NRW-Forum Düsseldorf präsentiert Peter Behrens und die Vielfalt der Gestaltung

Als Nachtrag zu unserem Post „5 Neue Designausstellungen im März 2015″ wollen wir noch auf eine Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf hinweisen, die bis 28. März läuft und dem Künstler, Architekten, Designer und Multitalent Peter Behrens gewidmet ist.

Der am 14. April 1868 in Hamburg geborene Peter Behrens war nicht nur einer der frühen Produktdesigner und ersten Befürworter der Idee des Corporate Designs, sondern spielte auch eine ausschlaggebende Rolle für die Entwicklung der modernen europäischen Architektur. Dennoch wird Behrends Beitrag zu Design und Architektur in Europa, ähnlich wie der seines Zeitgenossen Henry van de Velde, häufig auf ein paar wenig Gebäude und Zeitpunkte reduziert.

„Peter Behrens und die Vielfalt der Gestaltung“ im NRW-Forum Düsseldorf will nun den Mann, seine Arbeit und seinen Einfluss in vollem Umfang erforschen.

Peter Behrens

Peter Behrens, ca. 1913 (fotografiert von Waldemar Titzenthaler. Quelle: Wikimedia)

Zunächst in Hamburg und später in Karlsruhe als Künstler ausgebildet, zog Peter Behrens 1892 nach München, wo er sein eigenes Atelier eröffnete und zu den Gründungsmitgliedern der an der Art Nouveau orientierten Münchner Secession gehörte, bevor er 1897 dabei mitwirkte die Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk zu gründen. Dabei handelte es sich um eine von Künstlern und Architekten gegründete Firma, die Möbel und andere Inneneinrichtungsgegenstände auf damals neuartige und fortschrittliche Art und Weise produzieren sollte. Durch die Vereinigten Werkstätten und den Kontakt zu führenden Protagonisten wie Bruno Paul und Richard Riemerschmid wuchs Peter Behrens‘ Interesse am Handwerk und dessen Verbindung mit der Kunst zunehmend. Eine Entwicklung, die 1899 noch beschleunigt wurde, als man ihn einlud an der sogenannten Mathildenhöhe Künstlerkolonie in Darmstadt teilzunehmen.

Konzipiert war die Künstlerkolonie als ein Ort, an dem Künstler arbeiten konnten – sowohl miteinander als auch alleine, aber auch als lebendige Ausstellung eines neuen Verständnisses von Architektur, Kunst, Design und der Verbindungen dieser Genres. Die Mehrzahl der Häuser für die Mathildenhöhe wurden von dem österreichischen Architekten Joseph Maria Olbrich entworfen. Nur Peter Behrens entwarf seine eigene Behausung, sein erstes Architekturprojekt und ein Gebäude, das nicht nur von zeitgenössischen Kritikern sehr bewundert wurde, sondern das auch trotz seiner Art-Nouveau-Andeutungen Behrens‘ neues Denken zum Ausdruck brachte – oder wie Professor Stanford Anderson eloquent festhält: „Behrens‘ Glaube an die formale Kraft der Linie, die sich in seinen Grafiken manifestiert, zeigt sich hier in drei Dimensionen.“¹

Nach einer Serie von Disputen über die Richtung, in die sich die Mathildenhöhe entwickeln sollte, verließ Peter Behrens 1903 die Künstlerkolonie, um Direktor der Kunstgewerbeschule Düsseldorf zu werden, bevor er wiederum 1907 zum künstlerischen Leiter von AEG in Berlin ernannt wurde. Damals war AEG einer der größten Produzenten von Elektronikartikeln für den industriellen und häuslichen Gebrauch.

Anfänglich nur mit der Umgestaltung der AEG Arc Lampenkollektion betraut, übernahm Peter Behrens schnell sämtliche künstlerischen und ästhetischen Bereiche der Produktion, bevor er schließlich auch die Verantwortung für die Architektur übernahm. Einer Serie von temporären Ausstellungspavillons folgte 1909 Peter Behrens erstes Fabrikgebäude für AEG, das AEG-Turbinenwerk in Berlin Moabit.

Das AEG Turbinenwerk ist mit einem Stahlträgerkonstruktionssystem ausgestattet und so nicht nur nennenswert hinsichtlich der Art und Weise wie Behrens die Kräne in die Struktur integriert hat, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass das, was man für solide Betonwände hält, tatsächlich nur Verkleidungen ohne jede strukturelle Funktion sind. Als ein echtes Wunder der modernen Architektur verhalf das Turbinenwerk Peter Behrens damals einerseits vom Image als Künstler auf Abwegen, der gestalten aber nicht notwendigerweise designen konnte, wegzukommen, und sorgte zudem für Verständnis und Akzeptanz hinsichtlich der neuen, progressiven Ideen in der Architektur. Nach dem Erfolg des Turbinenwerks baute Peter Behrens weitere Fabrikgebäude und Komplexe für AEG, entwickelte Siedlungen für AEG-Arbeiter, Bootshäuser für den firmeneigenen Ruderclub und sogar U-Bahn Stationen.

Darüber hinaus realisierte Peter Behrens eine enorme Reihe von Produkten für AEG: von industriellen Schaltbrettern über Motoren, Uhren und Kessel, bis hin zu Ventilatoren in unterschiedlichen Größen. Zudem entwickelte Behrens das Innendesign für die Läden der Firma und war für die Entwicklung der Corporate Identity von AEG verantwortlich, zu der auch Verpackungen, Logos und die firmeneigene Kommunikationstechnik gehörten. So half Behrens AEG, und letztlich der gesamten deutschen Industrie, sich auf die kulturellen, sozialen und ökonomischen Veränderungen des frühen 20. Jahrhunderts einzustellen und die Idee einer Firma als Marke zu etablieren.

Parallel zu – und nach – seiner Arbeit für AEG arbeitete Peter Behrens als freischaffender Architekt. Seine nennenswertesten Arbeiten sind unter anderem das Mannesmann-Haus in Düsseldorf, die deutsche Botschaft in Sankt Petersburg, die Villa Wiegand in Berlin und das Verwaltungsgebäude für die Hoechst AG in Frankfurt. Peter Behrens steuerte außerdem zwei Gebäude zur Weißenhofsiedlung in Stuttgart bei.

Eines von Peter Behrens letzten Architekturprojekten waren das Alexanderhaus und das Berolinahaus am Alexanderplatz in Berlin. Errichtet wurden die Gebäude zwischen 1929 und 1932 als Teil des nie vollständig realisierten Bebauungskonzepts für den Alexanderplatz. Sie sind bis heute die einzigen kompetenten und relevanten Gebäude an dieser Stelle und wären in einer vernünftigen Welt, ein zwingender Leitfaden und eine notwendige formale Referenz für alle, die vorhaben an diesem Standort zu bauen.

In diesem Zusammenhang verspricht die Ausstellung Peter Behrens und die Vielfalt der Gestaltung zudem noch ein besonderes Highlight: die erste öffentliche Präsentation der Pläne von Behrens‘ nie realisierten dritten Gebäude am Alexanderplatz. Wir haben die Pläne nicht gesehen, würden aber trotzdem vorschlagen, Frank Gehrys Hochhausprojekt zu verbannen und stattdessen Peter Behrens Entwurf zu realisieren … und Berlin so einen großen Gefallen zu tun.

Alexanderhaus Peter Behrens Alexanderplatz

Alexanderhaus von Peter Behrens, Alexanderplatz Berlin

Peter Behrens arbeitete nicht nur als Architekt und Designer, sondern war wie gesagt auch Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, unterrichtete an führenden europäischen Institutionen und kreierte die Schrift für den Schriftzug „Dem Deutschen Volke“, der bis heute die Fassade des Reichstagsgebäudes ziert und ein direkter persönlicher Einfluss auf Behrens‘ Nachfolger war.

Nach seinem Umzug nach Berlin eröffnete Peter Behrens sein eigenes Architekturbüro in einem Mietshaus in Potsdam-Babelsberg, wo er unter anderem Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe beschäftigte. Die gemeinsame Zeit der beiden mit Behrens schuf nicht nur eine lebenslange Verbindung, sondern auch die grundlegende Auffassung der Architekten, d.h. ihr Verständnis von Architektur, der Rolle von Architektur und des Produktdesigners. Zudem entwickelte sich ihre Sicht auf die kommenden Herausforderungen, die Veränderungen der Industrialisierung und die Notwendigkeit neuer Ansätze, um diese Veränderungen zu meistern.

Außerdem arbeitete im Jahr 1910 der junge Schweizer Architekt Charles-Édouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier 5 Monate in Behrens‘ Atelier. Sein Aufenthalt war Teil einer Studienreise, aus der 1912 sein Buch „Étude sur le mouvement d’art décoratif en Allemagne“ hervorging, eine der ersten Untersuchungen einer Bewegung, die später die „Moderne“ werden sollte. Der Text trug dazu bei, die Geschehnisse im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts zu verbreiten. Zudem beschrieb Le Corbusier Peter Behrens in dieser Arbeit als „kraftvolles, tiefgründiges und ernstes Genie“, das „gepackt von einem Bedürfnis nach Kontrolle; als sei er geschaffen für diese Aufgaben und für diese Zeit: absolut wesensverwandt mit dem Geist des derzeitigen Deutschlands.“ So hatten die 5 Monate wohl auch auf Le Corbusier anhaltende Auswirkungen.

Als kompromissloser Verfechter der Reduktion von Verzierungen und einer klaren, geordneten Formensprache – Behrens ging einmal so weit, dass er die gesamte gotische Verzierung an der Fassade eines bestehenden AEG-Gebäudes entfernen ließ – war Peter Behrens nicht nur für Veränderungen in Architektur und Design während der frühen 1920er Jahre verantwortlich, Behrens‘ Beitrag ist indes auch kritisch zu betrachten. Und so verlangt das Verständnis zeitgenössischer Architektur und zeitgenössischen Designs in vielerlei Hinsicht, die Kenntnis Peter Behrens‘ und seines Œuvres.

Wir haben „Peter Behrens und die Vielfalt der Gestaltung“ nicht gesehen, jedoch ist eigentlich jede Ausstellung, die sich mit Peter Behrens befasst, einen Besuch wert.

„Peter Behrens und die Vielfalt der Gestaltung“ läuft im NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf bis Samstag, den 28. März 2015.

Alle Details sind unter www.peter-behrens-ausstellung.de zu finden.

1. Stanford Anderson, Peter Behrens and a New Architecture for the Twentieth Century, The MIT press, Cambridge, Massachusetts. 2000

Peter Behrens AEG fan

Ein Peter Behrens Ventilator – 1908 für AEG entwickelt.

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