
Was macht ein Raum mit uns? Und wie viel Atmosphäre verträgt Architektur? Zum 100. Geburtstag von Verner Panton haben smow, Vitra und A&W Architektur & Wohnen am 7. Oktober 2026 in den smow Store Stuttgart eingeladen. Auf dem Podium: Innenarchitekt Peter Ippolito, Designhistoriker Mathias Remmele und Farbexperte Prof. Dr. Axel Buether. Ein Abend über Farbe im Kopf, vergessene Decken und die Frage, warum gute Räume auch reiben dürfen.
Der Abend beginnt mit einem kleinen Test. Jörg Oetinger, Geschäftsführer von smow Stuttgart, zeigt auf eine Akkuleuchte und fragt ins Publikum: Ist das eine originale Panton-Leuchte? Viele Hände gehen hoch. Die Auflösung: Ist sie nicht. Panton hat die Panthella als Steh- und als Tischleuchte entworfen, Akkutechnik gab es damals noch nicht. Die kleine kabellose Version ist später entstanden, original in Proportion und Form, aber nicht von ihm selbst erdacht. Erkannt hat sie trotzdem fast jeder. Ein ikonisches Design zu skalieren, sagt Oetinger, sei noch vergleichsweise einfach. Spannender sei die Frage, wie das mit Form, Farbe und Funktion bei einer architektonischen Aufgabe funktioniert.
Um genau diese Frage geht es beim ersten Abend der neuen Reihe „Talking Spaces“, die smow gemeinsam mit A&W ins Leben gerufen hat. Unter dem Titel „Ikonische Räume neu gedacht“ diskutierten die Gäste über Verner Panton, die Spiegel-Kantine und die Zukunft atmosphärischer Räume. Das Thema: Verner Panton, die Spiegel-Kantine und die Zukunft atmosphärischer Räume. Der Rahmen passt: Vitra hat für den Abend im smow Store in der Stuttgarter Breitscheidstraße 10 ein eigenes Panton-Setting eingerichtet, mit dem Heart Cone Chair, dem Amoebe Sessel, dem Panton Chair in Rottönen und dem Living Tower. 100 Gäste sitzen mittendrin, die Veranstaltung war innerhalb kurzer Zeit ausgebucht.
Verner Panton dachte Räume als Gesamterlebnis aus Farbe, Licht, Material und Mobiliar. Für einen Designer seiner Zeit war das nahezu revolutionär, sagt Karen Hartwig, Chefredakteurin von A&W Architektur und Wohnen, die durch den Abend führt. Designhistoriker Mathias Remmele ordnet ein: Der Däne war ausgebildeter Architekt und arbeitete mit Möbeln, Leuchten und, oft übersehen, mit Textil. Bekannt wurde er durch eine Reihe spektakulärer Raumentwürfe, allen voran die Visiona 2 auf der Kölner Möbelmesse 1970 und die Kantine des Spiegel-Verlags in Hamburg.
Dass die Spiegel-Kantine über Jahrzehnte bestand, hält Remmele für bemerkenswert. Ihr Ende kam nicht, weil man sie nicht mehr mochte, sondern weil der Verlag umzog. Für Peter Ippolito, Mitgründer der Stuttgarter Ippolito Fleitz Group, ist Panton vor allem ein Beispiel dafür, was Zeitlosigkeit eigentlich bedeutet. Nicht Zurückhaltung, sondern eine starke Setzung, die es aushält, geliebt und gehasst zu werden.
Peter Ippolito:

Axel Buether, Wahrnehmungspsychologe, Architekt und einer der führenden Farbexperten im deutschsprachigen Raum, sieht in Panton einen Befreier der Farbe. Er brach mit der zurückhaltenden skandinavischen Farbwelt und war zugleich ein Kind seiner Zeit, der Zeit von Pop-Art, psychedelischen Konzerten und den Bildern von Bridget Riley. Was damals noch kaum bekannt war: Farbe ist kein Bestandteil der Außenwelt.
Axel Buether:
Wie unmittelbar Räume auf uns wirken, verdeutlicht Buether am Beispiel des ersten Moments, in dem wir ein Hotel betreten. Die Sinnesdaten laufen zuerst in die emotionalen Zentren des Gehirns, noch bevor ein Bild entsteht. Im Bruchteil einer Sekunde wissen wir, ob wir uns wohlfühlen werden. Die Farbe stimmt uns ein, ähnlich wie ein Geruch oder ein Geräuschpegel. Wie stark sie die Wahrnehmung eines Raumes prägen kann, zeigt kaum ein Beispiel so eindrücklich wie Verner Pantons Gestaltung der Spiegel-Kantine in Hamburg.

1969 gestaltete Verner Panton die Innenräume des Spiegel-Verlags im Hochhaus an der Hamburger Brandstwiete. Die Kantine ist bis heute sein bekanntestes Raumprojekt: Kräftige Farben ziehen sich über Boden, Wände und Decke, die Decke selbst ist plastisch mit Pyramidenformen gestaltet. Ein Raum, in dem Möbel, Licht und Fläche zu einem einzigen Bild verschmelzen.

Mathias Remmele erinnert daran, dass die Kantine nur ein Teil von Pantons Entwurf war. Er gestaltete für den Spiegel auch die Lobby mit Eingangsbereich und Wartezone, ein Schwimmbad, die Flure und die Arbeitsetagen – jede in einer eigenen Farbe. Dass Panton seine Ideen so umfassend umsetzen konnte, lag auch an Rudolf Augstein. Der Spiegel-Gründer und der Designer verbanden ein besonderes Verhältnis; ohne Augstein, sagt Peter Ippolito, wäre die Kantine nicht entstanden. Augstein habe früh erkannt, welchen Stellenwert ein solcher Ort für ein Unternehmen haben kann. Das zeigte sich nicht nur in der Gestaltung, sondern auch im Alltag: Es gab extrem gutes Essen, ein Sternekoch führte die Kantine, man wurde am Tisch bedient. Und auch die Tischkultur spielte eine Rolle – etwa, wie man sich verabredete, einen Platz auswählte oder signalisierte, ob man Gesellschaft wollte oder lieber für sich blieb.
Peter Ippolito:
Dass die Kantine über vier Jahrzehnte Bestand hatte, ist für Axel Buether keine Selbstverständlichkeit. Auf Phasen, in denen Farbe und Gestaltung besonders mutig eingesetzt werden, folge oft eine Generation, der das alles zu viel sei und die es wieder ruhiger haben wolle. Dass die Spiegel-Kantine solche Wechsel überstand, zeige, wie sehr sie von Anfang an geschätzt wurde. Ein großer Teil der originalen Einrichtung ist heute im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg als Raum-im-Raum-Installation zu sehen.

Wie geht man mit so einem Erbe um? Peter Ippolito hat es erlebt. Als der Spiegel im Herbst 2011 in den Neubau von Henning Larsen an der Hamburger Ericusspitze zog, gewann sein Büro den zweistufigen Wettbewerb für die neue Kantine. Der erste Wunsch der Mitarbeiter sei gewesen, die alte Kantine einfach mitzunehmen. Für Ippolito das größte Kompliment, das Gestaltung bekommen kann.
Peter Ippolito:
Der Spiegel gehört zur Hälfte seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, und das war im Verfahren zu spüren. Über die Arbeitsplätze im neuen Gebäude mit rund 20.000 Quadratmetern Bürofläche sei kaum diskutiert worden, über die Zukunft der Kantine dafür umso intensiver, bis hin zu großen Mitarbeiterversammlungen. Der Spiegel habe früh erkannt, dass Mitarbeiterbindung an einem Ort entsteht, an dem Austausch und Wertschätzung stattfinden. Mit noch mehr Farbe oder noch mehr Form konkurrieren wollte Ippolito nicht. Dazu kamen sehr reale Anforderungen: Der Facility Manager wünschte sich ausdrücklich keine Pyramiden mehr und keinen Teppich, dafür eine Decke, die Lüftung, Akustik und Technik aufnimmt, und einen Raum, der sich für ganz verschiedene Formate leerräumen lässt.

Die Lösung fand das Team im Kontext: im Flirren des Wassers im Hafen rund um das Gebäude. 4.300 Aluminiumteller, jeweils leicht geneigt, bilden heute die Decke. Sie machen die Technik unsichtbar und spiegeln das Leben im Raum tausendfach, für Ippolito ein Bild für einen Ort, an dem ganz verschiedene Meinungen aufeinandertreffen.

Ein Stück Panton ist trotzdem geblieben. Rund 90 Prozent der originalen Einrichtung gingen ins Museum, etwa zehn Prozent behielt der Spiegel und richtete damit im Neubau die Spiegel-Lounge ein, gut sichtbar hinter einer großen Fensterfront. Für Ippolito ist sie die Kuschelecke, die die Mitarbeiter mit ihrer Vergangenheit verbindet, und zugleich ein Schaufenster in die Stadt. Wer an den Spiegel als Gebäude denkt, denkt an seine Kantine. Auch das sei eine unglaubliche Leistung eines Raums.
Die Decke als gestaltete Fläche, das ist ein Thema, das alle drei Gäste beschäftigt. Früher war sie in repräsentativen Räumen selbstverständlich gestaltet, als Kassetten- oder Freskendecke, erinnert Remmele. In der Nachkriegsmoderne wurde sie zum Funktionsträger: Rasterleuchten, Akustikplatten, im besten Fall weiß.
Peter Ippolito:
Buether bringt Beispiele aus seiner Forschung mit: Krankenhäuser, Therapiezentren und Pflegeheime, in denen Menschen vor allem an die Decke schauen und diese trotzdem kaum mitgeplant ist. Dabei könne ein Deckenmotiv oder ein Blick in den Himmel nachweislich Angst mindern und Schmerzen lindern. Sein Appell an das Publikum: die Decke genauso sorgfältig zu planen wie jedes andere Element im Raum.

Das Zitat stammt von Panton selbst. Hat er recht? Buether sagt ja, mit Einschränkung. Ein Großteil unseres Wissens über Farbe ist implizit, ein Bauchgefühl, das uns zum Lieblingsstuhl oder in die Kuschelecke führt. Präferenzen sind teils angeboren, teils kulturell erworben. Doch neben der Frage, was einem gefällt, stehe immer die Frage nach dem Kontext: Der rote Stuhl ist vielleicht cool, passt aber nicht ins eigene Wohnzimmer. Und viele Menschen kennen ihre Vorlieben gar nicht, weil sie Angst vor Farbe haben und lieber zum Neutralen greifen.
Ippolito kennt das aus der Praxis. Bei Textilien müsse man Hunderte Farben anbieten, verkauft werde trotzdem vor allem Neutrales. Umso schöner sei es, wenn sich jemand traut. Er erzählt von einem Unternehmer, der nach dem Verkauf seiner Firma eine Villa im süddeutschen Raum plante und sich während der Bemusterung regelrecht in Farbe verliebte, so sehr, dass das Team ihn eher bremsen musste. Entstanden ist ein hochfarbiger, sehr persönlicher Raum.
Peter Ippolito:
Buether sieht darin sogar eine Verantwortung. Wie bei fremden Küchen oder beim Tanzen wachse die Freude an Farbe mit der Erfahrung. Wer Menschen etwas zumutet, nicht zu viel und nicht überall, könne sie ein Stück weit glücklicher machen. Zumutung als Bildungsprozess.
Dass Atmosphäre messbar wirkt, belegt Buether mit Studien. In einem Klinikum habe eine neue Farbgestaltung die Unternehmenskultur verändert: mehr Bewerbungen im Pflege- und ärztlichen Bereich, eine bessere Grundstimmung in den Teams. Gefährlich seien beide Extreme. Zu bunte Kinderstationen und Kitas könnten Unruhe verstärken, komplett weiße, reizarme Räume führten zu sensorischer Deprivation. Entscheidend sei der Wechsel der Atmosphäre passend zu dem, was im Raum passieren soll.
Axel Buether:
Ippolito überträgt das auf heutige Arbeitswelten: Landschaften mit unterschiedlichen Atmosphären, in denen man sich den passenden Ort für das sucht, was man gerade tun will. Und auch in Retail, Kultur und Wohnen verschwimmen die klassischen Grenzen zu einem Experience Design, das nicht mehr in Typologien denkt.
Zum Schluss geht der Blick an die Fensterfront, auf die die Gäste vor dem Talk kleine Farbfolien geklebt hatten, mit der Frage, welche Farbe uns spontan an einen Raum denken lässt, in dem wir uns gerne aufhalten. Das Ergebnis ist eine bunte Mischung, in der Blau deutlich überwiegt. Für Buether keine Überraschung: Blau steht weltweit an der Spitze der Lieblingsfarben, weil es für Offenheit und Vertrauen steht. Nur streichen will es kaum jemand. Laut Statistiken des Malerhandwerks sind 95 bis 98 Prozent aller Wände Weiß, Einrichtungshäuser zeigen vor allem Beige.

Deshalb gibt Buether dem Publikum einen klaren Rat mit: Niemandem einen Farbfächer vor die Nase halten und nach Lieblingsfarben fragen. Die Antworten seien sozial erwünscht, nicht ehrlich. Besser sei es, genau hinzuschauen, was er oder sie für ein Mensch ist, was er braucht, in welchem Umfeld er lebt, und daraus Vorschläge zu entwickeln. Ein Gedanke, der gut zu Panton passt. Seine Räume haben nie gefragt, ob man sie mag. Sie haben Haltung gezeigt und es ausgehalten, geliebt und gehasst zu werden. Genau deshalb sprechen wir 100 Jahre nach seiner Geburt noch über sie.

Peter Ippolito ist Innenarchitekt und Architekt und Mitgründer der Ippolito Fleitz Group in Stuttgart, eines multidisziplinären Studios für Gestaltung. 2015 wurde er als einer der ersten Deutschen in die Interior Design Hall of Fame aufgenommen. Mathias Remmele ist Designhistoriker, Journalist, Publizist, Kurator und Dozent, Experte für die Geschichte des modernen Möbeldesigns und ein ausgewiesener Kenner von Verner Panton. Prof. Dr. Axel Buether ist Wahrnehmungspsychologe, Architekt und einer der führenden Farbexperten im deutschsprachigen Raum. Er leitet das Institut für evidenzbasierte Farbpsychologie. Moderation: Karen Hartwig, Chefredakteurin A&W Architektur & Wohnen
„Talking Spaces“ ist eine Gesprächsreihe von smow und A&W Architektur & Wohnen. Der erste Abend fand am 7. Oktober 2026 im smow Store Stuttgart, Breitscheidstraße 10, statt.