 der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Akademie der Bildenden Künste Stuttgart – Rundgang 2016

Wie es sich für eine Designschule, die seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besteht, gehört, haben Workshops und praktisches Arbeiten immer eine zentrale Rolle an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart gespielt. Zu diesen technischen Fähigkeiten kommen im Bereich Industriedesign noch Entwerfen, Konzeptualisieren, Styling, Planung und Designen hinzu, wie Peter Mark Roget ohne Zweifel sagen würde.

Für Studierende der Architektur und des Industriedesigns findet das erste Jahr an der ABK Stuttgart gemeinsam statt. Ihnen werden die Grundlagen des Entwerfens, Zeichnens und Konstruierens gelehrt sowie einige Kurse, aus denen eine der interessanteren Ausstellungen des Rundgangs 2016 hervorging, nämlich “Sitzen – Von der Idee zum Objekt”. Die Kursteilnehmer wurden dazu aufgerufen, innerhalb von nur 9 Stunden einen Stuhl/Hocker aus einem einzigen Holzbrett (4,5 m lang, 45 mm breit, 19 cm dick) zu entwerfen. Die Ergebnisse waren überraschend originell und betonten in ihrer Originalität einerseits die Auffassung, dass Einschränkungen oft der beste Antrieb für Inspiration sind und andererseits, dass man jemandem nicht unbedingt beibringen kann, Ideen zu haben. Entweder hat man Ideen, oder eben nicht. Wie man diese Idee dann aus einer Skizze oder in diesem Fall aus einem schnell gebauten Modell zu einem Prototyp und dann zu einem Endprodukt weiterentwickelt, ist allerdings etwas, das man lehren kann. Wie dies an der ABK Stuttgart umgesetzt wird, war die grundlegende, elementare Frage der weiteren Ausstellungen.

Presentation of Sitzen - Von der Idee zum Objeckt as seen at the Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Rundgang 2016

Präsentation von “Sitzen – Von der Idee zum Objekt” gesehen auf dem Rundgang 2016 der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

“No Entry – Industrial Design 2016”

Unter dem Titel “No Entry – Industrial Design 2016” präsentiert der Bereich Industriedesign der ABK Stuttgart Gruppenprojekte, Einzelprojekte und Diplomprojekte aus dem vergangenen Semester. Der Flur des Werkstattgebäudes wurde abgedunkelt und mit roten Lichtern ausgestattet – ein Präsentationskonzept, das den Eindruck vermittelt, als wäre man in einem übermäßig stereotypen Bordell und einen so dazu bringt, über den aktuellen Zustand des Designberufs nachzudenken. Wir wissen nicht, ob das beabsichtigt war oder ob nur wir darauf kamen.

Es gab Präsentationen der Ergebnisse von Projekten wie “Unleashed – Autonomous Intelligence”, das die Möglichkeiten der autonomen Intelligenz im Produktdesign und die Extrapolation, wie Designer die neuen Möglichkeiten nutzen können und/oder sollten behandelt oder “Kleiner Schlossplatz”, ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Stuttgart durchgeführt wurde und das Vorschläge für eine Neugestaltung des Kleinen Schlossplatzes in der Stadt suchte. Neben diesen Projekten erregte das Projekt “Coffice” unter der Leitung von Bastian Müller unsere Aufmerksamkeit. Keines der ausgestellten Objekte aus dem Bereich Co-Working-Spaces hat uns besonders gefallen, sie konnten uns nicht von ihrer Daseinsberechtigung überzeugen. Dennoch zeigten sie alle interessante Perspektiven auf die Unterschiede zwischen Co-Working und konventionellen Arbeitsplätzen, betonten die unterschiedlichen Anforderungen von und an Möbel und Accessoires und zeigten so die Sorgfalt, die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit für Details, mit der die Studierenden sich der Aufgabe widmeten. Der konkrete Bedarf nach auf Co-Working-Spaces zugeschnittenen Lösungen, nach Objekten, die wir auf der NeoCon 2016 nicht gesehen haben, wurde verdeutlicht. Wir freuen uns darauf, diese auf der Orgatec 2016 zu suchen.

Natürlich brachte der Rundgang 2016 an der ABK Stuttgart auch ein freudiges Wiedersehen mit dem Projekt Più di Pegoretti aus Mailand mit sich.

Weitere Informationen zu dem Bereich Industriedesign an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart gibt es auf http://id.abk-stuttgart.de/.

*Der Name unterscheidet es deutlich von dem jüngeren Neubau 1 und Neubau 2

"No Entry - Industrial Design 2016", Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Rundgang 2016

“No Entry – Industrial Design 2016”, Rundgang 2016 der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Presentation of Coffice, as seen at the Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Rundgang 2016

Präsentation von “Coffice”, gesehen auf dem Rundgang 2016 der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Presentation of the project Kleiner Schlossplatz, as seen at the Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Rundgang 2016

Präsentation des Projekts “Kleiner Schlossplatz”, gesehen auf dem Rundgang 2016 der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

5 neue Designausstellungen im August 2016

Machen wir uns nichts vor: Der August ist auch in Designkreisen ein eher ereignisloser Monat: Die Kuratoren sind im Urlaub, die Kritiker sind im Urlaub, die Designer sind im Urlaub – im Grunde sind alle Protagonisten im Urlaub. Wer würde denn ausgerechnet jetzt eine Ausstellung eröffnen wollen?

Tja, die folgenden fünf Museen sind so verrückt…

“Dream out Loud” im Stedelijk Museum, Amsterdam, Niederlande

Museumsausstellungen beginnen in der Regel mit einer Fragestellung beziehungsweise dem Bestimmen einer Position, bevor die Kuratoren anfangen Objekte auszuwählen, mit denen sie ihre Idee verdeutlichen und/oder die aufgeworfene Frage beantworten wollen. Nicht so “Dream out Loud” im Amsterdamer Stedelijk Museum. Hier begann man mit der Suche nach Projekten, nach Objekten. Und das nicht etwa, weil den Kuratoren keine interessanten Fragen eingefallen wären, sondern weil genau das die Frage war: Was ist derzeit los im niederländischen Design, wer bewegt sich in welche Richtung, welche Ideale werden vorangetrieben, welche Positionen vertreten?

Dem Museum zufolge sind rund 400 Designer einem Aufruf gefolgt und haben an die 750 Vorschläge eingereicht, von denen eine internationale Jury 26 auswählte – darunter Arbeiten unterschiedlichster Designer, etwa von Marjan van Aubel, Pieke Bergmans oder Dirk van der Kooij. Die Kuratoren versprechen eine Ausstellung, welche die Visionen der ausgewählten Designer, wie man eine bessere, nachhaltigere und fairere Welt schaffen kann, verdeutlicht. Sie versprechen außerdem einen guten Überblick über die aktuellen Entwicklungen in der niederländischen Kreativszene.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass das Auswahlverfahren durch eine Jury zu einer sehr subjektiven Meinung zu dem, was gerade relevant, gut und zeitgenössisch im zeitgenössischen niederländischen Design ist, führt. Mit anderen Worten: Die Ausstellung zeigt Objekte, mit denen die Kuratoren sich erhoffen, ihre eigene Position beziehungsweise ihre eigene Annäherung an die von ihnen gestellte Frage zu beantworten.

“Dream out Loud” wird am Freitag, den 26. August 2016, im Stedelijk Museum, Museumplein 10, 1071 DJ, Amsterdam, eröffnet und dort bis 01. Januar 2017 zu sehen sein.

Phenomeneon by Pieke Bergmans, part of Dream out Loud opens at the Stedelijk Museum Amsterdam (Photo Mirjam Bleeker, courtesy Stedelijk Museum Amsterdam)

Phenomeneon von Pieke Bergmans, Teil von  Dream out Loud im Stedelijk Museum Amsterdam (Foto Mirjam Bleeker, mit freundlicher Genehmigung des Stedelijk Museum Amsterdam)

 

“TBI: The Youth, the City and the Heritage” im Museum of Architecture and Design, MAO, Ljubljana, Slowenien

“Die Welt gehört in Kinderhände” – so sieht es bekanntlich schon Herbert Grönemeyer. Doch wie würde das wohl in der Praxis von Architektur und Stadtplanung aussehen? “The Youth, the City and the Heritage” konzentriert sich auf die Ergebnisse eines Projekts, das in Idrija, einer Stadt im westlichen Slowenien, durchgeführt wurde. So verspricht die Ausstellung einen Einblick darüber zu geben, wie die lokale Jugend in den sogenannten bottom-up urbanism involviert werden kann und wo bei so einer Herangehensweise Konflikte auftreten könnten. Ein zentraler Bestandteil der Ausstellung sind auch Gespräche und Vorlesungen, in denen die Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Projekts diskutiert werden sollen, sodass sich auch weitere Gemeinden über die Ideen informieren und austauschen können.

“TBI: The Youth, the City and the Heritage” wird am Mittwoch, den 10. August 2016 im Museum of Architecture and Design, MAO, Grad Fužine, Pot na Fužine 2, 1000 Ljubljana eröffnet und läuft bis Sonntag, den 25. September 2016.

TBI: The Youth, the City and the Heritage at the Museum of Architecture and Design, MAO, Ljubljana

TBI: The Youth, the City and the Heritage im Museum of Architecture and Design, MAO, Ljubljana

 

“Occupied” im RMIT Design Hub, Melbourne, Australien

Die wachsende Weltbevölkerung braucht zunehmend mehr Platz. Gut, das ist uns allen klar. Fakt ist aber, dass der Platz, den wir haben beschränkt ist und dass wir momentan auch noch nicht in der Lage sind, auf andere Planeten umzusiedeln. Fest steht also, dass wir immer dringender nachhaltige Ideen für sicheres, verlässliches und solides Wohnen für die Menschheit der Zukunft brauchen. Die Ausstellung “Occupied” im Royal Melbourne Institute of Technology Design Hub zeigt deutlich, dass die allumfassende, prestigeorientierte Stadtplanungsmanier vergangener Jahrhunderte nicht mehr kompatibel mit unseren heutigen Städten ist. Die Ausstellung präsentiert stattdessen Vorschläge internationaler Architekturbüros, die sich mehr und mehr darauf konzentrieren sich an die Städte von heute anzupassen und Bestehendes umzuwandeln und wiederzuverwenden. Kleine Eingriffe in urbane Räume, die, wenn man so will, über den Tellerrand existierender Städte hinausgucken und so stets bemüht sind, neue Lösungen und Antworten zu finden. Eingriffe, die hoffentlich überall umgesetzt werden können.

“Occupied” wurde am Freitag, den 29. Juli 2016 im RMIT Design Hub, Building 100, Corner Victoria and Swanston Streets, Carlton, 3053 Melbourne eröffnet und wird bis Sonntag, den 24. September 2016 laufen.

Occupied" at the RMIT Design Hub, Melbourne, Australia

Occupied im RMIT Design Hub, Melbourne, Australien

 

“Die Inaya-Möbel von Rudolph M. Schindler” im Museum für Angewandte Kunst in Wien, Österreich

Selbst uns fällt es nicht leicht, so etwas als Ausstellung zu verkaufen… Vier Möbelstücke: ein Esstisch, ein Stuhl und zwei Kommoden.

Der 1887 in Wien geborene Rudolph M. Schindler studierte unter Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bevor er 1914 nach Chicago ging, um mit Frank Lloyd Wright zusammenzuarbeiten. Er fungierte als ein Bindeelement zwischen frühem europäischen und amerikanischen Modernismus. Darüber hinaus war Rudolph Schindler ein wichtiger, wenn auch oft übersehener, Bestandteil der Blüte, die die modernistische Bewegung kurze Zeit später haben sollte: Bauwerke wie das Schindlerhaus von 1922, der El Pueblo Ribera Court von 1923 oder das Lovell Beach House von 1926 – alle drei in Kalifornien – mögen nicht weltweit bekannt sein, setzten seinerzeit aber neue Maßstäbe in den Bereichen Material, Konstruktionsprinzipien und Geometrie.

Auch bei seinen Möbeldesigns geht Rudolph M. Schindler seinen ganz eigenen Weg. Diese sind zwar einerseits völlig unzugänglich und entfremdet, wirken andererseits jedoch sehr vertraut, ja fast schon beruhigend – ein Umstand, der wohl darauf zurückzuführen ist, dass sie traditionelle, klassische Elemente beinhalten und als simple Formen daherkommen, die nicht versuchen mehr zu sein als sie sind.

Die sogenannten Inaya-Möbel sind eine Sammlung von Objekten, die Ende der 1940er Jahre von Rudolph M. Schindler für den in Los Angeles lebenden Beata Inaya entworfen wurden und von denen heute neun Stücke zur permanenten Ausstellung des MAK in Wien gehören: Ein Esstisch, ein Schminktisch, vier Stühle und drei Kommoden. Diese weisen einige Besonderheiten auf, was Form und Konstruktion angeht; das eigentliche Highlight ist jedoch die Manier, in der Schindler die Oberfläche mit einer Stahlbürste bearbeitet hat, um so die Maserung zu betonen. Gut, vier Möbelstücke machen wohl noch keine Ausstellung, aber sie geben einen faszinierenden Einblick in die Arbeit Rudolph M. Schindlers, seine Einstellung zu Form, Funktion und Ästhetik. Und die Ausstellung belegt wieder einmal: Ein Möbelstück ist am Ende des Tages genauso nur ein Möbelstück wie ein Gedicht ein Gedicht, ein Gemälde ein Gemälde und eine Oper eine Oper ist.

“Die Iyana-Möbel von Rudolph M. Schindler” ist seit Mittwoch, den 03. August 2016 im Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien zu sehen und läuft dort noch bis Sonntag, den 28. August 2016.

Rudolph M. Schindler, Chair for Beata Inaya's apartment in Los Angeles (Photo Georg Mayer, courtesy MAK Wien)

Rudolph M. Schindler, Stuhl für  Beata Inayas Apartment in Los Angeles (Foto Georg Mayer, mit freundlicher Genehmigung des MAK Wien)

 

“Textilkunst an der Burg Giebichenstein in den 1920er Jahren” im Kunstverein Talstrasse, Halle (Saale)

Ein zentraler Grundsatz modernistischer Schulen der 1920er Jahre wie etwa Bauhaus oder die Burg Giebichenstein in Halle war die Verbindung von Kunst und Handwerk. So überrascht es nicht, dass Textil- und Teppichdesign in Mitteldeutschland auf eine langjährige Tradition zurückblicken. Die Ausstellung ist Bestandteil von “Große Pläne!”, einer in der ganzen Region stattfindenden Ausstellungsreihe zum Oberthema “Angewandte Moderne in Sachsen-Anhalt 1919-1933”. “Textilkunst an der Burg Giebichenstein in den 1920er Jahren” verspricht nicht nur das zu behandeln, was im Titel steckt, sondern beinhaltet auch die Erweiterung zu Bauhaus, dem Quasi-Nachbarn der Burg. Diese Erweiterung erscheint nur logisch: Nicht nur gab es einen steten Informations- und Ideenaustausch zwischen den beiden Institutionen, sondern auch personellen Austausch. So lernte etwa Benita Koch-Otte in der Webwerkstatt im Weimarer Bauhaus, bevor sie 1925 an die Burg Giebichenstein wechselte um dort die Weberei zu übernehmen.

Neben dem Fokus auf regionale Textilkunst der 1920er Jahre zeigt die Ausstellung im Kunstverein Talstrasse außerdem zeitgenössisches Teppichdesign des französischen Künstlers Jean Lurçat und beleuchtet damit auch den Einfluss, den Lurçats Werk auf Designer des nachkriegszeitlichen Mitteldeutschlands hatte und potenziell noch heute hat. Hierdurch wird versucht, die Geschichte des Textildesigns in der Region von 1920 bis heute nachzuerzählen.

“Textilkunst an der Burg Giebichenstein in den 1920er Jahren” wird am Donnerstag, den 08. August 2016 im Kunstverein Talstrasse, Talstraße 23, 06120 Halle (Saale) eröffnet und wird bis Sonntag, dem 20. November 2016 laufen.

Liegende Wolle, 1924, by Johanna Schütz-Wolff, part of Textilkunst an der Burg Giebichenstein in den 1920er Jahren (Image Nachlass Schütz-Wolff Courtesy Stiftung Bauhaus Dessau)

Liegende Wolle, 1924, von Johanna Schütz-Wolff,  Teil von Textilkunst an der Burg Giebichenstein in den 1920er Jahren (Bildnachlass Schütz-Wolff mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Bauhaus Dessau)

Kunstgewerbemuseum Dresden zeigt Friends + Design

Tulga Beyerle, die Direktorin des Kunstgewerbemuseums Dresden, gab uns mal einen guten Rat (in welchem Zusammenhang haben wir ganz vergessen): “Arbeite nur mit Leuten, die du magst.”

So sehr wir auch versucht haben ihrem Rat zu folgen, es ist uns nicht geglückt – das Schicksal durchkreuzt immer wieder unsere Pläne. Bei ihr ist das offenbar ganz anders:  Tulga Beyerle ist noch einen Schritt weitergegangen und hat aus ihrem Grundsatz die Ausstellung “Friends + Design” gemacht.

Friends + Design at the Kunstgewerbemuseum Dresden (Photo Marco Cappelletti © DSL Studio, Courtesy Kunstgewerbemuseum Dresden)

Friends + Design im Kunstgewerbemuseum Dresden (Foto Marco Cappelletti © DSL Studio, mit freundlicher Genehmigung des Kunstgewerbemuseums Dresden)

Die von Tulga Beyerle und Maria Christina Didero kuratierte Ausstellung “Friends + Design” begann und vertiefte das Thema mit einer Diskussion unter Freunden: “Tulga und ich haben einen ähnlichen Hintergrund, wir teilen eine gemeinsame Vorstellung vom Leben, haben ähnliche Berufe, einen ähnlichen Arbeitsansatz, und sind wirklich sehr gut befreundet”, erklärt Maria Christina Didero, “wir haben immer wieder darüber gesprochen zusammenzuarbeiten. Eines Tages begannen wir über das Thema Freundschaft zu sprechen und waren uns sicher, dass wir die richtigen Leute, das heißt echte Freunde, für die Ausstellung haben – dass es funktionieren könnte.”

Zu diesem Zweck wurden sieben internationale Designer gefragt, ob sie Interesse hätten etwas zu einer Ausstellung beizutragen – nicht individuell, sondern gemeinsam mit einem Freund. Die “richtigen Leute” sind: Tomás Alonso mit Mathias Hahn, Bethan Laura Wood mit Philippe Malouin und Richard Hutten mit Michael Young und Jerszy Seymour. Das Resultat sind drei Projekte, die nicht nur drei verschiedene Designtypen repräsentieren – Produkt-, Konzept- und Interieur Design -, sondern auch für drei unterschiedliche Aspekte stehen, auf denen Freundschaft basiert, die die Qualität einer Freundschaft ausmachen: Vertrauen, gemeinsame Zeit und Erfahrungen, außerdem Verständnis für und echtes Interesse am anderen.

The Youhutseymatic Table by Richard Hutten, Michael Young & Jerszy Seymour, as seen at Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden. Here the table top by Richard Hutten

Der Youhutseymatic Table von Richard Hutten, Michael Young & Jerszy Seymour, gesehen bei Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden. Hier die Tischplatte von Richard Hutten

Youhutseymatic Table von Richard Hutten, Michael Young und Jerszy Seymour

Das auf den ersten Blick zugänglichste der drei Projekte ist ohne Frage der Tisch mit dem unzugänglichen Namen Youhutseymatic von Richard Hutten, Michael Young und Jerszy Seymour. Entstanden nach einer kurzen Beratung zum gemeinsamen Projekt, wurde der Youhutseymaticals Esstisch aus drei Elementen konzipiert, jedes wiederum designt von einem Designer des Dreigespanns. Das Resultat ist ein Objekt, das nicht nur das nötige Vertrauen zwischen den Partnern für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sowie die unterschiedlichen Vorstellungen von Design und Ästhetik reflektiert. Das Objekt spiegelt auch wider, was Jerszy die “anarchische” Natur ihrer Freundschaft nennt bzw. wie Richard Hutten erklärt, die Tatsache, dass die drei “nicht Freunde sind, weil wir uns gleichen, sondern weil wir verschieden sind.” “Diese Diversität der Individuen wird auch im Tisch sichtbar.” Wenn man so will also eine Freundschaft, die von einem Objekt eingefangen und verkörpert wird, das, wie die Freundschaft selbst, ein einzigartiges, einmaliges Einzelstück ist.

Eine Antwort auf die Frage, was es für die Freundschaft hieße den Tisch zu verkaufen, überlassen wir anderen.

Den Designern zufolge entstand der Tisch zu einem Großteil in einer Bar in Dresden – die drei Designer leben in drei verschiedenen Ländern und können sich deshalb nicht so problemlos treffen, wie die anderen Paare. Deshalb hat jeder Designer seinen Teil im Geheimen entwickelt, ohne sich auf die anderen zu beziehen oder mit ihnen in Kontakt zu treten. Könnten Sie sich denn vorstellen, den einen oder anderen um Rat bei einem Projekt zu fragen? “Nein”, antworten da Jerszy und Richard simultan, bevor Jerszy ergänzend hinzufügt: “Das liegt größtenteils daran, dass sich unsere Arbeitsprozesse sehr unterscheiden, und deshalb kommt es dazu einfach nicht.” Richard entgegnet, dass er zwar nicht Jerszy anrufen würde, um ihn um seinen Rat zu bitten, er allerdings ein Team habe, das er ganz bewusst nach seiner Meinung frage. Am Ende sei er allerdings der Kopf des Ganzen und treffe die Entscheidungen.

Oder anders gesagt: Der Designprozess mag ein Solotrip sein, das heißt allerdings nicht, dass einen andere nicht begleiten können und sollten.

Diese Metapher wurde von Tomás und Mathias Hahn auf eine andere Ebene gehoben.

The Youhutseymatic Table by Richard Hutten, Michael Young & Jerszy Seymour, as seen at Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden. Here front leg by Jerszy Seymour, rear leg by Michael Young

Der Youhutseymatic Table von Richard Hutten, Michael Young & Jerszy Seymour, gesehen bei Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden. Hier: Vorderbein von Jerszy Seymour, Hinterbein von Michael Young

The Trip von Tomás Alonso und Mathias Hahn

Verbringt man sein Berufsleben damit Produkte zu designen, kann es passieren, dass einen Produkte im Privatleben eher ermüden. Als also die in London ansässigen Designer Tomás Alonso und Mathias Hahn gebeten wurden jeweils ein Geschenk für den anderen zu kreieren, entschieden sie sich – mit Tomás Worten – dafür “nichts zu machen”, und sich stattdessen gegenseitig Zeit zu schenken. Genauer gesagt entschieden sie sich dafür Zeit und Erfahrungen auf einer gemeinsamen Autofahrt von London nach Dresden miteinander zu teilen. Da die beiden in England ansässig sind, bedeutet das natürlich eine Autofahrt in einem Mini Cooper. Und da es sich bei den beiden um Produktdesigner handelt, gehörten dazu natürlich Besuche von Fabriken und Werkstätten auf dem Weg – große, kleine, high-tech Unternehmen, traditionelle, analoge Betriebe. Diese Eindrücke kamen also zu Tomás’ und Mathias’ individuellen Eindrücken und Erinnerungen hinzu. Aus dieser gemeinsamen Erfahrung ist ein Video entstanden, das in der Ausstellung zu sehen ist, ergänzt durch eine Sammlung von Gegenständen, die die beiden von ihren Besuchen mitgebracht haben. Zumindest wird man das zu sehen bekommen – als wir die Ausstellung besucht haben, waren die beiden noch am Aufbauen – wie bei allen guten Roadtrips brauchen Tomás und Mathias länger als geplant.

Von den drei Projekten macht The Trip vielleicht einen der interessantesten Aspekte von “Friends + Design” am deutlichsten: nämlich, dass die beteiligten Designer alle grundsätzlich alleine arbeiten, und wie Phillip Malouin feststellt, nicht nur das: “Wenn man sein eigenes Designstudio hat, gewöhnt man sich daran für sich selbst zu designen.” Die Einladung von Tulga und Maria ist so für die Designer genauso eine gute Übung, um von diesem Einzelkämpfertum Abstand zu nehmen, wie eine Aufgabe als solche.

Das bedeutet allerdings auch mit jemandem kooperieren und einen gemeinsamen Ansatz finden zu müssen, der kein abstrakter Kunde oder Anbieter, sondern ein Freund ist. Da haben wir uns gefragt, ob es nicht seitens der Kuratoren auch Bedenken gab, dass die ganze Sache vollkommen schief gehen könnte, dass die Designer die Aufgabe leichtfertig annehmen würden, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein, und dass die Sache die Freundschaft am Ende mehr auf die Probe stellen könnte, als es gesund sei?

“Nein, da haben wir uns nie Sorgen gemacht”, antwortet Maria ohne zu zögern und erklärt, “weil wir wussten, dass die beteiligten Designer echte Freunde sind. Es geht in mehrfacher Hinsicht bei diesem Projekt darum Freunde herauszufordern, die normalerweise getrennt voneinander arbeiten Zeit miteinander zu verbringen und gemeinsam zu arbeiten. Das heißt also, ja man könnte sagen die Aufgabe ist etwas aufdringlich aber echte Freunde sind robust, mit echten Freunden kann man schließlich die höchsten Gipfel erklimmen.”

Mag sein, aber überleben echte Freund auch ein fünftägige Autofahrt in einem Mini Cooper?

“Das Auto war so laut, dass wir uns gar nicht richtig unterhalten konnten, die meiste Zeit haben wir uns also um uns selbst gekümmert”, lacht Thomás Alonso und liefert so einen guten Tipp für alle, die einen gemeinsamen Roadtrip planen.

 

The Mini Cooper from Tomás Alonso & Mathias Hahn in front of the Kunstgewerbemuseum Dresden

Der Mini Cooper von Tomás Alonso & Mathias Hahn vor dem Kunstgewerbemuseum Dresden

Freaky Friday von Bethan Laura Wood und Philippe Malouin

Während Designer im physischen, geografischen Sinne auf Reisen gehen – nicht zuletzt im Kontext der alljährlichen, angeborenen Wanderung zu den Wasserlöchern Mailands – geht das Design eher in Sachen Stil, Philosophie und hinsichtlich der Materialien auf Reisen. Wo sich zwei Reisende treffen ist eine Interaktion, sind Austausch und Fusion möglich. Dort, wo sich die Wege von Betahn Laura Wood und Phillippe Malouin kreuzen, ist indes wohl  eher mit Teilung als mit Fusion zu rechnen, vor allem wenn man Phillippe über den Charakter dieser Paarung reden hört: “Ich denke ich bin minimal und Bethan ist maximal.”

Von Tulga und Maria gebeten ein Objekt für den Anderen zu entwickeln, entschieden sich die dekadent extravagante Bethan und der dekadent reservierte Phillipe beide das gleiche Objekt zu entwickeln, Bedingung war zudem, dass das Objekt nicht nur etwas über den Autor aussagen, sondern sich auch auf den Empfänger beziehen würde.

Die letztliche Entscheidung für ein Bett und Bettwäsche hatte viel mit Gedanken zum Privaten, mit Gedanken über Intimität und Abgeschiedenheit zu tun, die man mit Betten und Schlafzimmern in Verbindung bringt. Schließlich ist das Bett der eine Ort, an dem man man selbst sein kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Jedes Bett wird in der Ausstellung durch Objekte ergänzt, die Philippe und Bethan aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums ausgewählt haben. Diese Objekte werden also im Kontext einer “realistischen” Szene präsentiert – in einem persönlichen, privaten Raum. Dabei geht es weniger darum die Eindrücke zu reflektieren, die Philippe und Bethan von sich selbst haben, vielmehr karikieren und betonen die beiden mit viel Witz Elemente, die ihnen an der Arbeit des anderen auffallen und die sie schätzen.

Das ist natürlich nur möglich, wenn man die Arbeit des anderen kennt und schätzt. Und natürlich kommt es dabei zu einer Verbindung und nicht zur befürchteten Trennung.

In Anbetracht der sehr unterschiedlichen, entgegengesetzten Stile, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Philippe und Bethan jemals direkte Konkurrenten werden; genauso haben Jerszy Seymour, Michael Young und Richard Hutten alle ihren eigenen Ansatz, ihren eigenen Stil und so auch ihren eigenen Markt. Die Situation ist allerdings bei Tomás Alonso und Mathias Hahn etwas komplizierter, vor allem auch in Anbetracht ihres ausgedehnten Freundeskreises. Tomás und Mathias haben gemeinsam am Royal College of Art London studiert und nach ihrem Abschluss 2006 einen gemeinsamen Atelierkomplex mit 6 weiteren Kommilitonen vom Royal College bezogen. In der Zwischenzeit kamen neue hinzu, und so beherbergt der Komplex inzwischen 12 befreundete Designstudios, die mehr oder weniger in ähnlichen Bereichen und manchmal mit den gleichen Klienten zusammen arbeiten. Kommt da nicht ein gewisses Gefühl der Konkurrenz zwischen Freunden auf?

“Nein, nicht wirklich”, antwortet Tomás, “ich kann mich an ein paar, sagen wir mal unangenehme Situationen erinnern, aber nichts Ernstes. Und ich denke, wenn das wirklich ein Problem wäre, würden wir uns nach 10 Jahren nicht immer noch einen gemeinsamen Raum teilen”

Die Situation erfordert also gegenseitigen Respekt. Und der ist nicht nur ein wichtiges Element jeder Freundschaft, sondern auch etwas, das in den drei Projekten, die “Friends + Design” präsentiert sehr präsent ist.

A bed by Bethan Laura Wood for Philippe Malouin, as seen at Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden

Bett und Bettwäsche von Bethan Laura Wood für Philippe Malouin, gesehen bei Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden

Vive la différence!

Das Freunde erfolgreich gemeinsam etwas designen können, ist keine allzu große Überraschung – das zeitgenössische Design und auch die Designgeschichte sind voller, exzellenter Beispiele dafür. Allerdings entscheiden sich die Designer für solche Kooperationen ganz bewusst – sie fühlen sich wohl damit. “Friends + Design” versucht im Gegensatz dazu herauszubekommen, was passiert, wenn man Leute dazu bringt zusammenzuarbeiten, die es nicht gewohnt sind mit anderen zusammenzuarbeiten und die zudem auch noch befreundet sind.

Folglich geht es bei der Ausstellung “Friends + Design” nicht in erster Linie um die Resultate – so interessant die auch sein mögen. Vielmehr geht es darum, was uns diese Resultate über die Ansätze der sieben Protagonisten, über ihr Designverständnis erzählen und um eine Erforschung der Freundschaft – die Art und Weise, wie und warum Freundschaften funktionieren. All das lehrt uns in erster Linie: vive la difference!

Zudem macht “Friends + Design” auch sehr deutlich, was ein Designmuseum sein kann und wie ein Designmuseum zeitgenössisches Design relevant und zugänglich machen kann. Unterstützt wurde diese Tatsache noch durch die Entscheidung die Aufmachung der Ausstellung an der TV Serie “Friends” auszurichten; eine Entscheidung, die der Sache zusätzlich eine angenehm respektlose, fast schon unpassende etwas unmoralische Leichtigkeit verleiht, und die dafür sorgt, dass man sich der Ausstellung weniger über das “Design”, als vielmehr über die “Freunde” nähert.

Als Ausstellung mit sehr viel mehr Tiefe als Umfang lohnt es sich nicht gerade extra für “Friends + Design” nach Dresden zu fahren, aber in Kombination mit dem, was das Kunstgewerbemuseum ansonsten noch zu bieten hat, ist die Ausstellung auf jeden Fall ein weiteres überzeugendes Argument in diesem Sommer eine Tour entlang der Elbe zu unternehmen – und natürlich auch über die Elbe mit der Schlossfähre.

Eine mögliche Erklärung, aus welchem Grund “Friends + Design” so gut funktioniert, ist, dass die Ausstellung nicht nur auf der Freundschaft der beiden Kuratorinnen basiert, sondern auch auf der Freundschaft zwischen den beteiligten Designern und den Kuratorinnen, die häufig Jahre zurückgeht und zahlreiche Zusammenarbeiten miteinschließt. Jerszy Seymour meint, dass die Designer den Kuratorinnen einfach vertrauen könnten, dass sie das Projekt erfolgreich managen und organisieren würden. Als solche baut die Ausstellung also auf Vertrauen, geneseitigem Verständnis, geteilten Erfahrungen und auf der Zusammenarbeit von Menschen, die sich mögen, auf.

“Friends + Design” läuft im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden bis zum 1.November.

Alle Details, darunter auch Information zur parallel laufenden Ausstellung “Der eigene Antrieb. Oder wie uns das Rad bewegt” sind unter www.skd.museum zu finden.

 

A bed by Philippe Malouin for Bethan Laura Wood, as seen at Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden

Bett und Bettwäsche von Philippe Malouin für Bethan Laura Wood, gesehen bei Friends + Design, Kunstgewerbemuseum Dresden

Friends + Design at the Kunstgewerbemuseum Dresden

Friends + Design im Kunstgewerbemuseum Dresden

Schlossfähre and Schloss Schlossfähre and Schloss

Schlossfähre und Schloss

Kunsthochschule Kassel – Rundgang 2016

Aus Gründen offenbar übernatürlicher Art, kommen alle Langstreckenzüge in Deutschland durch den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Die Deutsche Bahn hat darauf keinerlei Einfluss, vielmehr handelt es sich um ein natürliches Phänomen, oder, wie es der amerikanische Architekt Louis H. Sullivan wohl formuliert hätte “This is the law!”.

Wir sind also schon häufig durch Kassel gefahren, ohne aber jemals die Stadt besucht zu haben. Ein Missstand, den wir dieses Jahr behoben haben – und zwar mit einem Besuch der Rundgangsausstellung der Kasseler Kunsthochschule.

Kunsthochschule Kassel - Nordbau by Paul Friedrich Posenenske (1962)

Kunsthochschule Kassel – Nordbau von Paul Friedrich Posenenske (1962)

Kunsthochschule Kassel – Rundgang 2016

Zwar geht die Geschichte der Institution Kunsthochschule Kassel bis auf das Jahr 1777 zurück, der Bereich Produktdesign steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. In dem ursprünglich im Jahr 1869 als Kunst- und Handwerksschule gegründeten Produktdesignbereich sollten angewandte Künstler ausgebildet werden Produkte zu entwickeln, die dem neuen Zeitalter und den neuen Formen der industriellen Massenproduktion gerecht würden. Erst im Jahr 1971 wurde ein Produktdesignbereich als solcher an der Kasseler Kunsthochschule etabliert.

Vielleicht aufgrund dieser Geschichte hat der Studiengang in Kassel heute einen stark ausgeprägten praktischen, handwerklichen Fokus und bietet eine vollendete Spezialisierung in den Bereichen Industrie-, Textil-, System- oder Möbeldesign an. Vor der Spezialisierung müssen allerdings alle Studenten das Grundstudium absolvieren. Beim Rundgang 2016 war z.B. das Grundseminar “Einmischen” dokumentiert. Bei dem Kurs des Aust & Amelung Designstudios – beide sind Absolventen der Kasseler Kunsthochschule – sollten die Studenten Prozesse, Räume und Objekte aus der Umgebung der Kunsthochschule untersuchen und sie als Ausgangspunkt für ein neues Projekt nutzen. Bei “Brandrunner” von Prof. Lutz Pankow und Ines Göbel wurden die Studenten in die Rolle des Art-Directors einer Marke und des Freelance Designers gleichermaßen versetzt: Sie sollten einerseits anderen Studenten einen Auftrag für die Produktentwicklung einer bestimmten Marke geben, und auf der anderen Seite ein Produkt entsprechend dem Auftrag ihrer Kommilitonen entwickeln. Außerdem gab es einen, für uns eher enttäuschenden, Readymade-Kurs unter Leitung des Raw Edges Design Studio. Unserer Erfahrung nach experimentieren früher oder später die meisten Designstudenten an irgendeinem Punkt ihres Studiums mit Readymades, insofern besteht unserer Meinung nach kein Grund die Studenten extra dazu anzuhalten.*

Neben dem Grundstudium präsentierte der Rundgang 2016 die Resultate zahlreicher Semesterprojekte und Klassen: darunter Yellow Pages, wo Studenten unter der Leitung von Raw Edges lokal praktizierte Handwerke lernten, bevor sie ihr Wissen in die Entwicklung eines Objektes übertrugen; Wohnaccessoires untersuchte, wie Objekte die physische, psychologische und soziale Atmosphäre von Räumen beeinflussen; und dua meets Kunsthochschule Kassel – der Name verrät es bereits – beinhaltete eine Kooperation zwischen Studenten und dem Kölner Label bzw. der Kölner Designagentur dua.

Wie immer, und wir werden es auch in dieser Woche nicht müde es zu wiederholen, geht es bei Studentenprojekten nicht um das Endresultat – es geht darum, wie Studenten auf eine Aufgabe reagieren, welchen Rahmen sie für eine Lösung finden, wie sie sich der Aufgabe nähern und was sie auf dem Weg lernen. Das letztendliche Produkt ist eher nebensächlich und kann noch so unsinnig ausfallen.

In ähnlicher Weise geht es beim Besuch von Rundgangsausstellungen nicht darum “neue”, “innovative” Projekte zu “entdecken”, sondern darum ein Gefühl dafür zu bekommen, worum es den Studenten geht, zu erfahren, was und wie sie gelernt haben, welche Werkzeuge, Materialien und Ansätze zum Einsatz kommen, und darum wie gut die Cafeteria ist.

Abgesehen davon gab es einige Projekte in der Ausstellung, die unsere Herzen ein wenig höher schlagen ließen…

Rautenhag von Helena Bolte

Entwickelt wurde Rautenhag im Kontext des Projektes Schnalser Säge, bei dem die Studenten mit der gleichnamigen Tiroler Firma, einer Firma, die mit traditionellen Methoden diverse Objekte aus Zirbenholz herstellt, zusammenarbeiteten. Rautenhag ist ganz einfach ein Stück Holz, das an einem Stück Leder befestigt ist, das man wiederum an der Wand befestigt. Unbenutzt hängt Rautenhag also einfach an der Wand – in Gebrauch ist das Stück ein überaus praktischer Haken. Ein Stück Leder an der unteren Seite des Holzstückes liefert zusätzliche Reibung, und schützt die Wand. Für uns funktioniert Rautenhag auf verschiedenen Ebenen: einerseits ist es eine schöne, einfache Lösung, die einen wirklich praktischen, alltäglichen Kleiderhaken nicht nur interessant macht, sondern auch den Nutzer mit einbezieht. Zudem hat das Objekt etwas wunderbar Temporäres. Es gibt zahlreiche Kleiderhaken auf dem Markt, die sich dank zahlreicher Methoden aus und wieder einklappen lassen; allerdings sind sie alle mit einem Wandstück verbunden und haben so einen festgelegten Umfang und etwas Permanentes. Rautenhag hängt einfach an der Wand, wenn es nicht benutzt wird – und das nicht auf besonders geschönte oder attraktive Art und Weise  – und behält so einen angenehm flüchtigen Charakter. Die Verbindung dieser temporären und simplen Eigenschaften mit einem Objekt aus Schweizer Zirbenholz ist zudem so dekadent und luxuriös wie lässig und unaufgeregt. Alles in allem also absolut reizend.

 

Rautenhag by Helena Bolte, as seen at the Kunsthochschule Kassel Rundgang 2016

Rautenhag von Helena Bolte, gesehen beim Rundgang der Kunsthochschule Kassel 2016

Garten von Monja Hirscher

Das erste Produkt von George Nelsen – im Grunde das einzige Produkt, das George Nelson jemals designte, und das zu seiner Verabredung mit Herman Miller führte – war die Storagewall. Im Grunde eine leere Wand, die man als Regal nutzen kann. Nelsons Logik war, dass wenn die leere Wand schon da sei, man sie auch nutzen könne. Wir mussten augenblicklich an Nelsons Storagewall denken, als wir Garten von Monja Hirscher sahen. Mit dem Rahmen, der Wasserschale und der Beleuchtung entwirft Monja das Objekt als Garten für das Wohnzimmer, den man an seine Wand hängen kann. Oder vielmehr ist das Objekt ein Garten, den man in seiner Wand platzieren kann, und zwar nicht nur im Wohnzimmer. Die Mauern mögen heute nicht so dick sein wie in den 1940er Jahren in Amerika, vor allem interne, nicht tragende Wände nicht, aber dort, wo die Wände ausreichend tief sind, bietet ein modulares System wie Garten die Möglichkeit Lücken zu kreieren, die für Pflanzen und als Ablage genutzt werden können, und die darüber hinaus Teil der Raumarchitektur und des Beleuchtungskonzeptes werden. Ja, das hört sich alles mehr nach einem Architekturbestandteil an, aber genau das war die Storagewall am Ende ja auch.

Garten by Monja Hirscher as seen at the Kunsthochschule Kassel Rundgang 2016

Garten von Monja Hirscher gesehene beim Rundgang der Kunsthochschule Kassel 2016

Stuhlprobe von Jan Emde

Holzspäne mit einem Bindematerial zu mischen und als Basis für die Möbelentwicklung zu nutzen, ist keine neue Idee; allerdings nutzen Designer diese Mischungen in fast allen Fällen dazu Möbel mit mehr oder weniger üblichen Formen zu kreieren. Alternativ könnte man auch sagen “Neues Material. Neue Form” – das wäre mit Sicherheit der bessere Weg, und ist der, den Jan Emde eingeschlagen hat. Wir würden nicht gerade sagen, dass uns gefällt, was Jan kreiert hat –  im Grunde ist genau das eher nicht der Fall. Für uns erinnern die Objekte etwas zu sehr an Antoni Gaudí und fast schon an die inakzeptablen Theorien Rudolf Steiners. Man sieht förmlich, wie die nackten Reformer des 19. Jahrhunderts ihren blumigen Weg zum Jugendstil entlang tanzten. Trotz allem sind die Formen neu und sie stellen zumindest den Versuch dar, ein neues Material zu nutzen, mit akzeptierten Standards zu brechen und neue Bereiche zu erforschen. Unkonventionelle Materialien und Prozesse ermöglichen unkonventionelle Formen, die wiederum erst neue Konventionen im Bereich Produkt und Möbeldesign möglich machen – eine Tatsache, die Jans Projekt auf wunderbare Art und Weise verkörpert.

Stuhlprobe by Jan Emde as seen at the Kunsthochschule Kassel Rundgang 2016

Stuhlprobe von Jan Emde gesehen bei Kunsthochschule Kassel Rundgang 2016

  • Ja wir geben offen zu, dass für uns eine der interessanteren, historischeren Designveranstaltungen die Ausstellung Kaufhaus des Ostens, KdO, in der damaligen Hochschule der Künste in Berlin war. Und ja, da ging es um Readymades. Im Kontext dieser Ausstellung schrieb Jasper Morrison einen unserer liebsten Designtexte “The Poet will not Polish” mit dem wunderbar bösartigem Statement: “Marcel Breuer sah ein Paar Fahrradgriffe und entschied sich Stühle mit dem gleichen industriellen Prozess herzustellen. Der Erbauer der neuen Welt sieht ein paar Fahrradgriffe und entscheidet sich, sie so zu belassen wie sie sind und sich die Mühe und Kosten zu sparen das Stahlrohr zu biegen” Aber das war 1984 – vor mehr als dreißig Jahren. Überlassen wir die Readymades also dem urbanen Müllveredelungshandwerk.

smow Blog Interview: Tom Newhouse – Ästhetik, Nachhaltigkeit, Ergonomie und Wirtschaft müssen im Gleichgewicht sein

Tom Newhouse wurde in Grand Rapids, Michigan, geboren, in einer Stadt, die seit etwa 150 Jahren als ein – wenn nicht sogar das – Zentrum der amerikanischen Möbelproduktion gilt. So ist es vielleicht nicht überraschend, dass er eine Karriere im Bereich Möbeldesign anstrebte. Nach seinem Abschluss an der School of Art and Design an der Universität Michigan in Ann Arbor nahm Tom Newhouse eine Stelle als Designer bei Herman Miller an. Newhouse sah dies als “wunderbaren Anfang”, bevor er 1978 sein eigenes Studio in Grand Rapids gründete. Seinen ersten Job als Freelancer bekam er allerdings von seinem früheren Arbeitgeber, der ihn beauftragte, Herman Millers Showrooms in Europa neu zu designen. Dieser Auftrag veranlasste ihn dazu, West Michigan zu verlassen und drei Jahre in Europa zu verbringen und bot ihm die Möglichkeit, einen direkten Einblick in den Büromöbelmarkt und die Kultur Europas zu bekommen.

Neben seinen zahlreichen Kooperationen mit Herman Miller entwickelte Tom Newhouse auch Möbel und Beleuchtungsprojekte für und mit Herstellern wie u.a. Worden, Philips und JRB Studios und besitzt zurzeit etwa 90 Patente.

Er war lange ein Verfechter des nachhaltigen Designs, entwickelte mit dem Limerick Chair 1996 Herman Millers ersten 99+% recycelbaren Stuhl – eigentlich 100%, wenn man von der geringen Menge Pulverbeschichtung absieht, die beim Einschmelzen des Stahls verbrennt – und hielt auf der ganzen Welt Vorträge zu dem Thema.

Wir trafen Tom Newhouse auf der NeoCon 2016 in Chicago, um über nachhaltiges Design, seine Zeit als Chauffeur von George Nelson und seine Rolle in der Entwicklung des berüchtigten Zellenbürosystems zu sprechen. Wie immer begannen wir aber mit der Frage: Warum Design?

Tom Newhouse: Ich habe schon als Kind immer Autos, Flugzeuge, Boote usw. gezeichnet. Mir wurde erzählt, dass ich schon als 2- oder 3-Jähriger perspektivisch zeichnete. Mein Lehrer in der 6. Klassenstufe hatte einen Bruder, der Industriedesigner war. Er erzählte meinen Eltern von diesem Beruf und ich war schon mit 11 Jahren begeistert davon. Ich liebe einfach den Kreativprozess, Ästhetisches, Nachhaltigkeit, Ergonomie und Bezahlbarkeit zu wirklich nützlichen Dingen zu kombinieren.

smow Blog: Über deinen ersten Job für Herman Miller sagst du, es sei ein “wunderbarer Anfang” gewesen. Wie kam es zu diesem Anfang, war es eine ausgeschriebene Stelle oder lief es über das College?

Tom Newhouse: Nein, ich sah eine Werbung für Eames Möbel und sagte mir: “Wer immer das herstellt, ich möchte dort arbeiten!” Es stellte sich heraus, dass das Unternehmen nur 20 Meilen von meinem Geburtsort entfernt lag. Zu jener Zeit gab es keine offene Stelle, aber Bob Blaich, der Leiter der Designabteilung, schuf eine für mich und ich hatte das Glück, mit Charles und Ray Eames und George Nelson zu arbeiten, als sie emeritiert waren, was eine wunderbare Erfahrung war.

smow Blog: Wenn wir richtig informiert sind, warst du auch George Nelsons Chauffeur?

Tom Newhouse: Ja, damals ging es ihm gesundheitlich nicht so gut, aber er spielte nicht nur seit langer Zeit eine sehr zentrale Rolle für Herman Miller, sondern war auch immer noch sehr wichtig für das Unternehmen. Daher kam er regelmäßig nach Zeeland, um die neuen Projekte anzuschauen und zu kritisieren.

smow Blog: War er ein scharfer Kritiker?

Tom Newhouse: Hart, aber fair, obwohl er wahrscheinlich nicht so hart war wie Charles Eames, dessen Kritik noch ein wenig schärfer war.

smow Blog: Wir vermuten, dass man als junger Designer nur lernen kann, wenn man Zeit mit jemandem wie Nelson verbringt.

Tom Newhouse: Absolut, unglaublich viel. Ich hatte unter anderem das Glück, ihn zu der Designkonferenz in Aspen zu begleiten und habe dort wahnsinnig viel mit ihm diskutiert. Er war sehr klug, ein scharfer Kritiker und sehr großherzig. Man darf nicht vergessen, dass George Nelson für Herman Miller designen sollte, aber D. J. DePree (Unternehmensgründer und CEO) von diesen brillanten Designern Charles und Ray Eames erzählte, die sich in Los Angeles befänden. Er müsse sie unbedingt kennenlernen, weil sie wirklich gute Arbeit leisteten. D. J. war einverstanden, sagte aber auch zu Nelson, dass er so Arbeit abgeben würde, worauf dieser antwortete, dass das stimme, aber dass die beiden etwas können, was er nicht könne!

smow Blog: Hast du neben deiner Tätigkeit, George Nelson durch Michigan zu chauffieren, auch selbst designt oder welche Rolle hattest du im Unternehmen?

Tom Newhouse: Herman Miller arbeitete in der Regel schon immer mit externen Designern. George Nelson lebte zum Beispiel in New York, Charles und Ray Eames in L.A. und Bill Stumpf in Minnesota. Sie hatten aber auch interne Designer, die vor Ort arbeiteten, und das war mein Job. Ich arbeitete also drei Jahre im Einrichtungs- und Ausstellungsteam und drei Jahre im Team Action Office, das in-house für Bob Propst tätig war, der sich in Ann Arbor befand.

smow Blog: Das heißt, du trägst eine Mitschuld an den Großraumbüros…

Tom Newhouse: …ja, ich bin mitschuldig! Wir begannen mit Bob Propsts wunderbarem 64-Teile-System, das wir dann zu tausenden Teilen weiterentwickelten und aus dem das berühmte “Dilbert”-System wurde. Propst wollte all diese Teile nie, er wollte eine begrenzte Anzahl und vor allem wollte er nie eine starre Box. Jede Verbindung in seinem System war klappbar und er konnte beliebige, klappbare Formen gestalten, um spezielle Anforderungen zu erfüllen.

smow Blog: Warum waren es dann am Ende starre, quadratische Kabinen und Dilbert?

Tom Newhouse: Meiner Ansicht nach machten Gebäudemanager, die immer mehr Menschen in Boxen pferchten, alles quadratisch. Die Anforderungen der wirtschaftlichen Raumnutzung. Gebäudemanager erkannten, dass sie mithilfe von quadratischen Kabinen mehr Menschen in einem Raum unterbringen konnten, die Kabinen mit der Zeit verkleinern und dann noch mehr Menschen hineinpferchen konnten. Wir haben neue Komponenten entwickelt, weil die Menschen danach gefragt haben. Das Endergebnis war aber weit weg von Propsts ursprünglicher Absicht, flexible Arbeitsplätze zu entwickeln.

smow Blog: Arbeitete Nelson damals auch im Action Office, oder war er in das Projekt nicht involviert?

Tom Newhouse: George Nelson gestaltete das Action Office 1, denn Propst war Erfinder, kein Industriedesigner und hat kein richtiges ästhetisches Geschick. Also übernahm das Nelson Office die ganze Gestaltung, die ihnen meiner Ansicht nach nicht besonders gut gelang. Für mich war das Action Office 1 kein besonders gutes Produkt. Es war hübsch, aber furchtbar teuer und strukturschwach und so gab es keine gute Beziehung zwischen Nelson und Propst. Daraufhin erfolgte die Zusammenarbeit für das Action Office 2 viel mehr zwischen Propst und Jack Kelly, der viele Jahre lang für Propst gearbeitet hatte, bevor er der Leiter des Designabteilung bei Herman Miller wurde. Das Action Office 2 war viel eher ein Herman Miller Projekt.

smow Blog: Nachdem du Herman Miller verlassen hattest, hast du dein eigenes Studio in Grand Rapids gegründet, der berühmten “Furniture City USA”. Ist das heutige Grand Rapids ein guter Standort für Designer?

Tom Newhouse: Es ist ein großartiger Ort, besonders wenn man nicht so viel reisen möchte, denn in der Nähe gibt es viele potenzielle Kunden. Etwa die Hälfte der Büromöbelindustrie Amerikas ist innerhalb eines Radius von 20 Meilen ansässig, der Rest ist im ganzen Land verstreut. Für mich ist allerdings wichtiger, dass die Gegend in Sachen Material und Verarbeitung gut aufgestellt ist, egal ob man Kunststoffspritzguss, gestanzten Stahl, Druckguss oder was auch immer möchte. Es ist alles auf sehr hohem Niveau vorhanden. Folglich befindet sich hochmoderne, auf die kommerzielle Möbelproduktion anwendbare Expertise direkt vor deiner Haustür und das ist nicht überall in Amerika der Fall. Wahrscheinlich ist nicht alles positiv, es besteht das Risiko des Inzests, wenn jeder mit jedem innerhalb eines Radius von 20 Meilen spricht und zusammenarbeitet. Andererseits ist es fantastisch, weil man wunderbare Möglichkeiten hat, viel entwickeln kann und vor Ort auch viele Experten aus dem Bereich Ingenieurwesen hat.

smow Blog: Das ist natürlich nicht unwichtig, wenn es um Büromöbel geht…

Tom Newhouse: Auf jeden Fall. Ich bevorzuge immer den Ansatz, mit einem sehr guten Partner aus dem Ingenieursbereich zu arbeiten. Ich bin Industriedesigner, ich definiere die Ästhetik, aber ich profitiere von jemandem mit einem besseren Technik- und Materialverständnis und wenn der Kunde schon ausgewählt ist, kann man viel gewinnen…

smow Blog: Ein anderer bevorzugter Ansatz von dir bei der Arbeit ist Nachhaltigkeit…

Tom Newhouse: …ja, ich war schon sehr früh ein grüner Freak, der Wert auf  Nachhaltigkeit legte. Folglich liegt nachhaltiges, ökologisches Design immer im Fokus dessen, was ich tue und mein Ansatz bei meiner Arbeit war es immer, dass Ästhetik, Nachhaltigkeit, Ergonomie und Wirtschaft im Gleichgewicht sein müssen, ansonsten ist das Design nicht fertig.

smow Blog: Hat sich das während deines Studiums entwickelt?

Tom Newhouse: In Michigan hatte ich einen Professor namens Aare Lahti, ein Amerikaner finnischer Abstammung, der großes Interesse an dem Zusammenhang von Materialien, Prozessen und der Erde hatte. So lernte ich schon früh etwas über einen effizienten Gebrauch von Materialien. In den späten 1960er Jahren quollen die Campusse über vor radikalem Gedankengut, die grüne Bewegung wurde ins Leben gerufen und ich war dabei, traf dort meine spätere Ehefrau und alles ergab für mich Sinn. Ich baute unser Haus und Studio zum Beispiel 1978, es hat einen geringen Energieverbrauch und hatte schon immer ein grünes Dach.

smow Blog: Sieht du “Nachhaltigkeit” in der gegenwärtigen amerikanischen Möbelindustrie?

Tom Newhouse: In dem Bereich, der hier auf der NeoCon präsentiert wird, ist es normal geworden, bei gegenwärtigen Büromöbeln ist Nachhaltigkeit eine absolute Voraussetzung. Im Wesentlichen hat viel von der Denkweise hinter der LEED Zertifizierung, grünen Gebäuden, nachhaltiger Planung usw. auf die Denkweise, was sich in den Gebäuden befindet, abgefärbt. Somit ist den Käufern von Büromöbeln Nachhaltigkeit sehr viel bewusster und wird auch mehr gefordert.

smow Blog: Und wie ist es mit der Ausstattung von Wohnraum?

Tom Newhouse: Bei der Ausstattung von Wohnraum ist es anders, da ist man noch etwas hinterher. Viele Amerikaner kaufen sehr temporär, sie kaufen etwas für ihren Wohnraum und entsorgen es nicht nur, wenn es kaputt geht, sondern erwarten, dass es kaputt geht.  Design wird kaum geschätzt, für viele Amerikaner ist es einfach nicht besonders interessant. Folglich habe ich selten etwas für den häuslichen Gebrauch designt. Büromöbel sind ganz anders, befinden sich auf einem höheren Level und erfordern ein höheres Maß an Qualität und Nachhaltigkeit.

smow Blog: Wir vermuten, für dich hat sich viel verändert?

Tom Newhouse: Auf jeden Fall. Ich musste meine Ideen ins Design hineinschmuggeln und habe der betreffenden Firma nichts gesagt. Vor ca. 15 Jahre begannen sie dann, es zu tolerieren – allerdings nur, wenn es nicht mehr kostete! Nun ist es wie gesagt eine Voraussetzung und das ist toll!

Weitere Informationen zu Tom Newhouse und seinen Arbeiten gibt es auf www.thomasjnewhouse-design.com.

Limerick Chair by Tom Newhouse for Herman Miller (Photo © and courtesy Herman Miller)

Limerick Chair von Tom Newhouse für Herman Miller (Foto © und mit freundlicher Genehmigung von Herman Miller)

Jill Side Chair by Tom Newhouse for Worden (Photo © and courtesy Worden)

Jill Side Chair von Tom Newhouse für Worden (Foto © und mit freundlicher Genehmigung von Worden)

Animate+ by Tom Newhouse for JRB Studio (Photo © and courtesy JRB Studio)

Animate+ von Tom Newhouse für JRB Studio (Foto © und mit freundlicher Genehmigung von JRB Studio)

Preview lamp by Tom Newhouse for OFS (Photo © and courtesy OFS)

Preview Lamp von Tom Newhouse für OFS (Foto © und mit freundlicher Genehmigung von OFS)

“Berenice Abbott – Fotografien” im Martin-Gropius-Bau Berlin

“Die Fotografie ist das Medium par excellence unserer Zeit. Als visuelles Kommunikationsmittel ist es einzigartig.”1 Dies schrieb die amerikanische Fotografin Berenice Abbott 1941.

Den Beweis dafür liefert die Ausstellung “Berenice Abbott – Fotografien” im Martin-Gropius-Bau Berlin.

Berenice Abbott PhBerenice Abbott - Photographs at the Martin-Gropius-Bau Berlinotographs at the Martin-Gropius-Bau Berlin

“Berenice Abbott – Fotografien” im Martin-Gropius-Bau Berlin

Berenice Abbott wurde 1898 in Springfield, Ohio geboren und studierte ursprünglich und nur sehr kurz Journalistik an der Ohio State University, bevor sie 1918 ins bohemehafte New York und dann 1921 ins avantgardistische Europa zog. Nach einem Aufenthalt in Berlin arbeitete sie in Paris als Assistentin für Man Ray. Die beiden kannten sich aus New York und Gaëlle Morel zufolge wurde Abbott eingestellt, “weil sie keine vorherige Erfahrung im Bereich Fotografie hatte und Man Ray ihr beibringen konnte, die Abzüge gemäß seiner Vorgehensweise anzufertigen.”2  Berenice Abbott lernte offenbar schnell, gründete 1926 ihr eigenes Studio in Paris und konzentrierte sich größtenteils auf Porträtfotografie. Neben dem weitgehend austauschbaren modischen Pariser Partyvolk umfasste ihre Arbeit auch wichtige Persönlichkeiten aus dem kulturellen Bereich der damaligen Zeit wie James Joyce oder Jean Cocteau.

1929 ging Berenice Abbott nach New York zurück und machte sich auf die Suche nach einem Verleger für ihr Buch über den französischen Dokumentarfotografen Eugène Atget. Sie war so überwältigt, wie die Stadt in den acht Jahren gewachsen war und sich entwickelt hatte, dass sie sich dazu entschied, Paris den Rücken zu kehren und nach New York zurückzugehen. Sie wollte vor allem die sich entwickelnde Stadt in der Blütezeit vor der Großen Depression fotografieren – so wie Eugène Atget einst das sich verändernde Paris nach Haussmann dokumentierte.

Nach einigen erfolglosen Versuchen, einen Geldgeber zu finden, erklärte sich 1935 das Federal Art Project, ein Programm der während der Großen Depression tätigen Works Progress Administration (WPA), die Künstler unterstützte, dazu bereit, ihr Projekt, New York zu fotografieren und so den Wandel der urbanen Umgebung zu dokumentieren, finanziell zu unterstützen. Das Ergebnis des Projekts waren etwa 300 Negative, die Ausstellung “Changing New York” 1937 im Museum of the City of New York und die Veröffentlichung des Buches “Changing New York” im Jahre 1939. Aber vor allem brachte das Projekt eine Sammlung von Fotos hervor, die eine der definierenden Dokumentationen der Architektur in New York im Jahre 1930 darstellt und ein Archiv verkörpert, das nicht nur in Bezug auf Aufnahmen wie Abbotts Porträt des Flatiron Buildings in Manhattan interessant ist, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie die ganze Stadt gleich stark berücksichtigt. Es repräsentiert die reichen und armen Außenbezirke mit derselben Intensität, demselben Interesse und derselben kritischen Distanz, wie es das auch bei den neuen Wolkenkratzern in Downtown tut.

Berenice Abbott - Photographs at the Martin-Gropius-Bau Berlin

“Berenice Abbott – Fotografien” im Martin-Gropius-Bau Berlin

Obwohl Berenice Abbott wohl am meisten für “Changing New York” und ihre anderen dokumentarischen Arbeiten der 1930er Jahre bekannt war, ist und war sie weit mehr als nur New York und die 1930er. “Berenice Abbott – Fotografien” beinhaltet auch Beispiele ihrer Porträtfotografie, Arbeiten, die 1954 während eines Road Trips entlang der sogenannten U.S. Route 1, eines 3800 km langen Highways, der von der kanadischen Grenze entlang der amerikanischen Ostküste bis nach Key West führt. Außerdem werden als einer der Höhepunkte der Ausstellung Beispiele ihrer wissenschaftlichen Fotografien gezeigt. 1939 begann Berenice Abbott mit wissenschaftlicher Fotografie und nutzte sie zunächst als Mittel, um einer möglichst breiten Masse die Gesetze der Technik und der Natur zu erklären. Sie beschäftigte sich bis Anfang der 1960 Jahre mit wissenschaftlicher Fotografie, die dafür sorgte, dass sie neues Fotografie-Equipment erfand, vom Science Illustrated Magazin kurz zum Head of Photography ernannt wurde und uns die wunderbarsten, schönsten und absolut faszinierendsten Bilder von Kugellagern, Wellen, Körperteilen und Seifenblasen bescherte. Mit ihrer Naivität und Zweidimensionalität schreien sie alle “analog”, aber wir würden kein einziges gegen einen modernen Digitaldruck eintauschen.

Exampes of Berenice Abbott's 1920s portrait photography by Berenice Abbott, as seen at Berenice Abbott - Photographs, the Martin-Gropius-Bau Berlin

Beispiele von Berenice Abbotts Porträtfotografie aus den 1920er Jahren, gesehen in der Ausstellung “Berenice Abbott – Fotografien”, Martin-Gropius-Bau Berlin

Letzten Endes wurde furchtbar viel Unsinn über Berenice Abbotts Fotografie und besonders über ihre Architekturfotografie geschrieben. Ihre Bilder verfügen über eine gute Komposition, sind durchdacht und technisch korrekt, aber sie sind im Allgemeinen nichts “Spektakuläres”. Dennoch fühlten wir uns von ihnen lange merkwürdig angezogen. Einen möglichen Grund dafür haben wir erst nachträglich erfahren: Als Verfechter der “geradlinigen” Fotografie war Berenice Abbott strikt gegen jegliche künstlerische Manipulation von Fotos. Was man sah, war das, was die Fotografin sah und einfangen konnte. Das ist nicht unbedingt immer der Fall. In unserem Post zur Ausstellung “Bauhaus Archiv Berlin: Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch.” haben wir bemerkt, dass Architekturfotografen lange dazu tendierten, ihre Bilder zu retuschieren und zu bearbeiten – Photoshop usw. vereinfachten dies. Für Berenice Abbott kam so etwas nicht infrage. “[Mathew] Bradys Bürgerkriegsfotos hätten keine so große emotionale Wirkung, wenn wir gewusst hätten, dass sie wie Hearsts “Gräuel”-Kriegsbilder verfälscht wurden… Aufgrund des Wertes und Nutzens [der Fotografie] wären wir sehr bigott und sogar verantwortungslos, danach zu streben, einen engen Perfektionismus für das Medium gesetzlich festzulegen… Ist die Fotografie selbst nicht gut genug, als man sie nach etwas anderem, vermeintlich Besseren, aussehen lassen muss?…Kunst entsteht durch denjenigen, der fühlt, denkt, arbeitet, schwitzt, träumt und hofft. Das gilt für Fotografie genau wie für jedes andere Medium.”3

Mit dieser Einstellung schuf Berenice Abbott Arbeiten, die von und durch ihre Interpretation einer Szene leben und besonders den Moment der Wahrnehmung, eher als als Abhandlung eines idealisierten Ortes, der mit der Zeit erbaut wurde. Außerdem geht es auf Berenice Abbotts New York Fotos größtenteils um die Gebäude und die urbane Umgebung, sie sind keine “Straßenfotografie”. Es sind zwar Menschen zu sehen, allerdings im Allgemeinen im Kontext mit dem Setting und nicht als Hauptfokus. Ihre Arbeiten sind auch keine soziale und kulturelle Dokumentation à la Jacob A. Riis’ “How the Other Half Lives”. Der Fokus liegt auf den Gebäuden, wo sie stehen, wie sie konstruiert wurden, wie sie genutzt werden. In unserer sich stets entwickelnden Welt der temporalen Architektur und dem oft wichtigen, oft überflüssigen Abriss von Gebäuden ist ehrliche Dokumentation wichtig, wenn zukünftige Generationen aus unseren Fehlern und den mutigen Entscheidungen, die damals vielleicht als Barbarei verurteilt wurden, lernen sollen.

Mit etwa 80 Fotos von Berenice Abbott und unterstützt von Briefen, Magazinen, Artikeln, Büchern und einem Video, ist “Berenice Abbott – Fotografien” eine knappe, wenngleich eine sehr zufriedenstellende, sehr gut konzipierte Aufbereitung ihrer Arbeiten. So ermöglicht es die Ausstellung nicht nur denjenigen, die ihre Arbeiten bisher nicht kannten, sich diesen anzunähern, sondern ist auch für all diejenigen, die ihre Arbeiten kennen und sich mit einigen Schlüsselaspekten wieder vertraut machen möchten, eine schöne, entspannte Aktivität in den Sommerferien oder an einem Regentag in Berlin.

“Berenice Abbott – Fotografien” läuft bis Montag, den 3. Oktober im Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.

Alle Details gibt es auf  www.berlinerfestspiele.de.

1. Berenice Abbott, A Guide to Better Photography, Crown, New York 1944

2. Gaëlle Morel, Berenice Abbott (1988 – 1991): Photographs, exhibition catalogue, Jeu de Paume, Paris & Ryerson Image Centre at the Art Gallery of Ontario, Paris 2012

3. Berenice Abbott, A Guide to Better Photography, Crown, New York 1944

Geld @ smac – Staatliches Museum für Archäologie in Chemnitz

Geld regiert die Welt!

Wie es dazu kam, welche Konsequenzen das hat und wohin uns diese Tatsache letztendlich führen wird – all das untersucht momentan die Ausstellung “Geld” im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, kurz smac.

Geld @ smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

“Geld” @ smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

“Als Institution wollen wir Ausstellungen präsentieren, die sich mit zentralen Themen der Menschheit auseinandersetzen. Geld ist genau so ein Thema, und ein Thema mit dem wir alle andauernd zu tun haben”, so Dr. Jens Beutmann, Chefkurator des smac, zum Hintergrund der Ausstellung.

Zu diesem Zweck setzt sich die Ausstellung mit historischen und zeitgenössischen Aspekten des Geldes und der “Bezahlsysteme” im Kontext verschiedenster Kulturen auseinander, und behandelt so Fragen wie: Was ist Geld? Wie ist es entstanden? Welche Formen kann Geld annehmen? Welchen Einfluss hat Geld auf uns? Und schließlich: Hat Geld eine Zukunft?

Dem Ausstellungskonzept gelingt es, die archäologische Dimension des Geldes abseits der leicht ramponierten römischen Münzen zu thematisieren, in die immer das Portrait von Trajan, Cäsar Augustus oder wem auch immer eingeprägt ist. Anstatt uns also wie sonst verdutzt in Ausstellungsvitrinen starren zu lassen, präsentiert die Ausstellung Archäologie im Kontext aktueller sozialer, kultureller und politischer Bereiche.

Und das ist angenehm erfrischend!

Zu den interessanten Aspekten der Ausstellung gehört beispielsweise die Einsicht, dass Geld ein künstliches Konstrukt ist und dass es sich beim damit verbundenen Papiergeld tatsächlich nur um Papier handelt. Zu Geld – zu etwas Wertvollem – wird es nur, wenn eine andere Gruppe es als solches akzeptiert und es als solches zu verstehen beginnt. Sollte diese andere Gruppe ihre Meinung ändern, bleibt nichts anderes übrig, als ein Stück Papier. Eine akzeptierte Tatsache, die stets durch das Vertrauen hervorgehoben wird, das jeder Transaktion von Werten – seien das Papiergeld, Muscheln oder Anteile – entgegengebracht wird. Allerdings auch eine Tatsache, die im Kontext unserer modernen, virtuellen Bezahlsysteme eine völlig neue Signifikanz erhält… schließlich steht man finanziell immer nur so gut da, wie es einem der Computer sagt. Aber wer kontrolliert diesen Computer? Natürlich nicht man selbst – soviel ist klar. Und wann hat man sich das letzte mal deshalb Sorgen gemacht?

A Rai, stone money from the Island of Yap, Micronesia. Good for land deals in Micronesia, less so for settling your tab at the bar.....as seen at Geld, smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

Ein Rai, Steingeld von der Insel Yap, Micronesien. Geeignet für Landgeschäfte in Micronesien – weniger um seinen Deckel an der Bar zu bezahlen… . Gesehen im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Als erste selbst kuratierte Ausstellung des Staatlichen Museums für Archäologie seit der Eröffnung 2014, präsentiert “Geld” um die 500 Objekte. Dabei blickt man nicht nur auf “Geld” an sich – ja, es gibt alte Münzen in Ausstellungsvitrinen, dank kontextueller Einbindung geht das allerdings in Ordnung – sondern untersucht auch alternative “geldlose” Bezahlsysteme und die Entwicklung aktueller, virtueller Finanzsysteme von den ersten Tagen der Buchhaltung an. Zudem gibt die Ausstellung Auskunft über die legale wie auch illegale Produktion und Verbreitung von Geld und die unzähligen Wege, auf denen Geld zur Formung unserer heutigen Gesellschaft beigetragen hat.

Man könnte auch behaupten, dass nicht das Geld als solches, sondern vielmehr unsere Jagd nach dem Geld, unsere Versuche, Geld anzuhäufen und zu kontrollieren, die Entwicklung weg vom Jäger und Sammler – der Wandel von der natürlichen zur Finanzwelt – dazu beigetragen haben, unsere heutige Gesellschaft zu formen.

“Geld machen wir zu dem, was es ist, Geld hat keinen eigenen Willen, entwickelt allerdings seine eigene Dynamik”, erklärt Dr. Beutmann. Und worin diese Dynamik ihren Ausdruck findet, wird sehr eloquent anhand zahlreicher Bemühungen demonstriert, die Menschen auf sich nehmen, nur um Geld zu akquirieren: Diebstahl, Glücksspiel, Fälschung. Man kann natürlich auch einfach arbeiten und so Geld verdienen – in Anbetracht von Berufen wie Prostitution stellt sich das allerdings nochmal in einem ganz anderen Licht dar.

In ähnlicher Weise erinnert einen auch die Tatsache, dass mancher in Form von Pfandflaschen den Müll anderer Leute sammeln muss, um Geld zu verdienen immer wieder daran, dass Geld eine grundlegende Notwendigkeit ist, und dass dessen Verteilung nicht fair verläuft. Dieses Missverhältnis innerhalb der Finanzsysteme beeinflusst ebenfalls seit Langem die Art und Weise, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und trägt auch seit Langem zu unserem modernen Verständnis von und Verhältnis zu Geld bei.

Buying love, privately or commercially...... as seen at Geld, smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

Liebe kaufen, privat oder kommerziell… gesehen in der Ausstellung “Geld”, smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Weil so vieles von dem, was mit Geld zu tun hat, auf Vertrauen basiert und weil Geld gleichzeitig eine grundlegende Notwendigkeit und ein begehrtes Objekt ist, etwas an dem alle interessiert sind und von dem alle einen Teil haben möchten, versagen “Wertesysteme” immer wieder von neuem und Blasen zerplatzen als handle es sich um ein natürliches Phänomen, etwas, worauf niemand Einfluss oder worüber niemand Kontrolle hätte – ein beliebter Euphemismus. Im 17. Jahrhundert wurde die holländische Tulpenmanie zum Tulpenalptraum, der “Black Tuesday” 1929 brachte Amerika die “Black 1930s”, und auch die Fragilität unseres aktuellen Finanzsystems wird in einem Abschnitt der Ausstellung sehr genau unter die Lupe genommen. Die Finanzkrise von 2007 und die Konsequenzen werden en détail untersucht, bevor die Ausstellung dann flüssig und klug auf die Frage nach der Zukunft des Geldes bzw. auf die Frage überleitet, ob Geld überhaupt eine Zukunft hat.

An East German era cash machine....as seen at Geld, smac – State Museum for Archaeology in Chemnitz

Ein Geldautomat aus DDR-Zeiten… gesehen in der Ausstellung “Geld”, smac – Staatliches Museum für Archäologie in Chemnitz

In Anbetracht dieses deutlichen sozialen und kulturellen Fokus, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern “Geld” überhaupt noch eine archäologische Ausstellung ist? Dr. Beutmann meint dazu: “Ja, durchaus ist sie das. Als Disziplin befasst sich die Archäologie mit materiellen Dingen, das heißt wir versuchen die Geschichte nicht anhand von Texten zu erklären, sondern anhand von Objekten. Unabhängig von Alter und Ursprung behandeln wir diese Objekte als historische Quellen.” Ganz egal also, ob ein vorchristliches Relikt, ein Geldautomat aus DDR-Zeiten, oder die Protest-Transparente derer, die Geld beim Zusammenbruch der Lehman Brothers verloren haben – sie alle haben etwas zu sagen und sind Teil einer Geschichte.

Darüber hinaus ist “Geld” für uns durchaus auch eine Designausstellung – eine Ausstellung die deutlich macht, dass Geld auch eine Designfrage ist. Gemeint ist damit nicht der Zusammenhang zum Grafikdesign – man denke an die Aufregung im Internet, wenn dieses oder jenes Land eine neue Banknote einführt – und auch an klassisches Produktdesign denken wir weniger, obwohl “Geld” einige faszinierende Objekte bereithält, die explizit im Zusammenhang mit Geld und Bezahlsystemen entwickelt wurden. Vielmehr ist Geld eine Frage des Designs, wenn es darum geht, wie wir eine Gesellschaft kreieren können, die entweder ohne Geld auskommt, oder in der – wenn sie auf Geld angewiesen bleibt – das Geld vernünftig und fair verteilt wird und sich positiv auf die Menschen auswirkt.  Wo Finanzblasen also keine Chance haben, oder wie Dr. Beutmann seine Frage formuliert: “Muss sich die Gesellschaft ändern, damit sich die Finanzwelt ändert, oder ist der Zeitpunkt gekommen, das Finanzsystem zu ändern, damit sich unsere Gesellschaft ändert?” Bei der Beantwortung solcher Fragen spielen Designer eine wichtige Rolle.

We believe it is what is known as a financial bubble,

Dies symbolisiert offenbar das, was als Finanzblase bekannt ist

Mit einer Mischung aus lokalen, “sächsischen” Ausstellungsstücken und Objekten aus aller Welt, ist “Geld” eine gut konzipierte und zugängliche Ausstellung, die sich auf klare Art und Weise und ohne Vorbehalt mit dem Thema auseinandersetzt. Vor allem motiviert die Ausstellung die Besucher über die Exponate hinauszudenken – über das eigene Geld in der Tasche, die Ersparnisse auf der Bank, die heimlichen Reserven unterm Bett, die Steuerrückzahlung, die noch immer aussteht, den obdachlosen Zeitungsverkäufer, dem man letzte Woche keine Zeitung abgekauft hat und über den Preis, den man gerade an der Tankstelle für ein belegtes Brötchen zahlen musste.

Geld ist eine komische Sache, wir sind alle jeden Tag damit beschäftigt, wir alle akzeptieren seine Feinheiten und Schwächen und dennoch bleibt Geld ein gänzlich abstraktes Konzept. Geld hat keine Identität und keinen Charakter, man kann damit alles kaufen bis auf Stil, Umgangsformen und Respekt für seine Mitmenschen. Wir alle brauchen Geld, glauben aber trotzdem, es sei uns nicht wichtig, Geld beschämt und bestärkt einen gleichermaßen und bleibt trotzdem etwas, worüber wir uns nicht allzu sehr den Kopf zerbrechen möchten – zumindest versuchen wir das. “Geld” im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz erklärt, warum man sich übers Geld Gedanken machen sollte.

Es passt sehr gut, dass das Archäologische Museum Chemnitz eine solche Ausstellung präsentiert und dafür gibt es zwei gute Gründe. Einerseits ist die Ausstellung im früheren Kaufhaus Schocken untergebracht und wie wir schon in unserem Post zur Eröffnung des Museums festgehalten haben, hat die sensible Umwandlung dafür gesorgt, “dass das Innere immer noch einem Kaufhaus ähnelt. Und das meinen wir positiv! Etwas an den weiß gestrichenen Säulen und den kahlen Böden macht uns irgendwie Glauben, auf einem der höheren Stockwerke ein Angebot für ein paar Jeans oder einen neuen Pullover zu finden“. Diese Referenz auf den Ursprung des Gebäudes wird mit der Ausstattung der Ausstellungsräume durch das Berliner Studio chezwitz fortgeführt: Supermarktgänge wurden hinsichtlich der Aufteilung und der Hintergrundgrafiken neu gestaltet. Was früher ein geschäftiger Einkaufstempel war, ist jetzt ein Ort der Reflektion über die Systeme, die ihn hervorgebracht haben.

Und der zweite Grund, der die Location so passend macht, ist, dass wenn man einen Blick aus dem Fenster wirft, man genau auf die monumentale, wenn nicht gar megalithische Karl-Marx-Büste blickt, die das Chemnitzer Stadtzentrum dominiert. “Wenn das Geld das Band ist, das mich an das menschliche Leben, das mir die Gesellschaft, das mich mit der Natur und den Menschen verbindet, ist das Geld nicht das Band aller Bande? Kann es nicht alle Bande lösen und binden? Ist es darum nicht auch das allgemeine Scheidungsmittel? Es ist die wahre Scheidemünze, wie das wahre Bindungsmittel” schrieb Marx 1844 und das ist letztendlich auch nicht mehr als eine frühe kommunistische Version von “Money makes the world go round”.

“Geld” läuft bis Freitag, den 30.Dezember im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz, Stefan-Heym-Platz 1, 09111 Chemnitz.

Weitere Informationen, auch zum Begleitprogramm, gibt es auf www.smac.sachsen.de.

smow Blog Interview: Markus Jehs – der Diskurs ist der wichtigste Aspekt des Designs

Das in Stuttgart ansässige Designstudio Jehs+Laub ist natürlich vor allem als Gewinner des ersten und bis her einzigen Moormann Bookinist Rennens bekannt. Hinter Jehs+Laub steckt aber auch eines der profiliertesten und erfolgreichsten Möbeldesignstudios Deutschlands.

Markus Jehs und Jürgen Laub trafen sich bei ihrem Industriedesign-Studium an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, freundeten sich während eines Praxissemesters in New York an, entwickelten daraufhin ein gemeinsames Diplomprojekt und gründeten schließlich 1994 Jehs+Laub – ursprünglich in Ulm, bevor sie nach Stuttgart zogen.

Vorwiegend mit Fokus auf Möbel- und Lichtdesign haben Jehs+Laub eine große Bandbreite von Produkten für so unterschiedliche internationale Hersteller wie Fritz Hansen, Wilkhahn, Knoll, Belux und Cassina entwickelt. Neben Möbeldesigns entstanden auch zahlreiche Produkt- und Interiordesigns: darunter die mehrfach ausgezeichnete Wärmflasche Pill für Authentics, die Geschirrkollektion Connect für Schönwald, die wunderbar minimalistische Uhr Stelton Time für Stelton und das globale Interiordesign-Konzept für die Mercedes Benz Showrooms.

Damals auf der Orgatec 2012 sprachen wir kurz mit Jehs+Laub über die Unterschiede zwischen dem Entwickeln von Designs für Büros und Designs für den privaten Bereich sowie über Stuttgart als kreative Stadt. Um noch mehr zu erfahren, trafen wir uns erneut mit Markus Jehs und sprachen über das Studium in Schwäbisch Gmünd, über zwanzig Jahre Möbeldesign und den derzeitigen Stand des Industriedesigns. Begonnen haben wir unser Gespräch wie immer mit der Frage, wie er zum Design gefunden hat…

Markus Jehs: Nach meinem Schulabschluss war ich unsicher, in welche Richtung ich gehen sollte, erkundete diverse Optionen und landete schließlich bei Gestaltung im weitesten Sinne: zuerst eher beim Grafikdesign und irgendwann war dann klar, dass Produktdesign das Richtige ist. Nachdem ich mit dem Studium angefangen hatte, stellte sich schnell heraus, dass ich gefunden hatte, wonach ich gesucht habe.

smow Blog: Sie haben in Schwäbisch Gmünd studiert – was war der Anstoß, worin lag Ihre Motivation für Schwäbisch Gmünd?

Markus Jehs: Um ehrlich zu sein, wollte ich mich ursprünglich gar nicht in Schwäbisch Gmünd immatrikulieren, weil ich ganz in der Nähe aufgewachsen bin; nachdem ich mir allerdings verschiedene Hochschulen angesehen hatte, entschied ich, dass der Studiengang in Schwäbisch Gmünd in Bezug auf die Grundlagen der beste für mich ist. Zu dieser Zeit gehörten zahlreiche ehemalige Studierende der HfG Ulm zum Lehrpersonal in Schwäbisch Gmünd, und so ergab sich gewissermaßen eine Fortsetzung der Bauhaus Philosophie – das sprach mich besonders an. Was ich in Schwäbisch Gmünd sehr schätzte, war der Diskurs um die Gestaltung, nicht nur zwischen Studierenden und Professoren, sondern auch unter den Studenten. Alles war ziemlich klein, eher familiär und der Diskurs ist der wichtigste Aspekt des Designs – es geht nicht nur darum, etwas Schickes zu machen.

smow Blog: Wir nehmen mal an, dass man in Schwäbisch Gmünd zu dieser Zeit noch einen klassisch funktionalistischen “Gutes Design”-Ansatz hatte…

Markus Jehs: Genau, in diese Richtung ging die Lehre. Als Jürgen und ich dann ein Semester in New York verbrachten – Jürgen bei Smart Design und ich bei Henry Dreyfuss Associates – erlebten wir eine völlig neue Welt. Man ging dort nicht so in die Tiefe und auch wenn wir als Studenten den reglementierten, dogmatischen, deutschen Ansatz teilweise zurückgewiesen hatten, lernten wir doch durch diese andere Erfahrung unsere grundsolide Ausbildung in Deutschland sehr zu schätzen.

smow Blog: Nach Ihrem Abschluss gründeten Sie ein gemeinsames Studio, wie kam es zu der Entscheidung, sich zusammenzutun?

Markus Jehs: In Schwäbisch Gmünd arbeiteten wir beide regelmäßig mit Professor Knauer, der Grundlagen der Gestaltung unterrichtete. Der sagte uns, er habe nie Studenten erlebt, die so gut wie wir zusammenarbeiten und dass wir darüber nachdenken sollten, uns zusammenzutun. Er war der Meinung, es sei schwerer, einen guten Geschäftspartner als die perfekte Frau zu finden. Nach dem Abschluss haben wir anfänglich unsere eigenen Sachen gemacht, uns dann aber entschlossen, ein gemeinsames Studio zu gründen.

smow Blog: Nun wollen wir natürlich wissen, warum Professor Knauer der Meinung war, sie würden so gut zusammenarbeiten. Hatte er Recht damit?

Markus Jehs: Er sagte zusammen kämen wir weiter, als jeder von uns für sich – es gäbe da einen exponentiellen Effekt. Tatsächlich realisierten wir nach dem Beginn unserer Zusammenarbeit, dass wir wirklich sehr viel mehr erreichten als allein. Bei uns beiden geht es immer um die Sache, nie darum, wer welche Idee hat. Vielmehr hat einer von uns beiden eine Idee, woraufhin der andere ziemlich direkt sagt, was er davon hält und warum. Dann entsteht ein Diskurs und alles bewegt sich ziemlich schnell. Weil man durch die Auseinandersetzung, durch diesen Prozess – man muss erklären, warum man etwas gut findet oder nicht und den Argumenten des anderen zuhören – eine gute Distanz zum Projekt und so ein klareres Verständnis entwickelt. Letztlich verlässt nichts das Studio, von dem wir nicht beide hundertprozentig überzeugt sind.

smow Blog: Können wir das also so verstehen, dass ein Großteil des Entwicklungsprozesses bei euch in Form von Diskussionen und nicht unbedingt in Stillarbeit am Computer stattfindet?

Markus Jehs: Genau, einer fragt den anderen: “Was hältst du davon?” Wir schauen uns die Sache gemeinsam an, diskutieren sie offen und machen dann weiter, wo wir aufgehört haben. Und das kann so alle zehn Minuten passieren, weshalb wir auch gemeinsam im gleichen Raum und an einem Tisch arbeiten. Nur so lässt sich für uns eine flüssige Kommunikation ermöglichen.

smow Blog: An Projekten arbeiten heißt Projekte haben – wie haben Sie Ihre ersten Verträge akquiriert?

Markus Jehs: Nach Eröffnung unseres Studios hatten wir keine Arbeit, waren tatsächlich arbeitslos und beschlossen deshalb nach Italien zu gehen, um dort zu versuchen einige Partner zu finden. Wir entwickelten Projekte, machten Termine mit Firmen in Mailand, fuhren runter nach Mailand, präsentierten unsere Arbeit und konnten schließlich die ersten Hersteller finden.

smow Blog: Warum dieser Fokus auf Italien? Musste es unbedingt ein italienischer Hersteller sein, oder haben Sie sich ganz naiv gedacht, dass Sie in Italien die besten Chancen haben würden?

Markus Jehs: Natürlich waren wir naiv, aber für uns stand fest, dass die Italiener die führenden Produzenten waren. Mailand war das Zentrum der Industrie und Erfolg zu haben, erschien uns nur mit italienischen Firmen möglich. Zudem gingen die Italiener unserer Meinung nach die Sache sehr emotional, mit viel Verständnis und Bauchgefühl an.

smow Blog: Ist Italien für Sie nach wie vor die wichtigste Designnation?

Markus Jehs: Heute finde ich das nicht zwangsläufig zutreffend – alles ist viel internationaler geworden. Heute arbeiten wir mit jeder Art von Firma, in Amerika genauso wie in Europa. Und für mich macht gerade die Mischung es interessant, weil man fortlaufend dazu lernt. Wir sind bestrebt, uns zu entwickeln und zu lernen. Amerikanische Firmen beispielsweise haben ganz andere Märkte im Blick als europäische und die Skandinavier haben wiederum ihren ganz eigenen Weg, Produkte zu beurteilen. Zu erleben wie all diese Menschen arbeiten und derart verschiedene Perspektiven auf dasselbe Sujet kennenzulernen, das ist schon sehr bereichernd. Die Mailänderin und Architektin und Designerin Cini Boeri hat einmal zu uns gesagt, dass wir als Studio sehr viel internationaler seien als die Italiener, die überwiegend in Mailand säßen und für Cassina, Cappellini, Artemide, Kartell usw. designten. Das war eine interessante Feststellung, denn normalerweise neigt man dazu, auf die Italiener zu schauen und zu denken, “Wow, guck wie international die alle sind”, aber tatsächlich sind viele italienische Designer in Mailand ansässig und auf Mailand fokussiert. Und natürlich, einmal im Jahr kommt sie die Industrie besuchen…warum sollten sie also auch woanders hingehen?

smow Blog: Ich möchte auf die 1990er Jahre zurückkommen. Wo haben Sie damals begonnen, nachdem Sie sich entschieden hatten, sich auf italienische Produzenten zu konzentrieren?

Markus Jehs: Die Firma, mit der wir unbedingt zusammenarbeiten wollten, war Cassina. Für uns war und ist Cassina die Speerspitze des italienischen Designs und die Firma mit den besten Handwerkern und Produktentwicklern. Also fingen wir dort an. Natürlich haben sie uns einen Korb gegeben und uns erzählt, dass sie mit den renommiertesten Designern der Welt arbeiten würden und unsere Designs nicht bräuchten. Allerdings wurde dann unser erstes kommerzielles Produkt durch den italienischen Leuchtenhersteller Nemo realisiert, der später wiederum von Cassina übernommen wurde. Wir haben also bei Nemo erwähnt, dass wir gern für Cassina arbeiten würden, wurden Umberto Cassina vorgestellt und das war unser Weg hinein. Die ersten Produkte für Cassina machten die Dinge dann einfacher und öffneten uns eine Menge Türen – nicht nur bei den italienischen Herstellern, sondern beispielsweise auch bei Fritz Hansen und schließlich auch bei den deutschen Herstellern.

smow Blog: Wie lang hat es nach diesen ersten Aufträgen gedauert, bis Sie sagen konnten, dass sie als Studio etabliert waren?

Markus Jehs: Die ersten Produkte für Nemo hatten wir so 1997, 1998, allerdings genügt das Einkommen, das man über Lizenzgebühren erhält, in den ersten Jahren nicht aus, um davon zu leben. Bevor man also tatsächlich als Designstudio etabliert ist, dauert es so um die zehn Jahre. Man kann sagen, dass man von der Arbeit leben kann, wenn man sicher ist, dass die Hersteller auf einen zukommen und dass man Aufträge erhält, ohne viel Akquisearbeit betreiben zu müssen. Das hören wir jedenfalls auch immer wieder von mehr oder weniger all unseren etablierten Kollegen. Gott sei Dank waren wir am Anfang so naiv und verstanden einfach nicht, was das alles mit sich bringen würde bzw. dass die Chancen, dass alles gut ausgehen würde, eher gering waren.

smow Blog: Wir nehmen an, das heißt ihr wart in den ersten Jahren auf eine Mischung aus Jobs und freiberuflicher Arbeit angewiesen?

Markus Jehs: Nein, nein, keinesfalls – wir haben von Anfang an beschlossen, uns voll und ganz auf die Entwicklung unserer Projekte zu konzentrieren. Design ist ein sehr konzentrierter Prozess, da will man nicht regelmäßig abgelenkt sein, indem man beispielsweise als Freelancer ein Projekt für jemand anderen entwickelt, oder Arbeit macht, die gar nichts damit zu tun hat. Dann dauert nämlich alles noch länger.

smow Blog: Wie Sie sagen, erreichten Sie nach zehn Jahren einen gewissen Grad an Sicherheit. Erreicht man den durch die Masse an Produkten, die produziert werden, oder braucht es da einen echten Verkaufsschlager?

Markus Jehs: Ich würde eher sagen, dass man nach zehn Jahren ausreichend Erfahrung hat und so auch ein besseres Gespür dafür bekommt, ob man das richtige Produkt zur richtigen Zeit entwickelt – das heißt Objekte, die sich tatsächlich in Läden verkaufen, oder die Architekten tatsächlich für ihre Projekte wollen. Es braucht seine Zeit, dieses Gespür zu entwickeln – aber wenn man es einmal raus hat, kann man sehr schnell sagen, ob ein Projekt erfolgreich sein wird oder nicht und kann so sehr viel effizienter arbeiten.

smow Blog: Heißt das auch, dass Sie jetzt in der Lage sind, sich auf ausgewählte Projekte zu konzentrieren, die Sie interessieren, oder gibt es noch immer eine ökonomische Notwendigkeit, so viel zu tun wie nur möglich?

Markus Jehs: Wir machen die Projekte nicht des Geldes wegen. Wir fragen uns eher, ob uns ein Projekt interessiert, ob es uns weiterbringt, ob es uns Spaß macht und – das ist am wichtigsten – ob die Chemie mit dem Auftraggeber stimmt. Die Zeit beispielsweise schickte uns mal eine Liste mit Produkttypen, die formal unattraktiv sind, bei denen aber trotzdem noch keiner auf die Idee gekommen war, sie weiterzuentwickeln. Sie hatten zahlreiche internationale Studios angefragt, neue Ideen für solche Produkttypen zu entwickeln und planten, einige der besten und interessantesten Resultate zu veröffentlichen. Wir beschlossen, für jeden Produkttyp ein fünfminütiges Brainstorming zu veranschlagen und zu sehen, ob sich irgendwelche Ideen entwickeln. Für den Fall würden wir mitmachen, wenn nicht, dann nicht. Uns kamen einige Ideen, die wir dann am Computer präzisierten und der Zeit als gerenderte Bilder schickten. Eines der Objekte war eine Wärmflasche, die auch im Zeit Magazin veröffentlicht wurde. Die Leute riefen an und wollten sie kaufen, woraufhin wir aber nur antworten konnten: “Es tut uns leid, aber die Wärmflasche existiert nicht.” Daraufhin kontaktierten wir den Hersteller Authentics, schilderten die Situation und heute wird die Wärmflasche sehr erfolgreich als Pill vermarktet. Aber das Projekt begann ohne irgendeinen Gedanken ans Geld, sondern einfach nur als eine interessante Idee.

smow Blog: Wenn es aber ums Geld geht: Verlangen Sie als Studio Honorare für die Entwicklung, bevor Sie überhaupt zu arbeiten anfangen?

Markus Jehs: Das ist ganz unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Allerdings ist es uns lieber, solche Entwicklungsgelder nicht zu erhalten. Denn beschließt der Hersteller später aus welchen Gründen auch immer, das Projekt nicht zu veröffentlichen, können wir uns damit ohne Entwicklungsgeld an einen anderen Hersteller wenden – die Arbeit gehört uns. Wenn wir allerdings Geld für die Entwicklung bekommen haben, ist das in moralischer Hinsicht schon schwieriger. Ja, man könnte immer noch woanders hingehen, aber… Uns ist es also lieber, wenn man es bei den Lizenzgebühren belässt.

smow Blog: Wir würden annehmen, dass über die Jahre auch viele Studenten ein Praktikum bei Ihnen absolviert haben. Vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte – würden Sie sagen, dass Studenten heute ausreichend auf das vorbereitet werden, was sie in ihrer professionellen Karriere erwartet?

Markus Jehs: Wir hatten Praktikanten aus der ganzen Welt. Ich würde sagen, dass sie grundsätzlich nicht allzu gut vorbereitet sind, weil meiner Meinung nach der Diskurs über Design, die Diskussionskultur zum Thema Gestaltung und der Kampf um die Gestaltung in der Ausbildung zu kurz kommen. Vielmehr sind sie alle trainiert wie Soldaten: perfekt ausgebildet in der Bedienung jeder Art von Programmen und kompetent bei der Umsetzung von Ideen. Wenn es aber darum geht, Konzepte zu entwickeln, Situationen zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen, gibt es Diskrepanzen. Man hat den Eindruck, dass die Hochschulen so viele Studenten wie möglich rekrutieren müssen, um so viele Fördermittel wie möglich zu akquirieren. Meiner Meinung nach wäre es besser, es gäbe weniger und dafür besser ausgebildete Absolventen.

smow Blog: Sie würden also sagen, dass das Produktdesign auf lange Sicht Schaden nimmt, wenn der Diskurs unter Studenten nicht ausreichend gefördert wird?

Markus Jehs: Es wird einfach alles oberflächlicher! Man sieht das heutzutage auf Messen: Es gibt nur selten irgendwas wirklich Aufregendes oder Spannendes. In der Vergangenheit hatte man immer wieder große Brüche, die alles verändert haben. Heute tauchen solche Momente, die einem erlauben die Dinge anders, oder aus einer anderen Perspektive zu sehen, nur noch sehr selten auf. Eine Menge Design ist heutzutage einfach nur Dekoration.

smow Blog: Tragen Sie dann nicht auch eine Verantwortung, mehr zu lehren, solche Dinge direkt mit Studenten zu diskutieren und einen Diskurs zu befördern?

Markus Jehs: Grundsätzlich sehen wir uns in der Verantwortung, unsere Erfahrungen und Ansichten weiterzugeben, wir können uns das allerdings aus Zeitgründen momentan einfach nicht leisten. Wir müssen sogar regelmäßig Projekte ablehnen. Aber wir legen bei den Studenten, die zu uns kommen, Wert auf solche Themen und merken natürlich, dass die Studenten, wenn man über Projekte spricht, neugierig werden und man gute Diskussionen führen kann.

smow Blog: Besteht nicht auch ein Risiko, dass sich in diesem Markt eine Selbstzufriedenheit einstellt?

Markus Jehs: Es besteht definitiv das Risiko, dass wir es uns zu gemütlich machen, dass wir uns zurücklehnen und denken, “Ok, wenn alles so gut läuft, können wir auch genauso weitermachen”, aber dieser Gefahr sind wir uns bewusst. Also das sollte nicht passieren. Wir wollen uns schließlich als Studio weiterentwickeln.

smow Blog: Die Zukunft gehört also den Möbeln?

Markus Jehs: Ja, Möbel sind unsere Leidenschaft – die haben es uns besonders angetan. Wir sind aber immer offen für alles Interessante und Neue. Beispielsweise durch die Kooperation mit Fritz Hansen ergab sich für uns die Gelegenheit, eine Suite in einem Eishotel zu kreieren, was natürlich etwas vollkommen Neues für uns war und großen Spaß gemacht hat. Wir sind naturgemäß neugierig und haben Vergnügen an Sachen, von denen wir vorher überhaupt keine Ahnung hatten – die wir also völlig naiv angehen können. Das macht Spaß.

Weitere Details über Jehs+Laub und ihre Arbeiten gibt es auf http://jehs-laub.com.

5 neue Designausstellungen im Juli 2016

Die “Ludi Apollinares”-Spiele, die zu Ehren Apollos stattfanden – wurden im Juli 212 v. Chr.* ins Leben gerufen und beinhalteten eine Mischung aus Wagenrennen, Spielen, Tänzen und rituellen Opferungen.

Die folgenden fünf neuen Designausstellungen, die im Juli 2016 eröffnen, können vielleicht nicht mit einem aufregenden Wagenrennen dienen. In vielerlei Hinsicht eignen sie sich aber sehr gut dafür, den griechisch-römischen Gott der Künste, der Poesie, der Musik und des Wissens zu feiern.

Und kein vergoldetes Rind, keine Ziege und keine Färse muss leiden.

“Fast Forward: The Architecture of William F. Cody” im A+D Architecture and Design Museum, Los Angeles, Kalifornien, USA

Die “Wüstenmoderne” ist fraglos eher eine Nischenbranche innerhalb der modernistischen Architektur, wenngleich eine der interessanteren und fotogeneren. Sie sind gewissermaßen die Katzenbilder der Architektur, die Bilder der reduzierten Arbeiten in der kalifornischen Wüste, grundsätzlich mit Sonnenauf- oder Sonnenuntergang, die fast allen Betrachtern ein Lächeln entlocken. Allerdings hat die Wüstenmoderne anders als Katzenbilder mehr als den visuellen Wert zu bieten. Indem sie das formale Verständnis und die Konstruktionstechniken, die eine Generation früher entwickelt wurden, auf die Besonderheiten der kalifornischen Wüste anwendeten, schufen Richard Neutra, E. Stewart Williams oder William F. Cody Arbeiten, die, obwohl sie universell designt wurden, nur in dieser Umgebung funktionieren. Sie zeigen eine andere Perspektive auf die modernistische Architektur und ermöglichen somit ein neues Verständnis und eine neue Wertschätzung der Prinzipien, auf denen die Konstruktionen basieren. Und sie machten das Coachella Valley zu einem der hipsten Partyorte, lange bevor es die moderne Schickeria entdeckte und es kaputt machte. Anlässlich William F. Codys 100. Geburtstag verspricht “Fast Forward” nicht nur eine überschwängliche Feier zu Ehren des Lebens und der Arbeit eines der führenden Protagonisten des Genres. Durch eine Zusammenarbeit mit Studierenden der Cal Poly San Luis Obispo werden auch zeitgenössische Interpretationen einiger Möbel-, Licht- und Typografiedesigns Codys ausgestellt. So geht die Ausstellung eher der allgemeineren Frage nach, inwiefern man ein Design “updaten” kann, insbesondere ein Design, das zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kontext kreiert wurde.

“Fast Forward: The Architecture of William F. Cody” wurde am Sonntag, den 10. Juli im A+D Architecture and Design Museum, 900 E. 4th Street, Los Angeles, CA 90013 eröffnet und läuft bis Sonntag, den 25. September.

Shamel Residence, Palm Desert, California by William F. Cody (Photo © Julius Shulman, courtesy A+D Museum Los Angeles)

Shamel Residence, Palm Desert, Kalifornien von William F. Cody (Foto © Julius Shulman, mit freundlicher Genehmigung des A+D Museum Los Angeles)

“World of Malls. Architekturen des Konsums” im Architekturmuseum der Technischen Universität München

Alles begann mit gelegentlichen Märkten im Freien, Außenstellen, oft an Kreuzungen, wo Händler aus weit entfernten Regionen sich trafen und ihre Waren anboten, bevor sie weiterzogen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Außenstellen dauerhafter und größer, es entstanden Basare, Handelsplätze oder Marktstädte, Zentren des Handels, des Handwerks, der Kultur und der politischen Macht und diese Orte entwickelten sich so immer mehr zu etwas, das weit über das einfache Kaufen und Verkaufen hinausging. Es entwickelten sich auch effiziente Steuersysteme. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs und größtenteils dank der Entwicklungen in Amerika, wird das Shopping-Erlebnis von “der Mall” verkörpert. “World of Malls” konzentriert sich eher auf die Architektur der Shopping Malls als auf deren kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung und präsentiert 23 Beispiele aus der ganzen Welt, anhand derer die Kuratoren nicht nur die architektonische Entwicklung der Shopping Mall seit den 1950er Jahren, sondern auch die Entwicklung der Beziehung des Einkaufszentrums zur weiteren städtischen Umgebung zeigen wollen. So stellen sie die Frage, ob die Dinge wirklich “fortgeschritten” sind, seit die Händler von damals unter dem Baum am Ententeich standen. Oder ob einfach nur alles größer geworden ist.

“World of Malls. Architekturen des Konsums” wird am Donnerstag, den 14. Juli im Architekturmuseum der Technischen Universität München, Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München eröffnet und läuft bis Sonntag, den 16. Oktober.

The Horton Plaza, San Diego, California by Jon Jerde (Photo © The Jerde Partnership)

The Horton Plaza, San Diego, Kalifornien von Jon Jerde (Foto © The Jerde Partnership)

“Nathalie Du Pasquier: Big Objects Not Always Silent” in der Kunsthalle Wien, Österreich

Als eines der Gründungsmitglieder der Memphis Group spielte Nathalie Du Pasquier eine wichtige Rolle dabei, die Haltungen gegenüber Kunst, Design, Form, Funktion und letztlich Ästhetik neu zu formen. Im Wesentlichen tat sie dies durch die vielen von ihr gestalteten Textil- und Laminatdesigns sowie dem, was man als “Oberflächendesigns” bezeichnen könnte und die in ihrer abstrakten Grellheit den Memphis Stil mitdefinierten. Nach der Memphis Gruppe setzte Nathalie Du Pasquier ihre Entdeckung von Farben und Formen durch künstlerische Arbeiten fort und seit den späten 1980er Jahren arbeitet sie ausschließlich als Künstlerin. Das Werk der Autodidaktin Nathalie Du Pasquier konzentriert sich größtenteils auf Stillleben. Ihre frühen künstlerischen Arbeiten drücken eine wunderbare Naivität aus und wurden über die Jahrzehnte und durch die steigende Konzentration auf einige eingeschränkte Formen immer puristischer. Sie wurden dann von 2D- zu 3D- und skulpturalen Objekten, die formal oft an Memphis erinnern, wenn auch ohne die Funktionalität, die Kunst von Design trennt. Obgleich sie als Designerin größtenteils in Vergessenheit geraten ist, ist das Interesse an Nathalie Du Pasquiers Textildesigns  in den letzten Jahren wieder gestiegen. Dies zeigte sich hauptsächlich in Wrong for Hays Neuauflage einer Auswahl ihrer Designs. Die Ausstellung “Big Objects Not Always Silent” in der Kunsthalle Wien verspricht Arbeiten aus Nathalie Du Pasquiers Werk aus verschiedenen Jahrzehnten und Genres. Das Ausstellungskonzept sieht eine ausführliche Präsentation der Künstlerin und ihres Werkes vor und stellt auch interessante Entdeckungen der Beziehung zwischen Kunst und Design in Aussicht.

“Nathalie Du Pasquier: Big Objects Not Always Silent” wird am Freitag, den 15. Juli in der Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien, Österreich eröffnet und läuft bis Sonntag, den 13. November.

Arizona carpet by Nathalie Du Pasquier, 1983 (Photo: Studio Azzurro, Courtesy Memphis Milano)

Arizona Teppich von Nathalie Du Pasquier, 1983 (Foto: Studio Azzurro, mit freundlicher Genehmigung von Memphis Milano)

Friends + Design im Kunstgewerbemuseum Dresden

In der Branche der freischaffenden Produktdesigner ist es so, dass enge Freunde oft direkte “Mitbewerber” sind. Zwar nicht im kämpferischen Sinn, denn die Branche ist zumindest noch nicht so hart umkämpft, Mitbewerber sind sie nichtsdestotrotz. Die Erfolgschancen sind gering, die Unfähigkeit und der Widerwille des Marktes, alles zu absorbieren, bedeutet, dass nur sehr wenige freischaffende Produktdesigner von ihrer Kreativität wirklich gut leben können. Der alte Kumpel aus Unizeiten oder der Atelierpartner ist oft genauso eine Gefahr für die Karriere wie ein ehrlicher Ratgeber. Was macht man da? Die Antwort des Kunstgewerbemuseums Dresden war es, befreundete internationale Designer zusammenzuführen, sie damit zu beauftragen, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln und so die freundliche Rivalität, diese merkwürdige Spannung, die zwischen Designern besteht, in einen kreativen Prozess einfließen zu lassen und potenzielle neue Einblicke in das Verständnis von und den Ansatz zum Design der ausgewählten Sieben zu ermöglichen.

“Friends + Design” wurde am Samstag, den 9. Juli im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, Wasserpalais,
August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden eröffnet und läuft bis Dienstag, den 1. November.

Friends + Design at the Kunstgewerbemuseum Dresden (Photo Marco Cappelletti © DSL Studio, Courtesy Kunstgewerbemuseum Dresden)

Friends + Design im Kunstgewerbemuseum Dresden (Foto Marco Cappelletti © DSL Studio, mit freundlicher Genehmigung des Kunstgewerbemuseum Dresden)

“New Romance: art and the posthuman” im Museum of Contemporary Art, Sydney, Australien

Kunst ist nicht Design und sollte nie damit verwechselt werden. Allerdings können Kunst und Design einander beeinflussen, neue Perspektiven aufeinander bieten und in Kombination können sie oftmals unser Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft effektiver voranbringen, als einer von beiden allein. Eine Vorstellung wie dieser Dialog funktionieren könnte, verspricht “New Romance: art and the posthuman”Die Ausstellung wurde gemeinsam vom Museum of Contemporary Art Australia und dem Korean National Museum of Modern and Contemporary Art organisiert und ursprünglich in Seoul präsentiert. Gezeigt werden Arbeiten von 18 koreanischen und australischen Künstlern, die darlegen, was der Begriff “menschlich” heute bedeutet und in Zukunft bedeuten könnte. Die Ausstellung betrachtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven und stellt eine Mischung aus Objekten, Videos und Performances in Aussicht, die sich auf Themen wie gegenwärtige Kommunikation, die Entwicklung ethischer Realitäten und unsere Beziehung zur natürlichen Welt konzentrieren. Wir hätten es bevorzugt, wenn einige Designer miteingebracht worden wären, aber als Kunstausstellung verspricht “New Romance”, eine sehr zum Nachdenken anregende, informative und vor allem unterhaltende Erkundung unserer zeitgenössischen Welt.

“New Romance: art and the posthuman” wurde am Donnerstag, den 30. Juni im Museum of Contemporary Art, 140 George Street, The Rocks, Sydney eröffnet und läuft bis Sonntag, den 4. September.

Airan Kang, Digital Book Project, 2016 (Photo Courtesy and © the artist and Gallery Simon, Seoul)

Airan Kang, Digital Book Project, 2016 (Foto mit freundlicher Genehmigung und © der Künstler und Gallery Simon, Seoul)

* Wir wissen, dass es keinen “Juli 212 v. Chr.” gab, aber  “Quintilis 212 v. Chr.” oder sogar “Quintilis im Jahre des Konsulats von Flaccus und Pulcher” zu schreiben, wäre auch nicht besonders hilfreich gewesen…

Design-Europameisterschaft 2016: Rückblick und Vorschau aufs Finale

Nach vier Wochen Wettbewerb an verschiedenen Orten in ganz Frankreich bereitet sich die Design-EM 2016 darauf vor adieu, au revoir und ein herzliches merci zu sagen. Der ideale Zeitpunkt also das Geschehene Revue passieren zu lassen.

Während die ersten paar Tage mehr durch ihre Geschehnisse abseits des Spielfeldes für Aufmerksamkeit sorgten – insbesondere durch die Aktivitäten von Design-Fans aus Russland und England, entwickelte sich die Design 2016 langsam in ein, wenn auch nicht klassisches, sicher aber ehrliches Turnier, das das zeitgenössische europäische Design realistisch wiedergibt.

Und es wurden dabei einige Wahrheiten bestätigt: Spaniens frühes Ausscheiden unterstreicht die Notwendigkeit eines Generationenwechsels und der Entwicklung neuer Ideen im iberischen Design. Die Dominanz von Teams aus “West”-Europa hebt das hervor – trotz der deutlichen und sehr willkommenen Verbesserung bei Ländern wie Kroatien, Ungarn oder der Slowakei. Es muss noch mehr gemacht werden, um ihr Design international wettbewerbsfähig zu machen. Während Englands mittelmäßige Leistung einmal mehr gezeigt hat, dass es nicht genug ist, ein paar Spitzenverdiener und Vollprofis zu haben, um zu den international führenden Designnationen zu gehören. Individuelles Talent ist nicht genug; man braucht auch ein System, welches die Designkultur genauso wie den Kommerz fördert. Außerdem zeigt sich hieran, dass es nicht unbedingt hilfreich ist, die Spielerlisten mit ausländischen Designern zu füllen, wenn man eigentlich die heimischen Talente fördern sollte.

Aber nun zu unserer Prognose für Sonntag, wenn Portugal auf Frankreich trifft.

Portugal:

Obwohl sie nie selbst als Produktdesignerin gearbeitet hat, mit ihrer Wiederentdeckung und vor allem ihrer Modernisierung des Azulejo hat Portugals Trainerin Maria Keil zweifelsfrei dazu beigetragen, einen neuen Sinn in die nationale Identität und das Selbstwertgefühl des portugiesischen Designs zu bringen. Mit einem der jüngsten Teams bei der Design 2016 haben die Portugiesen ein sehr erwachsenes und feines Gespür für Farbe, leichte Formen und Materialkombinationen gezeigt.

Torwart: Antonio Garcia
Der alte Meister des portugiesischen Designs Antonio Garcia ist nicht nur ein Maßstab für jüngere Spieler, sondern das sicherste paar Hände im Spiel.

Verteidigung: Bruno Carvalho, Paulo Sellmayer, Tiago Sá da Costa, Rita Botelho
Alle vier spielten zusammen im legendären Made out Portugal Team, das vor ein paar Jahren das europäische Spiel dominiert hat. Das Projekt kam traurigerweise zu einem schnellen Ende, aber die einzelnen Talente und der Gruppenzusammenhalt jener Tage ist geblieben.

Mittelfeld: Rita João, Pedro Ferreira, Gonçalo Campos, Maria Bruno Néo
Allesamt Absolventen des Fabrica Design and Communication Research Center in Treviso, Italien präsentiert dieses sehr junge portugiesische Mittelfeld nicht nur eine neue Generation portugiesischer Designer, sondern auch eine neue Selbstsicherheit.

Sturm: Rui Alves, Carmo Valente
Rui Alves, einer von Portugals erfolgreichsten und fleißigsten Designern, wird nie müde neue Wege und Zugänge zu suchen, um die Verteidigung zu schlagen. Dabei hat er mit Carmo Valente Rui den perfekten Flügelmann.

Design-Europameisterschaft 2016 Finale - Startaufstellung Portugal

Design-Europameisterschaft 2016 Finale – Startaufstellung Portugal

Frankreich:

Als der Mann, der Frankreich von seiner stilistischen Verwirrung des Art Deco zur Einfachheit der Moderne geführt hat, und der die Moderne dann weitergetrieben und seine soziale Akzeptanz herbeigeführt hat, versteht der französische Trainer Jean Prouvé die Funktion zeitgenössischen Designs vielleicht besser als jeder andere. Eine Tatsache, die hilft den Mix aus Erfahrung und Jugend zu erklären, der seine Team-Auswahl charakterisiert: zeitgenössisches Design darf nicht nur innovativ sein, sondern muss auch relevant sein.

Torwart: Jean-Marie Massaud
Obwohl Jean-Marie Massauds Spiel immer mächtig war und selbstbewusst den Raum dominiert hat, hat er, seit er in die amerikanische Liga gewechselt ist, zunehmend die vorzüglichen Finessen der historischen französischen Design-Tradition wiederentdeckt – und in das französische Team eingebracht.

Verteidigung: Philippe Stark, Pierre Paulin, Julien Phedyaeff, Pierre-François Dubois
Mit Starck und Paulin, den Rangältesten des zeitgenössischen französischen Designs, sowie Phedyaef und Dubois, den zwei Stars des französischen Aufsteigers Hartô, hat Prouvé eine Verteidigung gewählt, die die Tradition französischen Designs versteht, aber auch keine Angst vor zukunftsgewandten Lösungen haben.

Liberos: Ronan Bouroullec, Erwan Bouroullec
Eine stabile Partnerschaft seit über 20 Jahren, sind die Bouroullec Brüder bekannt für ihre unterschiedlichen Stile. Der eine ein Fuchs, der andere ein Igel. Und genau wegen dieser Kombination ist ihre Arbeit immer für eine Überraschung gut.

Mittelfeld: Charlotte PerriandEileen GreyIonna Vautrin
Das vertraute weibliche französische Mittelfeld bestehend aus Charlotte Perriand und der ursprünglich aus Irland stammenden Eileen Grey spielt ein sehr klares, traditionelles Spiel, während die jüngere Ionna Vautrin einen frischen, zeitgemäßen Zugang einbringt, der den ihrer erfahreneren Kolleginenn ergänzt.

Sturm: Jean Angelats
Neben seiner Größe bringt Jean frischen Atem in den französischen Angriff, indem er eine klassische Design-Philosophie mit sehr individuellen, fast schon eigentümlichen Form-, Material und Techniklösungen kombiniert.

Prognose:

Trotz Portugals Führung in Farbe und Ästhetik, sollte Frankreichs größerer Erfahrungsschatz und vor allem Variabilität zur Führung verhelfen. 2:0 für Frankreich.

Design-Europameisterschaft 2016 Finale - Startaufstellung Frankreich

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Design Miami Basel 2013 Jean Prouve Maison des Jours Meilleurs Galerie Patrick Seguin

Jean Prouve – Maison des Jours Meilleurs

Estação Praca de Espanha Lissabon (Maria Keil, 1959)

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