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Vom Möbelhaus zur Biografie – Interview mit Charlotte Kerner über Eileen Gray


Veröffentlicht am 09.06.2026

Der Einstieg in Charlotte Kerners Eileen-Gray-Geschichte ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis. In den 1980er-Jahren steht sie in einem Möbelhaus, ohne besondere Absicht, eher im Vorbeigehen als auf der Suche nach etwas Konkretem. Und bleibt dann an einem kleinen Beistelltisch hängen: Stahl, Glas, höhenverstellbar, leicht wie ein Gedanke und doch erstaunlich präsent. Sie sieht und kauft ihn einfach.

Dass dieser Tisch von Eileen Gray entworfen wurde und wer das eigentlich war, weiß sie in diesem Moment nicht. Und vielleicht passt genau das gut zu dem, was die Autorin selbst über sich erzählt: Sie glaubt an die Liebe auf den ersten Blick – auch bei Dingen.

Zur Leipziger Buchmesse 2026 haben wir Charlotte Kerner im smow Store Leipzig getroffen, kurz vor ihrer ausverkauften Lesung zur neu aufgelegten und in wichtigen Teilen neu geschriebenen Biografie von Eileen Gray "Pionierin der Moderne. Die Architektin und Designerin Eileen Gray" (E. A. Seemann) – ein passender Ort für ein Gespräch, dessen Ursprung wiederum in einem Möbelhaus liegt.

Charlotte Kerner im Interview im smow Store Leipzig

Interview mit Charlotte Kerner

smow: In Ihrem Buch beginnen Sie mit einer sehr persönlichen Szene: In den 80ern standen Sie in einem Möbelhaus plötzlich neben dem Beistelltisch von Eileen Gray. Und haben ihn spontan gekauft, weil er Ihnen so gut gefallen hat. Und seitdem ist er für Sie quasi ein ganz treuer Begleiter geworden. Was hat Sie fasziniert?

Charlotte Kerner: Ich hatte keine Ahnung, welche Designerin und Geschichte sich hinter dem Adjustable Table E 1027 – insbesondere hinter dem Kürzel – verbirgt. Ich habe den Tisch gesehen und dachte nur, wow, den muss ich haben. Damals verdiente ich auch das erste Mal genug, um mir dieses Möbelstück leisten zu können. Was mich angesprochen hat, verstehe ich im Nachhinein genauer und beschreibe es auch im Vorwort meines Buches: Es war wahrscheinlich dieses Runde, dieses sehr Weibliche, und dann eine spürbare Spannung durch das harte, glänzende und eher als männlich empfundene Metall. Das hat mich gecatcht.

Ich habe den Adjustable Table gesehen und dachte, wow, den muss ich haben.

smow: Und das war auch das Original? Also damals noch aus den Vereinigten Werkstätten München, heute wird er ja von ClassiCon produziert.

Charlotte Kerner: Ja, ich habe später extra nachgeschaut. Seitdem begleitet Eileen Gray mich. Ich habe inzwischen auch noch andere Arbeiten von ihr in meinem Zuhause stehen: die Petite Coiffeuse, die Tube Light und einen Adjustable Table mehr, die beide als Nachttische zum Einsatz kommen, genau wie von Gray geplant. Und unserem Sohn habe ich ebenfalls ein Exemplar geschenkt zum Einzug in seine neue Wohnung. Ich hätte nie gedacht, dass der Tisch sogar für kleine Kinder geeignet ist. Aber das ist er.

smow: Trotz Kratzergefahr?

Charlotte Kerner: Trotzdem… das macht ja nichts. Die Kleinen hangeln sich ganz gut an diesem runden Metall entlang, wenn sie laufen lernen. Heute spielen wir darauf auch Karten. Und wenn Sachen benutzt werden, dann gibt es eben Kratzer. Man lebt ja nicht im sterilen Raum.

smow: Und wann sind Sie auf die Designerin gestoßen?

Charlotte Kerner: Auf einer Reise nach Kanada habe ich mir die damals neu erschienene Gray-Biografie von ihrem Freund Peter Adam gekauft, gelesen, aber zunächst wieder beiseitegelegt. Erst als ich 1996 in Frankfurt während der Buchmesse eine Ausstellung über Eileen Gray im Architekturmuseum besucht habe, änderte sich mein Blick auf sie und ihr Werk. Vielleicht auch, weil dort so viele Gray-Sachen von Peter Adam ausgestellt waren. Ich bin aus dem Museum raus und wusste, über diese Frau schreibe ich ein Buch. Meine erste Biografie „Die Nonkonformistin“ ist dann 2002 erschienen.

Objekt der Begierde; Adjustable Table neben dem Bibendum Sessel von Eileen Gray
Ich habe nie gedacht, dass der Adjustabe Table so gut für kleine Kinder geeignet ist. Aber das ist er.

smow: Sie waren also die Pionierin auf dem deutschen Buchmarkt?

Charlotte Kerner: Jaja [lacht]. Ich vermute, wenn ich vor über zwanzig Jahren eine Lesung in Leipzig gemacht hätte, wären nicht so viele gekommen wie heute. Zwar war der Adjustable Table auch damals längst eine Design-Ikone und stand in der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art, trotzdem ergeht es bis heute noch vielen Menschen wie mir bei unserer ersten Begegnung. Deshalb lautet die Überschrift meines Vorwortes auch: Kennen Sie Eileen Gray oder stehen Sie gerade neben ihrem Beistelltisch?

Eileen Gray ist die Mutter aller Beistelltische

smow: Was sagt es denn über Eileen Gray aus, dass gerade ein derart reduziertes und eben eher bescheidenes Möbelstück zu dem bekanntesten Entwurf von ihr wurde?

Charlotte Kerner: Der Tisch strahlt etwas aus, das auch ihr Leben, ihre Persönlichkeit ausmachte. Etwas Männlich-Weibliches, Sinnlich-Klares. Und er ist schlicht praktisch. Sie hat ihn wie schon erwähnt als Nachttisch gedacht, der sich wegen des einen seitlichen Fußes so unter das Bett schieben lässt, dass er wunderbar zum Frühstückstisch taugt. Er ist bestechend im Aussehen und in der Nutzung. Und – etwas überspitzt gesagt – macht er Eileen Gray zur Mutter aller Beistelltische, die später kamen.

Sie ist nie stehen geblieben, und dabei war sie immer ihrer Zeit voraus.

smow: Was fasziniert Sie denn persönlich am meisten an der Vielschichtigkeit dieser Frau?

Charlotte Kerner: Sie ist nie stehen geblieben und war deshalb immer ihrer Zeit voraus: Lange als eine Außenseiterin der Moderne, zwischen Lackkunst, Art Deco und Stahlrohr. Als Designerin und Innenarchitektin ist sie dann sehr selbstbewusst ihren Weg gegangen. Sie war mutig, als sie mit Anfang 40 eine eigene Galerie eröffnet hat und zur Geschäftsfrau wurde. Ihren Showroom nannte sie "Jean Désert". Dieser Männername, fast ein Pseudonym, sollte Vertrauen wecken, weil Frauen zu wenig zugetraut wurde. Und auch heute noch wäre es ein kühner Schritt, wenn Sie plötzlich mit fast Fünfzig und als Autodidaktin verkünden, jetzt baue ich mein erstes Haus.

smow: Was hat Sie denn bei Ihrer Recherche am meisten überrascht?

In der Öffentlichkeit konnte sich eine Frau nicht so präsentieren wie heute, die Geschichtsschreibung wurde den Männern überlassen.

Charlotte Kerner: Eileen Grays Geburtsjahr war 1878 , und man muss sich öfters klar machen, wie sie noch sozialisiert worden ist. Übrigens ich habe noch über eine andere Frau ein Buch geschrieben, die ebenfalls 1878 geboren wurde, Lise Meitner, die Atomphysikerin. Beide waren in der Öffentlichkeit oft sehr scheu und zurückhaltend, aber privat das Gegenteil. In der Öffentlichkeit konnte sich eine Frau nicht in der Weise präsentieren wie heute, und auch die spätere Geschichtsschreibung wurde meistens Männern überlassen. Die Architektin und Designerin Charlotte Perriand verhielt sich eine Generation später schon ganz anders und schrieb eine Autobiografie. Dass Gray selbstbestimmt leben konnte, lag nicht nur an der emanzipierten Frauenszene des „Linken Ufers“ in Paris, in die sie eingebunden war; ganz zentral war auch ihre finanzielle Unabhängigkeit. Sie hatte geerbt und musste nicht arbeiten, um sich über Wasser zu halten. Sie besaß schon früh eine Wohnung in Paris, die ihr über 70 Jahre lang Heimat war. Das gab ihr Sicherheit und Freiheit, die sie aber für sich und andere nutzte!

Reflektion pur - smow Interview mit Charlotte Kerner

smow: Spielte denn ihre irische Herkunft eine Rolle?

Charlotte Kerner: Praktisch eher nicht, emotional schon. Als sie ihr Elternhaus nach vielen Jahren besucht hatte, war es von ihrem Schwager umgebaut worden. Sie fand es so furchtbar, dass der Abschied leichter fiel. Auf ihre Herkunft war sie jedoch immer stolz gewesen, das irische Grün taucht zum Beispiel in Teppichentwürfen auf. Sie hat sich im hohen Alter gewünscht, dass es auf der Insel „etwas von Dauer“ von ihr geben würde. Dass in Dublin eine Gray-Dauerausstellung 2001 eingeweiht wurde, erlebte sie natürlich nicht mehr.

smow: Das Haus E 1027 hat ja Architekturgeschichte geschrieben. Würden Sie sagen, dass das Haus mehr über Eileen verrät als ihre Möbel oder steckt in einem Objekt wie dem Adjustable Table genauso viel Persönlichkeit?

Charlotte Kerner: Die Wechselwirkung ist das Besondere: Sie hat das Haus und dabei auch die Möbel für das Haus kreiert. Daher gibt es keine strikte Trennung. Sie hat wirklich eine Einheit gefunden von Architektur und Design. Und die ikonischen Möbel, die wir heute kennen und lieben, sind fast alle für dieses Haus entstanden. Deshalb ist es kein Gegensatz.

smow: Der Konflikt mit Le Corbusier ist ja heute schon fast bekannter als das Haus an sich.

Charlotte Kerner: Das ändert sich gerade. Zum Glück. Denn seit 2021 können wir die komplett restaurierte Villa E 1027 bei Roquebrune besuchen und im Originalzustand erleben. Dieses Gesamtkunstwerk stellt Gray als Pionierin der Moderne in den Mittelpunkt an der Site Cap Moderne. Niemand hält das Haus mehr für ein Haus von Le Corbusier. Sie erscheint deshalb heute viel weniger als sein "Opfer", sondern wird bewusst auf dem Banner vor dem Eingangshangar mit ihm auf Augenhöhe präsentiert. Trotzdem sollte die Hausgeschichte nicht vergessen werden, als ein Lehrstück über Geschlechterverhältnisse. Le Corbusier hatte durch seine Wandbilder Grays Haus quasi in Besitz genommen. Die bunte Übermalung ihrer weißen Wände um 1938 war ein radikaler Übergriff, Peter Adam nannte es als erster eine „Vergewaltigung“. Was aber auf der anderen Seite wichtig ist, Gray lebte zu dieser Zeit schon nicht mehr im Haus, das von Anfang an Jean Badovici gehörte, ihrer Muse. Und er duldete diesen Eingriff des bewunderten Meisters und verschwieg es der Freundin. Als Gray zehn Jahre später davon erfahren sollte, war sie nicht minder empört, und zwar über beide. Das Verrückte ist, dass Corbusiers laute Wandmalereien das Haus, das Gray nie wieder besuchen sollte, am Ende vor dem Abriss geschützt haben, als es um 1998 dem Verfall preisgegeben, quasi ein lost place war. Damals besuchte ich Grays Lebenswerk übrigens zum ersten Mal. Umso berührender war es nun für mich, seine „Auferstehung“ im Oktober 2025 zu erleben! Sie selbst kommentierte die Graffiti von Le Corbusier im hohen Alter souverän: Wenn sie Wandbilder gewollt hätte, hätte sie diese selbst gemalt.

Lebendig und inspirierend - Gespräch mit Autorin Charlotte Kerner
Ästhetisch hat mich der Film sehr überzeugt. Was mir nicht so gefallen hat, war die Darstellung der Beziehung zu Badovici. Die zwei erscheinen fast wie konventionelles Liebespaar, dabei lebten sie gegen alle traditionellen Rollen und Konventionen.

smow: Haben Sie denn den Film gesehen von Beatrice Minger? Hat er Ihnen gefallen?

Charlotte Kerner: Ich habe immer großen Respekt vor der Arbeit anderer. Jede Kunstform liefert eine eigene Interpretation und Annäherung an die Person Gray. Ästhetisch hat mich der Film sehr überzeugt: Die Art, wie Minger das Haus und die Erbauerin darin gefilmt hat, auch die Besetzung der Personen ist wunderbar. Was mir nicht so gefallen hat, war die Darstellung der Beziehung zu Badovici. Die zwei erscheinen fast wie konventionelles Liebespaar, dabei lebten sie gegen alle traditionellen Rollen und Konventionen. Der Eindruck entsteht auch, die drei - Gray, Bado und Corbu - hätten sich damals auf Augenhöhe ausgetauscht. Das war nie der Fall. Der Film suggeriert es, obwohl Beatrice Minger hier einen abstrakten Reflektionsraum schafft. Die raren, mehr theoretischen Äußerungen von Eileen Gray in der Architekturzeitschrift von Badovici legt sie ihr in den Mund in diesen Gesprächen. Aber auch das ist natürlich ein legitimer Kunstgriff.

Alles Wissen gebündelt in einem Buch - "Pionierin der Moderne. Die Architektin und Designerin Eileen Gray" ist die Neuauflage der Eileen Gray Biografie von Charlotte Kerner

smow: Was hat Sie persönlich angetrieben, Eileen Gray eine Biografie zu widmen und wie verändert die Wiederauflage Ihres Buchs den Blick auf die Designerin?

Charlotte Kerner: Die erste Biografie war zum einen vergriffen, und weil sich 2026 Grays Todestag zum fünfzigsten Mal jährt, gab es einen guten Grund, an diese Pionierin wieder zu erinnern. Zudem existieren neuere Forschungen, neue Details, die ich an vielen Stellen einbauen konnte. Gray wird inzwischen zum Beispiel auch als queere Ikone gehandelt: Sie hat die Auflösung der gängigen, strengen binären Ordnung konsequent betrieben - in ihrem persönlichen Leben, in der Gestaltung der Möbel und in der Architektur. Vielleicht passt sie deshalb so gut in unsere Zeit. Und noch zwei weitere Gründe für das Buch: Der Sessel Bibendum wurde bereits in diesem Jahr 100 Jahre alt, und 2027 feiert der Adjustable Table ebenfalls seinen 100. Geburtstag. Auch ihnen setzt das Buch ein Denkmal. Zum Glück gibt es die von Gray noch autorisierten Re-Editionen, die wir uns kaufen können. Genau das war ihr auch wichtig gewesen. Dass sich Menschen ihre Möbel leisten können. Erschwinglich sind sie heute durchaus, aber natürlich nicht „billig“. Deswegen gibt es heute so viele Raub-Kopien. Weil Gray eben begehrt ist. Wirkliche Originale sind extrem rar, sie stehen in Museen oder bei Privatleuten, die sie hüten wie einen Schatz, denn hier reden wir von sechsstelligen bis zu Millionenbeträgen, die bezahlt werden müssen!

smow: Eileen Gray und ihre Sexualität ist ja immer auch ein Thema. Wie sind Sie als Biografin damit umgegangen?

Charlotte Kerner: Man muss respektieren, dass sie fast alles Persönliche vernichtet hat. Das heißt, wir müssen schauen, wo gibt es Quellen. Und eine Quelle war Peter Adam, den ich noch treffen und befragen konnte. Er lebte selbst auch offen schwul und hat Gray fast zwölf Jahre gekannt. Diesem Zeitzeugen hat sie sexuelle Beziehungen mit Männern und Frauen gestanden. Und auch schon als Studentin hat sie gewagt, das auszuleben. Wie sie die Liebe im Allgemeinen sieht, dazu gibt jetzt einen späten Briefwechsel zwischen ihr und einem Malerfreund, der ist neu veröffentlicht worden durch das Museum in Dublin. Dort wurde übrigens in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel neues Material zusammengetragen.

Man muss sich in einen Mann verlieben, der so über einen schreibt.

smow: Welches Museum?

Charlotte Kerner: Das National Museum of Ireland, das in den Collins Barracks die schon erwähnte Sonderausstellung zu Eileen Gray betreut. Gray pflegte übrigens lebenslange Freundschaften zu Frauen und Männer. Der 15 Jahre jüngere Architekt und Journalist Jean Badovici war – neben ihrer treuen Haushälterin – am wichtigsten. Er hatte sie in einem Artikel 1924 das erste Mal in der Öffentlichkeit gelobt. Und ich habe nach der Lektüre gesagt, jede Frau würde sich in einen Mann verlieben, der so begeistert über sie schreibt. Er war wirklich ihre Muse, eine Rolle, die sonst eher Frauen übernehmen. Es war sein Glaube an sie als Designerin und vor allem als Architektin, der sie unheimlich getragen hat. Dafür steht auch das berühmte Kürzel E 1027, in dem ihrer beiden Initialen verschränkt sind: Das E für Eileen und die 7 für Gray bilden den Rahmen - sie gab schließlich das Geld - um die 10 für Jean und die 2 für Badovici Ich sehe darin mehr als nur einen Liebesbeweis: Das Kürzel ist ein Zeichen für Dialog und Austausch, und anfangs war es wohl auch als ein Firmenname des Architektenpaares gedacht. Die technisch wirkende Buchstaben- und Ziffernfolge ähnelt auch der Registriernummer eines Schiffes, schließlich erinnert ihre Villa – mit der Reling und dem Aufbau – an ein Schiff aus Beton, das an der Küste liegt, bereit jederzeit loszufahren!

„Sie war eine Frau, die sich das Recht nahm, Auto zu fahren und unabhängig zu sein. Das wird auch im ‚Bibendum‘ aufgegriffen, das ist eigentlich mein Lieblingsstück.”

smow: Stimmt es, dass Eileen Gray begeisterte Autofahrerin war?

Charlotte Kerner: Ja. sie machte schon 1907 den Führerschein, auch auf diesem Feld war sie eine Pionierin. Als ich jetzt vor Ort bei Roquebrune recherchiert habe, waren mein Mann und ich unterwegs zu ihrem zweiten Haus in Castellar. Leider hatte ich etwas Falsches ins Navi eingegeben, und wir haben uns verfahren. Auf dem Marktplatz bin ich ausgestiegen und habe eine Frau angesprochen, die mir tatsächlich sagen konnte, wo das Haus von Eileen Gray lag. Von ihr habe ich auch erfahren, dass ihre Mutter und Großmutter die Pariserin als „sehr wilde“ Autofahrerin noch erlebt haben. Später konnte Gray wegen einer Augenerkrankung nicht mehr gut sehen, wahrscheinlich wegen eines Grauen Stars. Dass sie kein Auto mehr fahren konnte, schmerzte sie sehr. In der ganzen Automobil-Geschichte steckt für mich auch ein größeres Thema: Frauen, die sich das Recht nehmen, Auto zu fahren und unabhängig zu sein. Genau das wird von ihr auch im Sessel „Bibendum“ aufgegriffen – diese Figur des Michelin-Männchens, das sie in einem Club-Sessel verwandelt und dabei mit männlichen und weiblichen Rollenbildern spielt. Sie hat dem männlichen Möbel die üblichen Füße weggehauen, die ihn so schwer und unverrückbar machen. Indem sie den Sessel auf einen feinen Stahlrohrunterbau setzt, untergräbt symbolisch die väterliche Autorität. Dieses Werk und diese Prise Humor gefällen mir besonders gut, es ist eigentlich mein Lieblingsstück. Darauf spare ich noch.

smow: Ganz herzlichen Dank, Frau Kerner!

Blick in die Biografie

Charlotte Kerner, Pionierin der Moderne | Die Architektin und Designerin Eileen Gray. Eine Biografie | 240 Seiten, Hardcover | ISBN 978 -3-69001 -033 -7 | E. A. Seemann Verlag, Leipzig

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