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Form, Licht und Alltag: Im Gespräch mit Jette Scheib


Veröffentlicht am 15.09.2026

Gutes Design beginnt manchmal damit, genauer hinzusehen. Jette Scheib beobachtet ihre Umgebung, Menschen und die Dinge, die sie im Alltag umgeben – und findet darin immer wieder neue Ausgangspunkte für ihre Entwürfe. Die gebürtige Deutsche studierte Produktdesign an der Universität der Künste Berlin (UdK) und gründete nach ihrem Abschluss 2005 ihr eigenes Studio. Zunächst entstanden vor allem Wohnaccessoires und Geschenkartikel für internationale Unternehmen. 2009 kehrte sie als Designlehrerin für drei Jahre an die UdK zurück, bevor sie sich ab 2018 zunehmend auf Interior- und Lichtdesign konzentrierte.

Mittlerweile lebt und arbeitet Jette Scheib in den Niederlanden, wohin sie der Liebe wegen gezogen ist. Ihre Inspiration findet sie ganz unmittelbar in ihrer Umgebung: in organischen Formen der Natur ebenso wie in alltäglichen Situationen und im Zusammenspiel von Menschen und Objekten. Mit der Urchina hat sie nun eine Leuchte für Le Klint entworfen, bei der genau dieses Interesse an Form, Funktion und dem alltäglichen Umgang mit Dingen zusammenkommt.

Wir haben Jette Scheib zur Entstehung der Urchina für Le Klint und zu ihrer Arbeit als Designerin befragt – von ihren Inspirationsquellen bis zum Entwurfsprozess.

Designerin Jette Scheib mit ihrer Leuchte Urchina von Le Klint

Interview mit Jette Scheib

smow: Die Urchina wurde dieses Jahr zum ersten Mal im Rahmen der 3daysofdesign in Kopenhagen präsentiert. Wie war es für dich, die Leuchte dort zum ersten Mal zu zeigen?

Jette Scheib: Dänisches Design ist seit langem ein wichtiger Teil internationaler Designgeschichte. Die gefalteten Leuchten von Le Klint sind Ikonen und Teil des dänischen Designerbes – unverkennbar und weltweit bekannt. Die Urchina war meine erste Zusammenarbeit mit Le Klint. Ich bin sehr glücklich und fühle mich geehrt, dass ich meine eigene Interpretation einer Le Klint Leuchte entwickeln durfte und sie nun Teil der wunderschönen Le Klint Kollektion geworden ist. Meine Leuchte während der 3daysofdesign im Showroom von Le Klint im Herzen Kopenhagens präsentiert zu sehen, war sehr aufregend.

Licht bringt Menschen zusammen. Es bestimmt die Stimmung eines Raumes und kann völlig verändern, wie sich ein Raum anfühlt.

smow: Was war der Ausgangspunkt für das Design der Urchina – gab es einen bestimmten Moment, eine Idee oder ein Objekt, das dich inspiriert hat?

Jette Scheib: Die besondere Ästhetik der Le Klint Leuchten wird durch ihre Falttechnik geprägt. Nach einem präzisen Muster wird ein einziges Blatt Papier in ein skulpturales, rundes Objekt verwandelt. Nichts ist zufällig oder rein dekorativ – alles folgt einer klaren Ordnung, und dennoch entsteht ein ausgesprochen dekoratives Objekt. Die Schale eines Seeigels ist auf ähnliche Weise aufgebaut. Auch seine organische Form basiert auf einem beinahe architektonischen System aus Wiederholung, bei dem das Muster sowohl die Struktur als auch das Erscheinungsbild bestimmt. Der Seeigel wurde zu meiner Inspiration, und der Name Urchina leitet sich vom englischen Begriff „sea urchin“ – Seeigel – ab.

smow: Was macht die Urchina für dich zu einer besonderen Leuchte – und worin unterscheidet sie sich von deinen bisherigen Designs?

Jette Scheib: Meine Arbeit mit Le Klint begann aus reiner Neugier. Ich wollte herausfinden, wie die Falttechnik funktioniert, und habe angefangen, damit zu experimentieren, wie sich unterschiedliche Volumen erzeugen und falten lassen. Es war faszinierend und hat großen Spaß gemacht. Aus diesem Prozess sind ein paar interessante Objekte entstanden – darunter auch Urchina. Was Urchina für mich besonders macht, ist die sehr physische und intuitive Art, wie sie entstanden ist. Anders als viele meiner bisherigen Entwürfe konnte ich sie nicht einfach in 3D auf dem Computer zeichnen und das endgültige Ergebnis vorhersehen. Die Komplexität der Faltung musste ich durch das tatsächliche Machen entdecken. Auch der lange Prozess des Faltens jedes einzelnen Versuchs hat eine besondere Verbindung und Vertrautheit mit dem Objekt geschaffen, die ich zuvor so noch nicht erlebt hatte.

Details der Urchina Pendelleuchte

smow: Was fasziniert dich besonders am Entwerfen von Leuchten?

Jette Scheib: Licht bringt Menschen zusammen. Es bestimmt die Stimmung eines Raumes und kann völlig verändern, wie sich ein Raum anfühlt. Selbst auf dem bequemsten Sessel sitzt man nicht gut, wenn das Licht im Raum nicht stimmt. Neben der wichtigen Funktion von Beleuchtung liebe ich die künstlerische Freiheit, die dekoratives Leuchtendesign bietet. Eine Leuchte kann mehr sein als eine Lichtquelle – sie kann ein skulpturales Objekt, ein Statement oder das Schmuckstück eines Raumes sein.

smow: Die Urchina ist ein sehr charakteristisches Objekt. Wie wichtig ist es dir, dass ein Design in einem Raum auch zum Blickfang wird?

Jette Scheib: Ich finde, dekorative Leuchten sollten einem Raum Atmosphäre und Charakter verleihen. Ich möchte, dass meine Leuchten gute Gesellschaft bieten – dass sie Licht spenden, aber auch etwas sind, das man gerne um sich hat und zu dem man eine Verbindung entwickeln kann. Für mich geht es bei einem Blickfang nicht darum, Aufmerksamkeit einzufordern, sondern um eine Präsenz, die Wärme und ein Gefühl von Vertrautheit in einen Raum bringt.

Ich bin immer ein wenig nervös, wenn ich ein fertiges Design zum ersten Mal sehe, denn als Designer sind wir mit unserer eigenen Arbeit oft unsere strengsten Kritiker.

smow: Gab es während des Entwicklungsprozesses einen Moment, in dem Urchina eine entscheidende Wendung genommen hat?

Jette Scheib: Als ich diesen an einen Seeigel erinnernden Körper entwickelt hatte, hatte ich das Gefühl, dass etwas Warmes fehlte, um seine organische Form und seinen Charakter zu unterstreichen. Mit den Holzelementen war der Moment gekommen, in dem die Urchina plötzlich zu atmen und zum Leben zu erwachen schien.

smow: Wie verändert sich deine Perspektive auf ein Design, wenn du es zum ersten Mal in einem echten Raum siehst?

Jette Scheib: Ich bin immer ein wenig nervös, wenn ich ein fertiges Design zum ersten Mal sehe, denn als Designer sind wir mit unserer eigenen Arbeit oft unsere strengsten Kritiker. Aber Le Klint hat meinen Entwurf wunderschön umgesetzt. Die Qualität, die Materialien und jedes noch so kleine Detail waren genau so, wie ich es mir erhofft hatte.

smow: Wie bist du bei der Auswahl der Materialien und Oberflächen vorgegangen? Was war dir dabei besonders wichtig?

Jette Scheib: Die von P. V. Jensen-Klint entwickelte Falttechnik war ursprünglich vom japanischen Origami inspiriert. Ich wollte die Verbindung des Japanischen und Nordischen auch bei der Wahl der Materialien aufgreifen. Urchina ist aus einer warmweißen Lampenschirmfolie gefaltet, die robust und leicht zu reinigen ist, aber wie Papier wirkt. Um die dänische Seite in das Design einzubringen, habe ich warmes, helles Eichenholz als Kontrast zum weißen Schirm gewählt. Für mich vereint die Kombination beide Einflüsse – die japanischen Ursprünge der Falttechnik und die Wärme und Schlichtheit des nordischen Designs.

Das ist für mich einer der interessantesten Aspekte, wenn ein Design auf den Markt kommt – zu sehen, wie es ein Eigenleben entwickelt.

smow: Die Urchina ist jetzt auch bei smow erhältlich. Wo würdest du sie selbst am liebsten einsetzen – und mit welchem Möbelstück oder Objekt würdest du sie kombinieren?

Jette Scheib: Ich stelle mir Urchina einzeln oder in einer kleinen Gruppe in einem hellen, luftigen Raum vor, vielleicht über einem Eichentisch. Ein skandinavisch oder japanisch inspiriertes Ambiente würde sehr gut zu ihr passen, besonders mit ein paar Holzelementen und schlichten, zeitlosen Möbeln. Ich bin sehr gespannt darauf zu sehen, wie Interior Designer und Architekten mit der Urchina-Serie arbeiten werden. Ich kann es kaum erwarten, die unterschiedlichen Visionen und Konzepte zu sehen, die sie rund um die Leuchte entwickeln werden, und wie die Leuchte mit verschiedenen Räumen, Materialien und Möbelstücken interagieren wird. Das ist für mich einer der interessantesten Aspekte, wenn ein Design auf den Markt kommt – zu sehen, wie es ein Eigenleben entwickelt.

Frauen haben es oft schwerer, den Fuß in die Tür zu bekommen und Vertrauen zu gewinnen.

smow: Hast du persönlich Erfahrungen gemacht, in denen es einen Unterschied gemacht hat, als Frau im Design zu arbeiten?

Jette Scheib: Es ist noch immer so, dass Design ein von Männern dominiertes Berufsfeld ist. Man könnte denken, dass das etwas mit elektrotechnischem Verständnis zu tun hat – etwas, das allgemein fälschlicherweise noch immer eher Männern zugesprochen wird. Aber auch im Modedesign ist der Anteil männlicher Designer in Führungspositionen nach wie vor höher. Ich denke, dass sich viele junge Designerinnen davon einschüchtern oder gar abschrecken lassen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Auch mir sind auf meinem Weg Männer in der Branche begegnet, die mich nicht als potenzielle Geschäftspartnerin wahrnehmen wollten. Sehr schade – für beide Seiten. Bei der Umsetzung meiner Entwürfe ist es ebenfalls vorgekommen, dass ohne Rücksprache mit mir Änderungen an meinen Zeichnungen vorgenommen wurden, weil man davon ausging, dass mein Lösungsvorschlag nicht gut durchdacht oder fehlerhaft sei. Das Ergebnis war dementsprechend nicht wie gewünscht und musste anschließend korrigiert werden. Großes Ego, selbstbewusstes Auftreten und eine gewisse Arroganz werden bei Männern häufig als Zeichen von Kompetenz wahrgenommen, bei Frauen dagegen eher als „pushy“ oder unangenehm. Das führt dazu, dass weder Zurückhaltung noch Brusttrommeln uns Frauen wirklich weiterhelfen.

Um es kurz zu sagen: Frauen haben es oft schwerer, den Fuß in die Tür zu bekommen und Vertrauen zu gewinnen. Wenn es dann aber zu einer Zusammenarbeit kommt, werden gerade Eigenschaften, die eher als weiblich bezeichnet werden – Freundlichkeit, Geduld, Sorgfalt, Verständnis und Zuverlässigkeit – sehr geschätzt. Und genau diese Eigenschaften können die Grundlage für langjährige und erfolgreiche Geschäftspartnerschaften sein.

Jette Scheibs Haltung zum Thema Design: Weniger kurzlebiger Konsum und mehr Wertschätzung für ein gut gemachtes, langlebiges Produkt

smow: Welche Tipps, Erfahrungen oder Impulse würdest du jungen Designerinnen heute mit auf den Weg geben, die gerade ihre eigene Stimme in der Designwelt suchen?

Jette Scheib: Ich möchte jungen Designerinnen vor allem mitgeben, sich nicht abschrecken oder einschüchtern zu lassen. Verliert nicht die Freude am Entwerfen und vor allem nicht das Vertrauen in euch selbst – ganz egal, wem oder was ihr auf eurem Weg begegnet. Eine Absage oder auch gar keine Antwort auf einen vorgestellten Entwurf bedeutet nicht automatisch, dass der Entwurf schlecht ist. Vielleicht passt er einfach nicht zu der Kollektion, an der ein Unternehmen gerade arbeitet. Vielleicht gefällt die Idee, ist sie aber in der Herstellung zu teuer. Es gibt unzählige Gründe für eine Absage – und oft schlicht zu wenig Zeit für eine ausführliche Erklärung. Den Kontakt zu halten, weiterhin im Gespräch zu bleiben und eine positive Haltung zu bewahren, ist deshalb wichtig. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Und wenn nicht, dann vielleicht beim übernächsten.

Wenn ich Design also als Sprache betrachte, haben wir meiner Meinung nach zu viel Small Talk. Wir sollten unsere Worte bewusster wählen, um gute, tiefgründige und bewegende Gespräche zu führen.

smow: Wenn du Design als eine Sprache oder ein Medium siehst, welche Botschaft möchtest du als Designerin – besonders als Frau – heute in die Welt tragen?

Jette Scheib: Ich würde mir wünschen, dass sowohl im Design- als auch im Herstellungsprozess mehr Wert auf Qualität, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit gelegt wird. Dazu gehört für mich auch eine verantwortungsbewusste Wahl der Hersteller – mit Blick auf Umwelt, Arbeitsbedingungen und Menschlichkeit. Ebenso wünsche ich mir, dass die Auswahl von Designern stärker von der Qualität, dem Innovationsgrad und dem Nutzen eines Entwurfs abhängt und weniger vom Bekanntheitsgrad oder Namen des Designers. Was zählt, ist das Produkt und das, was es uns geben und wofür es uns nützen kann. Es geht nicht darum, wer es gemacht hat. Wenn ich Design also als Sprache betrachte, haben wir meiner Meinung nach zu viel Small Talk. Wir sollten unsere Worte bewusster wählen, um gute, tiefgründige und bewegende Gespräche zu führen. Meine kürzlich begonnene Zusammenarbeit mit der dänischen Leuchtenfirma Le Klint freut mich in dieser Hinsicht besonders. Das Unternehmen setzt auf qualitativ hochwertige Produkte, zeitloses Design, nachhaltige und recycelbare Materialien sowie bewusst auf lokale Herstellung in Handarbeit. Die Lampenschirme werden in der eigenen Werkstatt gefaltet, und auch die verwendeten Metall- und Holzteile stammen aus Dänemark. Für mich verkörpert diese Art des Herstellens genau die Haltung, die ich mir für die Zukunft des Designs wünsche: weniger kurzlebiger Konsum und mehr Wertschätzung für ein gut gemachtes, langlebiges Produkt.

smow: Vielen Dank, liebe Jette!

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