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Bestuhlung im Deutschen Bundestag – so sitzen Politiker und Entscheider

Interessante Fakten zur Bestuhlung von politischen Institutionen

Bestuhlung im Deutschen Bundestag

Ein fester Platz im Deutschen Bundestag – ein Stuhl und seine Geschichte

Mit der nächsten Bundestagswahl im Herbst 2021 ist es wieder soweit, das große „Stühlerücken“ beginnt und mit ihm die Hoffnung der politischen Vertreter*innen, für die nächsten vier Jahre auf einem der auffallend blauen Exemplare im Parlament zu sitzen. Dass es den Kandidat*innen dabei nicht um den Stuhl an sich geht, ist klar. Obwohl dieser seit vielen Jahren eine wirklich gute Figur macht und sich zu inszenieren weiß. Doch wie kommt man als Stuhl eigentlich in den Bundestag und welche Qualifikationen braucht es dafür? Zeit für einen Ausflug zum Sitz der Macht und eine Hommage an das zeitüberdauernde Modell Figura.

Von Apollo bis Kaiser Wilhelm

Dass Sitzmöbel seit jeher in engem Zusammenhang mit politischer und religiöser Macht stehen, ist allseits bekannt. Man erinnere sich nur an den guten alten Thron. Bereits seit der Antike ist er ein Symbol der Könige und Götter, und das in allen Ländern und Religionen. So haben nicht nur Buddha oder Shiva und Parvati einen repräsentativen Sitz, sondern auch der Papst einen Heiligen Stuhl – ein symbolischer Begriff für sein Amt als Bischof von Rom. Über die Jahrhunderte hat sich der Stuhl zu einem demokratischen Objekt unseres weltlichen Alltags gewandelt, auf dem wir arbeiten, denken, essen, feiern oder träumen. Doch während auf dem einen so schwerwiegende Fragen wie Wein oder nicht Wein gestellt werden, geht es auf anderen um wesentlich komplexere Entscheidungen, die unser Land wie unsere Welt betreffen. Es leuchtet ein, dass das nicht irgendein Küchenstuhl sein kann, sondern ein Stuhl von Rang und Namen. Und auch wenn Politiker*innen oft zwischen den Stühlen sitzen, so sollte er dennoch bequem sein. Schließlich dauerte die bisher längste Sitzung des Parlaments über 20 Stunden.

Bella Figura – ein Stuhl mit Geschichte

Auf den ersten Blick versprüht das eher kühle graugehaltene Ambiente der heiligen Hallen im Berliner Reichstag nicht allzu viel italienischen Charme. Und dennoch thront inmitten der Inszenierung der blaustrahlende Figura, dessen Ursprungsmodell 1984 von dem italienischen Designer und Architekten Mario Bellini und seinem Mitarbeiter Dieter Thiel für das Schweizer Unternehmen Vitra entworfen und in Weil am Rhein produziert wurde. Das einst als Bürodrehstuhl konzipierte Modell mit einladender Sitzfläche und klarer Rückenlehne ruht in der Standardausführung auf einem Untergestell aus Aluminium und Stahl mit fünf Rollen, ist angenehm gepolstert und mit Textilgewebe oder Leder bezogen. Neben den vielseitigen Möglichkeiten unterschiedlichster Einstellungen und Haltungen wartet schon die komfortable Armlehne in logischer Formführung zum weiteren Sinnieren und Entscheiden. Ein schnörkelloser, aufrichtiger Stuhl voller Funktionalität und Offenheit, der die deutsche Gewissenhaftigkeit und Disziplin um innere Sehnsucht ergänzt. Denn die Polsterung der Rückenlehne mündet in einer eingeschnürten Taille, was ihn überraschend elegant und leicht erscheinen lässt. Ein Hauch von Dolce Vita mitten im Büroalltag und das mit klaren Linien und schlichter Eleganz – was eignet sich besser für eine gute und bleibende Geschichte.

Bestuhlung im Deutschen Bundestag

Der Einzug in den Bundestag

Der erste große Auftritt erfolgte 1992, als der Vitra Figura in einer Sonderausführung zum Bonner Bundestag berufen wurde und den damals neuen Plenarsaal bestuhlen durfte. Bezogen in einem neutralen Königsblau, das sich von allen Parteien unterscheiden sollte. Heute wird die Farbe der Stühle umso vehementer von jeder politischen Haltung getrennt und als Farbe der Demokratie bezeichnet. Als das Parlament 1999 im umgestalteten Reichstagsgebäude im Berliner Spreebogen Platz nahm, konnte das Bonner Konzept nicht einfach kopiert werden. Der britische Architekt Norman Foster hatte zunächst neue Pläne, und doch war der Figura Stuhl von Vitra am Ende wieder mit von der Partie der Parteien. Er hatte sich bereits in Bonn bewährt und sollte auf Wunsch der Parlamentarier*innen seine stilsichere Erfolgsgeschichte auch in Berlin fortsetzen.

„Reichstags-Blue“ – ein Farbkonzept mit Medienwirkung

Schwenkt die Kamera durch den graugehaltenen Plenarsaal atmet man dankbar auf, jenseits der Deutschland- und Europafahne sowie einigen anderen farbenfrohen Kostümen das leuchtende Blau der Stühle aufblitzen zu sehen. So gut Fosters Konzept auch funktioniert, auch noch die Bestuhlung in Grau zu tauchen, wie ursprünglich vorgesehen, wäre dann doch zu viel des Grauen gewesen. Basierend auf einem Farbkonzept des dänischen Künstlers Per Arnoldi wählte Foster für die neue Sonderausführung des Figura einen tiefblauen Farbton mit violettem Touch, den er als „Reichstags-Blue“ betitelte und sich als eigenen Farbton schützen ließ. Auf jeden Fall ein passender Kontrast, der perfekt mit den Sichtbetonflächen und zahlreichen Grautönen der Wände, Tische und Teppiche harmoniert und sich ideal für Fernsehübertragungen eignet. Dass die Stühle im Deutschen Bundestag etwas Besonderes sind, beweist auch der Bezug aus hochwertigem und langlebigem Wollstoff, der extra für den Bundestag ausgewählt wurde. Vielleicht weil hier noch nervöser auf der Sitzfläche hin- und hergerutscht wird als überall sonst. Zur Not kann man sich aber auch an den Armlehnen festhalten, die in Bonn noch aus Holz waren, in Berlin jedoch von schwarzem Kunststoff überzogen sind und somit einiges aushalten dürften.

Die Sitzverteilung der Demokratie

Man nehme eine Bundeskanzlerin, ihre Ministerinnen und Minister, jede Menge Abgeordnete, Schreibkräfte, Besucher*innen und voll ist der Plenarsaal. Über 1000 Menschen finden hier Platz, wobei nicht alle Sitze gleich sind. Außer ihrem Gewicht von rund 25 Kilo. So haben die Stühle der Kanzlerin und des Bundesratspräsidenten eine höhere Rückenlehne. Die Stühle des Präsidiums sind dafür auf Rollen und somit frei beweglich. Dass das sogenannte „Stühlerücken“ nur eine Metapher ist, erkennt man daran, dass die restlichen Stühle auf Säulen im Boden fest verankert sind. Nur die Ausführungen der ersten Reihen des Plenums können auf Schienen vor- und zurückbewegt werden, was bei hitzigen Debatten das Aufstehen erleichtert und mehr körperliche Bewegungsfreiheit erlaubt. Für die Stenograf*innen gibt es wiederum nur runde Hocker in „Reichstags-Blue“. Wirklich fair und egalitär ist das natürlich nicht, wird aber seine Gründe haben.

Kuppel des Reichstagsgebäudes
Kuppel des Reichstagsgebäudes
Kuppel des Reichstagsgebäudes
Bestuhlung im Bundestag

Vitra – die Macht des richtigen Gespürs

Dass der Figura Stuhl aus dem Hause Vitra stammt, wundert kaum, schließlich beweist das Schweizer Unternehmen seit 1950 ein feines Gespür für die richtige Form und vereint die namhaftesten Vertreter*innen aus Design und Architektur unter seinem Dach und auf seinem Campus. Die Sitz- und Liegemöbel von Charles und Ray Eames oder der Panton Chair zählen bis heute zu den erfolgreichsten Produkten des Wohn- und Büromöbelherstellers. Und auch Figura hat jenseits seiner politischen Wirkungskraft vielzählige Designpreise erhalten. Wer allerdings einmal auf dem italienischen Klassiker im Reichstagslook sitzen möchte, muss dafür den Plenarsaal besuchen. Im Verkaufssortiment ist das Modell nicht mehr enthalten. Für die zuverlässige Versorgung des Deutschen Bundestages scheint Vitra jedoch langfristige Vorkehrungen getroffen zu haben. Es kann also weiter debattiert und gerückt werden, sitzend wie stehend.

Angela Merkels Aluminium Chair – ein Stuhl mit Charakter

Nur ein paar Gehminuten entfernt findet sich ein weiterer Klassiker der Stuhlgeschichte in prominenter Position, denn sitzt Angela Merkel nicht im Bundestag, so im Kanzleramt auf einem Vitra Aluminium Chair EA 117. Würde es heute noch einen Thron geben, der 1958 von Charles und Ray Eames entworfene Stuhl hätte diesen Titel vermutlich verdient. Denn er zeigt offen, was er ist: Eine clevere Konstruktion ohne Sitzschale, die in Frau Merkels Fall schwarzes Leder straff zwischen zwei Aluminiumbügel spannt. Klar, fließend und dynamisch passt er sich ideal der Wirbelsäule an und sorgt somit für eine aufrechte Haltung. Ein Stuhl, der sowohl beherrscht wie menschlich wirkt, leichtfüßig und stabil zugleich, gibt ein gutes Gefühl für turbulente Zeiten.

Vitra Aluminium Chair EA 117

Vom Round Chair über den East River

Dass unsere Möbel und besonders auch Sitzmöbel generell unsere Werte und Haltungen widerspiegeln, ist offensichtlich, ob im Kanzleramt oder im eigenen Zuhause. Und auch bei öffentlichen Auftritten haben sie meist mehr Bedeutung, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. So wurde beispielsweise für die ausgestrahlte Fernsehdebatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon 1960 der Round Chair des dänischen Designers Hans J. Wegner verwendet. Ein Stuhl mit zurückhaltender Formensprache, der sich von allen Seiten ansehnlich zeigt und Einfachheit, Eleganz und Expertise in sich vereint. Ein Sinnbild der Bescheidenheit und Volksnähe und somit wohlgewähltes und platziertes Accessoire. Auch die holländische Designerin Hella Jongerius schuf für das UN-Hauptquartier in New York einen Stuhl, der für sich spricht und mit seiner offenen Form und seiner bunten Stoffoberfläche Mut zur Veränderung signalisiert - East River Chair heißt dieses ungewöhnliche und mehr als einladende Modell. Die Reihe bedeutender, entscheidungstragender Sitzflächen und ihrer subtilen Aussagen rund um Autorität, Beherrschung, Transparenz, Offenheit, Pluralität, Gelassenheit bis hin zu Do-it-yourself ist lang. Welcher Stuhl zu welcher Funktion und vor allem zu welcher Person passt, lässt sich natürlich nicht verallgemeinern. In der Regel findet zusammen, was zusammenpasst. Klar ist, dass wahre Klassiker nicht nur Stil verkörpern, charismatische Erhabenheit ausstrahlen und Souveränität versprechen, sondern dass sie meist auch eine lange Geschichte haben. Und Möbel mit Geschichte bleiben bedeutend, begleiten uns über die Zeit und wollen weitererzählt werden.