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smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – USM. Rethink the Modular

26. Mai 2015

Zur Feier des 50. Geburtstages des modularen Möbelbausystems von Fritz Haller und Paul Schärer initiierte USM eine Reihe von Meisterklassen, in denen Studenten an sieben internationalen Designschulen gemeinsam mit einem Mentor der Aufgabe “Rethink the Modular” (Modularität neu denken) nachgehen sollten. Vor allem waren sie angehalten, “über die Bedeutung von Modularität in Architektur und Design nachzudenken” und so “die Idee der Modularität im zeitgenössischen Design zu untersuchen”. Die Resultate dieser akademischen Aufgabe wurden in einer Ausstellung während der Mailänder Möbelmesse 2015 präsentiert.

USM - Rethink the Modular, Milan Design Week 2015

USM – Rethink the Modular, Möbelmesse Mailand 2015

“Rethink the Modular” untersucht Modularität in den Bereichen Rhythmus, Überlagerung, Struktur und Beziehung. Die ersten drei Abschnitte umfassen neben den Resultaten der sieben Meisterklassen, individuelle Arbeiten von Architekten, Künstlern und Designern, die sich auf die ein oder andere Art auf das jeweilige Thema beziehen.

Inmitten der faszinierenden Mischung aus Projekten und Ansätzen waren zumindest für uns die Resultate der Meisterklasse mit Studenten der Pariser École nationale supérieure de création industrielle (ENSCI) unter Leitung des in Brüssel ansässigen Designers Thomas Lommée ein besonderer Höhepunkt. Das Projekt konzentrierte sich auf die Grundideen des OpenStructures Projektes. Dabei handelt es sich um eine belgische Bewegung, die unter anderem von Thomas Lommée ins Leben gerufen wurde und bei der es um ein System geht, bei dem Hardware- und strukturelle Komponenten getauscht werden können (ganz ähnlich der vielen Softwaresysteme, die es zurzeit gibt). Die Studenten der Meisterklasse sollten ein Objekt designen, das mindestens eine Komponente eines Kollegen integriert. So hat das Projekt nicht nur den Begriff “modular” überdacht, sondern ihn auch für eine postindustrielle Gesellschaft neu definiert.

Als Projekt beeindruckte OpenStructures (OS) Relatives nicht nur mit einer schönen Reihe von Objekten, sondern umso mehr weil es den Begriff “modulares System” vom Zwang befreit, dass es sich dabei immer um sich wiederholende oder untereinander austauschbare Einheiten handeln müsse.

Results from Thomas Lommée masterclass "OpenStructures (OS) Relatives, as seen at USM - Rethink the Modular during Milan Design Week 2015

Resultate der Thomas Lommée Meisterklasse OpenStructures (OS) Relatives, gesehen bei USM – Rethink the Modular während der Mailänder Möbelmesse 2015

An anderer Stelle waren wir sehr beeindruckt von TreeD, einem sehr schönen temporären internen Architektursystem, das auf natürlichen Formen basiert und in der Meisterklasse des Architekten Lorenzo Bini an der Politecnico di Milano entwickelt wurde. Hinzu kommt das Book/Store Projekt, das in Alan Wexlers Meisterklasse in Parsons The New School for Design, New York City entwickelt wurde. Das Projekt gibt der Idee von Sprache und Schrift als modulares System eine physische Form und liefert einige schöne Ideen für aktuelles Innendesign. Das Workout Keyboard von Ines Kaag und Desiree Heiss a.k.a Bless präsentierte eine Reihe von Boxsäcken, mit denen man schreiben kann – jeder Boxsack steht dabei für einen Buchstaben oder eine Aktion. Und auch wenn wir zugegebenermaßen immer noch nicht ganz verstanden haben, wie sich das Projekt in das Ausstellungskonzept fügen soll – als Installation war Workout Keyboard sehr unterhaltsam und besaß diesen einnehmenden Charme, den auch jeder erfolgreiche Showmaster haben muss.

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Workout Keyboard Bless, gesehen bei USM – Rethink the Modular während der Möbelmesse Mailand 2015

So unterhaltsam und informativ die Studentenprojekte und die dazugehörigen Arbeiten ohne Frage für uns waren, der eigentliche Höhepunkt von “Rethink the Modular” war der vierte Bereich “Beziehung”, der den Begriff “modular” in einen größeren kulturellen und sozialen Kontext rücken sollte. Neben der Präsentation einiger wirklich beeindruckender Arbeiten von Leuten wie Volker Albus, Ettore Sottsass oder Hans Hollein umfasste dieser Bereich auch eine detailliertere Untersuchung von Fritz Hallers Oeuvre. Eine Präsentation, die man wohl kaum außerhalb einer speziell Haller gewidmeten Ausstellung finden wird und die wunderbar deutlich macht, dass zu Fritz Haller sehr viel mehr als nur sein modulares Möbelsystem gehört. Das unterstreicht so wiederum auch warum “Rethink the Modular” ebenso ein Hommage an Fritz Haller, wie auch eine Ehrung des USM Haller Möbelbausystems ist: modular bezeichnet eher eine Art zu denken und weniger ein physisches Produkt oder System. Und weil Fritz Haller modular über seine Arbeit nachdachte, konnte er ein so einnehmendes, dauerhaftes und praktisches, modulares Produkt entwickeln. Das heißt auch, dass es bei der Entwicklung des USM Haller Systems eher um die theoretische Überlegung ging, wie man den verfügbaren Platz in einer sich ständig wandelnden Umgebung am besten organisieren und nutzen kann, und weniger um den Versuch kommerzielle Büromöbel zu entwerfen. So beginnt man den kulturellen Kontext und die Bedeutung des USM Haller Systems 50 Jahre nach seiner Entstehung langsam besser zu verstehen und überwindet so gewissermaßen auch seine physische Form.

Die Ausstellung in Mailand markiert nur den Anfang einer neun Monate andauernden Reihe von “Rethink the Modular” – Veranstaltungen und Ausstellungen, die in USM Flagship Stores und auf ausgesuchten Designfestivals weltweit stattfinden und die gegen Ende des Jahres mit der Publikation eines Buches abgeschlossen werden soll, das die Projekte dokumentieren wird.

Alle Details sind unter http://project50.usm.com zu finden.

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – Ronan & Erwan Bouroullec

24. Mai 2015

Es war auf jeden Fall einfach großes Glück, und keine besonders gute Planung, dass auf der Mailänder Möbelmesse 2015 alle großen Hersteller der Designs von Ronan und Erwan Bouroullec nebeneinander lagen. Gut für die beiden, denn so mussten sie nicht so weit laufen, um ihre Termine wahrzunehmen. Und auch gut für alle Besucher, denen sich so ein unkomplizierter Überblick über die letzten Arbeiten der Brüder bot.

Ronan und Erwan Bouroullecs relevantester Launch auf der Mailänder Möbelmesse 2015 war ohne Frage der Belleville Chair und die dazugehörigen Tische für Vitra. Benannt nach dem Pariser Vorort, in dem die Designer vermutlich gerne mal vor einem Bistro entspannen, und wo sie das heitere Pariser Treiben, das sich dort vor ihnen ausbreitet, mit Zeichnungen einfangen, kann die Belleville Familie in vielerlei Hinsicht als Ergänzung zur Vitra Standard Collection betrachtet werden. Jedenfalls ist die Kollektion als solches gedacht. Zwar müssen sich die neuen Stücke zunächst einmal beweisen, doch wird das im Falle vom Belleville Chair wohl kein Problem darstellen. Mit dem fließenden schwarzen Polyamid-Rahmen, in den die mit verschiedenen Oberflächenmaterialien erhältliche Sitzschale eingefasst ist, stellt sich der Belleville Chair mit dem simplen eleganten Charme eines Bugholzstuhls als ein sehr zeitgemäßes, fast schon zu offensichtliches, Produkt dar. Neben den mehr angedeuteten als physisch präsenten Armlehnen der Ausführung als Armlehnstuhl, die als köstliches Style-Detail sicher Hans J. Wegner beeindrucken würde, ist das Gewicht das eigentliche Highlight des Belleville Chair. Er ist nämlich weder schwer noch leicht. Er sieht leicht aus, hat aber ein Gewicht, das sich mehr im Sinne seiner Substanz und Bedeutung als seiner Masse ausdrückt, und das dem Stuhl eine Charakterstärke verleiht, mit der er mühelos in ziemlich jeder Situation verwendet werden kann. Alles in allem ein wirklich erfreuliches Stück!

Belleville Chair by Ronan & Erwan Bouroullec for Vitra, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Belleville Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Vitra, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2015. Und bald in einem Bistro in Ihrer Nähe …

Auf der Möbelmesse in Mailand 2014 stellten Ronan und Erwan Bouroullec ihre Officina Tische für Magis vor, 2015 wurde die Familie nun logisch durch einen Stuhl und einen Hocker ergänzt. Mit der gleichen Stahlkonstruktion gefertigt, die die Officina Tische zu den Highlights der Mailänder Messe 2014 machten, zeigen die Stühle eine sehr offene, einladende Optik, wenngleich eine  Ähnlichkeit zum Uncino Stuhl nicht von der Hand zu weisen ist. Diesen designten die Bouroullecs 2014 für Mattiazzi und er wurde dieses Jahr nur einen Steinwurf vom Magis Messestand entfernt präsentiert. Die, die uns kennen, werden sich denken können, wie oft wir zwischen den Ständen hin und her gesprungen sind, um die beiden zu vergleichen.

Strukturell mögen die beiden Bouroullec Stühle zwei verschiedene Objekte sein, aber liest man mal zwischen den Zeilen, versteht man die Einfachheit der Konstruktion, ignoriert man die Materialien und konzentriert man sich auf die Form, hat man im Kern das gleiche Objekt. Enttäuschenderweise. Während sicher niemand etwas gegen eine erkennbare Handschrift im Portfolio eines Herstellers hat, sollten sich Designer doch bemühen, ihren Output für verschiedene Hersteller zu variieren, insbesondere wenn sie keine Karikaturen ihres eigenen Erfolges werden wollen. Es gibt natürlich viele Designer, und tatsächlich noch mehr Architekten, die schamlos die gleiche Arbeit wieder und wieder reproduzieren – und die sich genau deswegen erfolgreich selbtvermarkten. Aber das hat natürlich wenig mit Design zu tun.

Das soll nicht heißen, der Officina Stuhl wäre kein ansprechendes Objekt. Er ist dem Uncino einfach sehr ähnlich. Und das finden wir enttäuschend und unnötig.

Ein Beispiel, wie individuell und erfinderisch Ronan und Erwan Bouroullec sein können, zeigt sich auf dem Artek Stand. Den Stand kann man von der Officina Präsentation aus sehen und so unterstreicht er nur noch die Problematik um den Officina Stuhl. Im Zuge der Übernahme Vitras von Artek 2013 begannen eine Reihe ihrer “Hausdesigner” mit Artek zusammenzuarbeiten. Nach Konstantin Grcics Rival Stuhl und Hella Jongerius’ Überarbeitung der Aalto Armlehnsessel 400 und 400 aus dem Jahr 2014 wurde die Kaari Kollektion der Bouroullecs 2015 auf der Stockholmer Möbelmesse vorgestellt.

Die Kollektion, bestehend aus Regalen und Tischen in allen denkbaren Größen und Konfigurationen, ist nicht nur von Alvar Aaltos Wandregal 112 inspiriert, sondern ist sich dank seiner frischen, unkomplizierten Ästhetik und einer Reihe von gut proportionierten und durchdachten Objekten, die eindeutig Artek sind, selbst auch genug. Für uns ist das herausstechende Highlight der Kaari Kollektion das Regal-/Schreibtisch-Kombielement, kurz gefolgt von dem freistehenden Schreibtisch, in den die Silhouette von Aaltos klassischem Regal integriert ist – und das ohne eine wirkliche Funktion zu haben. Das ist eine Untergrabung des großen funktionalistischen Designs, die so frech und irrelevant wie effektiv und charmant ist.

Wie wir nicht müde zu wiederholen werden, hat uns Ronan Bouroullec 2010 erzählt, dass sie “weniger und das besser machen wollen”. Seitdem haben wir keinen Hinweis auf das Weniger gefunden, viele Beispiele für Besser jedoch schon, vor allem jedoch ein Design Studio, das, abgesehen von gelegentlichen Blackouts wie bei L’Oiseau oder auch dem neuen Officina Stuhl, regelmäßig interessante, intelligente Projekte realisiert. Dabei gelingt es den Designern immer wieder auf elegante Weise ein kundiges Verständnis der Bedürfnisse von Endkunden mit einem guten Sinn für die richtige Materialwahl zu kombinieren und Objekte zu schaffen, die sowohl funktional sind als auch formal gefallen. Außerdem kann man sagen, sind es Objekte, für die wir gerne auch mal einen etwas längeren Weg über das Mailänder Messegelende auf uns nehmen.

5 neue Designausstellungen im Mai 2015

21. Mai 2015

Die größte – und zweifellos mit dem höchsten Budget ausgestattete – neue Architektur- und Designausstellung im Mai 2015 ist die Weltausstellung in Mailand, die am 1. Mai begonnen hat. Unter dem zentralen Thema “Feeding the Planet, Energy for Life” zeigt die Expo Präsentationen aus ungefähr 140 Ländern in einer ähnlichen Anzahl von Pavillons, die von weltweit führenden Architekturbüros entworfen sind, und verspricht eine unvergleichliche Erforschung zukünftiger Strategien, die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Und bringt hoffentlich auch dem Mailänder Hotelgewerbe soviel Gewinn ein, dass sich die Hotelbetreiber im kommenden April vielleicht sagen: Wisst ihr was, lasst uns unsere Zimmer während der Mailänder Möbelmesse zu bezahlbaren Preisen vermieten. Lasst uns aufhören, die Möbel- und Designindustrie auszunehmen und stattdessen realistische Preise veranschlagen, um die ganze Veranstaltung bezahlbarer und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Mailand ist eine freundliche Stadt, lasst uns das zeigen!

Natürlich werden sie das nicht tun. Aber wir lassen uns nicht nehmen, zu träumen.

Und hier, Mailand ignorierend, fünf wirklich vielversprechende Architektur-und Designausstellungen im Mai 2015 vor.

“Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu, Hornu, Belgien

Unter dem Titel “Thingness” zeigt das CID – Grand-Hornu die erste Retrospektive von Jasper Morrison überhaupt. Ein Satz, aus dem sich zwei Fragen ergeben.

Erstens: Wirklich? Niemand hat jemals eine Jasper-Morrison-Retrospektive gezeigt? (Uns fallen etliche Museen ein, die das längst getan haben sollten.)

Zweitens: Warum ausgerechnet Belgien?

Versteht uns nicht falsch, die Ausstellung hört sich fantastisch an – verspricht sie doch eine chronologische Reise durch 35 Jahre kreativen Output von Jasper Morrison, und das in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern und Disziplinen. Im Grunde also eine exzellente Gelegenheit, die stilistische und philosophische Entwicklung Jasper Morrisons vom atemlosen Studenten auf der ersten Memphis-Ausstellung in Mailand zum höflichen, distanzierten Großmeister des zurückhaltenden europäischen Designs von heute nachzuvollziehen.

Aber warum Belgien?

CID – Grand-Hornu ist eine sehr angesehene Institution mit einer langen Liste interessanter Ausstellungen. Doch angesichts der sehr viel engeren Verbindungen, die Morrison zu anderen Ländern und Regionen hat… Nichtsdestotrotz gehört Belgien, wie wir wiederholt festgestellt haben, momentan zu den interessanteren Ländern in Sachen Möbeldesign. Und so ergibt es vielleicht doch Sinn, dass sich ein Designer wie Jasper Morrison gerade zu Belgien hingezogen fühlt.

“Jasper Morrison – Thingness” öffnet im CID – Grand-Hornu, Site du Grand-Hornu, Rue Sainte-Louise 82, 7301 Hornu Sonntag, am 10. Mai und läuft bis zum 13. September.

 

Plywood Chair by Jasper Morrison for Vitra, part of Jasper Morrison - Thingness

Plywood Chair von Jasper Morrison für Vitra, ein Teil von “Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung ” im Bauhaus Dessau

Man kann wohl sagen, dass Hannes Meyer der am wenigsten gefeierte und bekannte der drei Bauhaus-Direktoren ist. Beim Bauhaus Dessau versucht man nun, Ruhm und Image des zweiten Direktors zu befördern, indem man sich vertieft mit einem zentralen Aspekt seiner Philosophie beschäftigt; einem Aspekt, der in vielerlei Hinsicht relevanter für unsere heutige Gesellschaft ist als all die Stahlrohrmöbel  und viereckigen Häuser, die man mit Meyers Kollegen Gropius und Mies van der Rohe in Verbindung bringt: dem Kollektiv. Hannes Meyer selbst entwickelte kaum ein Projekt allein und zog stattdessen die Zusammenarbeit mit anderen vor. Heute sind Ideen kollektiver Kraft, kollektiver Verantwortung und kollektiven Denkens immer häufiger die Grundlage von Design- und Architekturprozessen.

Kollektiv wie auch gemeinsam sitzen wir alle im selben Boot. Unter Hannes Meyer wurde die Formulierung “Volksbedarf statt Luxusbedarf” zum Schlachtruf des Bauhauses; heute sehen Designer und Architekten ihre Rolle zunehmend darin, hilfreich für die Gesellschaft zu sein, statt kommerzielle Güter zu schaffen.

Mit einem Fokus auf “Kollektiv-Ideen” in Bereichen wie Bildung, Gesellschaft, Landschaft und natürlich Architektur möchte das Bauhaus Dessau Hannes Meyer – in Ergänzung zur detaillierteren Erkundung seiner Person – im modernen Kontext erklären und so die bleibende Relevanz seines Denkens, seiner Methodik und damit seiner Amtszeit unterstreichen.

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung” öffnet in der Stiftung Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau am 21. Mai und läuft bis Sonntag, den 4. Oktober.

The coop principle – Hannes Meyer and the Concept of Collective Design Bauhaus Dessau

Hannes Meyer (Photo: Courtesy Stiftung Bauhaus Dessau)

“Telling Time” im mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne, Schweiz

Bedenkt man, dass die ganze Welt sehr, sehr aufgeregt über die neue Fruit Watch ist und zugleich die Möglichkeit besteht, dass tausend andere Firmen sehr, sehr ähnliche Produkte zu einem Bruchteil des Preises auf den Markt bringen, erscheint die neue Ausstellung im Mudac in Lausanne äußerst passend: “Telling Time” zeigt nicht nur die zentrale kulturelle Rolle von Uhren, ihrer Produktion und der Zeitansage, sondern unterstreicht zugleich, wie sich Zeitansage als Prozess kontinuierlich verändert – und durch diese Neuerfindung seine Faszination und Relevanz behält, unabhängig von der unveränderten Funktion. Zu diesem Zweck verspricht “Telling Time”, Exemplare des historischen analogen Uhrendesigns von einigen der prestigeträchtigsten Schweizer Marken und modernere, digitale Uhren zu präsentieren – in Gegenüberstellung zu Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Designer wie beispielsweise “365 Knitting Clock” von Siren Elise Wilhelmsen, “Grandfather Clock” von Maarten Baas oder Ivan Argotes “Time is Money”.

“Telling Time” öffnet im Mudac – Musée de design et d’art appliqués contemporains, Pl. de la Cathédrale 6, Lausanne, am Mittwoch, den 27. Mai und läuft bis Sonntag, den 27. September.

Time is Money by Ivan Argote (outtake at 10:41:59) (Photo: © Galerie Perrotin, courtesy of mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

Time is Money von Ivan Argote (outtake bei 10:41:59) (Foto: © Galerie Perrotin, mit freundlicher Genehmigung des mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

“De Invasie on display” im Design Museum Gent, Gent, Belgien

Im Jahr 2010 gründeten drei mutige Seelen De Invasie als Plattform, um junges belgisches Design – sei es Einrichtung, Mode, Grafik oder Fotografie – zu fördern und zu verbreiten. Neben diesem Netzwerk für belgische Designer organisiert De Invasie auch regelmäßig Gruppenausstellungen auf Design Messen und nun, in Zusammenarbeit mit dem Design Museum Gent, eine erste museale Ausstellung. Da die Ausstellung wie alle De Invasie Projekte auf der Basis organisiert wurde, dass sich Teilnehmer bewerben statt ernannt zu werden, rechnen wir nicht mit einer sonderlich tiefgründigen kuratorischen Poisition, die sich durch die Ausstellung zieht; wir erwarten allerdings eine Ausstellung, die etliche Beispiele des äußerst spannenden und innovativen kreativen Talents präsentiert, das man derzeit im Königreich Belgien findet – also eine Ausstellung, die einmal mehr die Stärke des aktuellen belgischen Designs unterstreicht. Ein bisschen in der Weise, wie das MoMA New York in den 1950er Jahren das amerikanische Design mit Ausstellungen wie “Good Design” promotete.

“De Invasie on display” öffnet im Design Museum Gent, Jan Breydelstraat 5, 9000 Gent am 8. Mai und läuft bis Sonntag, den 13. September.

De Invasie on display Design Museum Gent

De Invasie on display im Design Museum Gent

“Workplace for the New World” im Bureau Europa, Maastricht, Holland

“Was rechtfertigt den Aufwand der Arbeit?” fragt die Einleitung zur aktuellen Ausstellung im Bureau Europa, “Wie geben unsere alltäglichen Tätigkeiten unserem Leben und unserer physischen Umgebung eine Bedeutung?”

Fragen, die tendenziell auf eine Ausstellung hinweisen, die an einem feuchten, winterlichen Montagmorgen in einem kalten Bahnhof ersonnen wurde.

Ungeachtet dessen, wie und warum diese Ausstellung konzipiert wurde, verspricht sie, einen sehr wichtigen Aspekt der heutigen Gesellschaft zu untersuchen: Wie werden wir in Zukunft arbeiten und wie werden wir sicherstellen, dass unsere Arbeitsmethoden nachhaltig, sachdienlich und dennoch einträglich sind?

Neben einer zentralen Ausstellung über das Wesen der Arbeit, den Begriff “Arbeit” und die zukünftige Rolle der Arbeit verspricht “Workplace for the New World” auch eine Reihe von Workshops und Vorträgen, die neue Positionen präsentieren, analysieren und prüfen. So erhält die Ausstellung eher eine aktivierende als reflektierende Note – work in progress, wenn man so will.

“Workplace for the New World” läuft im Bureau Europa, Timmerfabriek, Boschstraat 9, 6211 AS Maastricht seit dem 1. Mai und läuft bis Sonntag, den 5. Juli.

Workplace for the New World Bureau Europa Maastricht

Workplace for the New World im Bureau Europa, Maastricht

smow blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – USM Privacy Panels

12. Mai 2015

Aus Gründen, die viel zu abstrakt, ungreifbar und potentiell ehrenrührig sind, um sie hier zu erläutern, haben wir nicht über die Eröffnungspräsentation der neuen USM Privacy Panels auf der Orgatec Köln 2014 berichtet.

Glücklicherweise, und mit Sicherheit aufgrund des Erfolgs der Kölner Präsentation, zeigt USM die Privacy Panels auch in Mailand.

Als Fritz Haller sein modulares Möbelbausystem für USM entwickelt hatte, erregte dessen Fähigkeit, Innenräume auf reduziert-unaufdringliche Weise bedarfsabhängig und funktional zu strukturieren schnell die Aufmerksamkeit von Architekten und Interieur-Designern, die versuchten, offene Großraumbüros als ein Gegenstück zum Konzept individuell abgetrennter Arbeitsbereiche zu entwerfen, wie es sich parallel in Amerika entwickelte.

Das Problem mit offenen Großraumbüros ist natürlich, dass man nicht nur Schwierigkeiten hat, private Bereiche zu schaffen, sondern auch die Akustik. Damals bezogen sich solche Bedenken überwiegend auf telefonierende Kollegen und das Klicken und Klingeln der Schreibmaschinen – anstrengend, aber erträglich. Heute gehen die Störungen vornehmlich von telefonierenden Kollegen, (spontanen) Gruppensitzungen, Analysen von Social Media-Kampagnen, Skype-Konferenzen, Sushi usw. …. aus – anstrengend und andauernd.

Folglich sind in modernen Büroräumen temporäre, anpassungsfähige Systeme, mit denen sich abgeschiedene Bereiche und eine interne Struktur definieren lassen, nicht nur gefragt, sondern zunehmend eine elementare Komponente der Büroplanung.

Die in Verbindung mit dem Schweizer Designstudio Atelier Oï entwickelten USM Privacy Panels liefern eine Lösung, die in bester Tradition des USM Haller Möbelbausystems steht: quadratisch, modular und auf einem Grundgerüst aus Stahlrohren basierend. Wenn auch auf einer Struktur aus Stahlrohren, die mit komprimiertem Polyester-Fleece verkleidet wird statt mit den Metall- und Glastablaren des originalen Büromöbelsystems. Genau das macht es aber nicht nur möglich, anpassbare, interne Einheiten und Räume in Räumen zu bilden, sondern trägt auch dazu bei, die akustische Atmosphäre und so grundsätzlich die Qualität des Arbeitsplatzes zu verbessern.

All das vollbringen die Privacy Panels, ganz wie beim USM Haller Möbelbausystem selbst, auf zugängliche, funktionale, zudem reduzierte und unaufdringliche Art und Weise.

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – Ateliers J & J

08. Mai 2015

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts waren die in Wien ansässigen J. & J. Kohn daran beteiligt, Österreich-Ungarn als wichtiges Zentrum des zeitgenössischen Möbeldesigns zu etablieren, die Karrieren führender Designer der Wiener Secession wie Josef Hoffmann, Otto Prutscher oder Adolf Loos voranzutreiben sowie Grundlagen für die kommerzielle Möbelindustrie zu schaffen, wie wir sie heute kennen.

Und auch, wenn wir nicht so weit gehen würden, den in Brüssel ansässigen Ateliers J & J eine solch großartige Zukunft vorauszusagen – zumindest noch nicht – so sind, soweit wir es beurteilen können, Ateliers J & J doch zumindest auf dem sicheren Weg, Belgien dabei zu unterstützen, sich endgültig und beständig als ein Zentrum zeitgenössischen Möbeldesigns zu etablieren.

Ateliers J & J Milan 2015

Ateliers J & J, gesehen auf der Salone Satellite Mailand 2015

Wir haben es schon so oft gesagt, dass wir es eigentlich leid sind, aber wir wiederholen es noch einmal: Belgien gehört momentan zu den spannendensten Zentren europäischen Möbeldesigns. Das ist ein Fakt, der erst kürzlich bei der Ausstellung “Mad about living – 24 Designers from Brussels” während der Passagen Design Week 2015 in Köln unter Beweis gestellt worden ist, und der von den Größen der belgischen Händler jährlich in Mailand mit der Ausstellung “Belgium is Design” unterstrichen wird. Zwar hat die Ausstellung noch nie bewiesen, was ihr Titel behauptet, doch zeigt sie gewohnheitsmäßig stets etwas Besonders, so in den letzten Jahren bspw. Highlights wie Curiosity vom Studio Two Designers aus Liege, die tragbare Solarlampe O’Sun von Alain Gilles, Kaspar Hamachers Regal Das Brett oder den Schreibtisch Strates von Mathieu Lehanneur.

Und 2015 waren es drei Objekte von Ateliers J & Js scharfsinnig betitelter Eröffnungskollektion Collection 01. In Köln hatten Ateliers J & J  a.k.a. Jonathan Renou und Jean Angelats Bureau 01 und Chaise 01 gezeigt, in Mailand waren es Fauteuil 01, Bureau suspendu, Chaise 01 und Chaise 02. Letzterer wurde nur auf einem Poster präsentiert – wenngleich ein Poster, das ein außerordentliches Maß an Verlangen und Begehrlichkeit in unseren jugendlichen Herzen auslöste.

Ateliers J & J Chaise 01 Bureau suspendu

Chaise 01 & Bureau suspendu von Ateliers J & J

Wie wir in unserem Post aus Köln erwähnt haben, empfinden wir als eine der Hauptattraktionen von Ateliers J & Js Arbeit, dass sie weniger daran interessiert scheinen, Möbel herzustellen als vielmehr daran, Formen aus gebogenem Stahlrohr zu schaffen; und, indem sie dies tun, Einrichtungsobjekte kreieren, die – obwohl unmissverständlich die spezifischen Gegenstände, als die sie erscheinen – ihren eigenen gewinnenden Charakter und ein bezauberndes Selbstbewusstsein haben. Eine Menge der Stühle, die man z.B. in Mailand sonst sieht, erscheinen beinahe verlegen, dort zu sein – als wüssten sie, dass sie lediglich billige Imitationen der Werke anderer sind, geschaffen einzig und allein mit dem Ziel, Profit zu erzielen. Ateliers J & Js Objekte dagegen sind autonome Geschöpfe mit genuiner Bestimmung und ästhetischer Position. Dieses Selbstbewusstsein wird von der ungerührt ehrlichen Weise unterstrichen, in der Eichenregal und Schreibtischelement des Bureau suspendu oder die stützenden Lehnbretter des Fauteuil 01 schlicht über und durch die Stahlrohre gelegt sind; warum verstecken, wovon jeder weiß? Insbesondere, wenn man so ein unangestrengt charmantes Resultat erzielt.

Ateliers J & J ist nicht das einzige Studio, das momentan interessante Stahlrohrmöbel hervorbringt, aber Ateliers J & Js Möbel haben eine Frische, Vitalität und süchtig machenden Charme, die sie unwiderstehlich und bedeutsam machen – und dazu prädestiniert, diese beiden Eigenschaften in den nächsten zehn Jahren nicht zu verlieren.

Alle Details zu Ateliers J & J auf http://ateliersjetj.com/

Ateliers J & J Fauteuil 01

Ateliers J & J, gesehen bei der Salone Satellite Mailand 2015

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – Thonet

06. Mai 2015

Im inzwischen verschwommenen Jahr 2014 präsentierte das Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet“, eine Ausstellung, die dem Besucher einen gemächlichen Spaziergang durch 150 Jahre Stuhldesign von Thonet ermöglichte und dabei half, die Entwicklung der Thonet Designs während der vergangenen Jahrzehnte zu erklären – etwa auch, warum Thonet während der 1980er Jahre auf Irrwege geriet und dann, ab den späten 1990er Jahren, seine Position als einer der führenden Möbelhersteller Europas zurückeroberte.

Die Ausstellung wurde für Thonet zum Anlass, sein umfangreiches Archiv en Detail zu untersuchen – ein so immenses Werk, dass wir mutmaßen, kaum jemand wisse um seine tatsächlichen Dimensionen. Prinzipiell ist die Aufarbeitung des Archivs für Thonet kein gänzlich neuer Gedanke; so erschienen in den vergangenen Jahren neben gelegentlichen, limitierten Neuauflagen von Archivstücken auch die Designs S 1520, S 1521 und S1522 – eine Garderobenserie, die aus komplett überarbeiteten und aktualisierten Produkten der 1930er Jahre besteht. Doch in Folge der Ausstellung im Grassi Museum unternahm Thonet eine sehr viel kritischere Auswertung des Archivs. Statt vorhandene Produkte einfach aktualisierend aufzuarbeiten, ist Thonet konzeptueller vorgegangen, um im Geiste der alten Kollektion neue, funktionale und zeitgenössische Objekte zu kreieren. Zu diesem Zweck wurden drei Projekte angestoßen: Eines beschäftigte sich mit Sofas, eines mit Lounge-Möbeln aus Stahlrohr und eines mit Lounge-Mobiliar aus Massivholz. Jedes Projekt wurde unter der Leitung eines Mitgliedes des Thonet Design Teams realisiert und auf der Mailänder Möbelmesse 2015 erstmals vorgestellt.

Thonet Programme S 650 Sabine Hutter, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Lounge-Möbelprogramm S 650 von Sabine Hutter für Thonet, gesehen bei Möbelmesse Mailand 2015

Für uns war und ist das Highlight der neuen Projekte das Lounge-Möbelprogramm S 650. Das von Sabine Hutter aus einem Konzept aus den 1950er Jahren entwickelte Programm S 650 ist eine eindrucksvoll reduzierte Sofa- und Sesselfamilie, die aus individuellen Sitzelementen besteht. Die Elemente können mittels eines Tischelements so kombiniert und verbunden werden, dass ein einheitliches Sofasystem entsteht. Wenn auch unverhohlen quadratisch, ist das S 650 doch ein anmutiges, unaufdringliches Objekt, das durch seine klassischen Linien und die Mischung aus Stahlrohr und großzügiger Polsterung zu einem Möbelprogramm mit zugänglichem und einladendem Charakter wird. S 650 ist eine zeitgenössische Produktserie, die, wie wir annehmen, eher in geschäftlichen Kontexten und Büros als im Wohnraum zum Einsatz kommen wird. Eine besondere Freude sind für uns die eleganten, lässigen Armlehnen, die es trotz ihrer funktionalen und formalen Relevanz nicht nötig haben, sich sonderlich hervorzutun. Diese Lässigkeit löst zudem jegliche erhabene Gewichtigkeit der Sessel auf und verleiht dem Programm einen überaus lockeren Charme.

In formaler Hinsicht sehr viel imposanter ist das Sesselprogramm S 830 von Emilia Becker. Mit seiner mehr oder weniger tropfenförmigen Sitzschale (eine Tropfenförmigkeit, die auf rabiate Art sehr geradlinig geschnitten ist) lässt der S 830 keinen Zweifel daran, wie man in ihm Platz zu nehmen hat. Nichtsdestotrotz – folgt man dieser nicht gerade subtilen Einladung, entdeckt man einen exzellent proportionierten und formal gut durchdachten Loungesessel, der angenehmes, gestütztes und entspanntes Sitzen ermöglicht. Eher als Programm denn als Einzelprodukt konzipiert, kommt der S 830 mit einer Reihe von Unterbauten daher – speziell mit einem Stahlrohrrahmen oder einem stehenden Drehfuß. Besonders effektvoll wirkte auf uns die Version mit farbigem Stahlrohrrahmen und zweifarbiger Polsterung.

Programme S 830 Emilia Becker Thonet, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Programm S 830 von Emilia Becker für Thonet, gesehen auf der Mailänder Möbelmesse 2015

Thonet verarbeitet allerdings nicht nur gebogenes Stahlrohr und Bugholz, sondern darüber hinaus auch nicht gebogenes, solides, gezimmertes Holz. Um das zu wissen, muss man zugegebenermaßen mit dem derzeitigen Thonet-Portfolio sehr vertraut sein. Allerdings reicht ein kurzer Blick in den Ausstellungskatalog des Grassi Museums, um zu bestätigen, dass solide Holzmöbel mehr oder weniger schon immer integraler Bestandteil der Thonet-Geschichte sind. Vielleicht liegt es gerade an dieser Fremdheit, dass einem die S 860 Serie von Lydia Brodde anfänglich so ins Auge sticht. Hat man allerdings den ersten Schock über ein solches Produkt in einer Thonet-Kollektion überwunden, lernt man nicht nur die Liebe fürs Detail zu schätzen, die das Design prägt, sondern auch die Qualität seiner Verarbeitung und Materialien. Die Verbindung dieser Konstruktionsfaktoren mit einer formal sehr offenen, dennoch robusten Optik ergibt einen Loungesessel, der nichts Spektakuläreres bietet als einen komfortablen und praktischen Sitzplatz. Und wie schon gesagt ist es letztendlich das, wonach man als Konsument verlangt. Kommt dann noch soviel wohlüberlegte Anmut wie beim S860 hinzu – umso besser! Der passende Ottoman sorgt zudem nicht nur für Extrakomfort, sondern funktioniert auch gut als Hocker, sodass man am Ende ein wunderbares 2für1-Geschäft macht.

Thonet Programme 860 Lydia Brodde, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Programm 860 von Lydia Brodde für Thonet, gesehen bei der Möbelmesse Mailand 2015

Damals, im Kontext der Leipziger Ausstellung, haben wir festgehalten, dass “die beeindruckendsten, überzeugendsten und erfolgreichsten Nachkriegskreationen von Thonet immer die waren, bei denen sich die Designer mit Thonet auskannten, aber etwas Neues versuchten, das dann jedoch immer noch “Thonet” war”. Die neuen S 830, S 650 und S 860 Programme erreichen genau das – und zwar in funktionaler, formaler und ästhetischer Hinsicht. Zudem stellen die Thonet Projekte wunderbar unter Beweis, dass Möbelproduzenten nicht immer gezwungen sind, etwas “Neues” zu machen. In diesem Zusammenhang möchten wir an eine Bemerkung erinnern, die uns zu den Garderoben S 1520, S 1521 und S1522 eingefallen ist : “So wie die Fischer in Island nicht versuchen, ihren Profit zu steigern, indem sie versuchen, so schnell wie möglich so viel Fisch wie möglich zu fangen, so hat sich auch Thonet entschieden, nicht alle paar Monate einen Überfall auf sein Archiv zu starten in der Hoffnung schnelles Geld zu machen, sondern beschlossen, mit diesem Archiv sehr respektvoll umzugehen.

Mit der Wiederbelebung des Archivs kann man es natürlich auch übertreiben. Neue Produkte sind ebenso wichtig, zumal für Thonet – sollte das Unternehmen vorhaben, auch eine dritte Designrevolution anzuführen. Das neue Sofa 2002 von Christian Werner, das Thonet ebenfalls in Mailand vorgestellt hat, steht zwar nicht für diese erneute Revolution, ist aber eine faszinierende Ergänzung des Thonet Portfolios – auch wenn es uns, um ehrlich zu sein, immer noch nicht gänzlich überzeugt hat. Einerseits sind wir sehr bezaubert von der Leichtigkeit, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und der Art und Weise, in der sich das Sofa 2002 auf fast die gesamten 150 Jahre der Thonet Geschichte bezieht. Auf der anderen Seite erscheint es uns zu offensichtlich, zu einfach, zu geradlinig und letztendlich als ein Objekt, das sich nicht genug vom Rest des Thonet Portfolios abgrenzt. um gänzlich in der Lage zu sein, eine eigene, autonome Identität zu entwickeln. Oder liegt es nur an uns, die wir, zynisch wie wir sind, nach Problemen suchen und etwas kritisieren möchten?

Glücklicherweise haben wir noch etwas Zeit, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, zumal es bei Möbeln im Gegensatz zur Mode nicht um sofortige Erfüllung geht. Das Verhältnis zu Möbeln sollte sich, wie zur Musik, entwickeln, reifen, sich vertiefen – über Jahre, Jahrzehnte, oder – im Fall von Thonet – Jahrhunderte.

smow Blog kompakt: Open World in der Kazerne Eindhoven

27. April 2015

Wie wir schon oft bemerkt, beklagt und bespöttelt haben, findet man in Eindhoven, einer Stadt, die weithin als die kreativste des Universums gilt, tatsächlich nur wenige Anzeichen von Design, Kreativität und Innovation.

Oder zumindest nicht in Eindhovens Innenstadt.

Etwas außerhalb der Stadt allerdings, beim ehemaligen Philips Industrieanwesen in Strijp am westlichen Rand der Stadt oder dem Sectie C Komplex im Osten, findet man scheinbar unerschöpfliche Zusammenschlüsse von Kreativen, die abseits, verkrochen wie der Fuchs im Bau, mit unterschiedlichem Eifer und Erfolg arbeiten.

Aber das Stadtzentrum?

“Kazerne Eindhoven” ist ein Versuch des Wandels.

Die offiziell während der Dutch Design Week 2014 eröffnete “Kazerne” zielt als Kombination aus Restaurant, Bar, Veranstaltungsraum und Galerie darauf, Design und aktuelles kreatives Potential in das Zentrum Eindhovens zu bringen – und so einem größeren Publikum und vor allem Laien zugänglich zu machen.

Nach der Eröffnungsausstellung “Open Mind”, die ergründen sollte, wie Designer, oder zumindest Designer der Design Academy Eindhoven, denken, präsentiert “Kazerne” jetzt “Open World”, eine Ausstellung, die sich mit dem elementaren Wesen der Designforschung auseinandersetzt, d.h. mit der Frage, wie Designforschung uns helfen kann, die Welt zu verstehen und bessere Formen für eine zukünftige Gesellschaft zu finden. So hilft uns die Ausstellung auch in vielerlei Hinsicht Antworten auf die Frage zu finden, die wir in unserem Rückblick zur Ausstellung “How we Work” im Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch aufgeworfen haben: “Ist die Arbeit zeitgenössischer niederländischer Designer sinnvoll und bedeutsam?”

Open World at Kazerne Eindhoven

Open World im Kazerne Eindhoven

Mit Beiträgen von über 20 dänischen Designstudios, wie beispielsweise Raw Color, Steven Banken, Nacho Carbonell oder Jeroen Wand, erreicht “Open World” die Zielstellung bisweilen auf grandiose Weise, aber nicht durchgehend – teilweise werden auch einfach interessante, provokant gedachte Projekte präsentiert.

Während Arbeiten wie beispielsweise “Momentum” von Jeffrey Heiligers (eine geschickte Visualisierung potentieller Energie und der relativen Bequemlichkeit, mit der kleine Mengen Elektrizität generiert werden können), “Light is a vector projecting a line”, der Skulptur von Arnout Meijer (eine schöne Untersuchung unserer Wahrnehmung von Licht), oder “CaCO3 – Stoneware” von Laura Lynn Jansen & Thomas Vaily (ein Versuch, die Kraft der Fossilisation und Versteinerung für den Produktionsprozess zu nutzen), interessante Visionen für eine mögliche Zukunft liefern, geht es bei anderen Projekten eher um eine Forschung um der Forschung willen – d.h. eher um Kunst als um Design und so, zumindest für uns, weniger darum, unser Verständnis zu erweitern oder darum, unsere Gesellschaft voranzubringen. Was diese Projekte nicht weniger gültig, interessant oder sehenswert macht, aber etwas zu weit vom eigentlichen Schwerpunkt der Ausstellung abrückt. Zu diesen Projekten gehören beispielsweise: “Unifixed” von New Window x Ola Lanko, Studio Drifts geniales Projekt “Fragile Future” oder die Collagenserie “2.0” von Joost van Bleiswijk, in der Überreste aus der industriellen Produktion zusammengefügt werden, um Objekte mit einer ganz eigenen Formensprache und einem individuellen Charakter entstehen zu lassen.

Sehr passend zum Fokus der Ausstellung ist “Mine Kafon” von Massoud Hassani ein Projekt, dem der größte Teil von “Open World” eingeräumt wurde. “Mine Kafon”, entwickelt als Massouds Design Academy Eindhoven Diplomprojekt, möchte eine simple, universale und vor allem sichere Methode zur Räumung von Landminen bieten und ist ein Projekt, das in letzter Zeit Gegenstand kontroverser Diskussionen war. Um es kurz zu halten: Manche zweifelten an dem Projekt und darüber hinaus am akademischen Ansatz, den die Design Academy Eindhoven vertritt. Ganz allgemein drehte sich alles um die Frage : “Mine Kafon. Kann man der Erfindung vertrauen?”. Mit Prototypen, Dokumentationsmaterial und älteren, aktuellen und zukünftigen Modellen des “Mine Kafon” liefert “Open World” aber nicht nur eine gute Gelegenheit, sich seine eigene Meinung zu bilden, sondern bietet Massoud auch eine Plattform, auf der er der derzeitigen Kritik begegnen kann und die Möglichkeit, klarzustellen, dass sich die Kritik höchstwahrscheinlich in den kommenden Monaten ohnehin erledigt haben wird – geht man davon aus, dass Massouds kommender “neuer” “Mine Kafon” hält, was er verspricht.

Die Zeit wird es zeigen!

In Kürze werden wir grundsätzlich mehr zum “Mine Kafon”, der Design Academy Eindhoven und dem “Kazerne”-Projekt in berichten; vorerst allerdings einige Eindrücke von “Open World”.

Solltet ihr also in der Nähe von Eindhoven sein – “Open World” anschauen und einen Espresso trinken könnt ihr in der “Kazerne”, Paradijslaan 2-8, 5611 KN Eindhoven bis Montag, den 8.Juni.

Alle Details sind unter www.kazerne.com zu finden.

smow Blog kompakt: 2.5.0. – Object is Meditation and Poetry. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig

24. April 2015

Die Geschichte der angewandten Kunst – wir glauben, es ist nicht zu impulsiv, das zu behaupten – ist eng verknüpft mit der aller anderen visuellen Kunstformen.

Insofern ist es auch nur logisch, dass die Geschichte des Grassi Museums für Angewandte Kunst zu Leipzig sehr eng mit der der Leipziger Kunsthochschule, der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), verknüpft ist.
Um jetzt den 250. HGB-Geburtstag zu feiern, wurden HGB-Studenten und -Graduierte vom Grassi Museum eingeladen, die Dauerausstellung der Sammlung des Grassi Museums zu unterbrechen, das heißt: ihre Arbeiten zwischen, neben und anstatt der Objekte aus der ständigen Sammlung zu platzieren, und so einen Dialog zwischen dem Dekorativen und dem Praktischen, dem Funktionalen und dem Abstrakten, dem Mondänen und dem Lächerlichen entstehen zu lassen.

Private Universe collection by Silke Koch in a kitchen Ensemble by Erich Dieckmann, as seen at 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum for Applied Arts Leipzig

Private Universe Serie von Silke Koch in einem Küchenensemble von Erich Dieckmann, gesehen bei 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum für angewandte Kunst zu Leipzig

Mit einer Auswahl von Gemälden, Skulpturen, Videos, Installationen und Objekten von über 70 internationalen Künstlern präsentiert die von Alba D’Urbano und Olga Vostretsova kuratierte Ausstellung “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” eine Reihe von Arbeiten, die, und das ist gewissermaßen enttäuschend, nicht speziell für die Ausstellung entwickelt wurden, sondern in anderen, davon unabhängigen Kontexten entstanden sind, sich aber dennoch auf bestimmte Aspekte der Sammlung oder des Grassi Museums beziehen lassen. “Enttäuschend” nicht, weil die daraus resultierende Ausstellung nicht funktionieren würde, das tut sie nämlich, sondern weil eine direktere Konfrontation mit der Sammlungsausstellung, vor allem auch mit dem Ausstellungsstil des Grassi Museums und den dort präsentierten Positionen, möglicherweise zu einer die Gedanken anregenderen, letztlich lohnenderen Ausstellung geführt hätte. Stattdessen hat man eine Ausstellung innerhalb einer anderen Ausstellung, “zwei zum Preis von einer” – aber wer freut sich heutzutage nicht über ein solches Schnäppchen inmitten all der Entbehrungen und finanziellen Unsicherheiten …

Damit soll aber nicht behauptet werden, es bestünde keinerlei Verbindung zwischen den Objekten und der Sammlung: Es gibt durchaus einige ganz offensichtliche Zusammenhänge. So zum Beispiel Bea Meyers Installation “Utopia is a perfect social system in wich everyone is satisfied and happy”, die vor einem Wandteppich platziert ist, der wiederum auf  Raphaels “Schule von Athen” basiert, oder Varinka Schreurs Serie “DIY. All Tomorrows Parties” aus 3D-gedruckten Objekten, die anstelle von Lausitzer Steingut aus dem 10. Jahrhundert vor Christi gezeigt wird. Es gibt noch einige wenige weitere subtile Verbindungen, so zum Beispiel die Serie “Private Unsiverse” von Silke Koch – kleine raumschiffartige Gebilde, aus gesammelten Küchenutensilien zusammengebaut, die in Erich Dieckmanns Küchenensemble aus den späten 1920er Jahren präsentiert wird, das er am Bauhaus Weimar entwickelt hatte; oder Silke Wawros “most expensive jacket in the world”, das zwischen Exemplaren der Plauener Spitze ausgestellt ist. Dann gibt es wiederum Objekte, bei denen, zumindest für uns, die Verbindungen eher vage sind. Das spielt allerdings keine größere Rolle, wenn man sich die Projekte für sich genommen anschaut. So haben wir uns beispielsweise über Cindy Schmiedichens Gipsplanken inmitten einer Reihe von Tischen und Stühlen von Designern wie Marcel Breuer, über Anton Lorenz und Mies van der Rohe oder über Susan Winters zwangsläufig namenlose Komposition aus 10.000 Rasierklingen sehr gefreut.

Gewissermaßen macht das auch die subtile Schönheit von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” aus. Wir denken nicht, dass irgendjemand ins Grassi Museum gehen wird, nur um HGB-Arbeiten zu sehen. Die meisten kommen wegen der Dauerausstellung der Sammlung, für die exzellente Tour von der Antike bis zum heutigen Tag – eine Reise, die beweist, wie grundsätzlich gleich und unverändert unsere Anforderungen in Sachen Möbel, Kleidung und Verbrauchsgüter über die Jahrhunderte geblieben sind und die zigtausende Jahre der kulturellen Entwicklung erforscht. Und während des Ganges durch die Dauerausstellung werden die Besucher eingeladen, nach Wunsch in die HGB-Projekte einzutauchen. Der Besucher steht nicht unter dem Druck, alle Projekte sehen oder verstehen zu müssen, geschweige denn, an allen Gefallen zu finden. Letztlich ist das der beste Weg, sich ein Museum anzuschauen, fällt doch so eine Menge an Zwang weg, den man häufig beim Besuch von Dauerausstellungen verspürt. Geht es nicht den meisten so? Rokoko muss man nicht schön finden, Marcel Breuers Stahlrohrstühle kann man auch als sinnlose Studentenabenteuer abtun – und was bitte macht Fernando und Humberto Campanas “Sushi”-Pouf so außergewöhnlich?

Ein besonderes Highlight von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” waren für uns Alexej Meschtschanows Stühle – gefesselt von ungehobelten Stahlrohren. Stühle, die im ganzen Museum verteilt sind und die, ganz abgesehen von ihrer besonderen Verspieltheit, einen an die Gefahren von Museen erinnern, die sich allzu ernst nehmen, ihre Sammlungen als abgeschlossene Positionen begreifen und vergessen, auch mal etwas Luft in ihren Bestand zu lassen.

Mit “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” hat das Grassi Museum zu Leipzig einen sehr willkommenen frischen Wind in seine Ausstellungräume gelassen.

“2.5.0. – Object ist Meditation and Poetry” läuft im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig, Johannisplatz 5-11 04103 Leipzig, bis Sonntag, den 28.Juni.

Alle Details sind unter www.grassimuseum.de zu finden.

5 neue Designausstellungen im April 2015

14. April 2015

Nicht verpassen sollte man im April nicht nur die Auflösung der Aprilscherze, sondern auch diese 5 neuen Design- und Architekturausstellungen …

“Somewhat Different. Contemporary Design and Power of Convention” im Museum of Decorative Arts and Design in Riga, Lettlan

Im Zusammenhang mit seinem Autoprogrettazione-Projekt verkündete Enzo Mari mehr oder weniger grundlegend, dass jedes Objekt nur eine perfekte Form haben kann. Funktionalisten veränderten kontinuierlich die Form, um uns zu verwirren und die kommerzielle, industrielle Produktion zu rechtfertigen und so die ganze Möbelindustrie zu stützen. Oder wie Jasper Morris es so eloquent ausdrückte: “Marcel Breuer sah ein paar Fahrradlenker und kam auf die Idee, die gleiche Produktionsmethode für die Herstellung von Stühlen zu nutzen. Heute würde jeder Konstrukteur beschließen, die Lenker einfach so zu nutzen wie sie sind und sich die Mühe und Kosten zu sparen, das Stahlrohr zu biegen.” Die Ausstellung “Somewhat Different. Contemporary Design and the Power of Convention” nutzt die Idee der Zweckentfremdung als Ausgangspunkt für eine Ausstellung von Objekten, die von der Norm abweichen, populäre Konventionen anfechten und uns so hoffentlich deutlich machen, dass Konventionen eher Richtlinien als Gesetze sein sollten und dass eine echte Veränderung nur entstehen kann, wenn man Konventionen überwindet.

Die Ausstellung wurde vom deutschen Institut für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa) organisiert und von Volker Abus, der natürlich selbst einer der jungen Vertreter der deutschen postmodernen Bewegung Neues Deutsches Design und ein anerkannter Meister in Sachen Zweckentfremdung von Objekten ist, kuratiert. “Somewhat Different” ist eine Wanderausstellung, die seit 2009 durch die Welt tourt und jetzt in Riga gelandet ist. Präsentiert wird einerseits die “übliche” Sammlung von 148 Objekten von 67 internationalen Designstudios – darunter beispielsweise: Pin Coat von Oliver Bahr für Moormann (konventioneller Garderobenständer: ein Haufen unbeugsamer Stäbe – Pin Coat: ein Haufen loser Stäbe), Algue von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra (üblicherweise: florales Dekor – Algue: florale Module); Re-tire & Re-babe von e27.BERLIN (konventionelle Variante: Stuhl für die Mutter steht fest, die Wiege schaukelt, e27.Berlin Entwurf: Stuhl schaukelt, genau wie die Wiege), oder das Polyurethan-Waschbecken von Hella Jongerius (normales Waschbecken: hart und kalt, Jongerius’ Entwurf: weich und warm).

“Somewhat Different. Contemporary Design and the Power of Convention” ist im Museum of Decorative Arts and Design, 10/20 Skarnu Street, 1050 Riga von  Samstag den 11. April, bis Sonntag den 14. Juni, zu sehen.

nils holger moormann patrick frey markus boge kant

Kant von Patrick Frey & Markus Boge für Nils Holger Moormann, normalerweise befinden sich die Aufbewahrungsmöglichkeit neben, unter oder hinter dem Tisch – bei Kant ist der Sturaum in die Tischplatte integriert.

“What is Luxury?” im V&A Museum, London, Großbritannien

Es gibt wohl nur weniges im Leben, das so heftig und universal begehrt ist wie der Luxus. Aber was genau ist Luxus? Was war Luxus und was wird Luxus sein? Bedenkt man Größe, Alter, Rang und Wert seiner Sammlung ist das V&A Museum in London der perfekte Ort um solche Fragen zu untersuchen. Die in Zusammenarbeit mit dem UK Crafts Council entwickelte Ausstellung “What is Luxury?” verspricht um die 100 Objekte: von handgemachten Uhren über feine Schneiderei und eine mit Diamanten und Smaragden verzierte Krone, bis hin zu eher abstrakteren Objekten, wie dem wirklich monumentalen Projekt Time Elapsed von Phillipe Malouin, dem weniger monumentale aber ebenso interessanten Hair Highway Projekt von Studio Swine oder Gabriel Barcia-Colombos DNA Vending Machine. Anhand solcher Objekte will die Ausstellung den Luxus in all seinen Facetten erkunden und, wie wir hoffen, dem Besucher eine Idee davon vermitteln, was wahrer Luxus (und was nur eine teure Verschwendung von Zeit und Ressourcen) ist.

“What is Luxury?” wird am Samstag, den 25. April, in der Porter Gallery, V&A, Cromwell Road, London SW7 2 RL eröffnet und läuft bis Sonntag, den 27. September.

Kunstgewerbemuseum Dresden WerkStadt Vienna Design Engaging the City Philippe Malouin Time Elapsed J & L Lobmeyr

Time Elapsed von Philippe Malouin durch J & L Lobmeyr, gesehen als Teil von WerkStadt Vienna Design Engaging the City im Kunstgewerbemuseum Dresden

“Le Corbusier. Mesures de l’homme” im Centre Pompidou, Paris, Frankreich

Aedium compositio constat ex symmetria, cuius rationem diligentissime architecti tenere debent – die Gestaltung von Tempeln ist abhängig von der Symmetrie – Regeln, die Architekten genauestens beachten sollten – so schrieb (sogar aufgefordert) der römische Autor Vitruvius in seiner Arbeit “De architectura”, im Jahr 15 vor Christus. Weiter heißt es dort: “Denn ohne Symmetrie und Proportion kann kein Tempel einen regelmäßigen Entwurf haben, das heißt, der Tempel muss exakten Proportionen folgen, die der Art des fein geformten, menschlichen Körpers nachempfunden sind.” Ungefähr seit dieser Zeit haben Architekten versucht die menschlichen Proportionen  als Basis für ihre Planungen und Konstruktionen zu nutzen, vielleicht am berüchtigsten Le Corbusiers mit seiner Modular-Theorie. Entwickelt während de 1940er und 1950er Jahre und unter dem Titel “Der Modulor: Darstellung eines in Architektur und Technik allgemein anwendbaren harmonischen Maßes im menschlichen Maßstab” veröffentlicht, sah Le Corbusiers Theorie eine Zukunft voraus, in der alle Konstruktionsentscheidungen auf einem Raster basieren würden, das aus den standardisierten Proportionen eines Mannes mit ausgestreckten Armen – 2,20 Meter – abgeleitet wird. Le Corbusier, als der der er war, beließ es natürlich nicht bei theoretischen Diskussionen, sondern baute Häuser nach seinen Maßstäben, darunter seine Unité d’Habitation in Marseille 1947 und die Unité d’Habitation von 1957 in Berlin. Mit Le Corbusiers Faszination für menschliche Proportionen als kuratorischem Ausgangspunkt verspricht das Centre Pompidou eine Präsentation von 300 Objekten, anhand derer die Organisatoren den vollen Umfang von Le Corbusiers Oeuvre beleuchten möchten, ohne den Fokus auf die gewohnten Gebäude und Möbeldesigns zu  legen.

“Le Corbusier. Mesures de l’homme” ist vom 29. April bis 3. August im Le Centre Pompidou, Place Georges-Pompidou, 75191 Paris zu sehen.

Le Corbusier Unité d Habitation Berlin

Unité d Habitation Berlin von Le Corbusier

“Pathmakers Women in Art, Craft and Design, Midcentury and Today” im Museum of Arts and Design (MAD), New York, USA

Ein altes Sprichwort lehrt: werde Koch oder Bestatter und du wirst nie Angst haben müssen, keine Arbeit zu finden – die Menschen werden immer essen und sterben. In diese Liste könnten inzwischen getrost auch die Genderstudies aufgenommen werden; haben doch in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Soziologen die Gendertheorie auf so ziemlich noch so kleinen Aspekt der zeitgenössischen Kultur angewendet. Die Kreativität, mit der immer neue Nischen erforscht werden, scheint kein Ende zu nehmen und so wird wohl auch die Arbeit für Genderexperten nicht abnehmen. Natürlich betrifft das auch die Bereiche Architektur und Design. Ein Glück – denn seit Jahren haben weibliche Kreative grundsätzlich einen schweren Stand. Auf diesen Seiten haben wir häufig über die untergeordnete Rolle von Frauen wie Ray Eames, Lilly Reich oder Charlotte Periand geschrieben, die diese Frauen zu akzeptieren hatten, oder über den Mangel an echten Möglichkeiten für Bauhausstudentinnen, trotz der vom Bauhaus proklamierten Gleichstellung. Und selbst wenn es Ausnahmen gegeben hat – für jede Marianne Brandt oder Eileen Gray gibt es etliche Edith Heaths, Ruth Asawas oder Alice Kagawa Parrots, um nur drei, der in der Ausstellung “Pathmakers” vertretenen Künstlerinnen zu nennen. Neben einem Blick auf die Karieren von Designerinnen der 1950er und 1960er Jahre wird die Ausstellung auch Arbeiten von aktuellen Designerinnen und Künstlerinnen zeigen, darunter beispielsweise von Magdalene Odundo, Hella Jongerius und Front Design. Pathmakers Women in Art, Craft an Design wird so versuchen den Diskurs zu Rolle, Einfluss und Position kreativer Frauen nicht nur rückblickend, sondern auch in der Gegenwart zu verorten.

“Pathmakers Women in Art, Craft and Design, Midcentury and Today” öffnet im Museum of Arts and Design (MAD), 2 Columbus Circle, New York, NY 10019 am Dienstag, den 28. April und läuft bis Sonntag, den 27. September.

Design Miami Basel 2014 Hella Jongerius Coloured Vases Priveekollektie

Coloured Vases von Hella Jongerius

“Hamster Hipster Handy. Under the Spell of the Mobile Phone” im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt

Dass die ersten Mobiltelefone alles außer “mobil” waren, können nur die älteren Semester von uns noch wissen. Man sollte mal versuchen das den Kindern von heute zu erklären und ihnen dann noch verständlich machen, dass damals niemand voraus gesehen hat, was für eine zentrale Komponente des täglichen Lebens das Mobiltelefon einmal werden würde. Sie werden große Gesichter machen.

Die Ausstellung “Hampster Hipster Handy” untersucht jetzt das Mobiltelefon als kulturelles Phänomen und die einzigartige Rolle, die Handys bei der Definition und Formung unserer modernen Gesellschaft und unseres modernen Selbstbildes spielen. Den Schwerpunkt bilden die zwei Seiten unserer Abhängigkeit von Mobiltelefonen: die negative, wie sie durch Strahlungstests an Hamstern gut veranschaulicht wird, und die positive für die der mobil vernetzte, global aktive Hipster stehen soll.

Neben einer Sammlung von Fotografien, Kunstwerken, Videos und interaktiven Installationen von über 50 internationalen Künstlern, wie beispielsweise Arne Fries, Ai Weiwei und Peter Boettcher, verspricht “Hamster Hipster Handy” auch eine Präsentation von Artikeln des täglichen Lebens, die helfen sollen, die Entwicklung des Handys in einen kulturellen Kontext zu setzen. Zudem wird auch eine Reihe von Mobiltelefonen aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gezeigt, die die Geschichte sehr gut für die bereits erwähnten Kinder von heute illustriert.

“Hamster Hipster Handy. Under the Spell of the Mobile Phone” ist zu sehen im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, 60594 Frankfurt am Main, ab Samstag, den 25. April bis Sonntag, den 5. Juli.

kyle bean mobile evolution

Kyle Bean, Mobile Phone Evolution 1, 2009 (Foto © Kyle Bean Photographer: Kyle Bean mit freundlicher Genehmigung des Museums Angewandte Kunst, Frankfurt)

How We Work, new Dutch Design im Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch

10. April 2015

So interessant viele Designobjekte ohne Frage auch sein mögen, die Geschichte ihrer Entstehung ist stets noch interessanter. Ganz besonders betrifft das zeitgenössische niederländische Designobjekte, denn wie wir in unserem Post zur Ausstellung “Domestic Affairs – New Voices in Dutch Design” in Köln schon bemerkt haben, gibt es momentan nur sehr wenige Designer in Holland, die einfach Produkte produzieren. Vielmehr neigen niederländische Designer derzeit dazu den Entwicklungsprozess sehr viel erzählerischer und heterogener zu gestalten als das im eher klassischen Produktdesign der Fall ist. Einblicke in die facettenreiche Gestalt solcher Designprozesse, die Art der Entscheidungen, die Designer fällen müssen und die Probleme, die bewältigt werden müssen, um ein Projekt zu realisieren oder ein Konzept zu entwickeln, werden bis 17. Mai in der Ausstellung “How We Work, new Dutch Design” im Stedelijk Museum in ‘s-Hertogenbosch präsentiert.

How We Work new Dutch Design Stedelijk Museum 's-Hertogenbosch

How We Work, new Dutch Design im Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch

Die von Tatjana Quax vom Amsterdamer Studio Aandacht kuratierte Ausstellung “How We Work, new Dutch Design” präsentiert 14 Projekte, die repräsentativ für eine “neue Strömung im niederländischen Design” stehen sollen. Ein Ausstellungskonzept also, das vorgibt definieren zu können, was unter einer “neuen Strömung” zu verstehen ist. Tatjana Quax und das Stedelijk Museum haben beschlossen sich auf Arbeiten zu konzentrieren, die die “Rolle und Funktion des Designs in einer Welt voller Exzess” untersuchen. Genauer gesagt haben die Organisatoren den Schwerpunkt auf Projekte gelegt, die sich mit einer Kombination aus traditionellem Handwerk und neuen Produktionsprozessen beschäftigen und eher für Wiederverwendung als für Recycling stehen. Dazu gehören Arbeiten wie Dirk vander Kooijs genialer Melting Pot Table. Ein Projekt, das als Möglichkeit begann den während der Forschungs- und Produktionsarbeit von Dirk anfallenden Müll wiederzuverwenden und sich in eine täuschend einfache Methode für die Wiederverwendung von Plastikmüll entwickelt hat. Die in der Ausstellung gezeigte Version wurde aus geschmolzenen Plastikteilen ausgedienter Computer und Tastaturen hergestellt, die aus dem früheren Scryption Museum in Tilburg stammen und denen der Tisch so die herrlichen postindustriellen Graustufen zu verdanken hat. In ähnlicher Weise basiert auch Pepe Heykoops Projekt Skin Collection auf einem relativ simplen Konzept, das jedoch über eine Tiefe verfügt, die über die eigentlich sehr oberflächliche Einfachheit hinwegtäuscht. Pepe bezieht ausgediente Möbel mit Lederresten aus der industriellen Möbelproduktion und kreiert so Objekte, die eine charmante Desorientierung vermitteln und einem dennoch vage vertraut erscheinen.

How We Work new Dutch Design Stedelijk Museum 's-Hertogenbosch Melting Pot Table Dirk vander Kooij

Melting Pot Table von Dirk vander Kooij, gesehen bei  How We Work, new Dutch Design, Stedelijk Museum  im ‘s-Hertogenbosch

Bei einer Ausstellung über zeitgenössisches niederländisches Design fällt auf, dass ganz klar überwiegend konzeptuelle und experimentelle Projekte präsentiert werden. Red Wood vom Eindhovener Studio rENs beispielsweise untersucht, wie unterschiedliche Holzarten rotes Pigment aufnehmen. Warum nun gerade das erforscht werden muss, ist eine Frage, die natürlich viele stellen werden und stellen sollten. Nur ist manchmal das Warum unwichtiger als das Was – und abgesehen vom zugegebenermaßen abstrakten Hintergrund des Projektes selbst – fällt das Resultat, eine Tischkollektion mit Objekten in unterschiedlichen Formen, Größen, Hölzern und besagten individuellen Farbtönen, sehr charmant aus. Ähnlich abstrakt in seinem Ursprung, dennoch charmant im Ergebnis ist Drawn from Clay – Noordoostpolder von Lonny van Ryswyk und Nadine Sterk alias Atelier NL. Im Laufe eines Projektes, das gut zum Portfolio von Myvillages passen würde, haben die Designer von Atelier NL Lehmproben aus ungefähr 2000 Feldern in der Region Noordoostpolder in den Niederlanden entnommen und aus ihnen Kacheln, Geschirr und andere Accessoires kreiert – jedes einzelne Objekt mit der ursprünglichen Farbe und Textur des jeweiligen Lehms und so verbunden mit dem Geist des jeweiligen Ortes, der ein industriell gefertigtes Produkt in einen begehrten persönlichen Besitz verwandelt. Natürlich könnte man einfach Geschirr in einer Reihe von Lehmtönen produzieren und Holzbretter in unterschiedlichen Rotabstufungen anstreichen. Nur ist das wie gesagt einfach nicht das Ding zeitgenössischer niederländischer Designer. Um ehrlich zu sein glauben wir nicht, dass irgendwer in Eindhoven so etwas überhaupt für möglich halten würde. Ob die Sache der niederländischen Designer sinnvoll und bedeutsam, oder dann doch einfach Design ist, muss an anderer Stelle beantwortet werden.

How We Work new Dutch Design Stedelijk Museum 's-Hertogenbosch

How We Work, new Dutch Design im Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch

“How We Work, new Dutch Design” umfasst allerdings auch Objekte, die man als eher zielgerichtete, absichtsvoll entwickelte Produkte bezeichnen könnte. Insbesondere betrifft das Chris Kabels Projekt Blue Sky Lamp, der Versuch mit einer Lampe gegen Winterdepressionen vorzugehen, und Joris Laarmans Makerchair, ein Open-Source-3D-gedruckter-Stuhl, der aus 77 Elementen besteht, die frei angepasst werden können, um ein persönliches, selbst produziertes und selbst gebautes Möbelstück zu kreieren. Ansonsten hat uns die interaktive Präsentation von Dyptych von Lex Pott sehr beeindruckt, bei dem die weicheren Sommerringe mittels Sandstrahler aus einem Stück Douglastanne entfernt werden, sodass nur die härteren Winterringe stehen bleiben – ein visueller Effekt, der eine völlig neue Perspektive auf das eigentliche Wesen des Holzes eröffnet und Valentin Loellmanns Projekt Herbst/Winterbank, das uns nach wie vor fasziniert, auch wenn wir es nicht wirklich verstanden haben. Wir hoffen jedoch, dass wir es bald begreifen werden. Eine besondere Erwähnung hat zudem Phenomenon von Pieke Ergmans verdient. Für uns eines der echten Highlights bei “How We Work” und ein Projekt, das Licht gewissermaßen verschwinden und dann wieder erscheinen lässt. Neben der Präsentation der 14 Projekte stellt “How We Work” auch einen Informationstisch mit etwas mehr Hintergrundinformationen zu den Designern zur Verfügung, während zudem eine Reihe von Kurzfilmen zu den Designern und ihren Arbeiten im Untergeschoss in Dauerschleife läuft und die Ausstellung wunderbar ergänzt.

How We Work new Dutch Design Stedelijk Museum 's-Hertogenbosch Phenomenon Pieke Bergmans

Phenomenon von Pieke Bergmans, gesehen bei How We Work, new Dutch Design, Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch

Die geschickt aufgebaute, gut durchdachte und sehr unterhaltsame und informative Ausstellung “How We Work, new Dutch Design” fällt für uns allerdings an den Punkten, die sie vorgibt zu thematisieren, etwas zu knapp aus. Viele der Projekte werden für uns zu kurz erläutert. Ja, wir verstehen zwar, dass es in manchen Fällen nicht mehr geben mag, das sich bequem innerhalb der Beschränkung des Raumes präsentieren ließe – etwas mehr Input von Seiten der Designer wäre allerdings wirklich hilfreich gewesen: Motivation, die größten Probleme, Einflüsse, Erkenntnisse, begangene Fehler, Hilfen etc. Dann wäre es wirklich eine Ausstellung über “How we work” geworden – und, noch wichtiger, vielleicht eine zugängliche Einführung zu einigen sehr interessanten Protagonisten des zeitgenössischen, dänischen Designs. Das Stedelijk Museum ist übrigens im selben Komplex wie das Het Noordbrabants Museum, so kann man also beide Ausstellungen, “How we Work, new Dutch Design” und “Design from the Country of Potato Eaters – Designers meet van Gogh”, zusammen besuchen. Kauft das Kombiticket für beide Ausstellungen und verbringt den Tag auf dem Gelände, das wäre unser Tip. “How We Work, new Dutch Design” läuft im Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch, De Mortel 4, 5211 HV ‘s-Hertogenbosch bis Sonntag, den 17. Mai.

Alle Details sind unter http://www.sm-s.nl zu finden.


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