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Premiumqualität, Perspektiven und ein "Push Present" – Interview mit Sebastian Herkner


Veröffentlicht am 17.04.2026

Kurz vor dem Gespräch noch einmal die Notizen checken – und überlegen, wer gleich gegenüber sitzt: Mensch oder Star. So einen Moment gab es auf der ClassiCon Roadshow im Leipziger smow Store, kurz vor seinem bis auf den letzten Platz gefüllten Design Talk. Dort trafen wir Sebastian Herkner, dessen Entwürfe längst international etabliert sind – Respekt und eine leise Nervosität inklusive.

Doch dann saß er da: offen, aufmerksam, präsent. Kein distanziertes Designergenie, sondern jemand, der mitten im Leben steht. Einer, der selbstverständlich über die Premiumqualität seiner Produkte spricht – ohne falsche Bescheidenheit, aber auch ohne Arroganz. Dass nicht jeder sich einen seiner Entwürfe leisten kann, macht ihn zum Verfechter von „Investment“ statt Konsum.

Die menschlichste Überraschung kam leise: Seit der Geburt seiner Tochter Rosa sieht Herkner vieles nicht mehr aus der Perspektive eines fast zwei Meter großen Mannes, sondern aus der eines kleinen, neugierigen Kindes. Später sorgte er mit einem herzlichen Lachen für einen Moment, der im Gedächtnis bleibt – als plötzlich vom „Push Present“ die Rede war. Gemeint ist ein Geschenk zur Geburt, nicht Blumen, sondern etwas Bleibendes. Im besten Fall könnte das sogar ein Bell Table sein – ein Geschenktipp mit Augenzwinkern.

Besonders im Gedächtnis blieb auch sein Kommentar zum deutschen Design: das hartnäckige Klischee der farblosen, grauen Designmaus. Ein Klischee, das er nicht einfach widerlegt, sondern subtil unterläuft – denn wenn am Ende doch Beige gekauft wird, liege das weniger am Angebot als am fehlenden Mut zur Farbe.

Kurz vor seinem Design Talk öffnete Herkner die Tür zu den Arbeits- und Denkweisen eines Designers, der medial im Rampenlicht steht – und dabei erstaunlich geerdet wirkt.

Fürs smow Familienalbum – Sebastian Herkner bei unserem Interview

Interview mit Sebastian Herkner

smow: Im Interview mit der FAZ im Januar 2026 hast du erzählt, dass du nicht nur Designer bist. Gerade auf dem Offenbacher Markt, in deinem Alltag, bist du eher einfach Mensch – und Papa von Rosa. Das fanden wir alle im Team total charmant. Gibt es Situationen mit Rosa, in denen du plötzlich Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel siehst?

Sebastian Herkner: Ja klar, die letzten Jahre vor Rosa habe ich natürlich alles aus der Perspektive eines Erwachsenen gesehen, 1,87 groß. Und plötzlich ist da so ein kleines Kind, das am Heranwachsen ist, was überraschend schnell geht. Plötzlich fragst du dich, welche Möbel jetzt noch standfest oder standsicher sind, wo kann sich das Kleine vielleicht stoßen? Aber tatsächlich haben wir nirgends irgendwelche Kantenschützer oder sowas in der Wohnung angebracht. Wir haben keine Gitter an den Treppen oder Schubladensicherungen in der Küche, was ich immer kannte von Freunden über die letzten Jahre. Wir haben nichts davon – und es ist nichts passiert. Sie weiß, dass sie manche Sachen nicht anfassen darf. Kunst gehört Dada. Ich bin Dada, mein Mann ist Papa. Das sagt sie auch ganz streng, wenn fremde Leute kommen oder Oma zu Besuch ist.

Natürlich sieht man die Welt plötzlich aus einer anderen Perspektive

smow: Hast du selbst Möbel für deine Tochter designt?

Sebastian Herkner: Nein. Und das, obwohl die Kindermöbelsuche schon schwierig war. Und die Dänen haben da ganz tolle Sachen. Das ist bei Kinderkleidung genauso. So kam unsere Tochter zu ihrem Bettchen. Aber letztendlich schläft sie bei uns im Bett. Wir haben ein sehr großes Bett, 210 x 280, aber dennoch schafft sie es, einen an den Rand zu drängen. Das ist ein Phänomen. Ja, sie schläft quer und schubst mich aus dem Bett raus. Das ist schon eine tolle Erfahrung. Natürlich sieht man die Welt plötzlich aus einer anderen Perspektive, was aber auch wichtig ist.

Design kannst du nicht steuern, Design ist nicht planbar.

smow: Auf der Website von dir stehen vor allem Schlagworte wie Balance und Intuition. Kannst du dich an einen Moment erinnern, in dem du bewusst gegen Logik und auch gegen Markt und Briefing entschieden hast und was daraus entstanden ist?

Sebastian Herkner: Ich denke, Design ist etwas wahnsinnig Persönliches, Intimes und du bist ja auch nicht jeden Tag nonstop kreativ. Also wenn privat irgendwie ein Knatsch besteht, dann ist die Kreativität weg, weg, weg. Dann machst du lieber andere Sachen, dann räumst du eben das Büro auf. [lacht] Design kannst du nicht steuern, Design ist nicht planbar. Du kannst nicht planen, jetzt einen Top-Seller zu machen ... ein sehr erfolgreiches, ikonisches Produkt wie jetzt den Bell Table oder auch meinen Thonet Stuhl, auf dem ich jetzt gerade hier sitze. Ich glaube vielmehr, ich folge meiner Intuition. Damals, als ich den Bell Table gemacht habe, das war in den frühen 2000ern, fand ich Handwerk richtig spannend, besonders Glas und Metall. Das fanden manche Kollegen auch ein bisschen seltsam. Und dann habe ich auch ein paar Jahre nach einem Hersteller gesucht. Seit 2012 wird der Bell Table von ClassiCon produziert, ergänzt mit der zweiten Größe bis hin jetzt zum Bell Dining Tisch mit massivem Marmorfuß. Das ist eine sehr tolle Erfolgsgeschichte über jetzt 14 Jahre. Es war also gut, gegen den Strom zu schwimmen oder ein bisschen unbequem zu sein.

smow: Was bedeutet dir das Thema Farbe? Also, ist Farbe eher ein funktionelles Werkzeug oder emotionales Statement?

Sebastian Herkner: Beides. Einmal haben Materialien ihre eigene Farbe. Also Messing ist halt Goldfarben, Kupfer ist Kupferfarben. Bei deutschem Design denkt man oft gar nicht an Farbe. Oder deutsche Designer arbeiten gar nicht so viel mit Farbe. Die denken eher sehr funktional.

Manchmal ist es gut, gegen den Strom zu schwimmen oder ein bisschen unbequem zu sein.
Sebastian Herkner im Leipziger smow Store im Gespräch
Die Deutschen sind nicht zur Farbe erzogen und haben diesen Mut nicht, wie die Franzosen oder die Italiener oder die Engländer.

smow: Ist das Funktionale und eher Nicht-Ästhetische über die Deutschen kein Klischee?

Sebastian Herkner: International werden Deutsche oder deutsches Design damit assoziiert. Beispielsweise war das Bauhaus auch bunt. Aber von außen, also international betrachtet, wird deutsches Design schon durch Dieter Rams sehr stark in die Grau-Weiß-Schwarz-Welt reduziert. Ich finde Farbe natürlich ganz wichtig für meine Arbeit. Allerdings – auch wenn wir beispielsweise hier im Store Möbel in vielen Farben finden, kauft letztendlich die Kundschaft dann safe in Beige. Wir sind nicht zur Farbe erzogen, glaube ich, und haben diesen Mut nicht, wie die Franzosen oder die Italiener oder die Engländer. Also es hängt schon am Mut.

smow: Gab es eine scheinbar banale Alltagssituation, aus der vielleicht irgendwie ein Entwurf entstanden ist oder die in einen Entwurf eingeflossen ist?

Sebastian Herkner: Wir haben natürlich andere Ansprüche als noch vor 20 Jahren und auch das Wohnen oder das Arbeiten haben sich verändert. Ein Büro sieht heutzutage nicht mehr so aus wie vor 20 Jahren. Es sieht eher aus wie eine Hotellobby mit Lounge. Die Art und Weise, wie wir leben, reisen und arbeiten, hat sich natürlich verändert. Das merkt man auch bei den Möbeln daran, dass ein Outdoor-Möbel heute ganz anders sein kann, als es früher war.

smow: Fragen dich eigentlich die Hersteller an, mal einen Stuhl zu designen?

Sebastian Herkner: Ja, und dann überlege ich, ob mir der Hersteller passt, ob ich die sympathisch finde, ob ich das Material mag, ob mir was einfällt. Das ist ein Prozess. Und das ist natürlich dann auch sehr intuitiv oder Bauchgefühl.

smow: Auch mal eine Badewanne?

Sebastian Herkner: [lacht.] Ja.

Das Wichtige ist natürlich, offen zu sein, mit offenem Auge. […] Ich bin Jäger und Sammler.

smow: Und du bist dabei in einem kontinuierlichen Dialog zwischen den Disziplinen, wie Handwerk und Technologie, Material und Intuition, wenn du entwirfst?

Sebastian Herkner: Auch  generell. Ich glaube, wenn man nur in seinem eigenen Umfeld oder in seiner eigenen Suppe schwimmt, dann ist es auch ein bisschen langweilig. Vorhin war ich natürlich hier [in Leipzig] im Bildermuseum, bin durch die Stadt gewandert, habe mir Sachen angeguckt, habe heute bestimmt wieder meine 50 Bilder gemacht. Ich bin Jäger und Sammler – irgendwann hoffentlich kommt der Moment, in dem du irgendetwas verändern oder etwas nutzen kannst für einen Entwurf. Das Wichtige ist natürlich, offen zu sein, mit offenem Auge. Das leichteste Tool dafür ist die Kamera oder das Handy. Dann kommt es darauf an, darauf zurückzugreifen. Das ist ein Dialog mit mir selber. Auch spannend ist, in welchen Dialog das Produkt später tritt. Der Bell Table kann natürlich neben einer Minotti Couch stehen oder nur zwischen zwei Sesseln. Und kulturell kann er in arabischen Ländern beispielsweise assoziiert mit einer Shisha werden, durch seine Materialität. Das Spannende für mich ist tatsächlich, wo meine Produkte dann landen. Oder wo man Kopien entdeckt.

Bell Side Table / Bell Coffee Table von Sebastian Herkner

smow: Gibt es vom Bell Table schon eine Kopie?

Sebastian Herkner: Klar. Ist angeblich ein Kompliment, aber es ärgert natürlich auch, weil man viel investiert hat. Wenn der Kunde dann über die Qualität des Bell Tables meckert, und ich nach dem Ansehen des Fotos weiß, es ist eine Kopie – das ist schon ärgerlich, auf beiden Seiten. Man muss Design als Investment verstehen, damit es wirklich etwas Langlebiges ist. Und das Beste ist ein Entwurf, der Begleiter wird für ein Leben. Ein Companion, sage ich immer. Und wenn du was Gutes kaufst, was nicht irgendwelchen saisonalen Trends folgt, hast du etwas für dein Leben und im besten Fall kannst du es ohne Scham auch weitergeben, vererben, verkaufen über diverse Plattformen, Auktionshäuser. Wir müssen umdenken, dass wir Design genauso als Investment verstehen wie Kunst.

Man muss Design als Investment verstehen, damit es wirklich etwas Langlebiges ist. Wir müssen umdenken, dass wir Design genauso als Investment verstehen wie Kunst.

smow: Lass uns vielleicht als Abschluss für dieses schöne Gespräch kurz über die ClassiCon Roadshow reden – verändert diese unmittelbare Resonanz irgendwie deinen Blick oder deinen Umgang mit Menschen?

Sebastian Herkner: Die meisten meiner Freunde haben nichts mit Design zu tun, was auch toll ist. Also ich habe den Kontakt zu ganz normalen finanziellen Mitteln. Ich weiß natürlich auch, dass das hier alles Premium ist. Das müssen wir ganz klar verstehen. Deswegen sage ich, ich sehe es als Invest. Spar halt! Es passiert, dass jemand zwei Jahre auf den Bell Table oder auf einen Stuhl gespart hat. Ganz oft war es ein Geburtsgeschenk. Wie heißt das? Push Present.

smow: Du meinst als Geschenk zur Geburt statt Blumen?

Sebastian Herkner: [lacht] Kennst du nicht?

smow: Sagen wir so – den englischsprachigen Fachbegriff nicht. Naja, und auch sonst kennen wir eher Blumen. [lacht]

Sebastian Herkner: [lacht] Was wollte ich jetzt überhaupt sagen? Ach, über die Resonanz… Resonanz ist toll, auch dass viele Leute jetzt hierher zum Design Talk kommen, man bekommt Feedback. Und das ist gut. Ich liebe es auch, Händler zu besuchen. Auch wenn ich im Urlaub bin, gucke ich mal fünf Minuten rein.

smow: Wirst du dann als Designer Sebastian Herkner erkannt?

Sebastian Herkner: Nicht von allen. Ich mach das schon inkognito, will mich ja nicht wichtig machen.

smow: Danke für das schöne Interview, es war quasi ein Push Present für uns!

Nach dem Interview ist vor dem Design Talk: Sebastian Herkner bei der ClassiCon Roadshow
Get Together nach dem Design Talk von Sebastian Herkner

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