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smow Blog Designkalender: 1. Juni 1932 – Mart Stam erhält das künstlerische Urheberrecht für den kubisch geformten Freischwinger

“…die strenge, folgerichtige Linienführung, die jeden überflüssigen Teil vermeide und in knappster Form mit den einfachsten Mitteln die moderne Sachlichkeit verkörpere”1, mit dieser strahlenden Beschreibung seines Designs sprach das Reichsgericht Leipzig Mart Stam am 1. Juni 1932 das künstlerische Urheberrecht für den kubischen, quadratischen Freischwinger zu und legte so den wohl ersten Rechtsstreit über das Urheberrecht für die Form eines Möbelstücks bei, das für die industrielle Massenproduktion bestimmt war.”

mart stam W1 weissenhofsiedlung stuttgart vitra miniature

“Weissenhofsiedlung Freischwinger” von Mart Stam (hier als Vitra Design Museum Miniatur)

Die Geschichte beginnt Mitte der 1920er Jahre in Dessau und mit der Entwicklung der Stahlrohrmöbel. In diesem Prozess spielte Marcel Breuer ohne Frage eine große, wenn nicht sogar die Hauptrolle. In dem Wissen, dass dieses Genre kommerzielle Möglichkeiten barg, gründete Marcel Breuer Ende 1926/Anfang 1927 mit seinem Geschäftspartner Kálmán Lengyel das Unternehmen Standard Möbel in Berlin, das der erste Hersteller von Stahlrohrmöbeln war.2

Anfang 1928 kam Standard Möbel mit einem gewissen Anton Lorenz zu der Übereinkunft, dass er die Stühle des Unternehmens herstellen und zum Geschäftsführer ernannt werden würde.3 Wie Kálmán Lengyel war auch Anton Lorenz ungarischer Herkunft und war 1919 nach Deutschland gezogen, als seine Frau, eine Opernsängerin, eine Stelle in Leipzig annahm. Obwohl er laut der berühmten Lorenz Biografie Geschichts- und Geografielehrer in Budapest war, machte er sich in Leipzig als Schlosser selbstständig und zog dann mit seiner Firma nach Berlin. Kurz nach der Übernahme von Standard Möbel überzeugte Lorenz Breuer davon, die Rechte seiner Modelle gegen Umsatzvergütung auf Standard Möbel zu übertragen.

Im Juli 1928 begann Marcel Breuers Zusammenarbeit mit Thonet4. Bis Januar 1929 vermarktete Thonet die ersten Arbeiten Breuers und im Laufe jenes Jahres wurde der erste Thonet Katalog über Stahlrohrmöbel veröffentlicht, der ausschließlich Breuers Designs enthielt5. So verkauften Anfang 1929 Standard Möbel und Thonet Breuers Stahlrohrmöbel, wenn auch verschiedene Designs. Schließlich, und das kann als einzig logische Option angesehen werden, kaufte der erfolgreiche und weltweit aktive Hersteller Thonet den kleinen, sich durchkämpfenden Berliner Hersteller Standard Möbel und sicherte sich so die Rechte an allen Stahlrohrdesigns von Breuer und es entstand, wie Mathias Remmele sagt, “weltweit das größte und vielseitigste Sortiment von Stahlrohrmöbeln”.6

Hier sollte die Geschichte enden.

Tut sie aber nicht.

mart stam house weissenhofsiedlung stuttgart

Mart Stams Häuser für die Weissenhofsiedlung Stuttgart (1927)

Kurz vor dem Verkauf von Standard Möbel an Thonet meldete Anton Lorenz Patente für seine eigenen Stahlrohrstühle an und sicherte sich auch die Rechte an allen Freischwingern von Mart Stam. Stam präsentierte seinen ersten Freischwinger 1927 im Rahmen der Ausstellung in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und seitdem gab es keinen Produzenten. Anton Lorenz war allerdings der Ansicht, dass der Freischwinger die Zukunft des Stuhldesigns repräsentierte und nachdem er und Mies van der Rohe bezüglich seines ebenfalls in der Weißenhofausstellung präsentierten Freischwingers keine Einigung erzielten, wandte sich Lorenz an Stam.

Otakar Máčel zufolge erhielt Lorenz laut des Vertrags mit Stam “das alleinige und ausschließliche Recht die erwähnten “Erfindungsgegenstände” herzustellen, herstellen zu lassen, zu vertreiben und in den Handel zu bringen”7. Nach dem Verkauf von Standard Möbel gründete Anton Lorenz die Firma DESTA, um genau das zu erreichen.

Zusätzlich war Lorenz im Besitz von vier Prototypen, die er Thonet nicht gemeinsam mit dem anderen Standard Möbel Inventar aushändigte, obwohl sie in den Werkstätten von Standard Möbel entstanden waren. Lorenz hatte argumentiert, sie stünden in Verbindung mit seinem Patent und dem Vertrag mit Stam und wären so nicht Teil des Geschäfts. Thonet akzeptierte dies unbekümmert, wenn nicht sogar naiv.

Leider hat der Nebel der Zeit die genauen Daten, wann was passierte, in einen Schleier gehüllt. 1929 brachte Thonet aber den B 33 und den B 34 Freischwinger von Marcel Breuer heraus, seine ersten Freischwinger und Arbeiten, die eine formale Ähnlichkeit mit Mart Stams Freischwinger aus der Ausstellung am Weißenhof aufwiesen. 1929 brachte DESTA den ST 12 und den SS 32 heraus, die beide Varianten von Mart Stams Freischwinger aus der Weißenhofausstellung von 1927 waren und den bereits genannten Prototypen ähnelten.

Beim B 33 und beim ST 12 handelte es sich um denselben Stuhl.

Genau wie beim B 34 und beim SS 32.

Lorenz reichte gegen Thonet Klage wegen Urheberrechtsverletzung ein.

Im April 1930 entschied die 16. Zivilkammer des Landesgerichtes in Berlin zugunsten von Lorenz, Thonet legte Berufung ein und im April 1931 wies der 10. Zivilsenat des Kammergerichts in Berlin die Berufung von Thonet zurück. Thonet legte auch dagegen Berufung ein und am 1. Juni 1932 fiel die finale Entscheidung des 1. Zivilsenats des Reichsgerichtes in Leipzig zugunsten von Lorenz.8

Im Wesentlichen waren es zwei Streitfälle.

Im Falle des B 34 und des SS 32 spielte eine technische Konstruktion eine Rolle, die Lorenz entwickelt hatte und 1929 hatte patentieren lassen. Aus Platzgründen gehen wir nicht ins Detail. Lorenz hat jedenfalls gewonnen.

Im Falle des B 33 und des ST 12 ging es um die Form, die Alexander von Vegesack als “Gradlinigkeit der Form und des Kubismus”9 beschreibt – diese strenge, quadratische Form, die wir alle kennen.

Lorenz argumentierte, dass die Form des kubisch geformten Freischwingers, die Stam für seinen Weißenhof Stuhl entwickelte und die Breuers B 33 offensichtlich zugrunde lag, als kreative Arbeit durch das Kunst-Urhebergesetz (KUG) von 1907 geschützt sei. Laut Sebastian Neurauter erfasst das KUG von 1907 “nicht lediglich die typischen Erscheinungsformen der hohen Künste, also Bilder und Skulpturen, sondern auch Gegenstände der Angewandten Kunst”10, inklusive architektonische Werke und Werke aus dem Bereich Kunstgewerbe. Der Zusatz, dass auch Arbeiten aus den Bereichen Architektur und “Design” dazugehören, stellt eine Erweiterung des Anwendungsbereichs dieses Gesetzes im Vergleich zu der vorherigen Version aus dem Jahr 1876 dar. So handelt es sich hierbei auch um einen offenkundigen Hinweis darauf, dass der Architektur und dem Kunstgewerbe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine Relevanz zugeschrieben wurde. Es ist etwas zu einfach zu glauben, dass der Jugendstil und Art Déco nur die relativ wenigen involvierten Künstler betraf, denn auch Politiker, Juristen und Geschäftsleute waren stark involviert. Sie gestalteten aktiv Gesetze, um die neue/kommende Realität widerzuspiegeln.

Nicht, dass das jeder verstanden hätte.

Neurauter sagt, Lorenz’ Gebrauch des KUG stand in direktem Gegensatz zum Bauhaus, das in Bezug auf die Produkte aus ihren Werkstätten von keinem Gesetz Gebrauch machte. Lorenz hätte in dieser Hinsicht ein Vorbild für das Bauhaus sein sollen, so Neurauter11. Er wollte zeigen, wieso.

Bauhaus Archiv Berlin Stühle ohne Beine mart stam gas pipe chair

“Gasrohr Stuhl” von Mart Stam, hier als Teil Stühle ohne Bein, Bauhaus Archiv Berlin (2012)

Der Grund für die Entscheidung, eher auf der Grundlage des künstlerischen Urheberrechts als des technischen Patents zu klagen, liegt in der Anzahl der Patente für zahlreiche Formen von Freischwingern, die es zu jener Zeit gab. Es hätte schwierig sein können, technische Originalität zu beweisen. Viel wichtiger ist aber, dass Stam eigentlich nichts Technisches entwickelt hat. Er hat nur ein Stück ausreichend dickes Stahlrohr gebogen. Stams Freischwinger ist ein klassisches Beispiel für einen Designprozess. Man nimmt Material und ein Konzept und entwickelt etwas durch die intelligente Kombination beider. Stam hat etwas designt, nicht erfunden. Oder, wie es das Reichsgericht ausdrückt: “Mart St… [in der Veröffentlichung des Gerichts wurden alle Namen bis auf den von Marcel Breuer redigiert] habe mit diesem Stuhl eine selbständige, eigentümliche Schöpfung hervorgebracht. Eine aus der Verwendung von Stahlrohr folgende technische Notwendigkeit, das Möbel gerade so zu gestalten, habe nicht vorgelegen. Für die Lösung der Aufgabe, einen Stuhl aus Stahlrohr zu bauen, seien viele Möglichkeiten denkbar gewesen.” 12Entscheidend ist die Form des Stuhls und während sie der Funktion gefolgt sein mag, so folgte sie in Bezug auf das Material keiner Notwendigkeit, eher Stams Designverständnis.

Zusätzlich hieß es, “man empfinde gerade in der Gegenwart eine Kunstform als besonders wertvoll, welche dem Zweck einen besonders guten, einfachen Ausdruck verleihe. Für ein Erzeugnis des Kunstgewerbes genüge, dass einem Gegenstand des täglichen Lebens eine gewisse ästhetische Form gegeben werde, die dem Auge einen wohlgefälligen Eindruck biete.”13 Diese Aussage zeigt eine Offenheit und ein Verständnis für zeitgenössische Kultur, zwei Dinge, von denen wir nie gedacht hätten, dass ein deutsches Gericht sie im Jahr 1932 würde aufbringen können.

Weiterhin wies das Gericht Thonets Verteidigung, die beiden Stühle bestünden aus verschiedenen Materialien, als völlig irrelevant zurück. Ebenso ging es einer Einreichung Walter Gropius’ bezüglich Breuer, dass Mart Stams Weißenhof Freischwinger einfach eine Weiterentwicklung von Marcel Breuers Nicht-Freischwinger B 5 war. “Beim St..schen Stuhle handle es sich demnach höchstens um eine freie Benutzung der Breuerschen Modelle, durch die eine eigentümliche Schöpfung hervorgebracht worden sei”, so das Gericht und weiter, “Mart St.. habe also an seinem Stuhl als kunstgewerblichem Erzeugnis ein künstlerisches Urheberrecht erworben”14. Später streute das Gericht noch Salz in die Wunde, und zwar mit der Aussage :”im künstlerischen Gedanken aber führe der Weg vom Breuerschen Modell B 5 zu dem Modell B 33 der Beklagten über den Stuhl Mart St…’s”15. Oder anders ausgedrückt – ohne Mart Stam hätte Marcel Breuer seinen B 5 nicht zu dem B 33 weiterentwickeln können.

Das hat sicherlich weh getan.

Was das Gericht und offenbar auch Thonets Anwälte nicht berücksichtigten, war der sehr klare Unterschied zwischen dem B 33 und dem ST 12. Obwohl sie sehr, sehr ähnlich sind und beide eine Weiterentwicklung von Stams Stuhl aus der Weißenhofsiedlung darstellen, ist die Rückenlehne beim DESTA ST 12 leicht nach hinten geneigt und verläuft geradlinig. Die Rückenlehne von Thonets B 33 ist leicht nach hinten geneigt, hat aber einen “Knick” und bietet so theoretisch einen höheren Sitzkomfort. Otakar Máčel argumentiert, dies hätte keinen Unterschied gemacht16, da es in dem Fall um Ähnlichkeiten zu Stams Originalwerk ging und nicht direkt um die zwischen dem ST 12 und dem B 33. Bei allem Respekt gegenüber Otakar Máčel erlauben wir uns, anderer Meinung zu sein. Die formale Entwicklung der Rückenlehne mit dem “Knick” ist eine eigene Designentwicklung. Und bei allem Respekt gegenüber Thonets Anwälten von 1930, finden wir diesen Aspekt ein klein wenig wichtiger als das Argument der “vernickelten Rohre”, mit dem sie hofften zu gewinnen.

Sie gewannen nicht und das Ergebnis des Falls bestand nicht nur darin, dass Mart Stam das künstlerische Urheberrecht für den kubisch geformten Freischwinger erhielt und somit der erste Designer der Moderne war, dem eher eine Form als eine technische Innovation als Eigentum zugesprochen wurde. Aufgrund seines Vertrags mit Stam erhielt Anton Lorenz auch noch die Rechte an den kubisch geformten Freischwingern von Marcel Breuer.

Somit erhielt Anton Lorenz eine Monopolstellung, was kubisch geformte Freischwinger betraf.

Einen Monat nach dem Urteil übertrug Anton Lorenz seine gerade erhaltenen Rechte jedoch an Thonet. Man könnte denken, dass das die ganze Zeit seine Absicht war. Ähnlich wie bei den heutigen hippen, jungen Start-ups hat man das untrügliche Gefühl, dass Anton Lorenz’ Motivation der gut bezahlte “Ausstieg” war.

Hier sollte die Geschichte wirklich enden.

Tut sie aber nicht.

S32 von Marcel Breuer für Thonet (Künstlerisch Urheberrecht seit 1932, Mart Stam)

S32 von Marcel Breuer für Thonet (künstlerisch Urheberrecht seit 1932, Mart Stam)

Zusätzlich zu der Übertragung der Rechte DESTAs und Stams an Thonet und auf wahrhaft epische, groteske Weise, bei der der Bock zum Gärtner gemacht wurde, wurde Anton Lorenz im Juli 1932 zum Leiter von Thonets, wie wir vermuten, neu gegründeter “Abteilung für Gewerblichen Rechtsschutz”. Diese Position bekleidete er bis 1935 und beaufsichtigte von da aus energisch und konsequent die Einhaltung der Rechte Thonets. Diese waren natürlich in Wirklichkeit seine Rechte und so hatte er eine Schlüsselrolle inne, dem Hersteller Thonet dabei zu helfen, seine Position und Reputation im Bereich Stahlrohrmöbel zu stärken.

Hier sollte die Geschichte wirklich enden und das tut sie auch.

Es bleiben aber offene Fragen.

Die größte und wichtigste Frage ist für uns, wer den DESTA ST 12 designt hat. Den Stuhl, mit dem der Prozess begonnen hat, ein Prozess, bei dem es paradoxerweise um Stams Freischwinger von 1927 ging und in dem der ST 12 nur eine Nebenrolle spielte. Wir können keinen Beweis dafür finden, dass Stam selbst den ST 12 entwickelt hat, Remmele hält es für unwahrscheinlich, dass Breuer beteiligt war17, Wilk hingegen sieht den B 33 und so auch den ST 12 als “logisch abgeleitet von Breuers früheren Arbeiten” an18. Máčel geht noch weiter, indem er der Ansicht ist, der ST 12 wurde “wahrscheinlich von Breuer oder Lorenz” entworfen19. Wenn Breuer aber involviert war, wieso schien er sich vor Gericht dazu nicht geäußert zu haben? Wo sind die Zeichnungen und Pläne? Und wenn Breuer nicht am ST 12 beteiligt war? War er sich dessen bewusst? Diese Frage ist wichtig, denn aufgrund der nach hinten geneigten Rückenlehne stellt der Stuhl einen Bruch mit der strikten Geometrie Mart Stams früherer Arbeiten dar. Er ist noch immer quadratisch, macht aber Zugeständnisse in Sachen Sitzkomfort. Der B 33 sogar noch mehr, wie bereits erwähnt. Die Antwort auf die Frage mag in diesem Fall keine Rolle gespielt haben, ist aber wichtig, um die Geschichte des Stuhldesigns der Nachkriegszeit zu vervollständigen.

Trotz der zentralen Rolle, die Mart Stams Weißenhof Freischwinger in den Verhandlungen und somit in der Geschichte des zeitgenössischen Möbeldesigns spielte, wurde er nie wirklich produziert und vermarktet. Trotz seiner ästhetischen Eleganz, formalen Innovation und kulturellen Relevanz war er ein sehr strenges Objekt, umständlich zu produzieren und nach allem, was man hört, sehr unbequem. Heute gibt es technologisch fortgeschrittenere, elegantere und sicherlich komfortablere Objekte wie Mart Stams S 43 oder Marcel Breuers S 32.

Was allerdings bleibt, ist die führende Position im Bereich Stahlrohrfreischwinger und Stahlrohrmöbel im Allgemeinen, die Thonet durch den Prozess erhielt. Die Position ist wohl berechtigt. In den späten 1920er Jahren gab es zahlreiche Unternehmen, die Stahlrohrmöbel herstellten. Eine große Ironie der Zeit ist, dass obwohl die Weißenhofsiedlung eine Hochwassermarke in der öffentlichen Akzeptanz von Stahlrohrmöbeln gesetzt und Arbeiten diverser Hersteller präsentiert hat, Thonet durch seine Bugholzmöbel repräsentiert wurde. Doppelt ironisch ist es, weil dies dank des großen Modernisten Le Corbusier geschah, der Holzstühle von Thonet für seine Inneneinrichtungen nutzte. Thonet war allerdings das erste Unternehmen, das stark in die notwendigen Maschinen und die Infrastruktur investierte, und zwar in Deutschland und Frankreich. Sie waren die ersten, die einen Designer mit Breuers Talenten einstellten, um eine Kollektion zu vervollständigen und all das trotz des Risikos, wie Mathias Remmele sagt: (Die) “Initiative war verhältnismäßig riskant, weil es für diese Art Möbel noch keinen relevanten Markt gab, der einen baldigen Gewinn garantieren konnte.”20 Thonet ging mit den Stahlrohrmöbeln ein großes Risiko ein. Und es funktionierte. Auch, wenn einige dilettantische juristische Arbeit bedeutete, dass es den Hersteller viel mehr Zeit und Geld kostete, als es hätte kosten sollen…..

Ein Mart Stam Freischwinger vor dem Reichsgericht Leipzig, nicht zum ersten mal

Ein Mart Stam Freischwinger vor dem Reichsgericht Leipzig, nicht zum ersten mal………..

1. Gewerblicher Rechtschutz und Urheberrecht. Zeitschrift des Deutschen Vereins für den Schutz des gewerblichen Eigentums, Vol 31, Nr 8 August 1932, Vol 31, Nr 8 August 1932

2. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

3. Christopher Wilk, Marcel Breuer: furniture and interiors, Museum of Modern Art New York, NY, 1981

4. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

5. Christopher Wilk, Marcel Breuer: furniture and interiors, Museum of Modern Art New York, NY, 1981

6. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

7. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

8. ibid

9. Alexander von Vegesack, Deutsche Stahlrohrmöbel : [650 Modelle aus Katalogen von 1927 – 1958], Bangert Verlag, Munich, 1986

10. Sebastian Neurauter, Das Bauhaus und die Verwertungsrechte : eine Untersuchung zur Praxis der Rechteverwertung am Bauhaus 1919 – 1933,Mohr Siebeck Verlag, Tübingen, 2013

11. ibid

12. Gewerblicher Rechtschutz und Urheberrecht. Zeitschrift des Deutschen Vereins für den Schutz des gewerblichen Eigentums, Vol 31, Nr 8 August 1932, Vol 31, Nr 8 August 1932

13. ibid

14. ibid

15. ibid

16. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

17. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

18. Christopher Wilk, Marcel Breuer: furniture and interiors, Museum of Modern Art New York, NY, 1981

19. Otakar Máčel, Der Freischwinger – vom Avantgardeentwurf zur Ware, Delft TU, 1992

20. Mathias Remmele, Marcel Breuer: Design und Architektur, Vitra Design Museum, 2003

Möbelmesse Mailand 2016: Top Five!

Auf der Mailänder Möbelmesse Salone del mobile fünf herausragende Produkte auszusuchen, ist für den normalen Beobachter eine nahezu unmögliche Aufgabe, so hoch ist die Anzahl der Kandidaten. “Wie”, fragt unser normaler Beobachter, “könnt ihr nur fünf auswählen?!?!”

Auf der Möbelmesse Mailand fünf herausragende Produkte auszusuchen ist aber auch für den erfahrenen Besucher eine nahezu unmögliche Aufgabe, weil die Mehrheit der ausgestellten Produkte alles andere als herausragend ist. Und ältere, etablierte Produkte kommen für diese Kolumne nicht in Frage.

Genau dafür war die Möbelmesse in Mailand 2016 ein hervorragendes Beispiel: Die Mehrheit der neuen Produkte hat uns nicht überzeugt. Viele der Hersteller, von denen man einen freudigen Schauder hätte erwarten können, brachten wenig mehr als ein freundliches, wenngleich wissentlich entschuldigendes Lächeln auf.

Das bedeutet nicht, dass die ausgestellten Objekte nicht gut, interessant oder berechtigt waren. Das waren sie häufig, nur stachen sie selten heraus.

Dennoch gab es einige ausgezeichnete Produkte, hier sind unsere Top Five von der Möbelmesse Mailand 2016*

Officina Lounge Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis

Auf der Mailänder Möbelmesse 2016 enthüllte Magis eine umfangreiche Erweiterung der Officina Kollektion von Ronan und Erwan Bouroullec, inklusive des Officina Lounge Chairs. Das Objekt stellt für uns die endgültige Verkörperung der Ideen dar, die im Officina Armchair enthalten sind. Versteht uns nicht falsch, wir sind große Fans des Officina Armchairs. Mit der zusätzlichen Breite, den übertriebenen Proportionen und der Kombination aus Leder und Schmiedeeisen ist der Officina Lounge Chair für uns eine natürlichere, harmonischere Konstruktion als der kompakte Armchair. Außerdem hat er etwas Ursprüngliches, fast Bestialisches an sich, wenn auch etwas von einer gezähmten Bestie. Das macht ihn für uns zu einem sehr logischen und ansprechenden Objekt.

Officina Lounge Chair by Ronan & Erwan Bouroullec for Magis, a sseen at Milan Furniture Fair 2016

Officina Lounge Chair von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

Stool 01 von Studio Daphna Laurens

Der raffiniert benannte Stool 01 ist keineswegs ein neues Design, denn er gehörte zu dem Beitrag des Designstudios Daphna Laurens aus Eindhoven zur Vienna Design Week Passionswege 2012. Für uns ist er heute aber noch genauso frisch und aufregend, wie er es schon damals in Wien war. Wir finden auch wirklich, dass mehr Menschen ihn kennenlernen sollten. Die Attraktivität liegt für uns in der Mehrdeutigkeit, die dem Objekt innewohnt. Im Wesentlichen ein ganz simpler Hocker, ist der Stool 01 alles andere als das; er enthält keine klaren Hinweise, wie oder wo man ihn nutzen kann. Das liegt an euch. Intensiviert wird dies durch die Tatsache, dass der Stool 01 als Objekt nicht nur zur Interaktion auffordert, sondern ständig neue Facetten seines Charakters enthüllt und neue Möglichkeiten aufzeigt, die abhängig davon sind, wie man an ihn herangeht. In den letzten Jahren haben wir den Stool 01 bei zahlreichen Gelegenheiten und an vielen Orten gesehen und wissen doch noch nicht, wie man auf ihm sitzen soll. Es handelt sich nicht um einen einfachen Hocker, sondern um ein sehr erfreuliches und bereicherndes Objekt aus dem Bereich Produktdesign.

Stool 01 by Studio Daphna Laurensas seen at Salone Satellite, Milan Furniture Fair 2016

Stool 01 von Studio Daphna Laurens gesehen bei Salone Satellite, Möbelmesse Mailand 2016

866 F Schaukelstuhl von Lydia Brodde, Thonet Design Team für Thonet

Das Genre Schaukelstuhl wird größtenteils durch die klassische “Windsor”-Spindel-Form definiert, oder auch von seinem quadratischen Cousin, wie man ihn klischeehaft auf der durchschnittlichen amerikanischen Veranda findet. Oder es ist eine fürchterliche zeitgenössische Abscheulichkeit, die in dir den Wunsch nach einem neuen Gesetz weckt, das den Verantwortlichen lange Gefängnisstrafen auferlegt. Dazwischen gibt es nicht so viel. Der  recht neue Schaukelstuhl 866 F von Thonet bietet eine Alternative. Als Erweiterung von Thonets 860-Programm von Lydia Brodde aus dem Thonet Design Team profitiert der 866 F nicht nur von der gut durchdachten und exzellent proportionierten Form der 860-Kollektion, sondern auch von Thonets langjähriger Erfahrung mit Schaukelstühlen. Michael Thonet war für zahlreiche Schaukelstuhldesigns verantwortlich, wobei er Zeit und Mühe in die Entwicklung der filigranen Bugholzstrukturen investierte und zusätzlich stark auf die Radien der Schaukelstühle achtete. Sorgfältiges Forschen in den Thonet Archiven und Werkstätten hat ergeben, dass es basierend auf dieser Tradition eine bestimmte Krümmung gibt, die ein stabiles, sicheres und besonders erfreuliches Schaukeln ermöglicht.

866 F Rocking Chair by Lydia Brodde, Thonet Design Team for Thone, as seen at Milan Furniture Fair 2016

866 F Schaukelstuhl von Lydia Brodde, Thonet Design Team für Thonet, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

FRAM3 von Anna Weber

FRAM3 war für uns eine dieser klassischen Messeerfahrungen. Wir liefen um den Stand herum, an dem Anna Weber von der Burg Giebichenstein ihre Arbeit ausstellte und unsere Aufmerksamkeit wurde geweckt, warum, wissen wir nicht. Und so konnten wir uns auch nicht entscheiden, ob es uns gefiel. Wir dachten, dass wir es wahrscheinlich schon mochten und machten ein paar Fotos. Fernab von der Intensität der Messe mit Raum und Zeit zum Nachdenken entschieden wir, dass wir es mochten und es uns noch immer gefällt. Oder uns gefiel/gefällt besonders eine Konfiguration von FRAM3. Wie der Name verrät, ist FRAM3 ein Metallrahmen, der in einer von drei Positionen genutzt werden kann. Der rechteckige Rahmen hat drei Höhen, abhängig davon, welche Seite die Basis bildet. Eine Reihe austauschbarer Einsätze macht aus FRAM3 ein praktisches Sideboard, einen Tisch, etc…..es war der Metalleinsatz mit Vertiefung zur Aufbewahrung von Büchern, der unsere Aufmerksamkeit weckte. Ja, wir wissen schon. Staub. Wenn ein Buch zu lange dort liegt, wird es staubig. Dann lässt man es eben nicht so lange dort liegen. Das Leben ist einfach. Nutzt es als vorübergehende Aufbewahrungsmöglichkeit für Bücher, zum Beispiel im Flur, in der Küche, im Wintergarten oder im Büro. Und nicht nur für Bücher. Der Rand an der oberen Fläche sorgt dafür, dass kleine Gegenstände sicher darauf abgelegt werden können und der Einsatz bietet vorübergehend Platz für Schals, Jutebeutel, kleine Päckchen, Hundeleinen etc., etc., etc. Oder für Bücher. Zusätzlich zu seiner erfreulichen Funktionalität ist FRAM3 auch in ästhetischer Hinsicht ein gelungenes Objekt. Es ist reduziert, ohne unnötig filigran zu sein und zeigt seinen robusten Charakter, ohne grob zu sein.

FRAM3 by Anna Weber, as seen at Salone Satellite, Milan Furniture Fair 2016

FRAM3 von Anna Weber, gesehen bei Salone Satellite, Möbelmesse Mailand 2016

Ulisse Daybed von Konstantin Grcic für ClassiCon

Einer der schönen Aspekte an Konstantin Grcics Arbeiten ist, dass man nie weiß, wohin sie ihn als Nächstes führen werden: etwas schamlos, wenngleich kompetent Kommerzielles; etwas in künstlerischer Richtung; etwas, das neue Formate entdeckt, Horizonte erweitert und so das Vokabular des Möbeldesigns bereichert; oder etwas, das den Schreiner Konstantin Grcic repräsentiert. Das Ulisse Daybed für ClassiCon ist ein wunderbares Beispiel für letzteren Punkt. Das Objekt präsentiert sich in einer unkomplizierten, reduzierten Formensprache und seine Neigemechanik bereitet wahre Freude. Es ist im Wesentlichen eine sehr einfache, beinahe grundlegende Schreinerlösung eines funktionalen Problems und dennoch eine von logischer Effizienz, die unbestreitbar industrieller Art ist. Ulisse ist ein hervorragend umgesetztes Objekt des Schreinerhandwerks und nimmt, wie so viele von Grcics Arbeiten, Bezug auf zahlreiche historische Objekte. Außerdem bietet es eine neue Interpretation von Eleganz und Funktionalität, für die die Produkte anerkannt werden und beliebt sind.

Ulisse Daybed by Konstantin Grcic for ClassiCon, as seen at Milan Furniture Fair 2016

Ulisse Daybed von Konstantin Grcic für Classicon, gesehen auf der Möbelmesse Mailand 2016

* mit der Maßgabe, dass:

(a) In Anbetracht der 8 000 000 Hersteller, die ihre Produkte in 20 000 Hallen in drei Zeitzonen ausstellen, haben wir nicht alles gesehen und unweigerlich das eine oder andere herausragende Objekt verpasst. Wir werden sie aber irgendwann einholen.

(b) Diese Auflistung enthält nur Objekte, die wir auf der Möbelmesse in Mailand gesehen haben, die Stadt Mailand ist nicht die Messe. Das ist die Stadt. Auch wenn immer mehr Hersteller versuchen, das Wasser zu trüben und uns anderweitig zu überzeugen.

smow Blog Interview: Glen Oliver Löw – Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass Design mit einem Problem beginnt.

Der in Leverkusen geborene Glen Oliver Löw studierte ursprünglich Industriedesign an der Universität Wuppertal, bevor er 1986 nach Mailand zog, wo er einen Masterstudiengang an der Domus Academy absolvierte. Nach seinem Abschluss blieb Glen Oliver Löw in Mailand und nahm eine Stelle bei Antonio Citterio an. 1990 wurde er Partner eines Büros und entwickelte ein breites Spektrum an Projekten für so unterschiedliche Firmen wie Vitra, Kartell und Flos.

Im Jahr 2000 kehrte Glen Oliver Löw nach Deutschland zurück und nahm eine Professur an der Hochschule für Bildende Kunst, HfBK, in Hamburg an. Zudem eröffnete er ein Designbüro in Hamburg, von dem aus er Projekte für Kunden wie Thonet, Steelcase und Knoll entwickelt.

Wir haben Glen Oliver Löw getroffen, um über zeitgenössisches Produktdesign, die 80er Jahre in Mailand und die HfBK Hamburg zu sprechen. Begonnen haben wir, wie immer, mit der Frage “Warum Design”?

Glen Oliver Löw: Ich hatte schon als Kind eine starke Affinität zu den Dingen, habe viel gebastelt und gebaut und als ich mich für einen Beruf entscheiden musste, war Industriedesign die erste Wahl. Ich empfinde es als extrem befriedigend gemeinsam im Team mit anderen Personen gut funktionierende und sinnvolle Produkte zu entwickeln, die dann von Millionen von Menschen benutzt werden.

smow Blog: Und warum in Wuppertal?

Glen Oliver Löw: Die Hochschule hatte einen sehr guten Ruf, vor allem in Bezug auf die Vermittlung von praktischen Fähigkeiten. Und auf die kam es an, als Design noch bedeutete, Objekte für die industrielle Produktion zu gestalten. In Wuppertal wurden dafür ausgezeichnete Skills und grundlegendes Wissen über Materialien und Produktionsprozesse vermittelt.

smow Blog: Nach Wuppertal sind Sie an die Domus Academy in Mailand gewechselt. Das hört sich nach dem “Kulturschock” schlechthin an. Warum entschieden Sie sich für Mailand?

Glen Oliver Löw: Für mich war es notwendig und wichtig – nach der ziemlich trockenen, technischen Ausbildung in Deutschland – Design in seinem kulturellen Kontext zu sehen und zu verstehen. Ich hatte das Glück, dass mir ein Europa-Stipendium erlaubte, einen Master an der Domus Academy zu absolvieren. Das war im Jahr 1986 – einer sehr spannenden Zeit. Memphis war damals in Mailand mit seiner Funktionalismuskritik und einer Antihaltung gegenüber dem klassischen Produktdesign sehr präsent. Ich war ganz klar auf der Seite der Funktionalisten und blieb trotz aller Einflüsse Funktionalist – also immer Form folgt Funktion. Dennoch war das ein spannendes, aufregendes Umfeld.

smow Blog: Interessant, dass Sie das sagen, denn als die Welle des Neuen Deutschen Designs über Westdeutschland hereinbrach, waren Sie Student in Wuppertal. Hat Sie das kalt gelassen, hat Sie nicht interessiert, was da passierte?

Glen Oliver Löw: Ich konnte das nicht ausstehen, fand das grauenhaft – das hat mich irgendwie nie angemacht. Da konnte ich mit der Ästhetik von Memphis schon mehr anfangen.

smow Blog: Sie sagten, Mailand sei Mitte der 80er Jahre eine aufregende Umgebung gewesen, wie geht es Ihnen, wenn Sie heute Mailand besuchen? Spüren Sie da noch immer eine besondere Energie, oder hat sich die Stadt und ihre Designklientel komplett verändert, sich weiterentwickelt über die Jahre?

Glen Oliver Löw: Für mich ist es nicht mehr so spannend, das mag aber vor allem an mir selbst liegen. Grundsätzlich finde ich den derzeitigen Designdiskurs im industriellen Kontext nicht sonderlich interessant. Damals gab es noch echte Innovationen, da wurden komplett neue Sachen entworfen, neue Ideen entwickelt. Heute kommt Design oft geschmäcklerisch daher – es geht eher darum Dinge anders zu machen aber, nicht unbedingt darum sie besser zu machen. Modische Aspekte überwiegen. Vor allem Mailand war in den 80er Jahren ein El Dorado für Designer. Es gab eine relativ große Zahl an kleinen und mittleren Möbelproduzenten, die alle auf der Suche nach innovativen und kreativen Entwürfen waren, um gegenüber den großen Herstellern wettbewerbsfähig sein zu können – viele Möglichkeiten also für Designer. Heute sehe ich sehr viel weniger Innovation und Kreativität, und vor allem sehr viel weniger Firmen, die das Risiko auf sich nehmen würden, mit einem Designer etwas Experimentelles zu entwickeln. Die meisten gehen auf Nummer sicher, fokussieren Bewährtes, oder für gewöhnlich, was die Konkurrenten im Programm haben, anstatt eine Investition in etwas Neues zu riskieren. Die Folge ist, dass immer die gleichen Designer beauftragt werden, die gleichen Ideen wieder und wieder zu reproduzieren.

smow Blog: Haben Sie eine Erklärung dafür? Hat sich die Auffassung von Design geändert; hat sich der Designmarkt verwandelt?

Glen Oliver Löw: Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass Design mit einem Problem beginnt. Heute ist Design oft selbstbezogen – Design um des Designs Willen. Design funktioniert in vielen Bereichen wie die Mode, es dominieren kurzfristige Trends, die oft beliebig erscheinen. Andererseits stelle ich z.B. bei meinen Kindern fest, dass das Interesse an physischen Objekten und die Affinität zu den Dingen im Allgemeinen abgenommen hat. Durch die allgegenwärtige Faszination für das Mediale tritt die Gestalt der Dinge in den Hintergrund. Das Objekt als physische Entität ist nicht mehr so wichtig, die Funktionalität eines Produkts reduziert sich auf die Mensch-Maschine-Schnittstelle.

smow Blog: Kann man also annehmen, dass auch Sie den Eindruck haben, dass der Designbegriff immer schwammiger wird?

Glen Oliver Löw: Absolut – vollkommen schwammig! Heute wird jegliches Handeln unter dem Begriff Design subsumiert. Wenn heute jemand beispielsweise im gesellschaftlichen Kontext arbeitet, behauptet er die Gesellschaft oder gesellschaftliche Vorgänge zu designen. Heute ist alles Design.

smow Blog: Ursprünglich nach Mailand gekommen, um ein Jahr zu studieren, blieben Sie beinahe 15 Jahre und arbeiteten überwiegend mit Antonio Citterio zusammen. Wie entwickelte sich diese Partnerschaft?

Glen Oliver Löw: Citterio suchte damals einen Deutsch sprechenden Designer für die Zusammenarbeit mit Vitra. Auf seine Anfrage hin hat mich die Domus Academy ihm empfohlen und da Antonio Citterio einer der wenigen dem Funktionalismus treu gebliebenen Designer in Mailand war, passte alles perfekt. Für mich persönlich hieß es nun einmal in der Woche zu Vitra nach Basel zu fahren, um die Produktentwicklung zu koordinieren – dort habe ich erst richtig gelernt, wie ein Designprozess funktioniert und was es bedeutet Design im industriellen Kontext zu betreiben.

smow Blog: Wie verlief der Designprozess mit Antonio Citterio? Haben Sie ein Projekt entwickelt und er sagte gut oder nicht gut, oder gab es eine gemeinsame Vorgehensweise?

Glen Oliver Löw: Wir haben von Anfang an sehr eng zusammengearbeitet. Nachdem ich dann Partner wurde, war ich unabhängiger in dem, was ich tat, kooperierte aber immer eng mit Citterio. Ich denke, wir hatten immer ähnliche Ansätze und Vorstellungen. Vielleicht habe ich mich mehr für Innovationen und Erfindungen interessiert, wollte Dinge neu und anders machen, während Citterio ein sehr gutes Händchen dafür hatte, Vorhandenes aufzugreifen und neu zu interpretieren bzw. auf sinnvolle und neue Art umzugestalten.

smow Blog: Im Jahr 2000 haben Sie Mailand verlassen, lag das nur am Millennium, an neuen Perspektiven oder …?

Glen Oliver Löw: Nach 13 Jahren Zusammenarbeit mit Citterio war es an der Zeit, mein eigenes Designbüro zu eröffnen, die Berufung an die HfbK kam da gerade richtig. Hinzu kamen persönliche, familiäre Gründe. Zu dieser Zeit schien einfach alles darauf hinzudeuten, dass eine Rückkehr nach Deutschland die richtige Entscheidung sein würde und so nahm ich die Stelle hier an und gründete mein eigenes Studio.

smow Blog: Schaut man sich die HfBK an, könnte man sagen, dass der Designbereich einen sehr experimentellen Eindruck macht. Und dann gibt es Professor Glen Oliver Löw, der eigentlich Vertreter einer eher traditionellen Form von Design ist…

Glen Oliver Löw: Ich bin hier der Dinosaurier, sozusagen das Überbleibsel des Industrial Design. In den 15 Jahren, die ich hier bin, hat sich der Designbereich sehr verändert. Zu Beginn lag der Fokus viel stärker auf der Gestaltung der Dinge, also beim klassischen Produktdesign. Unter Design verstand man Produktgestaltung. Heutzutage muss ich meine Position schon etwas vehementer verteidigen. Der neue Schwerpunkt liegt sehr viel mehr beim Social Design und da sind Objekte eher ein peripherer Aspekt.

smow Blog: Was bedeutet das in der Praxis für die Ausbildung? Kann man hier beispielsweise noch einen Stuhl als Abschlussprojekt designen?

Glen Oliver Löw: Die HfBK ist eine Kunsthochschule. Alle Studenten studieren auf Bachelor in Fine Arts. Innerhalb des Studiengangs gibt es einen Schwerpunkt Design. Das Studium ist als Projektstudium ausgelegt, d.h. die individuellen Entwicklungsvorhaben der Studierenden strukturieren das Studium. Ziel ist, dass die Studenten ihr eigenes Thema finden, eine eigene Haltung entwickeln und sich einen eigenen Bereich erschließen. Das künstlerische Entwicklungsvorhaben kann sich natürlich auch auf ein Produkt wie z.b. einen Stuhl beziehen.
Ein großer Vorteil der Hochschule sind ihre ausgezeichneten Werkstätten und Werkstattleiter. Unsere Studenten haben dadurch die Möglichkeit, ein Design als funktionierenden Prototypen zu realisieren. Diese Möglichkeit wird allerdings immer weniger genutzt – oder zumindest immer seltener auf hohem Niveau. Als ich hier ankam, haben Studenten beispielsweise noch funktionierende Solarflugzeuge in den Werkstätten gebaut, heute stelle ich einen fortschreitenden Hang zum Dilettantismus fest. Das Gaffer-tape gilt als sexy und ersetzt oft das raffiniert ausgeklügelte technische Detail.

smow Blog: Man könnte also annehmen, dass sich nicht nur der Designbereich, sondern auch der Typus Designstudent über die Jahre geändert hat?

Glen Oliver Löw: Die Interessen der Studierenden sind sicherlich andere, zudem sind sie sehr viel jünger und kommen heute häufig direkt von der Schule, was oft zu früh ist. Man hat regelmäßig den Eindruck, dass die Studenten selbst nicht ganz wissen, was sie hier eigentlich wollen und dass sie etwas mehr Erfahrung bräuchten. Oft wäre es besser, sie würden zuerst eine Berufsausbildung machen, um ein besseres Verständnis, eine Vorstellung von den Dingen zu entwickeln, denn vier Jahre Studium sind nicht viel Zeit, um herauszufinden, was man möchte.

smow Blog: Spricht man mit frischen Absolventen, artikulieren diese häufig den Wunsch, es hätte mehr kaufmännische Elemente in der Ausbildung geben sollen, wie ist da die Lage? Werden solche Dinge unterrichtet?

Glen Oliver Löw: Nein, ganz bewusst nicht! Als Designer an einer Kunsthochschule sind wir nicht daran interessiert Gestaltung nach wirtschaftlichen Aspekten auszurichten. Open Design ist bei den Studierenden beispielsweise ein großes Thema: der Designer stellt seine Designs online damit Andere sie nützen bzw. verändern, adaptieren oder weiterentwickeln können. Das ist ganz offensichtlich eine völlig andere Mentalität als die meiner Generation. Wir versuchten etwas Neues zu erfinden, um es dann schützen zu lassen und mit Lizenzgebühren Geld zu verdienen.
Gelegentlich kommen Studenten und stellen Fragen. Dann bin ich froh, ihnen mit Tipps und Ratschlägen aus meiner eigenen Berufspraxis helfen zu können. Beispielsweise worauf es bei der Zusammenarbeit mit einem Hersteller ankommt oder was man bei der Aushandlung eines Lizenzvertrags beachten sollte – dadurch fließen kaufmännische Elemente natürlich in das Studium ein. Grundsätzlich empfehle ich allen Studierenden während des Studiums ein Praktikum zu absolvieren oder in einem Designbüro zu arbeiten, um sich hochschulferne, praktische Lehrinhalte außerhalb der Hochschule anzueignen, auch wenn das Curriculum des Bachelor/Master Studiums dies nicht vorsieht.

smow Blog: Hat man Ihnen so etwas in Wuppertal beigebracht?

Glen Oliver Löw: Nein, da wurde so etwas auch nicht gelehrt. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir einen Kurs in Urheberrecht, aber ansonsten hieß es immer “Learning by Doing”.

smow Blog: Kommt es auch vor, dass ein Student zu Ihnen kommt und sagt: “Ich habe ein Stuhldesign und würde gerne einen Hersteller finden. Können Sie mir helfen?” ?

Glen Oliver Löw: Das kommt sogar sehr oft vor und einige Produkte, die hier an der Hochschule entwickelt wurden, werden mittlerweile von einem Hersteller industriell produziert. Oft überschätzen die Studierenden aber auch das Potential eines akademischen Projekts. Das primäre Ziel der Ausbildung ist ja nicht das dingliche Objekt, sondern das gestaltende Individuum.
Grundsätzlich denke ich, dass es sinnvoller ist ein Produkt gemeinsam mit einem Produzenten zu entwickeln. Ich persönlich habe nie etwas in Eigenregie entworfen und danach versucht, es bei einem Hersteller zu platzieren, das funktioniert nur ganz selten.
Als Student oder junger Designer hat man häufig aber gar keine andere Möglichkeit, als mit eigenen Entwürfen aufzufallen und zu versuchen, die Aufmerksamkeit der Hersteller zu erregen.

smow Blog: Neben Ihrer Lehrtätigkeit hier entwickeln Sie immer noch Möbelprojekte. Macht Ihnen das nach wie vor Spaß?

Glen Oliver Löw: Das macht sehr viel Spaß und zeigt mir auch, dass das klassische Produktdesign noch nicht ausgestorben ist. Es gibt immer noch Interesse an gut funktionierenden Produkten die global, über kulturelle Grenzen hinweg, funktionieren. Funktionales Design ist also nach wie vor gefragt.

smow Blog: Um nochmal auf etwas anderes zu sprechen zu kommen: Sie sind seit 15 Jahren in Hamburg, ist Hamburg eine kreative Stadt? Gibt es Möglichkeiten für die Studenten nach ihrem Abschluss?

Glen Oliver Löw: Hamburg ist kreativ und schön, aber keine Stadt mit ausgeprägter industrieller Produktion. Es gibt also nicht sehr viele Firmen, die Designs realisieren könnten. Der Schwerpunkt in Hamburg liegt wohl eher im Bereich Handel und Medien. In Zeiten globaler Produktion ist der Standort eines Designers in der Nähe der industriellen Produktion aber auch kein Thema mehr.

smow Blog: Und zum Schluss, haben Sie einen bestimmten Rat, den Sie den Studenten geben würden?

Glen Oliver Löw: Es bedarf einer großen Leidenschaft für die Dinge und den Gestaltungsprozess und einen unbedingten Gestaltungswillen, um als Designer erfolgreich zu sein. Designstudenten, die sich dazu zwingen müssen etwas zu gestalten, rate ich sich nach einem anderen Studiengang umzusehen.

Weitere Informationen zu Glen Oliver Löw und seiner Arbeit finden sie auf http://glenoliverloew.de/

Think von Glen Oliver Löw für Steelcase

Think von Glen Oliver Löw für Steelcase

S 1070 von Glen Oliver Löw für Thonet

S 1070 von Glen Oliver Löw für Thonet

S 60 von Glen Oliver Löw für Thonet

S 60 von Glen Oliver Löw für Thonet

Battista von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Kartell

Battista von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Kartell

Vis-a-vis von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Vitra

Vis-a-vis von Glen Oliver Löw & Antonio Citterio für Vitra

Kuula von Uli Budde für Thonet & Oligo

In dem berühmten Thonet Steckkartenkatalog von 1930/31 ist auf dem Bild von dem B 9 Beistelltisch und dem B 25 Lounge Chair auch eine kleine Leuchte auf dem B 9 zu sehen. Während der Thonet B 25 und der Thonet B 9 Marcel Breuer zugeschrieben werden, bleibt die Herkunft der Leuchte offen. Eine Thonet Leuchte ist es jedenfalls nicht. Thonet stellt schließlich keine Leuchten her. Thonet stellt Tische, Stühle, Regale und andere Möbel her. Keine Leuchten.

Oder zumindest war das so.

Im Jahr 2010 brachte Thonet die Lum Leseleuchte von Ulf Möller als Stehleuchte heraus, 2015 folgte eine Tischversion. Im April 2015 erschien die Pendelleuchte Linon von Andrea Scholz und auf der IMM Cologne 2016 präsentierte Thonet den neuesten Zuwachs im Leuchtenprogramm: die Tischleuchte Kuula vom Berliner Designer Uli Budde.

KUULA by Uli Budde for Thonet & Oligo

Kuula von Uli Budde für Thonet & Oligo (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Thonet)

Wir finden die Tatsache, dass Uli Budde der Designer ist, wunderbar ironisch. Nicht weil Uli Budde keine Leuchten entwerfen kann – das kann er mit Sicherheit und hat es mit Arbeiten wie Hazy Day für Marset oder Balloon für Vertigo Bird auch nicht nur einmal bewiesen. In unserem letzten Interview mit Uli Budde erzählte er uns jedoch, dass er “nicht nur als Leuchtendesigner gesehen werden möchte”, so sehr er auch die Herausforderung und die Geschwindigkeit des technischen Wandels im zeitgenössischen Lichtdesign schätze und diesen Bereich auch nicht aufgeben möchte.

Diese Erfahrung als Lichtdesigner war es jedenfalls, die zu dem Auftrag führte.

“Wir waren einige Jahre mit Uli in Kontakt, ohne je über konkrete Projekte zu sprechen”, so Mirko Nordheim, Leiter Produktentwicklung bei Thonet. “Zu Beginn der Zusammenarbeit mit einem Designer ziehe ich es normalerweise vor, an einem Beistelltisch zu arbeiten. Stühle werden in puncto Sitzkomfort immer subjektiv wahrgenommen, bei einem Tisch zählen die harten Fakten, Größe, Gewicht, Preis. So lernt man sich kennen und man lernt, auf einer rationaleren Basis zusammenzuarbeiten. Mir gefallen viele von Ulis Leuchtendesigns und vor allem die Idee dahinter. Also beschlossen wir Uli zu bitten, sich Gedanken darüber zu machen, wie ein Bauhäusler heute eine Leuchte designen würde, die eine funktionale, aber auch dekorative Thonet Leuchte sein könnte.”

2014 wurde diese Frage in Mailand gestellt und Uli Budde, wenig überrascht, fand das Angebot “fantastisch” und nahm die Herausforderung an. Aber wo beginnt man, wenn man eine Lampe nach solchen Vorgaben designen soll?

“Zunächst recherchierte ich über Bauhausleuchten”, so Uli Budde, “im Allgemeinen verbindet man Bauhaus mit Reduktion, geometrischen Formen und so habe ich damit begonnen. Der erste Gedanke, der einem zu Bauhaus-Tischleuchten kommt, ist natürlich der an die Wagenfeld Leuchte. Das war ein naheliegender Ausgangspunkt.”

Wir wagten zu fragen, ob man bei so einem Projekt nicht in Versuchung gerät, zu ignorieren, was es schon gibt, um das Risiko zu umgehen, sich zu sehr von einem bestehenden Objekt beeinflussen zu lassen.

“Nein, einerseits ist das Bauhaus noch heute sehr relevant und andererseits ist es so sehr in unserem Bewusstsein verankert, dass es keine Option war, es zu ignorieren”, antwortet Uli Budde. “Nach der Recherche zu dem Thema beschloss ich mich darauf zu konzentrieren, zu versuchen das Wagenfeld Design noch weiter zu reduzieren und es durch moderne Technologie auf den neuesten Stand zu bringen.”

Das Ergebnis ist eine Leuchte, die formal genauso reduziert wie materiell ist.

Formal ist Kuula viel weniger verschnörkelt, weniger überladen als Wilhelm Wagenfelds Leuchte. Vielmehr erinnert sie in vielerlei Hinsicht an Luciano Vistosis pilzartige Onfale Leuchte aus dem Jahr 1931, wenn auch weniger fragil, weniger dekorativ. Dieses ruhige Erscheinungsbild wird von der Entscheidung unterstützt und begünstigt, auf einen On/Off-Schalter und einen Dimmer zu verzichten. Beide Funktionen wurden im und mit dem Kabeleinlass kombiniert, was nicht nur eine noch reduziertere Form ermöglicht, sondern auch Material und Produktionsschritte spart. Eine Ressourceneinsparung, die durch den nüchternen Aluminiumsockel verstärkt wird.

Sollte es bei der Kuula Leuchte einen Hinweis auf Luxus und Überfluss geben, so handelt es sich ohne Frage um die manuell sandgestrahlte, mundgeblasene Glaskugel, wahre Handwerkskunst und das bestimmende visuelle Element der Leuchte. Die Entscheidung für das Sandstrahlen gegenüber anderen, möglicherweise weniger aufwendigen Prozessen, wurde getroffen, um eine exakte Trennung zwischen den undurchsichtigen und den transparenten Abschnitten der Kugel zu garantieren und so den Kontrast zu betonen und die Wirkung zu verstärken.

KUULA by Uli Budde for Thonet & Oligo, as seen at IMM Cologne

Kuula von Uli Budde für Thonet & Oligo, gesehen auf der IMM Cologne

Die Leuchte Kuula, deren Name im Finnischen Ball/Kreis bedeutet, wurde in Zusammenarbeit von Thonet und dem deutschen Leuchtenhersteller Oligo entwickelt. Thonet war für die formale und ästhetische Entwicklung zuständig, während Oligo für die technischen und funktionalen Aspekte, die in der bescheidenen Form der Kuula Leuchte stark vertreten sind, verantwortlich war.

Der oben genannte kombinierte Schalter-Kabeleinlass trägt zur Ästhetik der Leuchte bei und ist auch eine sehr raffinierte und logische funktionale Lösung und somit ein weiterer Wink in Richtung der Bauhaus-Tradition. Abgesehen davon befindet sich die LED-Lichtquelle im Leuchtenfuß und wird von einer inneren Linse präzise fokussiert, sodass sie nur den sandgestrahlten Teil des Leuchtenschirms beleuchtet, was ein blendfreies Licht garantiert. Zudem ist die Kuula Leuchte in drei verschiedenen Lichttemperaturen erhältlich – wohnliches Warmweiß, Warmweiß oder neutrales Weiß – und ermöglicht so die passende Beleuchtung für jeden Raum, ob für das Wohnzimmer, den Flur oder das Schlafzimmer.

Außerdem ist die Leuchte natürlich eine sehr passende Begleitung für den B 9 und den B 25…

Weitere Details zu Kuula und Uli Buddes anderen Projekten gibt es auf http://ulibudde.com/.

On/Off/Dimmer & cable inlet/outlet unified in KUULA by Uli Budde for Thonet & Oligo

On/Off-Dimmer & Kabeleinlass/-auslass vereint in der Kuula von Uli Budde für Thonet & Oligo (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Oligo)

KUULA by Uli Budde for Thonet & Oligo

Kuula von Uli Budde für Thonet & Oligo (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Thonet)

KUULA by Uli Budde for Thonet & Oligo

Kuula von Uli Budde für Thonet & Oligo (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Thonet)

IMM Cologne 2016: Thonet All Seasons Kollektion

Schon in unserem Post zum Nachwuchswettbewerb Unique Youngstar haben wir bemerkt, dass der aktuelle Markt für Outdoor-Möbel in ausgesprochen schlechter Verfassung ist – zumindest was Qualitätsdesign angeht. Wir haben auch erwähnt, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Auf der IMM Cologne 2016 präsentiert Thonet jetzt mit seiner neuen All Seasons Kollektion einen ganz besonderen Blick auf das Genre.

Thonet @ IMM Cologne 2016

Thonet @ IMM Cologne 2016

Die Geschichte der Thonet Möbel  (wie auch die des Möbeldesigns ganz allgemein) ist grundsätzlich eine Geschichte von Möbeln für den Innenbereich – wenn auch nicht ausschließlich. Thonets erster Vorstoß in den Außenbereich war im Jahr 1935 der B 33 g von Mart Stam: eigentlich Mart Stams klassischer B 33 Freischwinger, allerdings mit einem g für Garten im Namen und einer Sitzfläche aus Buchenholz, anstatt der aus Sperrholz. Im Zuge des wachsenden, finanziellen Standards, der ansteigenden Bereitstellung von Wohnraum und des sozialen Wandels während der Nachkriegszeit, veröffentlichte Thonet 1952 den faltbaren TF 82 Gartenstuhl von Kurt Felkel, und dann 1955 eine Reihe von Gartenstühlen des Designers Günther Eberle, von denen es keiner bis in die 1960er Jahre schaffte. Im Jahr 1959 brachte Thonet dann den ST 458 Gartenstuhl und den ST 459 Gartensessel von Hanno von Gustedt auf den Markt – wie die Modelle von Günther Eberle wurden auch diese Stühle nur für kurze Zeit produziert. So blieben sie die letzten Outdoor-Stühle von Thonet bis zur Neuauflage von Stams B 33 g, unter dem Namen S 40 im Jahr 1999 – Thonets jüngstem Vorstoß in den Bereich der Outdoor-Möbel.

Wie der Name es schon nahelegt und jeder bei Thonet hervorzuheben versucht, die neue All Seasons Reihe ist keine reine Outdoor-Kollektion, sondern für “alle Jahreszeiten”, also immer und für den Innen- wie Außenbereich gedacht. Was also an milden Frühlings- und Sommerabenden für Komfort und Stil im Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon sorgt,  kann im Herbst und Winter in den Innenraum geholt werden, um an kalten Nachmittagen und trübseligen Sonntagen beispielsweise im Wohnzimmer, der Küche, oder dem Wintergarten für Stil und Komfort zu sorgen.

Dass man die All Season Chairs drinnen wie draußen benutzen kann, liegt nicht nur daran, dass es einem vom Thonet Vertriebsteam gesagt wird, sondern auch daran, dass die Reihe aus neuen Versionen des S 33, S 34, S 35 & S 533 besteht – allesamt etablierte Thonet-Klassiker, die ursprünglich für den Gebrauch im Wohnbereich konzipiert wurden und nun durch Materialeinsatz und neue Gestaltung in beide Welten integrierbar sind.

S 33 N, from the Thonet All Seasons Collection, as seen at IMM Cologne 2016

S 33 N, aus der Thonet All Seasons Kollektion, gesehen auf der IMM Cologne 2016

Die Entscheidung etablierte Klassiker für die All Seasons Reihe zu überarbeiten war nicht, wie man annehmen könnte, von der Überarbeitung des Mart Stam B 33 inspiriert, sondern das Resultat einer systematischen Analyse des aktuellen Stands der Dinge und der entsprechenden, aktuellen Anforderungen. “Zunächst arbeiteten wir an einem Forschungsprojekt zu Outdoor-Möbeln”, erklärt Miriam Püttner, Mitarbeiterin des Thonet Designteams und Projektleiterin der All Seasons Kollektion, “einerseits untersuchten wir, was derzeit erhältlich ist und was sich bereits im Thonet Archiv befindet, zudem entwickelten wir verschiedene Szenarios, bei denen Outdoor-Möbel eingesetzt werden und überlegten beispielsweise, ob es sinnvoll ist, Einzelstücke zu entwickeln oder ob eine Produktfamilie die bessere Lösung bietet.”

Die Resultate dieses Forschungsprojektes umfassten um die 120 Seiten und kamen zu dem Schluss, dass Thonet seinen neuen Vorstoß im Outdoor-Bereich (ja, ja, im In- und Outdoor-Bereich, wir haben allerdings den Eindruck, dass die Stühle vor allem im Außenbereich genutzt werden) mit einer Reihe von Stahlrohrklassikern beginnen sollte. Nicht zuletzt, weil es sich bei den Stühlen um Objekte handelt, mit denen viele vertraut sind, die sich einer hohen Popularität erfreuen und die ihren Wert über Jahrzehnte hinweg in unterschiedlichsten Bereichen immer wieder unter Beweis gestellt haben.

“Zunächst war unsere Aufgabe”, erklärt Miriam Püttner, “herauszufinden, welche Klassiker potenziell in Frage kommen – welche sich für eine Adaption eignen. In diesem Zusammenhang war es für mich wichtig, dass wir keine strukturellen Veränderungen an den Stücken vornehmen. Die Entscheidung für die Stühle S 33, S 34, S 35 & S 533 basierte letztendlich darauf, dass die Stühle über eine geschlossene Konstruktion verfügen, während beispielsweise der Rahmen des S 32 hinsichtlich seiner Stabilität auf die Rückenlehne aus Holz  angewiesen ist. Bei der All Seasons Kollektion haben wir nur Stahlrohrstühle mit Rückenlehne und Sitzfläche aus einem synthetischen Netzgewebe.”

S 35 N with, and without cushions, from the Thonet All Seasons Collection, as seen at IMM Cologne 2016

S 35 N mit und ohne Kissen, aus der Thonet All Seasons Kollektion, gesehen auf der IMM Cologne 2016

So wie eine genaue Analyse zur Entscheidung für die Klassiker führte, so liegt auch der Entscheidung für das Batyline Gewebe von Sitz und Rückenlehne eine genaue Analyse zugrunde. Als Material wird Batyline nicht nur vielfach in der Möbelindustrie, sondern auch in der Baubranche als Fassadenabdeckung eingesetzt. Für die Verarbeitung in der Thonet All Seasons Kollektion entschied man sich aufgrund der Langlebigkeit und der Flächenstabilität des Materials und seiner Beständigkeit gegen UV-Strahlung und Salze. Faktoren, die das Netzgewebe für ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten im Outdoor-Bereich geeignet machen, wie beispielsweise auch für die Ausstattung von Jachten oder von Veranden mit Seeseite. Auch das speziell entwickelte Thonet Protect System ermöglicht den Einsatz in ganz unterschiedlichen Bereichen: Das Stahlrohr wird einem mehrstufigen technischen Prozess unterzogen, was – ähnlich innovativer Autolacke – ein hohes Maß an Schutz garantiert. Zudem bietet die erarbeitete Batyline Kollektion eine breite Palette an möglichen – leuchtenden wie auch dezenten – Farben. Farben, die wunderbar mit den Farbvarianten der Stahlrohrrahmen kontrastieren und dem Einsatz im Innen- wie Außenbereich sehr zuträglich sind. “Zudem”, erklärt Miriam Püttner, “waren die Farben eine zentrale Komponente, als es darum ging, die Richtung des Projektes zu bestimmen: “Mir war es wichtig, ein für Thonet neuartiges, frisches Konzept zu entwickeln. Gerade bei Möbeln für den Außenbereich spielen die Farben eine entscheidende Rolle, die allesamt auch so abgestimmt sein müssen, dass sie in das Umfeld passen, zusammen harmonieren und genauso für die Marke stimmen.”

Neben den Stühlen umfasst die Thonet All Seasons Kollektion auch neue Versionen der Tische B 9, B 97 und S 1040, optional mit einer Tischplatte aus Beton. Die Tischplatte liefert nicht nur einen schönen Materialkontrast zu den Stahlrohrrahmen; da das Material eine Patina und so je nach Gebrauch einen ganz individuellen Charakter entwickelt, sorgt die Tischplatte auch dafür, dass die Outdoor-Möbel sich entwickeln und mit ihren Besitzern, deren Kindern und Kindes-Kindern mitaltern … Die Thonet All Seasons Kollektion ist nicht nur für jede Jahreszeit, sondern, wie alle Thonet Möbel, für den Gebrauch mehrerer Generationen konzipiert.

S 34 N, from the Thonet All Seasons Collection, as seen at IMM Cologne 2016

S 34 N, aus der Thonet All Seasons Kollektion, gesehen auf der IMM Cologne 2016

Dass die neue All Seasons Reihe intern entwickelt wurde, entspricht sehr der Tradition der Thonet Gartenmöbel: Die schon erwähnten Designer Günther Eberle & Hanno von Gustedt gehörten beide zum Entwicklerteam der Thonet-Produktion bzw. waren sie Leiter dieses Bereichs; und beide halfen der Firma, sich von den Turbulenzen der Kriegsjahre zu erholen. Miriam Püttner ergänzt erst seit kurzem, das heißt seit 2015, nach ihrem Abschluss an der Hochschule Coburg, das Thonet Design Team. Die All Seasons Reihe ist das erste Projekt, für das sie verantwortlich ist, was natürlich die Frage nahelegt, wie es sich für eine junge, relativ unerfahrene Designerin anfühlt, so etablierte Designklassiker von Leuten wie Breuer, Stam oder Mies van der Rohe zu überarbeiten.

“Zu Beginn war es schwierig für mich: Es handelt sich um klassische Designs, die jeder kennt und mir war sehr bewusst, dass man diese Entwürfe auch kaputt machen kann, man so den Ruf dieser Klassiker schädigen würde. Ich hatte also einen Heidenrespekt vor der Aufgabe”, erklärt Miriam, “allerdings gehört es zum Charakter von Thonet, dass man eine Menge Unterstützung bekommt, und zwar nicht nur hier im Design Team, wo wir viel Erfahrung haben und wo man bei Bedarf Feedback bekommt, sondern auch in anderen Bereichen, wie der Polsterei, der Metallwerkstatt oder wo auch immer. Der Umgang bei Thonet ist sehr menschlich, das macht eine solche Aufgabe durchaus einfacher.”

IMM Cologne 2016: Thonet All Seasons Collection

IMM Cologne 2016: Thonet All Seasons Kollektion

Dass diese Aufgabe natürlich auch dank der schon existierenden Objekte einfacher würde, ist nicht zu leugnen – erklärt sich allerdings auch nicht von selbst.

Akzeptiert man, dass “Form folgt Funktion” eines der Grundprinzipien bei der Entwicklung der ersten Stahlrohrmöbel war, dann muss man auch akzeptieren, dass “Funktion” ein sehr subjektiver, und bisweilen veränderbarer Begriff ist. Mit dem B 33 g demonstrierte Mart Stam, dass die Entwicklung guter, funktionaler Outdoor-Möbel einen anderen Designansatz erfordert, als die Entwicklung guter, funktionaler Möbel für den Innenbereich. Miriam Püttner und das Thonet Design Team haben wiederum demonstriert, dass auch die Entwicklung guter, funktionaler Möbel für den Innen- und/oder Außenbereich einen ganz speziellen Ansatz erfordert.

Wir würden Miriam beipflichten – es ist tatsächlich sehr einfach ein Objekt wie den S 33 zu ruinieren.

Dass die gesamte All Seasons Kollektion die Originale nicht ruiniert und die Möbel so problemlos als Einzelstücke wie auch als Reihe funktionieren, hängt nicht nur damit zusammen, dass sie einem vertraut sind, sondern damit, dass Miriam Püttner und das Thonet Design Team bei ihrer Adaption für den Außenbereich großen Respekt für die Originale demonstriert haben. Sie haben ein sehr gutes Gespür für die Anforderungen an zeitgenössisches Möbeldesign und ein hervorragendes Verständnis für diese besondere Aufgabe unter Beweis gestellt. Die All Seasons Kollektion vollbringt nichts revolutionäres, was auch gar nicht notwendig ist, da niemand von dieser Reihe erwartet, sie würde Outdoor-Möbel für das 21. Jahrhundert neu definieren. Erwartet wurde eine Reihe von zeitgenössischen Möbeln, die drinnen wie auch draußen, in ganz unterschiedlichen Räumen und Kontexten verwendet werden können, die dieser Aufgabe zudem möglichst mühelos mit Charme und Eleganz nachkommen und die die Originalen so um eine Dimension ergänzen.

Wenn wir den Plan richtig verstanden haben, das mag wie gewohnt zwar nicht der Fall sein, ist die All Seasons Reihe nur der Beginn einer größeren Kollektion von Thonet Outdoor-Möbeln, die auch neue, speziell in Auftrag gegebene Objekte umfassen soll. Die All Seasons Kollektion ist für den Anfang nicht nur funktional angemessen und in ästhetischer Hinsicht sehr ansprechend, sondern passt auch wunderbar zur Tradition Thonets.

Alle Details zur Thonet All Seasons Kollektion sind unter www.thonet.de zu finden.

S 35 N & S 35 NH, from the Thonet All Seasons Collection, as seen at IMM Cologne 2016

S 35 N & S 35 NH, aus der Thonet All Seasons Kollektion, gesehen auf der IMM Cologne 2016

smow Blog 2015. Ein Rückblick in Bildern: Oktober

Normalerweise geht es im Oktober nur um Designfestivals – im Oktober 2015 war dem nicht so. Einerseits haben wir nicht allzu viele Festivals besucht in diesem Jahr, und die auf denen wir waren haben uns zudem nicht allzu sehr beeindruckt.

Beeindruckt hat uns allerdings die neue Kollektion von Atelier J&J!

Zudem haben wir im Oktober 2015 über die Wohnungsfrage im Haus der Kulturen der Welt Berlin nachgedacht, uns das Œuvre von Ray und Charles Eames in der Barbican Art Gallery in London, sowie Art Nouveau im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg angeschaut.

Ateliers J&J, Brussels

Ateliers J&J – Collection 01 Evolution & Collection 02

Berlin Excavation by Lara Almarcegui, as seen at Wohnungsfrage, Haus der Kulturen der Welt Berlin

Berlin Excavation von Lara Almarcegui, gesehen bei Wohnungsfrage, Haus der Kulturen der Welt Berlin

KUULA table lamp by Uli Budde for Thonet & Oligo

KUULA Tischlampe von Uli Budde für Thonet & Oligo

A world of moulded fibreglass, as seen at The World of Charles and Ray Eames, Barbican Art Gallery London

Eine Welt voll Fiberglas, gesehen bei The World of Charles and Ray Eames, Barbican Art Gallery London

Nietzsche and Nudity. Two pillars of Art Nouveau

Nietzsche und Nacktheit. Zwei Stützen des Art Nouveau, gesehen bei Art Nouveau. The Great Utopian Vision im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

WA 24 Bauhaus Lamp by Wilhelm Wagenfeld Tecnolumen

smow Blog Interview: Walter Schnepel, Tecnolumen – Was mich interessiert ist die Reduktion der Lampe auf ihre wesentlichen Bestandteil – über die Wilhelm Wagenfeld Lampe.

Depot Basel Forum for an Attitude

Depot Basel Forum for an Attitude

smow Blog 2015. Ein Rückblick in Bildern: Januar

Der Januar wie wir ihn kennen: den Großteil des Monats haben wir auf der IMM Cologne Einrichtungsmesse 2015 und dem parallel stattfindenden Passagen Designfestival zugebracht. Das unbestrittene Highlight der Passagen 2015 war für uns die Ausstellung “MAD ABOUT LIVING – 24 Designer aus Brüssel”, die uns zahlreiche, interessante belgische Kreative vorstellten. Dazu kommt Ateliers J&J – von dem wir uns sicher sind, dass es im Verlauf unserer 2015 Reviews immer mal wieder auftauchen wird. Zudem waren wir sehr beeindruckt von der “Objects in Between”-Ausstellung; von Michele de Lucchi im Kölner Kunstverein; von den Resultaten des Projektes “Die Metamorphosen des Lagerfeuers” der Köln International School of Design im Kunstmuseum Villa Zanders und vom neuen Thonet 808 Loungesessel. Indes nutzte smow Köln die Gelegenheit, die sich durch die IMM Cologne bot, Esstische aus dem Portfolio des deutschen Herstellers ASCO zu präsentieren.

Abgesehen von Köln haben auch wir im Januar 2015 Piet Klaarhamer in Utrecht entdeckt und die Grenzen zwischen Design und Biologie in Eindhoven erforscht.

MAD ABOUT LIVING 24 Designers from Brussels

Passagen Köln 2015: MAD ABOUT LIVING – 24 Designer aus Brüssel.

SYSTEM DESIGN Über 100 Jahre Chaos im Alltag at the Museum für Angewandte Kunst Köln Thonet

Marcel Breuer für Thonet, gesehen bei SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag, Museum für Angewandte Kunst Köln

Passagen Köln 2015: Zu Tisch bei smow Köln – Asco Tische

Passagen Köln 2015: Zu Tisch bei smow Köln – Asco Tische

Klaarhamer according to Rietveld. Craftsman, frontrunner and innovator Centraal Museum Utrecht

Ein Piet Klaarhamer Stuhl von 1928. Es heißt tatsächlich Klaarhamer. Gesehen bei Klaarhamer according to Rietveld. Craftsman, frontrunner and innovator im Centraal Museum Utrecht

Passagen Cologne 2015 Objects in Between

Passagen Köln 2015: Objects in Between

Die Metamorphose des Lagerfeuers Villa Zanders Transacess Kitchen Kentaro Morita

Transacess Kitchen von Kentaro Morita, gesehen bei Die Metamorphose des Lagerfeuers, Villa Zanders

Passagen Cologne 2015 A&W Designer of the Year 2015 Michele De Lucchi The Exhibition

A&W Designer des Jahres 2015 – Michele De Lucchi. Die Ausstellung

Matter of Life Growing new Bio Art Design at MU Gallery Eindhoven Common Flowers Flower Commons Shiho Fukuhara & Georg Tremmel

Common Flowers – Flower Commons von Shiho Fukuhara & Georg Tremmel, gesehen bei Matter of Life. Growing new Bio Art Design in der MU Gallery Eindhoven

IMM Cologne 2015 Thonet relax

IMM Cologne 2015 – der neue Thonet 808 Loungesessel … einfach entspannen

smow Blog Designkalender: 10. Juli 1856 – Michael Thonet erhielt das Patent für das Bugholzverfahren

“Das Wesen der Thonetschen Erfindung besteht darin, dass beim Biegen der aus dem Dampfraume kommenden Holzstücke die neutrale Schicht an die obere konvexe Fläche der gekrümmten Holzstücke verlegt wird. Wenn irgendein prismatischer oder zylindrischer Körper gebogen wird, so werden die oberen Schichten verlängert, die unteren conkav liegenden zusammengedrückt, also verkürzt und nur eine Schicht, welche durch den Schwerpunkt des Querschnittes geht bleibt in der ursprünglichen Länge. Bei dieser Art der gewöhnlichen Biegung wird also der obere, convex liegende Theil gestreckt und neigt zum Splittern. Thonet legte an diejenigen Seiten des noch nicht gebogenen Stückes, welche in Zukunft nach außen gebogen erscheinen sollten, einen Blechstreifen an und verband die Enden des Blechstreifens mit dem Holz unverrückbar mittels Zwingen. Da der Blechstreifen aber bei der Krümmung nur eine unerhebliche Verlängerung erfährt, ist das Holz, welches unterhalb dieser äußerst liegenden Schichte situiert ist, gezwungen, wenn es überhaupt die Biegung annehmen soll, sich zusammendrücken, zu verkürzen. Darin einzig und allein beruht das Wesen der Thonetschen Erfindung.”1

So beschrieb Professor W. F. Exner vom Technologischen Gewerbemuseum Wien im Jahr 1875 bezüglich des 3D-Bugholzverfahrens für das Michael Thonet am 10. Juli 1856 ein Patent erhielt und das auch heute noch von Thonet praktiziert wird.

Oder anders gesagt:

Oder anders gesagt:

thonet 214 Stuhl 14 Michael Thonet

Thonet 214 von Michael Thonet – ursprünglich bekannt als Chair 14, hergestellt seit 1859 mit dem Bugholzverfahren, das Michael Thonet 1856 patentieren ließ.

1. W.F. Exner, Studien über das Rothbuchenholz, Wien, 1875 zitiert in Peter Ellenberg, “Gebrüder Thonet – Möbel aus gebogenem Holze”, Verlag Theo Schäfer, Hannover, 1999

Blurred Lines oder was wäre, hätten Pharrell Williams and Robin Thicke Möbel entworfen?

Am 10. März 2015 kam ein kalifornisches Gericht in Los Angeles zu dem Schluss, dass Pharell Williams und Robin Thicke bei der Komposition ihres Songs “Blurred Lines” etwas zu sehr auf Marvin Gayes Hit “Got to Give it Up” von 1977 gebaut hätten.  Das Gericht verurteilte Williams und Thicke wegen der Verletzung von Gayes Urheberrecht zur Zahlung eines Bußgeldes von 7,4 Millionen Dollar.

In Bezug auf dieses Urteil sinnierte Pharell Williams in der Financial Times, dass “der Urteilsspruch all jene Kreativen da draußen hemmt, die etwas machen, das möglicherweise von etwas anderem inspiriert ist”. Seines Erachtens könne dieser Fall zu einer Kreativindustrie führen, die “eingefroren durch Rechtsstreitigkeiten” sei.1

Und bis zu einem gewissen Grad hat er nicht ganz Unrecht.

Die Geschichte der Musik ist eine Geschichte darüber, wie Ideen einzelner Komponisten genommen und weiterentwickelt werden; darüber, von anderen Musikern inspiriert zu sein – jenen, die ihren eigenen Weg gehen, entweder gefeiert als Genies oder verurteilt als Narren.

Was uns natürlich zum Nachdenken bringt…

Wie die Geschichte der Musik im Wesentlichen auf Inspiration, Hommagen und Weiterentwicklung der Ideen anderer beruht, so trifft dies auch auf die Geschichte des Möbeldesigns zu.

Michael Thonet Boppard Bench 1836 1842

Die sogenannte Boppard Bank von Michael Thonet, ca. 1836

Ein Musterbeispiel der Tradition des Möbeldesigns, der Vater der modernen Möbelindustrie Michael Thonet, begann mit der Nachbildung etablierter Formen seiner Zeit; eine Übung, die ihm half, sein eigenes Verständnis von Form, Ästhetik und Funktionalität zu entwickeln, bevor er dann schließlich mit dem Bugholzverfahren nicht nur einen neuen Prozess für die industrielle Stuhlproduktion erfand, sondern auch eines der erfolgreichsten und populärsten Sitzmöbel aller Zeiten: den Stuhl 214. In ähnlicher Manier war der Pate der dänischen Moderne, der Architekt und Möbeldesigner Kaare Klint, fest davon überzeugt, dass historische Möbelentwürfe über alles verfügen würden, was man braucht, um moderne, funktionale Möbel zu entwickeln – soweit man sie in den Kontext des modernen Zeitalters übersetzt. Eine Position, die auch seine Schüler, darunter Hans J. Wegner und Borge Mogensen, mehr als gelungen mit vielen ihrer eigenen Arbeiten demonstrierten, und an der auch zeitgenössische Designer fortwährend festhalten. Konstantin Grcics 360° Stuhl für Magis beispielsweise sollte eher als Weiterentwicklung  von George Nelsons Perch aus dem Jahr 1964 – in neuem Material und für ein neues Zeitalter – aufgefasst werden denn per se als neues Produktgenre. Wiederum ist Jasper Morrisons Fionda Stuhl dem italienischen Hersteller Mattiazzi zufolge von einem japanischen Campingstuhl inspiriert, der sich in  Morrisons Besitz befindet. Ein kurzer Blick auf den Snow Peaks Take! Stuhl genügt, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Und wo wäre das zeitgenössische Design ohne die Shaker? Sie mögen eine religiöse Sekte sein, aber ihr schlichter Architektur- und Designansatz inspirierte und inspiriert weiterhin unzählige Designer und Architekten.

Abgesehen von einzelnen Objekten oder Genres sind Designer – ebenso, wie Musiker davon inspiriert sind, wie Zeitgenossen neue Methoden oder neuartige Verständnisse von Rhythmus und Komposition aufgreifen – regelmäßig von der Art und Weise inspiriert, in der ihre Zeitgenossen bestimmte Herstellungsverfahren nutzen. Michael Thonets Bugholzverfahren beispielsweise schuldet dem Bootsbau mehr als einen Hauch von Dankbarkeit, während Alvar Aalto bekanntermaßen von seinem Geschäftpartner Otto Korhonen mit einem Verfahren zur Formung von Sperrholz vertraut gemacht wurde, das der Hersteller Luterma aus Tallinn zur Produktion von Straßenbahnsitzen nutzte. Aalto erkannte das Potential des Verfahrens, griff die estnischen Methoden auf und entwickelte sie technisch wie formal weiter, um sie auf einen spezifischen Kontext zu übertragen – und schuf so etwas Neues, das wiederum Marcel Breuer, Charles Eames, Eero Saarinen, Egon Eiermann, Arne Jacobsen und seitdem so ziemlich jeden Designer inspirierte.

Børge Mogensen FDB Chair Danish Museum of Art and Design Copenhagen

Links ein Stuhl von Borge Mogensen aus den 1940er Jahren, rechts ein Stuhl in englischem Windsor Stil aus dem 18/19. Jahrhundert

Eine weitere Parallele zur Musikindustrie besteht darin, dass es in der Regel etliche Designer gibt, die zur gleichen Zeit an ähnlichen Konzepten arbeiten, so wie kommerziell erfolgreiche Musiker meist aus einer Szene von Künstlern stammen, die sehr ähnliche Dinge tun – einige mit mehr, andere mit weniger bleibendem Erfolg. Auf diesen Fall trifft man beispielsweise bei den Freischwingern von Mart Stam, Marcel Breuer, Mies van der Rohe und den Gebrüdern Rasch. Sie alle kannten einander, entwickelten aber dennoch ihre eigenen Projekte, entsprechend jeweiligen ästhetischen Vorstellungen und Lösungsansätzen. Ebenso hätte Hans Knoll angeblich Harry Bertoias Diamond Chair beinahe nicht veröffentlicht, weil er dem Eames DKR Wire Chair so ähnelt und Knoll Angst hatte, man würde ihn und Bertoia beschuldigen, bei den Eames und Herman Miller geklaut zu haben2 – auch wenn es gar keinen Hinweis in diese Richtung gab. Solche Bedenken kannten wiederum Egon Eiermann und Wilde + Spieth  bei ihrem SE 3 von 1949 nicht. Heute ist der SE 3 als SE 42 bekannt und weist eine nicht nur flüchtige Ähnlichkeit mit dem Eames DCW auf; dennoch wurde er – wie Bertoias Diamond Chair – unabhängig von den Eames entwickelt, wenn auch im Wissen um ihre Arbeit. Gesagt werden muss aber auch (und Arthur Mehlstäubler bemüht sich sehr, das deutlich zu machen), dass, wenn man sich Details wie die Verbindung zwischen Sitz und Rahmen, die formal offenere Konstruktion von Eames’ im Vergleich zu Eiermanns eher kompaktem Stuhl oder schlicht die Anzahl der Stuhlbeine anschaut, die Unterschiede die ansonsten offensichtlichen Ähnlichkeiten überwiegen.3

Dann gibt es natürlich noch die tatsächlichen Hommagen, Arbeiten, die nichts anderes vorgeben, als reine Lobpreisungen anderer existierender Werke zu sein. Franz Volhards Tisch Egon bei Nils Holger Moormann beispielsweise ist eine vorwitzige, selbstbewusste Reinterpretation von Egon Eiermanns klassischem Stahlrohrtischrahmen aus solidem Holz. Und ein Tisch, der durch seine fast schon allzu offensichtliche Einfachheit wunderbar verdeutlicht, wie ausgezeichnet Eiermanns originale Idee war und immer noch ist. Oder Rudolf Horns Conferstar Club Chair von 1962 – ein Sessel, den Rudolf Horn entwickelte, weil er Mies van der Rohes Barcelona Chair so unkomfortabel fand und so enttäuscht war, nachdem er darauf gesessen hatte, dass er sich fast verpflichtet fühlte, den Sessel weiterzuentwickeln.

mies van der rohe barcelona chair rudolf horn conferstar club chair

Oder  Der Barcelona Chair von Mies van der Rohe (1929) und der Conferstar club chair von Rudolf Horn (1962)

Reine Plagiate sind natürlich eine ganz andere Sache. Nicht nur, weil sie den Kreativen den verdienten Lohn ihrer Arbeit verweigern, sondern – zumindest im Fall von Möbeldesign, wenn nicht auch bei Musik – oft von geringerer Qualität sind. Wenn nicht gar potentiell gefährlich – wie unsere australischen Cousins kürzlich bei ihren Tolix Hocker Tests herausgefunden haben.

Allerdings, und das legen alle genannte Beispiele nahe, ist der Grat zwischen Inspiration, Hommage und Plagiat sehr, sehr schmal.

Pharrell Williams und Robin Thicke argumentieren weiterhin, sie hätten diesen Grat nicht überschritten und beantragten in aller Form eine Wiederaufnahme ihres Falls. Hinsichtlich einer erfolgreichen Berufung sehen ihre Anwälte Grund zur Hoffnung – aufgrund der Tatsache, dass die Jury beide Lieder nur in ihrer Version auf dem Papier verglich, statt sie anzuhören und sich dann eine Meinung zu bilden. Ein kleiner, aber ja sehr wichtiger Unterschied, der auch in Bezug auf die Möbelindustrie eine Rolle spielt.

Die Partitur beinhaltet die Intention des Musikers, umfasst die Beziehung zwischen den einzelnen Komponenten und beweist, wie kompetent – oder auch nicht – der Komponist in seinem Fach ist. Bei der Audioversion geht es darum, wie das Lied in der Folge gestaltet wurde; ein Prozess, der ja grundsätzlich nicht vom Songschreiber allein ausgeht, sondern in Zusammenarbeit mit einem Produzenten, einem Techniker und einer Plattenfirma abläuft.

Ähnlich bei den Möbeln: Wofür man man prinzipiell Geld ausgibt, ist das Styling; nur sehr selten handelt es sich bei der endgültigen Marktversion um eine exakte 1:1-Version der Originalversion des Designers, sondern stattdessen um eine industriell produzierbare Adaption, die in Verbindung mit dem Hersteller entwickelt wird. Und so, ja, auch bei der Musik: Wenn der Herausgeber den Profit über den Inhalt stellt, kommt häufig ein Resultat zustande, das einen aktuellen Standard oder speziellen Lifestyle-Trend bedient.

Wie auch immer, und wenn man mal die Monotonie solcher Resultate ignoriert: Das Konstruktionsprinzip, auf dem das Projekt basiert, die Wahl der Materialien, die Intention und Inspiration hinter der originalen Idee und, auf der anderen Seite, die Kompetenz, mit der diese in ein fertiges Modell übertragen werden, sind die tatsächliche Arbeit der Designer – und hier liegt letztlich auch der Unterschied zwischen Kopie und Original.

Einer Kopie fehlt die Autorenschaft, jeder Anschein von Charakter. Sie bleibt schlicht eine seelenlose, gewöhnliche Konstruktion, die einfach nur den visuellen Eindruck eines erfolgreichen Designerstücks überträgt – und ein Objekt, dass Leichtgläubige davon überzeugen soll, sie kauften etwas anderes als das, was sie letztendlich erhalten. Ein zynischer Trick also, der die Grenzen verschwimmen lässt und Profit auf Kosten anderer macht.

Und was wäre, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, wenn Pharell Williams und Robin Thicke Möbel entworfen hätten?

Ach, lasst uns einfach dankbar sein, dass das nicht der Fall ist…

1. Matthew Garrahan, “Pharrell Williams warns of copycat litigation wave” Financial Times 19.März 2015

2. George Nelson, The age of modern design, Architectural Record Mitte Februar 1982

3. Arthur Mehlstäubler, “Egon Eiermann – der deutsche Eames?” in Sonja Hildebrand und Annemarie Jaeggi, “Egon Eiermann (1904 – 1970). Die Kontinuität der Moderne”, Hatje Cantz, 2004

The 360° Stool by Konstantin Grcic for Magis (2009) and the Nelson Perch by George Nelson through Vitra (1964)

Der 360° Hocker von Konstantin Grcic für Magis (2009) und der Nelson Perch von George Nelson durch Vitra (1964)

The DCW plywood chair by Charles and Ray Eames through Vitra (1945) and the SE 42 by Egon Eiermann for Wilde + Spieth (1949)

The DCW Formsperrholzstuhl von Ray und Charles Eames durch Vitra (1945) und der SE 42 von Egon Eiermann für Wilde + Spieth (1949)

Self inspiration: The Uncino chair Mattiazzi by Ronan & Erwan Bouroullec for Mattiazzi and the Officina chair by Ronan & Erwan Bouroullec for Magis

Inspiriert: Der Uncino Stuhl von Ronan & Erwan Bouroullec für Mattiazzi (2013) und der Officina Stuhl von Ronan & Erwan Bouroullec für Magis (2015)

smow Blog kompakt Spezial: Mailand 2015 – Thonet

Im inzwischen verschwommenen Jahr 2014 präsentierte das Grassi Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig “Sitzen – Liegen – Schaukeln. Möbel von Thonet“, eine Ausstellung, die dem Besucher einen gemächlichen Spaziergang durch 150 Jahre Stuhldesign von Thonet ermöglichte und dabei half, die Entwicklung der Thonet Designs während der vergangenen Jahrzehnte zu erklären – etwa auch, warum Thonet während der 1980er Jahre auf Irrwege geriet und dann, ab den späten 1990er Jahren, seine Position als einer der führenden Möbelhersteller Europas zurückeroberte.

Die Ausstellung wurde für Thonet zum Anlass, sein umfangreiches Archiv en Detail zu untersuchen – ein so immenses Werk, dass wir mutmaßen, kaum jemand wisse um seine tatsächlichen Dimensionen. Prinzipiell ist die Aufarbeitung des Archivs für Thonet kein gänzlich neuer Gedanke; so erschienen in den vergangenen Jahren neben gelegentlichen, limitierten Neuauflagen von Archivstücken auch die Designs S 1520, S 1521 und S1522 – eine Garderobenserie, die aus komplett überarbeiteten und aktualisierten Produkten der 1930er Jahre besteht. Doch in Folge der Ausstellung im Grassi Museum unternahm Thonet eine sehr viel kritischere Auswertung des Archivs. Statt vorhandene Produkte einfach aktualisierend aufzuarbeiten, ist Thonet konzeptueller vorgegangen, um im Geiste der alten Kollektion neue, funktionale und zeitgenössische Objekte zu kreieren. Zu diesem Zweck wurden drei Projekte angestoßen: Eines beschäftigte sich mit Sofas, eines mit Lounge-Möbeln aus Stahlrohr und eines mit Lounge-Mobiliar aus Massivholz. Jedes Projekt wurde unter der Leitung eines Mitgliedes des Thonet Design Teams realisiert und auf der Mailänder Möbelmesse 2015 erstmals vorgestellt.

Thonet Programme S 650 Sabine Hutter, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Lounge-Möbelprogramm S 650 von Sabine Hutter für Thonet, gesehen bei Möbelmesse Mailand 2015

Für uns war und ist das Highlight der neuen Projekte das Lounge-Möbelprogramm S 650. Das von Sabine Hutter aus einem Konzept aus den 1950er Jahren entwickelte Programm S 650 ist eine eindrucksvoll reduzierte Sofa- und Sesselfamilie, die aus individuellen Sitzelementen besteht. Die Elemente können mittels eines Tischelements so kombiniert und verbunden werden, dass ein einheitliches Sofasystem entsteht. Wenn auch unverhohlen quadratisch, ist das S 650 doch ein anmutiges, unaufdringliches Objekt, das durch seine klassischen Linien und die Mischung aus Stahlrohr und großzügiger Polsterung zu einem Möbelprogramm mit zugänglichem und einladendem Charakter wird. S 650 ist eine zeitgenössische Produktserie, die, wie wir annehmen, eher in geschäftlichen Kontexten und Büros als im Wohnraum zum Einsatz kommen wird. Eine besondere Freude sind für uns die eleganten, lässigen Armlehnen, die es trotz ihrer funktionalen und formalen Relevanz nicht nötig haben, sich sonderlich hervorzutun. Diese Lässigkeit löst zudem jegliche erhabene Gewichtigkeit der Sessel auf und verleiht dem Programm einen überaus lockeren Charme.

In formaler Hinsicht sehr viel imposanter ist das Sesselprogramm S 830 von Emilia Becker. Mit seiner mehr oder weniger tropfenförmigen Sitzschale (eine Tropfenförmigkeit, die auf rabiate Art sehr geradlinig geschnitten ist) lässt der S 830 keinen Zweifel daran, wie man in ihm Platz zu nehmen hat. Nichtsdestotrotz – folgt man dieser nicht gerade subtilen Einladung, entdeckt man einen exzellent proportionierten und formal gut durchdachten Loungesessel, der angenehmes, gestütztes und entspanntes Sitzen ermöglicht. Eher als Programm denn als Einzelprodukt konzipiert, kommt der S 830 mit einer Reihe von Unterbauten daher – speziell mit einem Stahlrohrrahmen oder einem stehenden Drehfuß. Besonders effektvoll wirkte auf uns die Version mit farbigem Stahlrohrrahmen und zweifarbiger Polsterung.

Programme S 830 Emilia Becker Thonet, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Programm S 830 von Emilia Becker für Thonet, gesehen auf der Mailänder Möbelmesse 2015

Thonet verarbeitet allerdings nicht nur gebogenes Stahlrohr und Bugholz, sondern darüber hinaus auch nicht gebogenes, solides, gezimmertes Holz. Um das zu wissen, muss man zugegebenermaßen mit dem derzeitigen Thonet-Portfolio sehr vertraut sein. Allerdings reicht ein kurzer Blick in den Ausstellungskatalog des Grassi Museums, um zu bestätigen, dass solide Holzmöbel mehr oder weniger schon immer integraler Bestandteil der Thonet-Geschichte sind. Vielleicht liegt es gerade an dieser Fremdheit, dass einem die S 860 Serie von Lydia Brodde anfänglich so ins Auge sticht. Hat man allerdings den ersten Schock über ein solches Produkt in einer Thonet-Kollektion überwunden, lernt man nicht nur die Liebe fürs Detail zu schätzen, die das Design prägt, sondern auch die Qualität seiner Verarbeitung und Materialien. Die Verbindung dieser Konstruktionsfaktoren mit einer formal sehr offenen, dennoch robusten Optik ergibt einen Loungesessel, der nichts Spektakuläreres bietet als einen komfortablen und praktischen Sitzplatz. Und wie schon gesagt ist es letztendlich das, wonach man als Konsument verlangt. Kommt dann noch soviel wohlüberlegte Anmut wie beim S860 hinzu – umso besser! Der passende Ottoman sorgt zudem nicht nur für Extrakomfort, sondern funktioniert auch gut als Hocker, sodass man am Ende ein wunderbares 2für1-Geschäft macht.

Thonet Programme 860 Lydia Brodde, as seen at Milan Furniture Fair 2015

Programm 860 von Lydia Brodde für Thonet, gesehen bei der Möbelmesse Mailand 2015

Damals, im Kontext der Leipziger Ausstellung, haben wir festgehalten, dass “die beeindruckendsten, überzeugendsten und erfolgreichsten Nachkriegskreationen von Thonet immer die waren, bei denen sich die Designer mit Thonet auskannten, aber etwas Neues versuchten, das dann jedoch immer noch “Thonet” war”. Die neuen S 830, S 650 und S 860 Programme erreichen genau das – und zwar in funktionaler, formaler und ästhetischer Hinsicht. Zudem stellen die Thonet Projekte wunderbar unter Beweis, dass Möbelproduzenten nicht immer gezwungen sind, etwas “Neues” zu machen. In diesem Zusammenhang möchten wir an eine Bemerkung erinnern, die uns zu den Garderoben S 1520, S 1521 und S1522 eingefallen ist : “So wie die Fischer in Island nicht versuchen, ihren Profit zu steigern, indem sie versuchen, so schnell wie möglich so viel Fisch wie möglich zu fangen, so hat sich auch Thonet entschieden, nicht alle paar Monate einen Überfall auf sein Archiv zu starten in der Hoffnung schnelles Geld zu machen, sondern beschlossen, mit diesem Archiv sehr respektvoll umzugehen.

Mit der Wiederbelebung des Archivs kann man es natürlich auch übertreiben. Neue Produkte sind ebenso wichtig, zumal für Thonet – sollte das Unternehmen vorhaben, auch eine dritte Designrevolution anzuführen. Das neue Sofa 2002 von Christian Werner, das Thonet ebenfalls in Mailand vorgestellt hat, steht zwar nicht für diese erneute Revolution, ist aber eine faszinierende Ergänzung des Thonet Portfolios – auch wenn es uns, um ehrlich zu sein, immer noch nicht gänzlich überzeugt hat. Einerseits sind wir sehr bezaubert von der Leichtigkeit, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und der Art und Weise, in der sich das Sofa 2002 auf fast die gesamten 150 Jahre der Thonet Geschichte bezieht. Auf der anderen Seite erscheint es uns zu offensichtlich, zu einfach, zu geradlinig und letztendlich als ein Objekt, das sich nicht genug vom Rest des Thonet Portfolios abgrenzt. um gänzlich in der Lage zu sein, eine eigene, autonome Identität zu entwickeln. Oder liegt es nur an uns, die wir, zynisch wie wir sind, nach Problemen suchen und etwas kritisieren möchten?

Glücklicherweise haben wir noch etwas Zeit, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, zumal es bei Möbeln im Gegensatz zur Mode nicht um sofortige Erfüllung geht. Das Verhältnis zu Möbeln sollte sich, wie zur Musik, entwickeln, reifen, sich vertiefen – über Jahre, Jahrzehnte, oder – im Fall von Thonet – Jahrhunderte.


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