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smow Blog Interview: Ansgar B. Heickmann, Auktionshaus Heickmann, Chemnitz … Oder, wie man einen Marcel Breuer Stuhl für 55.000 Euro versteigert

“Der Ausgangspunkt für den Stuhl war das Problem des bequemen Sitzens, vereinigt mit einfacher Konstruktion. Danach könnte man folgende Forderungen aufstellen:
a) Elastischer Sitz und Rücklehne, aber kein Polster, das schwer, teuer und staubfangend ist
b) Schrägstellung der Sitzfläche, weil so der Oberschenkel in seiner ganze Länge unterstützt ist, ohne gedrückt zu werden, wie bei einer waagerechten Sitzfläche
c) Schräge Stellung des Oberkörpers
d) Freilassung des Rückgrates, weil jeder Druck auf das Rückgrat unbequem und auch ungesund ist.”1

Die obige Beschreibung eines Stuhldesigns mag modern klingen und sie war auch modern, als sie 1925 von Marcel Breuer formuliert wurde.

Ausgehend von dieser Analyse der Anforderungen an einen komfortablen, modernen Stuhl realisierte Marcel Breuer seinen sogenannten Lattenstuhl als einen seiner ersten Stuhldesigns und wohl einen der wichtigsten für die Geschichte des Stuhldesigns.

Ursprünglich in der Tischlerwerkstatt am Bauhaus Weimar designt, ignorierte Breuers Lattenstuhl die konventionellen bautechnischen Prinzipien eines Stuhls und wählte stattdessen einen skelettartigen, skulpturalen Holzrahmen mit Stoffbespannung für Sitz und Rücken. Laut Breuer war das Konstruktionsprinzip, und somit die Form des Stuhls, definiert von der Statik, der Zugrichtung des Textils kombiniert mit der vom Sitzenden ausgeübten Druckrichtung, um dem Objekt seine Stabilität zu verleihen.

Fraglos beeinflusst von niederländischen Designs des früheren 20. Jahrhunderts, einschließlich solcher von Piet Klaarhamer und Gerrit T. Rietveld, war das gespannte Material bzw. das reduzierte Rahmenkonzept etwas, zu dem Breuer während seiner Karriere hin zurückkehren sollte. Vielleicht am erwähnenswertesten sind dabei seine Sitzmöbel für die Aula im Bauhaus Dessau, sein früher Freischwinger und sein B3 Wassily Chair von 1925. Letzterer ist im Kern der Lattenstuhl, bloß mit Lederbespannung und aus Stahlrohr. Und nicht nur Marcel Breuer sollte zu diesem Prinzip zurückkehren, 1958 machte die Aluminium Chair Kollektion von Charles und Ray Eames Gebrauch von dem gleichen Prinzip und muss als beeinflusst von Breuers Werk betrachtet werden.

Konzipiert im Rahmen des Versuchs vom Bauhaus Weimar, Möbelformen zu standardisieren, um die Produktion zu vereinfachen, wurde der Lattenstuhl zwischen 1922 und 1925 von der Weimarer Werkstatt in kleiner Serie produziert, wenngleich auch ohne jemals eine Form des kommerziellen Erfolges zu erzielen.2 Seine unkonventionelle Form, Konstruktion und der Materialmix entfremdeten ihn wohl zu sehr von den Kunden jener Zeit, die in keiner Weise so avantgardistisch wie die Bauhäusler waren.

Ein Mangel an Käufern damals bedeutet nicht unbedingt ein Mangel an Käufern heute, ebenso wenig spiegelt der Geschmack des frühen 21. Jahrhunderts den des frühen 20. Jahrhunderts wider. Und so wurde im November 2015 ein Marcel Breuer Lattenstuhl von 1924 für 55.000 Euro versteigert – der höchste Preis, den ein solches Objekt jemals in Europa erzielt hat. Und die Versteigerung fand nicht etwa in London, Mailand oder Paris, sondern in Chemnitz statt – beim Auktionshaus Heickmann.

1993 mehr oder weniger als Ein-Mann-Unternehmen von Ansgar B. Heickmann gegründet, hat sich das Auktionshaus Heickmann während des letzten Vierteljahrhunderts kontinuierlich vergrößert und beschäftigt inzwischen ein Team von sieben Kunsthistorikern, die das Auktionsprogramm vorbereiten und entwickeln. Ursprünglich handelte es sich dabei um allgemeine Kunst- und Antiquitätenauktionen, inzwischen umfasst das Programm auch spezielle Verkäufe in Themenbereichen wie beispielsweise dem Design der Moderne oder der Erzgebirgischen Volkskunst.

Wir haben Ansgar B. Heickmann getroffen, um über das Los eines Auktionators in Chemnitz, das derzeitige Auktionsgeschäft und über den Verkauf eines Marcel Breuer Stuhls für 55.000 Euro zu sprechen. Angefangen haben wir allerdings mit der Frage, wie und warum man Auktionator wird?

Ansgar B. Heickmann: Das Versteigerungsgeschäft ist eine Leidenschaft! Ich habe als leitender Angestellter für ein großes Textilunternehmen gearbeitet, wusste aber immer, dass ich mein eigenes Geschäft gründen wollte, dass ich für meine eigenen Entscheidungen verantwortlich sein wollte. Ein Interesse für Kunst und Antiquitäten hatte ich seit meiner Jugend, zudem war ich regelmäßig auf Auktionen – es war also ein logischer Schritt den Sprung zu wagen und mein eigenes Auktionshaus zu gründen.

smow Blog: Aber warum dann ausgerechnet in Chemnitz?

Ansgar B. Heickmann: Entschieden habe ich mich 1992/93, also kurz nach der Wende. Ich hatte einen Freund, der ein Auktionshaus in Regensburg leitete und der schlug mir vor, es doch in den neuen Bundesländern zu probieren. Zu dieser Zeit lebte ich in Nürnberg und hätte pendeln müssen – also habe ich überlegt, welche ostdeutschen Städte in Frage kommen und da fiel die Wahl natürlich auf Leipzig und Dresden. Beide Städte hatten zu dieser Zeit allerdings Ableger größerer Auktionshäuser aus dem Westen und so entschied ich mich – im Rückblick ziemlich naiv – für Chemnitz. Zu dieser Zeit hatte Chemnitz 270.000 Einwohner, mit einem Umkreis von 50, 60 Kilometern waren es ungefähr eine Million. Da dachte ich mir, das müsste doch klappen.

smow Blog: Bilden diese 50, 60 Kilometer immer noch die Basis ihrer Kunden?

Ansgar B. Heickmann: Auf den ersten Auktionen hatten wir ein rein lokales Publikum, das sich allerdings langsam entwickelte. Nach fünf, sechs Jahren konnte man dann Autos aus Städten wie Mainz, München, Düsseldorf oder Hamburg an Auktionstagen auf dem Parkplatz sehen. Heute haben wir einen gesunden  Stamm an Kunden aus der Umgebung. Wir haben ca. hundert Sitzplätze in unserem Auktionsraum und der ist normalerweise voll. Die Mehrheit unseres Umsatzes machen wir allerdings online. Das zeigt, dass es heute weniger wichtig ist, wo man mit seinem Auktionshaus ansässig ist, sondern, dass einen die Leute kennen – dass bekannt ist, was man anbietet, dass man einen guten Ruf hat, und vor allem, dass einem die Kunden vertrauen. Die meisten der Fernbieter haben die Objekte, auf die sie bieten, vorher nie gesehen. Und sie bieten häufig hohe Summen. Die Bieter müssen einem also vertrauen können – sie müssen deinen Beschreibungen und Fotos vertrauen.

smow Blog: Mal abgesehen vom größeren Publikum, das Sie ansonsten vielleicht nicht erreicht hätten – inwiefern hat das Internet dem Auktionsgeschäft in den letzten zehn Jahren geholfen bzw. inwieweit hat es das Geschäft verändert?

Ansgar B. Heickmann: Die wichtigste Veränderung, die das Internet gebracht hat, sind die zahlreichen Auktionsplattformen, die zusammentragen, was derzeit angeboten wird, weil sie eine zunehmend dominante Position am Markt einnehmen. So wie viele Hoteliers unter der Dominanz der online Buchungsplattformen für Hotels und dem damit verbundenen Preisdruck leiden, so leiden viele Auktionshäuser, weil es für Kunden natürlich einfacher ist auf einer Plattform zu suchen, als 30, 40, 50 einzelne Auktionshäuser zu durchforsten – das kann einen Effekt darauf haben, was sich für Preise realisieren lassen. Allerdings muss man hinzufügen, dass es durch das Internet weniger wichtig geworden ist, wo sich die Kunden befinden. Zentraler Punkt unseres Geschäftes ist es nicht länger, wie früher, Kunden zu binden, sondern interessante Objekte von höchster Qualität für unsere Versteigerungen zu sichern. Was uns natürlich zurückbringt dazu, wie wichtig der Ruf eines Auktionshauses ist und welche Bedeutung der Umgang hat, den man mit seinen Verkäufern und Käufern pflegt.

smow Blog: Das ist ein wunderbarer Übergang zum Breuer Lattenstuhl! Wie ist es Ihnen gelungen, ein derart hochkarätiges, interessantes Objekt zu sichern? Was war der Hintergrund?

Ansgar B. Heickmann: Der Breuer Lattenstuhl kam von jemandem, der schon zuvor über uns Objekte verkauft hat, der Interesse an Bauhaus-Objekten hat, und Bauhaus-Objekte sammelt, ich wusste also, dass es sich um einen seriösen Verkäufer mit Erfahrungen auf dem Gebiet handelt. Er rief an und erwähnte gewissermaßen beiläufig, er habe einen Bauhaus-Stuhl von Marcel Breuer, eine frühe Arbeit – ob wir Interesse hätten. Wir hatten Interesse, und als er den Stuhl brachte, war ich von Anfang an sehr beeindruckt von der ausgezeichneten Qualität, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt die Authentizität noch nicht bestätigen konnten. Böse Zungen könnten behaupten, es handele sich nur um ein paar verleimte Latten. Im Grunde stimmt das sogar, nur ist der Stuhl auf geniale Art und Weise konstruiert, er ist auch funktional und bequem.

smow Blog: Soll das heißen, Sie haben auf dem Stuhl gesessen?

Ansgar B. Heickmann: Ja, ich war natürlich neugierig, wie sich das anfühlt. Der Stoff war nicht mehr original. Der Verkäufer hatte ihn sechs oder sieben Jahre zuvor auswechseln lassen, und den Stuhl auch benutzt. Nicht täglich, aber von Zeit zu Zeit hat er darin gesessen. Es handelte sich also nicht um ein Vitrinenstück, sondern um einen Stuhl, der auch benutzt wird. Da ergreift man natürlich die Gelegenheit, und ja man sitzt durchaus sehr bequem darin.

smow Blog: Wie Sie schon sagten, könnte man behaupten, es handele sich nur um ein paar zusammengeleimte Latten. Wie beweist man, dass es sich nicht um ein Objekt handelt, das jemand in seiner eigenen Werkstatt, sagen wir mal in den 1980er Jahren, selbst zusammengezimmert hat?

Ansgar B. Heickmann: Grundsätzlich gilt die Regel, dass man sich einem Objekt, das gut ein vier- oder fünfstelliges Ergebnis erzielen könnte, mit einer gesunden Portion Skepsis nähern sollte. Das Sicherstellen der Authentizität hängt dann mit sehr gründlichen Nachforschungen zusammen. Man spricht mit Museen, mit Spezialisten, nimmt Maße, geht historischen Quellen auf den Grund und versucht die Geschichte des Objektes so weit wie möglich zurückzuverfolgen. Beim Lattenstuhl konnte wir die Geschichte direkt und zweifelsfrei bis in die 1970er Jahre zurückverfolgen. Im Rahmen unserer Forschungen fanden wir keinerlei Beweise, keinerlei Hinweise darauf, das in früheren Perioden jemals Kopien angefertigt wurden. Außerdem war Breuer in dieser Hinsicht sehr achtsam und behielt solche Dinge gut unter Kontrolle. Als wir den Stuhl im Katalog platzierten, konnten wir also sicher sein, dass unsere Angaben Hand und Fuß haben.

smow Blog: Was das vier- bis fünfstellige Ergebnis anbelangt – dem Katalog zufolge gab es ein Mindestgebot von 2.800 Euro für den Lattenstuhl. Haben Sie es bewusst so niedrig angesetzt, weil Sie mit einem solch hohen Preis nicht gerechnet haben?

Ansgar B. Heickmann: Die Gretchenfrage im Auktionsgeschäft ist immer für welchen Preis man ein Objekt ansetzten darf. Man muss immer versuchen, einen Preis zu finden, der, wie im Fall des Lattenstuhls, die Spreu vom Weizen trennt. Der Preis muss hoch genug sein, um potentielle Bieter nachdenklich zu stimmen, ohne aber seriöse Bieter abzuschrecken. Jeder, der den Stuhl kennt, der sich mit Breuers Arbeiten auf Auktionen auskennt, weiß, dass ein solcher Preis sehr niedrig ist und dass der Zuschlag am Ende sehr viel höher ausfallen wird; allerdings hofft man, der Konkurrenz könnte das Angebot entgangen sein und man könne so ein Schnäppchen machen.

smow Blog: Gab es sofort Interesse nach Bekanntgabe der Versteigerung?

Ansgar B. Heickmann: Wenn man einen solchen Verkauf ankündigt, wird schnell von einer normalerweise recht kleinen Gruppe von Individuen Interesse bekundet – diese geben sich als “interessiert” zu Erkennen. Wichtiger ist hingegen, was im Hintergrund geschieht – eine Maschine springt an: Händler, Sammler, Museen beginnen sich auszutauschen, versuchen herauszufinden, von wo das Objekt kommt, wer was darüber weiß. War es beispielsweise in jüngerer Zeit schon einmal auf dem Markt? Wurde es anderen Leuten angeboten? Bei diesem Stuhl gab es nichts. Er kam von einem Privatbesitzer, war zum ersten Mal auf dem Markt. Das haben die Sammler, Händler und Museen schnell realisiert, die Möglichkeit ergriffen und dann geboten.

smow Blog: Das haben sie ganz offensichtlich, wie haben Sie die Versteigerung erlebt?

Ansgar B. Heickmann: Die Gebote wurden ausschließlich am Telefon entgegengenommen. Bei einem solchen Objekt erhält man nicht viele Höchstgebote im Voraus. Niemand will die Karten gleich auf den Tisch legen, und auch wenn der Auktionsraum voll war, hat niemand im Raum geboten, es lief alles übers Telefon. Bis 25.000, 30.000 waren noch viele Bieter dabei. Es war keine große Überraschung, dass wir bei einem solchen Preis angekommen waren. Ab 30.000 wurde die Luft etwas dünner, aber die goldene Regel des Auktionsgeschäftes ist, dass es nicht mehr als zwei Bieter braucht. Wir hatten genau diese beiden, und am Ende erhielt ein deutscher Bieter den Zuschlag bei 55.000.

smow Blog: Können Sie sich erklären warum ein augenscheinlich derart unspektakulärer Stuhl einen derart spektakulären Preis erzielen kann?

Ansgar B. Heickmann: Der Stuhl war Breuers erster Entwurf. Später waren seine Stahlrohrmöbel einfach interessanter und wichtiger für ihn, sodass er dem Lattenstuhl niemals die Bedeutung zumaß, die er verdient hätte. In Folge dessen beschloss Breuer, dass der Lattenstuhl nicht kommerziell produziert werden sollte. Sofern wie feststellen konnten, produzierte er selbst nur um die 100 Exemplare. Eine sehr kleine Serie also, und nach 90 Jahren, Kriegen und politischen Regimen, die wir während dieser Jahrzehnte durchgestanden haben, ist es kein Wunder, dass es nicht mehr viele, intakte Exemplare gibt.

smow Blog: Wir müssen es einfach fragen. Wenn ein Stuhl 55.000 Euro kostet, ist er dann immer noch ein Möbelstück oder verwandelt er sich in etwas anderes?

Ansgar B. Heickmann: Ja, er ist immer noch ein Stuhl, nur eben ein sehr gefragter.

smow Blog: Ohne Frage, aber was rechtfertigt einen solchen Preis?

Ansgar B. Heickmann: Erst einmal muss man sagen, dass der Endpreis ja noch um einiges höher lag als 55.000 – das ist der Zuschlagspreis. Hinzu kommen unsere Gebühren und Steuern, sodass der letztendliche Rechnungsbetrag bei etwas über 67.000 Euro lag. Für dieses Geld könnte man sich einen High End BMW oder Mercedes kaufen. Aber wie wir alle wissen, kaum nimmt man ein solches Auto entgegen, verliert es immens an Wert. Oder um bei den Möbeln zu bleiben: investiert man in ein Sofa von allerhöchster Qualität, kann man problemlos 15.000 Euro ausgeben oder mehr, und hat etwas Neues, das allerdings konstant an Wert verliert. Der Breuer Stuhl hat die Periode des Wertverlustes hinter sich. Er ist sehr selten und äußerst begehrt. Der neue Besitzer kann sich also nicht nur sicher sein, dass er seine Investition zu einem späteren Zeitpunkt zurückbekommt, er kann auch noch mit einem Gewinn rechnen.

smow Blog: Aber überrascht Sie dieser Preis?

Ansgar B. Heickmann: Mit unseren Nachforschungen im Hintergrund hatten wir eine Idee davon, welche Sorte Preis möglich sein würde und ich wäre ehrlich enttäuscht gewesen, hätte der Zuschlag unter 20.000 gelegen. Dass er schließlich so weit über die 20.000 gestiegen ist, war eine große Genugtuung. Es war klar, dass wir unsere Arbeit gut gemacht haben, dass wir das richtige Interesse wecken konnten und den richtigen Markt für das Objekt gefunden haben. Ich war also sehr glücklich über das Resultat.

smow Blog: Noch kurz zum Ende, der Stuhl gehörte nach 25 Jahren zu Ihrer hundertsten Auktion in Chemnitz. Fühlen Sie sich wohl hier? War die ursprünglich naive Entscheidung für Chemnitz am Ende die Richtige?

Ansgar B. Heickmann: Absolut, wir fühlen uns hier sehr wohl. Wir sind zusammen mit unseren Kunden und Partnern gewachsen – haben uns gemeinsam entwickelt. Man nimmt uns in der Region wahr, die Leute vertrauen uns ihre Objekte an, kommen zu unseren Verkäufen und folgen den Auktionen mit Interesse. Das ist wichtig fürs Geschäft, denn Auktionen ohne ein echtes Publikum sind eine schreckliche Vorstellung – so ginge die einzigartige Atmosphäre, die Spannung verloren, die eine solche Öffentlichkeit der Auktion verleiht, und die eine Auktion zu dem macht, was sie ist. Die Zeit mag kommen, aber momentan sind wir sehr dankbar, dass wir hier in Chemnitz noch ein Publikum haben, das solche Ereignisse wie den Verkauf des Breuer Lattenstuhls genießen kann.

Weitere Informationen zum Auktionshaus Heickmann sind unter www.heickmann.eu zu finden.

Die nächste Auktion im Auktionshaus Heickmann umfasst Kunst, Antiquitäten und Moderne Kunst nach 1945 und  findet am 19. März statt

1. Marcel Breuer, “Die Möbelabteilung des Staatlichen Bauhauses zu Weimar”, Fachblatt für Holzarbeiter, Berlin, Januar 1925

2. Magdalena Droste und Manfred Ludewig, Marcel Breuer: Design, Taschen, Köln, 1994

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung  HEICKMANN KG, Chemnitz)

“Böse Zungen könnten behaupten, es handele sich nur um ein paar verleimte Latten.” Der Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung  HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung  HEICKMANN KG, Chemnitz)

Lattenstuhl von Marcel Breuer, 1924 (Foto ©/mit freundlicher Genehmigung HEICKMANN KG, Chemnitz)

smow Blog 2015. Ein Rückblick in Bildern: September

Das Ende der Sommerpause markiert im Designbereich traditioneller Weise die Eröffnung der Winterausstellung des Vitra Design Museums – im Jahr 2015/16 ist das die fulminante Ausstellung “Das Bauhaus #allesistdesign”.

Ansonsten sprachen wir mit Margret Hoppe über das Fotografieren von Le Corbusier, über die Herausforderungen für junge Designer in Berlin mit Gunnar Soren Petersen, und mit Pepe Heykoop darüber, welche Rolle Design für sozialen Wandel spielen kann. Zudem waren wir ganz besessen von einem Stahlpferdchen aus Prag.

Vitra Design Museum: The BauVitra Design Museum: The Bauhaus #itsalldesignhaus #itsalldesign

Vitra Design Museum: Das Bauhaus #allesistdesign

snak by Gunnar Søren Petersen (Photo © Alex Kueper)

snak von Gunnar Søren Petersen

Tendence Frankfurt 2015: Flechtgestaltung - Diana Stegmann

Tendence Frankfurt 2015: Flechtgestaltung – Diana Stegmann

Margret Hoppe Le Corbusier Couvent de Saint Marie de La Tourette

Couvent de Saint-Marie de La Tourette I, Eveux, 2013 C-Print hinter Acrylglas 140 x 170 cm (Foto © Margret Hoppe, VG Bildkunst Bonn)

Pepe Heykoop for Tiny Miracles Foundation

Pepe Heykoop für Tiny Miracles – es ist erstaunlich zu sehen, was man mit wenig mehr als einem Stück Papier erreichen kann.

Tendence Frankfurt 2015 Jakub Gurecký Horse

Tendence Frankfurt 2015: Jakub Gurecký Pferd

smow Blog Interview: Walter Schnepel, Tecnolumen – Es ist diese Reduktion einer Lampe auf ihre grundlegenden Elemente, die mich an der Wilhelm Wagenfeld Lampe am meisten fasziniert

Die WA 24 Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld ist ohne Frage eines der am schnellsten zu erkennenden Objekte des Bauhausdesigns, häufig wird von ihr sogar nur als die “Bauhauslampe” gesprochen. 1923 von Wilhelm Wagenfeld entworfen, folgte der WA 24 schnell eine Reihe von Variationen des Themas, die jedoch alle die reduzierte Anmut und unkomplizierte funktionale Eleganz des Originals beibehielten: Charakteristika, die neben der Wagenfeld Lampe auch dem Bauhaus selbst zugeschrieben werden können.

Ungeachtet jedoch der unerschütterlichen Einheit, die zwischen der Wagenfeld Lampe, dem Bauhaus und den Idealen des Bauhausdesigns existiert, war die WA 24 beinahe kaum mehr als eine historische Fußnote. Dass wir sie heute haben, und dass wir an all ihrer unangestrengten Pracht Gefallen finden können, ist einer wunderbaren Wendung des Schicksals und einem sehr direkten Satz zu verdanken.

1976 stöberte der Bremer Geschäftsmann und Kunstsammler Walter Schnepel durch ein Archiv in Worpswede, als er über einige frühe, unbekannte Holzschnitte eines gewissen Wilhelm Wagenfeld stolperte. Informiert über Wagenfeld als Industriedesigner, beeindruckt von den Holzschnitten und begierig, mehr zu erfahren, kontaktierte Walter Schnepel Wagenfeld und besuchte ihn schließlich in Stuttgart – primär, um mehr über Wagenfeld als Künstler herauszufinden. Dieser Besuch wurde der Erste von vielen. Darunter war auch einer, bei dem sich die Konversation um eine Lampe drehte, die Wagenfeld in seinen frühen Jahren am Bauhaus entworfen hatte und die in der gesamten einschlägigen Bauhausliteratur abgebildet war, und bei dem Walter Schnepel fragte: “Warum produziert nicht irgendjemand diese Lampe?”

“Dann machen Sie es doch!”, antwortete Wagenfeld.

Der Rest ist Geschichte …

Um ein bisschen mehr über die Entwicklung der Wagenfeld Lampe, Probleme mit Kopien und die Relevanz des Bauhauses für das zeitgenössische Design zu erfahren, haben wir mit Walter Schnepel gesprochen und mit der Frage begonnen, worin für ihn der Reiz der Wagenfeld Lampe besteht.

Walter Schnepel: Ich denke, es ist diese Reduktion einer Lampe auf ihre grundlegenden Elemente, die mich an diesem Objekt am meisten fasziniert; die einzige andere Lampe, die das vermag, ist in meinen Augen die Stehlampe von Gyula Pap, der sogar noch weiterging und die Lampe bis auf die Glühbirne reduzierte – es ist dieser symbolische Charakter, der mich wohl am meisten an der Wagenfeld Lampe begeistert.

smow Blog: Wilhelm Wagenfeld ist als Industriedesigner gut bekannt und auch dafür, dass er für Partner aus der Industrie Lampen entworfen hat – hat er Ihnen jemals einen Hinweis gegeben, warum ausgerechnet diese Lampe nie in Produktion gegangen ist? Hat er versucht, einen Hersteller zu finden?

Walter Schnepel: Sie wurde in einer kleinen Auflage bis in die 1920er Jahre produziert, was jedoch vom Krieg unterbrochen wurde. Später hielt Wagenfeld seine frühen Arbeiten für nicht so wichtig, er war vielmehr auf seine aktuellen Projekte fokussiert und Objekte wie die Lampe waren für ihn einfach etwas, was er früher geschaffen hatte. Und so war es vielleicht unsere Diskussion über die Lampe, die sein Interesse daran neu geweckt hat.

smow Blog: Und dann, faktisch von Wilhelm Wagenfeld mit intendiert, die Lampe herzustellen, war die folgende Entwicklung ein so reibungsloser Vorgang, wie man es sich nur wünschen kann?

Walter Schnepel: Zu Beginn war es sehr mühsam! Auf der einen Seite war es das erste Mal, dass irgendjemand von uns eine Lampe herstellte, dann hatten wir Probleme mit unzuverlässigen Lieferanten, und als endlich alles fertig war, wollten die deutschen Möbelhändler die Lampe nicht verkaufen – und so mussten wir sie selbst vermarkten und vertreiben, was eigentlich nicht Teil unseres ursprünglichen Plans war. Der Umfang der ersten Produktion betrug 250 Lampen und wir setzten wohlweislich den Preis so an, dass wir, sollten wir alle 250 Stück verkaufen, die 100.000 DM zurückbekämen, die wir in das Projekt investiert hatten. Anfangs war der Plan, nur diese 250 zu produzieren, die jedoch innerhalb von drei Wochen ausverkauft waren, was Wilhelm Wagenfeld, und natürlich auch mich, sehr freute. Und so, weil es so ein positiver Erfolg war und ich besser verstand, wie der Markt lief – und vor allem wusste, was man nicht tun sollte -, entschieden wir, mehr zu produzieren. Und wir produzieren sie immer noch.

smow Blog: Und nicht nur die Wagenfeld Lampe, sondern auch andere Bauhauslampen – wie sind die weiteren Kooperationen entstanden?

Walter Schnepel: Wir haben mit der Version der Wagenfeld Lampe mit dem Metallfuß begonnen, welche der älteste Entwurf ist; als nächstes kam die Version mit dem Glasfuß und dann war es ein logischer Vorgang, zu schauen, welche anderen Lampen von Interesse wären. Gyula Pap war der erste und naheliegendste. Ich besuchte ihn in Budapest und begann dann allmählich, auch mit den anderen ehemaligen Bauhäuslern, an denen ich interessiert war, Kontakt aufzunehmen – etwas, das mit Marianne Brandt sehr schwierig war. Sie lebte in Ostdeutschland und demzufolge konnten wir nur indirekt kommunizieren, über Vermittler. Trotzdem sicherte ich über solche Umwege die Rechte an ihren Arbeiten und versprach, Beispiele der fertigen Lampen an ausgewählte Museen in Ostdeutschland zu senden, sobald sie verfügbar wären (etwas, das wieder nur indirekt möglich war, wir konnten sie nicht einfach dorthin schicken).

smow Blog: Sie haben die Lampen in Einzelteilen über verschiedene Personen verschickt, oder?

Walter Schnepel: Praktisch ja. Einem Mitarbeiter des Museums wurde ein Stück geschickt, seinem Kollegen ein anderes und schließlich wurde die komplette Lampe im Museum zusammengesetzt. Vollkommen unvorstellbar heutzutage, aber damals die einzige Möglichkeit.

smow Blog: Zurück zur Wagenfeld Lampe, die in den 1920er Jahren entworfen wurde und serienmäßig 1980 in Produktion ging: Inwieweit waren Veränderungen gefragt, oder konnten Sie Wagenfelds Design 1:1 übernehmen?

Walter Schnepel: Wir mussten technische Veränderungen vornehmen. Wir konnten weitestgehend die Dimensionen des Originals übernehmen, aber technologische Veränderungen bedeuteten, dass wir zum Beispiel andere Typen von Kabeln oder Fassungen nutzen mussten.

smow Blog: Und wie war die Zusammenarbeit mit Wilhelm Wagenfeld während dieses Prozesses, wie haben Sie ihn als Partner erlebt?

Walter Schnepel: Ich musste ihm jede neue Variation oder Adaption vorlegen, er inspizierte sie und genehmigte sie oder nicht. Er war sehr genau, aber der Prozess funktionierte sehr gut und die Zusammenarbeit lief reibungslos.

smow Blog: Man kann nicht über die Wagenfeld Lampe sprechen, ohne über die Kopien zu sprechen. Gab es die von Anfang an?

Walter Schnepel: Für die ersten fünf oder sechs Jahre hatten wir unsere Ruhe, und dann fing es an und hat seitdem nicht aufgehört.

smow Blog: Was die Frage aufwirft, warum es nicht aufgehört hat – ist das nicht etwas, das man gesetzlich unterdrücken kann?

Walter Schnepel: Die größten Probleme, die wir haben, sind auf der einen Seite die verschiedenen gesetzlichen Situationen. In Ländern wie England zum Beispiel gibt es keinen wirklichen Urheberschutz; aber sogar wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen, erhalten wir nicht immer die Unterstützung von den staatlichen Autoritäten, die wir bräuchten. Es gibt Länder wie die Schweiz oder die Niederlande, wo alles gut funktioniert, aber dann gibt es Länder wie Frankreich, wo es kompliziert ist, oder Italien, wo es sieben Jahre dauern kann, auch nur einen Gerichtstermin zu bekommen – und sogar, wenn das Gericht in deinem Sinne entscheidet, muss das nichts bedeuten. Es ist schwierig, aber wir bleiben so engagiert wie eh und je und unsere Rechtsanwälte bleiben beschäftigt.
Zusätzlich versuchen wir kontinuierlich, die Verbraucher über die Qualitätsvorteile des Originals zu unterrichten und über all die Sicherheitsaspekte; viele Kopien, die wir sehen, sind extrem gefährlich, wir sprechen über ein elektrisches Gerät, also nicht unbedingt etwas, wobei man Risiken eingehen sollte.

smow Blog: Zum Ende: Sie sind klar überzeugt von der anhaltenden Bedeutung des Bauhauses, aber denken Sie, junge Designer von heute können vom Bauhaus lernen, ist das Bauhaus immer noch relevant?

Walter Schnepel: Wenn Sie sich zum Beispiel die Kunst anschauen, gibt es dort immer Bewegungen, die einen ausschlaggebenden Bruch darstellen, und dann gibt es andere Bewegungen, die einfach eine indirekte Wiederholung dessen sind, was davor war. Der Expressionismus, beispielsweise, findet eine indirekte Wiederholung im Tachismus, aber es gibt Momente, die maßgebliche Veränderungen bedeuten – für mich sind das Duchamp und Magritte. Mit dem Design ist es ähnlich. Meines Erachtens ist das Verständnis, dass Form Funktion folgt, der Bruch, den das Bauhaus schuf und in dem die zentrale Bedeutung und Relevanz des Bauhauses besteht. Es brachte dem Bauhaus das Design und prägte folgende Designs. Im Grunde ist und war die ganze Designwelt tief beeinflusst von dem, was das Bauhaus lehrte.

WA 24 Bauhaus Lamp by Wilhelm Wagenfeld Tecnolumen

WA 24 “Bauhaus Lampe” von Wilhelm Wagenfeld für Tecnolumen

Vitra Design Museum: Das Bauhaus #allesistdesign

Eines der größten Probleme des Modernismus ist der Name.

Er war zweifelsohne modern. Weshalb er auch als “Modernismus” bekannt wurde.

Allerdings, nachdem er dann Modernismus war, blieb er Modernismus und in der Konsequenz bedeutet “Modernismus” nun etwas Statisches.

Und nicht etwas, nun ja, Modernes.

Nirgends ist dieses Problem besser sichtbar als in den Diskussionen rund um das Bauhaus.

1919 in Weimar gegründet, wurde das Bauhaus zu etwas, das eine zentrale Rolle in der Formung jener Vorstellungen von Kunst, Architektur und Design spielte, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überschwemmten. Und spielte damit auch eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Modernismus.

Aufgrund dessen wird das Bauhaus von vielen als eine historische Institution gesehen. Eine Institution, die damals interessante Sachen veranstaltete, von denen wir jetzt schöne Dinge zum Anschauen haben, aber ansonsten…

Au contraire! schreit nun das Vitra Design Museum, Bauhaus ist ebenso relevant wie eh und je! Eine Behauptung, die derzeit in ihrer neuen Ausstellung Das Bauhaus #allesistdesign präsentiert wird.

Vitra Design Museum The Bauhaus #allesistdesign

Vitra Design Museum: Das Bauhaus #allesistdesign

“Viele zeitgemäße Themen des Designs waren auch am Bauhaus schon relevant” argumentiert der Chefkurator des Vitra Design Museums, Mateo Kries, “soziales Design, neue Technologien, wer ist der Autor eines Designs, die Beziehung zwischen Kunst und Design, zwischen Industrie und Handwerkszünften, solche fundamentalen Fragen wurden am Bauhaus gestellt und bestimmen weiterhin den Design-Diskurs in der heutigen Zeit.”

Das Bauhaus #allesistdesign erklärt, wie Bauhaus diese Probleme anging, während gleichzeitig nicht nur herausgearbeitet werden soll, inwiefern Bauhaus immer noch relevant ist, sondern auch wie weit die Ansichten, die in Weimar und Dessau verbreitet wurden, kreative Geister der heutigen Zeit immer noch inspirieren und motivieren.

Die Ausstellung startet jedoch auf sehr klassische Weise, mit einem Blick auf den politischen und sozialen Kontext, in dem das Bauhaus entstand und einer Präsentation von Beispielen der Designarbeiten, die zur Erschaffung der Bauhaus-Legende beitrugen. Wie wir in unserem Post über die Ausstellung bewundert, verspottet, gehasst – Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre festhielten, waren das Bauhaus und seine Lehren zu ihrer Zeit nicht allseits beliebt. Viele verstanden es einfach nicht. Oder mochten es einfach nicht. Die Industrie jedoch schon und viele freuten sich, mit den mutigen jungen Dingern und deren mutigen jungen Ideen zusammenzuarbeiten. Die Bauhaus-Tapetendesigns boten nicht nur den Gebrüdern Rasch eine annehmliche Marktnische, sondern auch Industriekonzerne der Zeit wie der Leuchtenhersteller Kandem oder das Möbelunternehmen Thonet arbeiteten eng mit Bauhaus-Designern zusammen; Kooperationen, die häufig in der Realisation neuer Produktionskonzepte und Methoden, aber auch in neuen Produktlinien fruchteten. Und während es die Produkte und die Architektur waren, die die Basis der berühmten Bauhaus-Legende formten, war es die Herangehensweise an das Design, an Probleme, an die Produktion und die zugrunde liegende Bauhaus-Philosophie, die das Bauhaus von dem trennte, was davor kam. Laut der Kuratorin der Ausstellung, Jolanthe Kugler, ist und war einer der Gründe für den Titel der Ausstellung der Fakt, dass die Bauhaus-Philosophie im Endeffekt alles zu Design machte und alle Künste und Handwerke unter einem einheitlichen Banner vereinte. Am Bauhaus #warallesdesign.

Und doch ist es ironischerweise gerade dieses einheitliche Banner, das dazu beitrug, aus “Design” den verwirrten, fast wertlosen Ausdruck zu machen, der er heute ist. Oder zumindest hat das allgemeine Verständnis von #allesistdesign dazu beigetragen, die Linie zwischen Design und Styling, gut und schlecht, nützlich und verschwenderisch, notwendig und unnötigem Mist zu verwischen.

Alles ist Design. Die Bauhaus-Legende wird zum Bauhaus-Klischee. Alles ist Bauhaus, selbst wenn es das offensichtlich nicht ist, oder wie Jolanthe Kugler es prägnant beschreibt: “Das Wort Bauhaus hat sich zu einem Stempel entwickelt, der einfach allem aufgedrückt werden kann und dann ist alles perfekt.”

Wir kennen alle den “Stuhl im Bauhaus-Stil”, das “Haus im Bauhaus-Stil”, die “Lampe im Bauhaus-Stil”, den “Hosenbügler im Bauhaus-Stil”, die “Uhr im Bauhaus-Stil”, die “Textilien im Bauhaus-Stil”.

Solche Objekte bilden das gängige Image des Bauhaus, die Eigenschaften, die dem Bauhaus üblicherweise zugeordnet werden. Und doch haben sie ausnahmslos nichts mit dem zu tun, was das Bauhaus erreichen wollte. Oder wie das Bauhaus sich selbst verstand. Und der einzige Weg, mit dem das Bauhaus die Kontrolle über sein gängiges Image vielleicht zurückgewinnen kann und damit auch seine zeitgenössische Relevanz, ist sein wahres Selbst zu zeigen.

Und das ist genau das, worum sich das Vitra Design Museum im dritten und vierten Teil der Ausstellung bemüht.

Und etwas, das sie nach unserem Dafürhalten am erfolgreichsten durch die “Foto”-Serie “Space for Everyone” von Adrian Sauer erreichen, in der historische Fotos von Bauhaus-Einrichtungen manuell “eingefärbt” wurden – eine Herangehensweise, die sehr gut funktioniert, weil sie das Bauhaus in seiner bunten Pracht zeigt und nicht in dem schwarz-weiß, das sonst die allgemeine Sicht des Bauhaus prägt. Es klingt trivial, aber durch die zusätzliche Farbe sieht das Bauhaus anders aus. Fast normal. Auf jeden Fall weniger einschüchternd. Es fängt sogar irgendwie an, anders zu riechen. Und das ist genau das, was das Bauhaus braucht, eine Spur von Realität zwischen den Legenden, Klischees und dem geistlosen Marketing.

Studenten schrieben sich am Bauhaus ein, bezahlten ihre Gebühren, flogen raus, hatten Affairen, stritten mit Tutoren, schummelten in Prüfungen, hatten brillante Ideen, hatten weniger brillante Ideen, machten ihren Abschluss, zogen weg, wurden erwachsen, lebten ihr Leben.

Hunderte von Studenten und Lehrkräften gingen durch die Türen in Weimar und Dessau – und wären ohne Zweifel auch durch die Türen Berlins gegangen, wenn die Behörden sie nicht verschlossen hätten – und trotz der Jahre des Erfolgs können die meisten Menschen bestenfalls 6 Bauhäusler benennen. Die, die ein bisschen besser informiert sind, kennen vielleicht bis zu 20. Um mehr als 20 zu kennen, muss man dort gewesen sein.

Die Tatsache, dass #allesistdesign Arbeiten von Ilse Bettenheim-Hoernecke, Roman Clemens, Otto Lindig oder ihresgleichen neben den Wagenfelds, Breuers, oder Bayers dieser Welt präsentiert, ist nicht selbsterklärend, sondern eher eine bewusste Entscheidung der Organisatoren, basierend auf dem Wunsch, das allgemeine Verständnis davon, was Bauhaus war und was es erreicht hat, zu erweitern. Zweifellos werden solche “neuen” Namen nicht in einer Tiefe präsentiert, die ausreichen würde, um sich eine Meinung über die ganzheitliche Qualität ihres individuellen Kanons bilden zu können, aber ihre Präsenz in Verbindung mit einer großen Zahl unbekannterer und seltener gesehener Arbeiten der etablierten Namen ist wichtig für die Vollendung der Bauhaus-Geschichte. Oder zumindest dabei, es zu versuchen, zu versuchen, eine neue Ansicht auf die Bauhaus-Geschichte zu finden.

Etwas, das sehr wichtig ist, da sich die Institution ihrem hundertsten Geburtstag nähert.

Der letzte Teil von #allesistdesign deckt Themenbereiche wie Typographie, Fotografie oder Kommunikation ab. Letzteres erlaubt es uns, die Frage zu stellen, die uns seit der Ankündigung der Ausstellung beschäftigt. Hätte Walter Gropius der Hashtag gefallen? “Ja, auf jeden Fall”, antwortet Jolanthe Kugler ohne zu zögern, “weil Gropius sehr gut darin war, jedes Mittel der zeitgemäßen Kommunikation zu nutzen, um seine Vorstellungen zu verbreiten. Genauso sehen wir auch diese Ausstellung nicht als endgültige, abgeschlossene Position, sondern sie sollte eher als Anfang einer Diskussion gesehen werden und wo führt man Diskussionen heute? In den sozialen Medien. Und so soll der Hashtag für uns unterstreichen, dass wir bewusst auf eine Diskussion aus sind”.

Vitra Design Museum The Bauhaus #allesistdesign Bauhaus Glossray

Ein Bauhaus Glossar, präsentiert als Teil von Das Bauhaus #allesistdesign im Vitra Design Museum

Als gut präsentierte, unterhaltsame und informative Ausstellung bietet #allesistdesign einen guten Überblick über und eine Vorstellung von Bauhaus, inklusive eines verständlichen Glossars, für all jene, die mit der einen oder anderen Begrifflichkeit oder Verbindung Schwierigkeiten haben und durch die neuen, frischen Einblicke fügt sie den Diskussionen ums Bauhaus eine dringend benötigte Dosis Realität bei. Nicht zuletzt erinnert uns #allesistdesign daran, dass das Bauhaus in und auch abseits seiner Zeit existierte, dass daran echte Menschen beteiligt waren, die die echten Herausforderungen echter Situationen in deren wirklicher Welt ansprachen. Es ging nicht darum, einen Stil zu kreieren.

Aber gelingt es #allesistdesign tatsächlich, neue Eindrücke des Bauhaus zu präsentieren, die erklären, warum es immer noch zeitgemäß und immer noch relevant ist?

Annähernd.

Im Zusammenhang mit zeitgemäßem Design sprachen wir kürzlich mit einem Kurator, der sich beklagte, man habe heutzutage seine “Stardesigner” und hinter ihnen anscheinend eine Wüste. Bauhaus ist allgemeinhin dafür bekannt, da nicht anders zu sein, #allesistdesign erinnert uns daran, dass es aber doch anders war, dass die 6 Bauhäusler, die man kennt und  die 8 Bauhaus-Objekte, die man mal gesehen hat, womöglich nicht repräsentativ für eine Institution sind, die über 14 Jahre an drei verschiedenen Orten existierte – und dass die Situation heute, wenn man es mal hochrechnet, vielleicht auch anders ist, wenn man sich traut, über die Sicherheit der wenigen Namen, die man kennt, hinauszublicken.

Ebenso erinnert uns #allesistdesign daran, dass das Bauhaus genauso eine soziale und ökonomische Antwort auf die Umstände der Zeit war, wie es auch eine kreative Bewegung war, dass die entstandenen Objekte aus bestimmten Gründen entstanden, in einem bestimmten Kontext und auf der Basis einer wohlüberlegten theoretischen Grundlage. Und auch auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen, es ging beim Bauhaus nicht darum, einen Stil zu kreieren, oder wie uns Michele De Lucchi im Zusammenhang mit dieser anderen regelmäßig missverstandenen Bewegung Memphis sagte: “Ich glaube, Memphis wird heute mehr als ein Stil wahrgenommen, aber zu der Zeit wollten wir keinen Stil entwickeln, sondern Türen einbrechen und unsere Vorstellungen befreien, um neue Möglichkeiten zu finden“. Trotz der postmodernen Ansprüche, die Memphis hatte, waren deren wesentliche Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft der 1980er ähnlich zu denen, die Gropius und andere mit den 1920ern hatten.

All das sollte Besucher dazu anregen, sich selbst ein paar Fragen zu stellen in Bezug auf die heutige Gesellschaft, heutigen Handel, heutige Einrichtungen, heutige Möbel und ob, ganz ehrlich, #allesdesignist?

Das funktioniert alles sehr gut; was weniger gut funktioniert, ist die Gegenüberstellung von zeitgenössischen Objekten und Bauhaus-Arbeiten, oder besser gesagt, was stellenweise, aber nicht vollkommen überzeugend funktioniert, ist die Gegenüberstellung von zeitgenössischen Objekten und Bauhaus-Arbeiten. In die Ausstellung eingeflochten wie ein goldener Faden, ohne Zweifel darauf abzielend, den Besucher zu einem Moment der Aufklärung zu führen, hat das Konzept durchaus gute Momente: Die vielen ausgestellten Open Design Projekte erinnern uns an das Interesse des Bauhaus an neuen Materialien, neuen Produktionsmethoden und den Mut zu akzeptieren, dass das zu neuen, unbekannten Formensprachen führen könnte; ebenso erinnert der Vergleich von Arbeiten des MIRO Studios aus Hong Kong mit Herbert Bayers Grafik- und Ausstellungsarbeiten an die sehr wichtige Rolle, die die Bauhaus-Workshops in der Entwicklung moderner Vorstellungen von grafischem Design und Werbung gespielt haben. Andere Ansätze funktionieren weniger gut. Dass Konstantin Grcic einen Stuhl designte, der ein bisschen so aussieht, als könnte er möglicherweise 1926 in Dessau entstanden sein, scheint nicht relevant oder auch besonders überraschend zu sein für jemanden, der mit seinen eher kommerziellen Arbeiten etwas besser vertraut ist, und er unterstreicht außerdem eher das Bauhaus-Klischee, als vielmehr die zeitgemäße Relevanz des Bauhaus. Genauso der Fakt, dass Hugo Boss Textilien mit Mustern im Bauhaus-Stil entworfen hat, nun ja…siehe oben…

Was keine Kritik an den Arbeiten als solche ist, nur an der Entscheidung, sie in die Ausstellung zu integrieren und vor allem an der Art, wie sie oft die Absichten der Ausstellung parodieren und damit die sehr gute Arbeit, die an anderer Stelle getan wird, untergraben.

Brechstangen sind ein essentieller Teil der Waffen eines jeden Kurators, sie sollten jedoch immer schonend eingesetzt werden.

Sehr viel überzeugender ist dagegen die Raumaufteilung. Auf der Eröffnung seiner Ausstellung Panorama äußerte sich Konstantin Grcic über die “herausfordernden” Räumlichkeiten im Gehry Gebäude. Für #allesistdesign hat das Vitra Design Museum diese Herausforderung etwas reduziert, indem zusätzliche Wände eingefügt wurden, die neue, überschaubarere Räume und damit auch neue Ausstellungsmöglichkeiten kreieren. Wir haben keine Ahnung, was Frank Gehry sagen würde, wir vermuten, er würde es hassen, oder vielmehr hoffen wir das, aber wir finden, dass das Konzept im Kontext von #allesistdesign perfekt funktioniert und die Ausstellung sehr viel unterhaltsamer macht, als es andernfalls der Fall gewesen wäre.

Vitra Design Museum The Bauhaus #allesistdesign MIRO

Gedanken von MIRO zum Bauhaus-Vermächtnis

Bauhaus war nicht die einzige Schule oder Design-/Kunst-/Architektur-Bewegung des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Es ist allerdings in vielerlei Hinsicht die populäre Verkörperung der Zeit.

Warum? Und vor allem, warum ist das Bauhaus-Vermächtnis über die Jahre so erhalten geblieben? Was ist es, das das Bauhaus so bleibend populär macht?

Von ihren Beiträgen zu der Ausstellung erfahren wir zum Beispiel, dass es für Alberto Meda die Tatsache ist, dass das Bauhaus uns die “Wertschätzung dafür, wie die Dinge funktionieren und nicht nur ihre formalen Qualitäten” beigebracht hat, für Antonio Citterio lehrte uns das Bauhaus “Abstraktion und eine ganzheitliche Herangehensweise an Kunst”; Norman Foster sieht in dem Potential, ein Haus in 3D zu drucken, eine direkte Erweiterung der Bauhaus-Philosophie; Jay Barber und Edward Osgerby haben die Bauhaus-Philosophie als Learning by Doing aufgegriffen und verstanden; während uns für Maik Meiré das Bauhaus den Wert gelehrt hat, Design in alle Aspekte einer Marke zu integrieren, vom Produkt über Management bis zur Kommunikation.

Was natürlich alles perfekt erklärt, warum das Bauhaus-Vermächtnis über die Jahre so erhalten geblieben ist: Bauhaus kann sein, was immer man möchte, als was auch immer man es verstehen möchte. In Bezug auf Design und Architektur ist das Bauhaus universell.

Eine Tatsache, die furchtbar viel Raum dafür lässt, zu missverstehen, was die Schule war, was sie erreichen wollte, wie sie ihre Ziele verfolgte. Und vor allem, was sie uns heute beibringen kann.

#allesistdesign ist ein guter Ort, das eigene Verständnis vom Bauhaus in Frage zu stellen. Und von zeitgenössischem Design.

Oder, wenn man das vorzieht, #allesistdesign ist ein guter Ort, um das eigene Verständnis von modernem Design in Frage zu stellen.

#allesistdesign läuft im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Strasse 2, 79576 Weil am Rhein, bis Sonntag, den 28. Februar.

Alle Informationen, inklusive Details zum begleitenden Nebenprogramm finden Sie unter www.design-museum.de.

5 neue Design-Ausstellungen im September 2015

Wie die alte Mama Gans angeblich einmal sagte:

Dreißig Tage hat der September und die folgenden fünf verlockenden neuen Design- und Architekturausstellungen, die es womöglich wert sind, mal besucht zu werden, wenn man die Gelegenheit dazu hat…

“Piet Mondrian. The Line” im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Deutschland

Genau wie die Architekten, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur Bewegung des Modernismus geführt wurden auch mit eher klassischen Stilen anfingen, bevor sie vom reduzierten Charme des Modernismus verführt wurden, so begann auch der niederländische Maler Piet Mondrian als Impressionist ehe er erkannte, was seine prägende Form werden sollte: die Linie. Organisiert vom Martin-Gropius-Bau in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Gemeentmuseum Den Haag, verspricht “Piet Modrian. The Line” ungefähr 50 von Modrians eher frühen Arbeiten zu zeigen, mit denen die Kuratoren erklären wollen, wie der Künstler danach strebte, seine eigene künstlerische Stimme zu finden – eine Stimme, die ein beständiger Einfluss auf zeitgenössische Kunst, Architektur und Design bleibt.

Piet Modrian. The Line wird am Freitag, den 4. September im Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin eröffnet und läuft bis Sonntag, den 6. Dezember.

Piet Mondrian (1872 – 1944): Kirchenfassade 1: Kirche in Domburg

Piet Mondrian (1872 – 1944): Kirchenfassade 1: Kirche in Domburg, 1914 (Photo: © Gemeentemuseum Den Haag, The Netherlands, Courtesy of Martin-Gropius-Bau Berlin)

“The Bauhaus #itsalldesign” im Vitra Design Museum, Weil am Rhein, Deutschland

Die zweitdrängendste Frage, die im Zusammenhang mit der nahenden Bauhaus Ausstellung im Vitra Design Museum im Raum steht ist, was würde wohl Walter Gropius von dem Hashtag halten? Irgendetwas sagt uns, es würde ihm gefallen. Und das nicht nur wegen seiner quadratischen Perfektion, sondern viel mehr wegen dem ihm innewohnenden Sinn für Gemeinschaft und gezieltem Aktionismus, den es herüberbringt. Und wegen seines kommerziellen Werts, natürlich. Und die drängendste Frage, die aufkommt, ist wohl, was kann noch eine große Bauhaus-Ausstellung zu unserem Wissen und unserem Verständnis über diese meistgelobte aller Institutionen noch hinzufügen? In vier thematische Bereiche geteilt, die sich mit dem sozialen und historischen Hintergrund des Bauhaus beschäftigen, dem Verständnis von Räumen, der Bauhaus Kommunikation und der Fülle von Designobjekten, die in Weimar und in Dessau geschaffen wurden, verspricht der wohl interessanteste und wertvollste Aspekt der “The Bauhaus #itsalldesign” eine Gegenüberstellung von Arbeiten der Bauhaus-Absolventen wie Marcel Breuer, Marianne Brandt und Lyonel Feiniger mit denen von zeitgenössichen Künstlern wie Adrian Sauer, Jerszy Seymour, Konstantin Grcic und Enzo Mari zu werden. Der Ansporn dahinter ist es, die Relevanz des Bauhaus Vermächtnisses für zeitgenössisches Kunstgeschehen herauszufinden. Wenn es nämlich keine hat – was hat es dann?

The Bauhaus #itsalldesign wird am Samstag, den 26. September im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein eröffnet und läuft bis Sonntag, 28. Februar.

Photograph from an instruction manual for the usage  of tools, Thonet brothers, 1935 , Collection Alexander  von Vegesack, Domaine de Boisbuchet,  www.boisbuchet.org  (photographer unknown)

Fotografie aus einer Bedienungsanleitung zum Gebrauch von Werkzeugen, Gebrüder Thonet, 1935 , (Photo Collection Alexander von Vegesack, Domaine de Boisbuchet, Fotograf unbekannt, courtesy of Vitra Design Museum)

“Sukiya – Japanese Teahouse” im Museum of Finnish Architecture, Helsinki, Finnland

Es gibt wohl kaum kultigere Objekte in der Entwicklung des Modernismus als das japanische Haus. Mit seinem reduzierten Konstruktionsprinzip, funktionaler Eleganz und materieller Einfachheit ist das traditionelle japanische Haus in vielerlei Hinsicht eine modernistische Konstruktion, wie sie im Buche steht. Und eine Form, die weiterhin gleichermaßen inspiriert und motiviert. Mit Fokus auf Sukiya, ein architektonischer Stil, der traditionellerweise, wenn auch nicht ausschließlich, für die Konstruktion von Teehäusern angewandt wird, wird das Museum of Finnish Architecture versuchen, die Geschichte und die kulturelle Relevanz von Sukiya zu erklären, während gleichzeitig seine Rolle und Bedeutung für moderne japanische Architektur und Baukunst hervorgehoben werden soll. Zusätzlich zu einem lebensgroßen Sukiya Teehaus, inklusive Holz-, Bambus- und Tatami-Matten, shoji Raumtrennern und verschiedenen Möbelstücken, wird die Ausstellung eine Ergründung der Werkzeuge, Materialien und Prozesse zeigen, die im Sukiya verwendet werden, während Kunsthandwerker in etlichen Workshops die Sukiya-Technik demonstrieren werden und dadurch auch helfen zu verstehen, was Sukiya so einzigartig macht. Und so einnehmend wie seit jeher.

Sukiya – Japanese Teahouse wird am Mittwoch, den 2. September im Museum of Finnish Architecture, Kasarmikatu 24, 00130 Helsinki eröffnet und läuft bis Sonntag, den 15. November.

Sukiya – Japanese Teahouse Museum of Finnish Architecture

Sukiya – Japanese Teahouse im Museum of Finnish Architecture

Manifesto. Arbeiten von Studierenden und Absolventen des Prager Glasateliers im Kunstgewerbemuseum, Dresden, Deutschland

Kurz nachdem sie ihre Stelle als Direktorin des Kunstgewerbemuseums Dresden angetreten hatte, erzählte uns Tulga Beyerle, dass die Entscheidung, die Prager Studios Okolo und Dechem einzuladen, an Ausstellungen teilzunehmen, zumindest teilweise, wenn auch nicht ausschließlich “eine Art war, zu zeigen, dass eine Stadt wie Prag ein Ort ist, an dem Dinge passieren und dass es sinnvoll und hoffentlich unterhaltsam ist, mehr über das herauszufinden, was dort passiert“. Als nächster Schritt in diese Richtung präsentiert das Kunstgewerbemuseum Dresden eine Ausstellung aus Arbeiten von Rony Plesl und seinen Studenten aus dem Glasatelier der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design. Zusätzlich zu Arbeiten, die während Rony Plesls achtjähriger Amtszeit als Leiter des Prager Glasateliers entstanden und die damit auch einen Überblick geben, in welche Richtung Rony Plesl die Institution geführt hat, wird Manifesto auch eine Auswahl von Arbeiten zeigen, die speziell für die Ausstellung konzipiert und von der Kollektion des Kunstgewerbemuseums Dresden inspiriert wurden – damit führt sie die kritische Auseinandersetzung der Institution mit ihrer Kollektion durch die Augen von Außenstehenden fort.

Manifesto. Arbeiten von Studierenden und Absolventen des Prager Glasateliers wird am Freitag, den 4. September im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden eröffnet und läuft bis Sonntag, den 1. November.

Manifesto. Works by Students and Graduates of the Studio of Glass in Prague at the Kunstgewerbemuseum, Dresden, Germany

Manifesto. Arbeiten von Studierenden und Absolventen des Prager Glasateliers im Kunstgewerbemuseum, Dresden, Deutschland

MINDCRAFT15 im Designmuseum Dänemark, Kopenhagen, Dänemark

Eine der Freuden, die es mit sich bringt, sich dagegen entschieden zu haben, jeden April nach Mailand zu wandern ist es, dass man die Ausstellungen besuchen kann, die man in Mailand ansonsten andernorts verpasst hätte. Selbst wenn dieser Ort ein so irrsinnig teurer wie Kopenhagen ist. Organisiert von der Danish Agency for Culture ist MINDCRAFT eine jährliche Ausstellungsserie, die eine kuratierte Auswahl zeitgenössischen dänischen Handwerks und Designs zeigt: die Ausgabe von 2015 wird kuratiert vom Kopenhagener Designstudio GamFratesi und beinhaltet Arbeiten von, unter anderem, benandsebastian, Cecilie Manz, Henrik Vibskov und Louise Campbell und zielt wie alle MINDCRAFT Ausstellungen darauf ab, nicht nur einen prägnanten Überblick über zeitgenössisches Dänisches Kunstgeschehen zu liefern, sondern auch die heutigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Design und Handwerk herauszuarbeiten.

MINDCRAFT15 wird am Freitag, den 18. September im Designmuseum Dänemark, Bredgade 68, 1260 Copenhagen eröffnet und läuft bis Sonntag, den 31. Januar.

MINDCRAFT15 Chiostro Minore di San  Simpliciano Milan

MINDCRAFT15, hier am Chiostro Minore di San Simpliciano Mailand (Photo: © MINDCRAFT/Jule Hering, Courtesy Designmuseum Danmark)

smow Blog kompakt: Bauhaus re use @ Bauhaus Archiv Berlin

Das Bauhaus wird ja häufig als eine Art Brutkasten für die kreativen Talente der 1920er Jahre wahrgenommen. Da passt es ganz gut, dass das Bauhaus Archiv Berlin jetzt eine Art Gewächshaus unterhält, das aus ausrangierten Fenstern des Bauhaus Dessau zusammengebaut wurde.

Der neue Bauhaus re use Pavillon wurde vom Berliner Architekturbüro Zukunftsgeraeusche GbR gemeinsam mit dem Bauhaus Archiv Berlin, der Technischen Universität Berlin, Wagner Tragwerke und in Zusammenarbeit mit dem Oberstufenzentrum Knobelsdorff-Schule Berlin als temporärer Veranstaltungsraum für das Museum geplant und realisiert. Zum 100. Geburtstag vom Bauhaus im Jahr 2019 soll dann die viel gepriesene und dringend notwendige Erweiterung des Bauhaus Archivs Berlin fertiggestellt sein.

Neben den umfunktionierten Fenstern und Türen aus Dessau besteht der neue Bauhaus re use Pavillon aus einem reduzierten Stahlskelett und ist mit zwei Schiffscontainern ausgestattet, die als Lagerraum und Sanitäranlage dienen. Mit dem intelligenten Doppelwandprinzip zur Isolierung ist der Pavillon ein gutes Beispiel für eine leichte Konstruktion, die nicht nur durch die Wiederverwendung von bestehenden Ressourcen Energie spart, sondern auch einen geringen täglichen Bedarf an Ressourcen hat.

Die Verarbeitung ausgedienter Fenster ist nicht wirklich neu: ein besonders schönes Beispiel dafür findet sich ungefähr 125 Kilometer südlich von Berlin. Dabei handelt es sich um Niek Wagemans WunderBAR im Hof des Ampelhauses in Oranienbaum. Allerdings ist es besonders passend, fast schon korrekt, dass für den Bauhaus Pavillon in Berlin ausgediente Fenster des Bauhaus Dessau verwendet wurden. Schließlich besteht Gropius’ Bauhaus Dessau selbst aus wenig mehr als Fenstern. Außerdem war auch Ludwig Mies van der Rohes Berliner Bauhaus schon eine reduzierte und nachbearbeitete Version des Dessauer Bauhaus, die, wenn auch unbeabsichtigt, ebenfalls nur eine flüchtige, kurzlebige Institution war.

Alles in allem halten wir den Pavillon für eine schöne und brauchbare Ergänzung des Ensembles vom Bauhaus Archiv Berlin.

Der neue Bauhaus re use Pavillon kann den ganzen Tag über auf dem Gelände des Bauhaus Archivs, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin besichtigt werden. Alle Informationen und das Veranstaltungsprogramm sind unter www.bauhaus.de zu finden.

5 neue Designausstellungen im Mai 2015

Die größte – und zweifellos mit dem höchsten Budget ausgestattete – neue Architektur- und Designausstellung im Mai 2015 ist die Weltausstellung in Mailand, die am 1. Mai begonnen hat. Unter dem zentralen Thema “Feeding the Planet, Energy for Life” zeigt die Expo Präsentationen aus ungefähr 140 Ländern in einer ähnlichen Anzahl von Pavillons, die von weltweit führenden Architekturbüros entworfen sind, und verspricht eine unvergleichliche Erforschung zukünftiger Strategien, die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Und bringt hoffentlich auch dem Mailänder Hotelgewerbe soviel Gewinn ein, dass sich die Hotelbetreiber im kommenden April vielleicht sagen: Wisst ihr was, lasst uns unsere Zimmer während der Mailänder Möbelmesse zu bezahlbaren Preisen vermieten. Lasst uns aufhören, die Möbel- und Designindustrie auszunehmen und stattdessen realistische Preise veranschlagen, um die ganze Veranstaltung bezahlbarer und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Mailand ist eine freundliche Stadt, lasst uns das zeigen!

Natürlich werden sie das nicht tun. Aber wir lassen uns nicht nehmen, zu träumen.

Und hier, Mailand ignorierend, fünf wirklich vielversprechende Architektur-und Designausstellungen im Mai 2015 vor.

“Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu, Hornu, Belgien

Unter dem Titel “Thingness” zeigt das CID – Grand-Hornu die erste Retrospektive von Jasper Morrison überhaupt. Ein Satz, aus dem sich zwei Fragen ergeben.

Erstens: Wirklich? Niemand hat jemals eine Jasper-Morrison-Retrospektive gezeigt? (Uns fallen etliche Museen ein, die das längst getan haben sollten.)

Zweitens: Warum ausgerechnet Belgien?

Versteht uns nicht falsch, die Ausstellung hört sich fantastisch an – verspricht sie doch eine chronologische Reise durch 35 Jahre kreativen Output von Jasper Morrison, und das in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern und Disziplinen. Im Grunde also eine exzellente Gelegenheit, die stilistische und philosophische Entwicklung Jasper Morrisons vom atemlosen Studenten auf der ersten Memphis-Ausstellung in Mailand zum höflichen, distanzierten Großmeister des zurückhaltenden europäischen Designs von heute nachzuvollziehen.

Aber warum Belgien?

CID – Grand-Hornu ist eine sehr angesehene Institution mit einer langen Liste interessanter Ausstellungen. Doch angesichts der sehr viel engeren Verbindungen, die Morrison zu anderen Ländern und Regionen hat… Nichtsdestotrotz gehört Belgien, wie wir wiederholt festgestellt haben, momentan zu den interessanteren Ländern in Sachen Möbeldesign. Und so ergibt es vielleicht doch Sinn, dass sich ein Designer wie Jasper Morrison gerade zu Belgien hingezogen fühlt.

“Jasper Morrison – Thingness” öffnet im CID – Grand-Hornu, Site du Grand-Hornu, Rue Sainte-Louise 82, 7301 Hornu Sonntag, am 10. Mai und läuft bis zum 13. September.

 

Plywood Chair by Jasper Morrison for Vitra, part of Jasper Morrison - Thingness

Plywood Chair von Jasper Morrison für Vitra, ein Teil von “Jasper Morrison – Thingness” im CID – Grand-Hornu

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung ” im Bauhaus Dessau

Man kann wohl sagen, dass Hannes Meyer der am wenigsten gefeierte und bekannte der drei Bauhaus-Direktoren ist. Beim Bauhaus Dessau versucht man nun, Ruhm und Image des zweiten Direktors zu befördern, indem man sich vertieft mit einem zentralen Aspekt seiner Philosophie beschäftigt; einem Aspekt, der in vielerlei Hinsicht relevanter für unsere heutige Gesellschaft ist als all die Stahlrohrmöbel  und viereckigen Häuser, die man mit Meyers Kollegen Gropius und Mies van der Rohe in Verbindung bringt: dem Kollektiv. Hannes Meyer selbst entwickelte kaum ein Projekt allein und zog stattdessen die Zusammenarbeit mit anderen vor. Heute sind Ideen kollektiver Kraft, kollektiver Verantwortung und kollektiven Denkens immer häufiger die Grundlage von Design- und Architekturprozessen.

Kollektiv wie auch gemeinsam sitzen wir alle im selben Boot. Unter Hannes Meyer wurde die Formulierung “Volksbedarf statt Luxusbedarf” zum Schlachtruf des Bauhauses; heute sehen Designer und Architekten ihre Rolle zunehmend darin, hilfreich für die Gesellschaft zu sein, statt kommerzielle Güter zu schaffen.

Mit einem Fokus auf “Kollektiv-Ideen” in Bereichen wie Bildung, Gesellschaft, Landschaft und natürlich Architektur möchte das Bauhaus Dessau Hannes Meyer – in Ergänzung zur detaillierteren Erkundung seiner Person – im modernen Kontext erklären und so die bleibende Relevanz seines Denkens, seiner Methodik und damit seiner Amtszeit unterstreichen.

“Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung” öffnet in der Stiftung Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau am 21. Mai und läuft bis Sonntag, den 4. Oktober.

The coop principle – Hannes Meyer and the Concept of Collective Design Bauhaus Dessau

Hannes Meyer (Photo: Courtesy Stiftung Bauhaus Dessau)

“Telling Time” im mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne, Schweiz

Bedenkt man, dass die ganze Welt sehr, sehr aufgeregt über die neue Fruit Watch ist und zugleich die Möglichkeit besteht, dass tausend andere Firmen sehr, sehr ähnliche Produkte zu einem Bruchteil des Preises auf den Markt bringen, erscheint die neue Ausstellung im Mudac in Lausanne äußerst passend: “Telling Time” zeigt nicht nur die zentrale kulturelle Rolle von Uhren, ihrer Produktion und der Zeitansage, sondern unterstreicht zugleich, wie sich Zeitansage als Prozess kontinuierlich verändert – und durch diese Neuerfindung seine Faszination und Relevanz behält, unabhängig von der unveränderten Funktion. Zu diesem Zweck verspricht “Telling Time”, Exemplare des historischen analogen Uhrendesigns von einigen der prestigeträchtigsten Schweizer Marken und modernere, digitale Uhren zu präsentieren – in Gegenüberstellung zu Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Designer wie beispielsweise “365 Knitting Clock” von Siren Elise Wilhelmsen, “Grandfather Clock” von Maarten Baas oder Ivan Argotes “Time is Money”.

“Telling Time” öffnet im Mudac – Musée de design et d’art appliqués contemporains, Pl. de la Cathédrale 6, Lausanne, am Mittwoch, den 27. Mai und läuft bis Sonntag, den 27. September.

Time is Money by Ivan Argote (outtake at 10:41:59) (Photo: © Galerie Perrotin, courtesy of mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

Time is Money von Ivan Argote (outtake bei 10:41:59) (Foto: © Galerie Perrotin, mit freundlicher Genehmigung des mudac – Musée de design et d’arts appliqués contemporains, Lausanne)

“De Invasie on display” im Design Museum Gent, Gent, Belgien

Im Jahr 2010 gründeten drei mutige Seelen De Invasie als Plattform, um junges belgisches Design – sei es Einrichtung, Mode, Grafik oder Fotografie – zu fördern und zu verbreiten. Neben diesem Netzwerk für belgische Designer organisiert De Invasie auch regelmäßig Gruppenausstellungen auf Design Messen und nun, in Zusammenarbeit mit dem Design Museum Gent, eine erste museale Ausstellung. Da die Ausstellung wie alle De Invasie Projekte auf der Basis organisiert wurde, dass sich Teilnehmer bewerben statt ernannt zu werden, rechnen wir nicht mit einer sonderlich tiefgründigen kuratorischen Poisition, die sich durch die Ausstellung zieht; wir erwarten allerdings eine Ausstellung, die etliche Beispiele des äußerst spannenden und innovativen kreativen Talents präsentiert, das man derzeit im Königreich Belgien findet – also eine Ausstellung, die einmal mehr die Stärke des aktuellen belgischen Designs unterstreicht. Ein bisschen in der Weise, wie das MoMA New York in den 1950er Jahren das amerikanische Design mit Ausstellungen wie “Good Design” promotete.

“De Invasie on display” öffnet im Design Museum Gent, Jan Breydelstraat 5, 9000 Gent am 8. Mai und läuft bis Sonntag, den 13. September.

De Invasie on display Design Museum Gent

De Invasie on display im Design Museum Gent

“Workplace for the New World” im Bureau Europa, Maastricht, Holland

“Was rechtfertigt den Aufwand der Arbeit?” fragt die Einleitung zur aktuellen Ausstellung im Bureau Europa, “Wie geben unsere alltäglichen Tätigkeiten unserem Leben und unserer physischen Umgebung eine Bedeutung?”

Fragen, die tendenziell auf eine Ausstellung hinweisen, die an einem feuchten, winterlichen Montagmorgen in einem kalten Bahnhof ersonnen wurde.

Ungeachtet dessen, wie und warum diese Ausstellung konzipiert wurde, verspricht sie, einen sehr wichtigen Aspekt der heutigen Gesellschaft zu untersuchen: Wie werden wir in Zukunft arbeiten und wie werden wir sicherstellen, dass unsere Arbeitsmethoden nachhaltig, sachdienlich und dennoch einträglich sind?

Neben einer zentralen Ausstellung über das Wesen der Arbeit, den Begriff “Arbeit” und die zukünftige Rolle der Arbeit verspricht “Workplace for the New World” auch eine Reihe von Workshops und Vorträgen, die neue Positionen präsentieren, analysieren und prüfen. So erhält die Ausstellung eher eine aktivierende als reflektierende Note – work in progress, wenn man so will.

“Workplace for the New World” läuft im Bureau Europa, Timmerfabriek, Boschstraat 9, 6211 AS Maastricht seit dem 1. Mai und läuft bis Sonntag, den 5. Juli.

Workplace for the New World Bureau Europa Maastricht

Workplace for the New World im Bureau Europa, Maastricht

smow Blog kompakt: 2.5.0. – Object is Meditation and Poetry. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig

Die Geschichte der angewandten Kunst – wir glauben, es ist nicht zu impulsiv, das zu behaupten – ist eng verknüpft mit der aller anderen visuellen Kunstformen.

Insofern ist es auch nur logisch, dass die Geschichte des Grassi Museums für Angewandte Kunst zu Leipzig sehr eng mit der der Leipziger Kunsthochschule, der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), verknüpft ist.
Um jetzt den 250. HGB-Geburtstag zu feiern, wurden HGB-Studenten und -Graduierte vom Grassi Museum eingeladen, die Dauerausstellung der Sammlung des Grassi Museums zu unterbrechen, das heißt: ihre Arbeiten zwischen, neben und anstatt der Objekte aus der ständigen Sammlung zu platzieren, und so einen Dialog zwischen dem Dekorativen und dem Praktischen, dem Funktionalen und dem Abstrakten, dem Mondänen und dem Lächerlichen entstehen zu lassen.

Private Universe collection by Silke Koch in a kitchen Ensemble by Erich Dieckmann, as seen at 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum for Applied Arts Leipzig

Private Universe Serie von Silke Koch in einem Küchenensemble von Erich Dieckmann, gesehen bei 2.5.0.Object is Meditation and Poetry, Grassi Museum für angewandte Kunst zu Leipzig

Mit einer Auswahl von Gemälden, Skulpturen, Videos, Installationen und Objekten von über 70 internationalen Künstlern präsentiert die von Alba D’Urbano und Olga Vostretsova kuratierte Ausstellung “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” eine Reihe von Arbeiten, die, und das ist gewissermaßen enttäuschend, nicht speziell für die Ausstellung entwickelt wurden, sondern in anderen, davon unabhängigen Kontexten entstanden sind, sich aber dennoch auf bestimmte Aspekte der Sammlung oder des Grassi Museums beziehen lassen. “Enttäuschend” nicht, weil die daraus resultierende Ausstellung nicht funktionieren würde, das tut sie nämlich, sondern weil eine direktere Konfrontation mit der Sammlungsausstellung, vor allem auch mit dem Ausstellungsstil des Grassi Museums und den dort präsentierten Positionen, möglicherweise zu einer die Gedanken anregenderen, letztlich lohnenderen Ausstellung geführt hätte. Stattdessen hat man eine Ausstellung innerhalb einer anderen Ausstellung, “zwei zum Preis von einer” – aber wer freut sich heutzutage nicht über ein solches Schnäppchen inmitten all der Entbehrungen und finanziellen Unsicherheiten …

Damit soll aber nicht behauptet werden, es bestünde keinerlei Verbindung zwischen den Objekten und der Sammlung: Es gibt durchaus einige ganz offensichtliche Zusammenhänge. So zum Beispiel Bea Meyers Installation “Utopia is a perfect social system in wich everyone is satisfied and happy”, die vor einem Wandteppich platziert ist, der wiederum auf  Raphaels “Schule von Athen” basiert, oder Varinka Schreurs Serie “DIY. All Tomorrows Parties” aus 3D-gedruckten Objekten, die anstelle von Lausitzer Steingut aus dem 10. Jahrhundert vor Christi gezeigt wird. Es gibt noch einige wenige weitere subtile Verbindungen, so zum Beispiel die Serie “Private Unsiverse” von Silke Koch – kleine raumschiffartige Gebilde, aus gesammelten Küchenutensilien zusammengebaut, die in Erich Dieckmanns Küchenensemble aus den späten 1920er Jahren präsentiert wird, das er am Bauhaus Weimar entwickelt hatte; oder Silke Wawros “most expensive jacket in the world”, das zwischen Exemplaren der Plauener Spitze ausgestellt ist. Dann gibt es wiederum Objekte, bei denen, zumindest für uns, die Verbindungen eher vage sind. Das spielt allerdings keine größere Rolle, wenn man sich die Projekte für sich genommen anschaut. So haben wir uns beispielsweise über Cindy Schmiedichens Gipsplanken inmitten einer Reihe von Tischen und Stühlen von Designern wie Marcel Breuer, über Anton Lorenz und Mies van der Rohe oder über Susan Winters zwangsläufig namenlose Komposition aus 10.000 Rasierklingen sehr gefreut.

Gewissermaßen macht das auch die subtile Schönheit von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” aus. Wir denken nicht, dass irgendjemand ins Grassi Museum gehen wird, nur um HGB-Arbeiten zu sehen. Die meisten kommen wegen der Dauerausstellung der Sammlung, für die exzellente Tour von der Antike bis zum heutigen Tag – eine Reise, die beweist, wie grundsätzlich gleich und unverändert unsere Anforderungen in Sachen Möbel, Kleidung und Verbrauchsgüter über die Jahrhunderte geblieben sind und die zigtausende Jahre der kulturellen Entwicklung erforscht. Und während des Ganges durch die Dauerausstellung werden die Besucher eingeladen, nach Wunsch in die HGB-Projekte einzutauchen. Der Besucher steht nicht unter dem Druck, alle Projekte sehen oder verstehen zu müssen, geschweige denn, an allen Gefallen zu finden. Letztlich ist das der beste Weg, sich ein Museum anzuschauen, fällt doch so eine Menge an Zwang weg, den man häufig beim Besuch von Dauerausstellungen verspürt. Geht es nicht den meisten so? Rokoko muss man nicht schön finden, Marcel Breuers Stahlrohrstühle kann man auch als sinnlose Studentenabenteuer abtun – und was bitte macht Fernando und Humberto Campanas “Sushi”-Pouf so außergewöhnlich?

Ein besonderes Highlight von “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” waren für uns Alexej Meschtschanows Stühle – gefesselt von ungehobelten Stahlrohren. Stühle, die im ganzen Museum verteilt sind und die, ganz abgesehen von ihrer besonderen Verspieltheit, einen an die Gefahren von Museen erinnern, die sich allzu ernst nehmen, ihre Sammlungen als abgeschlossene Positionen begreifen und vergessen, auch mal etwas Luft in ihren Bestand zu lassen.

Mit “2.5.0. – Object is Meditation and Poetry” hat das Grassi Museum zu Leipzig einen sehr willkommenen frischen Wind in seine Ausstellungräume gelassen.

“2.5.0. – Object ist Meditation and Poetry” läuft im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig, Johannisplatz 5-11 04103 Leipzig, bis Sonntag, den 28.Juni.

Alle Details sind unter www.grassimuseum.de zu finden.

Bauhaus Archiv Berlin: “Sammlung Bauhaus” & “100 Neue Objekte”

Nach einer Unterbrechung der Dauerausstellung, notwendig, um die kürzlich beendete Ausstellung “Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste” unterbringen zu können, hat das Bauhaus Archiv Berlin die Gelegenheit genutzt und sein Ausstellungskonzept umgestaltet.

Damit ist es dem Bauhaus Archiv gelungen, willkommenen frischen Wind in sein Museum zu lassen.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus

Bauhaus Archiv Berlin: Sammlung Bauhaus

Unter dem Titel “Sammlung Bauhaus” liefert die Dauerausstellung nach wie vor einen sehr vagen Überblick; die komplette Geschichte des Bauhauses auf den wenigen verfügbaren Quadratmetern des Ausstellungsraums im Bauhaus Archiv Berlin zu präsentieren, wäre einfach unmöglich. Nichtsdestotrotz erreicht das Bauhaus Archiv mit dem neuen Ausstellungskonzept sehr viel mehr als die frühere Dauerausstellung. Die Präsentation ist jetzt sehr viel unterhaltsamer und zugänglicher, als es zuvor der Fall war – und das, obwohl weniger gezeigt wird, wenn wir es richtig einschätzen. Ein gutes Beispiel also für “weniger ist mehr”, wie einer der berühmteren Bauhausanhänger sagte.

Die Ausstellung wirft einen Blick auf die drei Bauhausstandorte, die wichtigsten Protagonisten, die Bereiche, in denen das Bauhaus aktiv war, und untersucht, wie die Schule funktionierte. Die neue Dauerausstellung untersucht das Bauhaus aber auch im Zusammenhang mit zugehörigen und ähnlichen Institutionen, seien es vom Bauhaus inspirierte Institutionen wie das sogenannte New Bauhaus in Chicago und die HfG Ulm in Deutschland, oder Zeitgenossen des Bauhauses wie die Burg Giebichenstein Halle, eine Institution, die ungefähr vier Jahre vor dem Bauhaus gegründet wurde und hinsichtlich der Lehre und der Philosophie ebenso avantgardistisch und anspruchsvoll war. Zudem macht die neue Dauerausstellung deutlich, dass es sich beim Bauhaus nicht nur um eine Schule, sondern auch um eine Bewegung handelte, die als Vorreiter neuer Ideen und bei der Entwicklung des Bauens und Lebens eine entscheidende Rolle spielte. Man neigt dazu, das zu vergessen, wenn man zu sehr bei der populären Formensprache einiger weniger “Bauhaus-Klassiker” hängen bleibt und dabei übersieht, in welchem Kontext sie entstanden sind und vor allem: warum.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus Marcel Breuer Kitchen Vogler Surgery Berlin 1929 Kitchen Chair 1924

Eine Küche für die Praxis Vogler, Berlin (1929) und ein Küchenstuhl (1924) alle von Marcel Breuer, gesehen als Teil der neuen Sammlung Bauhaus, Bauhaus Archiv Berlin

Parallel zur Einweihung der neuen Dauerausstellung öffnet das Bauhaus Archiv Berlin auch eine neue Sonderausstellung mit 100 kürzlich erworbenen Ankäufen. Diese Präsentation unterstreicht unter dem Namen “100 Neue Objekte” einerseits geschickt den erneuernden Geist der Dauerausstellung und die Tatsache, dass ein Museum wie das Bauhaus Archiv eine dynamische und vorausblickende Institution ist; zugleich ist die Besichtigung der Ausstellung aber auch ein schöner Blick zurück in die Vergangenheit. Dafür sorgen Objekte, die in jüngerer Zeit im Kontext der interessanteren Sonderausstellungen erworben wurden. Zu diesen Ausstellungen gehören beispielsweise “Mein Reklame-Fegefeuer. Herbert Bayer. Werbegrafik 1928 – 1938“, “Katsura Imperial Villa. Fotografien von Ishimoto Yasuhiro”, oder die Ausstellung “Hajo Rose – Bauhaus Foto Typo” von 2010.

Unter einer  riesigen Abfolge von Fotografien, Malereien, Möbeldesigns, Spielzeugen , Keramiken und Kunstwerken gehörte ein faszinierender Stuhl von Hansgeorg Knoblauch aus dem Jahr 1932 für uns zu den absoluten Highlights – eine Arbeit, die gut in die Ausstellung “Klaarhamer according to Rietveld” im Museum Utrecht passen würde. Hinzu kam für uns der  Einwegregenschirm Rainbelle von Ferdinand Kramer und eine Schreibtischlampe, die Heinrich Siegfried Bormann 1932 für den Leipziger Hersteller Kadem designte, und die daran erinnert, dass Bauhausabsolventen für richtige Industriebetriebe industrielle Produkte entwickelten, die ihren ganz eigenen Charme haben, ohne notwendigerweise in besagte Kategorie “klassisch” zu fallen. Es handelt sich einfach um gute oder sehr gute Objekte.

Bauhaus Archiv Berlin Sammlung Bauhaus Lamp Heinrich Siegfried Bormann Kandem

Eine Lampe von Heinrich Siegfried Bormann für Kandem, gesehen bei “100 Neue Objekte”, Bauhaus Archiv Berlin

Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass das Bauhaus Archiv nun endlich seine viel diskutierte und umstrittene Erweiterung erhält; beim Besuch der beiden Ausstellungen wird sehr deutlich, weshalb es diese Erweiterung dringend benötigt. Wenn alles nach Plan läuft – angenommen, die Bürokratie und aufgeblasene, streitsüchtige Architekten geraten nicht in den Weg – wird die Erweiterung 2019 abgeschlossen sein. Pünktlich also zum 100. Geburtstag des Bauhauses und nicht allzu bald.

Das Bauhaus ist weder A und O von Architektur und Design im 20. Jahrhundert noch handelt es sich um eine Bewegung, die das heilige Recht auf einen besonderen Stand hätte und bedeutender wäre als alle anderen. Jedoch war die Bewegung als Moment der europäischen Kulturgeschichte von großer Bedeutung und bleibt heute so relevant wie damals. Die Dauerausstellung des Bauhaus Archiv Berlin ist ein exzellenter Ort, um herauszufinden, welche Gründe es dafür gibt. Sie liefert die nötige Motivation für den Besucher, sich auf eine eigene Entdeckungsreise zu begeben – was genau das ist, was eine solche Ausstellung tun sollte.

“100 Neue Objekte” läuft im Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin bis Montag, den 25. Mai. Die Dauerausstellung “Sammlung Bauhaus” läuft unter gleicher Adresse und – wie der Name es schon sagt – fortlaufend.

Alle Details, Öffnungszeiten und Informationen zu gesonderten Veranstaltungen und Führungen sind unter www.bauhaus.de zu finden.

smow Blog 2014. Ein Rückblick in Bildern: Februar

Kalt wie der Februar 2014 ohne Frage war, haben wir uns aufwärmen können, und zwar bei Ausstellungen über das Bauhaus im Fokus der Medien der 1920er Jahre, zum Leben und der Arbeit Maria Brandts und mit Arbeiten der Berliner Designerin Birgit Severin. Und auch USM Fensterverschlüsse haben uns sehr beschäftigt …!

usm window handle

Ein USM Fenstergriff!!!

Marianne Brandt Villa Esche Chemnitz Kaffeemaschine

Marianne Brandt in der Villa Esche Chemnitz

bewundert verspottet gehasst Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre Metallische Fest

Fotografien vom Metallischen Fest, gesehen bei Bewundert, verspottet, gehasst - Das Bauhaus Dessau im Medienecho der 1920er Jahre


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