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Beiträge markiert ‘Bauhaus’

smow Blog kompakt: Bauhaus re use @ Bauhaus Archiv Berlin

01. Juni 2015

Das Bauhaus wird ja häufig als eine Art Brutkasten für die kreativen Talente der 1920er Jahre wahrgenommen. Da passt es ganz gut, dass das Bauhaus Archiv Berlin jetzt eine Art Gewächshaus unterhält, das aus ausrangierten Fenstern des Bauhaus Dessau zusammengebaut wurde.

Der neue Bauhaus re use Pavillon wurde vom Berliner Architekturbüro Zukunftsgeraeusche GbR gemeinsam mit dem Bauhaus Archiv Berlin, der Technischen Universität Berlin, Wagner Tragwerke und in Zusammenarbeit mit dem Oberstufenzentrum Knobelsdorff-Schule Berlin als temporärer Veranstaltungsraum für das Museum geplant und realisiert. Zum 100. Geburtstag vom Bauhaus im Jahr 2019 soll dann die viel gepriesene und dringend notwendige Erweiterung des Bauhaus Archivs Berlin fertiggestellt sein.

Neben den umfunktionierten Fenstern und Türen aus Dessau besteht der neue Bauhaus re use Pavillon aus einem reduzierten Stahlskelett und ist mit zwei Schiffscontainern ausgestattet, die als Lagerraum und Sanitäranlage dienen. Mit dem intelligenten Doppelwandprinzip zur Isolierung ist der Pavillon ein gutes Beispiel für eine leichte Konstruktion, die nicht nur durch die Wiederverwendung von bestehenden Ressourcen Energie spart, sondern auch einen geringen täglichen Bedarf an Ressourcen hat.

Die Verarbeitung ausgedienter Fenster ist nicht wirklich neu: ein besonders schönes Beispiel dafür findet sich ungefähr 125 Kilometer südlich von Berlin. Dabei handelt es sich um Niek Wagemans WunderBAR im Hof des Ampelhauses in Oranienbaum. Allerdings ist es besonders passend, fast schon korrekt, dass für den Bauhaus Pavillon in Berlin ausgediente Fenster des Bauhaus Dessau verwendet wurden. Schließlich besteht Gropius’ Bauhaus Dessau selbst aus wenig mehr als Fenstern. Außerdem war auch Ludwig Mies van der Rohes Berliner Bauhaus schon eine reduzierte und nachbearbeitete Version des Dessauer Bauhaus, die, wenn auch unbeabsichtigt, ebenfalls nur eine flüchtige, kurzlebige Institution war.

Alles in allem halten wir den Pavillon für eine schöne und brauchbare Ergänzung des Ensembles vom Bauhaus Archiv Berlin.

Der neue Bauhaus re use Pavillon kann den ganzen Tag über auf dem Gelände des Bauhaus Archivs, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin besichtigt werden. Alle Informationen und das Veranstaltungsprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

5 neue Designausstellungen im Mai 2015

21. Mai 2015

Die größte – und zweifellos mit dem höchsten Budget ausgestattete – neue Architektur- und Designausstellung im Mai 2015 ist die Weltausstellung in Mailand, die am 1. Mai begonnen hat. Unter dem zentralen Thema “Feeding the Planet, Energy for Life” zeigt die Expo Präsentationen aus ungefähr 140 Ländern in einer ähnlichen Anzahl von Pavillons, die von weltweit führenden Architekturbüros entworfen sind, und verspricht eine unvergleichliche Erforschung zukünftiger Strategien, die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Und bringt hoffentlich auch dem Mailänder Hotelgewerbe soviel Gewinn ein, dass sich die Hotelbetreiber im kommenden April vielleicht sagen: Wisst ihr was, lasst uns unsere Zimmer während der Mailänder Möbelmesse zu bezahlbaren Preisen vermieten. Lasst uns aufhören, die Möbel- und Designindustrie auszunehmen und stattdessen realistische Preise veranschlagen, um die ganze Veranstaltung bezahlbarer und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Mailand ist eine freundliche Stadt, lasst uns das zeigen!

Natürlich werden sie das nicht tun. Aber wir lassen uns nicht nehmen, zu träumen.

Und hier, Mailand ignorierend, fünf wirklich vielversprechende Architektur-und Designausstellungen im Mai 2015 vor.

“Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu, Hornu, Belgien

Unter dem Titel “Thingness” zeigt das CID – Grand-Hornu die erste Retrospektive von Jasper Morrison überhaupt. Ein Satz, aus dem sich zwei Fragen ergeben.

Erstens: Wirklich? Niemand hat jemals eine Jasper-Morrison-Retrospektive gezeigt? (Uns fallen etliche Museen ein, die das längst getan haben sollten.)

Zweitens: Warum ausgerechnet Belgien?

Versteht uns nicht falsch, die Ausstellung hört sich fantastisch an – verspricht sie doch eine chronologische Reise durch 35 Jahre kreativen Output von Jasper Morrison, und das in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern und Disziplinen. Im Grunde also eine exzellente Gelegenheit, die stilistische und philosophische Entwicklung Jasper Morrisons vom atemlosen Studenten auf der ersten Memphis-Ausstellung in Mailand zum höflichen, distanzierten Großmeister des zurückhaltenden europäischen Designs von heute nachzuvollziehen.

Aber warum Belgien?

CID – Grand-Hornu ist eine sehr angesehene Institution mit einer langen Liste interessanter Ausstellungen. Doch angesichts der sehr viel engeren Verbindungen, die Morrison zu anderen Ländern und Regionen hat… Nichtsdestotrotz gehört Belgien, wie wir wiederholt festgestellt haben, momentan zu den interessanteren Ländern in Sachen Möbeldesign. Und so ergibt es vielleicht doch Sinn, dass sich ein Designer wie Jasper Morrison gerade zu Belgien hingezogen fühlt.

“Jasper Morrison – Thingness” öffnet im CID – Grand-Hornu, Site du Grand-Hornu, Rue Sainte-Louise 82, 7301 Hornu Sonntag, am 10. Mai und läuft bis zum 13. September.

 

Plywood Chair by Jasper Morrison for Vitra, part of Jasper Morrison - Thingness

Plywood Chair von Jasper Morrison für Vitra, ein Teil von “Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung ” im Bauhaus Dessau

Man kann wohl sagen, dass Hannes Meyer der am wenigsten gefeierte und bekannte der drei Bauhaus-Direktoren ist. Beim Bauhaus Dessau versucht man nun, Ruhm und Image des zweiten Direktors zu befördern, indem man sich vertieft mit einem zentralen Aspekt seiner Philosophie beschäftigt; einem Aspekt, der in vielerlei Hinsicht relevanter für unsere heutige Gesellschaft ist als all die Stahlrohrmöbel  und viereckigen Häuser, die man mit Meyers Kollegen Gropius und Mies van der Rohe in Verbindung bringt: dem Kollektiv. Hannes Meyer selbst entwickelte kaum ein Projekt allein und zog stattdessen die Zusammenarbeit mit anderen vor. Heute sind Ideen kollektiver Kraft, kollektiver Verantwortung und kollektiven Denkens immer häufiger die Grundlage von Design- und Architekturprozessen.

Kollektiv wie auch gemeinsam sitzen wir alle im selben Boot. Unter Hannes Meyer wurde die Formulierung “Volksbedarf statt Luxusbedarf” zum Schlachtruf des Bauhauses; heute sehen Designer und Architekten ihre Rolle zunehmend darin, hilfreich für die Gesellschaft zu sein, statt kommerzielle Güter zu schaffen.

Mit einem Fokus auf “Kollektiv-Ideen” in Bereichen wie Bildung, Gesellschaft, Landschaft und natürlich Architektur möchte das Bauhaus Dessau Hannes Meyer – in Ergänzung zur detaillierteren Erkundung seiner Person – im modernen Kontext erklären und so die bleibende Relevanz seines Denkens, seiner Methodik und damit seiner Amtszeit unterstreichen.

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung” öffnet in der Stiftung Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau am 21. Mai und läuft bis Sonntag, den 4. Oktober.

The coop principle – Hannes Meyer and the Concept of Collective Design Bauhaus Dessau

Hannes Meyer (Photo: Courtesy Stiftung Bauhaus Dessau)

“Telling Time” im mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne, Schweiz

Bedenkt man, dass die ganze Welt sehr, sehr aufgeregt über die neue Fruit Watch ist und zugleich die Möglichkeit besteht, dass tausend andere Firmen sehr, sehr ähnliche Produkte zu einem Bruchteil des Preises auf den Markt bringen, erscheint die neue Ausstellung im Mudac in Lausanne äußerst passend: “Telling Time” zeigt nicht nur die zentrale kulturelle Rolle von Uhren, ihrer Produktion und der Zeitansage, sondern unterstreicht zugleich, wie sich Zeitansage als Prozess kontinuierlich verändert – und durch diese Neuerfindung seine Faszination und Relevanz behält, unabhängig von der unveränderten Funktion. Zu diesem Zweck verspricht “Telling Time”, Exemplare des historischen analogen Uhrendesigns von einigen der prestigeträchtigsten Schweizer Marken und modernere, digitale Uhren zu präsentieren – in Gegenüberstellung zu Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Designer wie beispielsweise “365 Knitting Clock” von Siren Elise Wilhelmsen, “Grandfather Clock” von Maarten Baas oder Ivan Argotes “Time is Money”.

“Telling Time” öffnet im Mudac – Musée de design et d’art appliqués contemporains, Pl. de la Cathédrale 6, Lausanne, am Mittwoch, den 27. Mai und läuft bis Sonntag, den 27. September.

Time is Money by Ivan Argote (outtake at 10:41:59) (Photo: © Galerie Perrotin, courtesy of mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

Time is Money von Ivan Argote (outtake bei 10:41:59) (Foto: © Galerie Perrotin, mit freundlicher Genehmigung des mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

“De Invasie on display” im Design Museum Gent, Gent, Belgien

Im Jahr 2010 gründeten drei mutige Seelen De Invasie als Plattform, um junges belgisches Design – sei es Einrichtung, Mode, Grafik oder Fotografie – zu fördern und zu verbreiten. Neben diesem Netzwerk für belgische Designer organisiert De Invasie auch regelmäßig Gruppenausstellungen auf Design Messen und nun, in Zusammenarbeit mit dem Design Museum Gent, eine erste museale Ausstellung. Da die Ausstellung wie alle De Invasie Projekte auf der Basis organisiert wurde, dass sich Teilnehmer bewerben statt ernannt zu werden, rechnen wir nicht mit einer sonderlich tiefgründigen kuratorischen Poisition, die sich durch die Ausstellung zieht; wir erwarten allerdings eine Ausstellung, die etliche Beispiele des äußerst spannenden und innovativen kreativen Talents präsentiert, das man derzeit im Königreich Belgien findet – also eine Ausstellung, die einmal mehr die Stärke des aktuellen belgischen Designs unterstreicht. Ein bisschen in der Weise, wie das MoMA New York in den 1950er Jahren das amerikanische Design mit Ausstellungen wie “Good Design” promotete.

“De Invasie on display” öffnet im Design Museum Gent, Jan Breydelstraat 5, 9000 Gent am 8. Mai und läuft bis Sonntag, den 13. September.

De Invasie on display Design Museum Gent

De Invasie on display im Design Museum Gent

“Workplace for the New World” im Bureau Europa, Maastricht, Holland

“Was rechtfertigt den Aufwand der Arbeit?” fragt die Einleitung zur aktuellen Ausstellung im Bureau Europa, “Wie geben unsere alltäglichen Tätigkeiten unserem Leben und unserer physischen Umgebung eine Bedeutung?”

Fragen, die tendenziell auf eine Ausstellung hinweisen, die an einem feuchten, winterlichen Montagmorgen in einem kalten Bahnhof ersonnen wurde.

Ungeachtet dessen, wie und warum diese Ausstellung konzipiert wurde, verspricht sie, einen sehr wichtigen Aspekt der heutigen Gesellschaft zu untersuchen: Wie werden wir in Zukunft arbeiten und wie werden wir sicherstellen, dass unsere Arbeitsmethoden nachhaltig, sachdienlich und dennoch einträglich sind?

Neben einer zentralen Ausstellung über das Wesen der Arbeit, den Begriff “Arbeit” und die zukünftige Rolle der Arbeit verspricht “Workplace for the New World” auch eine Reihe von Workshops und Vorträgen, die neue Positionen präsentieren, analysieren und prüfen. So erhält die Ausstellung eher eine aktivierende als reflektierende Note – work in progress, wenn man so will.

“Workplace for the New World” läuft im Bureau Europa, Timmerfabriek, Boschstraat 9, 6211 AS Maastricht seit dem 1. Mai und läuft bis Sonntag, den 5. Juli.

Workplace for the New World Bureau Europa Maastricht

Workplace for the New World im Bureau Europa, Maastricht

smow Blog kompakt: 2.5.0. – Object is Meditation and Poetry. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig

24. April 2015

Die Geschichte der angewandten Kunst – wir glauben, es ist nicht zu impulsiv, das zu behaupten – ist eng verknüpft mit der aller anderen visuellen Kunstformen.

Insofern ist es auch nur logisch, dass die Geschichte des Grassi Museums für Angewandte Kunst zu Leipzig sehr eng mit der der Leipziger Kunsthochschule, der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), verknüpft ist.
Um jetzt den 250. HGB-Geburtstag zu feiern, wurden HGB-Studenten und -Graduierte vom Grassi Museum eingeladen, die Dauerausstellung der Sammlung des Grassi Museums zu unterbrechen, das heißt: ihre Arbeiten zwischen, neben und anstatt der Objekte aus der ständigen Sammlung zu platzieren, und so einen Dialog zwischen dem Dekorativen und dem Praktischen, dem Funktionalen und dem Abstrakten, dem Mondänen und dem Lächerlichen entstehen zu lassen.

Private Universe collection by Silke Koch in a kitchen Ensemble by Erich Dieckmann, as seen at 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum for Applied Arts Leipzig

Private Universe Serie von Silke Koch in einem Küchenensemble von Erich Dieckmann, gesehen bei 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum für angewandte Kunst zu Leipzig

Mit einer Auswahl von Gemälden, Skulpturen, Videos, Installationen und Objekten von über 70 internationalen Künstlern präsentiert die von Alba D’Urbano und Olga Vostretsova kuratierte Ausstellung “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” eine Reihe von Arbeiten, die, und das ist gewissermaßen enttäuschend, nicht speziell für die Ausstellung entwickelt wurden, sondern in anderen, davon unabhängigen Kontexten entstanden sind, sich aber dennoch auf bestimmte Aspekte der Sammlung oder des Grassi Museums beziehen lassen. “Enttäuschend” nicht, weil die daraus resultierende Ausstellung nicht funktionieren würde, das tut sie nämlich, sondern weil eine direktere Konfrontation mit der Sammlungsausstellung, vor allem auch mit dem Ausstellungsstil des Grassi Museums und den dort präsentierten Positionen, möglicherweise zu einer die Gedanken anregenderen, letztlich lohnenderen Ausstellung geführt hätte. Stattdessen hat man eine Ausstellung innerhalb einer anderen Ausstellung, “zwei zum Preis von einer” – aber wer freut sich heutzutage nicht über ein solches Schnäppchen inmitten all der Entbehrungen und finanziellen Unsicherheiten …

Damit soll aber nicht behauptet werden, es bestünde keinerlei Verbindung zwischen den Objekten und der Sammlung: Es gibt durchaus einige ganz offensichtliche Zusammenhänge. So zum Beispiel Bea Meyers Installation “Utopia is a perfect social system in wich everyone is satisfied and happy”, die vor einem Wandteppich platziert ist, der wiederum auf  Raphaels “Schule von Athen” basiert, oder Varinka Schreurs Serie “DIY. All Tomorrows Parties” aus 3D-gedruckten Objekten, die anstelle von Lausitzer Steingut aus dem 10. Jahrhundert vor Christi gezeigt wird. Es gibt noch einige wenige weitere subtile Verbindungen, so zum Beispiel die Serie “Private Unsiverse” von Silke Koch – kleine raumschiffartige Gebilde, aus gesammelten Küchenutensilien zusammengebaut, die in Erich Dieckmanns Küchenensemble aus den späten 1920er Jahren präsentiert wird, das er am Bauhaus Weimar entwickelt hatte; oder Silke Wawros “most expensive jacket in the world”, das zwischen Exemplaren der Plauener Spitze ausgestellt ist. Dann gibt es wiederum Objekte, bei denen, zumindest für uns, die Verbindungen eher vage sind. Das spielt allerdings keine größere Rolle, wenn man sich die Projekte für sich genommen anschaut. So haben wir uns beispielsweise über Cindy Schmiedichens Gipsplanken inmitten einer Reihe von Tischen und Stühlen von Designern wie Marcel Breuer, über Anton Lorenz und Mies van der Rohe oder über Susan Winters zwangsläufig namenlose Komposition aus 10.000 Rasierklingen sehr gefreut.

Gewissermaßen macht das auch die subtile Schönheit von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” aus. Wir denken nicht, dass irgendjemand ins Grassi Museum gehen wird, nur um HGB-Arbeiten zu sehen. Die meisten kommen wegen der Dauerausstellung der Sammlung, für die exzellente Tour von der Antike bis zum heutigen Tag – eine Reise, die beweist, wie grundsätzlich gleich und unverändert unsere Anforderungen in Sachen Möbel, Kleidung und Verbrauchsgüter über die Jahrhunderte geblieben sind und die zigtausende Jahre der kulturellen Entwicklung erforscht. Und während des Ganges durch die Dauerausstellung werden die Besucher eingeladen, nach Wunsch in die HGB-Projekte einzutauchen. Der Besucher steht nicht unter dem Druck, alle Projekte sehen oder verstehen zu müssen, geschweige denn, an allen Gefallen zu finden. Letztlich ist das der beste Weg, sich ein Museum anzuschauen, fällt doch so eine Menge an Zwang weg, den man häufig beim Besuch von Dauerausstellungen verspürt. Geht es nicht den meisten so? Rokoko muss man nicht schön finden, Marcel Breuers Stahlrohrstühle kann man auch als sinnlose Studentenabenteuer abtun – und was bitte macht Fernando und Humberto Campanas “Sushi”-Pouf so außergewöhnlich?

Ein besonderes Highlight von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” waren für uns Alexej Meschtschanows Stühle – gefesselt von ungehobelten Stahlrohren. Stühle, die im ganzen Museum verteilt sind und die, ganz abgesehen von ihrer besonderen Verspieltheit, einen an die Gefahren von Museen erinnern, die sich allzu ernst nehmen, ihre Sammlungen als abgeschlossene Positionen begreifen und vergessen, auch mal etwas Luft in ihren Bestand zu lassen.

Mit “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” hat das Grassi Museum zu Leipzig einen sehr willkommenen frischen Wind in seine Ausstellungräume gelassen.

“2.5.0. – Object ist Meditation and Poetry” läuft im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig, Johannisplatz 5-11 04103 Leipzig, bis Sonntag, den 28.Juni.

Alle Details sind unter www.grassimuseum.de zu finden.

Bauhaus Archiv Berlin: “Sammlung Bauhaus” & “100 Neue Objekte”

01. April 2015

Nach einer Unterbrechung der Dauerausstellung, notwendig, um die kürzlich beendete Ausstellung “Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” unterbringen zu können, hat das Bauhaus Archiv Berlin die Gelegenheit genutzt und sein Ausstellungskonzept umgestaltet.

Damit ist es dem Bauhaus Archiv gelungen, willkommenen frischen Wind in sein Museum zu lassen.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus

Bauhaus Archiv Berlin: Sammlung Bauhaus

Unter dem Titel “Sammlung Bauhaus” liefert die Dauerausstellung nach wie vor einen sehr vagen Überblick; die komplette Geschichte des Bauhauses auf den wenigen verfügbaren Quadratmetern des Ausstellungsraums im Bauhaus Archiv Berlin zu präsentieren, wäre einfach unmöglich. Nichtsdestotrotz erreicht das Bauhaus Archiv mit dem neuen Ausstellungskonzept sehr viel mehr als die frühere Dauerausstellung. Die Präsentation ist jetzt sehr viel unterhaltsamer und zugänglicher, als es zuvor der Fall war – und das, obwohl weniger gezeigt wird, wenn wir es richtig einschätzen. Ein gutes Beispiel also für “weniger ist mehr”, wie einer der berühmteren Bauhausanhänger sagte.

Die Ausstellung wirft einen Blick auf die drei Bauhausstandorte, die wichtigsten Protagonisten, die Bereiche, in denen das Bauhaus aktiv war, und untersucht, wie die Schule funktionierte. Die neue Dauerausstellung untersucht das Bauhaus aber auch im Zusammenhang mit zugehörigen und ähnlichen Institutionen, seien es vom Bauhaus inspirierte Institutionen wie das sogenannte New Bauhaus in Chicago und die HfG Ulm in Deutschland, oder Zeitgenossen des Bauhauses wie die Burg Giebichenstein Halle, eine Institution, die ungefähr vier Jahre vor dem Bauhaus gegründet wurde und hinsichtlich der Lehre und der Philosophie ebenso avantgardistisch und anspruchsvoll war. Zudem macht die neue Dauerausstellung deutlich, dass es sich beim Bauhaus nicht nur um eine Schule, sondern auch um eine Bewegung handelte, die als Vorreiter neuer Ideen und bei der Entwicklung des Bauens und Lebens eine entscheidende Rolle spielte. Man neigt dazu, das zu vergessen, wenn man zu sehr bei der populären Formensprache einiger weniger “Bauhaus-Klassiker” hängen bleibt und dabei übersieht, in welchem Kontext sie entstanden sind und vor allem: warum.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus Marcel Breuer Kitchen Vogler Surgery Berlin 1929 Kitchen Chair 1924

Eine Küche für die Praxis Vogler, Berlin (1929) und ein Küchenstuhl (1924) alle von Marcel Breuer, gesehen als Teil der neuen Sammlung Bauhaus, Bauhaus Archiv Berlin

Parallel zur Einweihung der neuen Dauerausstellung öffnet das Bauhaus Archiv Berlin auch eine neue Sonderausstellung mit 100 kürzlich erworbenen Ankäufen. Diese Präsentation unterstreicht unter dem Namen “100 Neue Objekte” einerseits geschickt den erneuernden Geist der Dauerausstellung und die Tatsache, dass ein Museum wie das Bauhaus Archiv eine dynamische und vorausblickende Institution ist; zugleich ist die Besichtigung der Ausstellung aber auch ein schöner Blick zurück in die Vergangenheit. Dafür sorgen Objekte, die in jüngerer Zeit im Kontext der interessanteren Sonderausstellungen erworben wurden. Zu diesen Ausstellungen gehören beispielsweise “Mein Reklame-Fegefeuer. Herbert Bayer. Werbegrafik 1928 – 1938“, “Katsura Imperial Villa. Fotografien von Ishimoto Yasuhiro”, oder die Ausstellung “Hajo Rose – Bauhaus Foto Typo” von 2010.

Unter einer  riesigen Abfolge von Fotografien, Malereien, Möbeldesigns, Spielzeugen , Keramiken und Kunstwerken gehörte ein faszinierender Stuhl von Hansgeorg Knoblauch aus dem Jahr 1932 für uns zu den absoluten Highlights – eine Arbeit, die gut in die Ausstellung “Klaarhamer according to Rietveld” im Museum Utrecht passen würde. Hinzu kam für uns der  Einwegregenschirm Rainbelle von Ferdinand Kramer und eine Schreibtischlampe, die Heinrich Siegfried Bormann 1932 für den Leipziger Hersteller Kadem designte, und die daran erinnert, dass Bauhausabsolventen für richtige Industriebetriebe industrielle Produkte entwickelten, die ihren ganz eigenen Charme haben, ohne notwendigerweise in besagte Kategorie “klassisch” zu fallen. Es handelt sich einfach um gute oder sehr gute Objekte.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus Lamp Heinrich Siegfried Bormann Kandem

Eine Lampe von Heinrich Siegfried Bormann für Kandem, gesehen bei “100 Neue Objekte”, Bauhaus Archiv Berlin

Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass das Bauhaus Archiv nun endlich seine viel diskutierte und umstrittene Erweiterung erhält; beim Besuch der beiden Ausstellungen wird sehr deutlich, weshalb es diese Erweiterung dringend benötigt. Wenn alles nach Plan läuft – angenommen, die Bürokratie und aufgeblasene, streitsüchtige Architekten geraten nicht in den Weg – wird die Erweiterung 2019 abgeschlossen sein. Pünktlich also zum 100. Geburtstag des Bauhauses und nicht allzu bald.

Das Bauhaus ist weder A und O von Architektur und Design im 20. Jahrhundert noch handelt es sich um eine Bewegung, die das heilige Recht auf einen besonderen Stand hätte und bedeutender wäre als alle anderen. Jedoch war die Bewegung als Moment der europäischen Kulturgeschichte von großer Bedeutung und bleibt heute so relevant wie damals. Die Dauerausstellung des Bauhaus Archiv Berlin ist ein exzellenter Ort, um herauszufinden, welche Gründe es dafür gibt. Sie liefert die nötige Motivation für den Besucher, sich auf eine eigene Entdeckungsreise zu begeben – was genau das ist, was eine solche Ausstellung tun sollte.

“100 Neue Objekte” läuft im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin bis Montag, den 25. Mai. Die Dauerausstellung “Sammlung Bauhaus” läuft unter gleicher Adresse und – wie der Name es schon sagt – fortlaufend.

Alle Details, Öffnungszeiten und Informationen zu gesonderten Veranstaltungen und Führungen sind unter www.bauhaus.de zu finden.

smow Blog 2014. Ein Rückblick in Bildern: Februar

23. Dezember 2014

Kalt wie der Februar 2014 ohne Frage war, haben wir uns aufwärmen können, und zwar bei Ausstellungen über das Bauhaus im Fokus der Medien der 1920er Jahre, zum Leben und der Arbeit Maria Brandts und mit Arbeiten der Berliner Designerin Birgit Severin. Und auch USM Fensterverschlüsse haben uns sehr beschäftigt …!

usm window handle

Ein USM Fenstergriff!!!

Marianne Brandt Villa Esche Chemnitz Kaffeemaschine

Marianne Brandt in der Villa Esche Chemnitz

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre Metallische Fest

Fotografien vom Metallischen Fest, gesehen bei Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

10. November 2014

In seinem Film “Moderne Zeiten” von 1936 gerät Charlie Chaplin bekanntermaßen in die Mühlen des Fortschritts. Der Film ist eine kurze, aber scharfe Kritik an den Problemen und Herausforderungen, die technologischer und sozialer Wandel für den “kleinen Mann” mit sich bringen.

Über ein Jahrzehnt später hatte auch der ungarische Künstler und Autor László Moholy-Nagy damit begonnen, die Probleme und Herausforderungen der Moderne zu studieren. Er setzte sich mit dem rasanten technischen Fortschritt und der damit verbundenen Flut an neuen sensorischen Erfahrungen auseinander. Jetzt präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin in seiner Winterausstellung 2014/15 nicht nur eine tiefgründige Untersuchung László Moholy-Nagys und seiner Arbeit, sondern befasst sich auch mit der Relevanz dieser Arbeiten für unsere “Moderne”.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus Archiv Berlin

Anfänglich wollte der 1895 im ungarischen Bácsborsód geborene László Moholy-Nagy eine juristische Laufbahn einschlagen. Seine Pläne änderten sich jedoch, als er die Kunst der Avantgarde und die Literatur für sich entdeckte – zuerst durch die Budapester Aktivistenbewegung und danach durch den Dadaismus und russischen Konstruktivismus. Im Jahr 1920 zog Moholy-Nagy nach Berlin. Dort machte er sich mit den Ideen der Reformpädagogik vertraut, veröffentlichte seine ersten programmatischen Texte und nahm erstmals an Ausstellungen teil, bevor ihn Walter Gropius 1923 auswählte, Johannes Itten als Tutor des berühmten Vorkurses am Bauhaus Weimar zu ersetzten.

Moholy-Nagy zog zwar noch mit der Institution nach Dessau um, verließ das Bauhaus allerdings bereits 1928, um sein eigenes Studio in Berlin zu eröffnen. Mit dem Erstarken der NSDAP sah sich Moholy-Nagy, wie so viele andere seiner Zeitgenossen, zur Emigration gezwungen und ging über Amsterdam, London und Brünn schließlich nach Chicago.

1937 versuchte László Moholy-Nagy den Geist des Bauhauses mit dem sogenannten “New Bauhaus” College in Chicago wiederzubeleben – ein unglückliches Unterfangen, das wegen fehlender Mittel schon ein Jahr später wieder aufgegeben wurde. Daraufhin gründete Moholy-Nagy die Chicago School of Design, die sich schließlich in das heutige Illinois Institute of Technology, Institute of Design entwickeln sollte. László Moholy-Nagy starb am 24. November 1946 in Chicago.

Die von Professor Oliver Botar von der University of Manitoba, School of Art initiierte Ausstellung “Sensing Future” soll untersuchen, wie László Moholy-Nagy in seiner Kunst und Lehrtätigkeit einerseits versuchte, die exponentiellen technologischen Veränderungen der 1920er Jahre zu verstehen und wie er andererseits insgesamt dabei mitwirkte, die Bevölkerung auf die Zukunft vorzubereiten – vor allem dabei auf die Zukunft der Medien.

“László Moholy-Nagy fühlte, dass die Kunst das beste Mittel sei, um den Menschen beim Umgang mit dem Ansturm von Sinneseindrücken zu helfen”, erklärt Oliver Botar, “er wollte uns beibringen, wie wir unsere Sinne vollständig nutzen könnten. Aber auch die Kunst selbst sollte dabei helfen. Er meinte, wenn Kunst eine sinnliche Herausforderung wäre, könnte diese Herausforderung in einer kontrollierten Situation den Menschen helfen sich besser den Veränderungen ihrer Zeit anzupassen.”

Und so wie Fritz Haller eine Weltraumkolonie designte, um klarer über irdische Architektur und Stadtentwicklung nachdenken zu können, so dachte sich Moholy-Nagy, dass eine künstlerisch anspruchsvolle Umgebung uns helfen würde die technologische Realität anzunehmen und zu verstehen.

Ein Beispiel dafür, wie Moholy-Nagy die Rolle und Funktion der Kunst begriff, ist sein Poly Cinema, ein Raum, in dem mehrere Filme gleichzeitig auf eine gewölbte Oberfläche projiziert werden, und ein Konzept, das den Betrachter zunächst zwar überfordert, ihn schließlich aber dazu zwingt, einen Weg zu finden, die Informationsflut zu kontrollieren und Ordnung in das Chaos zu bringen. “Sensing the Future” zeigt eine Rekonstruktion eines solchen Poly Cinemas, das alle Besucher selbst ausprobieren können. Auf diese Weise erkennt man, dass László Moholy-Nagy und seine Zeitgenossen vor Problemen standen, die heute so relevant wie damals sind: zunehmende und schnellere Reproduzierbarkeit durch neue Medien, neue Produktionsprozesse, Werbung, Globalisierung … László Moholy-Nagy mag sich nicht über neue Apps, 3D-Drucker und virtuelle Viren den Kopf zerbrochen haben, dafür waren es damals eben die Fotografie, der Film und das Automobil.

Sensing the Future Lászlo Moholy-Nagy die Medien und die Künste at Bauhaus Archiv Berlin

Mobile Skulptur Floe von Erika Lincoln

Moholy-Nagy half nicht nur der Gesellschaft, die Zukunft besser zu verstehen, er dachte auch darüber nach, wie man neue Technologien für die Anpassung der Menschen nutzen könnte. Ein Beispiel dafür ist seine sogenannte Konstruktionsorgel, von der auch eine Nachbildung in der Ausstellung zu sehen ist. Bei einer Präsentation der Konstruktionsorgel im Jahr 1938 argumentierte László Moholy-Nagy, visuelle Bilder hätten derart an Bedeutung gewonnen, dass die Kommunikation durch visuelle Bilder ein alltäglicher Vorgang würde. Da jedoch die Kosten der Fotografie ungeheuer hoch seien, würden sich diejenigen, denen der Zugang zur Fotografie und damit die Erfahrung Bilder zu komponieren und zu entwickeln, verwehrt bliebe, zu den Analphabeten der Zukunft entwickeln. Folglich waren technische Hilfsmittel nötig, um die Bildkomposition für alle zugänglich zu machen. Die Konstruktionsorgel ist eines dieser Hilfsmittel. Gewissermaßen ist sie so etwas wie Photoshop anno 1938. Nur mit auf Lochkarten gesicherten Bildern.

Hier besteht auch eine Analogie zu unserer heutigen Situation der Smartphones und mobilen Computer: Diejenigen, denen der Zugang verwehrt bleibt, riskieren zurück zu bleiben bzw. nicht in der Lage zu sein, Hotels und Konzerttickets zu buchen oder herauszufinden, wann der nächste Zug fährt.

Heutzutage denkt man wahrscheinlich eher an Designer, wenn es um die Lösung sozialer und kultureller Probleme geht, eine der andauerndsten Hinterlassenschaften des Bauhauses ist jedoch auch die Entwicklung des Designs aus der Kunst mittels angewandter Kunst. Aber spielt die Kunst wirklich noch eine Rolle, wenn es darum geht, unsere Umwelt besser zu verstehen? Oder haben wir uns schon darüber hinaus entwickelt?

“Ich denke, Kunst ist in dieser Hinsicht immer noch sehr wichtig”, antwortet Oliver Botar unmissverständlich. Der Impetus, die Welt und ihre Veränderungen verstehen zu wollen, muss allerdings beim Künstler liegen. “László Moholy-Nagy meinte, Künstler müssten sich mit jeder neuen Technologie beschäftigen, ganz egal welcher”, fährt Oliver Botar fort. “Künstler sollten vor der Technik keine Angst haben und mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Wenn Künstler dazu in der Lage sind, gibt uns das allen Mut, uns auf neue Technologien einzulassen.”

Daher zeigt “Sensing the Future” neben Gemälden, Skulpturen, Plänen, Installationen, Fotografien und Filmen von László Moholy-Nagy auch aktuelle Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die die Philosophie László Moholy-Nagys fortführen.

Die sehr offen und klar strukturierte Ausstellung “Sensing the Future” liefert nicht nur eine exzellente Einführung zu László Moholy-Nagy, sondern hilft uns auch zu verstehen, dass egal, als wie schnell wir die Entwicklung unserer Gesellschaft einschätzen, sie vor 100 Jahren auch nicht langsamer war. Folglich können wir auch vieles von früheren Generationen lernen, wenn es darum geht, sich neuen Technologien anzupassen und sich auf die Zukunft einzulassen.

“László Moholy-Nagy meinte, es wäre sehr wichtig, dass der Mensch die Kontrolle über die Technologie behalte, bevor wir von der Technologie kontrolliert würden,” fügt Olivar Botar hinzu. “Das war einer seiner Grundsätze und ich denke, das ist auch heute ein wichtiger Grundsatz. Schließlich fühlen wir uns alle zeitweise überfordert.” Und wir alle geraten zeitweise zwischen die Räder wie damals Charlie Chaplin.

“Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” ist bis Montag, den 15. Januar 2015 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin zu sehen.

Alle Details einschließlich der Informationen zum Rahmenprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

Bauhaus Archiv Berlin: Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus

02. August 2014

Bei dem ganzen Hype um “Bauhaus Stil”, “Bauhaus Klassik” und “Bauhaus Design” wird allzu oft vergessen, dass das Bauhaus eine Universität war. Und wenn auch viele, wenn nicht gar die meisten von uns, höchstens ein halbes Dutzend Bauhaus Absolventen nennen können, so waren es doch hunderte, die ein Studium am Bauhaus abgeschlossen haben.

Dabei ging es nicht nur um Partys und Theater – die Studenten lernten auch etwas. Aber was lernten sie? Wie lernten sie? Und was lernen wir daraus?

Mit dem Versuch solche Fragen zu beantworten, präsentiert das Bauhaus Archiv Berlin derzeit eine Ausstellung, die sich dem am längsten aktiven Mitglied des Lehrpersonals am Bauhaus widmet: Wassily Kandinsky.

Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus

Wassily Kandinsky - Lehrer am Bauhaus im Bauhaus Archiv Berlin

Der am 4. Dezember 1866 in Moskau geborene Wassily Kandinsky studierte Jura, Wirtschaftslehre und Statistik in Moskau, bevor er 1896 nach München zog, wo er die Malereiklasse unter Leitung von Anton Ažbe besuchte. 1901 war Kandinsky Mitbegründer des progressiven Künstlerkollektivs und der privaten Malschule Phalanx, die 1904 geschlossen wurde, woraufhin Kandinsky eine Reihe von Studienreisen in die Niederlande, Frankreich, Tunesien, Italien und die Schweiz unternahm. Nach seiner Rückkehr nach Moskau im Jahr 1914 hatte Kandinsky zahlreiche Lehraufträge und administrative Positionen in Kultur- und Kunstinstitutionen inne – am bedeutendsten darunter wohl das Volkskommissariat für Bildungswesen (Narkompros) und das Institut für Künstlerische Kultur (INCHUK). Ans Bauhaus kam Kandinsky auf Walter Gropius’ Einladung hin im Jahr 1922. Nach der Schließung im Jahr 1933 emigrierte Kandinsky dann nach Paris, wo er am 13. Dezember im Alter von 78 Jahren starb.

Die Ausstellung präsentiert eine Mischung aus Arbeiten von Kandinsky selbst, von seinen Studenten und seinen Lehrerkollegen am Bauhaus, und wird durch Publikationen von Kandinsky, Original-Dokumenten und Lehrmaterialien untermauert und ergänzt. “Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” zeigt so nicht nur, wie Kandinsky zahlreiche Kurse in Weimar, Dessau und Berlin leitete, und was er von seinen Studenten erwartete, sondern macht auch deutlich, wie sich Kandinsky als Künstler während seiner Jahre am Bauhaus entwickelte.

Wie zu erwarten bei einer Ausstellung, die Wassily Kandinsky und seiner Lehre am Bauhaus gewidmet ist, sind die Wände voll von geometrischen Formen und Primärfarben. Die Farben und Muster wurden von Kandinskys Studenten im Rahmen des Seminars “Abstrakte Elemente der Form” entwickelt und stehen zum einen für Kandinskys eigene Forschungen zu Form und Farbe, illustrieren aber andererseits auch, wie Kandinsky seine Studenten dazu anregte eigene Gedanken zu entwickeln.

Auf welche Art und Weise die Erkenntnisse aus solchen Untersuchungen in Kandinskys Arbeiten einflossen, lässt sich auf zahlreichen der ausgestellten Kandinsky Arbeiten nachvollziehen. Wie die Studenten allerdings mit dem, was sie bei Kandinsky lernten, in ihren Berufen nach dem Bauhaus umgingen – welche Rolle das Studium für ihre jeweilige Karriere spielte – ist leider nicht dokumentiert. Wäre allerdings ebenso interessant.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist Kandinskys “analytisches Zeichnen”-Seminar, eine zentrale Komponente seiner Lehre und ein Seminar, das den Studenten zeigte, durch einen Prozess der Vereinfachung der Form die Verhältnismäßigkeiten zwischen Objekten besser zu verstehen. Auch hier illustriert wieder eine Reihe von Studentenarbeiten, wie die Studenten angehalten wurden sich durch den Prozess einer sequenziellen Reduktion auf das Essentielle zu konzentrieren und aufgerufen waren, von dort aus etwas neues zu entwickeln.

Ein Ansatz, von dem wir möglicherweise in allen Bereichen profitieren könnten.

Neben den eher abstrakten Arbeiten und Ideologien widmet sich “Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” auch der Klasse für bildenden Kunst, die gemeinsam von Kandinsky und Paul Klee geleitet wurde. In diesem Zusammenhang ist eine beachtliche Arbeit von Hajo Rose aus dem Jahr 1932 zu sehen. In ähnlicher Manier endet die Ausstellung dann auch jeweils mit einer Arbeit von László Moholy-Nagy, Paul Klee, Georg Muche und Lyonel Feininger. Diese Arbeiten wurden zum 60. Geburtstag von Kandinsky präsentiert und machen gut deutlich, wie talentiert und kreativ das Lehrpersonal am Bauhaus war.

Bauhaus Archiv Berlin Wassily Kandinsky Lehrer am Bauhaus

Wassily Kandinskys Bildatlas, den er während seines Unterrichts benutzte...

Wassily Kandinsky war nicht nur wegen der Dauer seiner Beschäftigung ein wichtiger Lehrer des Bauhauses, sondern vor allem auch weil Kandinskys Vorkurs in der Zeit von 1922 bis 1930, also während der wichtigsten Bauhaus Jahre, für alle Studenten verpflichtend war.

Was sehr vereinfacht bedeutet, dass man das Bauhaus durch Kandinsky verstehen lernt.

“Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” ist die umfassendste Untersuchung zu Kandinskys Lehre, die überhaupt jemals angestellt wurde, und wird rund 30 Jahre nach der letzten Ausstellung zu diesem Thema gezeigt. Die Ausstellung ist eine zeitgemäße und sehr unterhaltsame Untersuchung des Themas, vor allem ist sie aber auch eine sehr zugängliche, die mit einfachen, manchmal fast schon zu simplen Präsentationsmethoden auskommt.

“Wassily Kandinsky – Lehrer am Bauhaus” ist bis Montag, den 8. September 2014 im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstr.14, 10785 Berlin zu sehen.

Neben der Ausstellung hat das Bauhaus Archiv Berlin ein begleitendes Programm mit Gesprächen und Führungen organisiert. Alle Details sind unter www.bauhaus.de zu finden.

 

Bauhaus Archiv Berlin: Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch.

27. Mai 2014

Bis zum 10. Juni zeigt das Bauhaus Archiv Berlin “Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch”. Die Ausstellung widmet sich der Architekturfotografie und Veröffentlichungen zur Architektur aus den 1920er und 1930er Jahren, und zeigt vor allem auch, wie wenig sich die Genres in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben.

Bauhaus Archiv Berlin New Architecture Modern Architecture in Images and Books

Bauhaus Archiv Berlin: Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch

Der Fokus bei “Neue Baukunst!” liegt vor allem auf dem Leben, der Arbeit und dem Archiv des Architekturkritikers und Kunstgeschichtlers Walter Müller-Wulckow. Neben seinem journalistischen und kuratorischen Nachlass ist Walter Müller-Wulckow als Herausgeber von vier Editionen der sogenannten Blauen Bücher Serie in Erinnerung geblieben. Die Bände “Bauten der Arbeit und des Verkehrs” (1925), “Wohnbauten und Siedlungen” (1928), “Bauten der Gemeinschaft” (1928) und “Die Deutsche Wohnung” (1930) widmen sich der neuen modernen Architektur dieser Periode. Die Idee zu den Büchern entstand 1916, woraufhin Müller-Wulckow sofort begann, Architekten zu kontaktieren, deren Arbeiten in den Publikationen erscheinen sollten. Mit Konzentration auf den deutschsprachigen Raum und auf deutschsprachige Architekten hat Müller-Wulckow innerhalb der beiden folgenden zwei Jahrzehnte eine Sammlung von über 1000 Fotografien aufgebaut, von denen um die 450 in den vier Bänden veröffentlicht wurden.

“Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch” zeigt ungefähr 100 Fotografien aus der Sammlung von Walter Müller-Wulckow, darunter Gebäude von prominenten Protagonisten der Zeit, wie Walter Gropius, Peter Behrens, Ferdinand Kramer, Bruno Taut und Otto Wagner. In Anbetracht des Ausstellungsortes versteht sich von selbst, dass ein zentraler Punkt bei “Neue Baukunst!” das Bauhaus ist und so ist eine ganze Wand innerhalb der Ausstellung Lucia Moholys Fotografien von Dessau gewidmet. Die Fotografien werden durch Auszüge aus Architekturbüchern und Magazinen der Bauhaus-Zeit ergänzt und erklären ihren zeitlichen und lokalen Kontext.

Abgesehen von den Arbeiten selbst, ihrer historischen Bedeutung und der Art und Weise, wie die europäische Moderne damals präsentiert, verstanden und natürlich auch verkauft wurde, ist für uns ein zentraler Punkt der Ausstellung, dass sie fast schon unfreiwillig klar macht, wie wenig sich verändert hat.

An erster Stelle ist da die Präsentation der Gebäude – ob als monumentales, fast schon unerreichbares Werk, oder alternativ als künstlerische Komposition, die vermutlich einen Einblick in die Seele der Konstruktion bieten soll, ohne dabei aber zu viel von dem physischen Objekt zu offenbaren. Und mit sehr wenigen Ausnahmen sind alle Fotos menschenleer, nüchtern, clean und kontrolliert. Genau das trifft natürlich auch, sieht man von narrativeren Arbeiten wie beispielsweise von Iwan Baan ab, heute noch auf die Präsentation von Gebäuden in Architekturpublikationen zu. Der Gang durch die Ausstellung ist also dem Surfen durch einen zeitgenössischen Architekturblog gar nicht mal so unähnlich.

Was wir allerdings vermisst haben, waren Aufnahmen bei Sonnenauf- bzw. Sonnenuntergang, auf denen also das gelbe Licht so warm und einladend durch die Fenster scheint. Das und Farbfotos, denn wie wir in der Ausstellung “bewundert, verspottet, gehasst” in Dessau gelernt haben, haben die Magazine damals schon damit begonnen.

Dazu kommt die Tatsache, dass Fotografien offensichtlich ein wichtiges Mittel waren, um Architektur zu verbreiten. Die Blaue Bücher Serie war als günstige und zugängliche Reihe von Fotobüchern konzipiert. Möglichst viele Menschen sollten die Arbeiten sehen und so ein Bewusstsein für die Architekten und ihre neuen Ansätze entwickeln. Und das ohne irgendeine Vorbildung in Architektur oder eine Ahnung bezüglich der Probleme hinter der Konstruktion. Die Leser sollten die Architektur allein über die Abbildungen schätzen lernen, und so gaben die Bücher beispielsweise auch keine Auskunft über technischen Details, die von der Kunst der Fotografen hätte ablenken können.

Heute ist all das eigentlich nicht anders. Die nicht aufzuhaltende Flut von Architekturfotos, die täglich online veröffentlicht wird, steht zwar eher für ein Lifestyleideal als dass sie eine Architekturbewegung erklären würde, aber die Arbeiten sind zugänglich für alle und man muss kein Architekt sein, um zu entscheiden, ob man mag, was man da sieht. Und so wie damals die Müller-Wulckow Bücher für die meisten die einzige Möglichkeit waren, etwas über aktuelle Architekturentwicklungen zu erfahren, so werden auch heute die meisten von uns neue Architektur nur durch Fotografien auf Onlineplattformen kennenlernen.

Die Fotos im Netz sind natürlich durch Nachbearbeitung verbessert und idealisiert. Aber auch das ist nichts Neues! Während der 1920er Jahre wurde nämlich auch schon retuschiert – eine Tatsache, die “Neue Baukunst!” prägnant erklärt und untersucht.

Schließlich stammten die abgebildeten Fotografien in der Sammlung Walter Müller-Wulckows von den Architekten selbst und – wie man in der ausgestellten Korrespondenz erfährt –  waren sich die Architekten sehr wohl über die Bedeutung der optimalen Darstellung ihrer Arbeiten bewusst. Auch damals war der unabhängige und ungeschminkte Eindruck eines Gebäudes also genauso eine Seltenheit wie heute.

Bauhaus Archiv Berlin New Architecture Modern Architecture in Images and Books Camera

Bauhaus Archiv Berlin: Neue Baukunst! Architektur der Moderne Modern Architecture in Bild und Buch

Aber spielt es überhaupt eine Rolle, ob Architektur heute mehr oder weniger auf die gleiche Art und Weise präsentiert wird wie zwischen den beiden Weltkriegen? Oder ist ein Gebäude einfach ein Gebäude und das fotografierte Bild davon eher zweitrangig? Um darauf eine Antwort zu geben, würden wir die Relevanz von Fotografie in der zeitgenössischen Architektur generell in Frage stellen. Wir würden sagen, der Besuch von “Neue Baukunst!” hat uns sehr deutlich gezeigt, dass viele der präsentierten Arbeiten ohne ihr Foto nie ihre heutige Bedeutung erlangt hätten.

Fotos waren wichtig, um die Architektur zu erklären. So gaben auch die Organisatoren der New Yorker Ausstellung “Modern Architecture: International Exhibition” von 1931 in ihren Presseerklärungen und dem Werbematerial stetig fast schon religiös anmutende Hinweise auf die Zahl und Größe der ausgestellten Fotografien.

Heute verstehen wir die Welt jedoch etwas besser und wissen, dass es wichtig ist, dass sich ein Gebäude in seine Umgebung einfügt und wenigstens ein Mindestmaß an ästhetischem Anstand wahrt. Noch wichtiger ist heute allerdings, dass ein Gebäude in sozialer und ökologischer Hinsicht verantwortungsvoll entworfen wird. Es sollte seine Funktion erfüllen und diejenigen, die es nutzen werden, unterstützen. Und das ohne an anderer Stelle unnötigen Schaden anzurichten oder Probleme zu verursachen. Das Gebäude ist wichtiger als sein Bild

Anders gesagt sollte zeitgenössische Architektur nicht als visuelle Kunst verstanden werden und dem Architekturfoto, wenngleich es ohne Frage sehr nützlich ist, sollte weniger Bedeutung zukommen.

Für uns bedeutet der fehlende Wandel zwischen damals und heute in der Folge auch eine Kritik an den heutigen Herausgebern von Veröffentlichungen zur Architektur – ob online oder in den Printmedien.

Aber was wissen wir schon…

Bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

16. Mai 2014

Das viel diskutierte Experiment Bauhaus kommt mit der Eröffnung seines eigenen Instituts am 4. Dezember 1926 in Dessau zu einem ersten Abschluss. Über die möglichen Auswirkungen der Gruppe von Architekten, zu der auch Gropius gehört, auf unsere Baukultur wird die Geschichte entscheiden. Dieser neue Stil, ein Stil, der für den Großteil unserer Bevölkerung ungewohnt ist und den die Mehrheit nicht annehmen wird, lässt keinen Platz für traditionelle Architektur, aber sehr viel Raum für den künstlerischen Ausdruck junger Studenten.1

So begrüßte das deutsche Magazin Die Bauwelt die Eröffnung des Bauhauses Dessau am 4. Dezember 1926. Wie andere Medien über das Event berichteten, wie das Bauhaus grundsätzlich in den Medien präsentiert wurde und wie es sich selbst darstellte, erfährt man in der Ausstellung “Bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre”, die derzeit im Klee/Kandinsky Meisterhaus in Dessau zu sehen ist.

Zwischen dem riesigen Thema “Bauhaus und die Medien” und dem begrenzten Platz in den Dessauer Meisterhäusern besteht natürlich ein ziemlicher Kontrast – es muss also zwangsläufig eingeschränkt werden, was und auf welche Weise es präsentiert wird. Folglich haben sich die Organisatoren von “Bewundert, verspottet, gehasst” auf zwei grundlegende Ereignisse beschränkt: die Eröffnung des Bauhauses Dessau 1926 und das Metallische Fest, Teil der Karnevalsfeier 1929. Darüber hinaus beleuchtet die Ausstellung vier weitere, eher allgemeine Aspekte: die Moderne in Cartoons und Karikaturen, die Berichterstattung zum Bauhaus im Radio und die Präsentation des Bauhauses Dessau in der – und durch die Werbung. Ein letzter Abschnitt, der sich der aktuellen Berichterstattung über das Bauhaus widmet, bietet einen schönen Vergleich zur Berichterstattung während der 1920er Jahre. Dieser Abschnitt konzentriert sich vor allem auf die Entscheidung, den Vertrag des Direktors der Stiftung Bauhaus Dessau, Phillip Oswalt, nicht zu verlängern.

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Die Eröffnung des Bauhauses Dessau zog sich formal über drei Tage und begann mit einer Presseführung am 3. Dezember 1926 und  wurde von der offiziellen Eröffnung am Samstag, den 4. Dezember, sowie einem Tag der offenen Tür am 5. Dezember gefolgt.

Neben über 1000 Gästen zog die Eröffnung über 100 Journalisten aus Deutschland und dem Ausland an. Das mag sich nicht gerade nach viel anhören, wir, die während des ganzen Jahres an Presseveranstaltungen teilnehmen, finden uns jedoch nur selten in Gesellschaft von 100 Kollegen. Für 1926 ist das demzufolge eine wahnsinnige Teilnehmerzahl. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Medienlandschaft damals sehr viel kleiner war als heute und dass das Bauhaus, so zumindest die heutige Annahme, während dieser Zeit gar nicht so populär und kulturell relevant war. – Offensichtlich war es das also doch.

Die Auswahl der in “Bewundert, verspottet, gehasst” präsentierten Artikel ist nicht gerade ausufernd, was mit dem begrenzten Raum im Klee/Kandinsky Meisterhaus zusammenhängt. Allerdings bietet sie mehr als genug Material, um den Besuchern einen guten, allgemeinen Überblick darüber zu geben, wie die Zeitungen und Fachmagazine jener Zeit auf das Ereignis reagiert haben. – Grundsätzlich sehr positiv, wenn man es mal ganz knapp zusammenfassen will.

Besonders erfreulich ist das Farbfoto in der Edition “Velhagen und Klasings Monatshefte” vom März 1927. Wie wir es schon in unserem Post zur Marianne Brandt Ausstellung in der Villa Esche in Chemnitz erwähnt haben, ist unser Eindruck der Moderne viel zu sehr von Schwarz-Weiß-Fotografien geprägt. Wir vergessen leicht, dass die Moderne voller Farben war. So ähnlich wie wir heute, wurden aber auch damals viele Menschen in Deutschland und Europa nur durch Zeitungen und Magazine – und damit monotonen Schwarz-Weiß-Fotografien – auf das Bauhaus aufmerksam. Dass den Lesern 1927 also auch Farbfotos vorlagen, ist eine neue und erfreuliche Information für uns.

Der zweite Fokus der Ausstellung liegt auf dem Metallischen Fest von 1929, das im Wesentlichen ein riesiger schriller Kostümball war. Harald Wetzel, der Vorsitzende des für die Ausstellung verantwortlichen Fördervereins Meisterhäuser Dessau, weist in diesem Zusammenhang auf einen Unterschied zwischen Weimar und Dessau hin. Er meint, im Gegensatz zu Weimar, wo vor allem die Bildung einer Gruppe, das Zusammenbringen von Tutoren und Studenten, im Mittelpunkt stand, habe Dessau eine viel größere soziale Bedeutung gehabt und wäre für führende Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft durchaus relevant gewesen. Diese Behauptung kratzt leider etwas am Mythos, das Bauhaus sei eine anarchische Gruppe von Außenseitern gewesen, die es mit dem Establishment und seinen überholten Traditionen aufnehmen wollte.

Im Mittelpunkt der Dokumentation des Metallischen Fests stehen sechs erst kürzlich wiederentdeckte Fotografien des Balls, die von einer Berliner Agentur aufgenommen wurden. Mal ganz abgesehen von den Fotografien selbst, zeigt allein schon die Tatsache, dass der Fotograf einer Agentur aus Berlin nach Dessau gereist ist, um eine Bauhausparty zu fotografieren, welche Bedeutung die Veranstaltung hatte.

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre Metallische Fest

Fotografien vom Metallischen Fest, gesehen bei Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre

Neben der Berichterstattung zum Metallischen Fest und der Eröffnung hält “Bewundert, verspottet, gehasst” auch zahlreiche Momente bereit, die einen frischen, zumindest selten gezeigten Eindruck des Phänomens Bauhaus vermitteln. So waren wir ziemlich von der Werbung von und über das Bauhaus überrascht. Wer hätte gedacht, dass das Bauhaus in Zeitschriften um Studenten geworben hat… Aus diesen Werbeanzeigen erfährt man interessanter Weise auch von der Anstellung Hanns Riedels am Bauhaus Dessau als Tutor für BWL. BWL ist natürlich ein ziemliches Kontrastprogramm zum berühmten Bauhausmythos von “Kreativität und Freiheit über alles”. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie Designschulen wohl heutzutage ihren Studenten die Wirtschaftslehre näherbringen. Wahrscheinlich machen es viele gar nicht, wenige nur in unzureichendem Maße und keine wird wohl damit werben!

Ein besonderes Highlight war für uns vor allem auch der Abschnitt zum Thema Satire und Karikatur, der uns mal wieder an das Buch “How to live in a flat” erinnerte. Mit W. Heath Robinsons und K.R.G. Brownes großartigem Band wird ein grundlegender Zug der deutschen Karikatur von modernem Design und moderner Architektur aus den 1920er Jahren sehr deutlich. Im Mittelpunkt stand offenbar die augenscheinliche Exklusivität, die Anmaßung und vor allem die Arroganz der modernen Bewegung – die unfassbare Distanz zwischen den Sehnsüchten und der täglichen Realität der “normalen” Bevölkerung und der Welt der Moderne.

Das führt natürlich zurück zu unserem Zitat vom Anfang, in dem die Moderne als ein Stil bezeichnet wird, der für einen Großteil der Bevölkerung ungewohnt war und den die Mehrheit nicht anzunehmen bereit war.

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre satire Betrachtung der Karikaturen von modernem Design und moderner Architektur in “bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre”

“Es ist eher eine kleine Ausstellung”, ließen uns die Organisatoren vor unserer Ankunft wissen. Im Gegenteil – es ist eine ziemlich beträchtliche Ausstellung. In den letzten Jahren sind wir für sehr viel kleinere und weniger informative Ausstellungen sehr viel weiter gereist. Wie gesagt, die Ausstellung ist in Sachen Umfang und Anzahl der Ausstellungsstücke begrenzt, allerdings kann man ein solches Thema auch nur vollständig durchleuchten oder sich eben auf das Wesentliche beschränken. Und die Dessauer Meisterhäuser haben beim besten Willen nicht die Kapazitäten, um es mit der vollständigen Thematik aufzunehmen.

Wem sich also die Gelegenheit bietet, “Bewundert, verspottet, gehasst” vermittelt einen guten Eindruck von dem, was in einer größeren Ausstellung möglich wäre. Und ist einen Besuch definitiv wert.

“Bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre” ist im Meisterhaus Klee/Kandinsky, Ebertallee 69/71, 06846 Dessau-Rosslau bis zum Sonntag, den 18. Mai 2014 zu sehen.

Alle Informationen zur Ausstellung sind unter www.gropius-haus.de zu finden.

1.Die Bauwelt, 2. Dezember 1926

(smow) Blog kompakt: Meisterhausfest – Neue Meisterhäuser fürs Bauhaus Dessau

14. Mai 2014

Jeder, der mit uns schon einmal durch Potsdam spaziert ist, wird unsere Meinung zu originalgetreuen Nachbauten längst verschwundener Gebäude kennen. Aber auch wenn uns Entscheidungen wie die in Brandenburg geradezu deprimieren und wirklich verärgern, müssen wir wohl einsehen, dass sie häufig einfach getroffen werden müssen. So auch in Bezug auf die Meisterhäuser von László-Moholy-Nagy und Walter Gropius in Dessau.

Eineinhalb von vier geradezu identischen Gebäuden – von Gropius für das Lehrpersonal des Bauhaus Dessau entworfen – wurden während eines Alliiertenangriffs zerstört. Diese eineinhalb Gebäude waren früher die Behausungen von Walter Gropius und László Moholy-Nagy.

Ungefähr seitdem läuft die Debatte: Sollen die zerstörten Gebäude exakt rekonstruiert werden? Oder sollen sie nicht wiederaufgebaut werden und der Platz stattdessen für etwas anderes genutzt werden? Oder soll der Neubau lediglich eine Referenz zum Original darstellen? Die Stiftung Bauhaus Dessau entschied sich schließlich für Letzteres.

Die neuen Gebäude am Bauhaus Dessau werden am Wochenende vom 16. bis 18. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt und offiziell eröffnet.

Die neuen Häuser, entworfen vom Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez, basieren auf den Originalen und erinnern deutlich an diese. Sie sind allerdings keine exakten Repliken und im Falle der Gropius Villa wird auch jede Form einer verkitschten Hommage vermieden.

Absolut in der Bauhaustradition steht auch die Dauer der Festivitäten. So wie sich die Feier zur Eröffnung 1926 über das gesamte Wochenende hinzog, wird sich auch die für die neuen Meisterhäuser über mehrere Tage ziehen.

Die Feierlichkeiten beginnen am Mittwoch, den 14. Mai, mit der Eröffnung der Ausstellung “Dessau 1945: Moderne zerstört” in der Aula von Gropius’ Bauhaus Bau in Dessau. Durch die Arbeiten Henri Cartier-Bressons wird der zunächst langsame und schließlich recht schnell voranschreitende moralische und physische Untergang des Bauhauses Dessau während der Kriegsjahre dokumentiert.

Am Freitag, den 16. Mai, werden dann die neuen Häuser von Bundespräsident Gauck eröffnet und damit ein Wochenende voller Aktivitäten und Veranstaltungen in und um Dessau eingeleitet.

Ein besonderes Highlight verspricht eine Reihe von Diskussionen mit Nachfahren von prominenten Bauhäuslern am 17. Mai zu werden, darunter László Moholy-Nagys Tochter Hattula, Lyonel Feiningers Enkel Conrad und Monika Stadlers Tochter Gunta Stölzl. Auch die Party zu Walter Gropius’ 131. Geburtstag am Tag darauf gehört natürlich zu den Höhepunkten.

Außerdem bietet die Stiftung Bauhaus Dessau während des gesamten Wochenendes kostenlose Führungen durch die Bauhaus Meisterhäuser an.

Sämtliche Details sind unter www.bauhaus-dessau.de zu finden.

Meisterhausfest Bauhaus Dessau

Meisterhausfest - Neue Meisterhäuser in Dessau


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