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Beiträge markiert ‘Thonet’

smow Blog Designkalender: 10. Juli 1856 – Michael Thonet erhielt das Patent für das Bugholzverfahren

10. Juli 2015

“Das Wesen der Thonetschen Erfindung besteht darin, dass beim Biegen der aus dem Dampfraume kommenden Holzstücke die neutrale Schicht an die obere konvexe Fläche der gekrümmten Holzstücke verlegt wird. Wenn irgendein prismatischer oder zylindrischer Körper gebogen wird, so werden die oberen Schichten verlängert, die unteren conkav liegenden zusammengedrückt, also verkürzt und nur eine Schicht, welche durch den Schwerpunkt des Querschnittes geht bleibt in der ursprünglichen Länge. Bei dieser Art der gewöhnlichen Biegung wird also der obere, convex liegende Theil gestreckt und neigt zum Splittern. Thonet legte an diejenigen Seiten des noch nicht gebogenen Stückes, welche in Zukunft nach außen gebogen erscheinen sollten, einen Blechstreifen an und verband die Enden des Blechstreifens mit dem Holz unverrückbar mittels Zwingen. Da der Blechstreifen aber bei der Krümmung nur eine unerhebliche Verlängerung erfährt, ist das Holz, welches unterhalb dieser äußerst liegenden Schichte situiert ist, gezwungen, wenn es überhaupt die Biegung annehmen soll, sich zusammendrücken, zu verkürzen. Darin einzig und allein beruht das Wesen der Thonetschen Erfindung.”1

So beschrieb Professor W. F. Exner vom Technologischen Gewerbemuseum Wien im Jahr 1875 bezüglich des 3D-Bugholzverfahrens für das Michael Thonet am 10. Juli 1856 ein Patent erhielt und das auch heute noch von Thonet praktiziert wird.

Oder anders gesagt:

Oder anders gesagt:

thonet 214 Stuhl 14 Michael Thonet

Thonet 214 von Michael Thonet – ursprünglich bekannt als Chair 14, hergestellt seit 1859 mit dem Bugholzverfahren, das Michael Thonet 1856 patentieren ließ.

1. W.F. Exner, Studien über das Rothbuchenholz, Wien, 1875 zitiert in Peter Ellenberg, “Gebrüder Thonet – Möbel aus gebogenem Holze”, Verlag Theo Schäfer, Hannover, 1999

Blurred Lines oder was wäre, hätten Pharrell Williams and Robin Thicke Möbel entworfen?

06. Juni 2015

Am 10. März 2015 kam ein kalifornisches Gericht in Los Angeles zu dem Schluss, dass Pharell Williams und Robin Thicke bei der Komposition ihres Songs “Blurred Lines” etwas zu sehr auf Marvin Gayes Hit “Got to Give it Up” von 1977 gebaut hätten.  Das Gericht verurteilte Williams und Thicke wegen der Verletzung von Gayes Urheberrecht zur Zahlung eines Bußgeldes von 7,4 Millionen Dollar.

In Bezug auf dieses Urteil sinnierte Pharell Williams in der Financial Times, dass “der Urteilsspruch all jene Kreativen da draußen hemmt, die etwas machen, das möglicherweise von etwas anderem inspiriert ist”. Seines Erachtens könne dieser Fall zu einer Kreativindustrie führen, die “eingefroren durch Rechtsstreitigkeiten” sei.1

Und bis zu einem gewissen Grad hat er nicht ganz Unrecht.

Die Geschichte der Musik ist eine Geschichte darüber, wie Ideen einzelner Komponisten genommen und weiterentwickelt werden; darüber, von anderen Musikern inspiriert zu sein – jenen, die ihren eigenen Weg gehen, entweder gefeiert als Genies oder verurteilt als Narren.

Was uns natürlich zum Nachdenken bringt…

Wie die Geschichte der Musik im Wesentlichen auf Inspiration, Hommagen und Weiterentwicklung der Ideen anderer beruht, so trifft dies auch auf die Geschichte des Möbeldesigns zu.

Michael Thonet Boppard Bench 1836 1842

Die sogenannte Boppard Bank von Michael Thonet, ca. 1836

Ein Musterbeispiel der Tradition des Möbeldesigns, der Vater der modernen Möbelindustrie Michael Thonet, begann mit der Nachbildung etablierter Formen seiner Zeit; eine Übung, die ihm half, sein eigenes Verständnis von Form, Ästhetik und Funktionalität zu entwickeln, bevor er dann schließlich mit dem Bugholzverfahren nicht nur einen neuen Prozess für die industrielle Stuhlproduktion erfand, sondern auch eines der erfolgreichsten und populärsten Sitzmöbel aller Zeiten: den Stuhl 214. In ähnlicher Manier war der Pate der dänischen Moderne, der Architekt und Möbeldesigner Kaare Klint, fest davon überzeugt, dass historische Möbelentwürfe über alles verfügen würden, was man braucht, um moderne, funktionale Möbel zu entwickeln – soweit man sie in den Kontext des modernen Zeitalters übersetzt. Eine Position, die auch seine Schüler, darunter Hans J. Wegner und Borge Mogensen, mehr als gelungen mit vielen ihrer eigenen Arbeiten demonstrierten, und an der auch zeitgenössische Designer fortwährend festhalten. Konstantin Grcics 360° Stuhl für Magis beispielsweise sollte eher als Weiterentwicklung  von George Nelsons Perch aus dem Jahr 1964 – in neuem Material und für ein neues Zeitalter – aufgefasst werden denn per se als neues Produktgenre. Wiederum ist Jasper Morrisons Fionda Stuhl dem italienischen Hersteller Mattiazzi zufolge von einem japanischen Campingstuhl inspiriert, der sich in  Morrisons Besitz befindet. Ein kurzer Blick auf den Snow Peaks Take! Stuhl genügt, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Und wo wäre das zeitgenössische Design ohne die Shaker? Sie mögen eine religiöse Sekte sein, aber ihr schlichter Architektur- und Designansatz inspirierte und inspiriert weiterhin unzählige Designer und Architekten.

Abgesehen von einzelnen Objekten oder Genres sind Designer – ebenso, wie Musiker davon inspiriert sind, wie Zeitgenossen neue Methoden oder neuartige Verständnisse von Rhythmus und Komposition aufgreifen – regelmäßig von der Art und Weise inspiriert, in der ihre Zeitgenossen bestimmte Herstellungsverfahren nutzen. Michael Thonets Bugholzverfahren beispielsweise schuldet dem Bootsbau mehr als einen Hauch von Dankbarkeit, während Alvar Aalto bekanntermaßen von seinem Geschäftpartner Otto Korhonen mit einem Verfahren zur Formung von Sperrholz vertraut gemacht wurde, das der Hersteller Luterma aus Tallinn zur Produktion von Straßenbahnsitzen nutzte. Aalto erkannte das Potential des Verfahrens, griff die estnischen Methoden auf und entwickelte sie technisch wie formal weiter, um sie auf einen spezifischen Kontext zu übertragen – und schuf so etwas Neues, das wiederum Marcel Breuer, Charles Eames, Eero Saarinen, Egon Eiermann, Arne Jacobsen und seitdem so ziemlich jeden Designer inspirierte.

Børge Mogensen FDB Chair Danish Museum of Art and Design Copenhagen

Links ein Stuhl von Borge Mogensen aus den 1940er Jahren, rechts ein Stuhl in englischem Windsor Stil aus dem 18/19. Jahrhundert

Eine weitere Parallele zur Musikindustrie besteht darin, dass es in der Regel etliche Designer gibt, die zur gleichen Zeit an ähnlichen Konzepten arbeiten, so wie kommerziell erfolgreiche Musiker meist aus einer Szene von Künstlern stammen, die sehr ähnliche Dinge tun – einige mit mehr, andere mit weniger bleibendem Erfolg. Auf diesen Fall trifft man beispielsweise bei den Freischwingern von Mart Stam, Marcel Breuer, Mies van der Rohe und den Gebrüdern Rasch. Sie alle kannten einander, entwickelten aber dennoch ihre eigenen Projekte, entsprechend jeweiligen ästhetischen Vorstellungen und Lösungsansätzen. Ebenso hätte Hans Knoll angeblich Harry Bertoias Diamond Chair beinahe nicht veröffentlicht, weil er dem Eames DKR Wire Chair so ähnelt und Knoll Angst hatte, man würde ihn und Bertoia beschuldigen, bei den Eames und Herman Miller geklaut zu haben2 – auch wenn es gar keinen Hinweis in diese Richtung gab. Solche Bedenken kannten wiederum Egon Eiermann und Wilde + Spieth  bei ihrem SE 3 von 1949 nicht. Heute ist der SE 3 als SE 42 bekannt und weist eine nicht nur flüchtige Ähnlichkeit mit dem Eames DCW auf; dennoch wurde er – wie Bertoias Diamond Chair – unabhängig von den Eames entwickelt, wenn auch im Wissen um ihre Arbeit. Gesagt werden muss aber auch (und Arthur Mehlstäubler bemüht sich sehr, das deutlich zu machen), dass, wenn man sich Details wie die Verbindung zwischen Sitz und Rahmen, die formal offenere Konstruktion von Eames’ im Vergleich zu Eiermanns eher kompaktem Stuhl oder schlicht die Anzahl der Stuhlbeine anschaut, die Unterschiede die ansonsten offensichtlichen Ähnlichkeiten überwiegen.3

Dann gibt es natürlich noch die tatsächlichen Hommagen, Arbeiten, die nichts anderes vorgeben, als reine Lobpreisungen anderer existierender Werke zu sein. Franz Volhards Tisch Egon bei Nils Holger Moormann beispielsweise ist eine vorwitzige, selbstbewusste Reinterpretation von Egon Eiermanns klassischem Stahlrohrtischrahmen aus solidem Holz. Und ein Tisch, der durch seine fast schon allzu offensichtliche Einfachheit wunderbar verdeutlicht, wie ausgezeichnet Eiermanns originale Idee war und immer noch ist. Oder Rudolf Horns Conferstar Club Chair von 1962 – ein Sessel, den Rudolf Horn entwickelte, weil er Mies van der Rohes Barcelona Chair so unkomfortabel fand und so enttäuscht war, nachdem er darauf gesessen hatte, dass er sich fast verpflichtet fühlte, den Sessel weiterzuentwickeln.

mies van der rohe barcelona chair rudolf horn conferstar club chair

Oder  Der Barcelona Chair von Mies van der Rohe (1929) und der Conferstar club chair von Rudolf Horn (1962)

Reine Plagiate sind natürlich eine ganz andere Sache. Nicht nur, weil sie den Kreativen den verdienten Lohn ihrer Arbeit verweigern, sondern – zumindest im Fall von Möbeldesign, wenn nicht auch bei Musik – oft von geringerer Qualität sind. Wenn nicht gar potentiell gefährlich – wie unsere australischen Cousins kürzlich bei ihren Tolix Hocker Tests herausgefunden haben.

Allerdings, und das legen alle genannte Beispiele nahe, ist der Grat zwischen Inspiration, Hommage und Plagiat sehr, sehr schmal.

Pharrell Williams und Robin Thicke argumentieren weiterhin, sie hätten diesen Grat nicht überschritten und beantragten in aller Form eine Wiederaufnahme ihres Falls. Hinsichtlich einer erfolgreichen Berufung sehen ihre Anwälte Grund zur Hoffnung – aufgrund der Tatsache, dass die Jury beide Lieder nur in ihrer Version auf dem Papier verglich, statt sie anzuhören und sich dann eine Meinung zu bilden. Ein kleiner, aber ja sehr wichtiger Unterschied, der auch in Bezug auf die Möbelindustrie eine Rolle spielt.

Die Partitur beinhaltet die Intention des Musikers, umfasst die Beziehung zwischen den einzelnen Komponenten und beweist, wie kompetent – oder auch nicht – der Komponist in seinem Fach ist. Bei der Audioversion geht es darum, wie das Lied in der Folge gestaltet wurde; ein Prozess, der ja grundsätzlich nicht vom Songschreiber allein ausgeht, sondern in Zusammenarbeit mit einem Produzenten, einem Techniker und einer Plattenfirma abläuft.

Ähnlich bei den Möbeln: Wofür man man prinzipiell Geld ausgibt, ist das Styling; nur sehr selten handelt es sich bei der endgültigen Marktversion um eine exakte 1:1-Version der Originalversion des Designers, sondern stattdessen um eine industriell produzierbare Adaption, die in Verbindung mit dem Hersteller entwickelt wird. Und so, ja, auch bei der Musik: Wenn der Herausgeber den Profit über den Inhalt stellt, kommt häufig ein Resultat zustande, das einen aktuellen Standard oder speziellen Lifestyle-Trend bedient.

Wie auch immer, und wenn man mal die Monotonie solcher Resultate ignoriert: Das Konstruktionsprinzip, auf dem das Projekt basiert, die Wahl der Materialien, die Intention und Inspiration hinter der originalen Idee und, auf der anderen Seite, die Kompetenz, mit der diese in ein fertiges Modell übertragen werden, sind die tatsächliche Arbeit der Designer – und hier liegt letztlich auch der Unterschied zwischen Kopie und Original.

Einer Kopie fehlt die Autorenschaft, jeder Anschein von Charakter. Sie bleibt schlicht eine seelenlose, gewöhnliche Konstruktion, die einfach nur den visuellen Eindruck eines erfolgreichen Designerstücks überträgt – und ein Objekt, dass Leichtgläubige davon überzeugen soll, sie kauften etwas anderes als das, was sie letztendlich erhalten. Ein zynischer Trick also, der die Grenzen verschwimmen lässt und Profit auf Kosten anderer macht.

Und was wäre, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, wenn Pharell Williams und Robin Thicke Möbel entworfen hätten?

Ach, lasst uns einfach dankbar sein, dass das nicht der Fall ist…

1. Matthew Garrahan, “Pharrell Williams warns of copycat litigation wave” Financial Times 19.März 2015

2. George Nelson, The age of modern design, Architectural Record Mitte Februar 1982

3. Arthur Mehlstäubler, “Egon Eiermann – der deutsche Eames?” in Sonja Hildebrand und Annemarie Jaeggi, “Egon Eiermann (1904 – 1970). Die Kontinuität der Moderne”, Hatje Cantz, 2004

The 360° Stool by Konstantin Grcic for Magis (2009) and the Nelson Perch by George Nelson through Vitra (1964)

Der 360° Hocker von Konstantin Grcic für Magis (2009) und der Nelson Perch von George Nelson durch Vitra (1964)

The DCW plywood chair by Charles and Ray Eames through Vitra (1945) and the SE 42 by Egon Eiermann for Wilde + Spieth (1949)

The DCW Formsperrholzstuhl von Ray und Charles Eames durch Vitra (1945) und der SE 42 von Egon Eiermann für Wilde + Spieth (1949)

Self inspiration: The Uncino chair Mattiazzi by Ronan & Erwan Bouroullec for Mattiazzi and the Officina chair by Ronan & Erwan Bouroullec for Magis

Inspiriert: Der Uncino Stuhl von Ronan & Erwan Bouroullec für Mattiazzi (2013) und der Officina Stuhl von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis (2015)

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – Thonet

06. Mai 2015

Im inzwischen verschwommenen Jahr 2014 präsentierte das Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet“, eine Ausstellung, die dem Besucher einen gemächlichen Spaziergang durch 150 Jahre Stuhldesign von Thonet ermöglichte und dabei half, die Entwicklung der Thonet Designs während der vergangenen Jahrzehnte zu erklären – etwa auch, warum Thonet während der 1980er Jahre auf Irrwege geriet und dann, ab den späten 1990er Jahren, seine Position als einer der führenden Möbelhersteller Europas zurückeroberte.

Die Ausstellung wurde für Thonet zum Anlass, sein umfangreiches Archiv en Detail zu untersuchen – ein so immenses Werk, dass wir mutmaßen, kaum jemand wisse um seine tatsächlichen Dimensionen. Prinzipiell ist die Aufarbeitung des Archivs für Thonet kein gänzlich neuer Gedanke; so erschienen in den vergangenen Jahren neben gelegentlichen, limitierten Neuauflagen von Archivstücken auch die Designs S 1520, S 1521 und S1522 – eine Garderobenserie, die aus komplett überarbeiteten und aktualisierten Produkten der 1930er Jahre besteht. Doch in Folge der Ausstellung im Grassi Museum unternahm Thonet eine sehr viel kritischere Auswertung des Archivs. Statt vorhandene Produkte einfach aktualisierend aufzuarbeiten, ist Thonet konzeptueller vorgegangen, um im Geiste der alten Kollektion neue, funktionale und zeitgenössische Objekte zu kreieren. Zu diesem Zweck wurden drei Projekte angestoßen: Eines beschäftigte sich mit Sofas, eines mit Lounge-Möbeln aus Stahlrohr und eines mit Lounge-Mobiliar aus Massivholz. Jedes Projekt wurde unter der Leitung eines Mitgliedes des Thonet Design Teams realisiert und auf der Mailänder Möbelmesse 2015 erstmals vorgestellt.

Thonet Programme S 650 Sabine Hutter, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Lounge-Möbelprogramm S 650 von Sabine Hutter für Thonet, gesehen bei Möbelmesse Mailand 2015

Für uns war und ist das Highlight der neuen Projekte das Lounge-Möbelprogramm S 650. Das von Sabine Hutter aus einem Konzept aus den 1950er Jahren entwickelte Programm S 650 ist eine eindrucksvoll reduzierte Sofa- und Sesselfamilie, die aus individuellen Sitzelementen besteht. Die Elemente können mittels eines Tischelements so kombiniert und verbunden werden, dass ein einheitliches Sofasystem entsteht. Wenn auch unverhohlen quadratisch, ist das S 650 doch ein anmutiges, unaufdringliches Objekt, das durch seine klassischen Linien und die Mischung aus Stahlrohr und großzügiger Polsterung zu einem Möbelprogramm mit zugänglichem und einladendem Charakter wird. S 650 ist eine zeitgenössische Produktserie, die, wie wir annehmen, eher in geschäftlichen Kontexten und Büros als im Wohnraum zum Einsatz kommen wird. Eine besondere Freude sind für uns die eleganten, lässigen Armlehnen, die es trotz ihrer funktionalen und formalen Relevanz nicht nötig haben, sich sonderlich hervorzutun. Diese Lässigkeit löst zudem jegliche erhabene Gewichtigkeit der Sessel auf und verleiht dem Programm einen überaus lockeren Charme.

In formaler Hinsicht sehr viel imposanter ist das Sesselprogramm S 830 von Emilia Becker. Mit seiner mehr oder weniger tropfenförmigen Sitzschale (eine Tropfenförmigkeit, die auf rabiate Art sehr geradlinig geschnitten ist) lässt der S 830 keinen Zweifel daran, wie man in ihm Platz zu nehmen hat. Nichtsdestotrotz – folgt man dieser nicht gerade subtilen Einladung, entdeckt man einen exzellent proportionierten und formal gut durchdachten Loungesessel, der angenehmes, gestütztes und entspanntes Sitzen ermöglicht. Eher als Programm denn als Einzelprodukt konzipiert, kommt der S 830 mit einer Reihe von Unterbauten daher – speziell mit einem Stahlrohrrahmen oder einem stehenden Drehfuß. Besonders effektvoll wirkte auf uns die Version mit farbigem Stahlrohrrahmen und zweifarbiger Polsterung.

Programme S 830 Emilia Becker Thonet, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Programm S 830 von Emilia Becker für Thonet, gesehen auf der Mailänder Möbelmesse 2015

Thonet verarbeitet allerdings nicht nur gebogenes Stahlrohr und Bugholz, sondern darüber hinaus auch nicht gebogenes, solides, gezimmertes Holz. Um das zu wissen, muss man zugegebenermaßen mit dem derzeitigen Thonet-Portfolio sehr vertraut sein. Allerdings reicht ein kurzer Blick in den Ausstellungskatalog des Grassi Museums, um zu bestätigen, dass solide Holzmöbel mehr oder weniger schon immer integraler Bestandteil der Thonet-Geschichte sind. Vielleicht liegt es gerade an dieser Fremdheit, dass einem die S 860 Serie von Lydia Brodde anfänglich so ins Auge sticht. Hat man allerdings den ersten Schock über ein solches Produkt in einer Thonet-Kollektion überwunden, lernt man nicht nur die Liebe fürs Detail zu schätzen, die das Design prägt, sondern auch die Qualität seiner Verarbeitung und Materialien. Die Verbindung dieser Konstruktionsfaktoren mit einer formal sehr offenen, dennoch robusten Optik ergibt einen Loungesessel, der nichts Spektakuläreres bietet als einen komfortablen und praktischen Sitzplatz. Und wie schon gesagt ist es letztendlich das, wonach man als Konsument verlangt. Kommt dann noch soviel wohlüberlegte Anmut wie beim S860 hinzu – umso besser! Der passende Ottoman sorgt zudem nicht nur für Extrakomfort, sondern funktioniert auch gut als Hocker, sodass man am Ende ein wunderbares 2für1-Geschäft macht.

Thonet Programme 860 Lydia Brodde, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Programm 860 von Lydia Brodde für Thonet, gesehen bei der Möbelmesse Mailand 2015

Damals, im Kontext der Leipziger Ausstellung, haben wir festgehalten, dass “die beeindruckendsten, überzeugendsten und erfolgreichsten Nachkriegskreationen von Thonet immer die waren, bei denen sich die Designer mit Thonet auskannten, aber etwas Neues versuchten, das dann jedoch immer noch “Thonet” war”. Die neuen S 830, S 650 und S 860 Programme erreichen genau das – und zwar in funktionaler, formaler und ästhetischer Hinsicht. Zudem stellen die Thonet Projekte wunderbar unter Beweis, dass Möbelproduzenten nicht immer gezwungen sind, etwas “Neues” zu machen. In diesem Zusammenhang möchten wir an eine Bemerkung erinnern, die uns zu den Garderoben S 1520, S 1521 und S1522 eingefallen ist : “So wie die Fischer in Island nicht versuchen, ihren Profit zu steigern, indem sie versuchen, so schnell wie möglich so viel Fisch wie möglich zu fangen, so hat sich auch Thonet entschieden, nicht alle paar Monate einen Überfall auf sein Archiv zu starten in der Hoffnung schnelles Geld zu machen, sondern beschlossen, mit diesem Archiv sehr respektvoll umzugehen.

Mit der Wiederbelebung des Archivs kann man es natürlich auch übertreiben. Neue Produkte sind ebenso wichtig, zumal für Thonet – sollte das Unternehmen vorhaben, auch eine dritte Designrevolution anzuführen. Das neue Sofa 2002 von Christian Werner, das Thonet ebenfalls in Mailand vorgestellt hat, steht zwar nicht für diese erneute Revolution, ist aber eine faszinierende Ergänzung des Thonet Portfolios – auch wenn es uns, um ehrlich zu sein, immer noch nicht gänzlich überzeugt hat. Einerseits sind wir sehr bezaubert von der Leichtigkeit, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und der Art und Weise, in der sich das Sofa 2002 auf fast die gesamten 150 Jahre der Thonet Geschichte bezieht. Auf der anderen Seite erscheint es uns zu offensichtlich, zu einfach, zu geradlinig und letztendlich als ein Objekt, das sich nicht genug vom Rest des Thonet Portfolios abgrenzt. um gänzlich in der Lage zu sein, eine eigene, autonome Identität zu entwickeln. Oder liegt es nur an uns, die wir, zynisch wie wir sind, nach Problemen suchen und etwas kritisieren möchten?

Glücklicherweise haben wir noch etwas Zeit, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, zumal es bei Möbeln im Gegensatz zur Mode nicht um sofortige Erfüllung geht. Das Verhältnis zu Möbeln sollte sich, wie zur Musik, entwickeln, reifen, sich vertiefen – über Jahre, Jahrzehnte, oder – im Fall von Thonet – Jahrhunderte.

IMM Cologne 2015: Thonet

13. Februar 2015

Mit einem bestimmten Alter und Hintergrund weiß man einfach, was ein Roland TR-808 Drumcomputer ist … Aber für all jene, die das nicht tun: Im Jahr 1980 war der Roland TR-808 einer der ersten programmierbaren Drumcomputer, und nahm als solches wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der elektronischen Musik der 1980er Jahre. Berüchtigt wurde er vor allem dafür, dass er sich so gar nicht wie Trommeln oder ein wirkliches Schlagzeug anhörte. Folglich wurde er aufgrund seiner akustischen Mängel, auch wenn diese weltweit gewürdigt wurden, nur drei Jahre produziert, bevor man ihn durch Drumcomputer ersetzte, die sich nach echten Trommeln anhörten.

Wir fühlten uns sehr an die Geschichte des TR-808 erinnert, als wir die ersten Pressefotos des neuen Thonet 808 Lounge Sessel zu sehen bekamen. Und um ehrlich zu sein, hatten wir so unsere Zweifel.

Formal erinnert er sehr an viele skandinavische Lounge Sessel der späten 50er, frühen 60er Jahre und auf den ersten Blick hatten wir  den Eindruck, dass der Thonet Lounge Sessel – so wie der TR-808, der ja alles kann, was ein Drumcomputer können muss, nur eben sehr schlecht – zwar wie ein Lounge Sessel aussieht, als solcher aber nicht funktionieren würde.

Doch wie sich herausstellte, waren all diese Befürchtungen unbegründet. Der für Thonet vom bayrischen Designstudio Formstelle a.k.a. Claudia Kleine und Jörg Kürschner entworfene 808 Lounge Sessel ist nicht nur ein außergewöhnlich komfortabler Sessel, sondern hat auch eine sehr viel wärmere, persönlichere Aura, als man von den Fotos her annehmen könnte.

Der 808 Lounge Sessel steht auf einem Kunststoffgehäuse und gibt eine beeindruckend schlanke, elegante Figur ab, während die Ohren ein gewisses Gefühl von Abgeschiedenheit vermitteln, ohne dabei vom Rest des Raumes abzuschotten. Wir nehmen an, dass der Sessel, sollte man in ihm einschlafen, auch den Kopf sehr gut stützt.

IMM Cologne 2015 Thonet 808 Lounge Chair Formstelle

IMM Cologne 2015: Thonet 808 Lounge Sessel von Formstelle

Ein wirklich sehr schön konstruierter und intelligent geformter Sessel ist Thonets 808. Das einzige befremdliche Detail war für uns der Lederklöppel, der aus dem Sitz hervorragt. Wir dachten, es handele sich dabei um eine Art Schleudersitzreißleine und waren etwas argwöhnisch, als uns einer vom Thonet Design Team anbot, es doch mal auszuprobieren. (Wir kennen den bösartigen Humor, den sie in Frankenberg pflegen.)

Allerdings … jung ist man nur einmal! Wir sind es nicht mehr und haben deshalb nichts zu verlieren, haben es also einfach ausprobiert. Der Lederklöppel aktiviert den Rückneigemechanismus, oder besser gesagt den Synchronisationsmechanismus: der Sitz hebt sich leicht, während die Rückenlehne kippt und der Sitzkomfort beibehalten wird. Zugegebenermaßen haben wir etwas gebraucht, bis wir den Dreh raus hatten, waren dann allerdings ziemlich beeindruckt. Nicht nur wegen der Gleichmäßigkeit der Bewegung, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass durch die Kordel unansehnliche Hebel überflüssig werden.

Genauso interessant wie der Sessel selbst ist vielleicht der Fakt, dass er nur ein Teil einer ganzen Kollektion von Polstermöbeln ist, die Thonet in den kommenden Monaten lancieren wird. Wie wir ja alle wissen, produziert Thonet sehr schöne, reduzierte und schlichte Bugholz- und Stahlrohrmöbel, jedoch nicht unbedingt Polstermöbel, die da mithalten könnten. Offenbar will Thonet das jetzt ändern.

Man könnte und sollte vielleicht infrage stellen, warum Thonet es nötig hat, in den Markt für Polstermöbel einzusteigen. Dass sie dies allerdings im Rahmen eines abgestimmten Programms machen, und nicht einfach auf einzelne Produkte setzten, ist wiederum zu begrüßen. Uns wurden vier weitere Produkte für die Messe in Mailand im April versprochen … Wir halten euch auf dem Laufenden!

Neben der Präsentation des Lounge Sessels 808 nutzte Thonet die IMM Cologne, um die neuen Ausführungen der Bugholzklassiker 209, 214, 215 und 233 in Esche vorzustellen. Esche hat im Gegensatz zum traditionellen Buchenholz eine offenere, ausdrucksstärkere Oberfläche und verfügt nicht über die dunklen Verfärbungen wie sie bei Buchenholz typisch sind. So betont Esche die natürliche Schönheit des Holzes ganz besonders. Als Teil der Thonet “Pure Materials”-Kollektion sind die Stühle jetzt auch mit Lederpolster erhältlich.

Einige Eindrücke vom Thonet Stand auf der IMM Cologne 2015 gibt es hier:

IMM Cologne 2015 Thonet relax

Nach einem harten Tag im Thonet 808 Lounge Sessel von Formstelle entspannen

IMM Cologne 2015 Thonet Pure Materials

IMM Cologne 2015: Thonet - Pure Materials

IMM Cologne 2015 Thonet coloured bentwood

Die farbenfrohe Welt der Thonet Bugholzmöbel

IMM Cologne 2015 Thonet 808 Formstelle

IMM Cologne 2015: Thonet 808 Lounge Sessel von Formstelle

smow Blog 2014. Ein Rückblick in Bildern: Dezember

04. Januar 2015

Mit jedem weiteren Mitfahrer in der Bahn, der akute Symptome eines übermäßigen Konsums billigen Glühweins zeigte, wurden wir uns des Dezembers mehr bewusst – und damit dem nahenden Ende eines der besseren Jahre für den smow Blog.

Obwohl man dazu sagen muss, dass 2014 auch eines der Jahre war, in denen man ins Überlegen kommt, ob es nicht an der Zeit ist, die Reisesocken an den Nagel zu hängen und sich nach einer etwas ruhigeren, sesshaften Existenz umzusehen. Der Moment dafür war sicher der richtige, aber wäre es die Entscheidung auch gewesen? Wir haben ja noch ein paar Tage, um es uns zu überlegen …

So lange schwelgen wir noch in Erinnerungen an ein ereignisreiches Jahr, das seinen würdevollen Abschluss in dem smow Adventskalender mit täglichen Angeboten zu Designklassikern wie von Vitra, Thonet, Fritz Hansen und Tecnolumen – sowie einem Elefanten namens Eames – fand.

vitra eames elephant

Eames Elephant von Charles & Ray Eames für Vitra

thonet s-1520

Thonet Garderobe S 1520

tecnolumen wg 24

WG 24 von Wilhelm Wagenfeld über Tecnolumen

vitra dsw

DSW von Charles & Ray Eames über Vitra

smow Blog 2014. Ein Rückblick in Bildern: April

25. Dezember 2014

Man kann es fast schon in den Wörterbüchern nachlesen: “April” ist nur ein Synonym für “Mailand”.

Und entgegen aller Erwartungen fanden wir uns auch im April 2014 erneut in der Lombardei wieder, wo wir, neben anderen Objekten und Ausstellungen, sehr beeindruckt von den Alexander-Girard-Reissues bei Vitra, der Ausstellung von Meisenthal Glassworks im Institut Francais und dem Rival Chair von Konstantin Grcic für Artek waren. Außerhalb Mailands lernten wir die Arbeit von Pascal Howe in der DMY Design Galerie Berlin kennen, konnten im Grassi Museum zu Leipzig in aller Tiefe der Designgeschichte der Thonet Stühle folgen, sahen die Arbeiten Ola Kolehmainens und die von Okolo Offline im Depot Basel und gratulierten Hans J. Wegner zum 100. Geburtstag.

Haus am Waldsee Berlin Ola Kolehmainen Geometric Light Hagia Sophia year 537 III Untitled No 6 2014

Hagia Sophia year 537 III, 2014, und Untitled (No. 6), 2005, von Ola Kolehmainen. Gesehen bei Ola Kolehmainen - Geometric Light, Haus am Waldsee Berlin

Okolo Offline at Depot Basel

Okolo Offline @ Depot Basel

Sitzen Liegen Schaukeln Möbel von Thonet Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig 02

Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

Milan 2014 Artek Rival Konstantin Grcic

Rival von Konstantin Grcic für Artek, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2014

(smow) blog compact Milan 2014 Vitra Alexander Girard Colour Wheel Ottoman

Colour Wheel Ottoman von Alexander Girard durch Vitra, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2014

WEGNER – Just one good chair Christian Holmsted Olesen Hatje Cantz Verlag

"Wegner – Just one good chair" von Christian Holmsted Olesen, Hatje Cantz

 

 

 

smow Blog 2014. Ein Rückblick in Bildern: März

24. Dezember 2014

Unserem Rückblick in Bildern vom März 2013 zufolge war jener März “ein Monat auf Reisen: Stuttgart, Chemnitz, Weimar, Dessau … ein kleines Wunder, dass wir überhaupt Zeit gefunden haben irgendwas zu schreiben …”

Im März 2014 erging es uns ähnlich. Statt in “Stuttgart, Chemnitz, Weimar, Dessau” waren wir in diesem Monat aber in “Frankfurt, Münsingen, Berlin und Weil am Rhein.”

Das erklärt auch die große Anzahl halbfertiger Entwürfe vom März. Offenbar reichte die Zeit nicht aus, um über alles zu schreiben.

Playboy Architecture 1953 1979 Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main Designs for Living

Playboy Architektur 1953-1979 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main

Konstantin Grcic Panorama Vitra Design Museum Public Space

Public Space. Konstantin Grcic - Panorama, Vitra Design Museum

The Kramer Principle Design for Variable Use Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main Chair B 403 Thonet

Chair B 403 für Thonet von Ferdinand Kramer, Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Orgatec Köln 2014: Thonet

02. Dezember 2014

Fast seit Beginn der Möbelproduktion bei Thonet gehört auch das “Thonet Design Team” – die Bezeichnung erschien uns immer etwas abschätzig und unnötig nebulös – zu den wichtigsten Designern des Unternehmens.

Jeder seriöse Möbelproduzent hat heutzutage ein Team von internen Designern, die einerseits externe Designer dabei unterstützen, ihre Arbeit auf die Produktionsabläufe der Firma abzustimmen, und die andererseits selbst neue Produkte und Produktserien entwerfen. Üblicherweise verhalten sich diese Designer zurückhaltend und bleiben im Hintergrund. Doch Thonet hat vor einigen Jahren damit begonnen, den Mitarbeitern mehr Anerkennung zu zollen, die ihre eigenen Designs im Rahmen der Design-Team-Projekte realisiert haben, ohne dabei jedoch die anderen Mitarbeiter zu vergessen.

Unter den ersten davon betroffenen Produkten sind das S 290 Regalsystem von “Thonet Design Team: Sabine Hutter” und der S 1200 Sekretär von “Thonet Design Team: Randolf Schott”, die auf der IMM Cologne 2014 lanciert wurden, gewesen.

Eine der wesentlichen Markteinführungen auf der Orgatec 2014 war nun die S 95 Konferenzstuhlserie von Thonet Design Team: Randolf Schott. Die als Freischwinger oder Drehstuhl und mit zwei unterschiedlich hohen Rückenlehnen erhältlichen S 95 Stühle verfügen allesamt über eine charakteristische Öffnung zwischen Sitz und Rückenlehne, die mehr als nur ein formaler Wink auf die Konstruktionen der klassischen Thonet Freischwinger von Mart Stam oder Marcel Breuer ist.

“Für mich ist die Rückseite eines solchen Konferenzstuhls die wichtigere, weil man immer auf diese Seite schaut, wenn man den Raum betritt”, erklärt Randolf Schott. “Wir haben hier einen sehr transparenten Stuhl entwickelt, der Leichtigkeit und Offenheit ausstrahlt, was mir auch sehr wichtig war.” Ebenso wichtig ist in diesem Zusammenhang die Form des Freischwingergestells. Die Rahmen der S 95 Freischwinger werden aus quadratischem Metall gefertigt, was für Thonet ein nicht gerade übliches, aber doch bekanntes Material mit ganz spezifischen Anforderungen ist. Biegt man runden Stahl, ensteht eine schöne, weiche Kurve. Bei quadratischem Stahl ist das nicht der Fall. Stattdessen kann man entweder mit einer quadratischen Verbindung arbeiten, was den Stuhl weniger ansehnlich macht, oder Zeit und Aufwand investieren, um eine fließende Form zu entwickeln, die dem Stuhl natürlich eine sehr viel ansprechendere Ästhetik verleiht – und auch Aufschluss über die Herkunft zulässt, denn nur wenige Hersteller verfügen über die Möglichkeiten, Stahl so kompetent und gezielt zu biegen wie Thonet.

Der entweder mit Textilbezügen in unterschiedlichsten Farben oder mit Thonets neuen perforierten Lederbezügen erhältliche S 95 ist eine schöne Ergänzung im Portfolio Thonets. Die Stuhlfamilie ist robuster und hat eine physischere Präsenz als zuvor erhältliche Möbel, drängt sich einem allerdings nicht auf. Darüber hinaus verfügen die Stühle natürlich über die für Thonet Möbel so typische Optik und die “ruhigen vertikalen und horizontalen Linien” und die kubische Form, die Heinz Rasch für den Erfolg des Freischwingers verantwortlich gemacht hat.

Thonet Orgatec Köln s 95 chair

Die neue Thonet S 95 Kollektion, gesehen auf der Orgatec 2014

Neben der S 95 Kollektion stellte Thonet ein weiteres wichtiges Projekt auf der Orgatec vor, das auch ein Resultat der konzentrierten Arbeit des Thonet Design Teams ist, das allerdings einen weniger spektakulären, wenn auch ebenso wichtigen Kontext hat. Die ursprünglich im Jahr 2001 vom Kasseler Designstudio Lepper Schmidt Sommerlande entwickelte A 1700 Tischserie ist eine zentrale Komponente der offiziellen Thonet Büromöbelsparte. Da sie aber über ein Jahrzehnt alt ist, was in der schnelllebigen Welt der Büromöbel schon für Überholung spricht, hat das Thonet Design Team das Tischsystem – um genau zu sein, die Beine – auf den neuesten Stand gebracht. Wie gesagt, spektakulär ist das nicht, aber das A 1700 Tischbein verfügt nun nicht nur über eine neue, tränenartige Form, einen neuen Kabelschacht und ein neues patentiertes System zur Verbindung von Beinen und Tischplatte, es bietet auch die Möglichkeit Inlays in die fordere Kante der tränenförmigen Tischbeine einzusetzen. So kann den Tischen ein individueller Akzent verliehen werden und es wird einfacher, das System in einen Raum zu integrieren.

Ansonsten präsentierte Thonet auf der Orgatec den S 8000 Konferenztisch von Hadi Teherani in einer neuen runden Version – eine Version, die trotz der neuen Kurven ebenso bombastisch ist wie das quadratische Original – und die multifunktionalen S 160, S 170 und S 180 Stuhlserien von Delphin Design sind jetzt in acht neuen Farben erhältlich. Die neue Palette soll Architekten für die Einrichtung von Cafeterias etc. mehr Möglichkeiten bieten, eröffnet einem aber ebenso neue Möglichkeiten im privaten Bereich bzw. in der Küche. Es muss nicht dazu gesagt werden, dass das allgegenwärtige Thonet Design Team auch für die neuen Farbtöne verantwortlich ist.

Entgegen der Tradition und unseren Prinzipien nutzen wir die Thonet Pressefotos von den neuen Produkten. Die Gründe sind rein technischer Natur …

Thonet Orgatec Köln S 96 S 8000

Thonet auf der Orgatec 2014, der neue S 96 Konferenzstuhl und der runde S 8000 Konferenztisch.

Thonet Orgatec Köln S 95 swivel chair

Der neue Thonet S 95 Drehstuhl

Thonet Orgatec Köln S 160 S 170 S 180 Delphin Designe Thonet S 160, S 170, S 180 von Delphin Design in den neuen Farbtönen
Thonet Orgatec Köln A1700 Evo Inlay

Das neue Thonet A 1700 Evo Tischbein mit Inlay

Die Aktion zur Thonet Ausstellung: Beim Kauf von 4 Thonet Stühlen schenken wir Ihnen eine Wilhelm Wagenfeld Lampe von Tecnolumen.

06. Mai 2014

“Wann”, fragten wir in unserem Post zur aktuellen Ausstellung im Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet”, “wird eine Ausstellung über Thonet Stühle zu einer Verkaufsveranstaltung für Thonet Möbel?”

Im Falle der Ausstellung im Grassi Museum kamen wir zu dem Schluss, dass man sich darüber keine Sorgen machen braucht.

Wann aber wird ein Blogpost über eine Thonet Ausstellung zu einer Werbung für Thonet Stühle?

Vielleicht jetzt?

Den Heimvorteil bei der Ausstellung “Sitzen – Liegen – Schaukeln” hat (smow) natürlich ausgespielt und sich mit Thonet und Tecnolumen zusammengetan, um im Rahmen der Ausstellung ein besonders attraktives Angebot für Bauhaus Liebhaber auszuhecken. Beim Kauf von vier Thonet S 32 oder S 64 erhalten Sie wahlweise die WA 23 SW, WA 24, WG 24 oder die WG 25 GL von Tecnolumen im Wert von jeweils 395 EUR als Geschenk dazu.

Das Angebot ist für die Dauer der Ausstellung, bis zum 14. September 2014, gültig und ist im (smow) Onlineshop sowie den Showrooms (smow) Leipzig, (smow) Chemnitz, (smow) Köln, (smow) Kempten und (smow) Stuttgart erhältlich.

smow thonet wagenfeld aktion

Die Aktion zur Thonet Ausstellung: Beim Kauf von 4 Thonet Stühlen schenken wir Ihnen eine Wilhelm Wagenfeld Lampe von Tecnolumen.

Das Prinzip Kramer: Design für den variablen Gebrauch im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

20. April 2014

Um ganz ehrlich zu sein, haben wir Ferdinand Kramer und seiner Arbeit, auch wenn uns der Name ein Begriff war, lange Zeit keine große Beachtung geschenkt. Das änderte sich allerdings im Jahr 2012, als der Frankfurter Hersteller e15 in Mailand eine Serie von Kramer Re-Editionen vorstellte, für die wir heute sehr dankbar sind.

Der 1898 in Frankfurt geborene Ferdinand Kramer absolvierte einen Grundlagenkurs in Architektur in München, bevor er 1919 zum Bauhaus Weimar kam. Enttäuscht, weil eine formale Architekturausbildung nicht angeboten wurde, kehrte Kramer allerdings an die Technische Universität München zurück und graduierte dort im Jahr 1922. 1925 übernahm Kramer eine Stellung im Büro des Siedlungsdezernenten Enst May in Frankfurt an, die ihn mitten in das Stadtplanungsprogramm “Neues Frankfurt” brachte – nach der Weißenhofsiedlung wohl eines der wichtigsten modernen Architekturprojekte, das in Deutschland (bzw. Europa) realisiert wurde.

Unter den Nazis wurde Ferdinand Kramer, ein anerkannter Modernist mit einem Arbeitsverbot als Architekt belegt und emigrierte deshalb 1938 in die USA, wo er in den folgenden anderthalb Jahrzehnten zahlreiche Architektur-, Produktdesign- und Interieurdesignprojekte entwickelte und realisierte. 1952 wurde Kramer für die Position des Universitätsbaumeisters der Wolfgang Goethe Universität seiner Geburtsstadt Frankfurt vorgeschlagen. Eine Position, bei der es vor allem darum ging, die im Krieg zum Teil zerstörte Universität wieder aufzubauen, und die Kramer sofort annahm und auch bis zum Beginn seiner Rente 1964 inne hatte. Ferdinand Kramer starb am 4. November 1985.

Neben Gebäuden entwarf Ferdinand Kramer auch Möbel, Einbauten und Armaturen – häufig, aber nicht ausnahmslos, für seine eigenen Gebäude. Dieser Aspekt der Arbeit Kramers bildet den grundlegenden Schwerpunkt der Ausstellung “Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch”, die derzeit im Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main zu sehen ist.

The Kramer Principle Design for Variable Use Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main

Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Die Ausstellung ist in drei Bereiche unterteilt, die sich den drei großen Abschnitten in Kramers Leben und seiner Kariere widmen: 1924-1938 in Frankfurt, 1928-1952 in Amerika und 1952-1985 zurück in Frankfurt. Gezeigt werden um die 115 Objekte, darunter Stühle, Tische, Holzöfen, Regenschirme und Beispiele von Kramers zahllosen Möbelsystemen.

Wenn wir mit diesem Post so ehrlich weitermachen wollen wie wir angefangen haben, müssen wir sagen, dass das Kramer Prinzip nicht gerade eine Ausstellung ist, nach deren Besuch man unbedingt das Gefühl hat, mehr über Ferdinand Kramer erfahren und gelernt zu haben.

Für uns wird die Ausstellung letztendlich ihrer Ankündigung, eine umfassende Retrospektive zu sein, einfach nicht gerecht. Dafür sind die Objekte zu leblos und viel zu unkritisch präsentiert.

Allerdings ist die Ausstellung eine exzellente Einführung zur Designarbeit Ferdinand Kramers. Viele Designkonzepte, an deren Entwicklung er beteiligt war, spielen immerhin auch heute noch eine dominante Rolle in der Industrie, so beispielsweise modulare Möbelsysteme und Vertriebssysteme für Ladengeschäfte.

Das Kramer Prinzip bietet außerdem einen guten Einblick in die idealen Vorstellungen des deutschen (Gesellschafts-)designs der 1920er Jahre, wie es durch Kramers Möbelentwürfe für das “Neue Frankfurt” sehr gut repräsentiert wird. Hinzu kommen einige wirklich großartige, inspirierende und selten gesehene Designobjekte, darunter Kramers B 403 Bugholzstuhl für Thonet, ein undatierter Prototyp eines gepolsterten Freischwingers und der fantastisch simple “Drei in eins”, ein kombinierter, ausziehbarer Hocker/Beistelltisch von 1942.

So ist die Ausstellung also durchaus einen Besuch wert, auch wenn sie ihrem Ziel nicht ganz gerecht wird.

“Das Kramer Prinzip: Design für den variablen Gebrauch” ist bis Sonntag, den 7. September 2014, im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, in 60594 Frankfurt am Main zu sehen.

Alle Details sind unter www.museumangewandtekunst.de zu finden.


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