Manche Möbel funktionieren einfach. Andere erzählen Geschichten. Und dann gibt es den Bibendum Sessel von Eileen Gray – 100 Jahre alt und immer noch überraschend gegenwärtig. Kein nostalgisches Relikt, sondern ein Entwurf, der bis heute zeigt, wie modern sich Modernität anfühlen kann.
Der Bibendum ist mehr als ein Sessel. Wer ein Gespür für Design hat, merkt das sofort beim Hinsetzen. Da ist Gewicht, Haltung, Präsenz.
Zum 100-jährigen Jubiläum ist 2026 eine streng limitierte Edition erschienen, die nicht nur ein ikonisches Objekt feiert, sondern auch die Ideen dahinter: Bewegung, Aufbruch, ein neuer Blick auf Wohnen. Die charakteristischen Polsterrollen sind dabei mehr als Form – sie sind ein klares Statement.
Bibendum ist eine charmante Anspielung auf das berühmte Michelin-Männchen, das im Französischen übrigens "Bibendum" heißt und dessen Körper aus übereinander gestapelten Reifen besteht – ein Sinnbild für Mobilität, Technik und Dynamik. Gray übersetzte diese Idee in Leder und Stahl: Die Polsterrollen greifen die segmentierte Form auf, opulent, fast skulptural – verspielt und zugleich radikal modern. Ein Möbelstück, das das Lebensgefühl einer neuen, bewegten Zeit in sich trägt.
Eileen Gray fuhr selbst leidenschaftlich gern Auto. Sie mochte Geschwindigkeit, Bewegung, dieses Gefühl von Freiheit. Genau das spiegelt sich im Bibendum.
Auch später, als ihr Sehvermögen nachließ, ließ sie das Thema nicht los – sie dachte sogar über einen Roller als Alternative nach, entschied sich aber dagegen. Mobilität blieb für sie mehr als Fortbewegung: ein Lebensgefühl.
Der Bibendum trägt genau das in sich. Wie viele ihrer Möbel erzählt er von seiner Gestalterin – hier aber besonders deutlich: klare Kontraste, starke Präsenz, ein Spiel aus Stahl und Leder. Technik und Sinnlichkeit greifen ineinander, ohne sich zu widersprechen.

Im Haus E.1027 an der Côte d’Azur entwickelt Gray ihre Vision vom Raum als lebendige Beziehung. Hier treffen ihre gestalterischen Facetten aufeinander und der Bibendum auf seinen Gegenpol: den Eileen Gray Adjustable Table E1027. Der eine voluminös, fast dominant. Der andere leicht, beweglich, zurückhaltend.
Wo der Sessel Raum einnimmt, zieht sich der Tisch nahezu unsichtbar zurück. Wo der Tisch beweglich und funktional dient, strahlt der Bibendum Präsenz und Volumen aus. Zwei Gegenpole, die gemeinsam eine Szene der Moderne formen – und zugleich die Vielschichtigkeit ihrer Designerin sichtbar machen.
Zusammen funktionieren sie wie ein bewusst gesetzter Kontrast. Der Sessel definiert Raum, der Tisch passt sich an. Beides gehört zusammen – ohne sich zu ähneln.

In Eileen Grays Villa und überall dort, wo die beiden Möbelstücke aufeinander treffen, tritt ihre Gegensätzlichkeit in einen Dialog: Der Bibendum fordert, der Tisch begleitet. Frühstück im Bett, Lesen, ein Nachmittag im Licht der Côte d’Azur – alles wirkt, als wäre es von unsichtbarer Hand komponiert. Gray entwarf nicht nur Möbel, sondern Momente, Atmosphären, ein Lebensgefühl. Ihre Vorstellung von Moderne wird hier greifbar – leise, aber eindringlich, fast körperlich spürbar.
100 Jahre nach seiner Entstehung kehrt der Bibendum zurück – streng limitiert, in hellem Beige, mit vernickeltem Stahlrohr. Jedes Exemplar trägt Grays Signatur sowie eine individuelle Editionsnummer. Das Beige verleiht dem Sessel Ruhe und Wärme, eine beinahe archaische Präsenz, ohne seine ikonische Kraft zu mindern.
Heute lebt der Bibendum nicht allein, sondern im Verhältnis – zum Raum, zu anderen Objekten, zum Menschen. Sein Gegenspieler, der Adjustable Table, ergänzt ihn, ohne je mit ihm zu konkurrieren. Gemeinsam erzählen sie von einer Designerin, die verstand, dass Design nicht nur Form ist, sondern Haltung.
Im Zusammenspiel mit dem Adjustable Table zeigt sich, worum es Gray ging: nicht um einzelne Ikonen, sondern um Beziehungen. Um ein Verständnis von Design, das über Form hinausgeht.
Und genau deshalb wirkt der Bibendum auch nach 100 Jahren nicht wie ein Denkmal, sondern wie ein Möbel, das immer noch benutzt werden will.
Man setzt sich hinein – und merkt schnell: Manche Entwürfe altern nicht. Sie bleiben in Bewegung und modern.