
Manchmal begegnet man einer Designerin nicht über ein neues Objekt, sondern über einen vertrauten Klassiker. Unsere Aufmerksamkeit galt einem Sessel, den man zu kennen glaubt: dem F51 von Tecta. Ein Bauhaus-Entwurf von Walter Gropius, vielfach gesehen, vielfach zitiert – und doch selten wirklich neu betrachtet.
Katrin Greiling hat sich diesem ikonischen Möbel mit bemerkenswerter Präzision genähert. Statt beispielsweise die Form zu verändern, verlagerte sie den Entwurf auf eine andere Ebene: Material, Textilität und Farbe. Durch neue Stoff- und Farbkompositionen, durch das bewusste Spiel mit Kontrasten, Oberflächen und Wahrnehmung wird der Sessel als F51 N nicht (nur) neu gestaltet, sondern neu gelesen. Volumen treten hervor, Proportionen verschieben sich, die Konstruktion gewinnt eine andere Präsenz im Raum.

Greilings Interpretation versteht sich dabei nicht als stilistische Variation, sondern als inhaltliche Setzung. Ihr Ansatz war es, dem historischen Entwurf eine weitere Perspektive hinzuzufügen – inspiriert vom oft übersehenen Stellenwert der Frauen am Bauhaus und insbesondere von Gunta Stölzl, der ersten und einzigen Meisterin am Bauhaus sowie prägenden Protagonistin der modernen Textilgestaltung. Materialität wird hier zum Träger von Bedeutung, Farbe zum Instrument der Wahrnehmung.
Die 1978 in Deutschland geborene Designerin, ausgebildet in Schweden und international tätig, bewegt sich zwischen Möbel- und Produktdesign, Innenarchitektur, Fotografie und Forschung. Im Moment lehrt Katrin Greiling als Assistant Professor an der Aalto Universität in Helsinki – ein Kontext, der ihre Haltung zu Gestaltung widerspiegelt: materialbewusst, reflektiert und kulturell sensibel.
Ein Gespräch über Material und Verantwortung, über Perspektivwechsel – und über die stille Kraft von Farbe.

smow: Sie haben in Schweden studiert, international gearbeitet und lehren heute an der Aalto Universität in Helsinki. Was hat Sie dazu bewegt, nach Skandinavien zu ziehen?
Katrin Greiling: Als ich Ende der 90er Jahre nach Schweden zog, ging es mir weder um skandinavische Ästhetik noch um eine bestimmte Formensprache. Meine Entscheidung hatte viel mehr mit Feminismus und dem Wunsch zu tun, Gestaltung von Grund auf zu verstehen. Für mich beginnt Design nicht mit Bildern, sondern mit Material. Ich wollte wissen, wie etwas gemacht ist, bevor ich mich mit Abstraktion oder ästhetischen Konzepten beschäftige. Holz war dafür das logische Material. In Deutschland kam ein Schreinereistudium für mich als Frau nicht in Frage. Durch glückliche Zufälle stieß ich auf Capellagården auf Öland, wo ich zunächst Tischlerei studierte, bevor ich an der Konstfack in Stockholm Möbel- und Innenarchitektur studierte. In Schweden ist Designausbildung eng mit dem Erlernen eines Handwerks verbunden. Erst die Auseinandersetzung mit Material, dann die künstlerische Ausbildung. Konstruktion, Präzision und Verantwortung gegenüber dem Material standen dabei immer im Mittelpunkt. Diese Haltung prägt mich bis heute stärker als jede stilistische Zuschreibung.

smow: Gibt es ein Designprinzip oder eine Erfahrung aus Ihrer Zeit in Schweden, die Sie bis heute prägt?
Katrin Greiling: Mir fällt es schwer, einzelne Faktoren herauszugreifen, denn vieles hängt zusammen. In Schweden ist das Verständnis für gute Gestaltung und Qualität tief gesellschaftlich verankert. Ende der 90er Jahre wurden zum Beispiel durch kurze Filmsequenzen Alltagsprodukte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorgestellt. Gestaltung wurde so allen zugänglich gemacht und als Identität, Wirtschaftsfaktor und gesellschaftlicher Wert erlebbar. Außerdem waren für mich die Förderung von Selbstständigkeit, die konsequente Forderung nach kritischem und analytischem Denken, und die Bedeutung von struktureller Unterstützung – durch nationale und internationale Förderprogramme, frühe Kontakte zu Produzent:innen und die Arbeit mit Presse von großer Bedeutung. Schon damals erlebte ich inklusive, gleichberechtigte Arbeitsumfelder, die mir Mut und Selbstvertrauen gaben, meinen eigenen Weg zu gehen.
smow: Viele Ihrer Projekte wirken klar und reduziert, gleichzeitig sehr lebendig – etwa das Interiorprojekt Wörther oder andere Arbeiten. Wo beginnt für Sie ein Entwurf? Gibt es alltägliche Momente, Beobachtungen oder Routinen, aus denen Ihre Inspiration entsteht?
Katrin Greiling: Für mich beginnt ein Entwurf immer im Dialog. Je empathischer man aufeinander eingehen kann, desto besser wird das Ergebnis. Dieser Dialog findet auf mehreren Ebenen statt: mit den Menschen und Unternehmen, für die ich gestalte, mit den Produzent:innen. Und mit der grundlegenden Frage: Wofür und warum machen wir das? Zu Beginn eines Projekts ist mir der Besuch in der Produktion besonders wichtig. Die tatsächlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten vor Ort zu verstehen, bildet die Grundlage dafür, bestehende Gegebenheiten bestmöglich zu nutzen und innerhalb des gegebenen Rahmens Neues zu schaffen. Ich beobachte den Alltag genau: Routinen, kleine Gesten, gesellschaftliche Dynamiken. Themen wie Status, Inklusion und Gleichberechtigung fließen selbstverständlich ein – ebenso wie die bewusste Wahl der Materialien. Diese Aufmerksamkeit zeigt sich in Produkten, die erst durch Nutzer:innen funktionieren, wie die Planstant, oder im Vorhangstoff Reverse für Kvadrat. So entsteht Gestaltung, die reduziert, aber lebendig und erfahrbar ist.
smow: Sie bewegen sich zwischen Möbel- und Produktdesign, Innenarchitektur, Fotografie und kuratorischer Praxis. Können Sie ein Projekt nennen, bei dem diese Mischung zu einer besonders überraschenden oder starken Lösung geführt hat?
Katrin Greiling: Ich liebe den Wechsel zwischen den Disziplinen und die unterschiedlichen Skalierungen. Besonders die Fotografie hilft mir oft, bestehende Dinge bewusst zu rahmen und durch die subjektive Wahl des Ausschnitts auch aus Banalem visuelle Poesie zu schaffen. Sehend, ohne weitere Ressourcen zu verbrauchen. Während meiner Forschung auf der Arabischen Halbinsel als auch in Indonesien war die Kamera ein unersetzbares Werkzeug. Sie erlaubte mir vor allem, Beobachtungen zu legitimieren, das Gesehene zu sammeln, neu zu ordnen und Zusammenhänge zu erkennen – sowohl gesellschaftlich als auch formal in der Gestaltung. Projekte wie die Sofa-Serie Bidoun oder die Tata-Serie sind direkte Ergebnisse dieser Arbeitsweise.

smow: Ihre Forschungsarbeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten und die Beteiligung an der ersten VAE-Präsentation auf der Biennale in Venedig waren prägende Stationen. Gab es dort eine Begegnung oder Erfahrung, die Ihre Haltung zu Design nachhaltig beeinflusst hat?
Katrin Greiling: Der Perspektivenwechsel war für mich wegweisend. Kurz nach meinem MFA in eine - für mich neue - Kultur einzutauchen, hat meinen Blick grundlegend verändert. Ich habe verstanden: Design ist nie neutral - es ist immer auch kulturell und politisch. Formal stark vom schwedischen Funktionalismus geprägt, dann - jenseits der Eurozentrik - zu arbeiten, mit anderen Wertschätzungen, war rückblickend das Beste, was ich tun konnte. Was zunächst nicht logisch erschien, erwies sich als enorm wertvoll für mich. Es half mir, eine eigene Haltung und Identität zu entwickeln.

smow: Sie haben mit Unternehmen wie Kvadrat, Tecta und Offecct zusammengearbeitet. Was macht für Sie eine gelungene Kollaboration aus – und gibt es ein Projekt, das Sie besonders überrascht oder inspiriert hat?
Katrin Greiling: 2006 erschien mein erstes Produkt für Offecct, der Raumteiler Forest, direkt aus meiner Abschlussarbeit – dank der visionären Unterstützung des Creative Directors Eero Koivisto. Für diesen Mut bin ich ihm bis heute sehr dankbar. Tecta ist für mich fast wie Familie – eine der großartigsten Firmen, mit denen ich arbeiten durfte. Das Kragstuhl-Museum in Lauenförde-Beverungen ist unbedingt einen Besuch wert! Auch mit Kvadrat pflege ich ein enges, langjähriges Verhältnis. Kollaborationen werden immer besser, je länger und vertrauter die Zusammenarbeit ist.

smow: Der F51-Sessel ist ein ikonischer Bauhaus-Klassiker, den Sie mit neuen Stoffen und Farben neu interpretiert haben. Warum gerade dieser Sessel – was fasziniert Sie persönlich daran? Welche Rolle spielt Farbe für Sie – generell in Ihrer Arbeit und speziell beim F51?
Katrin Greiling: Für mich ist Farbe wie der F-Stop einer Kamera: [Das ist das Maß für die Größe der Blendenöffnung deines Kameraobjektivs, Anmerkung der Redaktion] Sie lenkt den Blick und beeinflusst, wie wir Raum, Form und Proportion wahrnehmen. Beim F51N habe ich genau damit gespielt. Die klaren, reduzierten Linien des Sessels lassen Farbe als eigenes Gestaltungsmittel wirken – sie kann optisch verbinden, trennen oder Spannung erzeugen. Zu Beginn habe ich in meinen Renderings nur mit Hell-Dunkel-Kontrasten gearbeitet, um die drei Volumenkörper - Gestell, Sitz, und Rücken – zu testen. Wie verhält sich die Form des Sessels, wenn sich diese Formen optisch voneinander abheben bzw. miteinander verbinden?

smow: Die Konstruktion des F51 ist bis heute ungewöhnlich, die Polster wirken fast skulptural. Wie haben Material und Farbe Ihre Interpretation geprägt – und wie verändert sich dadurch die heutige Sitz- und Raumerfahrung?
Katrin Greiling: Ehrlich gesagt, der F51N ist ein ganz schöner Brocken, trotz seiner kragenden Formensprache. Und dazu noch ikonisch! Walter Gropius wollte ich auf keinen Fall anfassen, mein Ansatz war, etwas anderes wichtiges im Kontext des Bauhauses hinzuzufügen: den Stellenwert der Frauen, und insbesondere von Gunta Stölzl. Sie war Schülerin am Bauhaus und dann die erste Meisterin, in der Weberei am Bauhaus. Gunta Stölzl schuf revolutionäre, moderne Textilien am Webstuhl. Mein Ziel war es, ähnliche textile Haptiken und Farbschemata auf die Polsterteile des Stuhls zu übertragen und die scheinbare Kragarmkonstruktion, die Architektur des Stuhls, durch eine blanke Oberfläche, materiell in starken Kontrast zu den matten Möbeltextilien zu stellen. Und dennoch bilden diese zwei so unterschiedlichen Oberflächen, visuell vereint durch die Farbe ein Ganzes, den F51N, gespiegelt im Jetzt.
smow: Gibt es ein Material, ein Thema oder ein Projekt, das Sie gerade besonders reizt und Ihre Arbeit in den kommenden Jahren prägen könnte?
Katrin Greiling: Gestaltung steht an einer sehr spannenden, entscheidenden Weggabelung. Es gibt nur einen Weg nach vorne, der, wenn wir unsere Verantwortung ernst nehmen, unseren gesamten Gestaltungsprozess grundlegend verändern wird. Wir können es uns nicht mehr leisten, einfach so weiterzumachen wie bisher. Echte Nachhaltigkeit bedeutet dabei nicht nur, ob etwas recycelbar ist, sondern vor allem, wie wir klug mit bereits vorhandenen Materialien und Werkstoffen arbeiten, um Neues zu schaffen. Gesellschaftlich erfordert das auch eine Verschiebung von Werten: Die „gute Form“ besticht nicht durch glatte Perfektion, sondern durch kluge Produktionsverläufe, die es schafft, das schon gewesene bewusst mit einfließen zu lassen. Ich möchte eine „Neue Ästhetik“ etablieren – eine Ästhetik, die Imperfektion zelebriert statt sie tadelt. Der Wert eines Objekts liegt nicht in exakter Wiederholbarkeit, sondern darin, dass jedes Teil ein eigenes Erscheinungsbild haben darf und trotzdem industriell gefertigt werden kann. So entstehen Produkte, die lebendig, eigenständig und gleichzeitig zugänglich sind.

smow: Zum Schluss noch persönlich: Welche Designerin oder welcher Gestalter inspiriert Sie? Und welchen Rat würden Sie jungen Designerinnen heute mit auf den Weg geben?
Katrin Greiling: Durch meine neue Rolle als Professorin an der Aalto Universität beschäftige ich mich gerade intensiv mit finnischer Designgeschichte und aktuellen Designerinnen. Aino Aalto ist dabei für uns alle eine unglaubliches Vorbildfigur. Sie verband auf einzigartige Weise Handwerk und Modernismus, und stand viel zu lange im Schatten ihres Mannes. Im Sommer wird im Artek 2nd Cycle Store eine Ausstellung über ihr Werk und ihren Einfluss auf das Œuvre von Alvar Aalto eröffnet.
Weitere historische Vorbilder sind Vuokko Nurmesniemi sowie natürlich auch die Gründerin von Marimekko, Armi Ratia. Zeitgenössische Gestalterinnen wie Elina Aalto, Hanna Aaltonen, Linda Bergroth, Joanna Laajisto, Päivi Helander, Ida Kukkapuro, Reeta Laine, Emilia Lonka, Akiko Mori, Amu Song (Company) und die Gründerinnen von Fyra zeigen, wie vielseitig und selbstbewusst finnisches Design heute ist.
Wir müssen Gestalterinnen sichtbar machen – ihre Namen wiederholen, über sie schreiben, sie ausstellen und fördern. Nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie herausragend sind. Meinen jungen Kolleginnen lege ich ans Herz: Unterstützt euch gegenseitig, empfehlt einander weiter und fordert von Auftraggeber:innen Gleichberechtigung als Selbstverständlichkeit.
smow: Es war uns eine Ehre. Vielen Dank für dieses inspirierende Interview!