Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)
Februar 24th, 2016 nach smow

“Der Ausgangspunkt für den Stuhl war das Problem des bequemen Sitzens, vereinigt mit einfacher Konstruktion. Danach könnte man folgende Forderungen aufstellen:
a) Elastischer Sitz und Rücklehne, aber kein Polster, das schwer, teuer und staubfangend ist
b) Schrägstellung der Sitzfläche, weil so der Oberschenkel in seiner ganze Länge unterstützt ist, ohne gedrückt zu werden, wie bei einer waagerechten Sitzfläche
c) Schräge Stellung des Oberkörpers
d) Freilassung des Rückgrates, weil jeder Druck auf das Rückgrat unbequem und auch ungesund ist.”1

Die obige Beschreibung eines Stuhldesigns mag modern klingen und sie war auch modern, als sie 1925 von Marcel Breuer formuliert wurde.

Ausgehend von dieser Analyse der Anforderungen an einen komfortablen, modernen Stuhl realisierte Marcel Breuer seinen sogenannten Lattenstuhl als einen seiner ersten Stuhldesigns und wohl einen der wichtigsten für die Geschichte des Stuhldesigns.

Ursprünglich in der Tischlerwerkstatt am Bauhaus Weimar designt, ignorierte Breuers Lattenstuhl die konventionellen bautechnischen Prinzipien eines Stuhls und wählte stattdessen einen skelettartigen, skulpturalen Holzrahmen mit Stoffbespannung für Sitz und Rücken. Laut Breuer war das Konstruktionsprinzip, und somit die Form des Stuhls, definiert von der Statik, der Zugrichtung des Textils kombiniert mit der vom Sitzenden ausgeübten Druckrichtung, um dem Objekt seine Stabilität zu verleihen.

Fraglos beeinflusst von niederländischen Designs des früheren 20. Jahrhunderts, einschließlich solcher von Piet Klaarhamer und Gerrit T. Rietveld, war das gespannte Material bzw. das reduzierte Rahmenkonzept etwas, zu dem Breuer während seiner Karriere hin zurückkehren sollte. Vielleicht am erwähnenswertesten sind dabei seine Sitzmöbel für die Aula im Bauhaus Dessau, sein früher Freischwinger und sein B3 Wassily Chair von 1925. Letzterer ist im Kern der Lattenstuhl, bloß mit Lederbespannung und aus Stahlrohr. Und nicht nur Marcel Breuer sollte zu diesem Prinzip zurückkehren, 1958 machte die Aluminium Chair Kollektion von Charles und Ray Eames Gebrauch von dem gleichen Prinzip und muss als beeinflusst von Breuers Werk betrachtet werden.

Konzipiert im Rahmen des Versuchs vom Bauhaus Weimar, Möbelformen zu standardisieren, um die Produktion zu vereinfachen, wurde der Lattenstuhl zwischen 1922 und 1925 von der Weimarer Werkstatt in kleiner Serie produziert, wenngleich auch ohne jemals eine Form des kommerziellen Erfolges zu erzielen.2 Seine unkonventionelle Form, Konstruktion und der Materialmix entfremdeten ihn wohl zu sehr von den Kunden jener Zeit, die in keiner Weise so avantgardistisch wie die Bauhäusler waren.

Ein Mangel an Käufern damals bedeutet nicht unbedingt ein Mangel an Käufern heute, ebenso wenig spiegelt der Geschmack des frühen 21. Jahrhunderts den des frühen 20. Jahrhunderts wider. Und so wurde im November 2015 ein Marcel Breuer Lattenstuhl von 1924 für 55.000 Euro versteigert – der höchste Preis, den ein solches Objekt jemals in Europa erzielt hat. Und die Versteigerung fand nicht etwa in London, Mailand oder Paris, sondern in Chemnitz statt – beim Auktionshaus Heickmann.

1993 mehr oder weniger als Ein-Mann-Unternehmen von Ansgar B. Heickmann gegründet, hat sich das Auktionshaus Heickmann während des letzten Vierteljahrhunderts kontinuierlich vergrößert und beschäftigt inzwischen ein Team von sieben Kunsthistorikern, die das Auktionsprogramm vorbereiten und entwickeln. Ursprünglich handelte es sich dabei um allgemeine Kunst- und Antiquitätenauktionen, inzwischen umfasst das Programm auch spezielle Verkäufe in Themenbereichen wie beispielsweise dem Design der Moderne oder der Erzgebirgischen Volkskunst.

Wir haben Ansgar B. Heickmann getroffen, um über das Los eines Auktionators in Chemnitz, das derzeitige Auktionsgeschäft und über den Verkauf eines Marcel Breuer Stuhls für 55.000 Euro zu sprechen. Angefangen haben wir allerdings mit der Frage, wie und warum man Auktionator wird?

Ansgar B. Heickmann: Das Versteigerungsgeschäft ist eine Leidenschaft! Ich habe als leitender Angestellter für ein großes Textilunternehmen gearbeitet, wusste aber immer, dass ich mein eigenes Geschäft gründen wollte, dass ich für meine eigenen Entscheidungen verantwortlich sein wollte. Ein Interesse für Kunst und Antiquitäten hatte ich seit meiner Jugend, zudem war ich regelmäßig auf Auktionen – es war also ein logischer Schritt den Sprung zu wagen und mein eigenes Auktionshaus zu gründen.

smow Blog: Aber warum dann ausgerechnet in Chemnitz?

Ansgar B. Heickmann: Entschieden habe ich mich 1992/93, also kurz nach der Wende. Ich hatte einen Freund, der ein Auktionshaus in Regensburg leitete und der schlug mir vor, es doch in den neuen Bundesländern zu probieren. Zu dieser Zeit lebte ich in Nürnberg und hätte pendeln müssen – also habe ich überlegt, welche ostdeutschen Städte in Frage kommen und da fiel die Wahl natürlich auf Leipzig und Dresden. Beide Städte hatten zu dieser Zeit allerdings Ableger größerer Auktionshäuser aus dem Westen und so entschied ich mich – im Rückblick ziemlich naiv – für Chemnitz. Zu dieser Zeit hatte Chemnitz 270.000 Einwohner, mit einem Umkreis von 50, 60 Kilometern waren es ungefähr eine Million. Da dachte ich mir, das müsste doch klappen.

smow Blog: Bilden diese 50, 60 Kilometer immer noch die Basis ihrer Kunden?

Ansgar B. Heickmann: Auf den ersten Auktionen hatten wir ein rein lokales Publikum, das sich allerdings langsam entwickelte. Nach fünf, sechs Jahren konnte man dann Autos aus Städten wie Mainz, München, Düsseldorf oder Hamburg an Auktionstagen auf dem Parkplatz sehen. Heute haben wir einen gesunden  Stamm an Kunden aus der Umgebung. Wir haben ca. hundert Sitzplätze in unserem Auktionsraum und der ist normalerweise voll. Die Mehrheit unseres Umsatzes machen wir allerdings online. Das zeigt, dass es heute weniger wichtig ist, wo man mit seinem Auktionshaus ansässig ist, sondern, dass einen die Leute kennen – dass bekannt ist, was man anbietet, dass man einen guten Ruf hat, und vor allem, dass einem die Kunden vertrauen. Die meisten der Fernbieter haben die Objekte, auf die sie bieten, vorher nie gesehen. Und sie bieten häufig hohe Summen. Die Bieter müssen einem also vertrauen können – sie müssen deinen Beschreibungen und Fotos vertrauen.

smow Blog: Mal abgesehen vom größeren Publikum, das Sie ansonsten vielleicht nicht erreicht hätten – inwiefern hat das Internet dem Auktionsgeschäft in den letzten zehn Jahren geholfen bzw. inwieweit hat es das Geschäft verändert?

Ansgar B. Heickmann: Die wichtigste Veränderung, die das Internet gebracht hat, sind die zahlreichen Auktionsplattformen, die zusammentragen, was derzeit angeboten wird, weil sie eine zunehmend dominante Position am Markt einnehmen. So wie viele Hoteliers unter der Dominanz der online Buchungsplattformen für Hotels und dem damit verbundenen Preisdruck leiden, so leiden viele Auktionshäuser, weil es für Kunden natürlich einfacher ist auf einer Plattform zu suchen, als 30, 40, 50 einzelne Auktionshäuser zu durchforsten – das kann einen Effekt darauf haben, was sich für Preise realisieren lassen. Allerdings muss man hinzufügen, dass es durch das Internet weniger wichtig geworden ist, wo sich die Kunden befinden. Zentraler Punkt unseres Geschäftes ist es nicht länger, wie früher, Kunden zu binden, sondern interessante Objekte von höchster Qualität für unsere Versteigerungen zu sichern. Was uns natürlich zurückbringt dazu, wie wichtig der Ruf eines Auktionshauses ist und welche Bedeutung der Umgang hat, den man mit seinen Verkäufern und Käufern pflegt.

smow Blog: Das ist ein wunderbarer Übergang zum Breuer Lattenstuhl! Wie ist es Ihnen gelungen, ein derart hochkarätiges, interessantes Objekt zu sichern? Was war der Hintergrund?

Ansgar B. Heickmann: Der Breuer Lattenstuhl kam von jemandem, der schon zuvor über uns Objekte verkauft hat, der Interesse an Bauhaus-Objekten hat, und Bauhaus-Objekte sammelt, ich wusste also, dass es sich um einen seriösen Verkäufer mit Erfahrungen auf dem Gebiet handelt. Er rief an und erwähnte gewissermaßen beiläufig, er habe einen Bauhaus-Stuhl von Marcel Breuer, eine frühe Arbeit – ob wir Interesse hätten. Wir hatten Interesse, und als er den Stuhl brachte, war ich von Anfang an sehr beeindruckt von der ausgezeichneten Qualität, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt die Authentizität noch nicht bestätigen konnten. Böse Zungen könnten behaupten, es handele sich nur um ein paar verleimte Latten. Im Grunde stimmt das sogar, nur ist der Stuhl auf geniale Art und Weise konstruiert, er ist auch funktional und bequem.

smow Blog: Soll das heißen, Sie haben auf dem Stuhl gesessen?

Ansgar B. Heickmann: Ja, ich war natürlich neugierig, wie sich das anfühlt. Der Stoff war nicht mehr original. Der Verkäufer hatte ihn sechs oder sieben Jahre zuvor auswechseln lassen, und den Stuhl auch benutzt. Nicht täglich, aber von Zeit zu Zeit hat er darin gesessen. Es handelte sich also nicht um ein Vitrinenstück, sondern um einen Stuhl, der auch benutzt wird. Da ergreift man natürlich die Gelegenheit, und ja man sitzt durchaus sehr bequem darin.

smow Blog: Wie Sie schon sagten, könnte man behaupten, es handele sich nur um ein paar zusammengeleimte Latten. Wie beweist man, dass es sich nicht um ein Objekt handelt, das jemand in seiner eigenen Werkstatt, sagen wir mal in den 1980er Jahren, selbst zusammengezimmert hat?

Ansgar B. Heickmann: Grundsätzlich gilt die Regel, dass man sich einem Objekt, das gut ein vier- oder fünfstelliges Ergebnis erzielen könnte, mit einer gesunden Portion Skepsis nähern sollte. Das Sicherstellen der Authentizität hängt dann mit sehr gründlichen Nachforschungen zusammen. Man spricht mit Museen, mit Spezialisten, nimmt Maße, geht historischen Quellen auf den Grund und versucht die Geschichte des Objektes so weit wie möglich zurückzuverfolgen. Beim Lattenstuhl konnte wir die Geschichte direkt und zweifelsfrei bis in die 1970er Jahre zurückverfolgen. Im Rahmen unserer Forschungen fanden wir keinerlei Beweise, keinerlei Hinweise darauf, das in früheren Perioden jemals Kopien angefertigt wurden. Außerdem war Breuer in dieser Hinsicht sehr achtsam und behielt solche Dinge gut unter Kontrolle. Als wir den Stuhl im Katalog platzierten, konnten wir also sicher sein, dass unsere Angaben Hand und Fuß haben.

smow Blog: Was das vier- bis fünfstellige Ergebnis anbelangt – dem Katalog zufolge gab es ein Mindestgebot von 2.800 Euro für den Lattenstuhl. Haben Sie es bewusst so niedrig angesetzt, weil Sie mit einem solch hohen Preis nicht gerechnet haben?

Ansgar B. Heickmann: Die Gretchenfrage im Auktionsgeschäft ist immer für welchen Preis man ein Objekt ansetzten darf. Man muss immer versuchen, einen Preis zu finden, der, wie im Fall des Lattenstuhls, die Spreu vom Weizen trennt. Der Preis muss hoch genug sein, um potentielle Bieter nachdenklich zu stimmen, ohne aber seriöse Bieter abzuschrecken. Jeder, der den Stuhl kennt, der sich mit Breuers Arbeiten auf Auktionen auskennt, weiß, dass ein solcher Preis sehr niedrig ist und dass der Zuschlag am Ende sehr viel höher ausfallen wird; allerdings hofft man, der Konkurrenz könnte das Angebot entgangen sein und man könne so ein Schnäppchen machen.

smow Blog: Gab es sofort Interesse nach Bekanntgabe der Versteigerung?

Ansgar B. Heickmann: Wenn man einen solchen Verkauf ankündigt, wird schnell von einer normalerweise recht kleinen Gruppe von Individuen Interesse bekundet – diese geben sich als “interessiert” zu Erkennen. Wichtiger ist hingegen, was im Hintergrund geschieht – eine Maschine springt an: Händler, Sammler, Museen beginnen sich auszutauschen, versuchen herauszufinden, von wo das Objekt kommt, wer was darüber weiß. War es beispielsweise in jüngerer Zeit schon einmal auf dem Markt? Wurde es anderen Leuten angeboten? Bei diesem Stuhl gab es nichts. Er kam von einem Privatbesitzer, war zum ersten Mal auf dem Markt. Das haben die Sammler, Händler und Museen schnell realisiert, die Möglichkeit ergriffen und dann geboten.

smow Blog: Das haben sie ganz offensichtlich, wie haben Sie die Versteigerung erlebt?

Ansgar B. Heickmann: Die Gebote wurden ausschließlich am Telefon entgegengenommen. Bei einem solchen Objekt erhält man nicht viele Höchstgebote im Voraus. Niemand will die Karten gleich auf den Tisch legen, und auch wenn der Auktionsraum voll war, hat niemand im Raum geboten, es lief alles übers Telefon. Bis 25.000, 30.000 waren noch viele Bieter dabei. Es war keine große Überraschung, dass wir bei einem solchen Preis angekommen waren. Ab 30.000 wurde die Luft etwas dünner, aber die goldene Regel des Auktionsgeschäftes ist, dass es nicht mehr als zwei Bieter braucht. Wir hatten genau diese beiden, und am Ende erhielt ein deutscher Bieter den Zuschlag bei 55.000.

smow Blog: Können Sie sich erklären warum ein augenscheinlich derart unspektakulärer Stuhl einen derart spektakulären Preis erzielen kann?

Ansgar B. Heickmann: Der Stuhl war Breuers erster Entwurf. Später waren seine Stahlrohrmöbel einfach interessanter und wichtiger für ihn, sodass er dem Lattenstuhl niemals die Bedeutung zumaß, die er verdient hätte. In Folge dessen beschloss Breuer, dass der Lattenstuhl nicht kommerziell produziert werden sollte. Sofern wie feststellen konnten, produzierte er selbst nur um die 100 Exemplare. Eine sehr kleine Serie also, und nach 90 Jahren, Kriegen und politischen Regimen, die wir während dieser Jahrzehnte durchgestanden haben, ist es kein Wunder, dass es nicht mehr viele, intakte Exemplare gibt.

smow Blog: Wir müssen es einfach fragen. Wenn ein Stuhl 55.000 Euro kostet, ist er dann immer noch ein Möbelstück oder verwandelt er sich in etwas anderes?

Ansgar B. Heickmann: Ja, er ist immer noch ein Stuhl, nur eben ein sehr gefragter.

smow Blog: Ohne Frage, aber was rechtfertigt einen solchen Preis?

Ansgar B. Heickmann: Erst einmal muss man sagen, dass der Endpreis ja noch um einiges höher lag als 55.000 – das ist der Zuschlagspreis. Hinzu kommen unsere Gebühren und Steuern, sodass der letztendliche Rechnungsbetrag bei etwas über 67.000 Euro lag. Für dieses Geld könnte man sich einen High End BMW oder Mercedes kaufen. Aber wie wir alle wissen, kaum nimmt man ein solches Auto entgegen, verliert es immens an Wert. Oder um bei den Möbeln zu bleiben: investiert man in ein Sofa von allerhöchster Qualität, kann man problemlos 15.000 Euro ausgeben oder mehr, und hat etwas Neues, das allerdings konstant an Wert verliert. Der Breuer Stuhl hat die Periode des Wertverlustes hinter sich. Er ist sehr selten und äußerst begehrt. Der neue Besitzer kann sich also nicht nur sicher sein, dass er seine Investition zu einem späteren Zeitpunkt zurückbekommt, er kann auch noch mit einem Gewinn rechnen.

smow Blog: Aber überrascht Sie dieser Preis?

Ansgar B. Heickmann: Mit unseren Nachforschungen im Hintergrund hatten wir eine Idee davon, welche Sorte Preis möglich sein würde und ich wäre ehrlich enttäuscht gewesen, hätte der Zuschlag unter 20.000 gelegen. Dass er schließlich so weit über die 20.000 gestiegen ist, war eine große Genugtuung. Es war klar, dass wir unsere Arbeit gut gemacht haben, dass wir das richtige Interesse wecken konnten und den richtigen Markt für das Objekt gefunden haben. Ich war also sehr glücklich über das Resultat.

smow Blog: Noch kurz zum Ende, der Stuhl gehörte nach 25 Jahren zu Ihrer hundertsten Auktion in Chemnitz. Fühlen Sie sich wohl hier? War die ursprünglich naive Entscheidung für Chemnitz am Ende die Richtige?

Ansgar B. Heickmann: Absolut, wir fühlen uns hier sehr wohl. Wir sind zusammen mit unseren Kunden und Partnern gewachsen – haben uns gemeinsam entwickelt. Man nimmt uns in der Region wahr, die Leute vertrauen uns ihre Objekte an, kommen zu unseren Verkäufen und folgen den Auktionen mit Interesse. Das ist wichtig fürs Geschäft, denn Auktionen ohne ein echtes Publikum sind eine schreckliche Vorstellung – so ginge die einzigartige Atmosphäre, die Spannung verloren, die eine solche Öffentlichkeit der Auktion verleiht, und die eine Auktion zu dem macht, was sie ist. Die Zeit mag kommen, aber momentan sind wir sehr dankbar, dass wir hier in Chemnitz noch ein Publikum haben, das solche Ereignisse wie den Verkauf des Breuer Lattenstuhls genießen kann.

Weitere Informationen zum Auktionshaus Heickmann sind unter www.heickmann.eu zu finden.

Die nächste Auktion im Auktionshaus Heickmann umfasst Kunst, Antiquitäten und Moderne Kunst nach 1945 und  findet am 19. März statt

1. Marcel Breuer, “Die Möbelabteilung des Staatlichen Bauhauses zu Weimar”, Fachblatt für Holzarbeiter, Berlin, Januar 1925

2. Magdalena Droste und Manfred Ludewig, Marcel Breuer: Design, Taschen, Köln, 1994

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung  HEICKMANN KG, Chemnitz)

“Böse Zungen könnten behaupten, es handele sich nur um ein paar verleimte Latten.” Der Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung  HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung  HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)

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Dezember 30th, 2015 nach smow

Das Ende der Sommerpause markiert im Designbereich traditioneller Weise die Eröffnung der Winterausstellung des Vitra Design Museums – im Jahr 2015/16 ist das die fulminante Ausstellung “Das Bauhaus #allesistdesign”.

Ansonsten sprachen wir mit Margret Hoppe über das Fotografieren von Le Corbusier, über die Herausforderungen für junge Designer in Berlin mit Gunnar Soren Petersen, und mit Pepe Heykoop darüber, welche Rolle Design für sozialen Wandel spielen kann. Zudem waren wir ganz besessen von einem Stahlpferdchen aus Prag.

Vitra Design Museum: The BauVitra Design Museum: The Bauhaus #itsalldesignhaus #itsalldesign

Vitra Design Museum: Das Bauhaus #allesistdesign

snak by Gunnar Søren Petersen (Photo © Alex Kueper)

snak von Gunnar Søren Petersen

Tendence Frankfurt 2015: Flechtgestaltung - Diana Stegmann

Tendence Frankfurt 2015: Flechtgestaltung – Diana Stegmann

Margret Hoppe Le Corbusier Couvent de Saint Marie de La Tourette

Couvent de Saint-Marie de La Tourette I, Eveux, 2013 C-Print hinter Acrylglas 140 x 170 cm (Foto © Margret Hoppe, VG Bildkunst Bonn)

Pepe Heykoop for Tiny Miracles Foundation

Pepe Heykoop für Tiny Miracles – es ist erstaunlich zu sehen, was man mit wenig mehr als einem Stück Papier erreichen kann.

Tendence Frankfurt 2015 Jakub Gurecký Horse

Tendence Frankfurt 2015: Jakub Gurecký Pferd

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WA 24 Bauhaus Lamp by Wilhelm Wagenfeld Tecnolumen
Oktober 16th, 2015 nach smow

Die WA 24 Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld ist ohne Frage eines der am schnellsten zu erkennenden Objekte des Bauhausdesigns, häufig wird von ihr sogar nur als die “Bauhauslampe” gesprochen. 1923 von Wilhelm Wagenfeld entworfen, folgte der WA 24 schnell eine Reihe von Variationen des Themas, die jedoch alle die reduzierte Anmut und unkomplizierte funktionale Eleganz des Originals beibehielten: Charakteristika, die neben der Wagenfeld Lampe auch dem Bauhaus selbst zugeschrieben werden können.

Ungeachtet jedoch der unerschütterlichen Einheit, die zwischen der Wagenfeld Lampe, dem Bauhaus und den Idealen des Bauhausdesigns existiert, war die WA 24 beinahe kaum mehr als eine historische Fußnote. Dass wir sie heute haben, und dass wir an all ihrer unangestrengten Pracht Gefallen finden können, ist einer wunderbaren Wendung des Schicksals und einem sehr direkten Satz zu verdanken.

1976 stöberte der Bremer Geschäftsmann und Kunstsammler Walter Schnepel durch ein Archiv in Worpswede, als er über einige frühe, unbekannte Holzschnitte eines gewissen Wilhelm Wagenfeld stolperte. Informiert über Wagenfeld als Industriedesigner, beeindruckt von den Holzschnitten und begierig, mehr zu erfahren, kontaktierte Walter Schnepel Wagenfeld und besuchte ihn schließlich in Stuttgart – primär, um mehr über Wagenfeld als Künstler herauszufinden. Dieser Besuch wurde der Erste von vielen. Darunter war auch einer, bei dem sich die Konversation um eine Lampe drehte, die Wagenfeld in seinen frühen Jahren am Bauhaus entworfen hatte und die in der gesamten einschlägigen Bauhausliteratur abgebildet war, und bei dem Walter Schnepel fragte: “Warum produziert nicht irgendjemand diese Lampe?”

“Dann machen Sie es doch!”, antwortete Wagenfeld.

Der Rest ist Geschichte …

Um ein bisschen mehr über die Entwicklung der Wagenfeld Lampe, Probleme mit Kopien und die Relevanz des Bauhauses für das zeitgenössische Design zu erfahren, haben wir mit Walter Schnepel gesprochen und mit der Frage begonnen, worin für ihn der Reiz der Wagenfeld Lampe besteht.

Walter Schnepel: Ich denke, es ist diese Reduktion einer Lampe auf ihre grundlegenden Elemente, die mich an diesem Objekt am meisten fasziniert; die einzige andere Lampe, die das vermag, ist in meinen Augen die Stehlampe von Gyula Pap, der sogar noch weiterging und die Lampe bis auf die Glühbirne reduzierte – es ist dieser symbolische Charakter, der mich wohl am meisten an der Wagenfeld Lampe begeistert.

smow Blog: Wilhelm Wagenfeld ist als Industriedesigner gut bekannt und auch dafür, dass er für Partner aus der Industrie Lampen entworfen hat – hat er Ihnen jemals einen Hinweis gegeben, warum ausgerechnet diese Lampe nie in Produktion gegangen ist? Hat er versucht, einen Hersteller zu finden?

Walter Schnepel: Sie wurde in einer kleinen Auflage bis in die 1920er Jahre produziert, was jedoch vom Krieg unterbrochen wurde. Später hielt Wagenfeld seine frühen Arbeiten für nicht so wichtig, er war vielmehr auf seine aktuellen Projekte fokussiert und Objekte wie die Lampe waren für ihn einfach etwas, was er früher geschaffen hatte. Und so war es vielleicht unsere Diskussion über die Lampe, die sein Interesse daran neu geweckt hat.

smow Blog: Und dann, faktisch von Wilhelm Wagenfeld mit intendiert, die Lampe herzustellen, war die folgende Entwicklung ein so reibungsloser Vorgang, wie man es sich nur wünschen kann?

Walter Schnepel: Zu Beginn war es sehr mühsam! Auf der einen Seite war es das erste Mal, dass irgendjemand von uns eine Lampe herstellte, dann hatten wir Probleme mit unzuverlässigen Lieferanten, und als endlich alles fertig war, wollten die deutschen Möbelhändler die Lampe nicht verkaufen – und so mussten wir sie selbst vermarkten und vertreiben, was eigentlich nicht Teil unseres ursprünglichen Plans war. Der Umfang der ersten Produktion betrug 250 Lampen und wir setzten wohlweislich den Preis so an, dass wir, sollten wir alle 250 Stück verkaufen, die 100.000 DM zurückbekämen, die wir in das Projekt investiert hatten. Anfangs war der Plan, nur diese 250 zu produzieren, die jedoch innerhalb von drei Wochen ausverkauft waren, was Wilhelm Wagenfeld, und natürlich auch mich, sehr freute. Und so, weil es so ein positiver Erfolg war und ich besser verstand, wie der Markt lief – und vor allem wusste, was man nicht tun sollte -, entschieden wir, mehr zu produzieren. Und wir produzieren sie immer noch.

smow Blog: Und nicht nur die Wagenfeld Lampe, sondern auch andere Bauhauslampen – wie sind die weiteren Kooperationen entstanden?

Walter Schnepel: Wir haben mit der Version der Wagenfeld Lampe mit dem Metallfuß begonnen, welche der älteste Entwurf ist; als nächstes kam die Version mit dem Glasfuß und dann war es ein logischer Vorgang, zu schauen, welche anderen Lampen von Interesse wären. Gyula Pap war der erste und naheliegendste. Ich besuchte ihn in Budapest und begann dann allmählich, auch mit den anderen ehemaligen Bauhäuslern, an denen ich interessiert war, Kontakt aufzunehmen – etwas, das mit Marianne Brandt sehr schwierig war. Sie lebte in Ostdeutschland und demzufolge konnten wir nur indirekt kommunizieren, über Vermittler. Trotzdem sicherte ich über solche Umwege die Rechte an ihren Arbeiten und versprach, Beispiele der fertigen Lampen an ausgewählte Museen in Ostdeutschland zu senden, sobald sie verfügbar wären (etwas, das wieder nur indirekt möglich war, wir konnten sie nicht einfach dorthin schicken).

smow Blog: Sie haben die Lampen in Einzelteilen über verschiedene Personen verschickt, oder?

Walter Schnepel: Praktisch ja. Einem Mitarbeiter des Museums wurde ein Stück geschickt, seinem Kollegen ein anderes und schließlich wurde die komplette Lampe im Museum zusammengesetzt. Vollkommen unvorstellbar heutzutage, aber damals die einzige Möglichkeit.

smow Blog: Zurück zur Wagenfeld Lampe, die in den 1920er Jahren entworfen wurde und serienmäßig 1980 in Produktion ging: Inwieweit waren Veränderungen gefragt, oder konnten Sie Wagenfelds Design 1:1 übernehmen?

Walter Schnepel: Wir mussten technische Veränderungen vornehmen. Wir konnten weitestgehend die Dimensionen des Originals übernehmen, aber technologische Veränderungen bedeuteten, dass wir zum Beispiel andere Typen von Kabeln oder Fassungen nutzen mussten.

smow Blog: Und wie war die Zusammenarbeit mit Wilhelm Wagenfeld während dieses Prozesses, wie haben Sie ihn als Partner erlebt?

Walter Schnepel: Ich musste ihm jede neue Variation oder Adaption vorlegen, er inspizierte sie und genehmigte sie oder nicht. Er war sehr genau, aber der Prozess funktionierte sehr gut und die Zusammenarbeit lief reibungslos.

smow Blog: Man kann nicht über die Wagenfeld Lampe sprechen, ohne über die Kopien zu sprechen. Gab es die von Anfang an?

Walter Schnepel: Für die ersten fünf oder sechs Jahre hatten wir unsere Ruhe, und dann fing es an und hat seitdem nicht aufgehört.

smow Blog: Was die Frage aufwirft, warum es nicht aufgehört hat – ist das nicht etwas, das man gesetzlich unterdrücken kann?

Walter Schnepel: Die größten Probleme, die wir haben, sind auf der einen Seite die verschiedenen gesetzlichen Situationen. In Ländern wie England zum Beispiel gibt es keinen wirklichen Urheberschutz; aber sogar wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen, erhalten wir nicht immer die Unterstützung von den staatlichen Autoritäten, die wir bräuchten. Es gibt Länder wie die Schweiz oder die Niederlande, wo alles gut funktioniert, aber dann gibt es Länder wie Frankreich, wo es kompliziert ist, oder Italien, wo es sieben Jahre dauern kann, auch nur einen Gerichtstermin zu bekommen – und sogar, wenn das Gericht in deinem Sinne entscheidet, muss das nichts bedeuten. Es ist schwierig, aber wir bleiben so engagiert wie eh und je und unsere Rechtsanwälte bleiben beschäftigt.
Zusätzlich versuchen wir kontinuierlich, die Verbraucher über die Qualitätsvorteile des Originals zu unterrichten und über all die Sicherheitsaspekte; viele Kopien, die wir sehen, sind extrem gefährlich, wir sprechen über ein elektrisches Gerät, also nicht unbedingt etwas, wobei man Risiken eingehen sollte.

smow Blog: Zum Ende: Sie sind klar überzeugt von der anhaltenden Bedeutung des Bauhauses, aber denken Sie, junge Designer von heute können vom Bauhaus lernen, ist das Bauhaus immer noch relevant?

Walter Schnepel: Wenn Sie sich zum Beispiel die Kunst anschauen, gibt es dort immer Bewegungen, die einen ausschlaggebenden Bruch darstellen, und dann gibt es andere Bewegungen, die einfach eine indirekte Wiederholung dessen sind, was davor war. Der Expressionismus, beispielsweise, findet eine indirekte Wiederholung im Tachismus, aber es gibt Momente, die maßgebliche Veränderungen bedeuten – für mich sind das Duchamp und Magritte. Mit dem Design ist es ähnlich. Meines Erachtens ist das Verständnis, dass Form Funktion folgt, der Bruch, den das Bauhaus schuf und in dem die zentrale Bedeutung und Relevanz des Bauhauses besteht. Es brachte dem Bauhaus das Design und prägte folgende Designs. Im Grunde ist und war die ganze Designwelt tief beeinflusst von dem, was das Bauhaus lehrte.

WA 24 Bauhaus Lamp by Wilhelm Wagenfeld Tecnolumen

WA 24 “Bauhaus Lampe” von Wilhelm Wagenfeld für Tecnolumen

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Vitra Design Museum: Das Bauhaus #allesistdesign
Oktober 13th, 2015 nach smow

Eines der größten Probleme des Modernismus ist der Name.

Er war zweifelsohne modern. Weshalb er auch als “Modernismus” bekannt wurde.

Allerdings, nachdem er dann Modernismus war, blieb er Modernismus und in der Konsequenz bedeutet “Modernismus” nun etwas Statisches.

Und nicht etwas, nun ja, Modernes.

Nirgends ist dieses Problem besser sichtbar als in den Diskussionen rund um das Bauhaus.

1919 in Weimar gegründet, wurde das Bauhaus zu etwas, das eine zentrale Rolle in der Formung jener Vorstellungen von Kunst, Architektur und Design spielte, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überschwemmten. Und spielte damit auch eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Modernismus.

Aufgrund dessen wird das Bauhaus von vielen als eine historische Institution gesehen. Eine Institution, die damals interessante Sachen veranstaltete, von denen wir jetzt schöne Dinge zum Anschauen haben, aber ansonsten…

Au contraire! schreit nun das Vitra Design Museum, Bauhaus ist ebenso relevant wie eh und je! Eine Behauptung, die derzeit in ihrer neuen Ausstellung Das Bauhaus #allesistdesign präsentiert wird.

Vitra Design Museum The Bauhaus #allesistdesign

Vitra Design Museum: Das Bauhaus #allesistdesign

“Viele zeitgemäße Themen des Designs waren auch am Bauhaus schon relevant” argumentiert der Chefkurator des Vitra Design Museums, Mateo Kries, “soziales Design, neue Technologien, wer ist der Autor eines Designs, die Beziehung zwischen Kunst und Design, zwischen Industrie und Handwerkszünften, solche fundamentalen Fragen wurden am Bauhaus gestellt und bestimmen weiterhin den Design-Diskurs in der heutigen Zeit.”

Das Bauhaus #allesistdesign erklärt, wie Bauhaus diese Probleme anging, während gleichzeitig nicht nur herausgearbeitet werden soll, inwiefern Bauhaus immer noch relevant ist, sondern auch wie weit die Ansichten, die in Weimar und Dessau verbreitet wurden, kreative Geister der heutigen Zeit immer noch inspirieren und motivieren.

Die Ausstellung startet jedoch auf sehr klassische Weise, mit einem Blick auf den politischen und sozialen Kontext, in dem das Bauhaus entstand und einer Präsentation von Beispielen der Designarbeiten, die zur Erschaffung der Bauhaus-Legende beitrugen. Wie wir in unserem Post über die Ausstellung bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre festhielten, waren das Bauhaus und seine Lehren zu ihrer Zeit nicht allseits beliebt. Viele verstanden es einfach nicht. Oder mochten es einfach nicht. Die Industrie jedoch schon und viele freuten sich, mit den mutigen jungen Dingern und deren mutigen jungen Ideen zusammenzuarbeiten. Die Bauhaus-Tapetendesigns boten nicht nur den Gebrüdern Rasch eine annehmliche Marktnische, sondern auch Industriekonzerne der Zeit wie der Leuchtenhersteller Kandem oder das Möbelunternehmen Thonet arbeiteten eng mit Bauhaus-Designern zusammen; Kooperationen, die häufig in der Realisation neuer Produktionskonzepte und Methoden, aber auch in neuen Produktlinien fruchteten. Und während es die Produkte und die Architektur waren, die die Basis der berühmten Bauhaus-Legende formten, war es die Herangehensweise an das Design, an Probleme, an die Produktion und die zugrunde liegende Bauhaus-Philosophie, die das Bauhaus von dem trennte, was davor kam. Laut der Kuratorin der Ausstellung, Jolanthe Kugler, ist und war einer der Gründe für den Titel der Ausstellung der Fakt, dass die Bauhaus-Philosophie im Endeffekt alles zu Design machte und alle Künste und Handwerke unter einem einheitlichen Banner vereinte. Am Bauhaus #warallesdesign.

Und doch ist es ironischerweise gerade dieses einheitliche Banner, das dazu beitrug, aus “Design” den verwirrten, fast wertlosen Ausdruck zu machen, der er heute ist. Oder zumindest hat das allgemeine Verständnis von #allesistdesign dazu beigetragen, die Linie zwischen Design und Styling, gut und schlecht, nützlich und verschwenderisch, notwendig und unnötigem Mist zu verwischen.

Alles ist Design. Die Bauhaus-Legende wird zum Bauhaus-Klischee. Alles ist Bauhaus, selbst wenn es das offensichtlich nicht ist, oder wie Jolanthe Kugler es prägnant beschreibt: “Das Wort Bauhaus hat sich zu einem Stempel entwickelt, der einfach allem aufgedrückt werden kann und dann ist alles perfekt.”

Wir kennen alle den “Stuhl im Bauhaus-Stil”, das “Haus im Bauhaus-Stil”, die “Lampe im Bauhaus-Stil”, den “Hosenbügler im Bauhaus-Stil”, die “Uhr im Bauhaus-Stil”, die “Textilien im Bauhaus-Stil”.

Solche Objekte bilden das gängige Image des Bauhaus, die Eigenschaften, die dem Bauhaus üblicherweise zugeordnet werden. Und doch haben sie ausnahmslos nichts mit dem zu tun, was das Bauhaus erreichen wollte. Oder wie das Bauhaus sich selbst verstand. Und der einzige Weg, mit dem das Bauhaus die Kontrolle über sein gängiges Image vielleicht zurückgewinnen kann und damit auch seine zeitgenössische Relevanz, ist sein wahres Selbst zu zeigen.

Und das ist genau das, worum sich das Vitra Design Museum im dritten und vierten Teil der Ausstellung bemüht.

Und etwas, das sie nach unserem Dafürhalten am erfolgreichsten durch die “Foto”-Serie “Space for Everyone” von Adrian Sauer erreichen, in der historische Fotos von Bauhaus-Einrichtungen manuell “eingefärbt” wurden – eine Herangehensweise, die sehr gut funktioniert, weil sie das Bauhaus in seiner bunten Pracht zeigt und nicht in dem schwarz-weiß, das sonst die allgemeine Sicht des Bauhaus prägt. Es klingt trivial, aber durch die zusätzliche Farbe sieht das Bauhaus anders aus. Fast normal. Auf jeden Fall weniger einschüchternd. Es fängt sogar irgendwie an, anders zu riechen. Und das ist genau das, was das Bauhaus braucht, eine Spur von Realität zwischen den Legenden, Klischees und dem geistlosen Marketing.

Studenten schrieben sich am Bauhaus ein, bezahlten ihre Gebühren, flogen raus, hatten Affairen, stritten mit Tutoren, schummelten in Prüfungen, hatten brillante Ideen, hatten weniger brillante Ideen, machten ihren Abschluss, zogen weg, wurden erwachsen, lebten ihr Leben.

Hunderte von Studenten und Lehrkräften gingen durch die Türen in Weimar und Dessau – und wären ohne Zweifel auch durch die Türen Berlins gegangen, wenn die Behörden sie nicht verschlossen hätten – und trotz der Jahre des Erfolgs können die meisten Menschen bestenfalls 6 Bauhäusler benennen. Die, die ein bisschen besser informiert sind, kennen vielleicht bis zu 20. Um mehr als 20 zu kennen, muss man dort gewesen sein.

Die Tatsache, dass #allesistdesign Arbeiten von Ilse Bettenheim-Hoernecke, Roman Clemens, Otto Lindig oder ihresgleichen neben den Wagenfelds, Breuers, oder Bayers dieser Welt präsentiert, ist nicht selbsterklärend, sondern eher eine bewusste Entscheidung der Organisatoren, basierend auf dem Wunsch, das allgemeine Verständnis davon, was Bauhaus war und was es erreicht hat, zu erweitern. Zweifellos werden solche “neuen” Namen nicht in einer Tiefe präsentiert, die ausreichen würde, um sich eine Meinung über die ganzheitliche Qualität ihres individuellen Kanons bilden zu können, aber ihre Präsenz in Verbindung mit einer großen Zahl unbekannterer und seltener gesehener Arbeiten der etablierten Namen ist wichtig für die Vollendung der Bauhaus-Geschichte. Oder zumindest dabei, es zu versuchen, zu versuchen, eine neue Ansicht auf die Bauhaus-Geschichte zu finden.

Etwas, das sehr wichtig ist, da sich die Institution ihrem hundertsten Geburtstag nähert.

Der letzte Teil von #allesistdesign deckt Themenbereiche wie Typographie, Fotografie oder Kommunikation ab. Letzteres erlaubt es uns, die Frage zu stellen, die uns seit der Ankündigung der Ausstellung beschäftigt. Hätte Walter Gropius der Hashtag gefallen? “Ja, auf jeden Fall”, antwortet Jolanthe Kugler ohne zu zögern, “weil Gropius sehr gut darin war, jedes Mittel der zeitgemäßen Kommunikation zu nutzen, um seine Vorstellungen zu verbreiten. Genauso sehen wir auch diese Ausstellung nicht als endgültige, abgeschlossene Position, sondern sie sollte eher als Anfang einer Diskussion gesehen werden und wo führt man Diskussionen heute? In den sozialen Medien. Und so soll der Hashtag für uns unterstreichen, dass wir bewusst auf eine Diskussion aus sind”.

Vitra Design Museum The Bauhaus #allesistdesign Bauhaus Glossray

Ein Bauhaus Glossar, präsentiert als Teil von Das Bauhaus #allesistdesign im Vitra Design Museum

Als gut präsentierte, unterhaltsame und informative Ausstellung bietet #allesistdesign einen guten Überblick über und eine Vorstellung von Bauhaus, inklusive eines verständlichen Glossars, für all jene, die mit der einen oder anderen Begrifflichkeit oder Verbindung Schwierigkeiten haben und durch die neuen, frischen Einblicke fügt sie den Diskussionen ums Bauhaus eine dringend benötigte Dosis Realität bei. Nicht zuletzt erinnert uns #allesistdesign daran, dass das Bauhaus in und auch abseits seiner Zeit existierte, dass daran echte Menschen beteiligt waren, die die echten Herausforderungen echter Situationen in deren wirklicher Welt ansprachen. Es ging nicht darum, einen Stil zu kreieren.

Aber gelingt es #allesistdesign tatsächlich, neue Eindrücke des Bauhaus zu präsentieren, die erklären, warum es immer noch zeitgemäß und immer noch relevant ist?

Annähernd.

Im Zusammenhang mit zeitgemäßem Design sprachen wir kürzlich mit einem Kurator, der sich beklagte, man habe heutzutage seine “Stardesigner” und hinter ihnen anscheinend eine Wüste. Bauhaus ist allgemeinhin dafür bekannt, da nicht anders zu sein, #allesistdesign erinnert uns daran, dass es aber doch anders war, dass die 6 Bauhäusler, die man kennt und  die 8 Bauhaus-Objekte, die man mal gesehen hat, womöglich nicht repräsentativ für eine Institution sind, die über 14 Jahre an drei verschiedenen Orten existierte – und dass die Situation heute, wenn man es mal hochrechnet, vielleicht auch anders ist, wenn man sich traut, über die Sicherheit der wenigen Namen, die man kennt, hinauszublicken.

Ebenso erinnert uns #allesistdesign daran, dass das Bauhaus genauso eine soziale und ökonomische Antwort auf die Umstände der Zeit war, wie es auch eine kreative Bewegung war, dass die entstandenen Objekte aus bestimmten Gründen entstanden, in einem bestimmten Kontext und auf der Basis einer wohlüberlegten theoretischen Grundlage. Und auch auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen, es ging beim Bauhaus nicht darum, einen Stil zu kreieren, oder wie uns Michele De Lucchi im Zusammenhang mit dieser anderen regelmäßig missverstandenen Bewegung Memphis sagte: “Ich glaube, Memphis wird heute mehr als ein Stil wahrgenommen, aber zu der Zeit wollten wir keinen Stil entwickeln, sondern Türen einbrechen und unsere Vorstellungen befreien, um neue Möglichkeiten zu finden“. Trotz der postmodernen Ansprüche, die Memphis hatte, waren deren wesentliche Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft der 1980er ähnlich zu denen, die Gropius und andere mit den 1920ern hatten.

All das sollte Besucher dazu anregen, sich selbst ein paar Fragen zu stellen in Bezug auf die heutige Gesellschaft, heutigen Handel, heutige Einrichtungen, heutige Möbel und ob, ganz ehrlich, #allesdesignist?

Das funktioniert alles sehr gut; was weniger gut funktioniert, ist die Gegenüberstellung von zeitgenössischen Objekten und Bauhaus-Arbeiten, oder besser gesagt, was stellenweise, aber nicht vollkommen überzeugend funktioniert, ist die Gegenüberstellung von zeitgenössischen Objekten und Bauhaus-Arbeiten. In die Ausstellung eingeflochten wie ein goldener Faden, ohne Zweifel darauf abzielend, den Besucher zu einem Moment der Aufklärung zu führen, hat das Konzept durchaus gute Momente: Die vielen ausgestellten Open Design Projekte erinnern uns an das Interesse des Bauhaus an neuen Materialien, neuen Produktionsmethoden und den Mut zu akzeptieren, dass das zu neuen, unbekannten Formensprachen führen könnte; ebenso erinnert der Vergleich von Arbeiten des MIRO Studios aus Hong Kong mit Herbert Bayers Grafik- und Ausstellungsarbeiten an die sehr wichtige Rolle, die die Bauhaus-Workshops in der Entwicklung moderner Vorstellungen von grafischem Design und Werbung gespielt haben. Andere Ansätze funktionieren weniger gut. Dass Konstantin Grcic einen Stuhl designte, der ein bisschen so aussieht, als könnte er möglicherweise 1926 in Dessau entstanden sein, scheint nicht relevant oder auch besonders überraschend zu sein für jemanden, der mit seinen eher kommerziellen Arbeiten etwas besser vertraut ist, und er unterstreicht außerdem eher das Bauhaus-Klischee, als vielmehr die zeitgemäße Relevanz des Bauhaus. Genauso der Fakt, dass Hugo Boss Textilien mit Mustern im Bauhaus-Stil entworfen hat, nun ja…siehe oben…

Was keine Kritik an den Arbeiten als solche ist, nur an der Entscheidung, sie in die Ausstellung zu integrieren und vor allem an der Art, wie sie oft die Absichten der Ausstellung parodieren und damit die sehr gute Arbeit, die an anderer Stelle getan wird, untergraben.

Brechstangen sind ein essentieller Teil der Waffen eines jeden Kurators, sie sollten jedoch immer schonend eingesetzt werden.

Sehr viel überzeugender ist dagegen die Raumaufteilung. Auf der Eröffnung seiner Ausstellung Panorama äußerte sich Konstantin Grcic über die “herausfordernden” Räumlichkeiten im Gehry Gebäude. Für #allesistdesign hat das Vitra Design Museum diese Herausforderung etwas reduziert, indem zusätzliche Wände eingefügt wurden, die neue, überschaubarere Räume und damit auch neue Ausstellungsmöglichkeiten kreieren. Wir haben keine Ahnung, was Frank Gehry sagen würde, wir vermuten, er würde es hassen, oder vielmehr hoffen wir das, aber wir finden, dass das Konzept im Kontext von #allesistdesign perfekt funktioniert und die Ausstellung sehr viel unterhaltsamer macht, als es andernfalls der Fall gewesen wäre.

Vitra Design Museum The Bauhaus #allesistdesign MIRO

Gedanken von MIRO zum Bauhaus-Vermächtnis

Bauhaus war nicht die einzige Schule oder Design-/Kunst-/Architektur-Bewegung des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Es ist allerdings in vielerlei Hinsicht die populäre Verkörperung der Zeit.

Warum? Und vor allem, warum ist das Bauhaus-Vermächtnis über die Jahre so erhalten geblieben? Was ist es, das das Bauhaus so bleibend populär macht?

Von ihren Beiträgen zu der Ausstellung erfahren wir zum Beispiel, dass es für Alberto Meda die Tatsache ist, dass das Bauhaus uns die “Wertschätzung dafür, wie die Dinge funktionieren und nicht nur ihre formalen Qualitäten” beigebracht hat, für Antonio Citterio lehrte uns das Bauhaus “Abstraktion und eine ganzheitliche Herangehensweise an Kunst”; Norman Foster sieht in dem Potential, ein Haus in 3D zu drucken, eine direkte Erweiterung der Bauhaus-Philosophie; Jay Barber und Edward Osgerby haben die Bauhaus-Philosophie als Learning by Doing aufgegriffen und verstanden; während uns für Maik Meiré das Bauhaus den Wert gelehrt hat, Design in alle Aspekte einer Marke zu integrieren, vom Produkt über Management bis zur Kommunikation.

Was natürlich alles perfekt erklärt, warum das Bauhaus-Vermächtnis über die Jahre so erhalten geblieben ist: Bauhaus kann sein, was immer man möchte, als was auch immer man es verstehen möchte. In Bezug auf Design und Architektur ist das Bauhaus universell.

Eine Tatsache, die furchtbar viel Raum dafür lässt, zu missverstehen, was die Schule war, was sie erreichen wollte, wie sie ihre Ziele verfolgte. Und vor allem, was sie uns heute beibringen kann.

#allesistdesign ist ein guter Ort, das eigene Verständnis vom Bauhaus in Frage zu stellen. Und von zeitgenössischem Design.

Oder, wenn man das vorzieht, #allesistdesign ist ein guter Ort, um das eigene Verständnis von modernem Design in Frage zu stellen.

#allesistdesign läuft im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Strasse 2, 79576 Weil am Rhein, bis Sonntag, den 28. Februar.

Alle Informationen, inklusive Details zum begleitenden Nebenprogramm finden Sie unter www.design-museum.de.

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September 3rd, 2015 nach smow

Wie die alte Mama Gans angeblich einmal sagte:

Dreißig Tage hat der September und die folgenden fünf verlockenden neuen Design- und Architekturausstellungen, die es womöglich wert sind, mal besucht zu werden, wenn man die Gelegenheit dazu hat…

“Piet Mondrian. The Line” im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Deutschland

Genau wie die Architekten, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur Bewegung des Modernismus geführt wurden auch mit eher klassischen Stilen anfingen, bevor sie vom reduzierten Charme des Modernismus verführt wurden, so begann auch der niederländische Maler Piet Mondrian als Impressionist ehe er erkannte, was seine prägende Form werden sollte: die Linie. Organisiert vom Martin-Gropius-Bau in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Gemeentmuseum Den Haag, verspricht “Piet Modrian. The Line” ungefähr 50 von Modrians eher frühen Arbeiten zu zeigen, mit denen die Kuratoren erklären wollen, wie der Künstler danach strebte, seine eigene künstlerische Stimme zu finden – eine Stimme, die ein beständiger Einfluss auf zeitgenössische Kunst, Architektur und Design bleibt.

Piet Modrian. The Line wird am Freitag, den 4. September im Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin eröffnet und läuft bis Sonntag, den 6. Dezember.

Piet Mondrian (1872 – 1944): Kirchenfassade 1: Kirche in Domburg

Piet Mondrian (1872 – 1944): Kirchenfassade 1: Kirche in Domburg, 1914 (Photo: © Gemeentemuseum Den Haag, The Netherlands, Courtesy of Martin-Gropius-Bau Berlin)

“The Bauhaus #itsalldesign” im Vitra Design Museum, Weil am Rhein, Deutschland

Die zweitdrängendste Frage, die im Zusammenhang mit der nahenden Bauhaus Ausstellung im Vitra Design Museum im Raum steht ist, was würde wohl Walter Gropius von dem Hashtag halten? Irgendetwas sagt uns, es würde ihm gefallen. Und das nicht nur wegen seiner quadratischen Perfektion, sondern viel mehr wegen dem ihm innewohnenden Sinn für Gemeinschaft und gezieltem Aktionismus, den es herüberbringt. Und wegen seines kommerziellen Werts, natürlich. Und die drängendste Frage, die aufkommt, ist wohl, was kann noch eine große Bauhaus-Ausstellung zu unserem Wissen und unserem Verständnis über diese meistgelobte aller Institutionen noch hinzufügen? In vier thematische Bereiche geteilt, die sich mit dem sozialen und historischen Hintergrund des Bauhaus beschäftigen, dem Verständnis von Räumen, der Bauhaus Kommunikation und der Fülle von Designobjekten, die in Weimar und in Dessau geschaffen wurden, verspricht der wohl interessanteste und wertvollste Aspekt der “The Bauhaus #itsalldesign” eine Gegenüberstellung von Arbeiten der Bauhaus-Absolventen wie Marcel Breuer, Marianne Brandt und Lyonel Feiniger mit denen von zeitgenössichen Künstlern wie Adrian Sauer, Jerszy Seymour, Konstantin Grcic und Enzo Mari zu werden. Der Ansporn dahinter ist es, die Relevanz des Bauhaus Vermächtnisses für zeitgenössisches Kunstgeschehen herauszufinden. Wenn es nämlich keine hat – was hat es dann?

The Bauhaus #itsalldesign wird am Samstag, den 26. September im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein eröffnet und läuft bis Sonntag, 28. Februar.

Photograph from an instruction manual for the usage  of tools, Thonet brothers, 1935 , Collection Alexander  von Vegesack, Domaine de Boisbuchet,  www.boisbuchet.org  (photographer unknown)

Fotografie aus einer Bedienungsanleitung zum Gebrauch von Werkzeugen, Gebrüder Thonet, 1935 , (Photo Collection Alexander von Vegesack, Domaine de Boisbuchet, Fotograf unbekannt, courtesy of Vitra Design Museum)

“Sukiya – Japanese Teahouse” im Museum of Finnish Architecture, Helsinki, Finnland

Es gibt wohl kaum kultigere Objekte in der Entwicklung des Modernismus als das japanische Haus. Mit seinem reduzierten Konstruktionsprinzip, funktionaler Eleganz und materieller Einfachheit ist das traditionelle japanische Haus in vielerlei Hinsicht eine modernistische Konstruktion, wie sie im Buche steht. Und eine Form, die weiterhin gleichermaßen inspiriert und motiviert. Mit Fokus auf Sukiya, ein architektonischer Stil, der traditionellerweise, wenn auch nicht ausschließlich, für die Konstruktion von Teehäusern angewandt wird, wird das Museum of Finnish Architecture versuchen, die Geschichte und die kulturelle Relevanz von Sukiya zu erklären, während gleichzeitig seine Rolle und Bedeutung für moderne japanische Architektur und Baukunst hervorgehoben werden soll. Zusätzlich zu einem lebensgroßen Sukiya Teehaus, inklusive Holz-, Bambus- und Tatami-Matten, shoji Raumtrennern und verschiedenen Möbelstücken, wird die Ausstellung eine Ergründung der Werkzeuge, Materialien und Prozesse zeigen, die im Sukiya verwendet werden, während Kunsthandwerker in etlichen Workshops die Sukiya-Technik demonstrieren werden und dadurch auch helfen zu verstehen, was Sukiya so einzigartig macht. Und so einnehmend wie seit jeher.

Sukiya – Japanese Teahouse wird am Mittwoch, den 2. September im Museum of Finnish Architecture, Kasarmikatu 24, 00130 Helsinki eröffnet und läuft bis Sonntag, den 15. November.

Sukiya – Japanese Teahouse Museum of Finnish Architecture

Sukiya – Japanese Teahouse im Museum of Finnish Architecture

Manifesto. Arbeiten von Studierenden und Absolventen des Prager Glasateliers im Kunstgewerbemuseum, Dresden, Deutschland

Kurz nachdem sie ihre Stelle als Direktorin des Kunstgewerbemuseums Dresden angetreten hatte, erzählte uns Tulga Beyerle, dass die Entscheidung, die Prager Studios Okolo und Dechem einzuladen, an Ausstellungen teilzunehmen, zumindest teilweise, wenn auch nicht ausschließlich “eine Art war, zu zeigen, dass eine Stadt wie Prag ein Ort ist, an dem Dinge passieren und dass es sinnvoll und hoffentlich unterhaltsam ist, mehr über das herauszufinden, was dort passiert“. Als nächster Schritt in diese Richtung präsentiert das Kunstgewerbemuseum Dresden eine Ausstellung aus Arbeiten von Rony Plesl und seinen Studenten aus dem Glasatelier der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design. Zusätzlich zu Arbeiten, die während Rony Plesls achtjähriger Amtszeit als Leiter des Prager Glasateliers entstanden und die damit auch einen Überblick geben, in welche Richtung Rony Plesl die Institution geführt hat, wird Manifesto auch eine Auswahl von Arbeiten zeigen, die speziell für die Ausstellung konzipiert und von der Kollektion des Kunstgewerbemuseums Dresden inspiriert wurden – damit führt sie die kritische Auseinandersetzung der Institution mit ihrer Kollektion durch die Augen von Außenstehenden fort.

Manifesto. Arbeiten von Studierenden und Absolventen des Prager Glasateliers wird am Freitag, den 4. September im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden eröffnet und läuft bis Sonntag, den 1. November.

Manifesto. Works by Students and Graduates of the Studio of Glass in Prague at the Kunstgewerbemuseum, Dresden, Germany

Manifesto. Arbeiten von Studierenden und Absolventen des Prager Glasateliers im Kunstgewerbemuseum, Dresden, Deutschland

MINDCRAFT15 im Designmuseum Dänemark, Kopenhagen, Dänemark

Eine der Freuden, die es mit sich bringt, sich dagegen entschieden zu haben, jeden April nach Mailand zu wandern ist es, dass man die Ausstellungen besuchen kann, die man in Mailand ansonsten andernorts verpasst hätte. Selbst wenn dieser Ort ein so irrsinnig teurer wie Kopenhagen ist. Organisiert von der Danish Agency for Culture ist MINDCRAFT eine jährliche Ausstellungsserie, die eine kuratierte Auswahl zeitgenössischen dänischen Handwerks und Designs zeigt: die Ausgabe von 2015 wird kuratiert vom Kopenhagener Designstudio GamFratesi und beinhaltet Arbeiten von, unter anderem, benandsebastian, Cecilie Manz, Henrik Vibskov und Louise Campbell und zielt wie alle MINDCRAFT Ausstellungen darauf ab, nicht nur einen prägnanten Überblick über zeitgenössisches Dänisches Kunstgeschehen zu liefern, sondern auch die heutigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Design und Handwerk herauszuarbeiten.

MINDCRAFT15 wird am Freitag, den 18. September im Designmuseum Dänemark, Bredgade 68, 1260 Copenhagen eröffnet und läuft bis Sonntag, den 31. Januar.

MINDCRAFT15 Chiostro Minore di San  Simpliciano Milan

MINDCRAFT15, hier am Chiostro Minore di San Simpliciano Mailand (Photo: © MINDCRAFT/Jule Hering, Courtesy Designmuseum Danmark)

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Bauhaus re use @ Bauhaus Archiv Berlin
Juni 1st, 2015 nach smow

Das Bauhaus wird ja häufig als eine Art Brutkasten für die kreativen Talente der 1920er Jahre wahrgenommen. Da passt es ganz gut, dass das Bauhaus Archiv Berlin jetzt eine Art Gewächshaus unterhält, das aus ausrangierten Fenstern des Bauhaus Dessau zusammengebaut wurde.

Der neue Bauhaus re use Pavillon wurde vom Berliner Architekturbüro Zukunftsgeraeusche GbR gemeinsam mit dem Bauhaus Archiv Berlin, der Technischen Universität Berlin, Wagner Tragwerke und in Zusammenarbeit mit dem Oberstufenzentrum Knobelsdorff-Schule Berlin als temporärer Veranstaltungsraum für das Museum geplant und realisiert. Zum 100. Geburtstag vom Bauhaus im Jahr 2019 soll dann die viel gepriesene und dringend notwendige Erweiterung des Bauhaus Archivs Berlin fertiggestellt sein.

Neben den umfunktionierten Fenstern und Türen aus Dessau besteht der neue Bauhaus re use Pavillon aus einem reduzierten Stahlskelett und ist mit zwei Schiffscontainern ausgestattet, die als Lagerraum und Sanitäranlage dienen. Mit dem intelligenten Doppelwandprinzip zur Isolierung ist der Pavillon ein gutes Beispiel für eine leichte Konstruktion, die nicht nur durch die Wiederverwendung von bestehenden Ressourcen Energie spart, sondern auch einen geringen täglichen Bedarf an Ressourcen hat.

Die Verarbeitung ausgedienter Fenster ist nicht wirklich neu: ein besonders schönes Beispiel dafür findet sich ungefähr 125 Kilometer südlich von Berlin. Dabei handelt es sich um Niek Wagemans WunderBAR im Hof des Ampelhauses in Oranienbaum. Allerdings ist es besonders passend, fast schon korrekt, dass für den Bauhaus Pavillon in Berlin ausgediente Fenster des Bauhaus Dessau verwendet wurden. Schließlich besteht Gropius’ Bauhaus Dessau selbst aus wenig mehr als Fenstern. Außerdem war auch Ludwig Mies van der Rohes Berliner Bauhaus schon eine reduzierte und nachbearbeitete Version des Dessauer Bauhaus, die, wenn auch unbeabsichtigt, ebenfalls nur eine flüchtige, kurzlebige Institution war.

Alles in allem halten wir den Pavillon für eine schöne und brauchbare Ergänzung des Ensembles vom Bauhaus Archiv Berlin.

Der neue Bauhaus re use Pavillon kann den ganzen Tag über auf dem Gelände des Bauhaus Archivs, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin besichtigt werden. Alle Informationen und das Veranstaltungsprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

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Mai 21st, 2015 nach smow

Die größte – und zweifellos mit dem höchsten Budget ausgestattete – neue Architektur- und Designausstellung im Mai 2015 ist die Weltausstellung in Mailand, die am 1. Mai begonnen hat. Unter dem zentralen Thema “Feeding the Planet, Energy for Life” zeigt die Expo Präsentationen aus ungefähr 140 Ländern in einer ähnlichen Anzahl von Pavillons, die von weltweit führenden Architekturbüros entworfen sind, und verspricht eine unvergleichliche Erforschung zukünftiger Strategien, die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Und bringt hoffentlich auch dem Mailänder Hotelgewerbe soviel Gewinn ein, dass sich die Hotelbetreiber im kommenden April vielleicht sagen: Wisst ihr was, lasst uns unsere Zimmer während der Mailänder Möbelmesse zu bezahlbaren Preisen vermieten. Lasst uns aufhören, die Möbel- und Designindustrie auszunehmen und stattdessen realistische Preise veranschlagen, um die ganze Veranstaltung bezahlbarer und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Mailand ist eine freundliche Stadt, lasst uns das zeigen!

Natürlich werden sie das nicht tun. Aber wir lassen uns nicht nehmen, zu träumen.

Und hier, Mailand ignorierend, fünf wirklich vielversprechende Architektur-und Designausstellungen im Mai 2015 vor.

“Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu, Hornu, Belgien

Unter dem Titel “Thingness” zeigt das CID – Grand-Hornu die erste Retrospektive von Jasper Morrison überhaupt. Ein Satz, aus dem sich zwei Fragen ergeben.

Erstens: Wirklich? Niemand hat jemals eine Jasper-Morrison-Retrospektive gezeigt? (Uns fallen etliche Museen ein, die das längst getan haben sollten.)

Zweitens: Warum ausgerechnet Belgien?

Versteht uns nicht falsch, die Ausstellung hört sich fantastisch an – verspricht sie doch eine chronologische Reise durch 35 Jahre kreativen Output von Jasper Morrison, und das in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern und Disziplinen. Im Grunde also eine exzellente Gelegenheit, die stilistische und philosophische Entwicklung Jasper Morrisons vom atemlosen Studenten auf der ersten Memphis-Ausstellung in Mailand zum höflichen, distanzierten Großmeister des zurückhaltenden europäischen Designs von heute nachzuvollziehen.

Aber warum Belgien?

CID – Grand-Hornu ist eine sehr angesehene Institution mit einer langen Liste interessanter Ausstellungen. Doch angesichts der sehr viel engeren Verbindungen, die Morrison zu anderen Ländern und Regionen hat… Nichtsdestotrotz gehört Belgien, wie wir wiederholt festgestellt haben, momentan zu den interessanteren Ländern in Sachen Möbeldesign. Und so ergibt es vielleicht doch Sinn, dass sich ein Designer wie Jasper Morrison gerade zu Belgien hingezogen fühlt.

“Jasper Morrison – Thingness” öffnet im CID – Grand-Hornu, Site du Grand-Hornu, Rue Sainte-Louise 82, 7301 Hornu Sonntag, am 10. Mai und läuft bis zum 13. September.

 

Plywood Chair by Jasper Morrison for Vitra, part of Jasper Morrison - Thingness

Plywood Chair von Jasper Morrison für Vitra, ein Teil von “Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung ” im Bauhaus Dessau

Man kann wohl sagen, dass Hannes Meyer der am wenigsten gefeierte und bekannte der drei Bauhaus-Direktoren ist. Beim Bauhaus Dessau versucht man nun, Ruhm und Image des zweiten Direktors zu befördern, indem man sich vertieft mit einem zentralen Aspekt seiner Philosophie beschäftigt; einem Aspekt, der in vielerlei Hinsicht relevanter für unsere heutige Gesellschaft ist als all die Stahlrohrmöbel  und viereckigen Häuser, die man mit Meyers Kollegen Gropius und Mies van der Rohe in Verbindung bringt: dem Kollektiv. Hannes Meyer selbst entwickelte kaum ein Projekt allein und zog stattdessen die Zusammenarbeit mit anderen vor. Heute sind Ideen kollektiver Kraft, kollektiver Verantwortung und kollektiven Denkens immer häufiger die Grundlage von Design- und Architekturprozessen.

Kollektiv wie auch gemeinsam sitzen wir alle im selben Boot. Unter Hannes Meyer wurde die Formulierung “Volksbedarf statt Luxusbedarf” zum Schlachtruf des Bauhauses; heute sehen Designer und Architekten ihre Rolle zunehmend darin, hilfreich für die Gesellschaft zu sein, statt kommerzielle Güter zu schaffen.

Mit einem Fokus auf “Kollektiv-Ideen” in Bereichen wie Bildung, Gesellschaft, Landschaft und natürlich Architektur möchte das Bauhaus Dessau Hannes Meyer – in Ergänzung zur detaillierteren Erkundung seiner Person – im modernen Kontext erklären und so die bleibende Relevanz seines Denkens, seiner Methodik und damit seiner Amtszeit unterstreichen.

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung” öffnet in der Stiftung Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau am 21. Mai und läuft bis Sonntag, den 4. Oktober.

The coop principle – Hannes Meyer and the Concept of Collective Design Bauhaus Dessau

Hannes Meyer (Photo: Courtesy Stiftung Bauhaus Dessau)

“Telling Time” im mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne, Schweiz

Bedenkt man, dass die ganze Welt sehr, sehr aufgeregt über die neue Fruit Watch ist und zugleich die Möglichkeit besteht, dass tausend andere Firmen sehr, sehr ähnliche Produkte zu einem Bruchteil des Preises auf den Markt bringen, erscheint die neue Ausstellung im Mudac in Lausanne äußerst passend: “Telling Time” zeigt nicht nur die zentrale kulturelle Rolle von Uhren, ihrer Produktion und der Zeitansage, sondern unterstreicht zugleich, wie sich Zeitansage als Prozess kontinuierlich verändert – und durch diese Neuerfindung seine Faszination und Relevanz behält, unabhängig von der unveränderten Funktion. Zu diesem Zweck verspricht “Telling Time”, Exemplare des historischen analogen Uhrendesigns von einigen der prestigeträchtigsten Schweizer Marken und modernere, digitale Uhren zu präsentieren – in Gegenüberstellung zu Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Designer wie beispielsweise “365 Knitting Clock” von Siren Elise Wilhelmsen, “Grandfather Clock” von Maarten Baas oder Ivan Argotes “Time is Money”.

“Telling Time” öffnet im Mudac – Musée de design et d’art appliqués contemporains, Pl. de la Cathédrale 6, Lausanne, am Mittwoch, den 27. Mai und läuft bis Sonntag, den 27. September.

Time is Money by Ivan Argote (outtake at 10:41:59) (Photo: © Galerie Perrotin, courtesy of mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

Time is Money von Ivan Argote (outtake bei 10:41:59) (Foto: © Galerie Perrotin, mit freundlicher Genehmigung des mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

“De Invasie on display” im Design Museum Gent, Gent, Belgien

Im Jahr 2010 gründeten drei mutige Seelen De Invasie als Plattform, um junges belgisches Design – sei es Einrichtung, Mode, Grafik oder Fotografie – zu fördern und zu verbreiten. Neben diesem Netzwerk für belgische Designer organisiert De Invasie auch regelmäßig Gruppenausstellungen auf Design Messen und nun, in Zusammenarbeit mit dem Design Museum Gent, eine erste museale Ausstellung. Da die Ausstellung wie alle De Invasie Projekte auf der Basis organisiert wurde, dass sich Teilnehmer bewerben statt ernannt zu werden, rechnen wir nicht mit einer sonderlich tiefgründigen kuratorischen Poisition, die sich durch die Ausstellung zieht; wir erwarten allerdings eine Ausstellung, die etliche Beispiele des äußerst spannenden und innovativen kreativen Talents präsentiert, das man derzeit im Königreich Belgien findet – also eine Ausstellung, die einmal mehr die Stärke des aktuellen belgischen Designs unterstreicht. Ein bisschen in der Weise, wie das MoMA New York in den 1950er Jahren das amerikanische Design mit Ausstellungen wie “Good Design” promotete.

“De Invasie on display” öffnet im Design Museum Gent, Jan Breydelstraat 5, 9000 Gent am 8. Mai und läuft bis Sonntag, den 13. September.

De Invasie on display Design Museum Gent

De Invasie on display im Design Museum Gent

“Workplace for the New World” im Bureau Europa, Maastricht, Holland

“Was rechtfertigt den Aufwand der Arbeit?” fragt die Einleitung zur aktuellen Ausstellung im Bureau Europa, “Wie geben unsere alltäglichen Tätigkeiten unserem Leben und unserer physischen Umgebung eine Bedeutung?”

Fragen, die tendenziell auf eine Ausstellung hinweisen, die an einem feuchten, winterlichen Montagmorgen in einem kalten Bahnhof ersonnen wurde.

Ungeachtet dessen, wie und warum diese Ausstellung konzipiert wurde, verspricht sie, einen sehr wichtigen Aspekt der heutigen Gesellschaft zu untersuchen: Wie werden wir in Zukunft arbeiten und wie werden wir sicherstellen, dass unsere Arbeitsmethoden nachhaltig, sachdienlich und dennoch einträglich sind?

Neben einer zentralen Ausstellung über das Wesen der Arbeit, den Begriff “Arbeit” und die zukünftige Rolle der Arbeit verspricht “Workplace for the New World” auch eine Reihe von Workshops und Vorträgen, die neue Positionen präsentieren, analysieren und prüfen. So erhält die Ausstellung eher eine aktivierende als reflektierende Note – work in progress, wenn man so will.

“Workplace for the New World” läuft im Bureau Europa, Timmerfabriek, Boschstraat 9, 6211 AS Maastricht seit dem 1. Mai und läuft bis Sonntag, den 5. Juli.

Workplace for the New World Bureau Europa Maastricht

Workplace for the New World im Bureau Europa, Maastricht

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2.5.0. – Object is Meditation and Poetry. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig
April 24th, 2015 nach smow

Die Geschichte der angewandten Kunst – wir glauben, es ist nicht zu impulsiv, das zu behaupten – ist eng verknüpft mit der aller anderen visuellen Kunstformen.

Insofern ist es auch nur logisch, dass die Geschichte des Grassi Museums für Angewandte Kunst zu Leipzig sehr eng mit der der Leipziger Kunsthochschule, der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), verknüpft ist.
Um jetzt den 250. HGB-Geburtstag zu feiern, wurden HGB-Studenten und -Graduierte vom Grassi Museum eingeladen, die Dauerausstellung der Sammlung des Grassi Museums zu unterbrechen, das heißt: ihre Arbeiten zwischen, neben und anstatt der Objekte aus der ständigen Sammlung zu platzieren, und so einen Dialog zwischen dem Dekorativen und dem Praktischen, dem Funktionalen und dem Abstrakten, dem Mondänen und dem Lächerlichen entstehen zu lassen.

Private Universe collection by Silke Koch in a kitchen Ensemble by Erich Dieckmann, as seen at 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum for Applied Arts Leipzig

Private Universe Serie von Silke Koch in einem Küchenensemble von Erich Dieckmann, gesehen bei 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum für angewandte Kunst zu Leipzig

Mit einer Auswahl von Gemälden, Skulpturen, Videos, Installationen und Objekten von über 70 internationalen Künstlern präsentiert die von Alba D’Urbano und Olga Vostretsova kuratierte Ausstellung “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” eine Reihe von Arbeiten, die, und das ist gewissermaßen enttäuschend, nicht speziell für die Ausstellung entwickelt wurden, sondern in anderen, davon unabhängigen Kontexten entstanden sind, sich aber dennoch auf bestimmte Aspekte der Sammlung oder des Grassi Museums beziehen lassen. “Enttäuschend” nicht, weil die daraus resultierende Ausstellung nicht funktionieren würde, das tut sie nämlich, sondern weil eine direktere Konfrontation mit der Sammlungsausstellung, vor allem auch mit dem Ausstellungsstil des Grassi Museums und den dort präsentierten Positionen, möglicherweise zu einer die Gedanken anregenderen, letztlich lohnenderen Ausstellung geführt hätte. Stattdessen hat man eine Ausstellung innerhalb einer anderen Ausstellung, “zwei zum Preis von einer” – aber wer freut sich heutzutage nicht über ein solches Schnäppchen inmitten all der Entbehrungen und finanziellen Unsicherheiten …

Damit soll aber nicht behauptet werden, es bestünde keinerlei Verbindung zwischen den Objekten und der Sammlung: Es gibt durchaus einige ganz offensichtliche Zusammenhänge. So zum Beispiel Bea Meyers Installation “Utopia is a perfect social system in wich everyone is satisfied and happy”, die vor einem Wandteppich platziert ist, der wiederum auf  Raphaels “Schule von Athen” basiert, oder Varinka Schreurs Serie “DIY. All Tomorrows Parties” aus 3D-gedruckten Objekten, die anstelle von Lausitzer Steingut aus dem 10. Jahrhundert vor Christi gezeigt wird. Es gibt noch einige wenige weitere subtile Verbindungen, so zum Beispiel die Serie “Private Unsiverse” von Silke Koch – kleine raumschiffartige Gebilde, aus gesammelten Küchenutensilien zusammengebaut, die in Erich Dieckmanns Küchenensemble aus den späten 1920er Jahren präsentiert wird, das er am Bauhaus Weimar entwickelt hatte; oder Silke Wawros “most expensive jacket in the world”, das zwischen Exemplaren der Plauener Spitze ausgestellt ist. Dann gibt es wiederum Objekte, bei denen, zumindest für uns, die Verbindungen eher vage sind. Das spielt allerdings keine größere Rolle, wenn man sich die Projekte für sich genommen anschaut. So haben wir uns beispielsweise über Cindy Schmiedichens Gipsplanken inmitten einer Reihe von Tischen und Stühlen von Designern wie Marcel Breuer, über Anton Lorenz und Mies van der Rohe oder über Susan Winters zwangsläufig namenlose Komposition aus 10.000 Rasierklingen sehr gefreut.

Gewissermaßen macht das auch die subtile Schönheit von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” aus. Wir denken nicht, dass irgendjemand ins Grassi Museum gehen wird, nur um HGB-Arbeiten zu sehen. Die meisten kommen wegen der Dauerausstellung der Sammlung, für die exzellente Tour von der Antike bis zum heutigen Tag – eine Reise, die beweist, wie grundsätzlich gleich und unverändert unsere Anforderungen in Sachen Möbel, Kleidung und Verbrauchsgüter über die Jahrhunderte geblieben sind und die zigtausende Jahre der kulturellen Entwicklung erforscht. Und während des Ganges durch die Dauerausstellung werden die Besucher eingeladen, nach Wunsch in die HGB-Projekte einzutauchen. Der Besucher steht nicht unter dem Druck, alle Projekte sehen oder verstehen zu müssen, geschweige denn, an allen Gefallen zu finden. Letztlich ist das der beste Weg, sich ein Museum anzuschauen, fällt doch so eine Menge an Zwang weg, den man häufig beim Besuch von Dauerausstellungen verspürt. Geht es nicht den meisten so? Rokoko muss man nicht schön finden, Marcel Breuers Stahlrohrstühle kann man auch als sinnlose Studentenabenteuer abtun – und was bitte macht Fernando und Humberto Campanas “Sushi”-Pouf so außergewöhnlich?

Ein besonderes Highlight von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” waren für uns Alexej Meschtschanows Stühle – gefesselt von ungehobelten Stahlrohren. Stühle, die im ganzen Museum verteilt sind und die, ganz abgesehen von ihrer besonderen Verspieltheit, einen an die Gefahren von Museen erinnern, die sich allzu ernst nehmen, ihre Sammlungen als abgeschlossene Positionen begreifen und vergessen, auch mal etwas Luft in ihren Bestand zu lassen.

Mit “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” hat das Grassi Museum zu Leipzig einen sehr willkommenen frischen Wind in seine Ausstellungräume gelassen.

“2.5.0. – Object ist Meditation and Poetry” läuft im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig, Johannisplatz 5-11 04103 Leipzig, bis Sonntag, den 28.Juni.

Alle Details sind unter www.grassimuseum.de zu finden.

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Eine Sammlung von Puppen von Werner Jackson, gesehen in der der neuen "Sammlung Bauhaus", Bauhaus Archiv Berlin
April 1st, 2015 nach smow

Nach einer Unterbrechung der Dauerausstellung, notwendig, um die kürzlich beendete Ausstellung “Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” unterbringen zu können, hat das Bauhaus Archiv Berlin die Gelegenheit genutzt und sein Ausstellungskonzept umgestaltet.

Damit ist es dem Bauhaus Archiv gelungen, willkommenen frischen Wind in sein Museum zu lassen.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus

Bauhaus Archiv Berlin: Sammlung Bauhaus

Unter dem Titel “Sammlung Bauhaus” liefert die Dauerausstellung nach wie vor einen sehr vagen Überblick; die komplette Geschichte des Bauhauses auf den wenigen verfügbaren Quadratmetern des Ausstellungsraums im Bauhaus Archiv Berlin zu präsentieren, wäre einfach unmöglich. Nichtsdestotrotz erreicht das Bauhaus Archiv mit dem neuen Ausstellungskonzept sehr viel mehr als die frühere Dauerausstellung. Die Präsentation ist jetzt sehr viel unterhaltsamer und zugänglicher, als es zuvor der Fall war – und das, obwohl weniger gezeigt wird, wenn wir es richtig einschätzen. Ein gutes Beispiel also für “weniger ist mehr”, wie einer der berühmteren Bauhausanhänger sagte.

Die Ausstellung wirft einen Blick auf die drei Bauhausstandorte, die wichtigsten Protagonisten, die Bereiche, in denen das Bauhaus aktiv war, und untersucht, wie die Schule funktionierte. Die neue Dauerausstellung untersucht das Bauhaus aber auch im Zusammenhang mit zugehörigen und ähnlichen Institutionen, seien es vom Bauhaus inspirierte Institutionen wie das sogenannte New Bauhaus in Chicago und die HfG Ulm in Deutschland, oder Zeitgenossen des Bauhauses wie die Burg Giebichenstein Halle, eine Institution, die ungefähr vier Jahre vor dem Bauhaus gegründet wurde und hinsichtlich der Lehre und der Philosophie ebenso avantgardistisch und anspruchsvoll war. Zudem macht die neue Dauerausstellung deutlich, dass es sich beim Bauhaus nicht nur um eine Schule, sondern auch um eine Bewegung handelte, die als Vorreiter neuer Ideen und bei der Entwicklung des Bauens und Lebens eine entscheidende Rolle spielte. Man neigt dazu, das zu vergessen, wenn man zu sehr bei der populären Formensprache einiger weniger “Bauhaus-Klassiker” hängen bleibt und dabei übersieht, in welchem Kontext sie entstanden sind und vor allem: warum.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus Marcel Breuer Kitchen Vogler Surgery Berlin 1929 Kitchen Chair 1924

Eine Küche für die Praxis Vogler, Berlin (1929) und ein Küchenstuhl (1924) alle von Marcel Breuer, gesehen als Teil der neuen Sammlung Bauhaus, Bauhaus Archiv Berlin

Parallel zur Einweihung der neuen Dauerausstellung öffnet das Bauhaus Archiv Berlin auch eine neue Sonderausstellung mit 100 kürzlich erworbenen Ankäufen. Diese Präsentation unterstreicht unter dem Namen “100 Neue Objekte” einerseits geschickt den erneuernden Geist der Dauerausstellung und die Tatsache, dass ein Museum wie das Bauhaus Archiv eine dynamische und vorausblickende Institution ist; zugleich ist die Besichtigung der Ausstellung aber auch ein schöner Blick zurück in die Vergangenheit. Dafür sorgen Objekte, die in jüngerer Zeit im Kontext der interessanteren Sonderausstellungen erworben wurden. Zu diesen Ausstellungen gehören beispielsweise “Mein Reklame-Fegefeuer. Herbert Bayer. Werbegrafik 1928 – 1938“, “Katsura Imperial Villa. Fotografien von Ishimoto Yasuhiro”, oder die Ausstellung “Hajo Rose – Bauhaus Foto Typo” von 2010.

Unter einer  riesigen Abfolge von Fotografien, Malereien, Möbeldesigns, Spielzeugen , Keramiken und Kunstwerken gehörte ein faszinierender Stuhl von Hansgeorg Knoblauch aus dem Jahr 1932 für uns zu den absoluten Highlights – eine Arbeit, die gut in die Ausstellung “Klaarhamer according to Rietveld” im Museum Utrecht passen würde. Hinzu kam für uns der  Einwegregenschirm Rainbelle von Ferdinand Kramer und eine Schreibtischlampe, die Heinrich Siegfried Bormann 1932 für den Leipziger Hersteller Kadem designte, und die daran erinnert, dass Bauhausabsolventen für richtige Industriebetriebe industrielle Produkte entwickelten, die ihren ganz eigenen Charme haben, ohne notwendigerweise in besagte Kategorie “klassisch” zu fallen. Es handelt sich einfach um gute oder sehr gute Objekte.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus Lamp Heinrich Siegfried Bormann Kandem

Eine Lampe von Heinrich Siegfried Bormann für Kandem, gesehen bei “100 Neue Objekte”, Bauhaus Archiv Berlin

Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass das Bauhaus Archiv nun endlich seine viel diskutierte und umstrittene Erweiterung erhält; beim Besuch der beiden Ausstellungen wird sehr deutlich, weshalb es diese Erweiterung dringend benötigt. Wenn alles nach Plan läuft – angenommen, die Bürokratie und aufgeblasene, streitsüchtige Architekten geraten nicht in den Weg – wird die Erweiterung 2019 abgeschlossen sein. Pünktlich also zum 100. Geburtstag des Bauhauses und nicht allzu bald.

Das Bauhaus ist weder A und O von Architektur und Design im 20. Jahrhundert noch handelt es sich um eine Bewegung, die das heilige Recht auf einen besonderen Stand hätte und bedeutender wäre als alle anderen. Jedoch war die Bewegung als Moment der europäischen Kulturgeschichte von großer Bedeutung und bleibt heute so relevant wie damals. Die Dauerausstellung des Bauhaus Archiv Berlin ist ein exzellenter Ort, um herauszufinden, welche Gründe es dafür gibt. Sie liefert die nötige Motivation für den Besucher, sich auf eine eigene Entdeckungsreise zu begeben – was genau das ist, was eine solche Ausstellung tun sollte.

“100 Neue Objekte” läuft im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin bis Montag, den 25. Mai. Die Dauerausstellung “Sammlung Bauhaus” läuft unter gleicher Adresse und – wie der Name es schon sagt – fortlaufend.

Alle Details, Öffnungszeiten und Informationen zu gesonderten Veranstaltungen und Führungen sind unter www.bauhaus.de zu finden.

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Dezember 23rd, 2014 nach smow

Kalt wie der Februar 2014 ohne Frage war, haben wir uns aufwärmen können, und zwar bei Ausstellungen über das Bauhaus im Fokus der Medien der 1920er Jahre, zum Leben und der Arbeit Maria Brandts und mit Arbeiten der Berliner Designerin Birgit Severin. Und auch USM Fensterverschlüsse haben uns sehr beschäftigt …!

usm window handle

Ein USM Fenstergriff!!!

Marianne Brandt Villa Esche Chemnitz Kaffeemaschine

Marianne Brandt in der Villa Esche Chemnitz

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre Metallische Fest

Fotografien vom Metallischen Fest, gesehen bei Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

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Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin
November 10th, 2014 nach smow

In seinem Film “Moderne Zeiten” von 1936 gerät Charlie Chaplin bekanntermaßen in die Mühlen des Fortschritts. Der Film ist eine kurze, aber scharfe Kritik an den Problemen und Herausforderungen, die technologischer und sozialer Wandel für den “kleinen Mann” mit sich bringen.

Über ein Jahrzehnt später hatte auch der ungarische Künstler und Autor László Moholy-Nagy damit begonnen, die Probleme und Herausforderungen der Moderne zu studieren. Er setzte sich mit dem rasanten technischen Fortschritt und der damit verbundenen Flut an neuen sensorischen Erfahrungen auseinander. Jetzt präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin in seiner Winterausstellung 2014/15 nicht nur eine tiefgründige Untersuchung László Moholy-Nagys und seiner Arbeit, sondern befasst sich auch mit der Relevanz dieser Arbeiten für unsere “Moderne”.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

Anfänglich wollte der 1895 im ungarischen Bácsborsód geborene László Moholy-Nagy eine juristische Laufbahn einschlagen. Seine Pläne änderten sich jedoch, als er die Kunst der Avantgarde und die Literatur für sich entdeckte – zuerst durch die Budapester Aktivistenbewegung und danach durch den Dadaismus und russischen Konstruktivismus. Im Jahr 1920 zog Moholy-Nagy nach Berlin. Dort machte er sich mit den Ideen der Reformpädagogik vertraut, veröffentlichte seine ersten programmatischen Texte und nahm erstmals an Ausstellungen teil, bevor ihn Walter Gropius 1923 auswählte, Johannes Itten als Tutor des berühmten Vorkurses am Bauhaus Weimar zu ersetzten.

Moholy-Nagy zog zwar noch mit der Institution nach Dessau um, verließ das Bauhaus allerdings bereits 1928, um sein eigenes Studio in Berlin zu eröffnen. Mit dem Erstarken der NSDAP sah sich Moholy-Nagy, wie so viele andere seiner Zeitgenossen, zur Emigration gezwungen und ging über Amsterdam, London und Brünn schließlich nach Chicago.

1937 versuchte László Moholy-Nagy den Geist des Bauhauses mit dem sogenannten “New Bauhaus” College in Chicago wiederzubeleben – ein unglückliches Unterfangen, das wegen fehlender Mittel schon ein Jahr später wieder aufgegeben wurde. Daraufhin gründete Moholy-Nagy die Chicago School of Design, die sich schließlich in das heutige Illinois Institute of Technology, Institute of Design entwickeln sollte. László Moholy-Nagy starb am 24. November 1946 in Chicago.

Die von Professor Oliver Botar von der University of Manitoba, School of Art initiierte Ausstellung “Sensing Future” soll untersuchen, wie László Moholy-Nagy in seiner Kunst und Lehrtätigkeit einerseits versuchte, die exponentiellen technologischen Veränderungen der 1920er Jahre zu verstehen und wie er andererseits insgesamt dabei mitwirkte, die Bevölkerung auf die Zukunft vorzubereiten – vor allem dabei auf die Zukunft der Medien.

“László Moholy-Nagy fühlte, dass die Kunst das beste Mittel sei, um den Menschen beim Umgang mit dem Ansturm von Sinneseindrücken zu helfen”, erklärt Oliver Botar, “er wollte uns beibringen, wie wir unsere Sinne vollständig nutzen könnten. Aber auch die Kunst selbst sollte dabei helfen. Er meinte, wenn Kunst eine sinnliche Herausforderung wäre, könnte diese Herausforderung in einer kontrollierten Situation den Menschen helfen sich besser den Veränderungen ihrer Zeit anzupassen.”

Und so wie Fritz Haller eine Weltraumkolonie designte, um klarer über irdische Architektur und Stadtentwicklung nachdenken zu können, so dachte sich Moholy-Nagy, dass eine künstlerisch anspruchsvolle Umgebung uns helfen würde die technologische Realität anzunehmen und zu verstehen.

Ein Beispiel dafür, wie Moholy-Nagy die Rolle und Funktion der Kunst begriff, ist sein Poly Cinema, ein Raum, in dem mehrere Filme gleichzeitig auf eine gewölbte Oberfläche projiziert werden, und ein Konzept, das den Betrachter zunächst zwar überfordert, ihn schließlich aber dazu zwingt, einen Weg zu finden, die Informationsflut zu kontrollieren und Ordnung in das Chaos zu bringen. “Sensing the Future” zeigt eine Rekonstruktion eines solchen Poly Cinemas, das alle Besucher selbst ausprobieren können. Auf diese Weise erkennt man, dass László Moholy-Nagy und seine Zeitgenossen vor Problemen standen, die heute so relevant wie damals sind: zunehmende und schnellere Reproduzierbarkeit durch neue Medien, neue Produktionsprozesse, Werbung, Globalisierung … László Moholy-Nagy mag sich nicht über neue Apps, 3D-Drucker und virtuelle Viren den Kopf zerbrochen haben, dafür waren es damals eben die Fotografie, der Film und das Automobil.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Mobile Skulptur Floe von Erika Lincoln

Moholy-Nagy half nicht nur der Gesellschaft, die Zukunft besser zu verstehen, er dachte auch darüber nach, wie man neue Technologien für die Anpassung der Menschen nutzen könnte. Ein Beispiel dafür ist seine sogenannte Konstruktionsorgel, von der auch eine Nachbildung in der Ausstellung zu sehen ist. Bei einer Präsentation der Konstruktionsorgel im Jahr 1938 argumentierte László Moholy-Nagy, visuelle Bilder hätten derart an Bedeutung gewonnen, dass die Kommunikation durch visuelle Bilder ein alltäglicher Vorgang würde. Da jedoch die Kosten der Fotografie ungeheuer hoch seien, würden sich diejenigen, denen der Zugang zur Fotografie und damit die Erfahrung Bilder zu komponieren und zu entwickeln, verwehrt bliebe, zu den Analphabeten der Zukunft entwickeln. Folglich waren technische Hilfsmittel nötig, um die Bildkomposition für alle zugänglich zu machen. Die Konstruktionsorgel ist eines dieser Hilfsmittel. Gewissermaßen ist sie so etwas wie Photoshop anno 1938. Nur mit auf Lochkarten gesicherten Bildern.

Hier besteht auch eine Analogie zu unserer heutigen Situation der Smartphones und mobilen Computer: Diejenigen, denen der Zugang verwehrt bleibt, riskieren zurück zu bleiben bzw. nicht in der Lage zu sein, Hotels und Konzerttickets zu buchen oder herauszufinden, wann der nächste Zug fährt.

Heutzutage denkt man wahrscheinlich eher an Designer, wenn es um die Lösung sozialer und kultureller Probleme geht, eine der andauerndsten Hinterlassenschaften des Bauhauses ist jedoch auch die Entwicklung des Designs aus der Kunst mittels angewandter Kunst. Aber spielt die Kunst wirklich noch eine Rolle, wenn es darum geht, unsere Umwelt besser zu verstehen? Oder haben wir uns schon darüber hinaus entwickelt?

“Ich denke, Kunst ist in dieser Hinsicht immer noch sehr wichtig”, antwortet Oliver Botar unmissverständlich. Der Impetus, die Welt und ihre Veränderungen verstehen zu wollen, muss allerdings beim Künstler liegen. “László Moholy-Nagy meinte, Künstler müssten sich mit jeder neuen Technologie beschäftigen, ganz egal welcher”, fährt Oliver Botar fort. “Künstler sollten vor der Technik keine Angst haben und mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Wenn Künstler dazu in der Lage sind, gibt uns das allen Mut, uns auf neue Technologien einzulassen.”

Daher zeigt “Sensing the Future” neben Gemälden, Skulpturen, Plänen, Installationen, Fotografien und Filmen von László Moholy-Nagy auch aktuelle Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die die Philosophie László Moholy-Nagys fortführen.

Die sehr offen und klar strukturierte Ausstellung “Sensing the Future” liefert nicht nur eine exzellente Einführung zu László Moholy-Nagy, sondern hilft uns auch zu verstehen, dass egal, als wie schnell wir die Entwicklung unserer Gesellschaft einschätzen, sie vor 100 Jahren auch nicht langsamer war. Folglich können wir auch vieles von früheren Generationen lernen, wenn es darum geht, sich neuen Technologien anzupassen und sich auf die Zukunft einzulassen.

“László Moholy-Nagy meinte, es wäre sehr wichtig, dass der Mensch die Kontrolle über die Technologie behalte, bevor wir von der Technologie kontrolliert würden,” fügt Olivar Botar hinzu. “Das war einer seiner Grundsätze und ich denke, das ist auch heute ein wichtiger Grundsatz. Schließlich fühlen wir uns alle zeitweise überfordert.” Und wir alle geraten zeitweise zwischen die Räder wie damals Charlie Chaplin.

“Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” ist bis Montag, den 15. Januar 2015 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin zu sehen.

Alle Details einschließlich der Informationen zum Rahmenprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

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Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus
August 2nd, 2014 nach smow

Bei dem ganzen Hype um “Bauhaus Stil”, “Bauhaus Klassik” und “Bauhaus Design” wird allzu oft vergessen, dass das Bauhaus eine Universität war. Und wenn auch viele, wenn nicht gar die meisten von uns, höchstens ein halbes Dutzend Bauhaus Absolventen nennen können, so waren es doch hunderte, die ein Studium am Bauhaus abgeschlossen haben.

Dabei ging es nicht nur um Partys und Theater – die Studenten lernten auch etwas. Aber was lernten sie? Wie lernten sie? Und was lernen wir daraus?

Mit dem Versuch solche Fragen zu beantworten, präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin derzeit eine Ausstellung, die sich dem am längsten aktiven Mitglied des Lehrpersonals am Bauhaus widmet: Wassily Kandinsky.

Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus

Wassily Kandinsky - Lehrer am Bauhaus im Bauhaus Archiv Berlin

Der am 4. Dezember 1866 in Moskau geborene Wassily Kandinsky studierte Jura, Wirtschaftslehre und Statistik in Moskau, bevor er 1896 nach München zog, wo er die Malereiklasse unter Leitung von Anton Ažbe besuchte. 1901 war Kandinsky Mitbegründer des progressiven Künstlerkollektivs und der privaten Malschule Phalanx, die 1904 geschlossen wurde, woraufhin Kandinsky eine Reihe von Studienreisen in die Niederlande, Frankreich, Tunesien, Italien und die Schweiz unternahm. Nach seiner Rückkehr nach Moskau im Jahr 1914 hatte Kandinsky zahlreiche Lehraufträge und administrative Positionen in Kultur- und Kunstinstitutionen inne – am bedeutendsten darunter wohl das Volkskommissariat für Bildungswesen (Narkompros) und das Institut für Künstlerische Kultur (INCHUK). Ans Bauhaus kam Kandinsky auf Walter Gropius’ Einladung hin im Jahr 1922. Nach der Schließung im Jahr 1933 emigrierte Kandinsky dann nach Paris, wo er am 13. Dezember im Alter von 78 Jahren starb.

Die Ausstellung präsentiert eine Mischung aus Arbeiten von Kandinsky selbst, von seinen Studenten und seinen Lehrerkollegen am Bauhaus, und wird durch Publikationen von Kandinsky, Original-Dokumenten und Lehrmaterialien untermauert und ergänzt. “Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” zeigt so nicht nur, wie Kandinsky zahlreiche Kurse in Weimar, Dessau und Berlin leitete, und was er von seinen Studenten erwartete, sondern macht auch deutlich, wie sich Kandinsky als Künstler während seiner Jahre am Bauhaus entwickelte.

Wie zu erwarten bei einer Ausstellung, die Wassily Kandinsky und seiner Lehre am Bauhaus gewidmet ist, sind die Wände voll von geometrischen Formen und Primärfarben. Die Farben und Muster wurden von Kandinskys Studenten im Rahmen des Seminars “Abstrakte Elemente der Form” entwickelt und stehen zum einen für Kandinskys eigene Forschungen zu Form und Farbe, illustrieren aber andererseits auch, wie Kandinsky seine Studenten dazu anregte eigene Gedanken zu entwickeln.

Auf welche Art und Weise die Erkenntnisse aus solchen Untersuchungen in Kandinskys Arbeiten einflossen, lässt sich auf zahlreichen der ausgestellten Kandinsky Arbeiten nachvollziehen. Wie die Studenten allerdings mit dem, was sie bei Kandinsky lernten, in ihren Berufen nach dem Bauhaus umgingen – welche Rolle das Studium für ihre jeweilige Karriere spielte – ist leider nicht dokumentiert. Wäre allerdings ebenso interessant.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist Kandinskys “analytisches Zeichnen”-Seminar, eine zentrale Komponente seiner Lehre und ein Seminar, das den Studenten zeigte, durch einen Prozess der Vereinfachung der Form die Verhältnismäßigkeiten zwischen Objekten besser zu verstehen. Auch hier illustriert wieder eine Reihe von Studentenarbeiten, wie die Studenten angehalten wurden sich durch den Prozess einer sequenziellen Reduktion auf das Essentielle zu konzentrieren und aufgerufen waren, von dort aus etwas neues zu entwickeln.

Ein Ansatz, von dem wir möglicherweise in allen Bereichen profitieren könnten.

Neben den eher abstrakten Arbeiten und Ideologien widmet sich “Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” auch der Klasse für bildenden Kunst, die gemeinsam von Kandinsky und Paul Klee geleitet wurde. In diesem Zusammenhang ist eine beachtliche Arbeit von Hajo Rose aus dem Jahr 1932 zu sehen. In ähnlicher Manier endet die Ausstellung dann auch jeweils mit einer Arbeit von László Moholy-Nagy, Paul Klee, Georg Muche und Lyonel Feininger. Diese Arbeiten wurden zum 60. Geburtstag von Kandinsky präsentiert und machen gut deutlich, wie talentiert und kreativ das Lehrpersonal am Bauhaus war.

Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus

Wassily Kandinskys Bildatlas, den er während seines Unterrichts benutzte...

Wassily Kandinsky war nicht nur wegen der Dauer seiner Beschäftigung ein wichtiger Lehrer des Bauhauses, sondern vor allem auch weil Kandinskys Vorkurs in der Zeit von 1922 bis 1930, also während der wichtigsten Bauhaus Jahre, für alle Studenten verpflichtend war.

Was sehr vereinfacht bedeutet, dass man das Bauhaus durch Kandinsky verstehen lernt.

“Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” ist die umfassendste Untersuchung zu Kandinskys Lehre, die überhaupt jemals angestellt wurde, und wird rund 30 Jahre nach der letzten Ausstellung zu diesem Thema gezeigt. Die Ausstellung ist eine zeitgemäße und sehr unterhaltsame Untersuchung des Themas, vor allem ist sie aber auch eine sehr zugängliche, die mit einfachen, manchmal fast schon zu simplen Präsentationsmethoden auskommt.

“Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” ist bis Montag, den 8. September 2014 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstr.14, 10785 Berlin zu sehen.

Neben der Ausstellung hat das Bauhaus Archiv Berlin ein begleitendes Programm mit Gesprächen und Führungen organisiert. Alle Details sind unter www.bauhaus.de zu finden.

 

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Mai 27th, 2014 nach smow

Bis zum 10. Juni zeigt das Bauhaus Archiv Berlin “Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch”. Die Ausstellung widmet sich der Architekturfotografie und Veröffentlichungen zur Architektur aus den 1920er und 1930er Jahren, und zeigt vor allem auch, wie wenig sich die Genres in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben.

Bauhaus Archiv Berlin New Architecture Modern Architecture in Images and Books

Bauhaus Archiv Berlin: Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch

Der Fokus bei “Neue Baukunst!” liegt vor allem auf dem Leben, der Arbeit und dem Archiv des Architekturkritikers und Kunstgeschichtlers Walter Müller-Wulckow. Neben seinem journalistischen und kuratorischen Nachlass ist Walter Müller-Wulckow als Herausgeber von vier Editionen der sogenannten Blauen Bücher Serie in Erinnerung geblieben. Die Bände “Bauten der Arbeit und des Verkehrs” (1925), “Wohnbauten und Siedlungen” (1928), “Bauten der Gemeinschaft” (1928) und “Die Deutsche Wohnung” (1930) widmen sich der neuen modernen Architektur dieser Periode. Die Idee zu den Büchern entstand 1916, woraufhin Müller-Wulckow sofort begann, Architekten zu kontaktieren, deren Arbeiten in den Publikationen erscheinen sollten. Mit Konzentration auf den deutschsprachigen Raum und auf deutschsprachige Architekten hat Müller-Wulckow innerhalb der beiden folgenden zwei Jahrzehnte eine Sammlung von über 1000 Fotografien aufgebaut, von denen um die 450 in den vier Bänden veröffentlicht wurden.

“Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch” zeigt ungefähr 100 Fotografien aus der Sammlung von Walter Müller-Wulckow, darunter Gebäude von prominenten Protagonisten der Zeit, wie Walter Gropius, Peter Behrens, Ferdinand Kramer, Bruno Taut und Otto Wagner. In Anbetracht des Ausstellungsortes versteht sich von selbst, dass ein zentraler Punkt bei “Neue Baukunst!” das Bauhaus ist und so ist eine ganze Wand innerhalb der Ausstellung Lucia Moholys Fotografien von Dessau gewidmet. Die Fotografien werden durch Auszüge aus Architekturbüchern und Magazinen der Bauhaus-Zeit ergänzt und erklären ihren zeitlichen und lokalen Kontext.

Abgesehen von den Arbeiten selbst, ihrer historischen Bedeutung und der Art und Weise, wie die europäische Moderne damals präsentiert, verstanden und natürlich auch verkauft wurde, ist für uns ein zentraler Punkt der Ausstellung, dass sie fast schon unfreiwillig klar macht, wie wenig sich verändert hat.

An erster Stelle ist da die Präsentation der Gebäude – ob als monumentales, fast schon unerreichbares Werk, oder alternativ als künstlerische Komposition, die vermutlich einen Einblick in die Seele der Konstruktion bieten soll, ohne dabei aber zu viel von dem physischen Objekt zu offenbaren. Und mit sehr wenigen Ausnahmen sind alle Fotos menschenleer, nüchtern, clean und kontrolliert. Genau das trifft natürlich auch, sieht man von narrativeren Arbeiten wie beispielsweise von Iwan Baan ab, heute noch auf die Präsentation von Gebäuden in Architekturpublikationen zu. Der Gang durch die Ausstellung ist also dem Surfen durch einen zeitgenössischen Architekturblog gar nicht mal so unähnlich.

Was wir allerdings vermisst haben, waren Aufnahmen bei Sonnenauf- bzw. Sonnenuntergang, auf denen also das gelbe Licht so warm und einladend durch die Fenster scheint. Das und Farbfotos, denn wie wir in der Ausstellung “bewundert, verspottet, gehasst” in Dessau gelernt haben, haben die Magazine damals schon damit begonnen.

Dazu kommt die Tatsache, dass Fotografien offensichtlich ein wichtiges Mittel waren, um Architektur zu verbreiten. Die Blaue Bücher Serie war als günstige und zugängliche Reihe von Fotobüchern konzipiert. Möglichst viele Menschen sollten die Arbeiten sehen und so ein Bewusstsein für die Architekten und ihre neuen Ansätze entwickeln. Und das ohne irgendeine Vorbildung in Architektur oder eine Ahnung bezüglich der Probleme hinter der Konstruktion. Die Leser sollten die Architektur allein über die Abbildungen schätzen lernen, und so gaben die Bücher beispielsweise auch keine Auskunft über technischen Details, die von der Kunst der Fotografen hätte ablenken können.

Heute ist all das eigentlich nicht anders. Die nicht aufzuhaltende Flut von Architekturfotos, die täglich online veröffentlicht wird, steht zwar eher für ein Lifestyleideal als dass sie eine Architekturbewegung erklären würde, aber die Arbeiten sind zugänglich für alle und man muss kein Architekt sein, um zu entscheiden, ob man mag, was man da sieht. Und so wie damals die Müller-Wulckow Bücher für die meisten die einzige Möglichkeit waren, etwas über aktuelle Architekturentwicklungen zu erfahren, so werden auch heute die meisten von uns neue Architektur nur durch Fotografien auf Onlineplattformen kennenlernen.

Die Fotos im Netz sind natürlich durch Nachbearbeitung verbessert und idealisiert. Aber auch das ist nichts Neues! Während der 1920er Jahre wurde nämlich auch schon retuschiert – eine Tatsache, die “Neue Baukunst!” prägnant erklärt und untersucht.

Schließlich stammten die abgebildeten Fotografien in der Sammlung Walter Müller-Wulckows von den Architekten selbst und – wie man in der ausgestellten Korrespondenz erfährt –  waren sich die Architekten sehr wohl über die Bedeutung der optimalen Darstellung ihrer Arbeiten bewusst. Auch damals war der unabhängige und ungeschminkte Eindruck eines Gebäudes also genauso eine Seltenheit wie heute.

Bauhaus Archiv Berlin New Architecture Modern Architecture in Images and Books Camera

Bauhaus Archiv Berlin: Neue Baukunst! Architektur der Moderne Modern Architecture in Bild und Buch

Aber spielt es überhaupt eine Rolle, ob Architektur heute mehr oder weniger auf die gleiche Art und Weise präsentiert wird wie zwischen den beiden Weltkriegen? Oder ist ein Gebäude einfach ein Gebäude und das fotografierte Bild davon eher zweitrangig? Um darauf eine Antwort zu geben, würden wir die Relevanz von Fotografie in der zeitgenössischen Architektur generell in Frage stellen. Wir würden sagen, der Besuch von “Neue Baukunst!” hat uns sehr deutlich gezeigt, dass viele der präsentierten Arbeiten ohne ihr Foto nie ihre heutige Bedeutung erlangt hätten.

Fotos waren wichtig, um die Architektur zu erklären. So gaben auch die Organisatoren der New Yorker Ausstellung “Modern Architecture: International Exhibition” von 1931 in ihren Presseerklärungen und dem Werbematerial stetig fast schon religiös anmutende Hinweise auf die Zahl und Größe der ausgestellten Fotografien.

Heute verstehen wir die Welt jedoch etwas besser und wissen, dass es wichtig ist, dass sich ein Gebäude in seine Umgebung einfügt und wenigstens ein Mindestmaß an ästhetischem Anstand wahrt. Noch wichtiger ist heute allerdings, dass ein Gebäude in sozialer und ökologischer Hinsicht verantwortungsvoll entworfen wird. Es sollte seine Funktion erfüllen und diejenigen, die es nutzen werden, unterstützen. Und das ohne an anderer Stelle unnötigen Schaden anzurichten oder Probleme zu verursachen. Das Gebäude ist wichtiger als sein Bild

Anders gesagt sollte zeitgenössische Architektur nicht als visuelle Kunst verstanden werden und dem Architekturfoto, wenngleich es ohne Frage sehr nützlich ist, sollte weniger Bedeutung zukommen.

Für uns bedeutet der fehlende Wandel zwischen damals und heute in der Folge auch eine Kritik an den heutigen Herausgebern von Veröffentlichungen zur Architektur – ob online oder in den Printmedien.

Aber was wissen wir schon…

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Mai 16th, 2014 nach smow

Das viel diskutierte Experiment Bauhaus kommt mit der Eröffnung seines eigenen Instituts am 4. Dezember 1926 in Dessau zu einem ersten Abschluss. Über die möglichen Auswirkungen der Gruppe von Architekten, zu der auch Gropius gehört, auf unsere Baukultur wird die Geschichte entscheiden. Dieser neue Stil, ein Stil, der für den Großteil unserer Bevölkerung ungewohnt ist und den die Mehrheit nicht annehmen wird, lässt keinen Platz für traditionelle Architektur, aber sehr viel Raum für den künstlerischen Ausdruck junger Studenten.1

So begrüßte das deutsche Magazin Die Bauwelt die Eröffnung des Bauhauses Dessau am 4. Dezember 1926. Wie andere Medien über das Event berichteten, wie das Bauhaus grundsätzlich in den Medien präsentiert wurde und wie es sich selbst darstellte, erfährt man in der Ausstellung “Bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre”, die derzeit im Klee/Kandinsky Meisterhaus in Dessau zu sehen ist.

Zwischen dem riesigen Thema “Bauhaus und die Medien” und dem begrenzten Platz in den Dessauer Meisterhäusern besteht natürlich ein ziemlicher Kontrast – es muss also zwangsläufig eingeschränkt werden, was und auf welche Weise es präsentiert wird. Folglich haben sich die Organisatoren von “Bewundert, verspottet, gehasst” auf zwei grundlegende Ereignisse beschränkt: die Eröffnung des Bauhauses Dessau 1926 und das Metallische Fest, Teil der Karnevalsfeier 1929. Darüber hinaus beleuchtet die Ausstellung vier weitere, eher allgemeine Aspekte: die Moderne in Cartoons und Karikaturen, die Berichterstattung zum Bauhaus im Radio und die Präsentation des Bauhauses Dessau in der – und durch die Werbung. Ein letzter Abschnitt, der sich der aktuellen Berichterstattung über das Bauhaus widmet, bietet einen schönen Vergleich zur Berichterstattung während der 1920er Jahre. Dieser Abschnitt konzentriert sich vor allem auf die Entscheidung, den Vertrag des Direktors der Stiftung Bauhaus Dessau, Phillip Oswalt, nicht zu verlängern.

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Die Eröffnung des Bauhauses Dessau zog sich formal über drei Tage und begann mit einer Presseführung am 3. Dezember 1926 und  wurde von der offiziellen Eröffnung am Samstag, den 4. Dezember, sowie einem Tag der offenen Tür am 5. Dezember gefolgt.

Neben über 1000 Gästen zog die Eröffnung über 100 Journalisten aus Deutschland und dem Ausland an. Das mag sich nicht gerade nach viel anhören, wir, die während des ganzen Jahres an Presseveranstaltungen teilnehmen, finden uns jedoch nur selten in Gesellschaft von 100 Kollegen. Für 1926 ist das demzufolge eine wahnsinnige Teilnehmerzahl. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Medienlandschaft damals sehr viel kleiner war als heute und dass das Bauhaus, so zumindest die heutige Annahme, während dieser Zeit gar nicht so populär und kulturell relevant war. – Offensichtlich war es das also doch.

Die Auswahl der in “Bewundert, verspottet, gehasst” präsentierten Artikel ist nicht gerade ausufernd, was mit dem begrenzten Raum im Klee/Kandinsky Meisterhaus zusammenhängt. Allerdings bietet sie mehr als genug Material, um den Besuchern einen guten, allgemeinen Überblick darüber zu geben, wie die Zeitungen und Fachmagazine jener Zeit auf das Ereignis reagiert haben. – Grundsätzlich sehr positiv, wenn man es mal ganz knapp zusammenfassen will.

Besonders erfreulich ist das Farbfoto in der Edition “Velhagen und Klasings Monatshefte” vom März 1927. Wie wir es schon in unserem Post zur Marianne Brandt Ausstellung in der Villa Esche in Chemnitz erwähnt haben, ist unser Eindruck der Moderne viel zu sehr von Schwarz-Weiß-Fotografien geprägt. Wir vergessen leicht, dass die Moderne voller Farben war. So ähnlich wie wir heute, wurden aber auch damals viele Menschen in Deutschland und Europa nur durch Zeitungen und Magazine – und damit monotonen Schwarz-Weiß-Fotografien – auf das Bauhaus aufmerksam. Dass den Lesern 1927 also auch Farbfotos vorlagen, ist eine neue und erfreuliche Information für uns.

Der zweite Fokus der Ausstellung liegt auf dem Metallischen Fest von 1929, das im Wesentlichen ein riesiger schriller Kostümball war. Harald Wetzel, der Vorsitzende des für die Ausstellung verantwortlichen Fördervereins Meisterhäuser Dessau, weist in diesem Zusammenhang auf einen Unterschied zwischen Weimar und Dessau hin. Er meint, im Gegensatz zu Weimar, wo vor allem die Bildung einer Gruppe, das Zusammenbringen von Tutoren und Studenten, im Mittelpunkt stand, habe Dessau eine viel größere soziale Bedeutung gehabt und wäre für führende Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft durchaus relevant gewesen. Diese Behauptung kratzt leider etwas am Mythos, das Bauhaus sei eine anarchische Gruppe von Außenseitern gewesen, die es mit dem Establishment und seinen überholten Traditionen aufnehmen wollte.

Im Mittelpunkt der Dokumentation des Metallischen Fests stehen sechs erst kürzlich wiederentdeckte Fotografien des Balls, die von einer Berliner Agentur aufgenommen wurden. Mal ganz abgesehen von den Fotografien selbst, zeigt allein schon die Tatsache, dass der Fotograf einer Agentur aus Berlin nach Dessau gereist ist, um eine Bauhausparty zu fotografieren, welche Bedeutung die Veranstaltung hatte.

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre Metallische Fest

Fotografien vom Metallischen Fest, gesehen bei Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Neben der Berichterstattung zum Metallischen Fest und der Eröffnung hält “Bewundert, verspottet, gehasst” auch zahlreiche Momente bereit, die einen frischen, zumindest selten gezeigten Eindruck des Phänomens Bauhaus vermitteln. So waren wir ziemlich von der Werbung von und über das Bauhaus überrascht. Wer hätte gedacht, dass das Bauhaus in Zeitschriften um Studenten geworben hat… Aus diesen Werbeanzeigen erfährt man interessanter Weise auch von der Anstellung Hanns Riedels am Bauhaus Dessau als Tutor für BWL. BWL ist natürlich ein ziemliches Kontrastprogramm zum berühmten Bauhausmythos von “Kreativität und Freiheit über alles”. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie Designschulen wohl heutzutage ihren Studenten die Wirtschaftslehre näherbringen. Wahrscheinlich machen es viele gar nicht, wenige nur in unzureichendem Maße und keine wird wohl damit werben!

Ein besonderes Highlight war für uns vor allem auch der Abschnitt zum Thema Satire und Karikatur, der uns mal wieder an das Buch “How to live in a flat” erinnerte. Mit W. Heath Robinsons und K.R.G. Brownes großartigem Band wird ein grundlegender Zug der deutschen Karikatur von modernem Design und moderner Architektur aus den 1920er Jahren sehr deutlich. Im Mittelpunkt stand offenbar die augenscheinliche Exklusivität, die Anmaßung und vor allem die Arroganz der modernen Bewegung – die unfassbare Distanz zwischen den Sehnsüchten und der täglichen Realität der “normalen” Bevölkerung und der Welt der Moderne.

Das führt natürlich zurück zu unserem Zitat vom Anfang, in dem die Moderne als ein Stil bezeichnet wird, der für einen Großteil der Bevölkerung ungewohnt war und den die Mehrheit nicht anzunehmen bereit war.

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre satire Betrachtung der Karikaturen von modernem Design und moderner Architektur in “bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre”

“Es ist eher eine kleine Ausstellung”, ließen uns die Organisatoren vor unserer Ankunft wissen. Im Gegenteil – es ist eine ziemlich beträchtliche Ausstellung. In den letzten Jahren sind wir für sehr viel kleinere und weniger informative Ausstellungen sehr viel weiter gereist. Wie gesagt, die Ausstellung ist in Sachen Umfang und Anzahl der Ausstellungsstücke begrenzt, allerdings kann man ein solches Thema auch nur vollständig durchleuchten oder sich eben auf das Wesentliche beschränken. Und die Dessauer Meisterhäuser haben beim besten Willen nicht die Kapazitäten, um es mit der vollständigen Thematik aufzunehmen.

Wem sich also die Gelegenheit bietet, “Bewundert, verspottet, gehasst” vermittelt einen guten Eindruck von dem, was in einer größeren Ausstellung möglich wäre. Und ist einen Besuch definitiv wert.

“Bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre” ist im Meisterhaus Klee/Kandinsky, Ebertallee 69/71, 06846 Dessau-Rosslau bis zum Sonntag, den 18. Mai 2014 zu sehen.

Alle Informationen zur Ausstellung sind unter www.gropius-haus.de zu finden.

1.Die Bauwelt, 2. Dezember 1926

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Mai 14th, 2014 nach smow

Jeder, der mit uns schon einmal durch Potsdam spaziert ist, wird unsere Meinung zu originalgetreuen Nachbauten längst verschwundener Gebäude kennen. Aber auch wenn uns Entscheidungen wie die in Brandenburg geradezu deprimieren und wirklich verärgern, müssen wir wohl einsehen, dass sie häufig einfach getroffen werden müssen. So auch in Bezug auf die Meisterhäuser von László-Moholy-Nagy und Walter Gropius in Dessau.

Eineinhalb von vier geradezu identischen Gebäuden – von Gropius für das Lehrpersonal des Bauhaus Dessau entworfen – wurden während eines Alliiertenangriffs zerstört. Diese eineinhalb Gebäude waren früher die Behausungen von Walter Gropius und László Moholy-Nagy.

Ungefähr seitdem läuft die Debatte: Sollen die zerstörten Gebäude exakt rekonstruiert werden? Oder sollen sie nicht wiederaufgebaut werden und der Platz stattdessen für etwas anderes genutzt werden? Oder soll der Neubau lediglich eine Referenz zum Original darstellen? Die Stiftung Bauhaus Dessau entschied sich schließlich für Letzteres.

Die neuen Gebäude am Bauhaus Dessau werden am Wochenende vom 16. bis 18. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt und offiziell eröffnet.

Die neuen Häuser, entworfen vom Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez, basieren auf den Originalen und erinnern deutlich an diese. Sie sind allerdings keine exakten Repliken und im Falle der Gropius Villa wird auch jede Form einer verkitschten Hommage vermieden.

Absolut in der Bauhaustradition steht auch die Dauer der Festivitäten. So wie sich die Feier zur Eröffnung 1926 über das gesamte Wochenende hinzog, wird sich auch die für die neuen Meisterhäuser über mehrere Tage ziehen.

Die Feierlichkeiten beginnen am Mittwoch, den 14. Mai, mit der Eröffnung der Ausstellung “Dessau 1945: Moderne zerstört” in der Aula von Gropius’ Bauhaus Bau in Dessau. Durch die Arbeiten Henri Cartier-Bressons wird der zunächst langsame und schließlich recht schnell voranschreitende moralische und physische Untergang des Bauhauses Dessau während der Kriegsjahre dokumentiert.

Am Freitag, den 16. Mai, werden dann die neuen Häuser von Bundespräsident Gauck eröffnet und damit ein Wochenende voller Aktivitäten und Veranstaltungen in und um Dessau eingeleitet.

Ein besonderes Highlight verspricht eine Reihe von Diskussionen mit Nachfahren von prominenten Bauhäuslern am 17. Mai zu werden, darunter László Moholy-Nagys Tochter Hattula, Lyonel Feiningers Enkel Conrad und Monika Stadlers Tochter Gunta Stölzl. Auch die Party zu Walter Gropius’ 131. Geburtstag am Tag darauf gehört natürlich zu den Höhepunkten.

Außerdem bietet die Stiftung Bauhaus Dessau während des gesamten Wochenendes kostenlose Führungen durch die Bauhaus Meisterhäuser an.

Sämtliche Details sind unter www.bauhaus-dessau.de zu finden.

Meisterhausfest Bauhaus Dessau

Meisterhausfest - Neue Meisterhäuser in Dessau

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Marianne Brandt Villa Esche Chemnitz Tastlicht 1929-1932
Februar 26th, 2014 nach smow

Hier noch eine weitere Ergänzung zu unserem Post “5 neue Designausstellungen im Februar 2014“: bis zum 8. Juni 2014 zeigt die Villa Esche in Chemnitz eine Ausstellung, die ganz der Künstlerin und Produktdesignerin Marianne Brandt gewidmet ist.

Die 1903 von Henry van de Velde für den Chemnitzer Textilmagnaten Herbert Eugen Esche gebaute Villa Esche ist nicht nur ein wunderbares Beispiel für Henry van de Veldes Architekturansatz und sein Verständnis des Gesamtkunstwerks in der Architektur, sondern deutet als eines seiner früheren Projekte auch auf sehr schöne Weise den Übergang vom Jugendstil zur Moderne an, den van der Velde damals mit anstieß. Den Übergang also vom Dekorativen zum Funktionalen.

Und so ist die Villa ein sehr passender Ort für eine Präsentation der Arbeiten von Marianne Brandt.

Die 1893 in Chemnitz geborene Marianne Liebe studierte Zeichnung an der Hochschule für Bildende Kunst Weimar, bevor sie 1919 den norwegischen Maler Erik Brandt heiratete und nach Oslo zog. 1924 schloss sie sich dem Bauhaus Weimar an, zog ein Jahr später mit der Institution nach Dessau, wo sie 1926 eine Stellung in der Metallwerkstatt übernahm und mit Künstlern wie Wilhelm Wagenfeld und Christian Dell zusammenarbeitete. Nach ihrem Abschluss im Jahr 1929 arbeitete Marianne Brandt als Designerin für verschiedene Firmen und Designstudios, u.a. zusammen mit Walter Gropius und der Ruppelwerke GmbH Gotha. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterrichtete sie kurz an der Hochschule für Werkkunst Dresden und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, bevor sie 1954 nach Chemnitz zurückkehrte und dort als freischaffende Designerin arbeitete. Marianne Brandt starb am 18. Juni 1983 im sächsischen Kirchberg.

Zwar hinterlässt Marianne Brandt ein berauschendes Werk von Kunstwerken und Designarbeiten und ist zudem eine der wenigen wirklich erfolgreichen Frauen der Moderne, trotz allem aber gehört sie zu den eher unbekannten Bauhausschülerinnen und ihre Werke sind bis auf die merkwürdige Teekanne und den Aschenbecher in der Alessi Kollektion kaum vertreten.

Besonders traurig ist, dass man sie auch in Chemnitz kaum kennt.

Der alle drei Jahre stattfindende Marianne Brandt Wettbewerb tut zwar alles, um ihr Erbe und die Erinnerung an sie am Leben zu halten, aber abgesehen vom Wettbewerb selbst trägt dazu nicht viel bei.

Chemnitz ist ziemlich versessen darauf, sich als “Stadt der Moderne” zu präsentieren. Überfliegt man allerdings kurz die offizielle Website, zeigt sich, dass die Stadt neben einigen Häusern auf dem Kaßberg, der Villa Esche und Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken Mühe hat, noch etwas zu finden, was den Anspruch auf das Erbe der Moderne bekräftigt.

Und Marianne Brandt wird peinlicher Weise nicht mal erwähnt!

Allerdings scheint sich alles zum Guten zu wenden. Im Frühjahr 2015 wird im Industriemuseum der Stadt eine neue Dauerausstellung eröffnet werden, wo Marianne Brandt wahrscheinlich und hoffentlich ausreichend Raum gegeben wird. Die Ausstellung in der Villa Esche ist in vielerlei Hinsicht ein Vorgeschmack darauf.

Marianne Brandt in der Villa Esche ist keine riesige Ausstellung, aber immer noch eine der umfassendsten Präsentationen des Lebens und der Arbeit Marianne Brandts, die wir seit langem gesehen haben. Neben originalen Exemplaren ihrer Produktdesigns sind Fotografien von und mit Marianne Brandt zu sehen. Es werden Briefe und die derzeitige Marianne Brandt Alessi Kollektion gezeigt.

Zu den interessantesten Ausstellungsobjekten gehören ein handschriftlicher Lebenslauf, eine Metallkugel, die Marianne Brandt für fotografische Experimente benutzte, und ein Brief, der ihren Termin mit der Bauhausbelegschaft bestätigt. 150 Reichsmark pro Monat waren offenbar die übliche Bezahlung.

Zudem ist ein Brief von László Moholy-Nagy aus dem Jahr 1935 zu sehen, in dem er von einem Treffen mit Walter Gropius in London berichtet und davon erzählt, wie beide bedauert haben, Marianne nicht ausreichend Möglichkeiten eröffnet zu haben. Nagy ermutigt sie in dem Brief, Englisch zu lernen, sodass er versuchen könnte, ihr eine Stellung in Großbritannien zu organisieren.

Alle ausgestellten Produkte, außer einem Zigarettenetui aus dem Jahr 1923, stammen aus der Periode zwischen 1928 und 1932, also Brandts Zeit mit den Ruppelwerken in Gotha. Die Ausstellungsstücke zeigen, wie facettenreich Marianne Brandts Talent war und mit welchem außergewöhnlichen Vermögen es ihr gelang, Funktionalität durch formale Eleganz wiederzugeben. Wir werden auch daran erinnert, dass die Moderne durchaus farbig war. Das vergisst man schnell, da normalerweise sämtliche zur Verfügung stehenden Aufzeichnungen Schwarzweißfotografien sind.

Mit ungefähr 50 ausgestellten Objekten ist Marianne Brandt in der Villa Esche vielleicht zu klein, um extra wegen der Ausstellung nach Chemnitz zu fahren. Sollte man allerdings in Chemnitz sein, lohnt es sich die Zeit zu nehmen. Und allen Chemnitzern sollte der Besuch vorgeschrieben werden!

Ausführliche Details sind unter www.villaesche.de zu finden.

Und einige Eindrücke vorab gibt es schon mal hier:

 

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Februar 7th, 2014 nach smow

Die Museen der Welt liefern im Februar 2014 eine Fülle an interessanten neuen Ausstellungen. Unsere Auswahl ist ziemlich architekturlastig. Von den neu eröffneten Ausstellungen würden wir empfehlen: “Arab Contemporary” im Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark, Frank Lloyd Wright im MoMA, New York und Tel Avivs Weiße Stadt in Helsinki. Darüber hinaus präsentiert die belgische Galerie Grand Hornu Images eine Ausstellung, die sich den Lichtdesigns von Alvar Aalto widmet, und das Hofmobiliendepot in Wien zeigt uns die hässlicheren Seiten des Produktdesigns.

Arab Contemporary. Architecture, Culture and Identity” im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek, Dänemark.

Der Ausdruck “Orient” entstand bekanntlich, um den westlichen Ländern zu helfen, mit der Fremdheit und Vielzahl der arabischen Länder fertig zu werden. Alles, was aus dem “Osten” kam, konnte unter “Orient” verbucht werden – und erschien dadurch verständlicher, romantisch, exotisch, gefährlich, abenteuerlich, aber auch kontrollierbar und sicher. So stößt man heute auch in jeder größeren europäischen Stadt auf zahlreiche orientalische Geschäfte, Restaurants und Cafés. Einige sind türkisch, manche syrisch, andere libanesisch oder nordafrikanisch – alle aber orientalisch. Als zweite Ausgabe der “Architecture, Culture and Identity”-Serie zeigt das Louisiana Museum of Modern Art eine Ausstellung, die versucht die zeitgenössische arabische Kultur über die arabische Architektur zu erforschen und so unserem allgemeinen Bild der arabischen Länder entgegenzuwirken. “Arab Contemporary” geht auf traditionelle arabische Architektur ein und beschäftigt sich ebenso mit der aktuellen Städteplanung wie auch den modernen hightech Glitzer-Konzepten, die wohl am spektakulärsten in der selbstherrlichen Metropole Dubai realisiert werden. Die Ausstellung hat sich so zum Ziel gesetzt, herauszufinden, was die arabischen Länder vereint und was sie auf der anderen Seite voneinander trennt.

“Arab Contemporary. Architecture, Culture and Identity” (Arabische Gegenwart. Architektur, Kultur und Identität) wurde am Freitag, den 31. Januar, im Louisiana Museum of Modern Art (Gl. Strandvej 13, 3050 Humlebæk, Dänemark) eröffnet und läuft noch bis Sonntag, den 4. Mai.

Contemporary Arab. Architecture, Culture and Identity at Louisiana Museum of Modern Art

Contemporary Arab. Architecture, Culture and Identity im Louisiana Museum of Modern Art

“Frank Lloyd Wright and the City: Density vs. Dispersal” im Museum of Modern Art MoMA, New York, USA

Der Vater der amerikanischen Moderne, Frank Lloyd Wright, präsentierte in seinem Buch “The Disappearing City” von 1932 erstmals sein urbanes Konzept “Broadacre City”, einen utopischen Vorort der Zukunft, in dem jede Familie ihre eigene Parzelle Land besitzen sollte und sich der Verkehr auf private Automobile beschränken würde. Darüber hinaus sollten die Bewohner von Broadacre City  mit Hilfe der neuen Möglichkeiten der Telekommunikation ständig informiert und vernetzt sein.

1935 baute Frank Lloyd Wright ein 4 mal 4 Meter großes, maßstabsgetreues Modell einer Einheit der Broadacre City, das im November 1940 auf der Ausstellung “Frank Lloyd Wright: American architect” im MoMA, New York gezeigt wurde. Im Februar 2014 wird es jetzt wieder zu sehen sein.

“Frank Lloyd Wright and the City: Density vs. Dispersal” erforscht Frank Lloyd Wrights Gedanken zur Städteplanung und den Voraussetzungen der Entwicklung des Wohnraums. Dazu wird eine Auswahl von Projekten Wrights gezeigt, die verschiedene Aspekte seines Denkens offenlegt – darunter das Call Building in San Francisco, Manhattens St.Mark`s-in-the-Bouwerie Towers und natürlich Broadacre City.

Schaut man zurück, erscheint es zu simple sich über einige von Frank Lloyd Wrights Ideen lustig zu machen; auch wenn er den Spott in manchen Fällen verdient hätte. Wie auch immer, man sollte über die realisierten Projekte hinaus schauen und der Logik folgen, die zu den Resultaten führte.

“Frank Lloyd Wright and the City: Density vs. Dispersal” (Frank Lloyd Wright und die Stadt: Dichte vs. Ausbreitung) wurde am 1. Februar im MoMA, New York eröffnet und ist dort noch bis Samstag, den 1. Juni 2014, zu sehen.

Frank Lloyd Wright Broadacre City. Project, 1934–35

Frank Lloyd Wright Broadacre City. Projekt, 1934–35. (Foto: The Frank Lloyd Wright Foundation Archives (The Museum of Modern Art | Avery Architectural & Fine Arts Library, Columbia University, New York))

“Alvar Aalto. Lightings” im Le Grand Hornu Images, Hornu, Belgien

Während das Licht der Ausstellung Lightopia im Vitra Design Museum am 9. März erlischt, eröffnet im Le Grand Hornu Images in Belgien eine weitere Ausstellung, die sich mit der eigentümlichen Welt des Lichtdesigns bzw. mit einem bestimmten Lampendesigner auseinandersetzt. Zwar sind seine Möbeldesigns fraglos am bekanntesten, als Freund des Gesamtkunstwerks entwarf Alvar Aalto aber auch die gesamte Ausstattung und sämtliches Zubehör für seine Gebäude – also auch die Lampen. Um  die Entwicklung und zentralen Aspekte des Lampendesigns Alvar Aaltos zu vergegenwärtigen, konzentriert sich das Ausstellungskonzept auf sieben Projekte: das Paimio Krankenhaus, das Savoy Restaurant in Helsinki, das National Pensions Gebäude, das Säynatsälo Rathaus, Jyväskyläs Universität sowie die Villa Mairea und das Privathaus des Kunstsammlers Louis Carré.

Auf diese Weise erklärt uns “Alvar Aalto. Lightings” die Hintergründen zu Objekten wie der “Golden Bell”- heute unter dem Namen A330 von Artek hergestellt -, der Stehlampe A809 und der Leuchte Beehive. So erschließt sich das Werk Alvar Aaltos den Besuchern im größeren Kontext des Lampendesigns des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung wird mit einem besonders interessant scheinenden Feature eröffnet: Die Besucher laufen über eine Pontonbrücke, die sich über einen künstlichen See erstreckt – und es so erlaubt die Lampen und ihr Leuchten aus allen Winkeln zu bestaunen.

“Alvar Aalto. Lightings” (Alvar Aalto. Die Leuchten) wird am 9. Februar im Le Grand Hornu Images, Rue Sainte-Louise, 82 7301 Hornu, Belgien eröffnet und kann bis 4. Mai 2014 besucht werden.

Alvar Aalto Beehive A331 1953

Alvar Aalto, Beehive Lampe, A331 (1953) (© Foto: Maija Holma, Alvar Aalto Museum)

“The White City – Tel Aviv’s Modern Movement” im Finnischen Architekturmuseum, Helsinki, Finnland

Oft wird behauptet, Tel Avivs Weiße Stadt sei ein reines Bauhaus-Projekt – sie ist es nicht! Allerdings sind die Ursprünge des Projekts mit den Theorien der frühen, europäischen Bewegung der Moderne und den Lehren des Bauhauses verbunden. Und ungeachtet ihrer Vorsehung ist und bleibt die Weiße Stadt eines der faszinierendsten und schönsten Beispiele moderner Architektur und Stadtplanung.

Nach der Endscheidung der UNESCO, die Weiße Stadt als Weltkulturerbe anzuerkennen, wurde der Architekt Tal Eyal damit beauftragt, eine Ausstellung zu realisieren, die sich ganz der Weißen Stadt, ihrem Kontext und den Idealen ihrer Entwickler widmen sollte. Seit ihrer Premiere in Tel Aviv 2004 ist die Ausstellung fast dauerhaft auf Tournee. Sollte man sie noch nicht gesehen haben und in diesem Frühling nahe oder in Helsinki sein, “The White City – Tel Aviv’s Modern Movement” ist einen Besuch wert.

Die Ausstellung “The White City – Tel Aviv’s Modern Movement” (Die Weiße Stadt – Tel Avivs moderne Bewegung) eröffnet am 12. Februar im Finnischen Architekturmuseum (Kasarmikatu 24, 00130 Helsinki, Finland) und ist dort bis Sonntag, den 30. März 2014, zu sehen.

The White City - Tel Aviv's Modern Movement at the Museum of Finnish Architecture, Helsinki

The White City - Tel Aviv's Modern Movement im Museum of Finnish Architecture, Helsinki

“Böse Dinge – Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks” im Hofmobiliendepot, Wien, Österreich 

Unter den Zitaten von Phillipe Starck aus unserem neuesten Designkalender-Post findet sich Starcks Kritik an Raymond Loewys Behauptung, “Hässlichkeit ließe sich nicht verkaufen.”

“Wir müssen verstehen, dass “Hässlichkeit verkauft sich nicht” bedeutet, Design schlichtweg zum Sklaven von Industrie und Produktion zu degradieren, dass seine Rolle nur darin besteht, Dinge gut verkäuflich zu machen.”

Die Ausstellung “Böse Dinge – Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks” macht klar, dass nicht nur Loewy falsch lag – sich Hässlichkeit nämlich durchaus verkauft-, sondern auch, dass Hässlichkeit ebenso Sklave der Industrie und Produktion ist.

Die vom Werkbundarchiv – Museum der Dinge Berlin entworfene Ausstellung hatte ihre Premiere 2012 in der deutschen Hauptstadt. Jetzt liefert sie im Hofmobiliendepot, Wien eine Untersuchung des schlechten Geschmacks im Design – vom achtzehnten Jahrhundert bis zum heutigen Tag. Dabei dient die Arbeit Gustav E. Pazaureks als Ausgangspunkt.

1909 eröffnete Pazaurek, der zu dieser Zeit Direktor des Stuttgarter Landesgewerbemuseums war, die Abteilung “Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe”, in der er nicht nur besondere Beispiele des schlechten Geschmacks ausstellte, sondern auch ein Klassifikationssystem entwickelte, das ihm helfen sollte diese Designverbrechen zu kategorisieren. Sein Credo: “Nur in der Abgrenzung zum schlechten Geschmack können wir erkennen, was guter Geschmack bedeutet.”

“Böse Dinge – Eine Enzyklopädie des schlechten Geschmacks” präsentiert 60 Gegenstände aus der originalen Kammer des Schreckens und paart sie mit Objekten aus der Sammlung des Museums der Dinge Berlin und der des Hofmobiliendepots. So entsteht eine Erforschung des schlechten Geschmacks im Design über die Jahrhunderte.

In Ergänzung dazu stellt die Ausstellung sowohl die modernen Objekte in Pazaureks Klassifikationssystem als auch die neuen Kategorien auf, um kulturelle, soziale und technologische Veränderungen zu reflektieren.

Die bittere Ironie bei allem: wenn wir die Pressefotos richtig verstehen ist Phillip Starck auf der Ausstellung vertreten. Mit einem Produkt, das sich außergewöhnlich gut verkauft…

“Böse Dinge – eine Enzyklopädie des schlechten Geschmacks eröffnet am 19. Februar im Hofmobiliendepot (Andreasgasse 7, 1070 Wien, Österreich) und läuft bis Sonntag, den 6. Juli 2014.

Salif citrus squeezer Philippe Starck Alessi

Salif Zitronenpresse von Philippe Starck für Alessi (Foto: Armin Herrmann. Copyright: Werkbundarchiv – Museum der Dinge)

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Bauhaus Archiv Berlin Mein Reklame Fegefeuer Herbert Bayer Werbegrafik 1928 1938
Januar 20th, 2014 nach smow

Bis Montag, den 24.Februar 2014, zeigt das Bauhaus Archiv Berlin die Ausstellung “Mein Reklame-Fegefeuer. Herbert Bayer. Werbegrafik 1928 – 1938.”

Der in Haag in Oberösterreich am 5. April 1900 geborene Herbert Bayer kam 1921 ans Bauhaus Weimar und zog mit der Institution 1925 nach Dessau, wo ihn Walther Gropius zum Leiter der neu etablierten Druck- und Reklamewerkstatt machte. 1928 verließ Bayer das Bauhaus und gründete sein eigenes Grafikdesign-Studio in Berlin, in dem er Aufträge für private und öffentliche Kunden realisierte, bevor er dann 1938 nach Amerika emigrierte. Herbert Bayer nahm 1964 an der Documenta 3 in Kassel teil und war 1968 für die Gestaltung der Bauhaus Retrospektive zum fünfzigsten Geburtstag der Institution in Stuttgart verantwortlich – sein letzter großer Auftrag. Im September 1985 starb Herbert Bayer in Santa Barbara, Kalifornien.

“Mein Reklame-Fegefeuer”, kuratiert von Prof. Dr. Patrick Rössler von der Universität Erfurt, präsentiert Grafikdesignprojekte Herbert Bayers, die er zwischen seinem Weggang aus Dessau, 1928, und seinem Umzug von Berlin nach Amerika, 1938, realisierte.

Obwohl es sich angeblich um eine Ausstellung zum Grafikdesign Herbert Bayers handelt, erzählt die Ausstellung doch weit mehr über die politischen und sozialen Entwicklungen in Deutschland dieser Zeit, in der sich bekanntermaßen die ereignisreichsten und global folgenschwersten Entwicklungen in der Geschichte des Landes abspielten.

Bauhaus Archiv Berlin Mein Reklame Fegefeuer Herbert Bayer Werbegrafik 1928 1938

Bauhaus Archiv Berlin: Mein Reklame Fegefeuer. Herbert Bayer .Werbegrafik 1928 - 1938

Die erste Arbeit, die man zu sehen bekommt, ist Bayers Poster für die Bauhaus Ausstellung 1927 im Grassi Museum Leipzig – eine Ausstellung, die erheblich dazu beitrug, das Bauhaus einem größeren Publikum bekannt zu machen. Fast schon in Gegenüberstellung zum Leipzig-Poster werden einige Banknoten präsentiert, die Bayer während der Inflation für das Land Thüringen entwarf. Der 50 Millionen Mark Schein mag einem zuerst etwas übertrieben erscheinen, bedenkt man allerdings, dass Eier zu dieser Zeit 320 Millionen Mark das Stück kosteten, kommt er einem dann doch immer noch zu klein geraten vor.

Die unschuldige Hoffnung des Bauhauses und die grausame Realität der Inflation – in dieser Zeit hatte Herbert Bayer vor sich durchzusetzen –  und das sollte ihm auch gelingen.

Als sich die Wirtschaft in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren vom Schock der Inflation zu erholen begann, führte die verbesserte finanzielle Sicherheit zu steigendem Konsum in Deutschland – und natürlich wuchs so auch die Nachfrage nach einem talentierten Grafikdesigner wie Herbert Bayer. Folglich avancierte Herbert Bayer Mitte der 1930er Jahre zu einem der am besten bezahlten und profiliertesten Vertretern seines Handwerks.

Natürlich stellt sich die Frage, wie dieser Erfolg in einer Diktatur zustande kommen konnte. Mit seinem Bauhaus Hintergrund, einer jüdisch-amerikanischen Frau und einem sehr modernen Zugang zu Kunst und Design dürfte Herbert Bayer in Nazi-Deutschland eigentlich keine Chance gehabt haben, geschweige denn irgendwie mit dem Nazi-Regime verhandelt haben können. Und dennoch erhielt Herbert Bayer, auch wenn einige seiner Werke 1937 als “entartet” deklariert wurden, während der dreißiger Jahre hoch dotierte Aufträge von öffentlicher Seite.

Wir wissen viel zu wenig über Herbert Bayer, um auf die Frage nach seiner politischen Haltung die richtigen Antworten geben zu können. Alle vertrauenswürdigen Quellen behaupten allerdings, dass Herbert Bayer, obwohl er sich der NSDAP bereitwillig zur Verfügung stellte, standhaft unpolitisch gewesen wäre und weder der NSDAP beigetreten sei noch deren Manifest unterstützt hätte. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, Projekte zugunsten des Parteiapparats zu realisieren, wie das Grafik- und Ausstellungsdesign für die Ausstellungen “Deutsches Volk, deutsche Arbeit” im Jahr 1934 und “Das Wunder des Lebens” 1935 oder das Buchcover für die Hitlerjugend 1936.

Wahrscheinlich wurde Bayer vom Regime akzeptiert, weil die NSDAP einfach clever genug war, seine Fähigkeiten für die Verbreitung ihrer bis dahin noch verhalteneren Propaganda zu missbrauchen. Dazu bedurfte es natürlich auch Bayers Bereitwilligkeit sich benutzen zu lassen. Mit Sicherheit taucht die heroische, germanische Bildsprache in vielen seiner Arbeiten aus der Mitte der dreißiger Jahre nicht rein zufällig auf.

Das bringt uns zu der Frage zurück, wie politisch Designer sein sollten. Im besonderen Grafikdesigner, zu deren Aufgaben es eben auch gehört Emotionen, Meinungen und folglich auch Entscheidungen zu formen. “Mein Reklame-Fegefeuer” greift diese Frage nicht direkt auf, liefert aber mehr als genug Diskussionsmaterial, um sich auch als unpolitischer Besucher eine Meinung zu bilden.

Die Ausstellung informiert über die Anstrengungen, die Herbert Bayer unternommen hat, um seine Beziehungen zu den Nazis aus späteren Biografien und Ausstellungen zu tilgen. (Herbert Bayer muss sich also im Klaren darüber gewesen sein, dass seine politische Haltung als Grafikdesigner die falsche war.) Um 1938 beschloss Herbert Bayer dann Deutschland zu verlassen, nachdem er wohl realisiert hatte, dass die sich anbahnenden Veränderungen keine positiven waren.

Die Möglichkeit ergab sich durch ein Angebot Walter Gropius’, die Bauhaus Retrospektive des Museum of Modern Art zu gestalten. Beispiele des Grafikdesigns für eben diese Ausstellung und Arbeiten seiner frühen Zeit in Amerika werden den Besuchern von “Mein Reklame-Fegefeuer” am Ende präsentiert.

Auch wenn wir uns etwas mehr Kontext gewünscht hätten, vor allem in Bezug auf die Art der Kontakte und Übereinkünfte mit der NSDAP liefert “Mein Reklame-Fegefeuer” doch mit ungefähr 200 Ausstellungsstücken eine gute Einführung zu Herbert Bayer, seiner Zeit und der frühen Entwicklung des modernen Grafikdesigns wie wir es heute kennen.

Die ausgestellten Arbeiten lassen die Besucher nicht nur Herbert Bayers Entwicklung als Künstler nachvollziehen, sondern zeigen auch, wie viel das moderne Grafikdesign diesem Pionier nach wie vor zu verdanken hat.

“Mein Reklame-Fegefeuer Herbert Bayer. Werbegrafik 1928 – 1938” kann bis Montag, den 24. Februar 2014, im Bauhaus Archiv Berlin besucht werden. Alle Details sind unter www.bauhaus.de zu finden.

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Januar 5th, 2014 nach smow

Aufgrund von Lebkuchen, die gegessen, Glühwein, der getrunken, und Reisen, die nicht geplant werden müssen, ist der Dezember im Allgemeinen ein recht ruhiger Monat.

Doch trotz aller anderen Ablenkungen haben wir es im Dezember 2013 geschafft, die Ausstellung “Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus” in der Stiftung Bauhaus Dessau und der kurzen “Rethinking The Product – Design ‘Made in Italy’ zu Gast in Berlin”-Ausstellung in Berlin zu besuchen. Außerdem wurde im Dezember 2013 das neue Buch vom Vitra Design Museum “Der Vitra Campus – Architektur Design Industrie” veröffentlicht und wir wurden mit Ionna Vautrins Lampe Binic für Foscarini bekannt gemacht.

Jasper Morrison Bus Shelter Vitra Campus

Jasper Morrisons Bushaltestelle auf dem Vitra Campus, Weil am Rhein

VitraHaus Vitra Campus weil am rhein

VitraHaus, Weil am Rhein

Mensch Raum Maschine Stage Experiments at the Bauhaus Stiftung Bauhaus Dessau

Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus @ Stiftung Bauhaus Dessau

Mensch Raum Maschine Stage Experiments at the Bauhaus Stiftung Bauhaus Dessau

Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus @ Stiftung Bauhaus Dessau

Binic by Ionna Vautrin for Foscarini

Binic von Ionna Vautrin für Foscarini. Die Familie...

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Dezember 26th, 2013 nach smow

Der März 2013 verging mit Rumfahren: Stuttgart, Chemnitz, Weimar, Dessau… Erstaunlich, dass da überhaupt Zeit blieb, etwas zu schreiben…

Porsche Museum Stuttgart

Porsche Museum Stuttgart

Wasserschloss Klaffenbach Chemnitz Eames by Vitra

Eames by Vitra, Wasserschloss Klaffenbach Chemnitz

Eames by Vitra Wasserschloss Klaffenbach Chemnitz Eames Elephants

Eames by Vitra, Wasserschloss Klaffenbach Chemnitz. Eames Elephants.

Henry van de Velde Leidenschaft Funktion und Schönheit Klassik Stiftung Weimar

Kindermöbel von Henry Van de Velde für Willy Engels. Gesehen bei "Leidenschaft, Funktion und Schönheit"

Henry van de Velde Leidenschaft Funktion und Schönheit Klassik Stiftung Weimar

Henry van de Velde, Kandelaber. Gesehen bei "Leidenschaft, Funktion und Schönheit"

Bauhaus Dessau Bauhaus in Calcutta A Meeting of the Cosmopolitan Avantgarde

Stiftung Bauhaus Dessau: Bauhaus in Kalkutta. Ein Treffen der internationalen Avantgarde

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Mensch Raum Maschine Stage Experiments at the Bauhaus Stiftung Bauhaus Dessau
Dezember 17th, 2013 nach smow

Wir können nicht sicher sein, ob Oskar Schlemmer dem Spruch “Das Leben ist ein Kabarett” gänzlich zugestimmt hätte. Allerdings wissen wir, welchen Status das Kabarett im Bereich der kulturellen Darbietungen bei ihm hatte. Er stufte es etwas unter dem Theater und ein bisschen über dem Varieté ein.

1925 schrieb Schlemmer: “Die Bühne umfasst grundsätzlich alles zwischen religiöser Kulthandlung und naiver Volksbelustigung, jedoch ist sie weder ganz das eine noch das andere. Vielmehr geht es um die kalkulierte Wirkung naturgemäß abstrakter Darbietungen auf das Publikum.”1

Eine Beschreibung, die wunderbar auf die Bühne am Bauhaus zutrifft, die Oskar Schlemmer von 1923 bis 1929 leitete und auf die er wie kein zweiter großen Einfluss hatte.

Die 1921 von Walter Gropius gegründete Bauhaus Bühne gehört nach wie vor zu den wenig erforschten Aspekten der Bauhaus Geschichte – jedenfalls in der Öffentlichkeit. Das liegt nicht etwa an mangelndem Interesse, sondern vielmehr am Rechtsstreit der Erben Oskar Schlemmers um den Umgang mit seinem Nachlass. Dieser Streit erschwert die Organisation von Ausstellungen, die in irgendeiner Form mit Oskar Schlemmer im Zusammenhang stehen. Und solchen Hindernissen gehen die meisten Museen von vornherein lieber aus dem Weg.

Sicherlich wäre es auch möglich eine Ausstellung zur Bauhausbühne zu organisieren, die Oskar Schlemmer einfach nicht allzu oft erwähnt. Das wäre allerdings so sinnlos wie eine Arrabiata Soße ohne Chilli zu kochen.

Am 31. Dezember 2013 läuft das Urheberrecht von Schlemmers Nachlass aus und die Macht der eher negativ eingestellten Erben schwindet. So können wir wahrscheinlich in den nächsten Jahren mit sehr viel mehr Ausstellungen und Publikationen zu Oskar Schlemmer rechnen.

Die Bauhaus Stiftung Dessau hat die Initiative ergriffen und zeigt bis zum 21. April 2014 die Ausstellung “Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus”, eine Ausstellung, die ganz der Bauhausbühne gewidmet ist.

Mensch Raum Maschine Stage Experiments at the Bauhaus Stiftung Bauhaus Dessau

"Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus" @ Stiftung Bauhaus Dessau

Die in sieben Themenabschnitte, wie “Raumplastische Choreografien”, “Atmosphärenapparate” oder “Exzentrische Bühnenmechaniken”, unterteilte Ausstellung ist die erste konzentrierte Erforschung der Bauhausbühne und ihrer Protagonisten. Zum Großteil werden Grafiken, Fotos und anderes 2D-Material gezeigt. Darüber hinaus nutzt die Ausstellung Filme, Kostüme, Maschinen und Modelle, um zu erklären, was die Bühne am Bauhaus genau war und wie sie funktionierte. Neben Oskar Schlemmer sind Leute wie T. Lux Feininger, Johannes Itten, Herbert Bayer, Wassily Kandinsky, Marianne Brandt, László Moholy-Nagy und Walter Gropius mit “Beiträgen” vertreten.

Von der Geschichte der Bauhausbühne geht die Ausstellung dann über zu drei zeitgenössischen Künstlern und Kollektiven, die sich mit der Frage “Wie technisch wollen und sollten wir sein?” auseinandersetzten. Die Suche nach Antworten auf ebendiese Frage war letztendlich auch schon ein Hauptanliegen der Bühne am Bauhaus selbst und spielte in der gesamten Struktur des Bauhauses eine zentrale Rolle.

Während der Rest des Bauhauses in angewandter Form auf eine Verbindung zwischen Menschen und moderner Technologie hin arbeitete – Maschinen sollten in die Welt integriert werden – arbeitete die Bühne am Bauhaus auf eher abstrakte, konzeptuelle Weise. Man untersuchte die Beziehung zwischen Mensch und Maschine und die Mechanisierung des Menschen. Auf diese Art bot die Bauhausbühne eine Plattform für die Studenten am Bauhaus, auf der sie ihr eigenes Verhältnis zur modernen Welt untersuchen konnten und die ihnen so auch half ihre Arbeit besser zu verstehen. In diesem Sinne verstehen auch wir mehr über die Idee des Bauhauses, wenn wir mehr über die Praktiken und Projekte der Bauhausbühne erfahren.

“Mensch Raum Maschine” erklärt nicht nur auf prägnante Weise, was genau die Bauhausbühne war, sondern stellt vor allem auch klar, dass die Bühne mehr war als Oskar Schlemmer und dass es nicht nur um Vorführungen vor zahlendem Publikum ging. Die Bühne war Teil des Lehrplans vom Bauhaus, sie befaste sich mit der Entwicklung moderner Bühnengestaltung und Theaterarchitektur. 1925 schrieb beispielsweise Walter Gropius: “Als orchestrierte Einheit ist das Spiel in gegenseitigem Geben und Nehmen mit der Architektur der Umgebung verbunden.”Der Ausstellungsteil, der sich mit Gropius’ monströsem “Total Theater” von 1927 beschäftigt, unterstreicht diese Position ziemlich wortgewandt.

Nach Walter Gropius’ Abgang vom Bauhaus begann der Stern der Bauhausbühne zu verglühen und als Oskar Schlemmer schließlich 1929 Dessau verließ, um nach Breslau zu gehen, wurde die Bauhaus Bühne geschlossen.

Mensch Raum Maschine Stage Experiments at the Bauhaus Stiftung Bauhaus Dessau

"Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus" @ Stiftung Bauhaus Dessau

Wie immer bei Ausstellungen im Bauhaus Dessau ist der Platz das größte Problem. Trotz all seiner Talente und Visionen hat Walter Gropius offenbar nie vorhergesehen, dass Jahrzehnte später jemand Ausstellungen in seiner Schule würde organisieren wollen und sich nicht um ausreichend Platz gekümmert.

Infolgedessen bietet die Ausstellung zwar einen guten Einblick in das Wesen und die Produktion der Bauhausbühne, ist aber weniger konkret in anderen Bereichen, wie dem historischen Kontext der Entstehung der Bühne, den Widersachern des Projektes innerhalb des Bauhauses, der weiteren Bedeutung der Bühne während der 1920er Jahre und in Bezug auf das Erbe der Institution.

Wenn es letztendlich also nur um eine Gruppe privilegierter Kreativer gehen soll, die sich ohne weitere soziale, politische oder ökonomische Intentionen amüsieren will, könnten wir auch eine Ausstellung über einige Berliner Cafés machen.

Die Organisatoren haben versprochen, dass der Ausstellungskatalog detailliertere Informationen bereithält. Wie auch immer – aus rechtlichen Gründen wird der nicht vor dem 1. Januar veröffentlicht und so müssen wir abwarten.

So ist ein Nachteil der nicht gerade ausführlichen Darstellung der Bauhausbühne, dass viele der Exponate fremd erscheinen. Man kann zwar sagen, was man da sieht, aber nicht wie man es einordnen soll. Es fehlen einfach die nötigen Bezüge. Leider gibt die Ausstellung zu wenig her, um all diese Lücken zu füllen. Das trennt einen nicht von der Ausstellung an sich, sondern heißt nur, dass das Thema nicht in der Tiefe, die es verdient hätte, verstanden werden kann.

In unserem Post zur Ausstellung von 2012 in der Barbican Art Gallery London – Bauhaus: Art as Life – schrieben wir: “Gibt es überhaupt noch irgendwas über das Bauhaus zu sagen?”. “Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus” zeigt, dass es da fraglos noch einiges gibt.

“Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus” läuft in der Stiftung Bauhaus Dessau (Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau) bis Montag, den 21.April 2014.

Alle Details zur Ausstellung sind unter www.bauhaus-dessau.de zu finden.

1 Oskar Schlemmer “Mensch und Kunstfigur” in Bauhausbücher 4, München 1925, aus Schlemmer et al Die Bühne im Bauhaus, Neue Bauhausbücher Mainz, 1985

2 Walter Gropius zitiert bei Dirk Scheper “Oskar Schlemmer – das Triadische Ballett und die Bauhausbühne” Akademie der Künste, Berlin, 1988

 

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Dezember 9th, 2013 nach smow

In dieser Jahreszeit interessieren sich wohl die meisten nur für die Geschenke unterm Weihnachtsbaum – jedenfalls gibt es nur einige wenige Eröffnungen von Designausstellungen im Dezember.

Nur wenige, aber immerhin einige. Hier eine Auswahl der Interessanteren:

“Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus” in der Stiftung Bauhaus Dessau

Trotz des aktuellen Theaters um die Entscheidung, dass der Vertrag des Direktors Phillip Oswalt der Stiftung Bauhaus Dessau nicht verlängert wird, beschäftigt sich die Ausstellung in Dessau im Winter 2013/2014 ausschließlich mit historischen Theaterabenteuern.

Die 1921 von Walter Gropius gegründete Bauhaus Bühne hatte das Ziel, die bevorstehende technische Revolution im Kontext ihrer Auswirkungen auf die Menschen und ihre Psyche zu untersuchen. Anfänglich von Lothar Schreyer geleitet, nahm 1923 Oskar Schlemmer die Zügel in die Hand. Schlemmer bleibt vielleicht auch der, den man am engsten mit dem Projekt in Zusammenhang bringt – nicht zuletzt wegen der vielfältigen Kostüme und Maschinen, die er für die Produktionen der Institution entwickelte. Diese Kostüme und Maschinen zeigen auch, dass der Einfluss, den das Theater aufs Bauhaus und seine Studenten hatte, viel zu leicht in Vergessenheit gerät.

Mit “Mensch Raum Maschine” zeigt die Stiftung Bauhaus Dessau wohl die erste detaillierte Ausstellung zur Arbeit und zum Erbe der Bauhaus Bühne.

“Mensch Raum Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus” öffnet in der Stiftung Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau am Freitag, dem 6. Dezember, und läuft bis Montag, dem 21. April 2014.

Mensch Raum Maschine. Stage Experiments at the Bauhaus at Stiftung Bauhaus Dessau, Germany

Eines der Kostüme aus Oskar Schlemmers Triadic Ballett, gesehen bei Art as Life, Barbican Centre London

“The New Danish Cool” im Hôtel Droog, Amsterdam, Niederlande

Treue Leser werden wissen, dass, wenn es etwas gibt, das uns wirklich wütend macht, es der Begriff “Danish Design” ist. Der Begriff meint nämlich etwas, was es gar nicht gibt. Dänemark hat zwar eine lange, renommierte und wichtige Designtradition, aber keine spezifische “Signatur”, die eine Klassifikation außerhalb einer globalen Designtradition, die auf einem Gemisch sozialer, kultureller und politischer Entwicklungen gründet, erlauben würde.

Der unsinnige Mythos, Dänemark wäre irgendwie sui generis, wurde vor allem durch die Arbeiten von Architekten und Designern wie Arne Jacobsen, Hans Wegner oder Poul Henningsen geprägt. Aber wer führt diese angebliche Tradition heute fort? Und wodurch ist das aktuelle dänische Design geprägt? Die Leute vom Hôtel Droog liefern momentan einige gute Antworten darauf.

Obwohl die Ausstellung zum Großteil auf die kommerziellen Erscheinungsformen der dänischen Kreativität setzt – das zeigt sich in Form von Möbeln und Accessoires von Leuten wie Normann Copenhagen, Kvadrat oder Hay und der Kleidung des stets liebenswürdigen Henrik Vibskov, ist eine zentrale Komponente von “The New Danish Cool” doch die Präsentation von Fotografien und Videos. Diese dokumentieren und erklären, wie das Kopenhagener Büro BIG Architects den Stadtpark Superkilen Park, der als Teil einer urbanen Regenerierungsinitiative entstand, entwickelte.

Wir hoffen und glauben, dass alle, die auf der “Hôtel Droog”-Ausstellung nach den üblichen Klischees suchen, auf etwas Befriedigenderes stoßen werden, auf etwas Tatsächliches.

“The New Danish Cool” wurde im Hôtel Droog, Staalstraat 7B, 1011 JJ Amsterdam am Donnerstag, dem 28.11.2013, eröffnet und läuft noch bis Sonntag, dem 5.01.2014.

The New Danish Cool at Hôtel Droog, Amsterdam, Holland

Mode von Henrik Vibskov gesehen bei Nordische Botschaften Berlin

“Soziale Hilfsprojekte – Fragen/Antworten” in der Architekturgalerie am Weißenhof, Stuttgart

Indessen zum Thema der urbanen Regeneration…. Warum beteiligen sich die Leute an sozialen Hilfs- und Förderprojekten? Weil sie nett sind? Weil sie der Gesellschaft helfen möchten? Um durch ihren Beitrag unter Beweis zu stellen, dass sie gute, großzügige und gütige Individuen sind? Um ihr Selbstempfinden aufzubessern? Um den weniger Glücklichen zu helfen?

“Soziale Hilfsprojekte – Fragen und Antworten” präsentiert die Resultate eines Projektes des interdisziplinären Weißenhof-Instituts der Kunstakademie Stuttgart. Die Ausstellung geht über die naheliegenden Fragen zu sozialen Hilfsprojekten, also “Was macht ein solches Projekt genau?”, hinaus und untersucht eher, wer über die Budgets solcher Projekte entscheidet und wann ein Projekt zukunftsträchtig ist. Die für uns interessanteste Frage des Projektes ist allerdings die nach dem Unterschied zwischen Architektur und sozialer Architektur. Eine Frage auf die natürlich automatisch die Frage folgt: “Warum ist Architektur nicht grundsätzlich sozial?”

“Soziale Hilfsprojekte – Fragen/Antworten” öffnet in der Architekturgalerie am Weißenhof, Am Weißenhof 30, 70191 Stuttgart am Donnerstag, dem 12.Dezember, und läuft bis Sonntag, dem 16.Februar.

Soziale Hilfsprojekte Fragen Antworten at Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart Germany

Die Architekturgalerie am Weißenhof, Stuttgart

“Skin to Skin. Über Haut und Häute” im Gewerbemuseum Winterthur, Schweiz

Die Haut ist nicht nur das größte menschliche Organ und der beste Schutz gegen Krankheiten und Infektionen, sie fasziniert und inspiriert auch seit Jahrzehnten Künstler, Designer und Architekten – sowohl direkt als auch als Metapher.

Das Gewerbemuseum Winterthur präsentiert in seiner Ausstellung “Skin to Skin” Arbeiten von Künstlern, Designern und Wissenschaftlern, die den Kuratoren zufolge nicht nur die Haut als Material untersuchen, sondern sich auch mit der sozialen, kulturellen und politischen Bedeutung von Haut beschäftigen. Mit Arbeiten von kreativen Talenten wie Simon Hasan, Fumie Sasabuchi oder Nandipha Mntambo verspricht “Skin to Skin” eine anspruchsvolle und höchst unterhaltsame Sammlung von Objekten und Philosophien zu sein.

Parallel zu “Skin to Skin” zeigt das Museum eine Ausstellung über Leder in all seinen Facetten und erlaubt so eine noch genauere Untersuchung des Themas.

“Skin to Skin. Über Haut und Häute” öffnet im Gewerbemuseum Winterthur, Kirchplatz 14, 8400 Winterthur am Sonntag, dem 1. Dezember 2013, und läuft bis Montag, dem 9. Juni 2014.

Skin to Skin. Über Haut und Häute at Gewerbemuseum Winterthur, Switzerland

Studio Formafantasma (IT/NL): Wasserkanister aus the Craftica series, 2012 (© Studio Formafantasma. Photo: Luisa Zanzani)

“52 Wochen, 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan” im Museum Marta Herford

Es ist wahrscheinlich angemessen zu sagen, dass die meisten unserer liebsten Architekturfotografien Arbeiten des niederländischen Fotografen Iwan Baan sind. Und auch wenn Sie sich dessen nicht bewusst sind, es wird oder würde Ihnen wahrscheinlich genauso gehen. Mit einem beneidenswerten Portfolio atmosphärischer, narrativer Aufnahmen, einem Portfolio, dem kürzlich die phänomenalen Luftaufnahmen von Manhattan in der Folge des Hurrikans Sandy hinzugefügt wurden, hat Iwan Baan seine eigene reflektierte Oase inmitten eines Genres aufgebaut, das sich hauptsächlich durch todlangweilige Monotonie auszeichnet. In “52 Wochen 52 Städte” nimmt uns Iwan Baan mit auf eine Weltreise, die sich zum Ziel gesetzt hat, einen Eindruck unseres Verhältnisses zur Architektur und zur gebauten Umgebung zu präsentieren – sei es beispielsweise Zaha Hadids Heydar Aliyev Cultural Centre in Baku in seiner unverzeihlichen Dekadenz oder der verwahrloste Torre David Wolkenkratzer in Caracas.

“52 Wochen, 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan” läuft im Marta Herford, Goebenstr. 2-10, 32052 Herford von Sonntag, dem 8. Dezember 2013, bis Sonntag, dem 16. Februar 2014.

52 Weeks, 52 Cities. Photographies by Iwan Baan at Marta Herford, Germany

Iwan Baan Hurricane Sandy, 2012. Das Foto wurde 24 Stunden nach dem Sturm aufgenommen.

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November 6th, 2013 nach smow

Wir sind sicher, dass unsere Leser es sehr schätzen, wenn wir uns zurückhalten etwas zu empfehlen, was wir nicht gesehen haben. Doch folgende fünf Ausstellungen, die allesamt im November eröffnet werden, zogen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Und ohne eine definitive Empfehlung aussprechen zu wollen, scheinen sie einen Besuch wert.

“mein reklame-fegefeuer. Herbert Bayer und die deutsche Werbegrafik 1928–1938” im Bauhaus Archiv Berlin

1925 als erster Direktor der Druck- und Werbewerkstatt am Bauhaus Dessau angestellt, war der österreichische Künstler und Typograf Herbert Bayer nicht nur für das Design, die Typografie, das Layout und die Produktion aller Bauhaus Publikationen der späten 1920er Jahre verantwortlich, sondern war ganz nebenbei auch daran beteiligt einen neuen Beruf zu etablieren: den des professionellen Grafikdesigners.

1928 verließ Bayer das Bauhaus, um sein eigenes Büro in Berlin zu eröffnen, wo er die Stärken der mutigen neuen Branche mit einer Serie von Werbeverträgen für Kunden von der Vogue bis zur NSDAP demonstrierte.

Kuratiert von Prof. Dr. Patrick Rössler von der Universität Erfurt präsentiert “mein reklame-fegefeuer” eine Erkundung von Herbert Bayers kreativer Arbeit in der Zeit zwischen seinem Ausscheiden aus dem Bauhaus, 1928, und seiner unfreiwilligen Emigration nach New York, 1938, und verspricht dabei sowohl Bayers Beitrag zur Entwicklung des Grafikdesigns und der Typografie sowie der Widersprüchlichkeit, mit der er einigen seiner Projekte entgegentrat, zu untersuchen.

“mein reklame-fegefeuer. Herbert Bayer und die deutsche Werbegrafik 1928–1938” beginnt am Mittwoch, den 20. November 2013, im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, Berlin und endet am Montag, den 24. Februar 2014.

5 New Design Exhibitions for November 2013 mein reklame fegefeuer herbert bayer werbegrafik 1928 1938 at Bauhaus Archiv Berlin, Germany

Katalogcover von "Das Wunder des Lebens", 1935 von Herber Bayer. Zu sehen bei "mein reklame fegefeuer. herbert bayer werbegrafik 1928 1938" im Bauhaus Archiv Berlin, Germany (Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

“Mastering Design. Design Academy Eindhoven and Royal College of Art London” im Mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne, Schweiz

Unabhängig von allem anderen mögen wir die Launenhaftigkeit in der Ankündigung zu “Mastering Design” sehr: Wenn die Schweizer Behörden nicht den halbjährlich stattfindenden Swiss Design Award sponsern wollen, zeigt das Mudac eben Arbeiten von anderswo in Europa. Dabei haben sie sich für zwei der prominentesten und zurzeit besten europäischen Designschulen entschieden: für die Design Academy Eindhoven und das Royal College of Art London.

Mit 24 Projekten, 12 von jeder Schule, z.B. von Anton Alvarez, Thomas Thwaites, Tuomas Markunpoika Tolvanen oder dem Studio mischer’traxler geht es bei “Mastering Design” laut den Veranstaltern genauso um eine Bestandsaufnahme der Designausbildung wie um die Projekte und die Designer dahinter. Obwohl wir fast sicher sind, dass die Ausstellung auch als äußerst unterhaltsame Ausstellung über die Vielfalt und Tiefe von Arbeiten und Forschungen junger Studenten unserer Zeit durchgeht.

“Mastering Design. Design Academy Eindhoven and Royal College of Art London” kann zwischen dem 31. Oktober 2013 und dem 9. Februar 2014 im Mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Pl. de la Cathédrale 6, Lausanne gesehen werden.

5 New Design Exhibitions for November 2013 Mastering Design Design Academy Eindhoven and Royal College of Art London at mudac Musée de design et d’arts appliqués contemporains Lausanne Switzerland

"Mastering Design. Design Academy Eindhoven and Royal College of Art London" im Mudac - Musée de design et d’arts appliqués contemporains Lausanne

“Cyclepedia, Iconic Bicycle Design” im Design Museum Holon, Israel

Fahrräder spielten nicht nur in der Geschichte des Möbeldesigns eine große Rolle, sondern haben sich auch als dauerhaft interessantes Gebiet für Produkt- und Industriedesigner erwiesen. Und nein, wir reden hier nicht über die hippen Fixies. Wir meinen, wie sich neue Technologien, Funktionen, Formen usw. auf das Fahrrad anwenden lassen.

Mit einer Ausstellung, die über 100 Fahrraddesigns zeigt, will das Design Museum Holon die Geschichte und Entwicklung des Fahrrads im Kontext von vier Kategorien aufzeigen: Inhalt, Technologie, Zeit und Design. Ein besonderer Fokus der Ausstellung liegt dabei auf israelischem Fahrraddesign und der Radkultur in Israel.

Neben der Ausstellung hat das Design Museum Holon ein Rahmenprogramm auf die Beine gestellt, das eine internationale Konferenz zum Thema “Stadtplanung und Fahrräder”, ein Fahrrad-Filmfestival in der Holon Cinematheque und eine Fahrrad-Schule (was auch immer das sein mag) beinhaltet.

“Cyclepedia, Iconic Bicycle Design” wird am 14. November 2013 eröffnet und ist bis zum 22. März 2014 im Design Museum Holon, Pinhas Eilon St. 8 Holon zu sehen.

Design Museum Holon, Israel.

“Patricia Urquiola und Rosenthal. Landscape” in der Neuen Sammlung – Neues Museum für Kunst und Design, Nürnberg

1961 entschied sich Philip Rosenthal, die Zeit sei reif, die Porzellanmanufaktur seiner Familie in eine neue Richtung zu führen. Ohne das Unternehmen von seinen traditionellen Produktlinien zu lösen, stellte er zeitgenössische Designer an, um eine neue Denkweise in das Portfolio des Unternehmens zu bringen. Unter der Marke “Studio-line” trugen Designer wie Walter Gropius, Andy Warhol, Jasper Morrison, Raymond Loewy oder H. Th. Baumann ihren Teil zum Portfolio Rosenthals bei. Die neueste Kooperation Rosenthals mit einem jungen Designer ist die Landscape Kollektion von der Mailänder Designerin Patricia Urquiola von 2008, einer Kollektion, die neben Porzellanobjekten mit 3D-Relief auch Gläser, Keramiken und Textilien beinhaltet. Man kann in diesem Zusammenhang also von einer Auseinandersetzung mit dem Tischservice als eine sich organisch entwickelnde künstliche Landschaft sprechen.

Die Ausstellung in Nürnberg will nicht nur Stücke der Kollektion zeigen, sondern verspricht vielmehr die Entwicklungsgeschichte der Kollektion und vor allem der technischen Veränderungen, die notwendig waren, um Patricia Urquiolas Vision in ein marktfertiges Produkt zu übersetzen, aufzuzeigen.

“Patricia Urquiola und Rosenthal. Landscape” eröffnet am Freitag, den 15. November 2013, und ist dann bis Sonntag, den 16. Februar 2014, in der Neuen Sammlung – Neues Museum für Kunst und Design, Klarissenplatz, Nürnberg zu sehen.

5 New Design Exhibitions for November 2013 Patricia Urquiola und Rosenthal Landscape at Die Neue Sammlung Neues Museum für Kunst und Design Nürnberg Germany

Gussform mit Schellack bedecktem Teekannenmodell aus der Landscape Kollektion von Patricia Urquiola für Rosenthal (Foto: Alessandro Paderni)

“Storage” und “Cupboards, Cabinets, Closets – Domestic Storage Furniture Through the Ages” im Danish Museum of Art & Design, Kopenhagen, Dänemark.

Es scheint eins der banalsten Themen für eine Designausstellung überhaupt zu sein, aber Aufbewahrung war immer auch eine der größten Herausforderungen und gleichzeitig fruchtbarsten Gegenstände für Designer sowie Handwerker.

“Cupboards, Cabinets, Closets” zeigt ungefähr 60 Objekte von mächtigen Barockschränken bis zu Aufbewahrungssystemen zeitgenössischer Designer. Dabei verspricht die Ausstellung sowohl die Entwicklung von Aufbewahrungskonzepten im Kontext sozialer Entwicklungen zu untersuchen sowie die Rolle, Wichtigkeit und Verwendung von Materialien bei Aufbewahrunglösungen über die Jahrzehnte zu beleuchten.

Dass das Danish Museum of Art & Design parallel zu “Cupboards, Cabinets, Closets” die jährliche Ausstellung dänischer Tischler, die sich im Jahr 2013 mit über 42 zeitgenössische Objekten dem Thema “Aufbewahrung” widmet, zeigt, ist eine dieser glücklichen 2-für-1-Situationen. So bietet sich die Möglichkeit, nicht nur traditionelle mit zeitgenössischen Ansätzen in Sachen Aufbewahrung zu vergleichen, sondern auch designbasierte mit handwerklichen Lösungen.

“Cupboards, Cabinets, Closets – Domestic Storage Furniture Through the Ages” und “Storage” sind vom 1. November 2013 bis zum 30. März 2014 im Danish Museum of Art & Design, Bredgade 68, Kopenhagen zu sehen.

5 New Design Exhibitions for November 2013 Storage and Cupboards Cabinets Closets Domestic Storage Furniture Through the Ages at the Danish Museum of Art  Design Copenhagen Denmark

Unser letztes Foto für diesen Post ist...The Last Piece of Furniture von Søren Ulrik Petersen, zu sehen bei: Cupboards Cabinets Closets. Domestic Storage Furniture Through the Ages im Danish Museum of Art Design Kopenhagen (Foto: 2013 © Danish Crafts / jeppegudmundsen.com)

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Oktober 26th, 2013 nach smow

Es gibt nur wenige Möbelhersteller, die von sich behaupten können, bei zwei großen Revolutionen des Möbeldesigns ganz vorne mitgespielt zu haben.

Thonet ist so einer.

Und um ehrlich zu sein, fällt uns auch kein anderer ein.

Obwohl die Geschichte Thonets schon 1819 beginnt, wird sie erst 1859 so richtig interessant. Damals vollendete Michael Thonet sein Bugholzverfahren. Das Ergebnis von über 20 Jahren Entwicklung, Experimentieren, Blut, Schweiß und Tränen, Pleite, flüchtigem Erfolg und brutalem Scheitern ist ein auf Dampf basierendes Verfahren, das es ihm ermöglichte, solides Buchenholz zu biegen und ganz einfach Holzstühle zu einem vertretbaren Preis herzustellen.

Der Startschuss für die industrielle Produktion von Möbeln war gefallen.

Michael Thonets berühmtestes Modell ist ohne Frage der Stuhl Nr. 14, der heute als Stuhl 214 bekannte Klassiker ging als der archetypische Wiener Kaffeehausstuhl in die Möbelgeschichte ein – und als elegantes Beispiel dafür, wie unkompliziert gutes Stuhldesign sein kann.

Genauso genial wie das Bugholzverfahren war Michael Thonets Entscheidung den Stuhl Nr. 14 als flach verpacktes System, das aus sechs Elementen besteht, die von jedem Dummkopf zusammengebaut werden können, zu verpacken und verkaufen. Damit hat Michael Thonet den Prototypen für ein modernes Packsystem geliefert, das heute nicht nur für das Geschäft mit schwedischen Möbeln essentiell ist…

Dank der Fähigkeit 36 unmontierte Stühle in eine 1 m² große Kiste zu packen, konnten Thonet Stühle rundum den Globus verschickt werden und so produzierte das Unternehmen 1912 schon ungefähr 2 Millionen Stühle pro Jahr.

Bis heute werden die Rahmen der Thonet Klassiker, wie für den Stuhl 214, Michael Thonets 209 von 1900 oder den 233 von 1895, am Unternehmenshauptsitz im hessischen Frankenberg (Eder) noch immer von Hand gebogen – Stück für Stück, in einer Maschine, die mehr an ein mittelalterliches Foltergerät erinnert, als an etwas, mit dem einer der interessantesten und wichtigsten Stuhlentwürfe der Möbelgeschichte geschaffen wird.

Auf Biegen und Brechen Thonet

Biegen von Buchenholz. Genau wie es einst Michael Thonet tat...

Ungefähr 60 Jahre nach dem Durchbruch mit Bugholz kam Thonet durch das Biegen eines neuen Materials zu seinem zweiten großen Erfolg. Neu für Thonet und neu für das Möbeldesign: Stahlrohr.

Durch den engen Kontakt mit Designern und Architekten wie Mart StamMarcel BreuerMies van der Rohe und Le Corbusier war Thonet Teil einer neuen Strömung, die in den 1920ern Europa beherrschte. Und durch die Erfahrung mit dem Biegen von Holz war der Möbelhersteller außerdem der Ansprechpartner schlechthin für diese neue Generation von Designern, wenn es darum ging ihre neuen Ideen in eine neue Realität zu verwandeln – in die neuartigen Freischwinger aus Stahlrohr.

Nach der Übernahme von Marcel Breuers Möbelfirma Standard Möbel, 1929, hat sich Thonet an die ersten industriellen Verfahren zum Biegen von Stahlrohr gemacht. Nach einer anfänglichen Phase öffentlichen Misstrauens – man denke z.B. an die in How to live in Flat von W. Heath Robinson und K. R. G. Browne ausgerückten Vorstellungen – entwickelten sich Objekte wie Mart Stams Freischwinger S 43 und der Freischwinger S 33 oder Marcel Breuers Schreibtisch S 285 und die B 9 Satztische zum beliebten Klassiker. Oder besser gesagt, zum zeitlosen, beliebten Klassiker. Und festigten Thonets Stellung als einer der wichtigsten, innovativsten und glaubwürdigsten Möbelhersteller Europas.

Heute ruht sich das Unternehmen zum Glück nicht auf seinen Lorbeeren aus und durch die Zusammenarbeit mit jungen Designern wie Stefan Diez, Delphin Design oder Jehs+Laub ist Thonet auch heute noch einer von Europas größten Herstellern von Designermöbeln.

Sie mögen noch keine dritte Revolution ausgelöst haben, aber wir wollen nicht ausschließen, dass sie das noch tun werden…

Im Rahmen der Aktionswochen zum 5. Geburtstag vom (smow) Onlineshop gibt es bei allen Bestellungen von Thonet Möbeln einen Preisvorteil von 5% – nur zwischen Freitag, dem 25. bis Donnerstag, dem 31. Oktober 2013. Alle Informationen dazu gibt es auf smow.de.

Und wem es noch an Inspiration mangelt, sollte auf unserer Thonet Pinterest-Pinnwand fündig werden.

Auf Biegen und Brechen Michael Thonet

Biegen oder Brechen. Michael Thonet, der Vater aller Holzbieger.

 

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International Marianne Brandt Contest 2013 Yi-Cong Lu holo lamp
Oktober 16th, 2013 nach smow

Wahrscheinlich sind nicht alle über unsere ständigen Besuche in Chemnitz erfreut. Auf jeden Fall weiß aber die Mehrheit, dass sich unser Benehmen irgendwo zwischen jugendlicher Unreife und dem Gerede eines verbitterten Häftlings bewegt. Und tatsächlich begann alles, als wir noch unreife Jugendliche waren. Seitdem haben wir schon lange den beneidenswerten Status gehässiger, älterer Bürger.

Aber mal davon abgesehen haben die meisten, auch wenn ihnen unsere Einwände nicht gefallen, akzeptiert und verstanden, dass es nichts Persönliches ist, sondern nur eine historische Wunde, die wir tragen.

Als wir uns also an einem Samstag von einem der Marianne-Brandt-Wettbewerbs-Organisatoren verabschieden wollten, erwiderte der mit wissendem Blick: “Bis zum nächsten Mal also. In Chemnitz”. Woraufhin ich, “Das wird dann in drei Jahren sein”, antwortete und es im nächsten Moment bereute.

Ich bereute es, weil es nicht nur die idiotischste aller Antworten war, sondern weil es an einem Tag wie dem 7. September 2013, mit Sonnenschein, den einladend leuchtenden Fassaden des neuen Museums und Karl Marx, der den Eindruck eines fürsorglichen alten Onkels mit einer Tüte Süßigkeiten machte, die er mit allen teilen würde, eigentlich Zeit gewesen wäre einen Schritt weiter zu gehen und Chemnitz eine Chance zu geben.

Einen gewissen Verdienst an unserem Meinungsumschwung hatte fraglos der Internationale Marianne Brandt Wettbewerb.

Bis zum 1. Oktober 2013 waren alle Nominierungen des Marianne Brandt Wettbewerbs in einer Ausstellung im Industriemuseum Chemnitz zu sehen.

International Marianne Brandt Contest 2013 Jury

Internationaler Marianne Brandt Wettbewerb 2013: Die Jury in der Diskussion

Die Ausstellung des Marianne Brandt Wettbewerbs war eine verhältnismäßig simple Angelegenheit, eine kuratorische Entscheidung, die den Besuchern Zeit und Raum ließ die Objekte wirklich genau unter die Lupe zu nehmen.

Thema des Wettbewerbs war “Die Poesie des Funktionalen”, ein Slogan, der natürlich vor allem die Frage aufwirft, ob Funktionalität überhaupt poetisch sein kann. Verdrängt Funktion nicht die Poesie?

Die Antwort hängt natürlich von der jeweiligen Definition des Begriffs Poesie ab.

Die delikate Porzellankollektion “Lumos” von Claudia Biehne und Stefan Passig, ist beispielsweise eine feine Elegie in der Tradition von Percy Bysshe Shelley oder Thomas Gray. Alexander Penkins “Thinking outside the bag” spielt mit den feineren Aspekten satirischer Poesie, während Veronika Gruber mit dem Tisch “Janus” eine sehr erzählerische Arbeit zeigte.

Der scharfsinnige literarisch Gelehrte wird also eine Fülle an unausweichlichen Referenzen in der Ausstellung des Marianne Brandt Wettbewerbs gefunden haben.

Zu den Produktdesign-Highlights gehörte für uns Anna Albertine Baronius “2tables”. Der Tisch mit integrierter Lampe ist zwar in seiner Offensichtlichkeit ziemlich albern, das schön gearbeitete Stück bereitete uns allerdings ein zuvor unerreichtes Vergnügen. Es gab wohl Klagen, dass obwohl die beiden Formen des 2tables “offen” und “geschlossen” sind, man den Tisch in der geschlossenen Variante nicht nutzen könne, um Dinge darauf abzustellen, weil man sie dann, um die offene Form zu nutzen, erst beiseite räumen müsse. Für uns ist das eher Teil der Schönheit. Der Benutzer wird so gezwungen etwas ordentlicher zu sein und etwas genauer zu überlegen, wie er den Platz nutzt. Alle Objekte, die einen dazu bringen, werden uns immer gefallen.

Über das Kräuterregal “Kitchen Herbs 2.0” von Tina Schönheit haben wir uns, trotz der etwas zu verspielten Idee, ähnlich gefreut. Und auch die “Modulare Parkgarage” von Thomas Wagner hat es uns angetan. Zudem war es sehr schön mal wieder auf so alte Bekannte zu treffen wie Sample Avenue von Karoline Fessner oder die Stuhl-Tischkombination Sam und Suzie von Gesine Hillmann und Jan Regett – Objekte, die in der exklusiven Atmosphäre des Industrie Museums Chemnitz wirklich brillierten.

Wie ja alle wissen, hatten wir so unsere Probleme die Regeln für die Kategorie Cradle-to-Cradle vollständig zu verstehen. Die Wettbewerbsausstellung machte allerdings alles einigermaßen klar. Einigermaßen insofern als der “Cradle-to-Cradle”-Aspekt nicht immer so ganz ersichtlich schien. Neben Objekten, die uns schon bekannt waren, darunter der wundervolle Max Trill Stuhl von Katharina Schwarz – ein Stück, das wir zuletzt in der sehr vermissten Galerie dieschönestadt in Halle gesehen haben, gehörten für uns zu den Cadle-to-Cradle-Highlights “AntikKOMBO” von Björn Kendelbacher und Stephan Eggers und BugBox von Franziska Callensee, Vera Aldejohann und Adrian Meseck.

International Marianne Brandt Contest 2013 Veronika Wildgrüber Janus

Janus von Veronika Wildgrüber in der Ausstellung des Internationalen Marianne Brandt Wettbewerbs 2013

Wenn die Wettbewerbsausstellung 2013 für uns einen Schwachpunkt hatte, dann war es zweifellos die Fotografie. Wir haben viel Zeit damit zugebracht uns Fotos anzuschauen, und es langweilt uns wirklich, Bilder zu sehen, die vielleicht technisch perfekt gemacht, in gleicherweise aber komplett stumpfsinnig sind – oder schlimmer noch: klischeehaft, offensichtlich, ermüdend. Warum quält ihr uns damit? Erst kürzlich haben wir uns über die Allgegenwart von Schwarzweißfotografien von Zigarre rauchenden Kubanern mit alten, faltigen Gesichtern beklagt. Metaphorisch gesehen zeigten für uns zu viele der in Chemnitz ausgestellten Arbeiten rauchende, zerknitterte Bewohner des alten Havannas.

Natürlich gab es Ausnahmen, die deutlich unter Beweis stellten, dass Fotografie möglich ist. “Eldorado” von Jan Mammy war sehr erfreulich, und das nicht nur wegen des mehr als offensichtlichen Bezugs zur Bauhaus Fotografie. Weitere Fotografieprojekte, die es Wert sind genannt zu werden, waren “Aprés une Architecture” von Marget Hoppe und die perverserweise süchtig machenden, dokumentarischen Aufnahmen aus Kirill Golovchenkos “Kachalka”-Projekt.

Um ehrlich zu sein haben uns die Nominierten von 2013 im Ganzen nicht so mitgenommen wie die des Wettbewerbs von 2010. Es gab für uns beispielweise nichts, das Objekten wie Damensattel oder Mechthild gleichgekommen wäre. Es geht aber nicht darum die Nominierten von 2013 schlecht zu machen. Die Qualität war fraglos sehr hoch und sicherlich besser als bei den meisten Designwettbewerben.

Neben der Tatsache, dass durch den Marianne Brandt Wettbewerb das Erbe einer der interessanteren Designerinnen/Künstlerinnen der Moderne am Leben erhalten wird, gibt es eine Menge Gründe den Wettbewerb zu würdigen: zum einen der sehr vernünftige Eintrittspreis und die wirklich nützlichen Nicht-Geld-Preise einiger Sponsoren, andererseits besteht kein Druck Lizenzgebühren zu zahlen, sollte man gewinnen und an erster Steller natürlich: das wunderbare Thema des Wettbewerbs.

Wahrscheinlich nahmen deshalb so viele, wirklich talentierte, innovative und aufmerksame junge Designer an dem Wettbewerb teil.

Alle Details zur Ausstellung gibt es unter http://marianne-brandt-wettbewerb.de. Für alle, die es nicht dorthin geschafft haben, außerdem ein paar unserer Eindrücke. Eine größere Auswahl an Bildern ist unter pinterest board zu finden.

Wie gewohnt der Offenheit und Transparenz zuliebe: (smow) Chemnitz ist ein Sponsor des Internationalen Marianne Brandt Wettbewerbs.

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